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Eugen Stillfried - Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried - Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried - Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke - Erste Gesammt-Ausgabe
volumeZehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel.

Joseph Pierrot fällt in einen Blumenkorb, erlebt eine traurige Niederlage und entdeckt mit Schrecken, daß es noch klügere Leute als er auf der Welt gibt.

Während sich hierauf das würdige Brüderpaar erhob, um sich nach dem Schauplätze einer neuen Thätigkeit, der Weinkneipe der Frau Schilder, zu begeben, ging im gleichen Augenblick auf dem Markt ein anderer unserer Bekannten ebenfalls diesem Lokale zu.

Dieses war Monsieur Joseph-Pierrot, der in seiner Lieblingshaltung, den Hut auf dem rechten Ohr, die Hände in den Hosentaschen, mit einer frischen Cigarre im Munde, daher zog.

So oft es sich thun ließ, ging dieser getreue Diener quer über den Marktplatz, so nahe wie möglich an dem Obst- und Gemüsestande der Madame Schoppelmann vorüber. Er spähte in solchen Fällen nach der schönen Katharina und pflegte, wenn sie alsdann aufblickte, mit möglichst weit abgewandtem Gesicht vorbei zu schreiten. Er wollte damit als feiner Mann ausdrücken: »Du siehst, hier bin ich, aber wenn ich mein Gesicht abwende, thue ich vor aller Welt, als fiele es mir gar nicht ein, nach dir hinüber zu schauen.« Dabei verdrehte er aber sein rechtes Auge auf eine entsetzliche Art, um trotzdem bemerken zu können, im Falle ihm die schöne Katharina einmal winkte, um einen Auftrag oder so etwas zu erfüllen. Das war ihm aber bis jetzt noch niemals vorgekommen; denn das Mädchen, so sehr es seinen Herrn liebte, und so innig, ja so ergeben sie zu ihm aufblickte, war doch viel zu stolz, um dem Bedienten nur den vierten Theil eines freundlichen Wortes zu gönnen.

Heute war übrigens die schöne Katharina nicht mehr bei ihren Körben, und in einem solchen Falle, der häufig vorkam, pflegte der treue Pierrot sich dem Stande der Madame Schoppelmann zu nähern, um mit der Frau selbst oder den Mägden während des Ankaufs einigen Obstes eine kleine Unterredung anzuknüpfen. Heute Morgen war Madame Schoppelmann in höchst eigener Person auf dem Markte, und ein feinerer Menschenkenner, als Joseph, hätte unfehlbar bemerken müssen, daß die Dame sich nicht gerade in der rosenfarbensten Laune befand.

Joseph indessen schritt mit seinem dummen Gesichte, das er mit einem blödsinnigen Lächeln verziert hatte, gerade auf die Madame Schoppelmann zu und pflanzte sich in seiner ganzen Schönheit vor den Körben auf. Beide standen sich fast in der gleichen Haltung gegenüber, nur daß die Frau ihre beiden Arme, statt in ihren Taschen, auf die breiten Hüften aufgestemmt hatte.

Wir glauben annehmen zu können, daß die Gemüsehändlerin den Mann, der so vor sie hintrat, genau zu kennen die Ehre hatte, daß sie wußte, er sei der Bediente seines Herrn. Keine Frage, ob ihm etwas gefällig sei, begrüßte ihn. Die Frau stand unbeweglich, wie ein Koloß, und schaute mit einem finsteren Blick in sein lächelndes Angesicht.

Der gute Pierrot, der gar nicht die Absicht hatte, besondere Einkäufe zu machen, kam etwas Weniges aus der Fassung, als ihn die Frau so, man könnte sagen, herausfordernd, anschaute, und suchte im ersten Augenblicke vergebens nach dem passenden Anfang zu einer Rede, und als er endlich sein großes Maul öffnete und einige Worte sprach, waren eben diese Worte nicht geeignet, Madame Schoppelmann freundlicher für ihn zu stimmen.

»Ich habe,« sagte er stotternd, »einen Blumenstrauß kaufen sollen, aber ...«

»Was aber?« fragte die Gemüsehändlerin laut.

»Aber ...« fuhr Joseph verlegen« fort, »von der schönen Katharine selbst.« – Er hoffte jetzt, wenn er die Tochter schön nenne, müsse sich die Mutter außerordentlich geschmeichelt fühlen?

Dem war aber durchaus nicht so. »Wer ist die schöne Katharine?« lief entrüstet die Gemüsehändlerin, und hob einen Augenblick ihre schweren Fäuste aus den Seiten, stemmte sie aber gleich darauf wieder so heftig ein, daß ihr ganzes Gebäude leicht erzitterte. – »Wer fragt nach der schönen Katharine?«

Pierrot nahm seine Cigarre aus dem Munde und lächelte noch dümmer und verlegener als früher.

»Gottes Wunder!« fuhr die Frau fort, »kommt ein solcher Hecht, ein solcher Livreeständer auf offenem Markte zu mir, zu mir, der Frau Schoppelmann,« sagte sie mit vielem Stolze – »und erlaubt sich, nach der schönen Katharine zu fragen. Nehme Er Sich in Acht! – Er – Er – Hanswurst! und such' Er Seinen Weg auf der andern Seite; hier ist kein Grund für Ihn – hier kann Er keinen Stab einschlagen, hier bricht Seine Angelschnur entzwei. – Soll mich Gott bewahren, was es auf der Welt für freches Volk gibt! Ich will Ihm etwas sagen, Spinnengeweb: nehm' Er sich vor der Frau Schoppelmann in Acht! Geh' Er zum Thore hinaus nach dem Kirchhof, oder meinetwegen auch zum Schinder, da liegen mehr so Dinger, wie Er ist.« – Die Frau sprach sich offenbar in den Eifer hinein, und holte jetzt tief Athem, da sie in Folge ihrer heftigen Worte etwas zu verschwenderisch mit demselben umgegangen war.

Pierrot, dem bei dieser Strafpredigt nicht wohl zu Muthe war, und der schon bemerkt, wie die nebenan sitzenden Weiber sich umwandten und mit Fingern auf ihn wiesen, wollte den Augenblick des Stillschweigens der Frau benutzen, um sich sachte von diesem Schlachtfeld zurück zu ziehen; denn ihm ahnete eine noch vollkommenere Niederlage.

Er hatte sich auch hierin nicht getäuscht; denn kaum versuchte er den beabsichtigten Rückschritt, so fuhr die rechte Faust der Madame Schoppelmann aus ihrer ruhenden Stellung auf, faßte ihn plötzlich in der Gegend des Halses, wo aus dem schwarzen Tuche ein paar violet gestreifte Vatermörder emporwucherten, und verpflanzte ihn mit einem kräftigen Ruck vom Pflaster des Marktes unglücklicher Weise mitten in einen Korb hinein, wo er sich plötzlich in Blumen befand – eine Trauerweide zwischen zertretenen Blüthen.

Es war ein außerordentlich komischer Anblick, und Joseph hatte seine Fassung vollständig verloren und zitterte an Leib und Seele.

»Da steht Er nun!« sagte triumphirend die Frau, »und ehe Er, miserabler Storch, aus dem Salate da wieder heraus spaziert, will Ich ihm noch zwei Worte sagen; Er ist mir gerade recht in den Wurf gekommen, und ich habe mir schon lange den Augenblick herbei gewünscht, Seine nähere Bekanntschaft zu machen. Da meint so ein Tagedieb, so ein Tellerlecker und Stiefelwichser, weil er da ein paar bunte Fetzen auf dem Leibe hat, sei er was Rechtes geworden und könne sich unterstehen, zu glauben, ich sei gerade hier auf dem Markte anwesend, damit man so nichtsnutzige Fragen an mich thue, und ich, die Frau Schoppelmann, müßte einen Knix machen – so – und wieder so – und noch einmal so, und freundlich fragen, was dem gnädigen Herrn zu Befehl stände.«

Die Knixe, welche Frau Schoppelmann hiezu wirklich machte, waren gewissermaßen fürchterlich anzusehen; und wenn sie so tief hinab sank und ihre Röcke sich dabei zu einer unendlichen Weite ausdehnten, und nun sich darauf wieder erhob, so duckte sich in diesem Augenblick Pierrot etwas auf die Erde; denn er befürchtete, jetzt sei der Moment gekommen, wo sich die Strafpredigt in ein Attentat auf seine dicken Backen verwandle. Hiedurch kam es, daß er ebenfalls drei Mal knixte, gerade wie die Frau Schoppelmann.

»Aber ich will dem gnädigen Herrn nur sagen,« fuhr die Frau ironisch fort, »daß er künftig in eigenen Angelegenheiten, sowie in denen seines sauberen Herrn weit klüger thut, wenn er in einem großen Umweg um meine Körbe herum spaziert. Nehm' Er sich meine Worte zur Lehre, und lass' Er sich nie mehr in den Sinn kommen, Blumensträuße kaufen zu wollen! – – von der schönen Katharine– – Er Rettig, Er miserabler! Er Pflastersteinwetzer! – Jetzt geh Er nach Hause oder wohin Er sonst Seine nichtsnutzigen Wege zu machen hat! Merk Er sich, wo ich meine Blumen verkaufe, und merk' Er sich, daß ich Frau Schoppelmann heiße; auch wohne ich dahinten, rechts herum, bei dem großen Thor mit dem adeligen Wappen über der Thüre; ja, ich bin auch eine vornehme Familie, schau' Er sich das Wappen recht genau an, ich kann ihm noch mehrere dazu zeigen, und jetzt zieh' Er dahin, Er trauriger Luftzug! – Spazier Er weiter, Er zerschnittener Melonenkopf, Er Zierrath vom Elend!«

Nach dem letzten Ergusse setzte sich die Frau auf einen umgekehrten Korb nieder, trotzdem, daß dieser Korb bedeutend krachte und seufzte. Dann holte sie abermals tief Athem und würdigte den also Ermahnten keines Blickes mehr.

Pierrot hatte sich in diesem Augenblick aufs Schleunigste gewendet und lief mehr, als er ging. Seine eifrige Sorge war, den Marktplatz bald hinter sich zu wissen; denn einige Straßenjungen, denen die verschiedenen Benennungen, womit Frau Schoppelmann ihn beehrt, äußerst passend erschienen, verfolgten ihn lachend und schreiend, bis er in eine enge Seitengasse einbog und dann wieder in eine andere, und so seinen Verfolgern entging.

Der arme Joseph hatte heute einen unglücklichen Tag, und wenn ihn auch nicht seine Geschäfte zum Weinschanke der Frau Schilder getrieben hätten, so würde er dahin gegangen sein, um sich von der erlittenen Niederlage einigermaßen aufzurichten. Bald hatte er dieses traulich stille Asyl erreicht und trat in das Gastzimmer.

Es war dieses ein Ort, um eine gebeugte Seele, die sich nach Ruhe und Einsamkeit sehnte, zu befriedigen, ein Plätzchen, wie gemacht, um in Annehmlichkeit und Gemüthsruhe einige gute Schoppen zu leeren. Hier herein drang nie das Geräusch der Straßen, kaum die Klavierkoncerte der Schullehrer, und wenn man sich, wie Joseph that, in das Hinterzimmer zurück zog, konnte man glauben, man befinde sich, von der ganzen übrigen Welt getrennt, allein auf einer wüsten Insel.

Mit einer wüsten Insel hatte dieses Haus überhaupt viel Aehnlichkeit, insofern man nämlich unter einer wüsten Insel auch eine verwüstete verstehen kann. Hier war kein Stuhl, kein Tisch gesund und fehlerfrei. Alles alte, schwache, krüppelhafte Wesen. Die Tapeten waren grünlich grau angelaufen, die Fenster erblindet; und dieses Letztere konnte man als zarte Aufmerksamkeit der Frau Schilder betrachten, denn hinter diesen Fenstern befanden sich Mist- und Kehrichthaufen, alte Brandmauern und was dergleichen Dinge mehr sind, die unangenehm, in die Augen fallen. – Eines aber war in diesem Hause rein und gut – der Wein nämlich. Die Frau führte nur eine einzige Sorte, einen vortrefflichen Zehner.

Pierrot ließ sich einen Schoppen davon geben, setzte sich an den Tisch, und Frau Schilder leistete ihm Gesellschaft. Es ist wohl der Mühe werth, diese Dame näher zu beschreiben. Sie ist ein mageres, schlampiges Weibsbild, von einer ansehnlichen Leibeslänge; ihr Gesicht ist hager, doch befinden sich in demselben schlaue, unternehmende Augen, und um den Mund hat sie einen verschmitzten Zug. Obgleich der Frau Schilder in den letzten zehn Jahren keine Katze gestorben war, um die sie hätte trauern können, so trug sie doch beständig die Livree des Todes – ein schwarz gefärbtes Merinokleid, dessen Nähte, Aermel, Rücken und Hintertheil sehr ins Fuchsige spielten. Wir können hier nicht umhin, zu bemerken, daß diese Frau, sobald sie auf an sie gerichtete Fragen keine Antwort zu geben wünscht, sich taub zu stellen pflegt.

Joseph konnte nicht unterlassen, in einigen Worten seiner genaueren Bekannten, der Frau Schilder, die unangenehme Geschichte zu erzählen, die ihm so eben draußen auf dem Markte begegnet. »Das ist eine meisterlose Frau,« sagte die Wirthin mit ihrer trockenen heiseren Stimme; »weil sie ein Bißchen Geld erworben hat, glaubt sie, sie könne Alles thun und treiben. Und ihre Tochter, der hochmüthige Rotzaff, ist eigentlich noch viel schlimmer. Mit der Alten ist doch noch zu leben, und wenn man nichts von ihr will, oder sie gerade keinen Zorn hat, so gönnt sie einem doch wenigstens die Tageszeit. Aber die Katharine, die hochmüthige Blumenprinzeß – meint Ihr wohl, Joseph, wenn ich in der Früh' mein Fenster da oben aufmache und einen guten Morgen wünsche, daß sie nur sagte: ich danke? Gott bewahre! – da nickt sie höchstens mit ihrem Kopf, wie eine Königin aus ihrem Schloß. Aber die wird noch einmal gedemüthigt werden, daran zweifle ich nicht. – – Aber sieh doch, sieh doch,« fuhr Frau Schilder fort und verzog ihr düsteres Gesicht zu einem freundlichen Grinsen, »was schwatz' ich da für dummes Zeug! Ja, ja, so geht mir's, immer unbedachtsam: Der gnädige Herr unseres Freundes Joseph da ist der heimliche Geliebte der schönen Katharine; wann wird denn eigentlich geheirathet?«

»Sprecht Sie kein so dummes Zeug!« sprach Joseph sehr würdevoll und streckte seinen Hals hoch empor. »Heirathen? heirathen? – Es heirathet sich nur so gleich!«

»Gleich!« rief die Wirthin und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr, als wollte sie deutlicher hören. »Ei der Tausend, es wird also gleich geheirathet?«

»Ihr seid ja wieder einmal ungeheuer taub!« rief Joseph sehr laut; »ich sage: es denkt Niemand ans Heirathen. Das wär' mir eine schöne Partie!«

»Ja, ja, es wär' freilich eine schöne Partie,« sagte Frau Schilder ernst, »und dann zieht Er da drüben in das Haus, und die Frau Schoppelmann, die Euch ohnehin so lieb hat, wird Euch schon eine frische Herberge anweisen. Mir kann es schon recht sein; Madame Stillfried, geborene Schoppelmann.« »Wollt Ihr mich denn nicht verstehen, oder seid Ihr wirklich ganz harthörig geworden?« rief Joseph ärgerlich! »macht doch keine schlechten Witze! – Was heirathen! was heirathen! Das ist ja nur so eine Liebesgeschichte, das dauert vier Wochen, und damit hollah!.«

»So ists recht!« sagte giftig die Frau: »vier Wochen und dann noch einige Monate – 's wäre außerordentlich lustig.«

Joseph nickte ebenfalls vergnügt mit dem Kopfe, dann rückte er der Frau so nahe, daß er mit seinem Munde fast ihr Ohr berührte und sagte nach einer Pause: »Ihr sollt uns einen Gefallen thun.«

»So?« fragte die Frau und sah ihn an; »Euch oder Eurem Herrn!«

»Meinem Herrn!«

Die Frau nickte abermals mit dem Kopfe und machte mit den Händen eine Bewegung, als zähle sie Geld, wobei sie fragte: »Wirds gut bezahlt?«

»Versteht sich!« zischelte Joseph; »gut bezahlt, und Ihr braucht nichts dafür zu thun.«

»Das ist mir lieb,« entgegnete die Frau; »was soll's denn?«

»Wir brauchen das Zimmer da vorn heraus, das gegenüber dem Schlafzimmer der Katharine, hie und da, nur für einige Stunden des Abends.«

»So, das Zimmer braucht ihr?« fragte die Wirthin nachdenkend; »nun, mir kanns schon recht sein; doch« – setzte sie achselzuckend hinzu – »wirds euch nichts nützen, das Mädchen bringen zehntausend Pferde nicht in mein Haus herüber.«

»Davon ist vorderhand keine Rede,« entgegnete Joseph ärgerlich; »er will nur zuweilen kommen und sich hier im Hause verbergen, bis es vielleicht einmal möglich ist, daß er sie von der Straße aus einen Augenblick sprechen kann. Auch soll er von Eurem Zimmer aus Abends ein paar Mal in das Schlafzimmer der schönen Katharine sehen können.«

»Er soll?« sagte die Frau aufmerksam; und ihre Taubheit schien sich sehr vermindert zu haben.

»Was – er soll – er soll nicht, er will

»So, er will?« lachte spöttisch die Frau; »o lieber Joseph, jetzt wollt Ihr wieder einmal pfiffiger sein, als die arme Frau Schilder; aber dazu habt ihr kein Talent. Nehmt mir nicht übel. Ihr seid ein guter Mensch, aber etwas dumm. – Also ihr braucht ein Zimmer?«

»Ja,« sagte Joseph.

»Und Ihr wollt es mir gut bezahlen?«

»Versteht sich!«

»Nun, so will ich Euch etwas sagen. In meinem Hause muß Alles sauber und ordentlich hergehen, das heißt, ich muß wissen, was darin vorgeht,« entgegnete die Frau mit einem sonderbaren Lächeln. »Glaubt mir, lieber Joseph, eine andere Frau wie ich hätte hinter Euren Worten nichts gesucht und das Zimmer gern gegeben, und wär' mit ein paar lumpigen Gulden zufrieden gewesen. Aber Ihr müßt eine arme Wittwe nicht betrügen wollen. Sagt mir, weßhalb Ihr das Zimmer eigentlich wollt; es kann mir nicht einerlei sein, was da geschieht, man könnte ja da oben falsches Geld machen wollen.«

»Frau Schilder!« rief Joseph mit zorniger, aber gedämpfter Stimme und schlug dazu mit der Faust auf den Tisch.

»Ich will Euch sagen, wie die Sachen stehen,« fuhr die Frau anscheinend unbefangen fort, ohne sich um die wüthende Geberde des Bedienten zu bekümmern. »Ihr handelt nicht im Auftrage Eures Herrn, das heißt, Eures Herrn Stillfried; Ihr habt andere Weisungen, Befehle, die ein schönes, schweres Geld eintragen, die Ihr aber ohne meine Hülfe nicht ausführen könnt. Was wollt Ihr mich nun betrügen, indem Ihr mir ein paar lumpige Gulden hinwerft und alsdann den Gewinnst allein einsteckt? Nein, lieber Joseph, seid offen und ehrlich mit mir, heraus mit der Sprache, sagt mir, um was es sich handelt; glaubt mir, die Frau Schilder kann Euch hierin gute Dienste leisten. Sagt dem Herrn Justizrath, es wäre mir sehr unangenehm, wenn ich seine Kundschaft verlieren müßte.«

»Schilderin«, Schilderin, Ihr seid ein Satan!« rief entsetzt der Bediente und schob seinen Stuhl mit einem scheuen Blick auf die Wirthin einen Fuß breit zurück.

»Lassen wir dergleichen Komplimente bei Seite!« antwortete diese, »schenkt mir reinen Wein ein; wir haben schon so manchmal ehrlich zusammen gehandelt, warum sollten wir es nicht auch dieses Mal thun? Und glaubt nicht,« fügte sie spöttisch lächelnd bei, »daß Ihr mir da so ungeheuer viel Neues sagt; was gilts, ich will Euch den ganzen Handel erzählen, und wenn ein unwahres Wort daran ist, so will ich weder für mein Zimmer, noch für meine Hülfe einen Kreuzer haben.«

Von Joseph's Gesicht war alle Pfiffigkeit verschwunden, und es war nichts übrig geblieben, als Pierrot's dumme, glotzende Züge.

»Da wär' ich wirklich begierig,« sagte er nach einer Pause, »was Ihr da über meinen Herrn ausgeheckt habt. Ich gestehe, ich wäre neugierig, das zu hören.«

»Hören?« sprach die Frau plötzlich mit einem blöden Gesichtsausdruck, und schien im Begriffe zu sein, abermals ihre frühere Taubheit zu affektiren. »Hören?« wiederholte sie und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr. »Nein, hier kann uns Niemand hören!« Das Gesicht aber, mit dem sie in diesem Augenblicke nach der Thüre blickte, schien diese Worte Lügen strafen zu wollen; denn sie horchte offenbar auf schwere Fußtritte, die sich auf der Straße dem Hause zu nähern schienen. Doch verhallten sie wieder, und es kam Niemand. »Laßt die Narrenpossen!« bemerkte Joseph ärgerlich; »und wenn Ihr was wißt, so geht mit der Sprache heraus. Ihr braucht Euch gar nicht zu geniren; was Ihr mir sagen könnt, wenn es wirklich etwas ist, habe ich doch schon lange gewußt.«

Die Frau drehte von übrig gebliebenem Brod kleine Kügelchen und schaute eine Zeit lang listig lächelnd vor sich hin, ehe sie dem Andringen des Bedienten nachgab. Dann sagte sie: »Nun wohl, Joseph, damit Ihr also seht, daß ich Euch hierüber durchaus nichts hinterhalte, so hört mich an. Euer Herr – der Stillfried nämlich – ist eine gute, leichtsinnige, aber in gewisser Beziehung etwas phlegmatische Haut; er hat der schönen Katharine hie und da ein paar Artigkeiten gesagt, die beiden jungen Leute haben sich etliche Mal gesprochen, und das alles könnte ein nettes kleines Verhältniß werden, wenn es nicht so außerordentlich schwer hielte, den jungen Herrn Stillfried für die Länge der Zeit zu beschäftigen, und wenn es möglich wäre, ihn aus seiner Gleichgültigkeit ein Bischen aufzuspornen. Mit so einer kleinen Anspornung ist er Feuer und Flamme, ich kenn' das; aber ihr alle mit einander seid zu dumm, um ihm den gehörigen Sporn einzusehen.«

Joseph zog bei diesen letzten Worten seinen Mundwinkel verächtlich in die Höhe, fuhr durch sein borstiges Haar und schien eine ungeheure Gleichgültigkeit zur Schau tragen zu wollen; er nahm eine Miene an, als horche er kaum auf die Worte der Wirthin. Und doch strengte er sein Ohr auf eine übermenschliche Art an, damit er ja keines derselben verliere.

Letzteres wußte Frau Schilder zu genau, und es kümmerte sie durchaus nicht, mit welchen Mienen ihr Gegenüber sie anschaute. Sie fuhr fort: »Dagegen ist es anderen Leuten, die ich Euch, meinem Freunde Joseph, wohl nicht zu nennen brauche, erstaunlich wichtig, daß sich dieses Verhältniß nicht wieder auflöse, wie einige frühere, sondern es soll recht innig werden; man will den jungen Menschen veranlassen, sich mit der schönen Katharine so eng wie möglich zu verbinden, und einmal da angekommen, gibt es zwei Wege, die von diesem Punkte aus weiter verfolgt werden könnten.«

Was die Frau Schilder eben gesagt, war, wie wir bereits wissen, der Auftrag, den der Justizrath dem getreuen Pierrot gegeben. Das hatte die Frau richtig errathen: aber was dann weiter geschehen könne, wenn das Verhältniß der schönen Katharina zu Eugen ein inniges geworden sei, davon hatte er bis jetzt noch ganz unbestimmte Vorstellungen. Und die Frau wußte sogar zweierlei, was da geschehen könnte; er war außerordentlich begierig, darüber etwas Näheres zu vernehmen, und nahm sich daher vor, mit der Frau eine Komödie des Allwissenden zu spielen.

»Nun ja,« sagte er deßhalb nach einer längeren Pause, »ich will in der That gestehen, Ihr habt bis dahin Recht; es interessirt sich Jemand dafür, daß mein Herr mit der schönen Tochter der Gemüsehändlerin eine förmliche Liebschaft anfängt; ich will das zugeben. Daran ist im Grunde nicht viel gelegen; aber jetzt darf ich kein Wort mehr zugeben, auch nichts mehr eingestehen, und wenn Ihr mir bietet, was Ihr wollt, und wenn Ihr auch Euer Zimmer abschlagt, da kann ich nichts machen, da müssen wir eben eine andere Gelegenheit suchen, die uns zum Ziele führt.«

»Jetzt sprecht Ihr halb und halb die Wahrheit,« entgegnete ruhig die Frau; »Ihr werdet mir nichts mehr eingestehen, ganz richtig! und aus dem einfachen Grunde, weil Ihr nichts mehr wißt.«

»Das wäre der Teufel!« sagte lachend der Bediente; »ich wäre wirklich neugierig, was Ihr in der Sache für weitere Ideen habt.«

»Da wäret Ihr neugierig, meine Junge?« sprach höhnisch die Frau; »das glaube ich wohl, ich will Euch auch meine Ansicht sagen; aber Ihr müßt nicht glauben, mit Euren dummen Redensarten die Frau Schilder überlisten zu können. – Ich will's Euch sagen, weil es mir gerade so passend erscheint. – Man kann also dadurch zweierlei bezwecken: erstens vielleicht eine Heirath mit dem Mädchen, um ihn so aus der reichen und mächtigen Familie unter uns ordinäres Volk zu stoßen, ihn auf diese Art unschädlich zu machen, und dann läßt man ihn die Einwilligung dieser Heirath durch irgend etwas, was ich nicht weiß, theuer genug bezahlen.«

»Ah!« sagte Joseph verblüfft, glaubt Ihr wirklich, Frau Schilder?«

»Das wär' Eins,« fuhr die Frau fort, ohne die Frage weiter einer Antwort zu würdigen; »das Andere aber ist wahrscheinlicher. Man will vielleicht, er soll sich Nachts in dieses Stadtviertel verlieren, er soll sogar wohl den Versuch machen, sich drüben in jenes Haus einzuschleichen, und dort im Neste der Alten Zusammenkünfte mit der Jungen haben.«

»Das wäre noch weit anständiger,« entgegnete Joseph, »und mir viel lieber, als so eine Heirath. Pfui Teufel!«

»Tropf!« entgegnete die Frau verächtlich, »Ihr seid ein schöner Diener Eures Herrn; da ist Eins so schlimm wie das Andere. Glaubt mir, man steigt in diesem Stadtviertel nicht ohne Gefahr in das Fenster eines Bürgermädels, und da drüben in dem Hause hat's zwei paar Fäuste, denen es bei dieser Gelegenheit ganz einerlei ist, ob sie sich blutig färben oder nicht. – Doch still, ich höre Jemanden kommen; es könnten die Beiden sein, und in dem, Fall dürfen die uns nicht bei einander sehen. – Ja, ja, es kommen zwei Männer durch den Hausgang, trinkt Euren Schoppen aus und geht.«

Mit diesen Worten stand die Wirthin hurtig von der Seite Joseph's auf, nahm ihren Stuhl mit sich und setzte sich an eines der erblindeten Fenster, wo sie emsig in einem schmierigen Zeitungsblatt studirte.

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