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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel

Mit großer Lebhaftigkeit und ermunternden Blicken schlug er ihr vor, aufzustehen und mit ihm in die Stadt zurückzukehren. Er setzte ihr den Plan mit allen Einzelheiten auseinander. Er wird telephonisch ein Auto bestellen und, wenn sie angekommen sind, in einer bestimmten Straße aussteigen. Übrigens wird es ja bis dahin dunkel sein, niemand wird ihn sehen. Die kurze Strecke zur Villa wird sie dann allein fahren. Es hängt alles davon ab, daß sie sich jetzt zusammennimmt. Was sie zuhause tun soll, wird er unterwegs ausführlich mit ihr besprechen. Daß er ihr in dem fremden Ort, in dem öden Wirtshaus keine wesentliche Hilfe leisten kann, liegt auf der Hand. Sie darf sich eine oder zwei Stunden lang nicht nachgeben. Hier, das wird sie einsehen, kann sie nicht bleiben. Er müßte sie auch bald verlassen, über den Abend ist er nicht abkömmlich, dann befände sie sich in verhängnisvoller Einsamkeit. Er würde es unter keinen Umständen zugeben.

Marie sah ihn angstvoll flehend an. Ihr Blick begann wieder zu flackern. Sie fürchte, daß sie nicht dazu imstande sei, flüsterte sie. Die Farbe in ihrem Gesicht wechselte beständig, die Hände setzten bereits zu den Knetbewegungen an. Kerkhoven befühlte den Puls, behorchte mit dem Stethoskop das Herz, drückte die Finger leicht auf ihre Augenlider. Er sagte: »Es geht, es muß gehn.« – »Was soll ich antworten, wenn sie mich zuhause fragen?« murmelte sie und hob beschwörend die Hände. Sie hat doch Pflichten, wie soll sie ihre Pflichten als Mutter, als Hausfrau erfüllen? Die Großmutter Irlen ist immer ein wenig ungehalten, wenn sie krank ist, sie hat dann einen mißtrauisch forschenden Blick. Sie kann sich nicht ins Bett legen und sich bedienen lassen, niemand wird ihr diese Krankheit glauben, es ist ja eine hassenswerte Krankheit, man haßt sich nicht nur selber dabei, man findet es auch verzeihlich, daß einen die Menschen meiden. Kerkhoven lachte. Er nahm ihre Hand in seine, und sie verspürte eine unmittelbare Linderung ihrer Erregung. »In dem Punkt müssen Sie sich an mich halten,« erwiderte er, »mir vertrauen. Uneingeschränkt. Denken Sie nicht darüber nach. Überlassen Sie das alles vollständig mir.« Sie hob die Augen zu ihm auf, zaghaft zuerst, aber allmählich füllten sie sich mit dem geforderten Vertrauen. Was für Augen sie hat, dachte er, wie blasse Blumen. Er sagte: »Sie legen sich zuhause gleich nieder. Dann lassen Sie mich rufen. Heute abend noch. Es kann so spät sein wie es will. Vorher sprechen Sie mit niemand über Ihren Zustand. Sie kommen von der Reise, haben unterwegs schwere Schwindelanfälle mit Herzklopfen gehabt. Alles Weitere plausibel zu machen ist meine Sache. Ich werde in der Zwischenzeit darüber nachdenken. Ich werde mit Ihrem Mann reden. Ebenso mit der Frau Großmama. Ihr den Ernst der Situation bedarfsgemäß darzustellen hat keine Schwierigkeit. Und Doktor Bergmann, den haben wir ja keinesfalls zu fürchten. Er wird Sie wie seinen Augapfel betreuen.« Sie sah ihn immer noch an, gespannt gläubig dankbar. Er hielt immer noch ihre Hand. Er dachte wieder: die Augen . . . blasse Blumen. Er fuhr mit suggestiver Eindringlichkeit fort: »Sie müssen in jeder Beziehung ruhen, Frau Marie. Was in der gewissen Angelegenheit zu geschehen hat, erörtern wir mit der Zeit. Vielleicht fangen wir schon morgen mit den Beratungen an. Allzusehr auf die lange Bank schieben dürfen wir es nicht. Aus verschiedenen Gründen. Aber seien Sie guten Muts. Ruhe ist das Wichtigste. Dazu gehört eines. Sagen Sie sich um Gottes willen nicht vor, daß Sie eine ungehörige Krankheit haben oder, wie Sie es ausdrücken, eine hassenswerte. Es wäre töricht, es wäre schädlich. Tun Sie es nicht. Lassen Sie sich nur ganz fallen. Geben Sie sich dem Zustand ohne schlechtes Gewissen hin. Machen Sie keine moralischen Kraftanstrengungen. Das wirft Sie zurück. Sie müssen im Gegenteil versuchen, keinen Druck und Zwang auf sich auszuüben. Alle Spannung wegtun. Das Leiden seine natürliche Bahn fließen lassen. Das ist ganz leicht. Gar kein Kunststück, bewahre. So wie Sie beschaffen sind, macht es nicht einmal was aus, wenn Sie ein wenig Wollust in dem Kranksein verspüren. Das vergeht alsbald. Wissen Sie,« fügte er mit einem wunderlichen Ausdruck von Pfiffigkeit hinzu, »in Ihrer seelischen Organisation steckt ein Geheimnis, das ich noch nicht kenne, ich werde aber den Schlüssel schon finden, und das wird uns zustatten kommen. Ich gehe jetzt hinunter. Bis Sie fertig sind, ist der Wagen hoffentlich schon da.« Marie fühlte sich gänzlich in seiner Gewalt. Sich gegen seinen Willen aufzulehnen hätte sie jetzt nicht mehr gewagt. Hätte es auch so wenig vermocht wie man einen Stock missen kann, wenn man sich lahm vom Boden aufgerichtet hat. Sie fürchtet, daß sie nicht die Kraft haben wird, sich anzuziehen, deutet sie an und klammert sich bebend an seinen Arm. Er zerstreut ihre Besorgnis mit einem Lächeln, das ihr wohltut, und fragt, ob er ihr Tee oder ein Glas Kognak heraufschicken soll. O nein, wehrt sie ängstlich ab, jeder Bissen, jeder Schluck würgt sie, dann kommt gleich die entsetzliche Übelkeit, bei der ihr so sterbenselend zumute wird. Er nickt. Er versteht. Beim Hinausgehen verneigte er sich.

 

Der Vorwand, den er für Maries Bettlägerigkeit erfand und während ihrer Leidenszeit aufrecht erhielt, war eine nervöse Magenverstimmung. Wie sie es vereinbart hatten, kam er am gleichen Abend noch auf ihren Anruf und hatte dann ein eingehendes Gespräch mit Ernst Bergmann, der alle Maßregeln zur Schonung der Patientin zu treffen versprach. Kerkhoven empfahl ihm, sie in den nächsten Tagen möglichst ungestört zu lassen, auch alle Besucher und Besucherinnen fernzuhalten. Der Charakter des Übels sei zwar ziemlich manifest, könne aber auch tiefer liegen als in der organischen Umgrenzung, ließ er einfließen, darum scheine es ihm geboten, subjektives und objektives Befinden gleich sorgsam zu überwachen. Mit Absicht wählte er die fachmännisch orakelnde Ausdrucksweise, der Nebel der Wissenschaftlichkeit sicherte ihn vor unbequemer Wißbegier. Der junge Gatte schien sich jedes seiner Worte einzuprägen. »Sie ist so zart,« sagte er beklommen, »ich wußte das, aber ich hielt sie trotzdem für gesund. Ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, daß ein großer Fonds von Gesundheit in ihr steckt.« – »Das ist auch durchaus der Fall,« beruhigte ihn Kerkhoven mit jener Autorität, die seit einiger Zeit langsam in ihm wuchs und erstarkte wie ein noch junger Baum in fruchtbarem Erdreich, »durchaus. Sie brauchen nicht betrübt zu sein. Ihre Frau ist zart, ohne Frage, aber es ist die Zartheit, die nicht bricht, sie biegt sich nur.« Ernst Bergmanns Züge erhellten sich. Er drückte Kerkhoven fest die Hand. »Sie verstehen wirklich zu trösten,« sagte er fast heiter. Kerkhoven blickte mit konventionellem Lächeln über die schmale Schulter des jungen Mannes hinüber.

 

Er konnte nun mit Marie wie hinter einer befestigten Schanze verhandeln. »Ich sehe nur eine einzige Rettung,« gab er ihr am andern Morgen mit freundlicher Bestimmtheit zu verstehen, »und da bin ich gänzlich auf Ihre Hilfe angewiesen, verweigern Sie mir die, so garantiere ich für nichts.« – »Was? also was?« stieß Marie krankhaft ungeduldig hervor. Kerkhoven schob den Stuhl beiseite, auf dem er gesessen, und nahm auf dem Bettrand Platz. »Sie müssen jenem Mann . . . Ihrem Freund den Abschied geben. Unwiderruflich und für immer.« – Marie schwieg. Sie nagte mit den Zähnen an der Oberlippe. – »Es bleibt nichts anderes übrig,« fuhr er sachlich fort, »aus dieser Hörigkeit müssen Sie sich befreien. Unterschätzen Sie nicht den Ernst der Situation. Ich bin Ihnen die Wahrheit schuldig. Ist es nötig, ausdrücklich zu sagen, was auf dem Spiel steht? Es geht um die Zukunft, es geht ums Leben, Frau Marie. Es geht um alles.« – »Ja, ich weiß,« antwortete Marie mit kaum vernehmbarer Stimme, »ich will ja . . . ich glaube, ich werde es tun.« – »Das ist mir zu vag. Es genügt mir nicht. Jede Unschlüssigkeit, jedes Hinauszögern belastet Ihr Gemüt, verrammelt den Weg. Schreiben Sie sofort. Warten Sie nicht länger. Nehmen Sie Papier und Feder und schreiben Sie. Niemand kann Sie stören. Dafür ist gesorgt. Niemand wird eine Ahnung haben. Sie geben mir den Brief mit, und alles ist in Ordnung.« – Mit aufgerissenen Augen starrte ihm Marie sprachlos ins Gesicht. »Aber das . . . das ist unmöglich,« stammelte sie, »das muß man sich doch erst zurechtlegen . . .« – »Wenn es unmöglich ist, Frau Marie, und ich begreife bis zu einem gewissen Grad Ihre Bedenken, dann, fürchte ich, kann ich die Verantwortung nicht länger auf mich nehmen,« sagte er nicht um eine Spur unfreundlicher. »Das Beste ist, Sie rufen einen andern Arzt. Daraus erwächst Ihnen keine Verlegenheit. Ihrem Mann gegenüber läßt sich ein Grund leicht finden, sonst sind Sie ja keinem Menschen Rechenschaft schuldig. Ich werde zum Beispiel sagen, daß ich mich in der Sache nicht mehr kompetent fühle und die Behandlung lieber einem Spezialisten anvertrauen möchte. Nichts einfacher als das.« – »Doktor Kerkhoven!« rief Marie schmerzlich-ungläubig. – Er zuckte bedauernd die Achseln. »Nicht zu leugnen, was ich verlange, ist ein radikaler Eingriff, aber alles andere wäre Halbheit und Selbstbetrug. Sehen Sie es nicht ein, Frau Marie? Was schreckt Sie denn? Sie stehn auf einem Balken über einem Abgrund und trauen sich nicht vorwärts, nicht zurück.« Er erhob sich, sie langte ängstlich nach seiner Hand. Er merkte, daß sie schwankend wurde. Er wußte, daß sie nachgeben würde. Wie er es vorausgesehen, war seine Unerbittlichkeit die Erlösung für sie. Und als sie nun inständig bat, er möge ihr vierundzwanzig Stunden Zeit lassen, bis morgen werde sie den Brief geschrieben haben, willigte er ein. Ihr Blick war ruhiger geworden. Wie der Wind die Nebeldünste von einer Wasserfläche fegt und den schimmernden Spiegel enthüllt, wichen unter seinem Einfluß die Wolken der Verstörung von ihr.

 

Andern Tags reichte sie ihm mit mattem Lächeln den Brief: offen. »Soll ich ihn denn lesen?« fragte er ein wenig bestürzt. – »Ja, ich möchte, daß Sie ihn lesen,« versetzte sie leise. Er zögerte, das Blatt in der Hand. »Haben Sie das reiflich überdacht? Sie könnten es bereuen, Frau Marie. Sie sollten mit Ihrem Vertrauen nicht so . . . stürmisch sein. Den Schritt können Sie nie ungeschehen machen. Was ich weiß, kann ich verschweigen, aber ich kann nicht machen, daß Sie es vergessen.« – Marie antwortete gesenkten Kopfes: »Ich werde nie wünschen, es zu vergessen. Was Sie von mir wissen, ist geborgen, Doktor Kerkhoven.« – Er trat zum Fenster und las. Der Brief war so sie selbst, so ganz Marie, daß es schien, sie habe ihr Wesen unmittelbar darin abgedrückt wie man eine Radierung von der Kupferplatte auf den Karton überträgt. Nichts von körperlichem Zusammenbruch, nichts von der düstern Prognose des Arztes. Sich darauf zu berufen wäre ihr feig erschienen. Es ist alles zu Ende, weil es zu Ende sein muß. Daß er sich fügt, schweigend, ist ihre Hoffnung. Lehnt er sich auf und will ertrotzen, was vorbei ist, wird er sie zu allem entschlossen finden, wozu seine Ungroßmütigkeit sie zwingt. Er muß sie vergessen. Mit jedem Stück Vergessen hilft er ihr. Nichts an ihrer Person vermag ihm Ersatz zu bieten für das Unzulängliche, das sie in sich weiß, aber sein Vergessen, je stolzer und gründlicher, je mehr, wird sie entschädigen für den Kummer, in den sie ihre Schwäche und Begehrlichkeit gestürzt haben. Sie nimmt sich nicht zurück, sie ist nur nicht mehr, wo sie gewesen, mit keiner Faser. Sie hat einen Schatz von Liebe achtlos liegen lassen, weil sie geglaubt hat, ihn entbehren zu können. Sie kann es nicht. Sie besitzt sonst nichts. Der Brief muß ohne Antwort bleiben, nur dann wird die Erinnerung vielleicht eine Spanne Leben verklären, die zu keiner Stunde frohe Gegenwart war. Durch ihre Schuld allein. Adieu. Adieu.

 

Aber nun wollte Kerkhoven wissen und von ihr hören, ob es ihr ernst sei mit dem »Schatz von Liebe« und ob sie ihn wirklich nicht entbehren könne. Er gab sich mit ihrer Versicherung nicht zufrieden. »Sie müssen in jedem Sinn zu Ihrem Mann zurückkehren,« mahnte er dringlich, »dürfen sich mit keiner Halbheit begnügen. Ich kann mir ja ungefähr denken, was Ihnen vorschwebt. Zärtliche Freundschaft, liebevolle Ergebenheit, jeden Wunsch von den Augen ablesen und was derlei edle Surrogate mehr sind. Lauter Selbsttäuschungen, Frau Marie. Sie betrügen sich, Sie betrügen ihn damit.« Marie drückte die Hand vor die Augen. »Was hülf es,« sagte sie so leise, daß er sich vorbeugen mußte, um zu verstehen, »es wäre mir nicht geholfen. Das ist . . . ich fürchte, verscherzt.« – Kerkhoven heftete den jäh getrübten Blick auf ihre Hand, die über dem Gesicht lag. Das seine Gelenk, der an der Schläfe aufliegende Daumen, die sich verjüngenden Finger mit den ovalen rosigen Nägeln, die weiße, leicht ins Gelbliche spielende Haut mit dem blauen Geäder drin, alles war ihm übermäßig nah, niemals hatte er so stark die Empfindung gehabt, daß die Hand ein geschlechtliches Wesen ist, er erschrak. Wie kam es nur, daß er an Nina dachte, ihre aufopfernde Liebe und schweigsame Geduld. Anspruchslose Nina, in jedem Betracht anspruchslos, für jede Gabe dankbar, für jede Umarmung dankbar, alles sanft hinnehmend, gutes und böses Wetter, gute und böse Laune, Kuß und Versagen von Kuß. Neun Jahre. Er erblickte sie greifbar, die neun Jahre, wie neun steinerne Türme, neun Jahre Trott, neun Jahre Mühlrad, neun Jahre Lauheit Zufriedenheit und fünfzehn Grad Réaumur . . . Marie zog die Hand von den Augen, und sogleich hatte er sein früheres Gesicht. »Wenn ich nur wieder richtig schlafen könnte,« seufzte sie. Die Mittel, die er ihr gebe, nützten nicht viel. Nach zwei drei Stunden wacht sie auf, dann fängt es an, das Gedankenbohren und -bohren. Endlose Schraube. Es ist kein Spaß, liegen und in die Finsternis starren, bis sie rotglühend wird. Ob er das kennt, Viertelstunde um Viertelstunde auf den Uhrenschlag warten, erst der Dom, dann Neumünster, dann die Marienkapelle, dann Sankt Johannis, dann Sankt Peter. Das dröhnt wie vom Himmel herunter als wenn der Himmel Löcher hätte für die Glocken. Er nickt. Er verweist sie auf den gemeinsamen Ausgangspunkt aller Störungen. Er gebraucht den Ausdruck Konkordanz, Erinnerung an Paracelsus. Ihrer Natur fehlt die Konkordanz. Er kommt wieder auf das Verhältnis zu ihrem Gatten zurück. Er spricht von Abblendung der Gedanken. Es gebe etwas wie Entfeuchtung des Gemüts. Er zitiert eine merkwürdige Stelle aus dem Heraklit, deren er sich zufällig entsinnt: Trockener Glast – weiseste und beste Seele. Marie schaute erstaunt zu ihm auf. Sie entdeckte immer neue Seiten seines Wesens. Er entfaltete sich vor ihr wie eine Landschaft, die voller Geheimnisse und unvermuteter Reichtümer ist. Seine Haltung, jedes Lächeln, jede Wendung des Gesprächs zeugte von überlegtester Vorsorge und war die Eingebung eines genialen Instinkts. Das Kühnste, was er in den folgenden Tagen versuchte, war eine scheinbar objektive und daher lieblos klingende Analyse von Ernst Bergmanns Charakter, durch die er Maries Widerspruch herausforderte und sie in eine Verteidigungsstellung nötigte. Er fand ihn zu pedantisch, zu gemessen für seine acht- oder neunundzwanzig Jahre, eigentlich sei er ein veredelter Schulmeister, hochgezüchteter deutscher Typ des Philologen, der die Anwartschaft aus den Geheimrat schon im Schulranzen habe und doch ewig ein Primaner bleibe, lebensfremd und blutarm. Marie errötete vor Unwillen; nein, das sei nicht wahr, zumindest sei er doch ein Irlen und als solcher keineswegs aus der Art geschlagen, es gäbe keine vornehmere Natur als Ernst. Ja ja ja, erwiderte Kerkhoven gedehnt, vornehm, was habe es damit viel auf sich, Vornehmheit und nichts dazu, das sei ein Petrefakt, bei einem Mann wie Johann Irlen sei das was andres, aber man könne nicht verlangen, daß er die gesamte Familie mit Feuer und Auftrieb versorge. Für den Neffen sei nicht genug übriggeblieben, nicht genug Schwung, nicht genug Initiative. »Er sollte mal die Brille heruntertun, der Herr Privatdozent, und mit seinen zwei nackten Augen in die Welt gucken, mit so scharfen Gläsern sieht man keine Bilder mehr, nur noch Umrisse, er sollte sich mal seine Frau als Bild anschauen, nicht als Idee bestaunen.« Ein schreckliches Wort, Marie war betroffen und brach die Unterhaltung ab. Ein paar Tage später fing er von neuem an. Es war Besessenheit, wirkte wie Selbstbetäubung. Doch schwang ein Ton mit, der Marie zum Aufhorchen zwang wie wenn jemand in eine sonst völlig verständliche Rede Wendungen aus einer unbekannten Sprache mischt, die er aber selbst nicht recht versteht. Mit einem Eifer als habe er jetzt erst den Kern der Schwierigkeit gefunden, setzte er ihr auseinander, Ernst befinde sich nach seiner Meinung noch im erotischen Schlaf und an ihr sei es, ihn zu wecken, nötigenfalls mit aller List und Kunst, die sie erdenken könne. Marie schlug langsam die Lider auf. Ihr Gesicht zeigte fast keine Bewegung, nur in den Augen lag das Lächeln einer Frau, die sich wundert, worauf die Männer in ihrer vermeintlichen Weisheit verfallen. »Das . . . nein,« sagte sie, »das liegt mir nicht. Es liegt auch nicht in unserer Ehe . . .« – »Ei was,« rief Kerkhoven ungeduldig, »dann ist es eben überhaupt keine Ehe.« – »Vielleicht nicht,« erwiderte sie still, »nach Ihrer Auffassung vielleicht nicht.«

 

Sie hätte das Bett schon verlassen können, wenn sie sich nicht in der zweiten Woche erkältet hätte. Sie hustete stark, die Bronchien schienen angegriffen. Kerkhoven hätte sie untersuchen sollen, konnte sich aber nicht dazu entschließen. Ihr anbefehlen, den Oberkörper zu entblößen, zu denken, daß er das Innere ihres Leibes abhorchen sollte, davor schreckte er zurück. Idiotisch, unbegreiflich, aber er brachte es nicht fertig, in seiner ganzen Praxis war ihm dergleichen nie geschehen. »Ich müßte eigentlich einmal nachschauen,« sagte er in beiläufigem Ton zu ihr und machte eine Gebärde als sei es nicht der Mühe wert und man könne es noch verschieben (wobei ihm aber das schlechte Gewissen aus den Augen sah, denn er war so durch und durch Arzt, daß ihm die geringste ärztliche Unterlassung wie der Ansatz zu einem Mord vorkam). Marie war noch ganz arglos, als sie die wahre Ursache seines Zauderns in seinem Gesicht las. Ihre innere Antwort war beredt genug: als ob ein Vorhang zugezogen würde, den man aus Gedankenlosigkeit vergessen hat zu schließen. Unruhe Verwirrung Scham Verdruß malten sich nach einander in ihren ausdrucksvollen Zügen. Sie gehörte zu den Frauen, die ihr Bewußtsein, Frau zu sein, nicht immerfort ängstlich und aggressiv mit sich herumtragen. Die Art, wie sie jetzt daran erinnert wurde, stimmte sie äußerst nachdenklich und schrieb ihr eine veränderte Haltung vor. So etwas planmäßig durchzuführen war aber auch nicht ihre Sache, dazu war sie zu erschütterbar und ihr Wesen zu fließend. So bemächtigte sich ihrer eine halb furchtsame, halb neugierige Erwartung, nicht auf den Andern, nein, ganz auf sich selbst gerichtet. Wenn die Menschen vor vollzogenen Tatsachen stehn, wie sie zu sagen pflegen, ist das, was mit ihnen geschieht, meistens schon geschehen. Es ist nur die Welle, die sie erreicht hat und weiterträgt. Jeder Tag hat seinen Anteil an der Bewegung, unmerklich reift alles zum Schicksal, Liebe ist eine Frucht, Tod ist eine.

 

Von dem Tag an machte die Besserung überraschend schnelle Fortschritte, am Ende der dritten Woche stand sie auf und war wieder heiter lebhaft gesellig, mehr als je sogar, doch bei aller scheinbaren Aufgeschlossenheit in einer neuen Weise undurchsichtig. Sie verbrachte fast alle Nachmittage bei Irlen, dessen Zustand seit einem schrecklichen Tobsuchtsanfall, den er in den ersten Märztagen erlitten hatte (seine fortwährende Angst von dem Berliner Aufenthalt her), Anlaß zu Besorgnissen gab. An einem Abend war es geschehen, nach einem unbedeutenden Wortwechsel mit seiner Mutter. Er hatte sich die Kleider vom Leib gerissen und war nackt durch die Zimmer gerannt, laut brüllend, so daß die Passanten auf der Straße stehngeblieben waren. (Marie hatte das Schreien gehört, ihr Mann hatte sie durch irgendeine plausibelklingende Erklärung beruhigt.) Die Senatorin, die ihre Geistesgegenwart nie verlor, hatte den Schäumenden einfach um den Leib genommen, mit dem Aufgebot aller ihrer Kräfte zum Bett geschleppt und ihm kalte Kompressen gemacht. Er war danach in tagelange Somnolenz verfallen, auch die Ödeme hatten sich wieder gezeigt. Auf Kerkhovens Rat war eine Krankenschwester engagiert worden, aber kaum hatte sich sein Befinden gebessert, als er verlangte, daß man sie auf der Stelle fortschicke. Er könne die dauernde Gegenwart einer fremden Person nicht ertragen, wolle man ihn dazu zwingen, so werde er seine Koffer packen und abreisen. Mit derselben Heftigkeit weigerte er sich, einen zweiten Arzt beizuziehen. Frau Irlen wünschte es umso nachdrücklicher als Kerkhoven durchaus nicht dagegen war. Allein er wollte nichts davon hören. »Laßt mich in Frieden leben oder sterben,« sagte er, »es sei denn, ihr mögt mich hier bei euch nicht haben. Wenn Joseph für ein oberstes medizinisches Gericht plädiert, so spricht er gegen seine Überzeugung. Er weiß über mich Bescheid, und ich sehe keinen Grund, weshalb ich mich an jemand wenden soll, der nicht Bescheid weiß.« Die Senatorin schüttelte den Kopf über so viel Eigensinn, mußte sich aber fügen. Der Anfall war offenbar mit dem Tiefpunkt der Kurve zusammengetroffen, von dem Tag an trat eine Art von Genesung ein, wochenlange Aufwärtsbewegung, obschon er zu bestimmten Stunden müde und teilnahmslos auf dem Sofa lag, mit weit in die Höhlen gesunkenen Augen, der Blick trüb und verschleiert. Längst war die Bronzefarbe des Gesichts einem pergamentfahlen Grau gewichen, die Backenknochen standen wie Klippen hervor, die Lippen waren blutleer, die Haut am Hals und an den Händen faltig eingeschrumpft. Marie fand aber die Züge noch immer faszinierend, namentlich die herrlich aufgetürmte Stirn mit dem erstaunlich schönen Haaransatz und den frühweißen Haaren, die schlicht und peinlich geglättet zum Hinterkopf flossen und einer flachen silbernen Helmhaube glichen.

 

Sie kam gewöhnlich gegen vier und blieb bis gegen halb sieben. Als ihr Kerkhoven von der unverhohlenen Freude erzählte, die er bei der Nachricht gezeigt, daß sie wieder gesund sei, waren ihr Tränen in die Augen getreten. (Das war ein Grund für sie, zu weinen, das ja.) Sie las ihm vor, ordnete seine Hefte, registrierte die Aufzeichnungen und Korrespondenzen und schrieb bisweilen Briefe, die er ihr diktierte. Dadurch erhielt sie unerwarteten Einblick in seine Beziehungen, die Richtung und Haltung seines Geistes wurde ihr wie in einem Anschauungsunterricht verständlich. Sie begriff, daß der leidenschaftliche Anteil, den er den öffentlichen Vorgängen, der politischen Verfinsterung, der immer stärker zu spürenden Beunruhigung Europas schenkte, sein wahres Wesen war und die Existenz als solche anging. Unfaßliche Strömungen, dunkle Machenschaften, eilig schossen Fäden zum Gewebe, das Bild konnte keiner erblicken, aber ein paar Wächter waren da, die schickten einander Meldung und Warnung zu. Dieser da, der sieche Mann da, war einer. Sie kam sich wie auf einem Leuchtturm vor, draußen war das Meer, überm Meer lastete die nervenzerreißende Ruhe, die dem Sturm vorhergeht. Einige Freunde, aufs höchste beunruhigt, wollten ihn aufsuchen, er kehrte ab, er schob den Zeitpunkt hinaus, schweren Herzens ließ er durchblicken, er fürchte, den damit verbundenen Aufregungen nicht gewachsen zu sein. Einem aber, dessen Mitteilungen er mehr Gewicht als allen andern beizumessen schien, es war ein österreichischer Diplomat, Sekretär bei einer Botschaft, soviel Marie dem Brief entnehmen konnte, ließ er sagen, daß er ihn Ende April erwarte, er möge seine Urlaubsreise für einen noch zu bestimmenden Tag unterbrechen, es hänge von der Unterredung ab, welche Entschlüsse zu fassen seien, inzwischen rechne er noch auf entscheidende Berichte von anderer Seite. Leider bleibt die Verantwortung, die auf uns lastet, den Mächten, gegen die wir zu kämpfen haben, tot und stumm, schloß das Schreiben. Das alles erregte Marie wie einen das unheilkündende Gesicht eines Boten erregen würde, der nur gestikuliert statt zu sprechen. Eine Frage an Irlen zu richten, die schüchternste nur, verbot sich von selbst. Sie verstand ihn sehr gut. Wenn er nicht auf Verschwiegenheit und Zurückhaltung rechnen durfte, war ihm jeder Dienst wertlos. Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, sie fühlte es beglückt, sein Gefallen an ihr wuchs, die eigentümliche Gehobenheit, etwas unbewußt Freudiges, Beschwingtes und Bebendes, das er in letzter Zeit an ihr wahrnahm, fesselte ihn, der Ursache nachzuspüren lag nicht in seinem Sinn. In ihrer Bewegung, in ihrer Art zu sprechen erinnerte sie ihn manchmal so stark an ihren Vater, daß er es ihr eines Tages lächelnd gestand. »Ja? wirklich?« fragte sie und blieb vor Freude wie angewurzelt stehen. Beinah hätte sie sich niedergebeugt und aus Dankbarkeit seine Hand geküßt. Er erkundigte sich auch, nicht ohne zarte Vorsicht, denn die Ehe war keine glückliche gewesen, nach ihrer Mutter. Marie hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Sie lebte bei Verwandten in Königsberg.

 

Zwischen sechs und sieben, fast täglich, kam Kerkhoven. Sie wartete täglich auf den Augenblick, wo ihm das Mädchen im Vorzimmer Hut und Mantel abnahm und sie seine tiefe Stimme hörte, die voller Widerklang war. Es war jedesmal ein Gefühl als sei sie vor einer Enttäuschung bewahrt worden. Nachdem sie ihn begrüßt und ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte, ließ sie die beiden Männer allein. Sie wußte, daß er oft lange unten blieb. So lang er im Haus war, erschien sie sich geborgen. Bisweilen kämpfte sie mit der Versuchung, noch einmal hinunterzugehen, um ihn noch einmal zu sehen, der Vorwand hätte sich finden lassen. Natürlich tat sie es nicht, schon aus Furcht vor dem befremdeten Blick, mit dem Irlen sie vielleicht angeschaut hätte. Bei der Stille im Haus hörte sie mit ihren lächerlich scharfen Ohren seine Schritte, wenn er wegging und das Tor zuschloß. (Er besaß den Hausschlüssel für den Fall, daß er in der Nacht gebraucht würde.) Da erst war der Tag unwiderruflich zu Ende, mit dem Umdrehen des Schlüssels im Schloß. Sie stand hinter den Fenstergardinen und lauschte seinen starken Schritten, die sich entfernten. Es dünkte sie als ginge er unerreichbar weit fort. Ein anderes Haus ist eine andre Welt. Zugeschlossenes Tor, Schritte, die sich in der Nacht verloren, nun hieß es sich gedulden, vierzehn Stunden, sechzehn Stunden. Am Vormittag kam er zu ihr, oder sie traf ihn in der Stadt, wenn er verhindert war, rief er sie telephonisch an. Manchmal kam er nur für zehn Minuten, im Vorbeigehn, wie er sagte. Nein. es war kein Vorbeigehn, es kostete ihn den weiten Weg, es kostete Zeit, auch wenn er ein Vehikel benutzte. Sie wußte, wieviel der Tag von ihm, wieviel er vom Tag verlangte. Nicht die äußern Obliegenheiten nahmen ihn so über Gebühr in Anspruch, Praxis und praktische Berufsarbeit, die hätte er leicht bewältigen können, auf befahrener Bahn fährt sichs rasch, äußerte er oft. Aber es war das Andere, die strenge Bestrebung, der harte Wille und Vorsatz zu erringen, was er »das Wirkliche« nannte. Offenbarung? Verkündetes Ziel? Selbstgewähltes Ziel? Er ließ keine hohen Worte gelten. Student. Nina hatte es richtig bezeichnet, Student. Anfänger. Da er aber den unendlich weiteren Überblick hatte, fiel es ihm unendlich mal schwerer als jedem Studenten, Plan und System in die unübersehbare Vielfalt zu bringen. Es schreckte ihn nicht. Die Aussicht auf jahrelange aufreibende Bemühung nicht, die Gefahr und Unsicherheit des Weges nicht. Neben der Arbeit im physiologischen Institut beschäftigten ihn jetzt hauptsächlich bakteriologische und serologische Untersuchungen. Er fehlte bei keiner wichtigen Sektion und wartete jedesmal mit der Spannung eines Schülers auf die Epikrise. Er verbrachte Stunden mit der Enträtselung eines schwierigen Leichenbefunds und freundete sich mit dem greisen Anatomen an, der ihm wohlwollte, der einzige fast unter all den akademischen Größen, mit denen er in Berührung kam. Er zeichnete Präparate, mikroskopierte, las Hunderte von Publikationen und fuhr überdies jede Woche einmal nach Heidelberg (schon um fünf Uhr morgens), um die Goldschmidtschen Vorlesungen über Kolloidal- und Molekularphysik zu hören, die damals Aufsehen erregten. Das aber erfuhr Marie erst nach und nach, mehr von Irlen als von ihm selbst. Er sprach ungern davon. Er beschränkte sich ihr gegenüber auf Andeutungen, die nur seine Bedrängnis verrieten. »Ich bin ein Baumeister, der sein Haus einreißt,« sagte er grimmig. Seine Unermüdlichkeit und ruhig schreitende Beharrlichkeit gemahnten sie an einen Riesen, der front, die schweigsame, sanfte, in manchen Momenten erhabene Geduld, die ihm eigen war, vervollständigte das Bild. Es ist Größe darin, sagte sie sich, was sollte sonst groß sein, wenn nicht das? Es rührte sie, es riß sie hin. Endlich begriff sie Irlens Wort vom Durchstoßen der Eisdecke ganz. Es war ein Schauspiel, das sie demütig machte. Ein wunderbarer Glaube an ihn erfaßte sie, denn sie hatte ja die Kraft verspürt, mit der er sie schützte und führte. Und daß er ihr so viel von seiner Zeit schenkte, dieser kostbaren heißbegehrten Zeit, das war ein völlig neues Erlebnis für sie. Ein Mann, der Zeit hat, während er in die Enge getrieben ist vom Mangel daran, der immer da ist, wenn man heimlich wünscht, daß er komme, der nicht bloß »vorbeigeht«, sondern verweilt, gelassen, unbefristet, mit all seinem Sack und Pack gleichsam, verschwenderisch großmütig, fünf Minuten zur Fülle, Stunden zu ebensovielen Minuten macht, das war herrlich, es verlieh einem das Gefühl der Erlesenheit . . .

 

In einer Seitengasse am Dom hatten sie eine kleine Konditorei entdeckt, dort trafen sie einander an manchen Vormittagen, dort erzählte er ihr auch zuerst von Nina und der Angst und Sorge, die er ihretwegen hatte. Ohne zu erwähnen, welche unheilvolle Rolle Marie bei der Verfinsterung ihres Gemüts schuldlos gespielt, schilderte er sie und ihr Leben, ihre Einsamkeit und Vereinsamung. »Es sind die Umstände,« sagte er mit niedergeschlagenen Augen, »ich kann ihr nicht mehr sein, was ich ihr einmal war, und sie fühlt es.« – »Ich wußte nicht, daß sie so einsam ist,« antwortete Marie, »hat sie niemand? keine Freundin? niemand als Sie?« – »Niemand.« Es klang wie wenn man von einer Last spricht, von der man endlich weiß, daß sie nicht mehr zu tragen ist. – »Und wenn ich einmal zu ihr ginge, wenn ich sie besuchen würde?« fragte Marie, »wie würde sie es aufnehmen? was denken Sie?« Es war unvorsichtig, sie spürte es sofort, aber nun war es heraus, Kerkhoven war auch so überrascht, daß er nicht gleich eine Erwiderung fand. »Wenn Sie das tun wollten, Marie, das wäre . . .« stammelte er halb erfreut, halb erschrocken. Er vergegenwärtigte sich die Trübseligkeit seiner Behausung, die schmucklosen Zimmer mit ihrem Doktorgeruch, die scheue wortkarge Nina, was für eine Begegnung sollte das werden . . . Doch nur der erste Gedanke war unbehaglich, die Folgen konnten ersprießlicher sein als sich im Augenblick absehen ließ. Er vermied es gleichwohl, auf den Vorschlag näher einzugehen. Erst einige Zeit später kam es dazu. Marie ging wirklich zu Nina Kerkhoven, und das wurde ein Schicksalstag.

 

In einer der folgenden Nächte träumte Marie, sie befinde sich in der Wohnung der Berta Willig, jener Näherin, der das einzige Kind gestorben war und die aufzusuchen sie Kerkhoven gebeten hatte. Das war vor Monaten gewesen, sie hatte mit der armen Person nur ein paar Worte gesprochen und die Sache längst vergessen. Woher nun der Traum? Die Stube im Traum hatte keine Ähnlichkeit mit der wirklichen, die die Näherin bewohnt hatte. Außer einem Kinderbett standen keinerlei Möbel darin, auch die Wände waren vollständig kahl. An einem hohen Fenster, das wie ein Kirchenfenster aussieht, lehnt feindseligstumm Berta Willig, dann ist noch eine andere Frau zugegen, schattenhaft wirkend, von der Marie weiß, unerklärlich wieso, daß sie eine Ärztin ist. Sie trägt einen weißen Kittel, kotbespritzte Gummischuhe, die ihr viel zu groß sind, und ist angestrengt bemüht, eine Arzneiflasche zu entkorken. Marie sitzt am Bett des Kindes und zeigt ihm die Bilder in einem Bilderbuch. Es ist eigentlich Aleids Buch, sie macht sich Vorwürfe, daß sie es dem fremden Kind gebracht hat. Sie begreift es umso weniger als das Kind zwar spricht und sich bewegt, aber im übrigen aussieht als sei es aus Wachs. Sie faßt es an der Schulter an und bemerkt durch das Hemdchen durch, daß die Eindrücke ihrer Finger als Löcher in der Haut bleiben, genau wie wenn man Wachs anrührt. Da wendet sie sich unwillig zur Mutter und sagt: was ist denn das, das Kind war doch schon tot, und jetzt lebt es. Die Willig nimmt von ihren Worten keine Notiz, statt ihrer antwortet die Ärztin verbissen, indem sie die Arzneiflasche schüttelt: daran ist nichts zu staunen, alles ist jetzt umgekehrt, die Tage und die Zeiten sind in Unordnung geraten. Während sie diese dunklen Worte spricht, öffnet sich die Tür, und Maries Vater tritt ein. Zu ihrem großen Schmerz scheint er sie nicht zu erkennen, er nickt nur und wiederholt mit einer Stimme, die nicht seine eigene ist: ja, die Tage und die Zeiten sind in Unordnung geraten.

Obwohl ihr der Traum unmittelbar nach dem Erwachen aus dem Gedächtnis entschwand, bedrückte sie sein Gewicht den ganzen Tag hindurch. Ernst war für zwei Tage zu einem Freund nach Freiburg gefahren, zu Mittag sollte sie bei Bekannten in der Stadt essen, bevor sie fortging, sah sie wie gewöhnlich nach Aleid und wunderte sich über das Gefühl der Erleichterung, das sie empfand, als sie wahrnahm, daß das Kind ruhig spielend auf dem Fußboden saß und mit der Pflegerin plauderte. Nachmittags hatte sie häusliche Besorgungen zu machen, auch bei der Schneiderin war sie bestellt, so wurde es ziemlich spät, als sie sich endlich auf den Heimweg begab, sogar die Zeit, die sie bei Irlen zu verbringen pflegte, war versäumt. Sie wollte ein Taxi nehmen, fand aber keins, und während sie ging, wuchs eine unerklärliche Unruhe in ihr, sie beschleunigte ihre Schritte und kam atemlos an. Die Ahnung hatte sie nicht betrogen, Aleid lag fieberglühend zu Bett. Die Pflegerin meinte, es sei wohl eine Halsentzündung, sie war eben im Begriff, die Temperatur zu messen, das Ergebnis deutete auf eine ernstere Erkrankung: vierzig Grad. Marie war zumut als seien ihre Beine aus Blei. Das Kind begann zu delirieren. Sie schickte die Pflegerin zu Irlen hinunter, ob Doktor Kerkhoven noch da sei. Unglücklicherweise hatte er den heutigen Besuch abgesagt. Sie telephonierte in seine Wohnung, Ninas Stimme antwortete, er sei in der Klinik (angenehme Stimme, dachte sie mitten in ihrer Verzweiflung), als sie die Klinik anrief, wurde gesagt, er sei eben weggegangen, die Angst schnürte ihr die Kehle ab, sie rief der Pflegerin zu, sie solle nasse Tücher vorbereiten, während sie im Telephonbuch nach der Nummer eines andern Arztes suchte, denn da war kein Zuwarten mehr möglich, stand der Traum der vergangenen Nacht von Anfang bis zu Ende lebendig vor ihr, und ihr Herz erstarrte vor Schrecken. Sie fuhr mit dem Finger über die Kolonne der Adressen, fand die eines alten Medizinalrats, den sie vor Kerkhovens Zeit konsultiert hatte, aber als sie sich zum Apparat wandte, schrillte das Läutwerk, er war es. Er wollte ihr mitteilen, daß er nicht zu Irlen kommen könne. Sie rief zehn Worte in die Muschel, die genügten, eine Viertelstunde später war er da. Kurze Untersuchung. Diphtherie. Nicht überraschend, es herrschte eine Epidemie in der Stadt. Das Serum hatte er mitgebracht, es war keine Zeit zu verlieren, die Pflegerin assistierte. Es war halb acht, er blieb noch bis acht, um die Wirkung abzuwarten. Als er ging, versprach er wiederzukommen, es könne spät werden, aber er wolle auf jeden Fall noch einmal nachsehen. Um halb zehn schickte Marie die Pflegerin schlafen: sie solle sich im Gastzimmer einrichten. Sie selbst setzte sich mit einem Buch an Aleids Bett. Natürlich blieb das Buch unaufgeschlagen auf ihren Knieen liegen. Sie schaute die kleine Schläferin unverwandt an, das Kinn in die Hand gestützt. Das von den rötlichen Lockenhaaren überschattete Gesichtchen war noch immer vom Fieber gedunsen, noch immer sott das Blut in den Adern. Fieber ist auch nur ein Blühen, ein entartetes, das Leben will aus seinem Gefängnis heraus, rebellisch wie ein Vogel, der dem Bauer entwichen ist, um dann gegen die Fensterscheibe zu stoßen. Maries Blick ruhte zärtlich auf den fetten winzigen rätselhaft gegliederten Händchen, die sich ins Kopfkissen gekrampft hatten als seien sie entschlossen, auf dieses greifbare Stück Welt, somit auf das Dasein überhaupt, um keinen Preis zu verzichten. Sie dachte: Herrgott, was für ein Menschlein, ein richtiges Menschlein, und man hat es geboren. Das ewige Staunen der Mütter. Als Kerkhoven kam, es war elf, machte er leise die Tür auf und trat auf Fußspitzen näher. Sie nickte ihm zu. Wie selbstverständlich, daß er da war, sie nicht allein ließ, tief in der Ordnung der Dinge. Er ließ das Gitter des kleinen Bettes herab, legte das Ohr auf die Brust des Kindes. »Es ist gut,« murmelte er, »es geht seinen richtigen Gang.« Er zog einen Stuhl herbei und setzte sich neben Marie. So saßen sie bis Mitternacht. Schweigend. Es war vollständig überflüssig, irgend etwas zu sagen. Es wäre störend, es wäre enttäuschend gewesen. Nachdem Kerkhoven das Haus verlassen hatte, blieb er in der Mitte der Straße stehen, riß den Hut vom Kopf und schaute in den bestirnten Himmel hinein. Es gibt Stunden, wo uns die Sterne zum ersten Mal scheinen.

 

Einige Tage später war es, daß Irlen Marie und ihm die Geschichte des Äthiopiers Ngaljema erzählte. Es kam so. Als Marie gegen fünf Uhr bei ihm erschien, merkte er, wie benommen sie war. Sie wußte selber nicht, was mit ihr vorging, schon der Schreck mit Aleid hatte ihr zugesetzt, aber davon hatte sie sich bereits erholt, es war etwas anderes, manchmal war ihr zumut als habe die Welt um sie keine rechte Realität mehr. Sie übertrieb Gesehenes, die Eindrücke verzerrten sich in ihr, so hatte sie heute beim Mittagessen zu fühlen geglaubt, Ernst verfolge sie mit vorwurfsvoll-schmerzlichen Blicken. Ein Wahn, sie war überzeugt davon, daß es Wahn war, aber in ihrer aufgewühlten Stimmung konnte sie seiner nicht Herr werden. Irlen wollte sie durch eine Erkundigung nicht noch mehr irritieren, er nahm es nicht allzuschwer, bei einer andern als Marie hätte er es überhaupt nicht beachtet, er wußte ja wenig von Frauen, nur als soziale Figuren und Genossinnen männlicher Schicksale erregten sie zuzeiten sein Interesse. Aber weil es eben Marie war, die er nicht für eine alltägliche Erscheinung hielt und deshalb in seinen privaten Lebenskreis hatte eintreten lassen, wollte er ihr behilflich sein, sich aus der Umfangenheit zu befreien. Sie hatte stets mit begieriger Aufmerksamkeit zugehört, wenn er von seinen afrikanischen Erlebnissen gesprochen hatte, und da er den bewundernden Blick auffing, den sie auf dem langen Dolchmesser mit dem kunstreich geschnitzten Elfenbeingriff ruhen ließ (er hatte es am Vormittag seinem kleinen Museum entnommen, um eine Beschreibung für den Katalog anzufertigen), sagte er, mit diesem Stück habe es eine eigene Bewandtnis, es stamme ursprünglich aus einem Elfenbeintempel der Aruwimi, die noch vor dreißig Jahren für Kannibalen gegolten hätten, müsse aber aus dem Heiligtum entfernt worden und in den Besitz der Häuptlingsfamilie übergegangen sein, denn Ngaljema, der letzte Häuptling, habe es ihm kurz vor seinem schrecklichen Ende als eine Art Pfand übergeben.

Er war sehr ruhig an diesem Tag, das einzige, worüber er klagte, war der seit dem Morgen herrschende Föhn. Er hatte unter dem Klima viel zu leiden, Scirocco nahm ihn hart mit, Kerkhoven nannte ihn einen Wetterfühler, was ein medizinischer Terminus ist, es gibt eine besondere Krankheitsform, die man Zyklonose nennt. Er hatte seine Erzählung eben begonnen, als Kerkhoven kam. Er winkte ihm lächelnd zu und wies auf den Sessel, der neben Marie stand. Marie neigte kaum merkbar den Kopf.

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