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Eugen Stillfried - Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried - Erster Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried - Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke - Erste Gesammt-Ausgabe
volumeZehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

Der Erzähler dieser Geschichte führt den geneigten Leser zu einem ästetischen Thee. – Viel warmes Wasser und Butterbrod.

Finster und schweigend verließ der Major die Kaserne, und der lange Adjutant ging ebenso finster und schweigend neben ihm her. Der Erstere war durch das eben Vorgefallene aufs Tiefste erschüttert – eine solche Entheiligung der Kaserne und noch obendrein eines Theiles der Kaserne, in welchem sein Bataillon lag! Als er an der Straßenecke ankam, wo er rechts nach seiner Wohnung ging, verabschiedete er den Lieutenant von Stifeler, wobei er aus der Tiefe seines Herzens nur das einzige Wort: »Unerhört!« hervorbrachte.

»Unerhört!« sagte der Adjutant ebenfalls und hielt seine rechte Hand so lange an die Pickelhaube, bis der Chef um die Ecke verschwunden war; dann begab er sich nach der Kaserne zurück, um den angefangenen Landsknecht zu vollenden.

Es war ein Glück, daß der Major, als er ebenfalls nach Hause kam, durch das Rumoren in demselben, welches ihn vorhin vertrieben, einigermaßen zerstreut wurde; auch warteten seiner verschiedene kleine Haushaltungsgeschäfte, welche er bei festlichen Veranlassungen, wie der heutigen, selbst zu besorgen pflegte.

Zwiebel, der Bediente, hatte seine Messer und Gabeln geputzt, auch den Salat gelesen, darauf mit seinen militärischen Händen Kartoffeln geschält und das Küchenfeuer unterhalten. Auch hatte ihn die gnädige Frau unterdessen in verschiedene Kunstläden herumgeschickt, um sich einige kostbare Bilderwerke »zur Ansicht« kommen zu lassen, die dann heute Abend gleichfalls zur Ansicht der Eingeladenen figuriren sollten. Ferner hatte Zwiebel von einem Sprachlehrer, mit dem die gnädige Frau hie und da französische Werke las, eine kleine Abhandlung in dieser Sprache holen müssen; es waren Recensionen über ein neu erschienenes Werk, das viel von sich reden machte; und der Major hatte sich schon mehrere Stunden des Tages damit beschäftigt, die Recension sauber abzuschreiben – ebenfalls zum »gefälligen« Auffinden.

Der Major stieg indessen die Treppe hinauf, erhitzt vom schnellen Gehen, noch prustend in Folge des gehabten Aergers. Das Geklapper der Teller und das Geklirr der Gläser, dazu der süße Bratenduft, den er roch, waren kaum im Stande, seinen Unmuth zu zerstreuen. Mehr aber als durch dieses bezwang er ihn beim Anblicke Zwiebel's, der in seinem Zimmer den Schlafrock parat hielt und ein sehr bedenkliches Gesicht machte; denn der Major entnahm hieraus, daß der Diener schon lange geharrt und daß es nöthig sei, die trüben Gedanken zu verscheuchen, um sich mit Ernst den seiner harrenden Geschäften hinzugeben.

Er setzte hierauf die Pickelhaube ab, entledigte sich des Waffenrockes mit den dicken Epauletten und schlüpfte in sein bequemes Hauskleid.

Wenn wir nicht wüßten, geneigter Leser, daß es deinem Herzen wohlthun würde, einen rauhen, wilden Krieger, dessen Geschäft es ist, den Säbel zu schwingen und donnernde Schlachten zu gewinnen, einmal in sanften, friedlichen Geschäften zu erblicken, so würden wir die nächsten Zeilen nicht niederschreiben; aber da wir glauben, daß Herkules, der den Stall des Augias mistet (der Major kam, wie wir wissen, von einem ähnlichen Geschäfte), dir vielleicht kaum interessanter sein wird, als der sanfte Herkules am Spinnrocken, so fahren wir fort und wollen berichten, was der Major nun begann, nachdem er seinen Schlafrock angezogen und sich eine kurze Tabakspfeife angezündet.

Er ging zuerst zu seiner Frau hinüber, nicht ohne vor der Thüre zu deren Zimmer die Tabakspfeife in den Schlafrock gesteckt zu haben. Hier begann er ein gleichgültiges Gespräch, so daß man sah, daß er nicht in der Stimmung war, über gemeine Dinge – die Vorbereitungen zum Thee heute Abend – zu sprechen. Madame zerkaute die Feder, die sie in der Hand hatte, und blickte dabei schwärmerisch gen Himmel. Auch gab sie dem Major auf seine Fragen oft die verkehrtesten Antworten, so daß er sich nicht lange in dem Musentempel aufhielt, sondern ein paar Saiten tiefer griff und sich nach dem Eßzimmer begab, das neben der Küche gelegen war.

»Donnerwetter! wie sieht's hier noch aus?« sagte der Major zu seinem Zwiebel, der hoffnungslos neben einem Haufen der verschiedenartigsten Dinge stand, die alle noch für heute Abend gehörig geputzt und hergerichtet werden mußten, als da waren: Weinflaschen, Spielkarten, Stearinlichter, silberne Löffel und Gabeln in Paketen zu einem halben Dutzend, sorgfältig versiegelt, mit der Adresse des Majors Freiherrn von Brander darauf, verschiedene Käse in Papier, ein Korb voll feinen Theebackwerks, ein anderer voll gewöhnlichen Brodes und mehr dergleichen Sachen noch, die zu einem ästhetischen Thee und einer unästhetischen Whistpartie nöthig und erforderlich sind.

Nachdem der Major seine Pfeife wieder in Brand gesetzt, vorher aber die Fenster geöffnet und das Nebenzimmer geschlossen, schlug er die Aermel seines Schlafrocks in die Höhe und begann mit großem Gepolter das vor ihm liegende Chaos zu ordnen.

»Was meinst du, Zwiebel,« sprach der Gastgeber, »wenn wir zuerst bei den alten Weinflaschen anfingen? Ich glaube, es wäre am besten, wenn wir dieses zerbrechliche Zeug in Reih' und Glied brächten und unter einem Winkel aufmarschiren ließen.«

»Zu Befehl, Herr Major!« entgegnete der Bediente; »ich glaube, der Herr Major thäten ganz wohl daran.«

Dieser ließ sich nun nach dieser Zustimmung eine Serviette geben und auch die Flaschen Stück für Stück herüber reichen. Er hielt sie vor das Licht, wischte mit dem Tuche den Staub ab, öffnete mit dem Pfropfzieher; das alles geschah mit großer Feierlichkeit und außerordentlich behende. Die Flaschen mit weißem Wein wurden in die rechte Ecke gestellt, die mit rothem in die linke, und hiezu dampfte die Tabakspfeife und schaute der Bediente zu mit aufgesperrtem Maule.

»Siehst du, Zwiebel,« sagte der Major mit dröhnender Stimme unter diesen Geschäften, »ich halte es unbedingt für besser, die Flaschen so abgeputzt und hergerichtet auf den Tisch zu stellen; es gibt freilich Leute, die sie ihren Gästen mit dem Kellerstaub vorsetzen, um damit das hohe Alter des Weines anzuzeigen; aber es ist die vollkommenste Renommage; Staub gehört nicht auf den Tisch. – Apropos, da ich einmal bei dem Staube bin, der mit dem Schmutze große Aehnlichkeit hat, so möchte ich auch da in der Küche dir ein paar Worte ins Gewissen reden« – er rief diese Worte überlaut ins Nebenzimmer hinein – »ich muß mir sehr ausbitten, daß heute Abend nicht wieder Schüsseln vorkommen, an deren Rande die schwarzen Tatzen abgemalt sind; Alles muß reinlich und nett sein, sehr reinlich, keine Malpropreté. – Mir scheint auch,« fuhr der Freiherr von Brander fort, und hob die Nase und schnüffelte in die Luft, »als rieche ich etwas Verbranntes, so einen verbrannten Kalbsbratengeruch. Paßt mir doch auf, ins Dreiteufelsnamen!«

Er eilte geschäftig in die Küche, um sich von der Wahrheit seiner Behauptung zu überzeugen, und blieb einen Augenblick mit aufgestemmten Armen vor dem Kochherde stehen.

»Riecht Sie denn gar nichts, Babette?« fragte er nach einer Pause, während welcher er seine Geruchsnerven übermäßig angestrengt, »riecht Sie in der That nichts? He, Zwiebel! merkst du nichts Verbranntes?«

Damit eilte er ins Eßzimmer zurück. »Zu Befehl, Herr Major,« sagte der Bediente, »es brandelt wirklich etwas.«

»Sieht Sie, Babette,« schrie der Major, »auch Zwiebel hat's gerochen!«

»Ja, jetzt rieche ich es auch,« erwiderte die Köchin, »aber es kommt von einem Papier her, das man in den Ofen geworfen, Papier aus der Madame ihrem Zimmer; es wird eine Schreibfeder dabei gewesen sein.«

»Donnerwetter! eine Schreibfeder?« rief der Major entrüstet, »also nicht der Kalbsbraten. Babette? Kann ich mich darauf verlassen, daß es nicht der Kalbsbraten ist? Dann ist es gut!«

»Gewiß kein Kalbsbraten!« versetzte die Köchin.

»Ja wohl, Federn,« sagte Zwiebel bestimmt, »kein verbrannter Kalbsbratengeruch.«

»Bon!« sprach der Major.

Die Köchin und Zwiebel hätten um Alles in der Welt nicht zugegeben, daß der Kalbsbraten gebrandelt hätte, und wenn dieses auch wirklich der Fall gewesen wäre. Der Major, wenn er sich einmal so mit Haushaltungsgeschäften befaßte, war außerordentlich reizbar, sobald solche Fehler vorkamen, und konnte dann über alle Maßen grob werden. Kam dagegen nichts Unrechtes vor, so war er in solchen Momenten der leutseligste und herablassendste Herr, den man sich nur denken konnte.

Jetzt waren die Flaschen beseitigt. Zwiebel stellte ein Dutzend leere Leuchter auf den Tisch, und der Major machte sich mit eigenen Händen daran, dieselben mit frischen Stearinkerzen zu bestecken. Er that das nur in der reinen Absicht, damit keine schief aufgesteckt würde, denn solches war ihm ein Gräuel. Ja, wenn alle Leuchter montirt waren, so wurden sie in eine Linie gestellt und mit Zwiebel's Beihülfe aufs Genaueste gerichtet. Auch die Papiere unten durften nur so weit vorstehen, wie es bei den Halsbinden der Soldaten der Fall war, genau eine und eine Sechzehntelslinie. Es hätte den Major außerordentlich betrübt, wenn man am Anzuge seiner Leuchter die geringste Unregelmäßigkeit entdeckt hätte.

Dieses Geschäft ging indessen glücklich von Statten; der Major schwitzte vor Arbeit und Vergnügen und war äußerst guter Laune.

»Solltest du's wohl glauben,« sagte er nach einer längeren Pause, »daß es Leute gibt, die verbrannten Kalbsbraten essen?«

Zwiebel schauerte ein klein wenig zusammen und schüttelte den Kopf.

»Du glaubst es nicht?« sagte der Major.

Der Diener war sehr in Verlegenheit, ob er Ja oder Nein sagen sollte, da er nun nicht genau wußte, welche Ansicht in diesem Punkte sein Herr entwickeln würde; er behalf sich deßhalb mit einem außerordentlich dummen Lächeln.

»Ja, es gibt solche Leute,« fuhr feierlich der Major fort und nahm ein Trinkglas vom Tisch, das er gegen das Fenster hielt, um zu sehen, ob es auch rein geputzt wäre; »es soll solche Leute geben,« wiederholte er, hauchte dann in das Glas hinein und wischte mit der Serviette darin herum, um einen Flecken zu vertilgen, den er entdeckt.

»Wer hat die Gläser eigentlich geputzt?« fragte er hierauf und unterbrach dadurch seinen Ideengang in Betreff des verbrannten Kalbsbratens. »Donnerwetter! ich finde darin eine Unsauberkeit – hier war ein Flecken. Zwiebel, wenn du Zeit hast, so werden alle Gläser nochmal durchgesehen; verstehst du mich? Man kann doch den Weibsbildern nicht das Geringste anvertrauen! – So – Lichter, Flaschen, es wäre Alles in Ordnung; jetzt wollen wir einmal über die Spielkarten gehen, zu jedem Tisch zwei Spiele, ein rothes und ein blaues; wir haben drei Tische. Hast du sechs Spiele, Zwiebel?«

»Zu Befehl, Herr Major!«

»Drei blaue und drei rothe?« »Zu Befehl, Herr Major!«

»Bon!« sagte dieser. »Jetzt wollen wir einmal einen Blick in die Zimmer werfen, um nachzusehen, ob da Alles in gehöriger Ordnung ist.«

Draußen in der Küche war ein unterdrücktes Husten hörbar, und eine sanfte Stimme sprach: »Babette, Sie muß sich ein wenig eilen, es ist gleich sieben Uhr, um halb Acht kommen die Herrschaften.«

»Die Frau Majorin,« sagte Zwiebel sehr schüchtern, und fügte mit leiser Stimme hinzu: ... »Die Pfeife ... Herr Oberstwachtmeister.«

»Ja so, die Pfeife!« antwortete dieser einigermaßen verwirrt, »richtig, die Pfeife; ich danke dir, braver Zwiebel! Da nimm sie und steck' sie in die Tasche. – Donnerwetter, das war ein Geschäft!«

Diese letzten Worte galten der eintretenden Majorin, welche in diesem Augenblicke einem starken Hustenanfalle fast zu erliegen schien. »Aber, lieber Ferdinand,« sagte sie, »wie kann man denn eine halbe Stunde vor einer Soirée im Gesellschaftszimmer rauchen?«

»Nicht im Gesellschaftszimmer, mein Schatz!« versetzte freundlich der Major, »Gott soll mich bewahren! – Gewiß nicht, nur hier im Eßzimmer, und es sind überdies die Fenster auf, das geht im Augenblicke wieder hinaus.«

»Da sehe ich auch Cigarren auf dem Tische liegen,« fuhr die unerbittliche Majorin fort, »ein ganzes Paket Cigarren! – Aber, Ferdinand, was fällt dir um Gotteswillen ein?!«

»Das ist ja für die Whistpartie,« sagte der Major kleinlaut und verlegen und setzte rasch hinzu, als er bemerkte, daß seine Ehehälfte die dünnen Lippen zusammenbiß: »für's Nachhausegehen, versteht sich von selbst, da nimmt jeder der Herren sich eine; das ist so der Brauch.«

»Ich will mich nicht an jenen Abend erinnern,« sprach die Majorin streng, »wo bei einer Whistpartie hier in diesem Zimmer geraucht wurde, und wo man drüben bei mir fast erstickt wäre. Ach, der Tabaksdampf greift meine Nerven entsetzlich an! Es liegt schon etwas Rohes in dem Begriff des Rauchens; kann man sich die Cigarre oder eine Tabakspfeife bei irgend einer zarten Situation des menschlichen Lebens denken? Gewiß nicht! Schon die Idee des Rauchens ist gegen alle Poesie!«

»Aber alle Poeten und Schriftsteller,« erlaubte sich der Major zu sagen, »rauchen ungeheuer; ich habe das schon oft gehört.«

»Gewiß nicht alle,« entgegnete sanft die Majorin; »es gibt deren freilich, ich will das zugeben; aber auch sie treiben alsdann diese böse Gewohnheit nur heimlich; ich wenigstens habe noch nie Jemanden gekannt, der roh genug gewesen wäre, die reine Luft eines Theezimmers dadurch zu verpesten.«

Mit diesen Worten begab sich die Dame stolz in ihren Salon, und der Major folgte ihr, um sich zu überzeugen, daß dort Alles in Ordnung sei.

Zwiebel blieb unterdessen im Eßzimmer und rauchte aus der noch brennenden Pfeife des Majors verstohlener Weise die letzten Züge, während er Flaschen, Lichter und Gläser an ihrem Orte aufstellte, sowie die Spieltische richtete und auf jeden ein rothes, sowie ein blaues Paket Karten legte.

Drüben arbeitete der Major im Schweiße seines Angesichts und legte die letzte Hand an die Einrichtung des Theezimmers. Die Stühle wurden bestens gerichtet, die Tassen auf dem Tisch ebenfalls, und mittlerweile war es halb acht Uhr geworden, die Stunde, zu welcher die Gesellschaft eingeladen war.

»Der Teufel!« sagte der Major, »jetzt ist es schon halb Acht, und ich bin noch nicht einmal angezogen. Da werde ich nun ungeheuer eilen müssen!«

»So geht es dir beständig,« erwiderte die Majorin sanft und ruhig, »du wirst nie zu rechter Zeit fertig.« – Sie hatte sich malerisch auf einen Fauteuil niedergelassen, stützte das Gesicht mit etwas melancholischem Ausdruck auf die Lehne desselben und schien in tiefes Nachdenken versunken.

Diese Dame hatte freilich mehr Zeit zu ihrer Toilette gehabt, als der gute Major; sie, die Hausfrau, hatte weder Lichter aufgesteckt, noch Flaschen abgewischt, noch die Küche überwacht, daß der Kalbsbraten nicht anbrenne, woher es denn auch kam, daß sie vollkommen Zeit hatte, nachdem sie die Feder weggelegt, sich auf's Beste heraus zu putzen. Sie trug ein Kleid von hellseegrünem Mousselin; auf der Stelle des Busens trug sie ein kleines Rosenbouquet, ihr Haar war mit Immergrün verziert.

Wir brauchen kaum dem fühlenden Leser zu sagen, daß Blumen und Blätter äußerst sinnig ihren Schriftstellernamen anzeigten – Rosa Immergrün!

Draußen wurde unterdessen die Glocke gezogen.

»Gerechter Gott!« schrie der Major, »jetzt kommt schon Gesellschaft, und ich bin noch im Schlafrock! Zwiebel, schau nach, wer es ist; führ' ihn in den Salon, ich werde mich in das Eßzimmer retiriren.« – Er that also, öffnete aber im nächsten Augenblicke selbst die Salonthüre, um den zuerst Angekommenen herein zu lassen.

Es war dies nur der Adjutant, Lieutenant von Stifeler, vor dem er sich nicht zu geniren brauchte.

»Freut mich ungeheuer,« sagte der Major, »daß Sie so früh kommen, lieber Stifeler! Thun Sie mir die einzige Liebe und spazieren mir durch die Zimmer, um nachzusehen, ob Alles an seinem gehörigen Platze steht und in scharfer Richtung ist, mein Freund. Um Gotteswillen, kein krummes Glied! Ich will unterdessen meine Toilette machen; seien Sie ganz rücksichtslos, ohne alle Nachsicht.«

Der Adjutant, Lieutenant von Stifeler, machte der Dame des Hauses sein Kompliment und ging, das ihm Aufgetragene zu besichtigen. Der Major zog sich in sein Schlafzimmer zurück und putzte sich unter Beihülfe des getreuen Zwiebel aufs Beste heraus; er zog dann den zweiten Paradewaffenrock an, dazu die Epauletten Numero drei – es wurde bald Abend, und da glänzten sie ja doch wie neu – er strich sein Haar unternehmend in die Höhe, der Bart wurde lange gewichst, bis er in zwei drohenden Spitzen horizontal über dem Munde stand; das Sacktuch wurde mit Rosenöl beträufelt – die Majorin Rosa litt in ihrem Hause kein anderes Parfüm – und so gerüstet trat der Hausherr in das Gesellschaftszimmer.

Der Lieutenant von Stifeler hatte nicht außerordentlich viel zu erinnern gefunden; nur einige unwichtige Sachen waren ihm aufgestoßen, die er aber alsbald reparirte; zum Beispiel ein Stuhl, der sich einen Zoll vor seinem Kollegen herausgedrängt, eine Tasse, die auf der Seite lag, sowie im Eß- und Spielzimmer zwei Lichter, die sich um eine halbe Linie nach rechts neigten, – ein Fehler, den sogar das scharfe Auge des Majors übersehen.

Jetzt tönte draußen die Glocke abermals, und nun kamen die Gäste. Anfangs erschienen sie in größeren Pausen, nachher aber schneller auf einander, und Zwiebel in der neuen Livree: lederfarbenem Rock und gelber Weste, kam ebenso wenig mehr von der äußeren Thüre weg, wie der Major von der inneren, bis Alles versammelt war.

Es war eine zahlreiche Gesellschaft da, Herren und Damen, erstere aber vielleicht die Hälfte mehr als die Letzteren; und das kam daher, weil die Whistpartie natürlicher Weise aus lauter Männern bestand. Dies waren meistens alte Stabsoffiziere, auch einige Hauptleute darunter, und dann einige Regierungs- und andere Räthe, die sich bei Damengespräch und Theetassengeklirr durchaus nicht heimisch zu fühlen schienen. Diese Mitglieder der Gesellschaft waren froh, als sie der Dame des Hauses ein Kompliment gemacht und es ihnen darauf gestattet war, sich in irgend eine Ecke des Salons zu harmlosem Zwiegespräch oder zu tiefen Alleinbetrachtungen zurück zu ziehen. Es waren meistens ganz gescheidte Leute, denen es aber sehr schwer wurde, diese nothwendige nichtssagende Theeconversation anzuknüpfen, die, außerordentlich beredt in ihrem Fache und unter den Männern, es sehr schwer fanden, in Damenkreisen den Gemüthlichen und Liebenswürdigen zu spielen, und denen, wenn sie auch in solchen Augenblicken ihrem Geiste die mächtigsten Sporenstöße gaben, doch nichts einfiel, und die steif und unbeholfen neben der plappernden, hier geistreichen, sich ungeheuer amusirenden Jugend dastanden in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle.

So eine Theeconversation von Weitem zu belauschen, all' das Geräusch und all' die Worte ohne Zusammenhang aufzufassen, macht einen außerordentlich komischen Eindruck. Das hustet und räuspert durch einander, das kichert und lacht, die Tassen klirren, der Theekessel singt; die alten Damen bilden um den großen Tisch den innersten Kern und sprechen über ernste Gegenstände, die jüngeren sitzen außen herum in einzelnen Gruppen – leichte Vorposten, dem ersten Angriff des Feindes bloßgestellt. Und dieser Feind in schwarzem Frack, in weißen Glacéhandschuhen, den Hut entweder ängstlich vor den Bauch gedrückt oder denselben schüchtern auf den Rücken haltend oder kühn in die Seite gestemmt, attaquirt die Vorposten und fängt auf der ganzen Linie an zu plänkeln. »Charmant! –köstlich! – deliciös!« knallt es von allen Seiten. – »Finden Sie das auch, mein Fräulein?« – »Gewiß! – Superb! – Sie sehen, wie ich lache. – O, das kann nicht Ihr Ernst sein! – Auf Ehre! – Auf Seele! – Sie Unausstehlicher! – Großartig, ich versichere Sie! – Bei Gott! – Reizend! – Ueberirdisch! – Himmlisch schön ...« Und dann lacht es wieder, und in einer Viertelstunde oder noch früher ist die äußere Vorpostenkette durchbrochen, die jungen Leute im schwarzen Frack und in Uniform schlagen sich kühn durch die Vorposten hindurch mit einer ganzen Menge von ... »Bitte um Entschuldigung! – Erlauben Sie! – Bitte recht sehr! – Mit Vergnügen!« – und greifen das Centrum an, das ruhig und gefaßt diesen Angriff erwartet.

Dazwischen durch bemerkt man Zwiebel's lederfarbene Gestalt; sein Gesicht lächelt freundlich, während ihm Angst- und Schweißtropfen auf der Stirn stehen und während die Tasse auf seinem Teller ängstlich klappert. Gott! er hat unbestimmte Ahnungen von großem Unglück, das ihm begegnen könnte, von heimtückischen Sporen, Hühneraugen und zarten Damenschuhen, die ihm statt des Teppichs unter seine breiten Füße gerathen könnten, von umstürzenden Stühlen und Tischen oder Ueberschütten verschiedener Tassen mit heißem Thee und dergleichen mehr. Bald trägt er eine Anzahl leerer Tassen zurück und stürzt darauf mit ebenso viel angefüllten wieder in das dichteste Schlachtgetümmel hinaus.

Noch ist die Theegesellschaft ein förmliches Chaos. Wasser und Land schwimmt noch durch einander, der Geist und die Materie sind noch nicht geschieden; mit anderen Worten: die rohen Elemente der Whistpartie wurden noch nicht in das Eß- und Spielzimmer verwiesen. So lange, bis dieses nicht geschehen, ist es unmöglich, daß ein angenehmes Gespräch gedeihen kann.

Die alten Herren mit ihren Pickelhauben unter dem Arm, wie sie da an der Wand und in den Ecken umher stehen, fühlen sich durchaus nicht an ihrem Platz, und ihre ernsten Gestalten lassen anderntheils auch die strömenden Wasser einer poesiereichen Unterhaltung nicht zum gehörigen Durchbruch kommen.

Endlich aber gibt die Majorin mit ihren Augen dem hierauf schon ängstlich wartenden Gemahl ein kleines Zeichen. Dieser schreitet händereibend und feierlich bei den Mitgliedern der Whistpartie vorüber und sagt zu jedem ein heimliches Wort.

Es ist erstaunlich, welche Wirkung dieses hervorbringt. Mit leisem Schritt, ja kaum sichtbar, sind sie mit größter Schnelligkeit verschwunden. Das dunkle Nebenzimmer hat sie verschlungen, und der Letzte schleicht soeben scheu zur Thüre hinaus, indem er sich ängstlich umschaut, ob ihn nicht eine gesprächlustige Dame so nahe am rettenden Ausgange noch angreifen und festhalten würde.

Der Abfluß und Niederschlag dieser gröberen Stoffe hat nun die Bestandtheile der Gesellschaft etwas geklärt. Der Grund ist freilich schon lange zu Tage getreten, aber das unfruchtbare Terrain ist mit dem fruchtbaren, auf dem Palmenwälder blühen, Brunnen rauschen und Nachtigallenhaine entstehen, noch zu innig vermischt; es muß da noch eine gewaltige Absonderung stattfinden, ein neuer chemischer Prozeß, worauf der Niederschlag der noch vorhandenen allzu materiellen Stoffe erfolgt, um dem geistigen Prinzipe einen Weg zu bahnen, daß es lustig emporflattern kann, sich selbst zum Vergnügen, der wartenden Menschheit aber zu Nutz und Frommen.

Diese Absonderung geschieht, indem sich die Gastgeberin, Rosa Immergrün, Majorin von Brander, von ihrem Sitze erhebt und sich mit einem sanften Gespräche an die Thüre des Nebenzimmers hinzieht. Ihr Aufstehen ist das Signal für die Gesellschaft, es gleichfalls so zu machen, und hier taucht eine Dame auf aus der Klappermühle eines freundschaftlichen Gespräches, und dort sieht man einen jungen Herrn mit einem bangen Blick auf das Nebenzimmer ein Gespräch so schnell als möglich abbrechen.

Rosa Immergrün kann als schwärmende Königin des Bienenstocks betrachtet werden; denn wenn sie sich erhebt und anderswo niederläßt, so erhebt sich mit ihr die ganze Schaar ihrer Anhänger und läßt sich ebenfalls im Nebenzimmer nieder.

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