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Eugen Stillfried - Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried - Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried - Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke - Erste Gesammt-Ausgabe
volumeZehnter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070923
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Eilftes Kapitel.

Die Gebrüder Schoppelmann erfreuen sich einer eigenthümlichen Jagd, und während wir dabei von anmuthigen Liedern hören, machen wir die traurige Erfahrung, mit viel Verdorbenheit im Allgemeinen unter den Menschen zu finden ist.

Wenn man durch den Hof des Schoppelmann'schen Hauses in jenes Gewölbe oder jene Vorhalle trat, welche dem geneigten Leser aus dem ersten Kapitel unserer, der Wahrheit getreuen Geschichte bereits bekannt ist, so hatte man über sich das Zimmer der schönen Katharina. Das Haus hatte auch neben diesem weiter keine Gemächer, welche von der Schoppelmann'schen Familie benutzt worden wären; doch befand sich neben dem Zimmer Katharinens eine kleine steinerne Wendeltreppe, welche in einen oberen Stock führte, dessen Appartements von der Madame Schoppelmann, wie wir ebenfalls bereits wissen, vermiethet waren.

Hier wohnten unter Anderen Jungfer Clementine Strebeling und die sündhafte Choristin des königlichen Hoftheaters. Das Gewölbe unten, das Comtoir der Madame Schoppelmann, hatte außer dem Thore, das in den Hof führte, rechts und links Seitenthüren. Diese führten links in das Schlafgemach der Wittwe selber, und die Fenster dieses Schlafgemaches gingen auf den Hof, auf welche Art denn die Besitzerin fast ihr ganzes Waarenlager, Todtes und Lebendiges, das heißt Gemüse- und Kartoffelhaufen, Obst, Getreide, Geflügel, Ferkel und dergleichen, im Auge hatte. Die Thüre rechts ging aus dem Gewölbe in ein anderes Zimmer, eine Art Vorrathskammer. Hier befanden sich Fische, Wildpret, feinere Obstsorten und dergleichen Dinge an den Wänden aufgehängt oder in Kisten und Kasten aller Art und die Fische in Zubern mit frischem Wasser.

Diese Vorrathskammer bildete eine Ecke des Hauses; an sie grenzte rechts ein Pferdestall, links ein Zimmer, in welches wir uns nun begeben wollen, da wir genöthigt sind, demselben, sowie dessen Bewohnern, einige Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist nämlich das Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer der beiden Herren Schoppelmann. Die Fenster dieses Zimmers gingen auf die benachbarte Straße, und das Gemach selbst bildete mit der Mauer, in welcher im Entresol das Schlafzimmer der schönen Katharina war, einen rechten Winkel. Die Gasse, die hinten vorbei ging, war kaum als solche zu nennen und so unbedeutend, daß man es nicht einmal der Mühe werth gefunden hatte, ihr einen Namen zu geben. Sie war an den meisten Stellen nicht fünf Fuß breit und erweiterte sich nur gerade hinter dem Schoppelmann'schen Hause durch die Ecke, welche dieses in sich bildete, einigermaßen. Nur durch diese schmale Gasse getrennt, befand sich neben der Wohnung der beiden Schoppelmann das Nachbarhaus, ein altes, melancholisches Gebäude mit schiefem Dach und engen Fenstern, die durch die vielen Flüssigkeiten aller Art, welche man dort befugter oder unbefugter Weise herausgoß, und deren Spuren an der Mauer deutlich sichtbar waren, wie ebenso viele triefende Augen aussahen.

Dieses alte Haus war eine Art Pensionat mit kleinen, elenden Zimmern, einer noch erbärmlicheren Küche – sowohl das Gemach selbst, als die Produkte, welche aus derselben hervorgingen. In diesem Hause wohnten junge Leute, die auf eine Anstellung warteten, oder die sich auf ein Examen vorbereiteten, arme, unbekannte Künstler, die ein Portrait für fünf Gulden malten, junge Schullehrergehülfen, die es vorzogen, statt unter den Augen des Schulmonarchen und Gattin, hier ihr dürftiges Brod in Ruhe und Frieden zu genießen.

Letztere waren wohl die vornehmeren Bewohner dieses Hauses: ihrer vier hatten zwei der besten Zimmer, und die Fenster derselben gingen nach jenem kleinen Winkel des Schoppelmann'schen Hauses. In diesen zwei Zimmern befand sich ein einziges Klavier, das aber abwechselnd von einem der vier Schulgehülfen maltraitirt wurde und auf diese Art den ganzen Tag in den verschiedensten Mol-, Dur- und Mißtonarten der gesammten Nachbarschaft sein jammervolles Dasein kund gab. Glücklicherweise war aber die Nachbarschaft, welche gezwungen war, diesen Concerten zuzuhören, weder zahlreich, noch unduldsam. Die schöne Katharina, welche diese Musik aus erster Hand hatte, sog, wie auch ein Schmetterling in den giftigen Blumen Honig findet, aus diesem Klaviergeseufze angenehme Erinnerungen besserer Klänge, die sie schon gehört. Das Ohr der Frau Schoppelmann Mutter war durch das Gackern ihrer Hühner, das Grunzen ihrer Ferkel, sowie durch die harten Stimmen ihrer Kolleginnen nicht verwöhnt, weßhalb ihrem Ohre die Klagetöne von dort drüben durchaus nicht wehe thaten. Was die jungen Schoppelmänner Söhne anbelangte, so waren diese wohl die Einzigen, die an den Fingerübungen der Schulgehülfen einiges Wohlgefallen hatten. Es war doch wenigstens Musik; und wenn die drüben mit Accompagnement einer Flöte und Violine arbeiteten, so übertönten diese Instrumente die Stimmen der jungen Schloppelmänner vollkommen, und sie konnten über ihre Plane und Entwürfe alsdann ziemlich laut sprechen, ohne daß sie hätten fürchten müssen, von der Mutter gehört und verstanden zu werden. Bewegte sich aber die Musik drüben in leisen, klagenden Melodieen, so ließ sich vortrefflich dabei einschlafen, – ein Geschäft, dem die beiden jungen Leute, wenn sie zu Hause waren, aufs Eifrigste obzuliegen pflegten.

Neben dem musikalischen Hause war ein anderes angebaut, welches mit diesem einen stumpfen Winkel bildete, wodurch die eine Seite desselben sich der Ecke des Schoppelmann'schen Hauses wieder näherte und die Gasse dadurch bedeutend verengte.

Das Ganze bildete nun auf diese Art einen harmlosen, aber ziemlich schmutzigen Winkel. Dieses letzte Haus war eine Weinschenke, und zwar die, welche der getreue Pierrot im vorigen Kapitel erwähnt. Die Wände derselben waren aufs Mannigfaltigste und sehr trübe gefärbt, die Fenster in ihnen erblindet und auf mehreren Stellen, wo Scheiben fehlten, mit Papier verklebt. Durch zahlreiche Dachrinnen von Blech und Holz schien man das ganze Regenwasser von sämmtlichen Häusern, die hier mit ihren Hintertheilen zusammenstießen, in diesen Winkel geleitet zu haben, wodurch derselbe bei nassem Wetter unsauber und schmutzig, ja für reinliche Leute fast ganz unzugänglich war.

An den Fenstern des musikalischen Hauses befanden sich morsche Blumenbeete, auf welche man neben einigen verdorrten und verwelkten Geranien und Reseden hie und da einen üppig wuchernden Kapuziner sah, der mit seinen breiten, saftig grünen Blättern und goldgelben Blumen eine angenehme Abwechslung des verschossenen Braun und trüben Grau war, welches man hier allenthalben entdeckte. Zwischen diesen Blumenresten lag verschiedenes Geschirr, Milchtöpfe, alte Kaffeetassen und dergleichen, welche die ohnehin kleinen Tische des Zimmers verengten und nun hier zugleich mit halb geleerten Weinflaschen und alten Tabakspfeifen, wie auf einer allgemeinen Etagère, ausgestellt waren.

Gemäß einer Übereinkunft zwischen diesen Häusern, welche den Winkel bildeten, hatte man nach allen Richtungen Waschseile angebracht, und zu Zeiten, wo diese vollständig besetzt waren, sah dieser Winkel aus wie ein kleines Zeltdach von allen möglichen Farben.

Das herabströmende Regenwasser floß auf den Boden in ein paar offene Kanäle, die nach der Nebenstraße zuliefen, um sich dort mit ihrem unsauberen Inhalte sogleich schamvoll unter dem Straßenpflaster zu verlieren. Diese Kanäle, eine nicht sehr angenehme Zugabe des Winkels, waren trotz ihrer Unsauberkeit und ihres Geruches eine Quelle großen Vergnügens für die beiden Herren Schoppelmann. Hier hielt sich nämlich zu allen Zeiten des Tages eine Unzahl Ratten auf, die so frech und zudringlich waren, daß sie sich kaum von vorübergehenden Leuten verscheuchen ließen; und diese Thiere waren von jenen beiden jungen Herren für jagdbar erklärt worden; sie wurden von ihnen in Schlingen gefangen und geschossen, und diese Beschäftigung war ihnen ein ausgezeichneter Zeitvertreib.

Um in das Zimmer dieser Beiden zu gelangen, brauchen wir nicht den großen Umweg durch das Thor über den Hof und durch eine Vorhalle zu machen. Die Fenster dieses Gemaches, von alten Zeiten her mit kunstreichen, starken Gittern versehen, hatten jene Herren behufs des ungenirten Besuches der nachbarlichen Weinschenke auf eine sehr sinnreiche Art praktikabel gemacht. Sie hatten eines der Gitter aus den Kloben gebrochen, die es in der Mauer fest hielten, und diese dahin abgeändert, daß eine kündige Hand das schwere Gitter so weit vom Fenster entfernen konnte, daß eine Person bequem durchzuschlüpfen vermochte.

Wenn wir hierauf das Gemach betreten, so merken wir vor allen Dingen, daß es mit der freundlichen, sauberen Einrichtung jenes der Schwester auf's Auffallendste contrastirte. Hier sah man nichts von reinlichen Wänden, hellen Vorhängen, frisch gewaschenem Fußboden; Alles hatte hier einen ursprünglichen Schmutzüberzug, und es wäre unmöglich gewesen, mit einiger Genauigkeit anzugeben, in welcher Farbe Decke, Wände und Fußboden einst dem Auge gelächelt. Alles hier sah aus wie eine Fortsetzung des Winkels draußen.

Das Meublement dieses Gemaches bestand aus zwei Betten mit Strohsäcken und Matratzen, die gewiß vor nicht langer Zeit sauber und ordentlich gewesen waren, doch sah jetzt Alles verwühlt und nachläßig aus. Die Decken zu diesen Betten hingen auf den Boden hinab, die Kopfkissen befanden sich auf der Fensterbank als sanfte Unterlage für die aufgestemmten Arme desjenigen, der gerade hinaus sah. In der Mitte befand sich ein Tisch, darauf ein paar schwere Ledergamaschen, ein runder Jägerhut, eine Fuhrmannspeitsche, ein Krug Bier mit zwei Gläsern.

Das einzige Saubere, was man im ganzen Gemache wahrnahm, waren zwei doppelte Jagdgewehre, die an der Wand hingen, nebst Hirschfänger, Kugel- und Jagdtasche, sowie ein paar große Reiterpistolen. Diese Gegenstände erblickte man, wie gesagt, auf's Beste geputzt, ja glänzend heraus strahlend aus dem allgemeinen Schmutzchaos.

Der älteste Sohn der Gemüsehändlerin, Fritz, der Fuhrmann, lag auf dem einen Bette ausgestreckt, beide Hände unter dem Kopfe, und schien auszuruhen von gehabten Anstrengungen. Doch schlief er nicht; vielmehr gab er auf's Genaueste Achtung auf die Bewegungen seines Bruders, der vor einem der Fenster kauerte und hinter den Kopfkissen, von denen wir vorhin sprachen, die er in Art einer Schutzwehr um sich aufgethürmt hatte. In der Hand hielt er ein kleines Gewehr von jener Konstruktion, aus dem man ohne Pulver, nur durch die Kraft der messingenen Zündkapsel eine kleine Kugel mit ziemlicher Gewalt forttreibt. Er spähte sorgsam auf den Winkel hinaus und sprach nach einer kleinen Pause:

»Weiß der Teufel, was die Bälge heute treiben! Jetzt warte ich schon eine halbe Stunde, und es kommt mir keine zum Schuß. Sonst ist das Zeug frech wie Galgenholz und tritt einem fast auf den Füßen herum, heute aber wollen sie aus ihrer verfluchten Röhre gar nicht heraus, 's ist gerade, als wüßten sie, daß man hier auf sie lauert.«

»Meinst du nicht,« sagte Fritz, der Fuhrmann, »daß es ihnen heute zu still im Winkel ist? Ich glaube fast; du wirst sehen, sobald die Schulmeister drüben anfangen zu spielen, da springen die Ratten wie wahnsinnig heraus.«

»Das kann schon sein,« murrte der Jäger am Fenster, – »Ich glaube, du hast Recht. Nur begreife ich nicht, warum die Kerle drüben nicht wieder anfangen, ihr Klavier zu prügeln. »Jetzt ist es schon eine Viertelstunde, daß man keinen Ton hört.«

Sie thun es vielleicht absichtlich,« meinte der Fuhrmann »das sieht ihnen schon ähnlich, um uns die Jagd zu verderben.«

Den armen Schullehrergehülfen geschah mit dieser böswilligen Voraussetzung offenbares Unrecht; denn im nächsten Augenblicke begann das Concert drüben brillanter als je. Nicht nur jammerte das Klavier, sondern auch eine Violine klagte die Grausamkeit desjenigen Menschen an, der mit dem Fiedelbogen über seine Saiten strich, ohne auch nur die allergeringste Befugniß hiezu zu haben.

»Du hast 'die schönsten Augen – Mein Liebchen, was willst du noch mehr?«

wehklagte es von drüben herüber.

Und der Jäger am Fenster hatte vollkommen Recht. Es war in der That, als verständen auch die Ratten diese Töne der Liebe und Sehnsucht.

»Bst! bst!« machte er hinter dem Kopfkissen, und winkte seinem Bruder, der eben sprechen wollte, mit der Hand, er möge still sein. Dann ballte er die Faust, als wollte er sagen: »es kommt mir ein dickes, rundes Wildpret zu Schuß;« und dann zählte er mit den Fingern Eins, Zwei, Drei – es seien ebenso viele Stücke.

Der Fuhrmann erhob sich leise aus seiner liegenden Stellung, und da er so im Stande war, über den Kopf des Jägers hinweg zu blicken, bemerkte er zu seiner großen Freude eine dicke Ratte, von zwei kleineren gefolgt, die aus einer der Wasserröhren herabschossen, indem sie anfingen, im Kanal zu wühlen.

Jetzt hob der Jäger langsam das Gewehr in die Höhe, legte es an die rechte Backe, zielte einen Augenblick und drückte dann los.

Die kleine Flinte machte nicht viel Geräusch, es gab einen unbedeutenden Schlag; aber das Ziel war getroffen, die Wirkung der Kugel erwies sich drüben im Kanal als außerordentlich mörderisch. Die dicke Ratte stürzte mit dem Kopfe vorwärts in den grünen Schlamm, in dem sie gewühlt, und blieb da regungslos liegen. Die beiden kleinen Ratten sprangen entsetzt in die Wasserröhre zurück, und droben jubilirten Klavier und Violine. Sie fluchten dem Mörder da unten und beklagten das unglückliche Schlachtopfer.

»Du hast mich zu Grunde gerichtet –
Mein Liebchen, was willst du noch mehr?«

Vorderhand aber schien der Jäger an diesem einen Opfer genug zu haben; denn er erhob sich aus seiner knieenden Stellung, putzte das Schloß des Gewehres mit einem wollenen Lappen rein ab und trug es dann langsam dem Tische zu.

»Es ist heute kein Vergnügen,« sagte er alsdann; »bei dem warmen Wetter ist gar kein Leben in den Bestien. Da stellen sie sich faul vor den Schuß, man könnte sie mit der Schlafmütze todt werfen. Da ist mirs in der Dämmerung viel lieber, wenn sie so durch einander wuseln und lustig hin und her rennen. – Willst du einen Schuß thun?«

»Ich danke dir,« erwiderte der Fuhrmann, »ich habe nicht die geringste Lust dazu. Weißt du was – setz das Gewehr in die Ecke und komm einen Augenblick hieher. Ich habe dir etwas Wichtiges mitzutheilen.«

Der Jäger that, wie ihm der Andere geheißen. Er legte das Gewehr an die Fensterbrüstung und warf sich neben seinen Bruder auf das Bett, welches unter dieser Doppellast in allen Fugen krachte.

»Du weißt so gut wie ich,« sprach nun der Fuhrmann, »daß die Alte immer verdrießlicher, immer knauseriger wird. Es ist wahrhaftig kein Sinn und Verstand darin, daß wir mit den paar Kreuzern auskommen sollen, die sie uns in die Tasche fallen läßt. Der Nebenverdienst ist ganz schlecht geworden; ein wohlfeiler Einkauf, wofür uns etwas abfiele, ist fast gar nie mehr zu machen, und wenn was abfällt, ist es verflucht wenig.«

»Das ist schon wahr,« meinte der Jäger nachdenkend, »auch meine Taschen sind ganz leer; wenn uns drüben die Frau Schilder in ihrem Weinschank nicht einen unbegrenzten Kredit gäbe, so wäre ich oftmals in Verlegenheit, wo ich einen Schoppen guten Weins her bekäme; denn das muß ich dir sagen, Fritz, den sauren Krätzer von der Alten, den kann man unmöglich saufen.«

»Unmöglich,« sagte fest und bestimmt der Andere, und fuhr nach einer Pause fort: »Ja, und das ist wahr, die Frau Schilder ist ein braves Weib.«

»Sehr anständig!« pflichtete der Jäger bei.

»Aber gerade weil sie so anständig ist,« fuhr der Fuhrmann fort, »möchte ich auf jede Art Geld zusammen bringen.«

»Für die Schilder.«

»Ja wohl, für sie,« sagte der Fuhrmann. »Daß uns die Frau den Wein borgt, das können wir ganz gut annehmen. Der Teufel! wir sind ja sicher genug! Aber sie hat mir auf einige Zeit Baarschaften vorgestreckt und die möchte ich ihr gern heimzahlen.«

»So, dir hat sie auch Geld geliehen?« lachte der Jäger.

»Dir wohl auch?« fragte rasch dagegen der Fuhrmann, und darauf nickten Beide außerordentlich heiter und vergnügt einander zu.

»Was meinst du,« nahm der Jäger nach einer Pause wieder das Wort, »wenn wir die Katharine wieder einmal anpumpten?«

»Oh, die hat nichts Kleines, und ihr großes Geld gibt sie der Alten zum Aufheben.«

»Ja, da weiß ich wahrhaftig keinen Rath; mit der Rattenjagd kann ich keinen Kreuzer verdienen.«

»Und die andere ist vorderhand verschlossen!« entgegnete lachend der Fuhrmann. »Das weiß der Teufel!« sagte seufzend der Bruder, »wenn sie mich in herrschaftlichen Revieren erwischen, und wenn ich nur ein Stück Holz bei mir hätte, das wie eine Flinte aussähe – ich bin fest überzeugt, sie jagten mir eine Kugel durch den Leib. Das ist sehr traurig! Ich weiß einen kapitalen Wechselhirsch, keine Stunde von hier.« – Dabei blickte er sehnsüchtig und mit einem tiefen Seufzer zu seinen blank geputzten Gewehren empor, die so einsam und trauernd neben dem Bette hingen.

»Die Frau Schilder,« begann der Fuhrmann nach einer langen Pause, »ist eine sehr kluge und umsichtige Frau; sie hat mir neulich etwas mitgetheilt, wie man auf eine gefahrlose Art zu einem guten Stück Geld kommen könne.«

»Sollst du ihr vielleicht wieder ein paar Ferkel von der Alten verkaufen oder einige Säcke neue Kartoffeln und dann sagen, sie seien gestohlen worden?«

»Ah, das sind Kleinigkeiten!« bemerkte ernst der Fuhrmann, »das kann gelegentlich auch wieder vorkommen; aber nein, wir würden was Größeres unternehmen. Es ist eigentlich nur Scherz, aber es kann Geld einbringen, ziemliches Geld, und 's ist ganz gefahrlos.«

»Du, du, nimm dich in Acht!« antwortete der Jäger und stützte den Kopf auf die Hand, um seinem Bruder in's Gesicht sehen zu können. »Ich kenne diese Späßchen der Frau Schilder; dabei kann unter Umständen noch Schimmeres herauskommen, als wenn ich ein Bischen in den frischen grünen Wald spazieren gehe. Nimm dich in Acht!«

»Ja, wenn man nichts wagt, kann man nichts gewinnen,« brummte der Andere, »und ich versichere dich, hiebei ist so gut wie gar nichts zu riskiren.« »Nun, so laß hören! Wenn deine Spekulation wirklich einträglich ist und keine große Gefahr dabei, Mitglied einer geschlossenen Gesellschaft zu werden, so könnte ich mich wohl entschließen, ebenfalls dabei zu sein.«

»Du kennst doch da oben die alte Schachtel, die Strebeling?«

»Versteht sich, kenne ich sie; hab' es ja einmal versucht, etwas mit ihr anzufangen, war aber rein unmöglich – konnte mich nicht zwingen, zärtlich gegen sie zu sein, sonst wär's gegangen.«

»Da bist du auf dem Holzweg,« sagte der Fuhrmann. »Mit der ist unsereins nicht im Stande, etwas anzufangen, der sind wir viel zu leichtsinnige, liederliche Gesellen.«

»Na, laß gut sein! – Also was ist's mit der Strebeling?«

»Die Strebeling,« entgegnete der Fuhrmann, »ist, obgleich sie sich nur so stellt, als könne sie die Männer nicht leiden, doch im Grunde eine alte verliebte Gans; darum bin ich fest überzeugt, wenn nur Jemand hinter sie kommt, der sich recht schüchtern anstellt und zahm thut und schöne Worte an sie hinfaselt – und so Jemanden zu finden, das ist der Anfang von unserem Plan.«

»Es wird aber sehr schwer sein,« meinte der Jäger, »Jemanden zu finden, der sich dazu hergibt, der dürren Klappermaschine da oben schön zu thun. Mir graust, wenn ich daran denke.«

»Es findet sich schon Jemand,« sagte bestimmt der Fuhrmann.

»Am Ende gar du selbst?«

»Wo denkst du hin? Ich stehe in gleich gutem Andenken, wie du. – Aber höre weiter. – Wenn also Jemand gefunden ist, der mit ihr in ein Verhältniß tritt – es muß natürlich Jemand sein, auf den wir uns ganz verlassen können, einer der Unsrigen – wenn der also gefunden ist, so muß er der alten Schachtel droben in den Weg laufen, er muß thun, als sei er verliebt, aber sie darf ihn höchstens ein bis zwei Mal sprechen, dann macht er plötzlich eine große Reise, er verläßt die Stadt, und – seine Rolle ist ausgespielt.« »Davon sehe ich noch keinen Vortheil,« sagte der Jäger.

»Das kommt erst,« antwortete der Fuhrmann. »Sobald Jener abgereist ist – schon nach ein paar Tagen – schreibt er ihr einen lamentablen Brief, schwört ihr ewige Liebe und Treue und sagt ihr dann, er habe ein Unglück gehabt; er habe seine Brieftasche verloren, oder er sei bestohlen worden und müsse sich jetzt durchbetteln, wenn ihn nicht eine freundliche Hand – jetzt paß auf! – aus der Verlegenheit herausreiße.«

Nach diesen Worten stieß der Fuhrmann seinen Bruder bedeutungsvoll in die Rippen und lächelte ihm fragend zu.

Der Jäger hob seine Augen gegen die Decke, schien eine Weile ernstlich nachzudenken, dann machte er ein spitzes, vergnügliches Maul, sah seinen Bruder gleichfalls lächelnd an und sagte: »Das ist nicht so übel, dabei könnte was Ordentliches herausspringen.«

»Nicht wahr?«

»Verflucht gescheidte Idee!« fuhr freundlich der Jäger fort. »Ich habe es immer, gesagt, die Schilder ist eine kluge Frau, und sei nur überzeugt, sie wird die Briefe schreiben, daß es nur so krachen muß. – Und wann soll die Geschichte vor sich gehen?«

»So bald als möglich. Die Schilder will sogar dafür besorgt sein,« sagte der Fuhrmann, »jene Person aufzufinden, die mit der Strebeling anbandelt.«

»Richtig – richtig, und das halte ich gerade für nicht so schwer,« sagte der Jäger, »und ich glaube nicht einmal, daß es nöthig ist, diese Person in unser Geheimniß einzuweihen. Man macht einen Spaß daraus, man sagt zu jener Person, man wollt sich nur das Vergnügen machen, die Jungfer Strebeling einmal verliebt zu sehen, und ist dann Jener einmal abgereist, das heißt, sobald er der zarten Clementine weiß gemacht, daß er abgereist sei, so ist er für uns todt und nicht mehr vorhanden; unsere ganze Geschichte geht ihn ferner nichts mehr an.«

»Du hast Recht,« entgegnete der Fuhrmann, »so ist's noch besser, und wenn du also Mitarbeiter sein willst, so sage deine Meinung.« »Ja, was sollen denn wir eigentlich dabei thun?« fragte der Jäger.

»Narr! die Briefe schreiben, das heißt nur abschreiben; denn wir bekommen sie von der Schilder vorgeschrieben – die Schilder versteht das; sie ist eine verflucht gescheidte Person!«

»Briefe schreiben? seine Schrift aus der Hand geben, und in einer solchen Sache? Höre, Fritz, das will überdacht sein!«

»Bah, bah!« sagte der Fuhrmann, »was bist du auf einmal so ängstlich? Was geht's mich an, was ich schreibe, wenn ich es für Jemand anders thue. Die Schilder kommt zum Beispiel zu mir und sagt: Lieber Herr Schoppelmann, da habe ich einen Brief aufgesetzt, ich führe eine sehr schlechte Handschrift, thun Sie mir den Gefallen und schreiben Sie mir den Wisch ab. Was werde ich thun? Ich werde Ja sagen und mich den Teufel darum bekümmern, was in dem Briefe steht. Mag sie damit anfangen, was sie will, es ist mir einerlei. Ich behalte nur ihre Vorschrift, um dieselbe später zeigen zu können, wenn man mir je etwas anhaben wollte.« »Ja, ja, da hast du nicht ganz Unrecht, so läßt sich's machen.«

»Wir brauchen mehrere Handschriften,« fuhr der Fuhrmann fort; »bald muß der Liebhaber schreiben, bald sein Bruder, vielleicht auch sein Vater; es gibt nebenbei einen Hauptspaß, und dann meint die Schilder, es könnte dabei ein außerordentliches Geld herausspringen. Die Strebeling hat Batzen genug, und wenn so eine alte Scheune einmal anfängt zu brennen, da ist nicht so bald wieder gelöscht. – Jetzt laß uns aufstehen, wir wollen die Schilder einen Augenblick besuchen, um die Sache noch genauer abzusprechen.«

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