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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Einunddreißigstes Kapitel.

Eine Fortsetzung des Vorigen mit praktischen und handgreiflichen Beweisen.

Dieses Zimmer war noch ganz so wie früher, nur waren die Rosen vor dem Fenster verblüht, und die Geranien, welche Katharina lange nicht mehr begossen hatte, ließen ihre Köpfe hangen. Die Fenster standen weit offen, und man sah gegenüber einen hellen Strahl der Nachmittagssonne, die einen Theil des musikalischen Hauses mit ihrem freundlichen Schein vergoldete. Es war hier in dem Winkel ruhiger und stiller als gewöhnlich. Der Feiertag-Nachmittag übte seine Herrschaft in den benachbarten Straßen; man hörte nichts, als das Läuten der Kirchenglocken, welche die Gläubigen in die schattigen, angenehmen Kirchen riefen.

Katharina warf sich in einen Stuhl hinter der Thüre, beugte das Gesicht in beide Hände und machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom wohlthätiger Thränen Luft. Jungfer Clementine Strebeling hatte sich an das offene Fenster gesetzt; sie faltete ihre Hände, und der Anblick der leeren Fenster des musikalischen Hauses drüben war mit der Erinnerung an ein rundes, freundliches Gesicht, das öfters dort heraus geschaut, nicht im Stande, ihr Gemüth zu erheitern. Dabei erwartete sie nicht ohne Grund, da unten in den Zimmern der Gebrüder Schoppelmann einen neuen, noch größeren Spektakel, als den vorhin erlebten, losgehen zu hören.

Die Gemüsehändlerin schien ihren Angriffsplan geändert zu haben, und statt in das Zimmer ihrer beiden Sprößlinge hinein zu stürzen, wie sie anfänglich vorgehabt, bezwang sie, als sie die Vorrathskammer erreicht hatte, ihren Zorn so weit, daß sie dort plötzlich stehen blieb und beschloß, zuerst zu beobachten, was die da drinnen trieben, ehe sie wie ein, Racheengel mit ihrem Schüreisen erschiene. Es war übrigens eigentümlich, daß diese Vorrathskammer von jeher beruhigend auf die Nerven der Frau Schoppelmann wirkte. War es der Anblick der angehäuften Gegenstände, oder war es der süße und doch scharfe Geruch der Aepfel und Melonen – genug, sobald die dicke Frau, selbst in dem größten Zorne, dieses Gemach betrat, dauerte es doch gar nicht lange, und ihr Athem ging leichter, ihre geballte Faust löste sich friedlich auf, und ein ruhiges Nachdenken trat an die Stelle der höchsten Leidenschaft.

Heute war es nun gerade wieder so; sie blieb, wie schon gesagt, in der Mitte der Vorrathskammer stehen, und da lagen alle ihre Reiche so friedlich um sie herum. Auch standen an der Wand auf einem Brette zwei geleerte Arzneiflaschen von bedeutendem Umfange mit lang herabhängenden Gebrauchszetteln, und beim Anblicke dieser Flaschen erinnerte sich die dicke Frau, was ihr Arzt einst bei einer ähnlichen Veranlassung zu ihr gesprochen, und daß er gesagt: »Frau Schoppelmann, Sie sind eine gesunde Frau, und wenn Sie Ihr Leben ruhig genießen und sich namentlich vor Aerger hüten, so können Sie's an die Achtzig bringen; wenn Sie aber fortfahren, so bei jeder Kleinigkeit in einen unmenschlichen Zorn zu gerathen, so stehe ich für nichts, und dann ist bald Ihr letztes Rezept geschrieben.« So hatte der Doktor Wellen, der Präsident der Leimsudia, gesprochen, aber begreiflicher Weise nicht in letzterer Eigenschaft, sondern vielmehr als Hausarzt der Madame Schoppelmann. Die dicke Frau hatte sich dieses Wort auch bestens gemerkt und die beiden Arzneiflaschen so gestellt, daß sie ihr leicht in die Augen fallen mußten, was dann augenblicklich zur Besänftigung ihrer Gefühle sehr viel beitrug.

Im Nebenzimmer hörte sie die beiden Söhne deutlich zusammen lachen, und Fritz, der von seiner Kopfwunde ziemlich wieder genesen war, sagte lustig: »Gib nur Achtung, die kommt nicht so bald wieder; der Aufpasserin sind wir endlich los; hol' mich der Teufel, ich wär' schon lange wieder gesund, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über die Wassersuppen hätte ärgern müssen, die sie mir gekocht.«

Da die Thüre nur angelehnt war, so wurde es der Mutter leicht, in das Schlafzimmer ihrer beiden Söhne zu schauen, und der Anblick, den sie hier hatte, wäre wohl im Stande gewesen, ihr Blut aufs Neue in Wallung zu bringen; doch übten die beiden leeren Medizinflaschen eine nachhaltige Wirkung auf ihr Gemüth.

Das Bett des kranken Fuhrmanns war dicht an's Fenster gerückt, und dieser lag auf seinem Bauche und so nahe an den Scheiben, daß er dieselben fast mit seiner Nase berühren konnte. Der eine Fensterflügel war geöffnet, und auf dem Fenstergesims saß Konrad, der Jäger, und hatte eine große Flasche mit weißem Wein in der Hand, woraus er sich und dem Fuhrmann eifrigst einschenkte. Das eiserne Gitter draußen, welches die beiden Brüder auf eine sinnreiche Art praktikabel gemacht hatten, war zurückgeschoben, und hiedurch wurde diese ganze Maschinerie dem erstaunten Auge der Gemüsehändlerin sichtbar.

»Das schmeckt anders als Himbeersaft!« sagte lachend der Fuhrmann und hob das volle Glas in die Höhe.

»Ja, er ist nicht schlecht,« meinte der Jäger; »aber du thätest doch klug daran, wenn du dich ein Bischen in Acht nähmest; jetzt sind wir schon am dritten Schoppen.«

»Die du aber unchristlich mit mir getheilt hast,« entgegnete der Fuhrmann und that einen tiefen Zug.

»Weil ich besser weiß, was dir gut ist, als du selbst, würde die Katharine zur Antwort geben,« erwiderte Konrad, indem er sich den Rest der Flasche eingoß.

»Hast du nicht eben was im Nebenzimmer gehört?« fragte der Fuhrmann aufmerksam, indem er sich auf die Seite wandte und den Kopf in die Höhe hob.

»Nicht das Geringste,« entgegnete Konrad; »es wird eine Maus gewesen sein, die am Speck herum nagt. Jetzt will ich aber der Frau Schilder die Flasche und Gläser zurückbringen, damit, wenn's Kätherle allenfalls doch zurückkommt, sie nicht so schreckliche Sachen bei uns findet, wie Weinflaschen und Gläser.«

»Die kommt nicht wieder!« sagte bestimmt der Fuhrmann.

»Ich glaube auch nicht,« lachte der Jäger.

»Sie hat genug an meiner Schilderung,« fuhr Fritz lustig fort, »an dem, was ich ihr gesagt, wie es ihr, der Jungfer Schoppelmann, an jenem Abend wahrscheinlich ergangen wäre, wenn wir sie allein bei jenem Taugenichts gelassen hätten, und daß wir solcher Gestalt ihre Unschuld und Ehre gerettet.«

Konrad, der Jäger, lachte bei diesen Worten recht freundlich in sich hinein, und da er gerade im Begriffe war, sich umzuwenden und zum Fenster hinaus zu klettern, so zog der Fuhrmann den einen Fensterflügel etwas zurück, damit der Andere nebst Gläsern und Flasche mehr Platz hätte. Dieser Augenblick schien der Madame Schoppelmann besonders günstig, um so gänzlich unerwartet und unverhofft vor den Blicken ihrer Söhne zu erscheinen. Mit ihrer in der Vorrathskammer wieder erlangten Ruhe hatte sie auch ihre bisherige Waffe, das Schüreisen, ruhig auf den Boden gestellt und dafür eine der Peitschen ergriffen, welche Fritz, der Fuhrmann, hier aufzubewahren pflegte. Es war eigentlich nur der Stock einer Peitsche, ohne Schnur, aus zähem Holz geflochten, der Handgriff aber mit dickem Leder umwunden. Dieses Instrument nun nahm sie am oberen, dünnen Ende zur Hand, öffnete geräuschlos die Thüre und kam in dem überaus günstigen Augenblicke, wo Konrad, der Jäger, den Kopf zum Fenster hinaus bog und auf diese Art den Rücken und angrenzenden Theil zur kräftigen Bearbeitung freundlichst darbot.

»Das sind eure Unterhaltungen?!« rief nun plötzlich die Frau mit gellender Stimme; aber es war nicht der Ton der Wuth, sondern der eines gelinden Zornes, welcher ruhige Ueberlegung gestattet. Zugleich mit diesen Worten ließ sie auch den unteren Theil ihres Peitschenstockes mit solcher Kraft auf den Rücken ihres Erstgeborenen, des Jägers, niederfallen, daß dieser mit einem lauten Geschrei zurückfuhr, wobei Gläser und Flaschen auf die Gasse fielen, daß sie klirrend zerbrachen. Da er zu gleicher Zeit begreiflicher Welse glaubte, der Bruder habe mit diesem Schlage einen überaus schlechten Witz machen wollen, so fuhr er zornig nach diesem herum und faßte nach dessen Halsbinde.

»Nein, ich war es, du Galgenstrick!« rief jetzt die Mutter mit noch lauterer Stimme als vorhin, und dabei fiel der Peitschengriff nochmal nieder und hob sich darauf mit unbegreiflicher Geschwindigkeit, um abermal niederzufallen, und dazwischen schrie die Frau, die sich trotz ihres Vorsatzes allmälig in einen heftigeren Zorn hinein schrie und prügelte: »Das ist für euer sauberes Leben, ihr Kanaillen! – und das für den Wein, den ihr in eurer Krankheit sauft! – und das ist für mein zerbrochenes Gitter! – und das – und das – und das ist für eure schlechten Redensarten gegen eure Schwester!«

Die Streiche fielen hageldicht, und Konrad, der zwischen Bett und Fenster eingeklemmt war, konnte nichts Besseres thun, als in Gottes Namen seinen Rücken darzubieten; denn die Gemüsehändlerin schlug in ihrer blinden Wuth zu, und es schien ihr ganz gleich zu sein, ob ihre Schläge den Rücken, die Schultern oder gar den Kopf ihres Sohnes träfen.

Der Fuhrmann, ebenso schlecht als feige, hatte nicht sobald bemerkt, daß er, wahrscheinlich seiner Krankheit halber, verschont wurde, als er seine Decke so hoch wie möglich hinauf zog und einen äußerst leidenden Gesichtsausdruck annahm.

»Ist's nun bald genug?« schrie erboßt der Jäger und suchte den Peitschenstiel zu fassen; »werdet Ihr jetzt aufhören oder nicht?« Dabei funkelten seine Augen auf eine recht häßliche Art, und er versuchte es, seinen Knotenstock zu ergreifen, der jenseits des Bettes stand. Doch Madame Schoppelmann, welche, wie wir schon früher dem geneigten Leser bemerkten, leider gern auf ihre Kinder losschlug, und wenn sie einmal anfing, für die nächste Zeit das Aufhören vergaß, traf bei der eben angedeuteten Bewegung ihres Sohnes so nachdrücklich dessen Hand, daß er laut auf heulte und darauf plötzlich wie umgewandelt schien. Aller Trotz war aus seinen Zügen verschwunden, ja er versuchte es, schmerzlich zu lächeln, und sagte mit einem bittenden Tone: »Jetzt ist's aber wahrhaftig genug, für Scherz schon lange zu viel, und wenn Ihr mich im Ernste prügeln wollt, so möchte ich doch eigentlich auch wissen, warum!«

»Das möchtest du wissen?« rief erstaunt die Frau. »Nun, bei Gott! bist du nicht der größte Gauner, der mir je vorgekommen ist? Ich ertappe ihn, wie er zum Fenster hinaus steigt gleich einem Dieb, er rühmt sich der größten Schändlichkeiten gegen seine Schwester und fragt mich noch, was er gethan habe! Nimm dich in Acht, Konrad! Es wird leider Gottes noch eine Zeit kommen, wo du mir zu miserabel vorkommen wirst, um nur einen Schlag nach dir zu führen, wo ich mich auch nicht mehr ärgern werde, wo ich aber die Polizei kommen und dich abführen lasse ins Zuchthaus als den Schlechtesten der Schlechten.«

Der Jäger zuckte verächtlich lachend die Achseln.

»Woher habt ihr diesen Wein?« fuhr die Frau fort und stemmte ihre Arme in die Seite; »woher bekommt ihr ihn? Von jenem nichtsnutzigen Weibsbilde da drüben? – Womit bezahlt ihr ihn? – Mit Sachen, die ihr mir oder sonst Jemanden abstehlt. – Halt dein Maul! Die da drüben könnt' ich aufs Kriminal bringen; aber dann müßtet ihr auch mit, und vorderhand will ich meinem Namen diese Schande noch nicht anthun.«

Bei den letzten Worten, welche die Frau voll Zorn und Verachtung herausstieß, warf sie den Peitschenstiel über das Bett hinüber dem Jäger vor die Füße, und dann blieb sie noch einen Augenblick ruhig erwartend stehen, ob dieser es wagen würde, noch etwas zu sagen, worauf sie sich umdrehte und ohne ein Wort weiter zu verlieren in ihr Zimmer zurückging.

Wie ein böser Hund in den Knittel beißt, mit dem man ihn geschlagen, so stampfte Konrad, der Jäger, den Peitschenstiel unter seine Füße und sah mit einem Blicke unbeschreiblicher Wuth nach der Thüre, durch welche die Mutter verschwunden war; auch ballte er die Faust und stieß leise Drohungen aus.

Der Fuhrmann schaute nach einigen Augenblicken unter der Bettdecke lachend hervor und meinte, der Bruder solle nur das Erlebte in Geduld hinnehmen, zur Strafe für die vielen Sünden, die er schon begangen.

Nachdem Konrad noch einigemal mit der geballten Faust gegen die Thüre gedroht, durch welche Madame Schoppelmann verschwunden war, sagte er zu dem Kranken: »Weißt du, weßhalb ich an mich gehalten und weßhalb es, beim Teufel! kein Unglück gegeben? Mich hat die Redensart der Alten bestürzt gemacht von wegen der Geschäfte mit der Frau Schilder; kannst du dir denken, was sie damit gemeint hat? Fritz, Fritz! ich fürchte immer, die Alte hat eine Ahnung von unserem Briefwechsel. Der Gedanke hat mich auch vorhin erfaßt und ganz darniedergeschlagen.«

»Narrenpossen!« versetzte der Fuhrmann, indem er sich im Bett aufrichtete und den Kopf auf den Arm stützte. »Mit ihrem Schimpfen und ihren Drohungen hat sie nichts weiter gemeint, als die alten Geschichten mit der Schilder, wo wir sie damals auf unsere Art bezahlten – mit Viktualien von der Alten.«

»Aber sie machte so verdächtige Anspielungen auf das Zuchthaus!« fuhr Konrad mit besorgtem Blicke fort.

»Und das nimmt dich Wunder, du Tropf?« sagte lachend der Fuhrmann. »Nun, sie hat volles Recht, vom Zuchthause zu sprechen; denn wenn sie wirklich einmal ihre Drohungen wahr und eine solche Geschichte anhängig machte, da hätten wir am längsten in freier Luft gelebt.«

»Laß gut sein,« sprach verdrießlich der Jäger; »ich habe genug für heute, mich schmerzt mein Rücken teufelmäßig, und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so trau' ich weder der Schilder noch der Alten.«

»Narrheiten!« antwortete der Fuhrmann; »weder die Eine noch die Andere ist zu fürchten. Die da drüben weiß wohl, weßhalb sie ihr Maul hält, und die Alte wird sich auch zehnmal bedenken, ehe sie einen solchen Skandal macht und uns etwas zu Leide thut. Aber jetzt fass' an, Konrad, wir müssen mein Bett wieder dort in den Winkel auf seine alte Stelle bringen.«

Damit sprang der Kranke leicht aus dem Bette, und den vereinten Bemühungen der Brüder gelang es in kurzer Zeit, das Bett auf seinen alten Platz zu rücken, das Gitter wieder vor dem Fenster zu befestigen, überhaupt nach ihren Begriffen die Stube wieder in Ordnung zu bringen. – –

Jungfer Clementine Strebeling, die, wie wir wissen, oben am offenen Fenster saß, war Augen- und Ohrenzeuge gewesen von der ganzen Strafverhandlung, die sich unten begab. Sie hatte sich beim Beginne derselben kluger Weise etwas zurückgezogen und sich so verdeckt aufgestellt, daß keiner der beiden Brüder da drunten die Zuschauerin gewahr werden konnte. In diesem Falle nämlich waren die Herren Schoppelmann außerordentlich zarten Gemüthes und hatten in früheren Zeiten schon beinahe einmal ihre Schwester Katharina mißhandelt, die zufällig einer ähnlichen Scene beigewohnt.

Trotzdem Clementine, wie dem geneigten Leser bekannt ist, ein so zartes Gemüth hatte, daß eine kranke Fliege ihr höchstes Mitgefühl in Anspruch nahm, so konnte sie doch hier, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt, nicht umhin, mit einer wahren Beruhigung und Genugthuung dem Strafamt der gestrengen Mutter zuzuschauen. Die beiden Brüder hatten ihr, der schüchternen Jungfrau, schon manches Herzeleid angethan, und von Katharina hatte sie erfahren, wie sie das arme Mädchen, das gezwungen war, in ihrem Zimmer zu verweilen, mit ihren ungezogenen Redensarten gequält. Auch sah sie in dem Akt, der soeben drunten vollzogen wurde, eine Art göttlichen Strafgerichtes, wenn sie an den armen Herrn Eugen dachte, gegen welchen die beiden Brüder da drunten sich auf's Schändlichste benommen hatten. Clementine hatte in der Tiefe ihres Herzens nur den Wunsch, daß auch der Fuhrmann seinen Theil erhalten möge, was aber, wie wir bereits wissen, dieses Mal nicht geschah.

Katharina in ihrem Winkel hinter der Thüre hatte nicht sobald den Spektakel drunten vernommen, als sie erschrocken in die Höhe fuhr und Jungfer Strebeling bat, das Fenster zu schließen. Das junge Mädchen zitterte an dem ganzen Körper; denn sie hatte leider schon zu oft dergleichen Scenen mit anwohnen müssen, und jedes Mal hatten dieselben den Stachel des bittersten Schmerzes, das Bewußtsein eines tiefen Unglücks in ihrer Brust zurückgelassen. Auch jetzt faltete sie die Hände und horchte entsetzt zu, und sie konnte sich erst einigermaßen wieder beruhigen, als ihr endlich Jungfer Clementine mittheilte, ihre Mutter habe das Zimmer der beiden Brüder verlassen.

Katharina, welche besser, als Madame Schoppelmann selbst, den bösen und wilden Charakter der beiden Brüder kannte, fürchtete, – und wohl nicht mit Unrecht – daß aus einem solchen Auftritte doch einmal das größte Unglück entstehen müßte; denn wenn die Mutter einmal in ihrem Zorne zu weit ging und durch irgend etwas die Herrschaft, deren Kraft in der Macht der Gewohnheit, in Worten und Blicken der alten Frau lag, verlor, so konnte etwas Entsetzliches geschehen.

Endlich war es drunten wieder ruhig geworden, und Clementine setzte sich neben das junge Madchen, nahm dessen beide Hände und schaute tief betrübt in die dunkeln, thränenerfüllten Augen.

»Das ist ein trostloses Leben!« sagte Katharina und blickte zum Himmel auf; »und ich sehe gar kein Ende, keinen Ausweg. Gott sei mir gnädig!«

»Nur nicht verzweifeln, mein liebes Herz!« bat Clementine, »nur den Muth nicht verlieren! Auf Regen folgt Sonnenschein, das ist ein altes und wahres Sprüchwort.«

Katharina schüttelte mit dem Kopfe. »Mir hat die Sonne in der letzten Zeit zu glänzend geschienen,« sprach sie nach einer Pause; »ich habe zu viel Glück gehabt, ich war zu selig, und das muß ich nun durch langen Kummer abbüßen.«

»Es geht gewiß vorüber,« entgegnete Jungfer Strebeling; »nur den Muth nicht verlieren! O lieber Gott! wenn ich Alles so genau wüßte, wie Sie noch an dem Altar zu sehen mit dem Herrn Eugen! Ihnen geht's gewiß noch sehr gut, mein Herz; denn das ist gar nicht anders möglich. Bei all dem Kummer, den Sie jetzt haben, sind und bleiben Sie doch ein Glückskind; Sie sind nicht wie andere arme Menschen, denen Alles in dieser Welt fehlschlägt.« – Dabei seufzte die alte Jungfer aus tiefstem Herzen.

»Eigentlich ist es wahr,« sagte Katharina; »wir können einander trösten; Sie haben das gleiche Schicksal wie ich.«

»O, noch viel schlimmer!« entgegnete Clementine; »ich bin eine armselige Kreatur, ich tauge gar nicht für das Leben. O du lieber Gott! ich hätte in ein Kloster gehen sollen – wenn ich nur katholisch wäre!«

Jungfer Clementine machte bei diesen Worten ein so überaus wehmüthiges und jammervolles Gesicht, daß sich Katharina, trotz ihres tiefen Schmerzes, nicht enthalten konnte, der Leidensgefährtin durch ihre Thränen einen freundlichen Blick zuzuwerfen.

»Sind neue Briefe gekommen?« fragte sie teilnehmend; und Clementine nickte stumm mit dem Kopfe.

»Traurige?« fragte das junge Mädchen.

»Zwei sehr traurige,« entgegnete Clementine und zog unter ihrem Halstuche zwei Briefe hervor, welche sie vorbei sorgfältig öffnete, ehe sie dieselben der Freundin übergab. – »Ja, richtig, dies ist der erste,« sagte sie, nachdem sie einen Blick hineingeworfen; »den lesen Sie zuerst, Katharine, und dann erst den anderen.«

Das junge Mädchen nahm den Brief und las wie folgt:

»Angebetete Clementine!

»Wie steh' ich vor Ihnen, in Gedanken nämlich, oder vielmehr wie sitz' ich hier vor Ihnen an meinem Schreibtisch, die Feder in zitternder Hand haltend, das Papier mit meinen Thränen benetzend! Bis jetzt glaubte ich nicht an Wunder, aber jetzt glaube ich daran. Bis jetzt wußte ich nicht, daß auf dieser verderbten Welt noch wirkliche Engel umherwandelten zur Lust und Freude, ja zum himmlischen Troste des bedrängten menschlichen Herzens; jetzt weiß ich, daß sich noch Engel unter uns sehen lassen, nämlich, daß ich das Glück hatte, einen solchen zu sehen, und dieser mir erschienene hülfebringende Engel, das sind Sie, angebetete Clementine. – –

»Und doch, wie hat mich Ihre Hülfe, wenn gleich erquickt,
auch zugleich gedemüthigt, ja tief in den Staub hinab gedrückt!«

Bei diesen Worten sah Katharina fragend in die Höhe.

»Es ist nur wegen des Geldes, das ich ihm geschickt,« sagte schüchtern die alte Jungfer.

»Ah so – o – o!« entgegnete Katharina, mit dem Kopfe nickend, und fuhr fort zu lesen:

»Sie reichten mir die Hand, theuerste Clementine; o, mißverstehen Sie mich nicht! Ihre Hand – bildlich gesprochen. An dem gähnenden Abgrund der Armuth und Verzweiflung, in welchen ich mich hineinstürzen wollte, traten Sie auf mich zu, reichten mir diese Hand und hielten mich so von dem Schrecklichen zurück.

»Ich glaube Ihnen gesagt zu haben, daß ich mich von dort hieher zu meinem Onkel begab, zu dem Manne, der sich des verwaisten Knaben annahm, der mich unterstützte und auf einen Weg brachte, an dessen mühevollem Ende mir ein Lichtpunkt glänzt, das schönste Ziel – Sie, Clementine, Ihr Besitz! Doch, ach, wie fand ich diesen Mann wieder! Sein Vermögen war zerrüttet; statt von ihm Hülfe zu erwarten, mußte ich ihm und seinen acht noch unversorgten Kindern helfen! So, Clementine, wurde die Gabe angewandt, welche Ihr volles, schönes Herz über mich ausgeschüttet, – Thränen ersticken meine Stimme; ich kann nicht weiter schreiben. Bis nächstens mehr.

»Ihr getreuer

Johannes Müller

»Das ist allerdings sehr traurig!« sagte Katharina.

»Lesen Sie noch den zweiten,« entgegnete Clementine; »der ist kurz, aber in wahrer Verzweiflung geschrieben; er hat sogar die Ueberschrift vergessen.«

Katharina las:

»Wen das Unglück mit seinem giftigen Haß verfolgt, den schlägt es darnieder,
wenn ihn auch gleich Engel schützend umgeben.«

»Das ist eigentlich eine Lästerung!« sagte betrübt die alte Jungfer.

»Mein unglücklicher Onkel glaube sich durch die Hülfe, welche von Ihnen so großmüthig gespendet wurde, einigermaßen retten zu können – umsonst! – vergebens! – umsonst! – Schlag auf Schlag trifft ihn ein hartes Schicksal und mich mit ihm. Verzeihen Sie mir, theure Clementine, aber ich habe geschworen, mit ihm, der an mir so lange Vaterstelle vertrat, zu Grunde zu gehen. Wegen sechshundert Gulden droht dem edlen Manne eine Schuldhaft. Der Himmel erbarme sich seiner acht unglücklichen Würmer! – Leben Sie wohl, Clementine – meinen nächsten Brief erhalten Sie – denn ich gehe mit ihm – aus den Mauern des Gefängnisses. – O, es ist entsetzlich!

»In Verzweiflung

Johannes Müller

Katharina faltete kopfschüttelnd diese Briefe zusammen und gab sie ihrer Freundin zurück. »Das ist sehr sonderbar,« sagte sie nach einer Pause.

»Entsetzlich, nicht wahr?« jammerte Clementine.

Das junge Mädchen dachte einen Augenblick nach, ohne eine Antwort zu geben, und darauf sagte sie: »Aber nehmen Sie mir nicht übel, Clementine, so sehr es mich freut, daß Ihr Herz endlich einmal einen Gegenstand gefunden, für den es sich interessirt, so möchte ich doch etwas Genaueres erfahren, wer dieser Gegenstand eigentlich ist, und ob Sie über seine näheren Verhältnisse genauer unterrichtet sind. Nehmen Sie mir nicht übel, ich will mir nicht herausnehmen, ein Examen mit Ihnen anzustellen; aber sagen Sie mir etwas Näheres über diese Geschichte in Ihrem eigenen Interesse.«

Jungfer Strebeling hatte die Briefe wieder an sich genommen, sie zusammen gefaltet und an ihrem gewöhnlichen Orte verwahrt; dann nickte sie mit ihrem Kopfe, d. h. sie ließ denselben tief auf die Brust herabsinken, was ihr ganz das Ansehen einer geknickten Blüthe gab; und diesen Eindruck wollte sie auch hervorbringen.

»Sie sahen also,« fragte das junge Mädchen, »den Herr-n-n Müller zum ersten Mal –?«

»Dort drüben,« erwiderte die alte Jungfer, indem sie ihre blauen Augen nach der Gegend des musikalischen Hauses hindrehte.

»Richtig, beim Gesang von der Lotusblume,« fuhr das junge Mädchen fort. »Aber darauf sahen und sprachen Sie ihn nicht wieder?«

Bei dieser Frage schwieg Clementine eine längere Weile. In ihrer Brust kämpfte die jungfräuliche Scham und das Bewußtsein, der Freundin, die ihr Alles mitgetheilt, einen wichtigen Moment ihres Lebens verschwiegen zu haben.

»Nun, Clementine?« fragte das junge Mädchen abermals.

»O ja,« brach Clementine endlich ihr Stillschweigen; »ich habe ihn wieder gesehen, aber wo? das werde ich unter keiner Bedingung sagen.«

»Und da sprachen Sie mit ihm?« fuhr Katharina fort; »auch über seine Verhältnisse?«

»O nein, das nicht,« sagte die alte Jungfer, »gewiß nicht; Sie können sich kein zarteres Gemüth denken, als das des Herrn Müller. Gott im Himmel, wie kann man auch gleich von Verhältnissen sprechen oder von – Liebe? So was wäre mein Tod! O nein, ich nehme Antheil an ihm, weil er so zart, so still, so bescheiden ist. O Katharine, als ich ihn damals sah, verrieth er mir mit keiner Sylbe, welchen Antheil er an mir nimmt; aber seine Blicke sprachen, und einzelne Andeutungen ließen mich die Gefühle seines Herzens errathen – er liebt mich über alle Maßen!« sagte Clementine schaudernd und dachte an das Gänseblumenspiel.

»Und wer ist die Mittelperson!« fragte das junge Mädchen weiter, »durch welche diese Briefe an ihn und Sie gehen?«

»Das darf ich um keinen Preis sagen,« versicherte Clementine, »ich habe das feierlich beschworen, und so gern und freiwillig, – Ist nicht das Geheimnißvolle und Verschwiegene einer Sache so schön, so zart, so angenehm?«

»Das ist wahr,« dachte Katharina, und ein stechender Schmerz durchzuckte ihr Herz. Ihre Gedanken waren in diesem Augenblicke von der Sache Clementinens abgeschweift; sie dachte an vergangene Tage, wo auch sie so unendlich glücklich gewesen war in ihrem süßen Geheimniß. Und wie roh, wie rücksichtslos hatte man die Hülle von demselben weggerissen! – Katharinens frische Wangen waren nicht umsonst gebleicht, ihre dunklen Augen, nicht ohne Grund eingefallen. Hatte sich doch die Begebenheit jener Nacht wie ein Lauffeuer durch die unteren Stadtviertel verbreitet, und mit welch' höhnischer Freude und Bosheit hatten gute Freundinnen und alle Klatschschwestern nacherzählt, daß Herr Eugen Stillfried spät Abends bei der schönen Katharine gewesen sei und daß ihn die Mutter dort ertappt u.s.w.

Katharina fuhr mit einem tiefen Seufzer aus ihren Träumereien und sagte: »Ach, Clementine, Ihre Geschichte ist wohl traurig, aber es bleibt Ihnen doch die Hoffnung. Doch bei mir ist Alles, Alles aus!«

Clementine war erschrocken von dem tiefen Schmerz, der nun plötzlich wieder in den Zügen des jungen Mädchens wühlte. Die gute alte Seele vergaß ihren eigenen Kummer und faßte mitleidig die Hände der Freundin, um sie zu trösten.

Katharina schüttelte mit dem Kopfe und sagte nach einem längeren Stillschweigen, indem sie endlich den Fragen der Jungfer Strebeling nachgab: »ich glaube, er hat mich vergessen, er hat ein falsches Spiel mit mir getrieben!«

Klementine sah sie fragend an.

»Hätte er mir nicht nach jenem schrecklichen Vorfalle schreiben müssen?« fuhr Katharina fort; »hätte er mir, im Falle es Schwierigkeiten gemacht, mir einen Brief zukommen zu lassen, nicht wenigstens ein paar Worte müssen sagen lassen, mir eine Nachricht von sich geben, wie es ihm ergangen an jenem unheilvollen Abend? Aber ich erfuhr von ihm nicht eine Sylbe; nur aus den Gesprächen der Brüder habe ich erfahren, daß er noch an jenem Abend die Stadt verlassen; wohin er gegangen ist, weiß ich nicht.«

»Das ist freilich nicht recht,« sagte Clementine; aber Sie müssen auch nicht vergessen, wie emsig Ihre Mutter bemüht sein wird, alle Briefe, die an Sie kommen, zurück zu halten, sowie zu verhindern, daß jemand Fremdes mit Ihnen spricht.«

»Das ist wohl wahr,« entgegnete das junge Mädchen; »aber fand er nicht früher Mittel und Wege, mir irgend ein Zeichen des Verständnisses, eine Botschaft zukommen zu lassen? und jetzt, wo ich so sehnlich wünsche, etwas von ihm zu erfahren, nicht das Geringste, keine Sylbe!« – –

Unterdessen war Madame Schoppelmann nach vollzogenem Strafamte durch die Vorrathskammer an ihren Herd zurückgekehrt. Das Feuer unter dem Wasserkessel war in der Zwischenzeit fast erloschen, und die Mühe, welche die dicke Frau sich nunmehr geben mußte, dasselbe wieder anzufachen, hatte nebenher den guten Erfolg, daß sich ihr Zorn bedeutend verminderte und sich in gelinden Kummer und in Betrübniß verwandelte. Mit diesen beiden unangenehmen Begleitern setzte sie sich auf ihren Stuhl am Feuer nieder, nahm die große Kaffeemühle auf den Schooß, und während sie solcher Gestalt Vorbereitungen traf, für den Nachmittag ihr Lieblingsgetränk anzufertigen, begann sie ein Selbstgespräch, wie sie es bei ähnlichen Veranlassungen häufig zu machen pflegte. Zuerst schüttete sie die braunen Bohnen in ihre Mühle und drehte den Schwengel einige Male heftig herum. »Das Ding kann nicht so fortgehen,« sagte sie zu sich selber; »der Haß unter den Kindern richtet meine ganze Wirthschaft zu Grunde und wird nicht besser, wenn sie bei einander bleiben. Eine Partie muß aus dem Hause – aber welche? Wohin soll ich mit den beiden Buben? Die will kein ordentlicher Christenmensch bei sich aufnehmen, und wenn ich sie nicht unter der Fuchtel habe, so treiben sie noch größeres Unheil, als jetzt schon. O, es ist eine betrübte, betrübte Geschichte!« – Damit mahlte die Gemüsehändlerin mit solcher Heftigkeit und Erbitterung ihren Kaffee, daß ihr der Schwengel zuweilen aus der Hand und rasselnd einige Mal allein herumfuhr, ehe sie seiner wieder habhaft werden konnte. – »Und das Mädchen,« fuhr sie zu sich selbst redend fort, »es ist im Grunde ein gutes Geschöpf, und ich hätte nie über sie klagen können, wenn der böse Feind nicht jenen Herrn Eugen ihr in den Weg geführt hätte. – Ihn sollt' ich nochmals hier haben, ich wollt' es ganz allein mit ihm ausmachen; ich wollt' ihn lehren, ehrsamen Bürgerstöchtern nachzulaufen: – Gott sei es geklagt! aber die alte Staatsräthin hat Recht gehabt. Respekt vor der Frau! man kann sie nur loben, daß sie ihr Haus rein erhält vor solchem Ungeziefer. – Ja, das Mädchen – meine Katharina – ich muß sie doch aus dem Hause thun, sonst gibt es noch einmal ein wahres Unglück. Will sie auf's Land zu ihrer Tante schicken; aber wer bürgt mir dafür, daß dann er nicht auch wieder bald da herumschleicht? Mit dem Gelde, das er hinauswirft, kann man Unterhändler und Spione genug haben.«

Der Kaffee war gemahlen, aber Madame Schoppelmann noch nicht mit sich im Reinen, was mit ihrer Tochter zu thun sei. Das Passendste erschien ihr wohl, sie aus dem Hause zu entfernen – aber auf welche Art und wohin?

Mit der Beantwortung dieser Frage wollen wir dieses schon sehr große Kapitel nicht noch verlängern, und schließen mit der Versicherung, daß der geneigte Leser erfahren wird, was Madame Schoppelmann beschlossen.

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