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Eugen Stillfried - Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried - Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried - Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke - Erste Gesammt-Ausgabe
volumeZehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Von der Entweihung einer königlichen Infantrie-Kaserne und dem Strafgericht des Majors, Freiherrn von Brander.

Der Major der Infanterie, Freiherr von Brander, war ein angenehmer Mann und wohlgelitten in allen Kreisen der Gesellschaft.

»Wir sagen: in allen Kreisen, und glauben nicht zu viel damit behauptet zu haben.

Um von unten anzufangen, hing das Volk der kleinen Gewerbe und größeren Handwerke, Schuster, Schneider seinerseits, Putzmacherinnen und Nätherinnen von Seiten der Freifrau von Brauder, an ihm mit festem Glauben, da sie seine Gläubiger waren. Die Soldaten liebten ihn wie ihren Vater, und die Furcht, ihm vielleicht durch eine Kleinigkeit zu mißfallen, war so groß, daß bei seinem Anblick das ganze Bataillon, inclusive der Unteroffiziere und Feldwebel, der Lieutenants und Hauptleute, ordentlich erzitterte, und ihm jedes einzelne Glied dieser großen militärischen Familie, wenn es nur irgend möglich war, aus dem Wege ging.

Bei den Bürgersfrauen stand der Major wegen außerordentlicher Moralität in hoher Achtung. Er hegte durchaus nicht den Grundsatz manches Kollegen, daß es den Soldaten erlaubt sein müsse, den Bürger zu chicaniren, indem es den Vaterlandsvertheidigern gestattet sei, das dienende weibliche Personal seinen Pflichten abwendig zu machen; noch viel weniger aber konnte er die Ansicht theilen, es seien Dienstmädchen und Köchinnen der ganzen Stadt nur zum Vergnügen und zur Unterhaltung einer rohen Soldateska angeschafft. Er war in diesem Punkt außerordentlich streng; er hatte unter Anderem den Unteroffizieren und Feldwebeln seines Bataillons eingeschärft, genau darüber zu wachen, daß das Fraternisiren des Militärs in dieser Richtung mit Individuen der bürgerlichen Klasse so viel als möglich unterdrückt würde. Soldaten dagegen, die seine Befehle nicht achteten, und die sich durch ein solches Verlieren in andere Stände in allerlei unangenehme Konflikte brachten, wußte er exemplarisch zu bestrafen. Er gab ihnen bei Wasser und Brod Gelegenheit, über ihre Fehler nachzudenken, und wenn sie anders mit der deutschen Literatur bekannt waren, hatten sie Zeit genug, in Numero »Sicher« – so nennen gefühlvolle Seelen das Arrestlokal – zu jammern:

»Schönheit war die Falle meiner Tugend,
Auf dem Richtplatz hier verfluch' ich sie!«

Höher hinauf in den Kreisen der Gesellschaft, bei seinen Stabskollegen, bei dem kleinen Adel, war dieser Mann wegen seiner festen Grundsätze anderer Art sehr wohl gelitten. Der Major war nämlich überzeugt, daß der liebe Gott die höheren Klassen in einem Anflug von guter Laune zu seinem Privat-Vergnügen erschaffen und zu deren Anfertigung einen weit besseren Urstoff genommen, als dies bei den Kreaturen weiter unten geschehen.

Auch in noch höheren Schichten, ja, dort hinauf, wo kein irdisches Auge klar und deutlich mehr steht und, vom Schimmer geblendet, zurückbebt: an den Stufen des Thrones wußte man, daß der Freiherr von Brander in der Welt sei; und ehe er den Besitz seiner Gemahlin errang, hatte er das Glück gehabt, bei großen Festlichkeiten, ja sogar bei kleinen Kammerbällen häufig als »Tanzender« eingeladen zu werden, und einmal sogar hatte ihn der Kriegsminister so hoch gewürdigt, daß er ihn speziell um seinen Rath in einer militärischen Angelegenheit befragte. Es handelte sich damals um eine Aenderung in der Bewaffnung des Heeres, und wir können mit Stolz sagen, daß in dieser wichtigen Angelegenheit der Rath des Majors, Freiherrn von Brander, das weiße Lederzeug nämlich, statt mit Kreide, mit geriebenem Thon anzustreichen, sowie ferner dem Soldaten zu erlauben, den obersten Haken seines Uniformkragens in den Freistunden zu öffnen, siegreich durchdrang.

Der Major von Brander war ein kleiner, untersetzter Herr, mit außerordentlich dicken Epauletten und einem fast zu kurzen Waffenrocke. Er hoffte durch Letzteres seine Gestalt einigermaßen größer erscheinen zu lassen, was ihm aber hiedurch nur unvollkommen gelang. Sein Gesicht war dick und rund; ein gewaltiger Schnurrbart theilte es in zwei fast gleiche Hälften, deren untere sich in einer schwarzen, ordonnanzmäßigen Halsbinde verlor, die obere dagegen, mit zwei kleinen, grauen Augen verziert, sich in ein Gebüsch kurz geschorener, etwas struppiger Haare endigte. Die Gesichtsfarbe des Majors war gesund zu nennen; sie hatte etwas vom Camäleon an sich, denn wenn seine Züge bei gewöhnlichem Wetter sanft geröthet erschienen, so schillerten dieselben dagegen bei kühlem Wind und Frost stellenweise ins Purpurrote und Bläuliche hinüber, und Abends in einem etwas warmen Salon beim Whistspiel, namentlich aber bei einem guten Souper, nahmen die Backen des Freiherrn von Brander eine Färbung und einen Glanz an, welche sich nur mit denen eines gut gebratenen Gänseschenkels vergleichen lassen.

Die Majorin, Freifrau von Brander, war, was äußerliche und Körper-Vorzüge anbelangt, vollkommen das Gegentheil ihres Gemahls. Ihre Gestalt, um einen vollen Kopf länger als die ihres Herrn und Gebieters, war hager und dürr; der Kopf paßte hiezu vortrefflich und war nur in seiner Verbindung mit dem Körper ein unerklärliches Räthsel für jeden aufmerksamen Beobachter; denn diese Verbindung – der Hals nämlich – war so entsetzlich dünn, daß man nicht begriff, wie es ihm gelang, selbst diesen Kopf zu tragen. Das Gesicht bildete ein förmliches Dreieck mit sehr spitzigem Kinn und außerordentlich breiter Stirne; und diese breite Stirne war der Stolz der Majorin und der ganzen Brander'schen Familie, nicht eben wegen der äußeren Form, sondern wegen ihres inneren Gehaltes.

Die Freifrau von Brander war Dichterin ...

Nicht blos geheime Dilettantin, sondern wirklich ausübende Gedruckt-worden-seiende. Dabei war sie als Schriftstellerin eine Frau von sehr aufgeklärten Grundsätzen; denn sie hatte sich als solche ihres adeligen Namens entäußert und nannte sich am Ende ihrer Aufsätze, sowie am Anfange ihrer Gedichte: Rosa Immergrün.

Die jungen Offiziere des Regiments, welche keinen Begriff davon hatten, wie verdienstvoll es von der Majorin war, daß sie neben der Besorgung ihres Hauswesens und der Erziehung ihrer Kinder – es existirten freilich keine, aber es hätten doch welche da sein können – der Kunst und Wissenschaft diente, machten sich in allen ihren Kreisen über sie lustig und bezeichneten die Gemahlin ihres Chefs mit dem höchst unpassenden Namen: Majorin Blaustrumpf, welche Unart, als sie ihr einst zu Ohren kam, von ihr in einem vortrefflichen Gedichte belohnt wurde, das uns aber leider nicht mehr aufzufinden gelang.

Der Major von Brander war an dem Tage, an dem unser Kapitel beginnt, in einer sehr nachdenklichen Stimmung nach der Kaserne gegangen.

Zu Hause wurde gekocht und gebraten, Conditor-Jungen liefen treppauf, treppab, aufwärts mit heiteren Mienen und großen Schüsseln voll Backwerk, abwärts mit leeren Händen und einigermaßen niedergeschlagen, da es ihnen trotz einiger schüchternen Versuche nicht gelungen war, dem Wunsche ihres Meisters nachzukommen, nämlich die Zahlung für das Backwerk mitzubringen. Die ganze Wohnung war in offenbarer Zerstörung begriffen: Möbel wurden verrückt, Betten entfernt, die Köchin putzte Gläser und Flaschen, der Bursche schliff Messer und polirte Gabeln.

Die Majorin hatte nämlich, um einem längst gefühlten Bedürfniß abzuhelfen, den Entschluß gefaßt, den Damen ihrer Bekanntschaft, sowie einigen Schöngeistern der Stadt einen ästhetischen Thee zu geben, und der Major hatte dieses Angenehme mit dem Nützlichen dadurch verbunden, daß er für sich eine Whistpartie arrangirte und eine dringend gewordene Abfütterung jener Leute veranstaltete, bei denen er seinerseits schon einige Mal zu Gast gewesen war.

Man kann gar nicht behaupten, daß sich der Major in besonders angenehmer Stimmung befand. Der eben erwähnte Spektakel in seinem Hause war ihm zu kostbar und unangenehm, und ferner hatte seine Gemahlin für ihren ästhetischen Thee die besten Zimmer in Anspruch genommen und die Whistpartie in ein paar Hinterstuben verwiesen, damit, wie sie sagte, jenes rohe Element nicht zu geräuschvoll eintrete in die sanften Harmonieen ihres auserwählten Cirkels. Man muß deßhalb aber nicht glauben, als seien beide Gesellschaften vollkommen getrennt gewesen. Im Gegentheil. Zuerst sollte ein Vereinigungspunkt um den Theetisch stattfinden, und erst nachdem die Seelen der gebildeten Leute durch einiges aufgegossene warme Wasser weich und empfindlich geworden, und die Magen der hohen Spieler aus der gleichen Ursache so angefüllt, daß es ihnen möglich wurde, später große Quantitäten Weines und Bieres zu sich zu nehmen, sollten sich beide Partieen trennen.

Vorn sollte angenehmes Gespräch säuseln, sowie Neuerschaffenes vorgelesen, hinten gespielt werden; und getrennt waren beide Gesellschaften durch die Garderobe der Majorin, ein dunkles Gemach: die finstere Grenze von der Hölle in den Himmel. – –

Der Major hatte eigentlich an diesem Nachmittage durchaus nichts in der Kaserne seines Bataillons zu thun; er pflegte nie um diese Stunde hinzugehen, weßhalb er auch, wie wir gleich sehen werden, von seinen militärischen Kindern durchaus nicht erwartet wurde.

Er näherte sich dem weitläufigen Gebäude in der guten Absicht, die Leute durch seinen Anblick zu erfreuen und zugleich zu sehen, ob sich Alles in Richtigkeit und bester Ordnung befinde. Zu diesem Zwecke ging er auch nicht durch das Hauptthor der Kaserne, sondern schlenderte auf einem Umwege durch mehrere Straßen zu einer kleinen Hinterthüre, durch die er ungesehen zu dem Flügel gelangen konnte, in welchem sein Bataillon lag. Ehe der Major diese Wohnungen erreicht hatte, vernahm er schon von Weitem das Geseufze einer Violine und das Jubeln einer Klarinette, die sich bemühten, in zarter Harmonie eine Polka hervorzubringen. Obgleich es nun in den Kriegsartikeln nicht verboten war, in der Kaserne Violine und Klarinette zu spielen, und sich darunter eigentlich nichts Schlimmes vermuthen ließ, so kam es doch dem Major seltsam vor, daß er dazu ein Geräusch hörte, wie von vielen strampelnden Beinen, das taktmäßig mit der Polka ging. Der Major stieg langsam die Treppe hinauf, und je weiter er kam, desto deutlicher wurde es ihm, daß in einem Zimmer seines Bereichs eine Tanzmusik aufgespielt, und daß zu der Tanzmusik obendrein auch getanzt wurde. Er schüttelte gewaltig sein Haupt, und die Züge desselben, seines Gesichts nämlich, begannen ins Dunkelröthliche zu spielen. Es mußte dies wohl von dem starken Gehen in der Mittagshitze kommen. – Jetzt blieb er plötzlich stehen – – aber nein, das war unmöglich – – und doch – – zwischen dieser Musik hörte er auch zuweilen einen rasselnden Trommelwirbel; derselbe fing leise an, schwoll zu bedeutender Stärke und hörte pianissimo wieder auf.

Der Major blieb erstaunt stehen und horchte. Das war gewiß unmöglich und doch täuschte er sich nicht. – – Ja, er vernahm lachende Weiberstimmen – am Ende waren es sogar Mädchen, die so laut aufschrieen – und ferner – er mochte kaum seinen Ohren trauen – Kindergeschrei – ja, die Stimmen von kleinen unschuldigen Kindern, welche obendrein die allgemeine Tanzlust nicht zu theilen schienen; denn die Kinder schluchzten und heulten und jammerten durcheinander, als wenn sie an jener Musik gar keinen Gefallen fänden und ihnen etwas absonderlich Unangenehmes geschähe.

Der Major, als kluger Feldherr, beschloß, den Feind im Rücken anzugreifen, ihn zu überraschen, und öffnete deßhalb leise das Zimmer neben dem, in welchem getanzt wurde. Schrecklicher Anblick! – Hier sah es nicht im Geringsten aus wie in einer ordentlichen Kaserne, sondern wie in einer Kleinkinder-Bewahranstalt. Sämmtliche Betten – und es waren deren zwölf im Zimmer – sah er besetzt von kleinen schreienden Wesen, von einem halben Jahre an bis zu vier Jahren; eine ganze Musterkarte von Kinderstimmen war hier vertreten – sämmtliche Rangklassen der bürgerlichen Gesellschaften in ihren Sprößlingen. Das bewiesen ihre Anzüge von Kattun, Merino, Seide und Sammt, und ihre Kopfbedeckungen, vom baumwollenen Mützchen an bis zum italienischen Strohhut mit Band und Feder.

Entsetzlicher Anblick!

Der Major, entrüstet – nein, dieses Wort ist nicht im Stande, den Zorn des Majors auszudrücken – außer sich, schritt durch dieses Kinderzimmer, nicht ohne daß einer der älteren Buben, die herumkrabbelten, den Versuch machte, in den kleinen Beinen des Majors oder seinem langen glänzenden Degen ein neues passendes Spielzeug zu erobern, welcher Beweis kindlicher Zuneigung in diesem Augenblick jedoch nicht im Stande war, das Herz des Racheengels zu erweichen.

So gelangte er unbemerkt an die Thüre des Tanzsaales, und er mußte sich einen Augenblick an einem Pfosten desselben festhalten, um sich so weit sammeln zu können, daß es ihm möglich war, ohne seinem Ansehen zu schaden, würdevoll unter die Schuldigen zu treten.

Da befanden sich in diesem Nebenzimmer sämmtliche Kindsmädchen, welche zu den draußen abgelegten Kindern gehörten, und dabei etwa ein Dutzend seiner Unteroffiziere. Ja, wir können es nicht verschweigen, es waren keine gewöhnlichen Soldaten, es waren »Avancirte,« und Jeder hatte ein Mädchen im Arme und tanzte so wahnsinnig mit ihr im Zimmer herum, daß der Staub aufwirbelte, die Röcke weit hinaufflogen und die Dielen krachten.

Die Unglücklichen waren obendrein so im Eifer des Vergnügens und durch die schöne Tanzmusik so in den Schuß gerathen, daß es ihnen nicht möglich war, plötzlich einzuhalten und eine der unglücklichen Tänzerinnen an den etwas schnell und unvorsichtig hereintretenden Major dergestalt anprallte, daß letzterer das Gleichgewicht verlor und nach zweimaligem Umdrehen auf eine Trommel niederzusitzen kam, was einen dumpfen, unheimlichen Ton verursachte. Dieser dumpfe Ton fuhr wie der Posaunenschall des jüngsten Tages auch in die Ohren dieser Schuldigen. Die zwölf Dienstmädchen kreischten laut auf und suchten das Weite.

Hiefür hatte aber der Major gesorgt, indem er die Thüre des Nebenzimmers hinter sich abgeschlossen; den Tanzsaal hatten die Unglücklichen selbst abgesperrt, indem sie einen Tisch vor die Thüre desselben gerückt, auf welchem die Musik gestanden und aufgespielt. Wir sagen: »gestanden;« denn in dem Augenblick, wo der Major sichtbar wurde und wo jener Trommelschlag ertönte, brach die Musik mit einer schrillen Dissonanz ab, und die beiden unglücklichen Musikanten, das Aergste befürchtend, riskirten ihre Flucht durch ein ziemlich breites Oberlicht über der Thüre und entkamen auch auf diese Art, ohne von dem Vorgesetzten erkannt zu werden.

In den ersten zehn Minuten war der Major nicht im Stande, nur ein einziges Wort hervorzubringen; seine Fäuste ballten sich krampfhaft, die Augen hatte er weit aufgerissen, seine Gesichtsfarbe spielte ins Dunkelrothbraunviolette! – –

Der Freiherr von Brander konnte außerordentlich grob sein, und er war es auch bei außerordentlich vielen Gelegenheiten. Es war dies eine Schattenseite an diesem sonst so vortrefflichen Charakter. Heute aber kam diese Grobheit nicht zum Ausbruche; seine Aufregung war zu stark; er grollte nur in der Entfernung einige dumpfe zehntausend Donnerwetter und Kreuz-Mohren-Stern-Elemente, dann aber war es wieder still, eine schwüle Stille, eine entsetzliche Stille! Der Major schloß die Thüre hinter dem Tische ebenfalls ab, ging nach dem Nebenzimmer, setzte sich dort auf einen Stuhl und befahl mit donnernder Stimme den Verbrechern und Verbrecherinnen, Eines um das Andere hervor zu kommen.

In der ganzen Kaserne war es indessen schon ruchbar geworden, daß der Major von Brander ungeladen bei der Tanzpartie erschienen war. Der Offizier du jour, der auf seinem Zimmer mit einigen Freunden eine Partie Landsknecht spielte, faßte den Entschluß, sich vor dem erzürnten Vorgesetzten jetzt nicht mehr sehen zu lassen, und bat dagegen seinen Kameraden, den Bataillons-Adjutanten, der ebenfalls zufällig zugegen war, hinüber zu steigen und wo möglich den Zorn des Majors abzulenken, daß er nicht auf den Gedanken verfalle, ihn, den unglücklichen Offizier du jour, für den Spektakel verantwortlich zu machen.

Der Bataillons-Adjutant, Lieutenant von Stifeler, war ein Offizier, der den Teufel nicht fürchtete, aber vor dem Major Brander gewaltigen Respekt hatte; doch nahm er in diesem Punkt allen seinen Muth zusammen und ging eilenden Schrittes nach dem Zimmer Nr. 44, wo das Schreckliche geschehen. Da fand er die Thüre verschlossen und klopfte an. Der Major schrie: Herein! mit einer solch fürchterlichen Stimme, daß es den Adjutanten eiskalt überlief; er fürchtete nicht mit Unrecht, sein Erscheinen werde den Chef veranlassen, die vielleicht schon geschlossenen Schleusen seiner Beredtsamkeit noch einmal aufzuziehen, und der arme Adjutant hatte gar keine Ahnung davon, daß die ganze Grobheit des Vorgesetzten bis jetzt künstlich aufgestaut worden war, und daß sein Eintritt den mühsam erbauten Damm durchbrechen, die wilden Gewässer entfesseln würden, auf daß sie zügellos dahin strömten.

Der erste Ausdruck, der sich auf dem Gesichte des Majors beim Erscheinen seines Adjutanten malte, war der einer unaussprechlich tiefen Wehmuth; er faltete sogar die Hände über seinem ziemlich dicken Bauche zusammen und blickte an seinem Adjutanten, der über zwei Kopflängen größer war, kummervoll in die Höhe. Der Lieutenant von Stifeler faltete ebenfalls seine Hände zusammen, doch nicht über seinem Bauche, – denn er hatte keinen – dabei ließ er die Mundwinkel hangen, zog die Augenbrauen in die Höhe und schaute noch ungleich schmerzerfüllter in die Tiefe, als sein Chef in die Höhe.

»Gräßlich!« sagte der Major nach einer Pause und zuckte die Achseln.

»Unerhört!« sprach der Adjutant, und zog seine Schultern so hoch hinauf, daß sein Kopf fast zwischen denselben verschwand.

»Nein! nein!« schrie der Major, und mit einer solchen entsetzlichen Stimme, daß die Fenster erklirrten, und dabei sprang er mit gleichen Füßen einmal im Kreise herum. »Da soll ja eine ganze Legion von Donnerwettern in einem Hagel von Sterngranaten in die Mordbande hineinfahren! Ist denn die Kaserne Seiner Majestät« – bei den letzten Worten legte er die Hand salutirend an die Pickelhaube, und der Adjutant machte es gerade so – »ein Tanzboden geworden, und die ganze Welt zu einem Narrenhaufen mit zehntausend Millionen Narren? Hat man je so etwas erlebt, ohne daß die Erde entzwei gespalten wäre und diese ganze Schwefelbande mit hinunter geführt, oder der Himmel eingestürzt und mit all seinen tausend Sternen und Elementen auf ihre Köpfe hernieder und sie zusammen gewettert, daß die Fetzen davon geflogen, so weit es Luft hat zwischen Himmel und Erde? Alle Welt-Kreuz-Mohren-Tausend-Himmel-Stern- und Granaten-Sakerment! Wo fang' ich an zu strafen und wo hör' ich auf? – Doch wozu mich eigentlich ereifern?« Bei diesen Worten schlug der Major ein krampfhaftes Gelächter auf und ließ sich, tief Athem holend, auf einen Stuhl nieder.– –

»Herr Lieutenant von Stifeler,« sagte er nach einem längeren Stillschweigen, während dessen er blos durch Blicke, aber desto deutlicher gesprochen, »nehmen Sie gefälligst Ihr Taschenbuch zur Hand, wir wollen zu Gericht sitzen, schauerlich zu Gericht sitzen, und die nichts ahnenden Herrschaften dieser nichtsnutzigen Weibsbilder sollen erfahren, wem sie ihre Kinder anvertraut.«

Der Major, so laut er auch schrie, hatte doch Mühe, sich verständlich zu machen; denn die erschreckte Kinderschaar war – das heißt die, welche laufen konnte – aus Furcht zwischen zwei Betten zusammen gekrochen und stieß beim Anblick des kurzen Majors und des langen Adjutanten ein mörderliches Geschrei aus. Nur ein einziger Sprößling, ein Bube von vier Jahren, konnte sich von der großen Trommel, vor welcher er stand, nicht trennen, und bearbeitete das Fell derselben auf eine die Ohren zerreißende Art.

»Herr Lieutenant von Stifeler,« befahl der Major, »sagen Sie den Kindern, daß sie stille sind, es soll ihnen nichts zu Leide geschehen.«

Der Adjutant griff abermals an seine Pickelhaube; doch brachte der erste Schritt seiner langen Beine, den er auf die Kinder zu that, und das erste Wort, womit er sie haranguirte, nicht die gewünschte Wirkung hervor. Der Adjutant hatte im Allgemeinen einen sehr undeutlichen Begriff von der Behandlung kleiner Kinder, und die Art, sie im vorliegenden Falle, wo sie in der königlichen Kaserne vor den Augen des Majors unbändig schrieen, ohne vorher die Erlaubniß hiezu eingeholt zu haben, zu beschwichtigen, war er nicht so glücklich aufzufinden. Er behandelte sie wie eine Schaar Rekruten und sagte zu ihnen in einer tiefen Baßstimme: »Verschiedene Kinder! ich kann es euch auf Ehre! nicht verhehlen, daß ich es für ungeheuer unpassend und durchaus gegen das Kasernenreglement halte, daß ihr hier so unvernünftig schreit; doch der Herr Oberstwachtmeister« – dabei faßte er abermals an seine Pickelhaube – »sowie ich haben wahrhaftig keine Idee, euch etwas zu Leide zu thun. Darum, liebe verschiedene Kinder, steht still und betraget, euch so manierlich und anständig, wie man es von einem königlichen Landeskind in einer königlichen Infanteriekaserne zu erwarten berechtigt sein kann.«

Auf diese Rede hin, die an sich nicht ohne war, schrieen die Kinder noch heftiger als zuvor, und der jugendliche Trommler versuchte einen Wirbel zu schlagen.

Der Adjutant wandte sich achselzuckend zu seinem Chef und erlaubte sich die Bemerkung, es sei vielleicht besser, wenn man jeder der Verbrecherinnen gestatte, ihr Kind heraus zu suchen und selbst zum Schweigen zu bringen; man habe auf diese Art Alles bei einander, die Uebelthäterinnen mit den betreffenden Corpus delicti's.

Bevor der Major hiezu seine Einwilligung gab, versuchte er es, den jungen Trommler eigenhändig von der Trommel zu entfernen, ohne jedoch zu dem gewünschten Resultate zu kommen; denn der Junge vertheidigte seine Beute aufs Nachdrücklichste, und hatte so wenig Respekt vor dem Major, daß er sogar von der Defensive in die Offensive überging und mit seinen Trommelschlegeln nach den dürren Beinen des Offiziers stieß.

»Wir wollen das Verhör mit diesem Rangen anfangen,« sagte würdevoll der Major. »Wo ist die Person zu diesem Kinde?«

»Hier!« ließ sich eine schüchterne Stimme vernehmen.

»So! Sie ist also diese pflichtvergessene Person, die, anstatt mit den Kindern in Gottes freier Luft spazieren zu gehen, in die königliche Kaserne schleicht, um Ihrer Tanzlust zu fröhnen, während Sie dieses unartige Kind, das eine Aufsicht so nöthig hat, sich selbst überläßt? Bei welcher Herrschaft ist Sie? wem gehört dieser Schlingel? – Nun, wird's bald? Antwort!«

»Bei des Generals von Hammerbach Excellenz bin ich,« sagte die unglückliche Person mit niedergeschlagenem Blick.

»Gerechter Gott!« rief der Major und faßte an seine Pickelhaube; »bei Seiner Excellenz dem Herrn General von Hammerbach? Und dieses liebenswürdige Kind, das Sie so gräulich vernachlässigt, ist sein Sohn?«

»Ja,« sagte das Mädchen, und der Adjutant schauderte.

»Trommle du ruhig weiter, mein liebes Kind,« fuhr der Major fort, »du hast ganz recht, du kannst nichts dafür, daß man dich in die Kaserne geschleppt. – Aber ist es nicht erstaunlich,« wandte er sich zu seinem Adjutanten, »wie dieser kleine junge Herr schon so vortrefflich trommeln kann? Es wäre anderswo eine Freude, ihm zuzuhören, aber hier ist es entsetzlich. Herr Lieutenant von Stifeler, sehen Sie einen Augenblick nach, das Kind hat die Trommelschlegel verkehrt; haben Sie doch die Güte, und geben Sie sie ihm recht in die Hand. – So! – Jetzt trommle nur zu, mein Söhnchen; man muß ein Talent immer unterstützen; das ist in der That ein kleines militärisches Genie. – Aber weiter!« –

Der beschränkte Raum dieser Blätter verbietet uns leider, das ganze Verhör des Herrn Majors von Brander in vollkommenster Umständlichkeit wiederzugeben: wir können nur versichern, daß, wie schon gesagt, hier sämmtliche Kreise der Gesellschaft vertreten waren. Da gab es, wie schon erwähnt, kleine Generale, ferner Regierungs-, Steuer-, Hof- und Stadträthe, dann Kaufleute, ja Schneider und Schuster, und was die letzteren anbelangt, so hatten sie sich blos durch die äußeren Vorzüge ihrer Kindsmädchen, welche von allen die blühendsten und frischesten waren, in diese vornehme Gesellschaft eingeschlichen.

Nachdem der Adjutant sämmtliche Namen der Herrschaften, sowie sämmtliche Vor- und Zunamen der Verbrecherinnen bestens notirt, wurden dieselben nach einer langen und kräftigen Rede des Majors entlassen und ihnen die tröstliche Versicherung mit auf den Weg gegeben, daß er nicht ermangeln werde, dieser Unthat im Parolebefehl zu erwähnen, daß er aber hauptsächlich durch ein Cirkularschreiben brevi manu sub voto remissionis an ihre betreffenden Häuser auf ihre nachdrückliche Bestrafung hinwirken wolle.

Die Namen der Unteroffiziere, sowie der Compagnieen, zu welchen sie gehörten, wurden ebenfalls aufgeschrieben, um sie den betreffenden Hauptleuten übergeben zu können; der unglückliche Tambour dagegen, der die königliche Trommel zum Kinderspiel hergegeben, wurde drei Tage in Arrest geschickt, bei Wasser und Brod, und das von Rechts wegen.

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