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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Irlen fuhr fort: »Vielleicht begreifst du jetzt, was sich ereignet hat . . . Gore: das Motiv, Otto Kapeller: die Durchführung. Der eine die Skizze, der andere das Bild. Solche Vorgänge sind viel häufiger als man weiß. Wir tun immer als sei das Leben in seinen Typenschöpfungen unbegrenzt verschwenderisch. Keine Rede. Alte Formen werden wieder benutzt, frühere Versuche wieder aufgenommen. Ähnliche Gruppierungen ergeben ähnliche Gestaltungen. Zur Erkenntnis dieser Prozesse muß man aber mehr Naturforscher als Psycholog sein. Zum ersten Male zeigte sich mir das Gore-Gesicht, im Anfangsstadium sozusagen, bei der Geschichte mit Dagmar. Otto war dahintergekommen, daß seine Schwester Dagmar heimliche Zusammenkünfte mit einem jungen Düsseldorfer Kapellmeister hatte. Einem sympathischen und begabten Menschen übrigens. Otto hatte freundschaftlich mit ihm verkehrt, ihn häufig mit dem Auto holen lassen und abendelang mit ihm musiziert. Ich weiß nicht, wie weit sich Dagmar engagiert hatte, jedenfalls eröffnete sie dem Bruder ganz ruhig, als er ihr die Beziehung im Ton eines Untersuchungsrichters vorhielt, daß sie den Mann zu heiraten gedenke. Dagmar war keine Schönheit, aber äußerst anziehend und charaktervoll. Sie hatte den Bruder vergöttert, die Veränderung seines Wesens, die sie früher bemerkte als alle andern, war eine schmerzliche Enttäuschung für sie. Bald nach dem Tod des Vaters war es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihnen gekommen wegen der Rücksichtslosigkeit, mit der er die Mutter behandelte; ihre Gegenwart störte ihn, er vertrug sich nicht mit ihr, und nach einem vom Zaun gebrochenen Streit hatte er sie gezwungen, sich auf den trierischen Landsitz der Familie zurückzuziehen. Dann fing er an, sich allen möglichen Ausschweifungen zu überlassen, alkoholischen Exzessen und sonstigen . . . für diese Zwecke hatte er ein Haus in Köln gemietet, dort spielte sich, in jedem Sinn, der nächtliche Teil seines Lebens ab, in welcher Gesellschaft, ist überflüssig zu sagen. Dagmar wußte es. Ich steckte um diese Zeit bis über den Hals in Arbeit, war die Hälfte des Jahres auf Reisen und bekam diese Dinge erst viel später und wie von ungefähr zu hören, niemand traute sich damit an mich heran, man hätte sich eine derbe Abfuhr geholt, denn unter allen Umständen hatte ich ihn ja nach außen hin zu decken. Wenn ich mit ihm beisammen war, gab es Konflikte genug, aber in der Regel zeigte er einen Eifer, mir zu gefallen, und war so bemüht um mich, daß der Argwohn, der mich freilich nie verließ, nur in der Tiefe weiterglomm. Eines Abends ließ sich Dagmar bei mir melden und um eine Unterredung bitten. Aufgeregt ängstlich halb vermummt kam sie, um mir zuvörderst mitzuteilen, daß sie von Spionen umgeben sei, auf Schritt und Tritt von Detektiven beobachtet und daß sogar ihre Korrespondenz abgefangen werde. Dann berichtete sie die Ursache der Verfolgungen. Ich hatte davon gehört, mich aber gehütet, das Gerede aufzugreifen oder gar Otto darüber zu befragen. Sie war überzeugt, ich sei der einzige, der ihr helfen könne, der einzige, der noch Macht über Otto habe. Aber das war vorbei. Oder richtiger, es war nie gewesen. Was hat es mit dem Einfluß auf eine Seele auf sich, die keine Gravitation besitzt? Es ist eine Selbsttäuschung, und eine, bei der man schon hilflos auf der Strecke liegt, wenn man sie erkennt. Er hatte ihr so abscheuliche Szenen gemacht, daß sie noch in der Erinnerung erblaßte, hatte wie ein kotzebuescher Familientyrann getobt und die albernsten Velleitäten von Mesalliance und Familienschande vorgebracht. Es war zum Lachen. Ich bin nicht eben stürmisch eingenommen für die Mißachtung von Standesunterschieden zugunsten sogenannter Liebesheiraten, aber mein Gott, der Großvater von Andreas Kapeller war schließlich noch simpler Hufschmied in Steele gewesen. Da Otto bei seiner Schwester auf die unbeugsame Entschlossenheit stieß, die immer entsteht, wenn man sie mit ungeeigneten Mitteln brechen will, drohte er, ihren Liebhaber niederzuknallen, wenn er ihm vor die Augen trete, und als Dagmar dafür nur ein Achselzucken hatte, erklärte er ihr trocken, er werde ihre Entmündigung beantragen und sie in ein Irrenhaus sperren lassen. Das klang allerdings bedenklich, dergleichen war ihm zuzutrauen. Wann hat er das gesagt? fragte ich. Gestern, sagte sie und blickte mich schreckerstarrt an, als sei sie meines Beistandes plötzlich nicht mehr gewiß. Ich versicherte ihr jedoch, sie habe nichts zu fürchten. Am andern Morgen ging ich zu Otto, nachdem ich mich telephonisch angesagt, denn er hatte einen förmlichen Hofstaat von Dienerschaft um sich, und man konnte nur schwer zu ihm dringen. Ich gab ihm in aller Ruhe zu verstehen, daß jede Gewalttat, zu der er sich in dieser Sache vergäße, mich unweigerlich auf der Seite seiner Schwester finden würde. Was nun kam, war unerwartet. Eifersuchtsausbruch. Anklagen. Als ob ich ihn vernachlässigt, unsere Freundschaft verraten hätte, als ob ich mit Dagmar im Einverständnis sei, ja als ob Dagmar . . . absurd absurd . . . als wär ich dem Edelsten meiner Natur untreu geworden und hätte ihn damit in heillose innere Verwirrung gestürzt. Absurd. Dazu Tränen, wirkliche Tränen. Ich weiß heute noch nicht, was daran Spiel und Rolle und was Wahrheit und echtes Leiden war. Wer will das Leiden auf seine Echtheit prüfen? Es gibt keinen Lügner, der nicht in seiner Lüge bis zu einem gewissen Grad wahr ist. Das ist es ja, weshalb uns die Lügner so viel zu schaffen machen, mir wenigstens. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, und indem ich mich zu einem Lächeln zwang, zitierte ich die Worte Petrucchios: Wenn kleiner Wind die kleine Flamme facht, so bläst der Sturm das Feuer und alles aus. Er schaute mich erstaunt an, dann schlug er die Augen nieder. Und in dem Moment durchzuckte es mich: Gore! Seine Wangen waren in den letzten Wochen unheimlich aufgequollen, die Farbe war käsig und ungesund, der Hals hatte sich verdickt, der Nacken setzte zum Wulst an . . . Gore. Aber ein viel gefährlicherer Gore, ein viel unheilvollerer, einer der sich auf ein Postament gestellt hatte und auf der öffentlichen Bühne den Heros mimte. Ich wußte damals schon: es geht auf Leben und Tod. Alles was ich da erzähle, ich seh dirs an, macht dir vielleicht den Eindruck als hätt ich es mit einem Halbwahnsinnigen zu tun gehabt und sei mir bloß nicht klar darüber geworden, mit einem Unzurechnungsfähigen, dem gegenüber ich den Fehler begangen, ihn für voll zu nehmen, für ebenbürtig. Aber das ist ein Irrtum, ein fundamentaler Irrtum, Lieber. Weißt du, was diese scheinbare Unzurechnungsfähigkeit, diese großartig tuende Tollheit in Wirklichkeit war? Trivialität. Du mußt nicht meinen, daß ich im Augenblick der Erkenntnis alles geleugnet hätte, was zweifellos an großen Eigenschaften einmal vorhanden war, Finesse Bildung Erziehung Anmut Phantasie, aber das alles war durch die ungeheure Last von Besitz und Macht zu einem Brei von Trivialität zerquetscht worden. Der Organismus war zu schwach, das Gewicht zu tragen. Er war nicht darauf eingerichtet. Gore zur Potenz erhoben. Eine solche Trivialität hat etwas unglaublich Niederschmetterndes und Ernüchterndes. Sie saugt einem das Mark aus, und wo man hinfaßt, greift man ins schleimig Formlose. Ich war beengt, in jeder Hinsicht. Ich arbeitete unter beständigem Gegendruck. Von Reformen und Verbesserungen war längst keine Rede mehr, obwohl in manchen Teilen des Betriebs Zustände herrschten, die dringender Abhilfe bedurften. Wichtige Posten wurden mit Ottos Kreaturen besetzt. Über deren Köpfe hinweg traf er Verfügungen und griff in die Verwaltung ein, wobei er sich auf mich berief und mich in die Zwangslage brachte, ihn zu desavouieren. Zwei meiner besten Leute, ein Subdirektor und ein Ingenieur, wurden trotz meinem Einspruch entlassen, jener sollte ein Fabrikgeheimnis an die Konkurrenz verraten, dieser eine neue Verordnung sabotiert haben. Alles erlogen, eine perfide politische Intrige steckte dahinter. Im Dezember 1910, kurz vor dem großen Streik, hatte ich in Stockholm Verhandlungen mit einem schwedischen Konzern zu führen, in der entscheidenden Stunde, die Verträge sollten nur noch unterschrieben werden, fiel mir Otto mit einem geradezu verräterischen Telegramm an die Gegenpartei in den Rücken, mir, seinem Beauftragten. Du fragst mit Recht: warum hast du ihm Amt und Stellung nicht vor die Füße geworfen und bist deiner Wege gegangen? Dem stand vieles entgegen. Ich habe oft mit dem Entschluß gerungen, es stand zu viel entgegen. Lebendiges Glied an einem lebendigen Körper, wie sollt ich mich da leichterdings lösen? Jahre meines Lebens waren hineingeflossen, mein Blut war drin, Ideen Pläne Hoffnungen Erwartungen, sollte alles umsonst gewesen sein, Fristung der Existenz bloß, und ich über alle Verantwortung hinweg das bereits Gewonnene, eine Welt, im Stich lassen wie irgendein bezahlter Schreiber? Unmöglich. Um zu kämpfen und mirs nicht bequem werden zu lassen war ich ja da. Ich hatte überall im Betrieb Freunde, bis zu den jüngsten Arbeitern hinunter ergebene Leute, es war mir gelungen, ihr Vertrauen zu erwerben, sie hielten zu mir, auf eine abwartende Weise oft, aber es bedeutete ihnen was, wenn ich mich an ihren Diskussionen beteiligte, ihre Streitigkeiten schlichtete, ihre Versammlungen besuchte, sie nahmen es nicht für den Luxussport eines Herrn, sie fühlten, was sie anging, ging auch mich an. Ich hatte Freude an dem Ganzen, es war mir manchmal wie mein Eigenes. Wenn ich durch die Zechen Gießereien Stahlwerke Walzwerke schritt, die Hochöfen Krane Pressen Generatoren Bohrer Kessel Schmieden und Hämmer sah, wenn die rotglühenden Eisenstangen über die Blockstraßen sausten und die glühenden Radscheiben an den riesigen Hebemagneten hoch über meinem Kopf hinschwebten, das war eine eigentümliche Betörung, Gewalt über die Elemente und die Materie, und schlug ich dann einen Band Goethe auf oder schaute mir ein Bild von Renoir an, so war das gar nicht so weit weg davon. Die Flinte ins Korn werfen, das hätte geheißen, sich als Besiegten und als Flüchtling bekennen, und das konnt ich nicht, durft ich nicht, dagegen bäumte sich alles in mir auf, da mußte sich erst das Schicksal selbst gegen mich erklärt haben . . . Aber ich will zum Ende kommen. Der Streik, der von Anfang an den Charakter eines sozialen Unglücks gehabt hatte, war in der Hauptsache auf die starre Haltung Ottos zurückzuführen. Geringe Nachgiebigkeit nur, und man hätte verhandeln können, als ich ihm bedeutete, daß es hier nicht um Theorien gehe, nicht um persönliche Kraft und Energieproben, sondern um ein Gesetz der Zeit und um Notwendigkeiten, die sich auch ohne ihn und wider ihn durchsetzen würden, gab er mir zur Antwort, darauf wolle ers eben ankommen lassen, vorläufig halte er sich noch für stärker als den aufgewiegelten Mob. Diese Verblendung machte mich schaudern, ich verzichtete auf weiteren Kampf. In der vierten Streikwoche, an einem frühen Morgen, erschien eine Deputation von Arbeiterfrauen vor der Villa und begehrte ihn zu sprechen. Es waren etwa dreißig Frauen jeden Alters, zweieinhalb Stunden warteten sie in der Kälte, standen lautlos vor dem Parkgitter und blickten zu den Fenstern empor wie Figuren von Meunier. Ich bewohnte um die Zeit das sogenannte Kavalierhaus am Ende des Parkes, vor mir hatte Dagmar drin gewohnt, seit dem Zerwürfnis mit dem Bruder lebte sie in England, eine Lösung, die ich vorgeschlagen hatte. Ich wußte von der Abordnung, ich dachte, Otto hätte sie längst empfangen, indessen teilte mir um dreiviertel zehn mein Sekretär mit, daß sie noch immer vor dem Tor stünden. Das geht doch übers Bohnenlied, sagt ich mir, ging sofort in die Villa hinüber und verlangte Otto zu sprechen. Der Butler kam, der erste Kammerdiener, der zweite: Bedauern, der gnädige Herr ist noch im Bad. Ich: das kümmert mich nicht, die Sache leidet keinen Aufschub, und dränge die Leute beiseite. Zwei Minuten drauf stehe ich im Badezimmer, besser gesagt Badesaal, alles eitel Marmor und Gold, er sitzt in der Wanne, feist und zufrieden. Er vergnügt sich damit, ein Gummikrokodil schwimmen zu lassen und mit dem Finger den Rachen auf und zu zu klappen. Er mustert mich spöttisch und fragt: na, was Neues vom Kriegsschauplatz? Gore. Gore in Vollendung. Da wußt ich: er oder ich, denn er und ich, das war nicht möglich, auf tausend Meilen Entfernung nicht. Da war kein Zwist und Handel zwischen Privatpersonen mehr, da gings um was anderes. Er schien es selbst zu begreifen, die Insulte, die er mir drei Tage später im Fabrikhof vor den Arbeitern Mannschaften und Offizieren zuschleuderte, war durchaus von kalter Überlegung eingegeben, sie machte auf alle, die dabei waren, den Eindruck wie wenn einer in der für ihn vorteilhaftesten Situation die Maske abwirft und sich stellt. Vielleicht war es ein Akt der Erlösung, wer will das beurteilen, vielleicht ein letzter verzweifelter Durchbruchsversuch aus dem Schein in die Wirklichkeit mit der feigen Absicht, die Entscheidung dem Schicksal zuzuschieben. Schein . . . eben eben. Alles Dämonenwesen und Gorewesen ist ja bloß Schein. Das Duell ging auf schwerste Bedingungen, Pistolen, sieben Schritt Distanz, Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit eines Gegners. Am Abend vorher schrieb ich einige Briefe, dann ging ich mit einem Buch in den kleinen Wintergarten, um noch eine Stunde zu lesen. Da war mir als glitte ein Schatten an der Glaswand vorüber. Ich sah auf, es war heftiges Schneegestöber draußen, sah auf und gewahrte Otto. Er stand drei Schritte von mir, die gläserne Wand zwischen uns, im Pelz und niedern steifen Hut, eine Zigarre im Mundwinkel, und schaute mich aus leicht verkniffenen Augen durchdringend an. Als ich das Buch weglegen und aufstehen wollte, drehte er sich um und verschwand im Flockengewirbel. Dieses Bild von ihm wie von der Schwelle der Unterwelt her ist mir unauslöschlich in der Erinnerung geblieben.«

Nach langem Schweigen erhob sich Irlen und sagte mit belegter Stimme: »Heute würde ich nichts gegen ein Veronal einzuwenden haben, Joseph.«

 

Daß mit Nina etwas nicht in Ordnung war, hatte Kerkhoven gespürt, aber eben nur gespürt, nicht wahrgenommen. Als er an einem der nächsten Abende spät nach Hause kam und in sein Arbeitszimmer gehen wollte, um noch eine Stunde zu lesen, bemerkte er, daß die Schlafzimmertür nur angelehnt war. Durch den Spalt schimmerte Licht. Sie hat vergessen, das Licht auszulöschen, dachte er. Leise ging er hin und öffnete die Tür ein wenig weiter. Sein Schritt war fast unhörbar; wenn er nachts heimkam, pflegte er im Vorzimmer die Filzschuhe anzuziehen, um Nina nicht zu wecken. Er spähte gegen das Bett und sah, daß sie wach war. Sie lag still da, die Hände unter dem Nacken, und blickte zur Decke hinauf. Das Gesicht hatte etwas Lebloses, doch kaum hatte sie, ohne die Richtung ihres Blicks zu verändern, die Bewegung der Tür bemerkt, als ein elektrisches Beben über ihren Körper lief, bis zu den Knieen verfolgbar, und sofort erschien das süßliche Lächeln auf den Lippen, das nur dann von ihnen wich, wenn sie ganz sicher war, allein und unbeobachtet zu sein.

Kerkhoven trat an das Bett. »Hallo, Nina, fehlt dir was?« – Eifriges Kopfschütteln. – »Warum schläfst du denn nicht?« – Achselzucken. Sie wisse es nicht. – »Es ist doch gleich eins. Bist du nicht müde?« – Müde? O nein. Non è mai stanca. Wovon sollte sie müde sein. – »Aber du siehst so komisch aus . . . du hast etwas . . . willst du mirs nicht sagen?« – Erstaunen. Wahr'aftig nein, Giuseppe. Nix. Nixnix. Und das Lächeln. Er schaute sie noch eine Weile forschend an, dann ließ er sie. Als er gegen zwei Uhr zu Bett ging, lag sie noch genau so da, die Hände unterm Nacken, mit demselben geronnenen Lächeln, aber die Augen waren geschlossen, sie schien zu schlafen. Er hegte Verdacht, sie stelle sich bloß schlafend, doch fand er es bequemer, sich nicht davon zu überzeugen. Es wühlten zu viele Gedanken in seinem Hirn, zu viele Sorgen bestürmten sein Herz. Er glaubte noch nachzudenken, während er schon schlief, die Taggespenster ließen ihm keine Ruhe. Und so floß alles, was in seinem Unbewußten mit Nina zu tun hatte, in einen aus der Finsternis des Schlummers herausgeschnittenen Leuchtkreis, dessen quälende Grellheit den Augenblick des Aufwachens zur Erlösung machte.

 

Er fing an, sie zu beobachten, und dies wirkte auf sie wie auf den Goldfisch die Annäherung eines Menschen an das Bassin, in dem er schwimmt. Vielleicht gewahrt er nur den Schatten, aber der genügt zur Panik. Das geronnene Lächeln, mit dem Nina von früh bis abends herumging, gab ihm zu denken. Ihr Schwatzen und Lachen hatte etwas Entseeltes wie das Geräusch von Regentropfen in einer Dachrinne. Dazu der scheue Blick und, wenn er eine liebkosende Berührung versuchte, das Zurückzucken. Beim Weggehen von zuhause küßte sie ihn, aber nur auf die Wange, ganz obenhin, ganz gehorsame Magd. Er wunderte sich. Manchmal wurde er ungeduldig und zankte. Da faltete sie stumm die Hände vor der Brust und stand da wie eine melancholische kleine Madonna . . . Komm her, Nina, setz dich zu mir . . . näher, hast du denn Angst vor mir, gib mir doch die Hand . . . Sie setzte sich an seine Seite, reichte ihm langsam die Rechte, schaute ihm eine Sekunde lang starr in die Augen, dann verdeckte sie seine Augen mit der Linken und kehrte sich weg. Sehr italienische Geste, sie rührte ihn, aber was tun? Die tiefe Anhänglichkeit, die er für dieses Geschöpf empfand (wie entsprach sie dem Sinn des Wortes, wie unverkennbar war sie »creatura«), hinderte ihn nicht, zu sehen, daß sie sich nur noch am äußersten Rand seines Lebens bewegte und daß es schwierig war, sich mit ihr zu verständigen, sobald es nicht um das gewohnte tägliche Einerlei ging. Zu viele Gedanken wühlten in seinem Hirn, zu viele Sorgen bestürmten sein Herz, kleine Nina, du wehrst dich umsonst gegen das unerbittliche Schicksal, deine Zeit ist um. Kerkhoven war freilich nicht der Mann der graden Wege und der mutigen Abrechnungen, mit sich und mit andern konnte er nicht fertig werden, er hing und verhing sich in jeden Zustand, fürchtete die Entscheidung und die Endgiltigkeit eines jeden. Die Senatorin Irlen hatte einmal zu ihrem Sohn gesagt: »Hast du bemerkt, daß er gern die Türen hinter sich offen läßt? Das muß etwas zu bedeuten haben.« – »Es hat zweifellos etwas zu bedeuten,« gab Irlen mit leiser Ablehnung kritischer Folgerungen zur Antwort, »ein Mensch, der nicht weiß, wie weit er gehen wird, sucht sich instinktiv den Rückzug zu sichern.«

Solang wie möglich wird Kerkhoven an die Unerschütterlichkeit seiner Verbindung mit Nina glauben. Das heißt, er wird sich weder die Kraft noch die Entschlossenheit zutrauen, das Band zu zerreißen, und wird eher hundert Gründe ausfindig machen, die es als untrennbar und schicksalshaft erscheinen lassen, als dem einzigen gemäß handeln, der ihm die tiefe Brüchigkeit des Verhältnisses vor Augen führt. Er wird seine Dankbarkeitsverpflichtung vorschützen, sein Mitleid, seine Ehre, um sich einen Schritt zu ersparen, der ihm zu große Opfer an Energie und Festigkeit auferlegt, und mit der Ausrede, daß höhere Aufgaben sein Leben beanspruchen, wird er unter Umständen dieses Leben selbst zum Opfer bringen, nur um nicht vor ein Entweder-Oder gestellt zu werden. Er weiß es. Er fürchtet sich vor sich. Er hat immer gedacht: Frau ist Frau, und da man nun einmal eine haben muß, ist man noch mit der am besten dran, die einen am wenigsten stört. Aus dieser nicht sonderlich erlauchten Ausfassung heraus hatte er vor kurzem gegen Irlen geäußert: »Meine Ehe ist, was eine richtige Ehe sein soll, nämlich in jeder Hinsicht neutralisiert.« Irlen hatte spöttisch-nachsichtig gelächelt, was blieb ihm anders übrig, wenn ein so grundgescheiter Mann so törichtes Zeug redete. Doch Kerkhoven fühlte sich unbehaglich, seine ganze Existenz war ihm so unbehaglich als ob er immerfort rauhe geflickte Wäsche am Leib trüge. Er war beirrt gereizt aufgescheucht; im Wunsch, es möge alles so bleiben wie es war, und in der Angst, daß es nicht mehr so weiterging wie bisher, fachte er die halberloschene Zärtlichkeit für Nina wieder in sich an und ging, als sei dies die unerläßliche Folge, Marie Bergmann geflissentlich aus dem Weg. Denn dort wurzelt ja die Angst. Nur Angst, nichts worauf sie sich gründete, nichts Ausgesprochenes, nichts was man stummes Einverständnis nennen konnte, leere blöde Angst. Er machte sich nichts vor, er spürte natürlich, daß zwischen dem geronnenen Lächeln auf Ninas Lippen und seiner eigenen veränderten Gemütslage ein Zusammenhang bestand, aber daß Nina von Marie Bergmann wußte, daß sie wie eine, der eine Verkündigung geworden, in ihrer Seele bereits erlitt, was sie erst erleiden sollte, das hätte er sich nicht träumen lassen. Ein Vorfall vermittelte ihm die Ahnung davon.

 

Eines Mittags, es war an einem Dienstag Ende März, saß er mit Nina bei Tisch, als es draußen läutete. Der Depeschenbote, Telegramm von Marie Bergmann. Aufgegeben in einer zwanzig Eisenbahnminuten entfernten kleinen Stadt. Inhalt: wenn er es möglich machen könne, bitte sie ihn inständig, sogleich zu ihr zu kommen, sie liege krank in dem und dem Gasthof. Kerkhoven verfärbte sich. Drehte das Papier um und wieder um. Krank? in einem Gasthof krank? wie kam sie dort hin? was hatte sie dort zu suchen? Er zog sein Notizbuch, blätterte nervös, ging dann ins Vorzimmer und telephonierte ein dringendes Antworttelegramm. In einer Stunde konnte er bei ihr sein. Aber Nina war schuld, daß es länger dauerte.

Er hatte die Depesche achtlos liegen lassen; als er wieder ins Zimmer trat, stand Nina neben dem Tisch, das Telegramm in der Hand. Sie las oder schien zu lesen, denn die Augen bewegten sich nicht. Sie stierte mit dem Ausdruck hilfloser Verzweiflung auf das Papier als ob sie unermeßliches Unglück daraus erfahren oder bestätigt gefunden hätte. Kerkhoven erschrak. Trotz des Schreckens mußte er aber erst seine Gedanken zu ihr zwingen, weil noch der andre Schrecken in ihm war. »Nina! che cosa, Nina!« rief er und legte die Hand auf ihre Schulter. Langsam richtete sie den Blick auf ihn, wie erstaunt über seine Stimme. Da begriff er alles. Noch ehe sie seinen Armen entgleitend in die Kniee gebrochen war, hatte er begriffen. Mit tiefem Aufseufzen hielt sie sich an der Tischkante fest und flüsterte vor sich hin: »Morire... morire...« Mit seiner respektabeln Kraft hob er sie auf und trug sie zum Sofa. Er bettete sie hin wie einen verwundeten kleinen Vogel, den man unterwegs aufgelesen hat, und setzte sich zu ihr. Toll, ging es ihm durch den Kopf, gänzlich närrisch. Er verspürte einen Lachreiz, rein motorische Gegenwirkung, denn einen Augenblick lang stockte sein Herz. Nicht weil er für Nina fürchtete. Auch das. Aber es stand in zweiter Linie. In erster stand die Besorgnis, wie er sich gegen die grausige Hellseherei dieser Frau schützen sollte, wenn einmal (wer weiß, wann) der feig verhehlte Traum, den die wachen Sinne aus der Erinnerung drängten, Wirklichkeit erlangte. Jetzt galt es zu trösten, zu spotten, unbefangen sein, Ruhe bewahren, überlegen sein, Zeit gewinnen, die häusliche Ordnung nicht gefährden. Manöver. Uralte Manns-Methoden. Er redete italienisch. Es war näher, faßlicher, beschwichtigender für Nina, außerdem war ihm dadurch eine gewisse Ausdruckssteigerung erlaubt, die ihm die deutsche Sprache verwehrte. Allein in Ninas Innern war ein Gefühl wie ein genau eingestellter Meßapparat, der zeigte Ablauf und Ende an, untäuschbar. Sie hielt seine Rechte mit ihren beiden umschlossen und hörte ihm scheinbar gläubig zu. Vielleicht glaubte sie ihm wirklich, während er sprach. Sie konnte nicht in sein Gehirn hineinschauen. Sie konnte nicht wissen, daß er immerfort an die andere dachte, die aus einem Gasthof einer andern Stadt nach ihm gerufen hatte wie eine Sterbende. Seine gezwungen scherzhaften, seine vorwurfsvollen Fragen beantwortete sie ganz zutraulich, ganz heiter schon: Sì... credo... hai regione... sì, sì... sono un po' stupida scusa Giuseppe.« Aber es war nur eine vorübergehende Aufhellung ihres Gemüts. Bald umhüllte es der dunkle Schleier von neuem. Bis Kerkhoven erkannte, daß der Zustand das Bild einer Seelenkrankheit bot, vergingen noch Wochen. Die Zeit riß ihn von ihr weg, das Schicksal, unbarmherzig, da nützte kein Vorsatz, kein Pflichtgefühl, keine Dankbarkeit, kein Wille zu schonen.

 

Er hatte ein Werk über Blutkrankheiten mitgenommen und versuchte während der Fahrt zu lesen. Die Gedanken irrten eigensinnig ab. Er hatte, gestern oder vorgestern, den Privatdozenten Bergmann getroffen, dieser hatte ihm erzählt, seine Frau sei für ein paar Tage auf das Gut einer Freundin im Odenwald gereist. Er hatte nicht weiter darüber nachgedacht. Marie unternahm oft derartige kleine Ausflüge. Er hatte sogar eine Art Erleichterung gespürt, ähnlich wie: um so besser, da kann sie mir nicht begegnen, es bleibt alles beim alten. Auch das war schon zu viel, wie durfte er es wagen, eine Begegnung nicht zu wünschen, also zu wünschen? Im Moment, wo er das Telegramm gelesen, hatte er dieselbe Empfindung gehabt wie als Kind, wenn man ihn des Morgens aus dem Bett gerissen hatte: Kälte Kränkung Überfall. Marie war die Person nicht, die sich in blindem Alarm gefiel. Wenn sie ihn mit solcher Eindringlichkeit rief, hatte sie Grund, den ernstesten. Nun, ich komme, dachte er, ich komme. Und trommelte vor Ungeduld auf der offenen Buchseite.

 

Um halb vier kam er an. Der Gasthof lag zwei Minuten vom Bahnhof. Ein besseres Landwirtshaus eigentlich. Vor dem Eingang ein Bierwagen, schwatzende Handlungsreisende. Man wies ihn an eine ältere Frau. Er nannte seinen Namen. Ja, die Dame erwarte den Herrn Doktor, Zimmer fünf, zweiter Stock. Er stieg hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, ein finsterer Gang, er zündete ein Streichholz an, um die Nummern lesen zu können, klopfte endlich an einer nischenartig vertieften Tür. Riesiges Zimmer mit niedriger Decke, schlecht durchwärmt, mit Kälteunterschicht, drei Fenster, ein Erker, Plüschmöbel, kahl, unwohnlich, hinten zwei Betten, in einem von ihnen bleich, matt lächelnd, unkenntlich fast: Marie. »Dank,« flüsterte sie, »Dank, daß Sie gekommen sind, vielen Dank.« Er entledigte sich seines Mantels, warf ihn samt dem Hut aufs Sofa, zog einen Stuhl herbei. Drei vier Fragen in feststehender Formulierung. Sie antwortet mechanisch. Was ihr fehlt, kann sie nicht sagen. Angst Angst Angst. Sie ringt verzweifelt die Hände, um die Angst zu illustrieren. Sie kann nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen, nicht denken, nicht gehen: Angst, fürchterliche Angst. Das Herz tobt, die Eingeweide krümmen sich, der Kopf schwindelt ihr, sie kann auf keiner Stelle liegen, wälzt sich und wälzt sich, das Gehirn ist ein einziger gräßlicher Gedankenaufruhr, aber das Allerallerärgste ist die Übelkeit, sie kann keinen Begriff davon geben, wie schrecklich es ist, sie hat Baldrian in Löffeln genommen, Algocratin, alles umsonst, es ist wie ein inneres Erwürgtwerden, sie hält es nicht mehr aus, sie will nicht mehr leben.

Kerkhoven schaute sie an. Lange Zeit. »Seit wann ist das so?« fragte er. – »Seit drei Tagen.« – »Also seit Sie von zuhause fort sind?« – Sie zögerte: »Ja . . .« – Dieses Zögern fiel ihm auf. »Ist es der erste Anfall der Art, oder haben Sie schon früher . . .?« – »Schon früher. So heftig wars aber noch nie.« – »Können Sie mir sagen, zu welcher Zeit es angefangen hat?« – »Vor zweieinhalb Monaten. Ich hab mich sehr zusammengenommen, damit es niemand merken soll. In meinem ganzen Leben hab ich mich nicht so zusammengenommen. Diesmal aber . . .« – »Und die Ursache? Können Sie mir eine bestimmte Ursache nennen?« – Wieder zögerte sie. »Ich denke, ja. Es hat mit Aufregungen zu tun. Es ist . . . ich . . .« Tiefer Atem hob ihre Brust. Die Augen waren naß. Der schöngebogene Mund zuckte. – »Sie müssen mir alles sagen, Frau Marie. Wenn ich den Zustand . . . wenn ich Ihnen helfen soll, dürfen Sie mir nichts verschweigen. Vielleicht warten wir ein wenig. Vielleicht denken Sie in aller Ruhe ein wenig nach.« Während er sprach, schaute er sie immerfort aufmerksam an, ohne daß sein Blick die mindeste Neugier, die mindeste Gemütsbewegung verriet. Sie hielt dem Blick stand ungefähr wie jemand, der sich krampfhaft wo festhält, um nicht zu fallen. Es löste sich etwas in ihr. Seine stille Gegenwart flößte ihr Sicherheit ein. Sie schloß die Augen. Doch ihre ineinanderverschränkten Finger machten unaufhörlich qualvolle Knetbewegungen. »Es ist schon ein bißchen besser,« murmelte sie, »es ist besser mit der Angst.« Warum liegt sie in diesem Wirtshaus da, in dieser greulichen Bude von einem Zimmer? dachte er in ratloser Betroffenheit; was sich hier darbietet, läßt keinen Zweifel zu, ausgesprochene Psychoneurose, abzufragen was sie hervorgerufen hat, erübrigt sich wohl . . . aber wie geht das zu? Was, um Gottes willen, ist geschehen? Er nahm sanft ihre gequälten Hände auseinander und sagte: »Reden Sie, Frau Marie. Reden Sie sichs von der Seele.«

 

Was er gleich vermutet hatte, bestätigte sich. Liebesgeschichte. Erotische Verstrickung. Ehebruch. Freilich, eine halbe Stunde vorher hätte er nicht einmal den Gedanken zu denken gewagt, hätte empört und mit überlegener Verachtung die bloße Andeutung der Möglichkeit zurückgewiesen, wer immer sie auch geäußert hätte. Darauf kam es jetzt nicht am Hier war er nicht Mann, sondern Arzt. Hier hatte er mit der Patientin Marie Bergmann zu schaffen, mit nichts und niemand sonst. Alle Vergesellschaftung mit andern Ideen und Träumen war glatt auszutilgen.

Die Erzählung läßt sich nur inhaltsmäßig festhalten. Fehlt die Musik der Klage darin, so ist sie nichts mehr. Die brutale Wiedergabe macht ihr Ergreifendes zunichte. Die Tatsachen unterscheiden sie in keiner Weise vom Üblichen. Unter der Grobheit ihres Unglücks litt sie vielleicht am meisten. Vergangenen Juli hat sie bei ihrer Freundin Tina, der geborenen L'Allemand, seit zwei Jahren an den Oberförster Audenrieth verheiratet, einen Herrn von P. kennengelernt, Weltmann Sportsmann Jäger, unsinnig reich, Stück von einem Abenteurer, Stück von einem Grandseigneur. Dieser Mann, über fünfzig schon, hat sich mit besinnungsloser Leidenschaft in sie verliebt. Sie bemüht sich zu erklären, warum sie dem Ansturm von Raserei nicht widerstehen gekonnt, findet aber nur hilflose Worte. Es ist ihr damals leer ums Herz gewesen, erdrückendes Einerlei der Tage; keine Freude, keine Aussicht auf Freude, auf einmal wars wie eine Windhose, die einen herumwirbelte und mit fortnahm. Es kommt eben so. Man kann nichts dafür . . . Ihre Stimme war gleichmäßig leise, der gesenkte Blick suchte auf der Bettdecke einen Punkt wo er ruhen konnte, die gefalteten Hände bewegten sich nicht und wirkten wie gefesselt. Sie ist in dem Verhältnis von Anfang an die Überwältigte gewesen und war der Freiheit der Entschließung beraubt. Der Zustand hat Ähnlichkeit mit einem jener Träume gehabt, aus denen zu erwachen man sich verzweifelte Mühe gibt, und es gelingt nicht. Sich gegen die Tyrannei aufzulehnen ist vergeblich gewesen. Obwohl er seiner Familie gegenüber dieselben zwingenden Gründe wie sie gehabt, das Geheimnis zu wahren, hat er sie durch seine wahnwitzige Eifersucht und die rücksichtslosen Forderungen an ihre Zeit in die größte Angst versetzt, alles werde an den Tag kommen. Sie darf nicht wagen, sich zu entziehen, der triftigste Abhaltungsgrund wird zum Anlaß abscheulicher Auseinandersetzungen, er ist fähig, in ihr Heim zu dringen, vor keinem Skandal wird er zurückscheuen, anerkennt er doch auch keine Macht über sich, er ist gewohnt, alle Schranken niederzureißen, hat nur Liebediener und Jasager um sich. Im Oktober hat er ihr mitgeteilt, er müsse für zwei Monate nach Amerika reisen. Sie hat aufgeatmet. Neues Leben schien möglich. Sie beschloß ein Ende zu machen, und als ob das Schicksal ihr beistehen wollte, hatte es Johann Irlen gesandt, in seiner Nähe, so dünkte ihr, konnte sie die verlorenen Seelenkräfte zurückgewinnen. Aus den zwei Monaten seiner Abwesenheit wurden vier. Als er ihr seine Rückkunft meldete, war sie innerlich eine andere geworden, aber mit ihm zu brechen, sah sie trotzdem keine Möglichkeit. Fragen Sie nicht warum, Doktor Kerkhoven, nein, fragen Sie nicht, es ist die schlimmste aller Qualen. Sie begreift es selber nicht. Sie liebt ihren Gatten. Ihm Schmerz zuzufügen, unausdenklich. Und solchen Schmerz. Wenn er ahnte. Es läßt sich kaum vorstellen, was mit ihm geschähe. Sie liebt ihn, wirklich wirklich, sie liebt ihn, sie hat ihn unendlich gern. Sein kleiner Finger ist mehr wert als jener ganz. In diesem Menschen, der sie so verrückt zu lieben vorgibt, ist kein Funke Edelmut, keine Vornehmheit, kein höherer Geist, nichts nichts, nur wilde Kraft. Sie weiß es. Darin liegt ja das Furchtbare: in der Hingabe an einen Mann, den sie nicht achten kann, noch mehr, mit dem sie innerlich nichts gemein hat. Doch es zwingt sie, wie geht das zu, es macht sie vollkommen elend. Gestern abend ist sie mit ihm in sein Jagdhaus gefahren. Dort pflegen sie einander zu treffen. Und wie es immer gewesen ist, so auch diesmal. Erst das wütende rasende . . . ach, Gott, wozu es aussprechen . . . dann der Nervenzusammenbruch. Jedesmal. Und jedesmal ärger als das vorige Mal. Es träte wahrscheinlich auch dann ein, wenn er sich wie ein Mensch benähme, der seine fünf Sinne beieinander hat. So aber ist gar kein Halt. Verdächtigung Drohung Beschimpfung. Dann wieder der tobsüchtige Körper. Ohnmacht über Ohnmacht, physische, seelische. Und wieder die Folter der Befragung. Sie schildert, weil sie es plötzlich innerlich sieht, wie er auf dem Tischrand sitzt, die Arme verschränkt, und mit kaltem Ingrimm sein Kreuzverhör beginnt. Nach jeder Antwort lacht er schallend und verdreht den Körper wie ein Akrobat. Er glaubt nicht, daß sie ihm allein angehört. Es ist demütigend, daß es so ist, demütigend, daß er es nicht glaubt. Seit Monaten lebt sie ja nicht mehr mit Ernst, so seltsam es klingt, es ist die Wahrheit. Ernst bescheidet sich. Er würde sich jahrelang bescheiden. Er fügt sich ihrem Wunsch, und er fügt sich ihrer Indifferenz. Was immer sie tut, er findet es richtig, murrt nicht, beklagt sich nicht, wartet, ist glücklich, daß sie bei ihm ist, braucht keine sinnlichen Entflammungen. Vielleicht wird er eines Tages anders sein, es ist nicht wahr, daß die Natur keine Sprünge macht, vorläufig ist seine Haltung von der unfaßlichsten Sanftmut und Geduld. Der andere aber: unersättlich. Es läßt ihn nicht bis die letzte Schwäche und Erniedrigung jeden Lebenshauch in ihr absterben macht. Aber sie will berichten, wie es gekommen ist, daß sie hier liegt. Gegen Morgen hat er sie verlassen, sie hat nicht schlafen können, plötzlich ist ihr klar geworden: gehst du in dieser selben Stunde nicht auf und davon, so ist es zu spät für immer. Sie ist aufgestanden, hat sich angekleidet, ist heimlich aus dem Haus gegangen, hat sich anderthalb Stunden durch den Wald geschleppt, hat im Dorf glücklicherweise einen Wagen gefunden, der hat sie hierher gebracht. Sie hat an Tina telegraphiert, sie möge im Fall einer Nachfrage von zuhause oder vom P.schen Jagdhaus angeben, sie sei für einen Tag nach München gereist, dann auch an ihn, Kerkhoven. Was soll sie jetzt tun? Sie traut sich nicht heim. Wie wäre das möglich, abgesehen von ihrem Zustand. Sie kann Ernst nicht vor die Augen treten. Sie kann dieses Spiel nicht mehr spielen. Sie kann nicht dorthin zurückkehren, wo Johann Irlen ist. Wenn Aleid nicht wäre, könnte sie vielleicht verschwinden, für eine Weile wenigstens, Kerkhoven würde sich nicht weigern, ihr dabei zu helfen. Sie hat sich die Frage vorgelegt, ob sie ohne jenen Mann existieren kann. Sie weiß es nicht. Trotz allem und allem, sie weiß es nicht. Mit ihm bestimmt nicht. Ohne ihn auch nicht. »Was soll ich also tun, Doktor Kerkhoven, sagen Sie es mir, so kann man doch nicht weiterleben . . .« Sie schlug die Hände vors Gesicht. Sie zitterte am ganzen Leib. Weinte nicht. Sie weinte selten. Seit dem Tod des Vaters hatte sie nicht mehr geweint. Um sich selbst weinen . . . da mußte, metaphorisch gesprochen, schon etwas vom Sternenhimmel dabei sein.

 

Kerkhoven strich sich mit der Hand über seine Stirn, die feucht war, und sagte: »Das alles werden Sie mit andern Augen ansehn, Frau Marie, wenn sich erst Ihr Körper wieder beruhigt haben wird.« Sie schüttelte traurig den Kopf. Kerkhoven gab sich einen Ruck und fragte mit rauher Stimme, worin denn die Anziehung für sie bestanden habe . . . oder solle er sagen: bestehe? Er begreife es nicht ganz. Schließlich, ein Mann, dreißig Jahre älter als sie . . . Da müsse doch die Hinneigung von ihrer Seite . . . es mache den Eindruck krankhafter Übersteigerung. Könne sie ihm nicht einen Anhaltspunkt geben? (Eine Frage, die er sich, nach allem, natürlich selbst beantworten konnte, aber es war der »Mann«, nicht der Arzt, dem sie entschlüpfte und der hören wollte, was er zu hören fürchtete.) Mit ihren erfahrenen ernsten Augen sah ihn Marie verwundert und wie sinnend an. Diese Augen waren der stummen Sprache in höherem Grad mächtig als der Mund der Worte. Sie stützte den Ellbogen auf das Kissen, legte die Wange in die Hand und sagte leise: »Er ist ein Mann, der physisch keine Grenzen kennt.«

Kerkhoven stand auf, ging zum Fenster und verharrte dort in wortlosem Nachdenken. Er sah, ohne zu sehen, Häuser wie aus der Spielzeugschachtel, zu beiden Seiten einer Straße hingestellt. Als er nach drei oder vier Minuten an das Bett zurückkehrte, hatte es den Anschein als habe er in der Zwischenzeit lediglich erwogen, wie der Fall zu behandeln sei.

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