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Eugen Stillfried - Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried - Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried - Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke - Erste Gesammt-Ausgabe
volumeZehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070923
projectid8d84af9c
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Neunzehntes Kapitel.

Ein beachtenswerthes Kapitel für junge Künstler, denn es handelt von den Gefahren, in welche man durch weibliche Modelle gerathen kann.

»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich ein Bildhauer bin, und wenn ich hinzu setze, daß ich längere Zeit in Rom war, daß ich dort, und später in Deutschland, die besten Bestellungen auszuführen hatte, daß meine Arbeiten außerordentlich gesucht und hoch bezahlt wurden, so glaube ich, Sie können daraus entnehmen, daß ich im Stande bin, etwas Ordentliches zu leisten, daß ich in der schwierigen Branche der Kunst, die ich erwählt – der Bildhauerei nämlich – ein Künstler bin.

»Eines Tages wurde mir der Auftrag, die Komposition zu einem großartigen Grabmal zu entwerfen, welches ein Graf so und so – der Name thut nichts zur Sache – seiner verstorbenen Gemahlin zu errichten beabsichtige. Mein Entwurf gefiel, ich führte ihn im Modell aus und ging damit nach Carrara, wo ich mir den nöthigen Marmor aussuchte, die Arbeit in Punkt setzen ließ und sie später so weit ausführte, daß ich in Deutschland an Ort und Stelle mir noch wenig daran zu thun hatte.

»Das Grabmal war für die Kapelle eines großen Schlosses jener Familie bestimmt; ich kam zum ersten Male in die Gegend, wo es sich befand. Diese Gegend war reizend, das Schloß selbst über alle Beschreibung schön gelegen. – Erlauben Sie mir,« unterbrach er seine Erzählung – »daß ich aus meinem kleinen Felleisen ein Skizzenbuch hole, um Ihnen eine Ansicht dieses Schlosses und der Gegend zeigen zu können. –

»Sehen Sie hier!« fuhr er fort, und damit zeigte er mir in einem ziemlich großen Buche die außerordentlich schön gezeichnete Ansicht eines der reizendsten Schlösser, die ich lange gesehen. Es lag auf der Höhe einer sanft ansteigenden Thalwand, unten floß ein kleines Wasser vorbei und schlängelte sich durch Wiesen und zwischen schön geformten Hügeln, lange noch dem Auge sichtbar, einer weiten Ebene zu, welche fern am Horizonte von hohen und zackigen Gebirgen eingefaßt war. Das Schloß selbst war ein mittelalterliches Gebäude, auf's Sorgfältigste restaurirt, mit zackigen Zinnen, einem hohen Thurme, vielen kleinen Erkern und Nebengebäuden, mit der freiesten Phantasie zusammengestellt, oder wie die damaligen Verhältnisse gerade einen Neubau bedingten; alles das durch Terrassen und Brücken mit einander verbunden und so ein wahrhaft malerisch schönes Ganzes bildend. Das Schloß in seiner Höhe stand auf der Grenze des lieblich Sanften und wild Romantischen. Vor ihm das Thal mit dem Flusse und den sanften, mit Wiesen bedeckten Abhängen war schön und anmuthig, und war das Ende einer Berggegend, die sich hinter dem Schlosse mit wildem Wald, mit Schluchten voll zackiger Felsen und rauschenden Bergwassern meilenweit fortsetzte.

Der junge Bildhauer legte das Buch an den Fuß der dreiarmigen kupfernen Lampe, welche auf dem Tische stand und sagte: »Dies ist also der Schauplatz meiner kurzen und traurigen Geschichte.«

»Ich kam zu gleicher Zeit mit meiner Arbeit dort an. Der Unterbau zum Denkmal war vollendet; meine Gruppe wurde ausgepackt und aufgestellt. Ich hatte in den ersten Tagen außerordentlich viel zu thun und arbeitete an der Beendigung meiner Figuren vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Die Hauptfigur meines Werkes war eine Mädchengestalt – Glaube, welche sich mit dem einen Arm auf die Hoffnung stützt, mit dem andern die Liebe empor hält, welche gerade im Begriffe ist, den Deckel des Sarkophages zu öffnen. Ich weiß nun nicht, woher es kam – genug, ich hatte in Italien keinen recht schönen Mädchenkopf finden können, den ich für edel genug hielt, danach meinen Genius der Liebe zu bilden. Ich dachte bei mir: das wird sich schon finden, und ließ jenen Kopf ganz unvollendet. Als nun das Werk aufgerichtet da stand und meine Arbeit fast beendigt war, fehlte mir nur noch jenes Gesicht, und ich befand mich daher in einiger Verlegenheit. Eine fast fertige Arbeit wieder ernstlich aufzunehmen, ist an sich schon schwer, hier aber fand ich, daß es mir unmöglich sei, jenen Kopf so zu bilden, daß er zum Ganzen passe und ich damit zufrieden sein könne. An dem Orte, wo ich war, ein Modell zu finden, das mir nur halb genügte, schien mir eine Unmöglichkeit. Ich strengte meine Phantasie an – ich brachte nichts Ordentliches zu Stande, ich war fast in Verzweiflung und lief träumend umher.

»Um die Bewohner jenes Schlosses hatte ich mich bis jetzt gar nicht bekümmert. Es war auch von der gräflichen Familie Niemand da; nur ein Beamter lebte hier, ein alter, freundlicher Mann, der mir zu meinen Arbeiten bereitwillig ein paar Zimmer einräumte.«

Unten im Dorfe war ein kleines Wirthshaus: »Zur wilden Rose« genannt; dort wohnte ich und dort hielt ich mich auch, nachdem die Aufstellung droben beendigt war, den größten Theil des Tages auf. Abends war ich immer in der kleinen Wirthsstube, wo sich die Honoratioren des Dorfes einfanden. Ich muß gestehen diese guten Leute waren außerordentlich dankbar für die Zierde, die der Schloßkapelle durch mein Werk zu Theil geworden, und sie überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten. Von der Malerei hatten sie einen ziemlichen Begriff, aber meine Kunst war ihnen vollkommen fremd, weßhalb es ihnen auch ein großes Vergnügen gewährte, als ich ihnen etwas vom Wesen derselben auseinander setzte und ihnen den richtigen Begriff von einem Thonmodell und über die Ausführung in Stein beibrachte. Hier fand sich auch jener Verwalter des Schlosses häufig ein, sowie der Schultheiß des Dorfes und der Lehrer; und nicht selten erwies uns auch der Pfarrer die Ehre, in unserer Gesellschaft sein Gläschen zu trinken.

»Eines Abends kam wieder, wie gewöhnlich, die Rede auf mein Werk, und der Pfarrer, der an dem Nachmittage mit mir oben war, bedauerte, daß der Kopf der einen der Figuren immer noch nicht vollendet sei. Ich entgegnete ihm, daran sei Niemand Schuld, als die hiesige Bevölkerung; ich hätte gehofft, unter den Mädchen ein passendes Modell zu finden, müsse aber leider gestehen, daß ich bis jetzt nichts angetroffen, was mir brauchbar erschienen.«

»Ah, das ist eine Schande für uns!« sagte lachend der Schulmeister; »aber vielleicht verlangen der Herr Professor auch zuviel« – so nannten sie mich nämlich. – »Was meinen Sie denn zu Verwalters Rosalie?«

»Possen!« sagte der alte Mann vom Schlosse.

»Ich mußte gestehen, daß ich bis jetzt keine Ahnung davon hatte, daß es droben eine Tochter des Verwalters gäbe.«

»Das wäre ein schönes Modell für einen Kopf der Liebe,« meinte der Pfarrer.

»Ich wurde neugierig und bestürmte den alten Verwalter mit Bitten, mir doch wenigstens den Anblick seines Kindes zu gönnen. »Dieser aber zuckte die Achseln und meinte, es sei nicht so arg. Da gerieth jedoch der Schulmeister in eine wahre Ekstase und versicherte hoch und theuer, er wolle anfangen das A B C nochmals zu lernen, wenn ich nicht später gestehen müsse, daß Rosalie das lieblichste und schönste Gesicht habe, das mir in meinem ganzen Leben vorgekommen.«

Hier that der junge Bildhauer einen tiefen Zug aus seinem Punschglase, zündete seine Zigarre, die ihm ausgegangen war, wieder an und fuhr nach einer Pause fort:

»Leider hatte der Schulmeister Recht. O, hätte ich ihm nie geglaubt und hätte den unfertigen Kopf nach einem der vielen Bilder fertig gemacht, die mir in der Nacht nach jenem Gespräche wie warnend im Traume erschienen! Er wäre nicht so schön geworden, wie er jetzt ist, aber ich hätte meine Ruhe behalten – – und wäre jetzt nicht hier in Italien.

»Ich sah also gleich den andern Morgen das Mädchen, ich war entzückt von dieser lieblichen Erscheinung, ich bat den Vater auf's Dringendste um die Erlaubniß, sie zum Modell meiner Liebe zu nehmen. Er gab es nicht gern zu, und erst den mit den meinen vereinigten Bitten des Schulmeisters und Pfarrers gelang es, seine Einwilligung zu erhalten.

»Rosalie war sechszehn Jahre alt. Anfangs überlief sie ein frommer Schauder bei dem Gedanken, daß ihr Gesicht so allein in der Kapelle zwischen anderen weißen Gestalten stehen solle, und sie beruhigte sich erst, als ich ihr versprach, auch meine »Hoffnung« so weit abzuändern, daß sie einer ihrer Freundinnen ähnlich sehe – einem ebenfalls recht hübschen Mädchen.

»Ich modellirte nach ihrem lieblichen Gesichte und war glückselig dabei. Ich führte es in Marmor aus und war entzückt über mein eigenes Werk. – Was soll ich Ihnen aber nun weiter sagen? Das Uebrige können Sie sich ganz gut denken. – Ich hatte bis dahin nur meiner Kunst gelebt, all' die schönen Weiber- und Mädchengestalten, die mir bisher begegnet, hatte ich nur so mit den Augen des Künstlers angesehen. – Hier war das zum ersten Male anders; kurz, ich liebte, ich liebte grenzenlos mit der Gluth der Jugend, mit dem Feuer der ersten Liebe.

»Wie hatte ich anfänglich den Tag herbeigewünscht, an dem ich diese einsame Gegend wieder verlassen könnte! Jetzt aber hätte man mir alle Schätze der Welt bieten können, ich hätte freiwillig dieses für mich so reizende Thal nicht mehr verlassen. Ich hoffte auf ihren Besitz, ich wollte hier ein stilles Künstlerleben führen, fern vom Geräusche der großen Städte; ja, wenn es mir an Arbeit in meiner Kunst gemangelt hätte, so würde ich diese bei Seite geworfen haben, ich hätte mich mit dem bescheidensten Dasein begnügt. Ich wäre dem Schulmeister als Zeichnenlehrer an die Hand gegangen, ja ich wäre Steinhauer geworden und hätte Grabsteine und Tröge gemeißelt. – Ich war wie rasend vor Liebe.«

»Es scheint mir wirklich so,« entgegnete ich ihm lächelnd.

»Auch Rosalie liebte mich, ich wußte das ganz wohl, doch habe ich nie ein Geständniß von ihr erhalten; ich wußte es – das war mir genug. Ich wollte dieses selige Geheimniß, das meine ganze Brust ausfüllte, nicht in Worten vor meinen Ohren hören, nicht eher, als bis mir ihr Besitz gesichert gewesen wäre.

»Da sprach ich mit dem Vater – aber meine Hoffnungen wurden mit Einem Male vernichtet. Zuerst lächelte er über meinen Antrag, wie über eine leichte Grille, ein jugendliches Aufwallen, das bald vorüber sein werde. Als ich aber dringender wurde, als ich ihm gute und gültige Beweise über meine Verhältnisse vorlegte, und dringend die Hand seiner Tochter verlangte, da schüttelte er seinen Kopf und sagte fest und ruhig: »Unmöglich! daraus kann in alle Ewigkeit nichts werden!«

»Längere Zeit wollte er mir, dem Verzweifelnden, nicht einmal einen Grund angeben; endlich sagte er, über das Schicksal Rosaliens sei in frühester Jugend entschieden worden, er könne, bei Gott dem Allmächtigen! nicht anders handeln. Da wurde der alte Mann weich und die Thränen traten ihm in die Augen. Er gab sein heiligstes Wort, daß er in der Sache nichts für mich thun könne, und wenn ihm selbst, dem Vater, der mich lieb gewonnen, das Herz darüber breche. Er rieth mir, augenblicklich abzureisen, und setzte hinzu: »wenn Sie nicht gehen, so sehe ich mich genöthigt, das Mädchen zu entfernen.«

»Diesem seinem Worte glaubte ich nicht und irrte wie ein Wahnsinniger mehrere Tage durch die Wälder, trat unzählige Mal in die Kapelle vor mein Werk, umkreiste das Schloß, um sie zu sehen – umsonst! – ich konnte keine Spur von ihr entdecken. Ich dachte mir, ihr Vater bewache das Mädchen, weil ich mich in der Nähe des Schlosses umher treibe; ich blieb deßhalb drunten im Wirthshause in meiner Stube, wo ich an ihre Fenster sehen konnte. Alles vergebens! Dort droben blieben die Vorhänge fest zugezogen – ich konnte nichts von ihr entdecken.

»Da kam eines Morgens der Schulmeister zu mir – er hatte von der Geschichte gehört – und während ich mit ihm darüber sprach, schnupfte die gute Seele aus einer Horndose eine Prise um die andere, und dabei zwinkerte er mit den Augen, als wenn ihm sein Tabak zu stark wäre.«

»Wissen Sie was, mein lieber Herr Professor?« sagte er nach einer Pause; »reisen Sie ab – Rosalie ist fort.«

»Fort? Und wohin?«

»Das weiß Niemand, als der Alte droben.«

»Ihr Vater?«

»Ja,« sagte stockend der Schulmeister, »ja – ihr Vater – doch man weiß das nicht so ganz genau.«

»Was?« rief ich und ein Strahl von Hoffnung belebte mich; »man weiß nicht ganz genau, ob Rosalie abgereist ist?«

»O nein,« entgegnete er, »daran ist kein Zweifel; aber man weiß nicht genau, ob der Alte droben – – ihr Vater ist.« »Ah!« rief ich aus, »und ich kann Sie versichern, diese Nachricht traf mich wie ein Blitzstrahl. Ich versuchte, aus dem Schulmeister mehr herauszubringen – umsonst. Entweder wußte er in der That nichts, oder er wollte nichts sagen.

»Darauf hatte ich eine zweite Unterredung mit dem alten Verwalter. Sie hatte denselben Erfolg wie die erste, und er sagte mir am Ende achselzuckend: Da Sie nicht gegangen sind, wie ich Ihnen gerathen, so habe ich das Mädchen entfernen müssen. – Lange stand ich dann in der Kapelle vor meinem Werk und schaute unter Thränen das marmorne, blasse, geisterhafte und doch so liebe, liebe Gesicht an. O, meine Kunst hatte mir trefflich gedient: da war jeder ihrer reizenden Züge mit einer Treue wiedergegeben, mit einer Wahrheit, die mich jetzt schaudern machte. Mehrmals stand ich im Begriffe, mit Hammer und Meißel mein eigenes Werk zu verderben; aber eine unsichtbare Gewalt zog meinen Arm zurück, so oft mich dieser unselige Gedanke antrieb, die Hand zu erheben. Ich floh die Kapelle, packte meine Sachen zusammen, ich verließ das Thal und die Gegend; ich ging nach München zurück und legte mich auf genaue Kundschaft über die Verhältnisse jener gräflichen Familie, für die ich gearbeitet. Ich hoffte hier einen Faden zu erhalten, der mich auf ihre Spur leiten könnte. – Wenn sie, wie der Schulmeister mir angedeutet, nicht die Tochter des Verwalters war, wer konnte sie sein? – Ich erfuhr endlich, daß der jetzige Besitzer jener Herrschaft, Graf D., keine Kinder habe, wenigstens keine legitimen; doch erzählte man sich von einem gespannten Verhältnisse, in welchem er lange Zeit mit seiner Gemahlin gelebt. – War Rosalie vielleicht seine natürliche Tochter? – ein schrecklicher Gedanke, wenn ich ihre Züge nachgebildet am Grabe derjenigen, welche die Gemahlin ihres Vaters war, ohne ihre Mutter gewesen zu sein!

»Aber meine Ruhe war dahin, meine Kunst widerte mich an. So oft ich nach jener Zeit den weichen Thon zu formen begann, so traten immer und ewig ihre Züge zu Tage. Ich verließ München wieder, ich wollte große Reisen unternehmen, weite unbekannte Länder sehen – ich hoffte, sie alsdann zu vergessen. Da ertönte aus den lombardischen Ebenen der erste Trompetenstoß, da entfaltete Radetzky, der große Feldherr, seine siegreiche Fahne, da vernahm ich, daß Graf D. in österreichische Dienste getreten war, um den glorreichen Feldzug des Jahres 1848 mitzumachen. Es war mir wie ein Wink des Schicksals, in seine Nähe zu eilen. Die Jugend hat sonderbare Träume – ich dachte an große Thaten, die ich verrichten wollte; ich sah mich auf blutgedüngtem Schlachtfelde, vielleicht in seiner, des Grafen Nähe. Er lag schwer verwundet in meinen Armen – so phantasirte ich – es war in stiller Nacht, er vertraute vor seinem Tode dem Deutschen, dem Landsmanne, ein Geheinniß an, das seine Brust bedrückte, er erzählte mir von jenem Schlosse und von einer Tochter, die ihm dort lebe – – solche Bilder beschäftigten meinen Geist und zerstörten meine Gesundheit.

»Auf dem Wege nach Verona, wo sich damals die österreichische Armee befand, wurde ich krank und lag Monate lang an einem heftigen Fieber darnieder. Als ich wieder hergestellt war, schien der ganze Feldzug beendigt, Radetzky war siegreich in Mailand eingezogen, der Waffenstillstand mit Karl Albert geschlossen. Da ward dieser unverhofft gekündigt, der Marschall zog auf's Neue sein Schwert für die gerechte Sache; ich eilte hieher und meldete mich als Freiwilliger. Ich wurde angenommen, wie Sie bereits wissen, und – das ist meine ganze Geschichte.«

So erzählte mir der junge Bildhauer, und seine Geschichte war mir so interessant, daß ich nicht bemerkte, wie schnell die Zeit verflogen. Unser Punsch war zu Ende, mehrere Cigarren ausgeraucht, und die Flamme des dreiarmigen Leuchters brannte dunkelroth, und zu dem Fenster herein drang der schwache Schein des anbrechenden Morgens. Da standen unsere unberührten Lagerstätten – wer wollte sich jetzt noch für eine kleine Stunde zur Ruhe legen? Mein junger Künstler war sichtlich aufgeregt und ging mit heftigen Schritten auf und nieder. In dem Nebenzimmer wurde es lebendig, Stimmen riefen, Säbel klirrten auf den Gängen und Treppen, im Hofe schmetterte lustig eine Trompete.

Ich öffnete das Fenster und sah beim schwachen Scheine der Morgendämmerung, wie sich ein Stabsdragoner zu Fuß eilfertig dem Gasthofe näherte. Es war der Reiter, den ich bei meinen Pferden zurückgelassen. Ich rief ihm zu, daß ich auf Nummer Vier sei, und darauf sprang er die Treppe herauf und meldete mir, das Hauptquartier breche in einer Viertelstunde auf.

Mein junger Bildhauer hatte sein Skizzenbuch wieder in das Felleisen gepackt, wir riefen nach einer Tasse Kaffee, die uns ein schlaftrunkener Kellner brachte; dann machten wir mit kaltem, frischem Wasser und einer Haarbürste unsere Toilette, und nahmen Abschied von einander, wie langjährige gute Freunde. Ehe ich aber den jungen Freiwilligen verließ, schrieb ich ihm auf eine Karte ein paar freundliche Worte an den Major v. C., einen liebenswürdigen Offizier, den ich kennen gelernt und bei dessen Bataillon mein junger Landsmann eingetheilt war.

»Ich habe Sie in der That lieb gewonnen,« sagte er mir und drückte mir zum Abschiede herzlich die Hand; »ich hoffe, wir sehen uns wieder. Vielleicht auf dem Schlachtfelde – vielleicht auch im Spital« – setzte er lächelnd hinzu.

»Gott wolle das verhüten!« versetzte ich ihm ernst; »doch für den Fall, daß Ihnen etwas begegnen sollte, nehmen Sie meine Karte – »Doktor Wellen beim Hauptquartier.« Wenn es möglich, so verlangen Sie nach mir oder schicken mir diese Karte zurück; ich werde Sie alsdann nach besten Kräften aufsuchen und will Sie gewiß finden. Adieu, mein lieber Freund – Muth und Vertrauen!«

Er nahm sein Felleisen unter den Arm, warf den Mantel über und wir schieden von einander mit denselben Gefühlen, als ob wir uns schon lange Jahre gekannt hätten.

Mit dem ersten Scheine des jungen Tages brach das Hauptquartier von Pavia auf, ich mit demselben. Es war ein schöner, klarer, etwas frostiger Morgen; die Pferde schüttelten sich und sogen schnaubend die kalte Luft ein. Drüben bei Graveltone sahen wir vor uns die letzten Truppentheile, welche heute noch in aller Frühe die Stadt passirt hatten. Wir ritten weiter – es fiel nichts von Bedeutung vor.

Den folgenden Tag trafen wir auf jenes Jägerbataillon; es war die letzte Nacht durchmarschirt und uns so vorgekommen. Ich sprach den Kommandanten desselben, Major v. C; er hatte meine Karte erhalten, der Freiwillige war bereits eingekleidet und eingetheilt worden.

»Ein hübscher Bursche!« sagte der Major, indem ich an ihm vorbeiritt und ihm herzlich die Hand schüttelte, »und er hat, glaube ich, den Teufel im Leibe – kennt das Exercitium wie ein alter Jäger.«

»Ich glaube, er hat in Mailand darin Privatstunde genommen,« erwiderte ich lachend.

»Wird ihm gut bekommen, die Lektion!« sagte der Major und blickte in die Luft hinauf; »es riecht hier verdammt nach Pulver, es kann mit Nächstem losgehen. Denken Sie an mich, Doktor!«

»Na, leben Sie wohl! auf frohes Wiedersehen!« – Wir drückten uns herzlich die Hand und schieden.

Da kam der Tag von Mortara. Es war Abends in einem kleinen Neste, ein paar Stunden von eben genannter Stadt – ich habe den Namen des Dorfes vergessen – da hörten wir vor uns und rechts neben uns die ersten Kanonenschüsse; unsere braven Truppen hatten in zwei Gefechten zu thun, bei Gambolo das eine, das bedeutendere bei Mortara. – Aber alles das ist genugsam bekannt. Noch in der Nacht verließ ich das Hauptquartier und ging nach Mortara, um da hülfreiche Hand zu leisten. Es gab genug zu thun, und sämmtliche Aerzte kamen aus den provisorisch eingerichteten Lazarethen diesen und den folgenden Tag nicht hinaus.

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