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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Mit dem Einbringen der Außenstände hat es immer schon Schwierigkeiten gegeben, die Leute ließen sich Zeit, besonders wenn sie die Krankheit überstanden hatten, dünkte ihnen die bescheidenste Nota zu hoch, viele erinnerten sich nicht mehr, daß sie wochenlang jeden Tag auf den Arzt gewartet hatten wie auf den Erlöser, es vergaß sich wie das Fieber, Gesundheit ist frech. Die Reichen waren darin die schlimmsten, der Arme neigt eher zur Erkenntlichkeit, er findet jede Forderung gerecht, wenn man ihm geholfen hat, und schämt sich, wenn er die geringe nicht begleichen kann. Mahnen, das hat Giuseppe verboten, das lief der Würde zuwider, auf alle Fälle hatte man sich zu gedulden bis die Säumigen ihrer Schuldigkeit bewußt wurden. Ganz gut, aber von den Sprechstundenhonoraren allein konnte man nicht leben, war doch ohnehin ein großer Teil dieser Patienten mittellos; die Krankenkassenbesoldung war kaum der Rede wert; die einzige Einnahme, auf die man sich stützen konnte, war die von der Lebensversicherungsgesellschaft, doch die waren nicht mehr mit ihm zufrieden, weil seine ärztlichen Deklarationen in letzter Zeit an Eindeutigkeit zu wünschen übrig ließen, wie sie behaupteten, so daß mit Quartalsende die Kündigung zu gewärtigen war. Es hatte Ninas ganzer Sparkunst bedurft, Haus und Wirtschaft zu führen, immer am Rande hin, und sorgloses Behagen vorzuspiegeln, wenn es nur mit Zusammenscharren der letzten Groschen gelang, die Wochenrechnung bei Metzger und Krämer zu bezahlen. Voriges Jahr um Weihnachten herum hat sie sogar ihren Verlobungsring ins Leihhaus tragen müssen, Giuseppe hat es nicht gemerkt, Dio sia lodato. Kein Weg ist ihr zu weit gewesen, wenn sie die Butter um fünf Pfennige billiger kriegen, keine Arbeit zu viel, wenn das Budget verringert werden konnte, ei, Frau Doktor, sagte die Rentamtmannswitwe im ersten Stock, wenn sie um sieben Uhr früh mit dem Einkaufskorb auf den Markt ging, schon wieder fleißig, schon wieder auf den Beinen? Und sie: freilich, ich müssen, ich 'aben keine Sseit . . . Sie wusch, stickte, stopfte, kochte selber, reinigte das Geschirr, putzte die Fenster, nähte ihre Kleider, machte ihre Hüte, und eh sie sich bei einem häuslichen Schaden einen Handwerker zu rufen entschloß, versuchte sie erst mal die Reparatur auf eigene Hand und gewöhnlich mit Erfolg.

Seit die unheimliche Änderung in seinem Wesen eingetreten, ist aber Giuseppe immer lässiger in Gelddingen geworden. Oft unterließ er es, die Visiten aufzuschreiben, wo keinerlei Gefahr und Dringlichkeit vorlag, wiederholte er den Besuch nicht, ja er bemühte sich, den Patienten von der Überflüssigkeit seines Kommens zu überzeugen, der Körper wolle bloß ruhen und täusche eine Krankheit vor, bei der der Arzt nichts zu suchen habe. Ja, das sagte er, der Dummkopf, als ob die Menschen dergleichen hören wollten, was verschlugs, wenn er den »medizinischen Schutzmann« machte, wie er unwillig zu äußern pflegte, es ist angenehm für die Bürger, den Schutzmann in der Nähe zu wissen, sie haben das Gefühl, daß der Einbrecher dadurch in Schach gehalten wird. Natürlich wurden die Klienten stutzig und holten sich einen andern Doktor, der sich nicht lang bitten ließ, wenn er vernahm, der Herr Kollege habe auf weitere Behandlung verzichtet, schon redete sichs herum, der Doktor Kerkhoven habe einen Span, die vornehme Kundschaft, Bergmanns und der kranke Afrikaforscher, sei ihm zu Kopf gestiegen, wer ihn brauche, müsse nur die Nummer 2625 anrufen, da sei er meistens zu treffen, die besoldeten ihn wahrscheinlich als Leibarzt. Nun, von Sold wußte Nina leider nichts, sie ärgerte sich, als ihr das Spießbürgergeschwätz zu Ohren kam, aber was ihn eigentlich in das Haus und zu jenem Major Irlen zog, wußte sie auch nicht, gar so krank konnte der Mann doch nicht sein, man sah ihn ja manchmal im Wagen fahren oder, auf einen Stock gestützt, auf dem Residenzplatz und im Hofgarten, eine hübsche junge Person war meistens mit ihm, hatte ein interessantes Gesicht, der Mensch, alle Leute blickten ihm nach, hätte Giuseppe ihr nur erklärt, warum er jede freie Stunde dort verbrachte, aber nein, kein Sterbenswort, als ob es ihre Art sei, ihm zur Last zu fallen, wenn das Verständnis über ihren Horizont ging; als ob es ihr nicht schon genügte, wenn er den Versuch machte. Aber so stumm, so lieblos stumm . . .

 

Nina, ein Kind aus dem Volk, ahnte nichts von Problemen des Geistes und der Tragik geistiger Krisen. Was ihre Sinne nicht faßten, blieb ohne Sinn für sie, und weil die Frage nach der tieferen Ursache von Kerkhovens Wandlung überhaupt nicht in ihr entstehen konnte, umkreisten ihre verstörten Gedanken unablässig den einen Punkt, der die Mitte ihres Lebens bildete, den kleinen Herzraum ihrer kleinen Welt. Wie einfach sie war; einfach wie ein Tier. Daß sie seine Liebe verlieren könne, diese Möglichkeit hat sie noch niemals in Betracht gezogen, ebensogut hätte sie sich vorstellen können, die Alpen würden eines Tages vom Erdboden verschluckt werden, an die Unverrückbarkeit dieser Liebe glaubte sie mit derselben ruhig-ehernen Zuversicht wie an den Augenschein ihrer und seiner Existenz, deshalb hat sie auch nie eine Regung der Eifersucht verspürt, er und eine andere Frau, Jesus Maria, so was zu denken war schon verrückt, die Seele nahm es gar nicht auf. Und doch, es ist nicht mehr so, wie es in all den Jahren gewesen ist, immer hat er sich in der gleichen vertraulichen Nähe befunden, sie mochte allein sein oder unter Menschen, immer war er da, jetzt war es als ginge er mit jedem Tag weiter von ihr weg, von unsichtbarer Hand unaufhaltsam gezogen, jeden Tag ein Stück mehr, bald wird die Entfernung so groß sein, daß ihn auch ihr Ruf nicht mehr erreicht. Warum? warum? Hat am Ende sie selbst sich verändert? War sie nicht mehr schön, hat ihre Stimme die Musik eingebüßt, ist ihr Körper fett geworden, ihre Umarmung ohne Feuer, ihr Kuß ohne Süße? was denn, was denn, es mußte wohl etwas davon sein, aber etwas wovon sie nicht wissen konnte, denn ihr Äußeres, Haut Figur Bewegung Gang, hat nicht gelitten, der Spiegel log nicht, und ihre Augen sahen gut. Vielleicht hat sie eine Sünde begangen, ist ihm ungehorsam gewesen, vielleicht war sie zu begehrlich, oder zu lau, oder hat es an Achtung fehlen lassen, oder an Freundlichkeit, oder an Eifer für sein leibliches Wohl, oder hat nicht immer ganz fest an ihn geglaubt, ihm manchmal die Ehrfurcht in ihrem Herzen verweigert, die er hat fordern dürfen wie kein Mann sonst? Sicherlich lag es daran, und nicht zufrieden mit der strengen Gewissenserforschung, die sie alsbald vornahm, ging sie zur Beichte und zum Abendmahl, kniete täglich eine Stunde lang vor dem Altar der Neumünsterkirche in inbrünstigem Gebet, und eines Tages wallfahrtete sie mit vielen frommen Pilgern zur Kapelle auf dem Nikolausberg, stieg in heiliger Sammlung die zahllosen Steinstufen auf den Knieen hinan. Es fruchtete nicht, es wurde nicht besser. Da suchte sie eine Wahrsagerin und Kartenlegerin auf, deren Wohnung in der Domschulgasse ihr das Fräulein in der Papierhandlung unten verraten hatte; beschämt wegen der Verschwendung schob sie das Zweimarkstück auf den Tisch, hielt erregt das rohe Ei in der Faust, dessen Weißes die Prophetin dann in ein mit Wasser gefülltes Glas tropfen ließ, um aus den Figuren die Zukunft zu verkünden; atemlos verfolgte sie den Fall der Karten; klopfenden Herzens streckte sie die offene Hand hinüber, in deren Linien sich das Schicksal offenbarte; aber was sie schließlich erfuhr, war zu vieldeutig, als daß sie Hoffnung hätte draus schöpfen können, Warnung und Trost durcheinander, Unsinn und Belehrung, so kindisch war sie doch nicht, das Gefasel von einer jungen Dame, die ihr auf dem Weg entgegenstehe und eine »böse Botschaft« für sie habe, ernst zu nehmen, da konnte sie sich nicht halten, brach in schallendes Gelächter aus und rief: »tanta grazia, padrona, basta, basta, a rividerla; guten Abend . . .« Die Magierin schaute ihr verblüfft nach, die Lustigkeit hatte nicht ganz echt geklungen. In ihrer Mädchenzeit hatte Nina einmal gehört, daß es Zaubertränke gebe, mittelst welcher eine Frau die Liebe ihres Mannes zurückgewinnen könne, wenn sie merkt, daß sein Gefühl für sie erlahmt. Sie erinnerte sich sogar an ein Rezept: Eisenhut und Pappelblätter gekocht und mit Ruß und einer Unze frischen Bluts aus dem eigenen Körper gemischt; ein Fingerhut voll erzielt die gewünschte Wirkung. Dies zu erproben lockte sie schaurig, allein sie wagte es nicht, sie trug Scheu vor seinem Urteil, ihr Tun konnte ihm nicht verborgen bleiben, sie hatte zu lang in der Helligkeit seines Geistes gelebt, als daß der Schein nicht auf sie übergeglänzt und sie hätte versuchen dürfen, ihn mit schwarzer Kunst zu hintergehn.

 

Ich kann nicht sagen, wodurch sie von seinem Umgang mit Marie Bergmann Kenntnis erlangte und durch wen. Eines Tages wußte sie es. Möglicherweise hat es ihr eine der Frauen mitgeteilt, die sie kannte und die sie bisweilen auf ihren Gängen in der Stadt traf. Sie blieb dann aus Artigkeit ein paar Minuten stehen und unterhielt sich mit der betreffenden. Kann auch sein, sie erfuhr es von einem Kollegen Giuseppes, oder in einem der Geschäfte, wo sie ihre Einkäufe besorgte. Es ist gleichgiltig wo und wie, auch ob es ihr boshaft oder arglos, beflissen oder zufällig, mit Einzelheiten oder ohne solche, als Gewißheit oder Gerücht hinterbracht wurde, ist gleichgültig; genug, eines Tages wußte sies. Mit diesem Tag hörte sie auf, die Nina zu sein, die sie bis zum soundsovielten Januar 1914 gewesen, und wurde eine andere Nina. Sie verwaltete die Wirtschaft wie früher, sie tat ihre Arbeit wie früher, sie machte die Tür auf wie früher, wenn Patienten kamen, und geleitete sie ins Wartezimmer, sie telephonierte nach ihm wie früher, wenn er an ein Krankenbett gerufen wurde und nicht zuhause war, sie kochte nähte wusch und putzte wie früher, alles mit derselben Emsigkeit und Unverdrossenheit, aber es war eine andere Nina. Eine immerfort lächelnde. Wie eigen: beständig lächelte sie. Nie wich ein starres verblasenes süßliches Maskenlächeln von ihren Lippen, kein Mensch konnte sich erklären, was es zu bedeuten hatte. Denn alle Leute merkten es, außer Kerkhoven, der merkte nichts, überhaupt nichts. Wunderlich auch, daß sie das Deutsche auf einmal stärker radebreche als früher, dadurch klang alles was sie sagte viel komischer. Eine Menge Wörter und Wendungen, die sie sich in einem Jahrzehnt angeeignet hatte, schien sie gänzlich vergessen zu haben. Betrat sie zum Beispiel einen Konfektionsladen und verlangte einen halben Meter Schirting, hatte sie in der Apotheke einen Auftrag Giuseppes auszurichten, bestellte sie beim Kohlenhändler Briketts für den Winter, so geriet sie ins Stottern und Suchen, warf italienische Brocken ein, so daß auch die mit ihrer Redeweise vertrauten Lieferanten oft nicht wußten, was sie wollte, und andere Leute, die zugegen waren, sich bei ihrem hilflosen Kauderwelsch das Lachen verbissen. Sie hatte beobachtet, daß Giuseppe seit einiger Zeit eine Sorgfalt auf Kleidung und Aussehen verwendete, die er zuvor nicht gezeigt hatte. Da holte sie seine alten Anzüge aus dem Spind, sah sie gründlich durch, reinigte und bügelte sie, unterzog auch seine Wäsche gründlicher Musterung, und als sie entdeckte, daß einige Krawatten schadhaft waren, ging sie spornstreichs aus und kaufte ein Vierteldutzend neue, ohne ihm vorher oder nachher etwas davon zu sagen; und er, er bemerkte es nicht einmal. Bei diesem Einkauf passierte es übrigens, daß sie, während sie an der Kasse zahlte, aufseufzend um sich griff und in eine tiefe Ohnmacht fiel. Sie erholte sich rasch, bat die Inhaberin des Geschäftes um Verzeihung und entfernte sich wie jemand, der sich schlecht benommen hat. Von da an begann sie unter schweren, periodisch wiederkehrenden Migränen zu leiden, die sie aber Giuseppe so lang wie möglich verheimlichte. Und wie von allem andern merkte er auch davon nichts.

 

Sie schütteln den Kopf, lieber Leser. Die Sache ist Ihnen unverständlich. Sie finden mit Recht, daß sich die gute Nina gegen ihren Mann hätte aussprechen müssen. Sie zucken die Achseln darüber, daß sie sich von einem unüberprüften Gerücht umschmeißen ließ, statt sich vorerst einmal die nötige Gewißheit zu verschaffen. Es ist nicht anzunehmen, daß Joseph Kerkhoven sie mit Lügen hingehalten hätte, soviel wissen wir von dem Mann, und soviel wußte sie natürlich auch. Vielleicht war es aber gerade die Gewißheit, die sie fürchtete. Vielleicht war das Glas schon zersprungen, eh der Hammer darauf fiel. Zermürbt von der Pein, die ihr sein unenträtselbares Benehmen verursacht hatte, brauchte sie vielleicht die ausdrückliche Bestätigung nicht mehr. Jedenfalls tat sie keinen Schritt nach dieser oder einer andern Richtung und ließ alles folgende ohne Abwehr und Appell über sich ergehen. Den eigentlichen Grund kann ich nicht angeben. Die Menschen sind eben sehr geheimnisvoll.

 

Eines Tages sagte die Senatorin Irlen zu ihrem Sohn: »Ich glaube, du solltest mal den Doktor Kerkhoven um seine Nota bitten und nicht bis zum Jahresschluß warten. Er kommt seit Monaten täglich ins Haus, ich hab nicht den Eindruck, daß der Mann im Geld schwimmt. Man erzählt sich, daß er in der letzten Zeit eine Menge Klienten verloren hat, wieso, ist mir wirklich rätselhaft bei solch ausgezeichnetem Arzt. Wenn du willst, ordne ich die Sache mit ihm.« Nein, das wollte Irlen nicht. Aber er hatte der Mutter für den Wink zu danken; daß er nicht selbst daran gedacht, warf er sich als Phantasielosigkeit vor. Umso unverzeihlicher, als sich sein Zustand seit einer Woche infolge einer von Kerkhoven allmählich und gleichsam tastend aufgebauten Strahlen- und Diathermie-Behandlung, kombiniert mit strenger Milchdiät, bedeutend gebessert hatte. Er hatte fieberfreie Tage, Nächte ruhigen, obschon nur vier- bis fünfstündigen Schlafs, die Hautausschläge waren zurückgegangen, die Muskelkrämpfe, die sich bis zu Teil-Lähmungen gesteigert hatten, meldeten sich nur noch anfallsweise, geblieben war eine allgemeine Schwäche, an der vielleicht die eingeschränkte Ernährung schuld war, vielleicht auch die natürliche Ermattung des Körpers, als der Gesamtaufruhr seiner Säfte niedergeworfen war und bloß in lokalen Revolten da und dort noch flammte. So ungefähr sah es Irlen an, nicht ganz ohne Hoffnung, unter der freilich wieder, in einer tieferen Schicht des Bewußtseins, ein klar umrissenes Bild des wirklichen Verlaufes lag. Denn da war etwas wie verletzte oder gestörte Statik; Raumhunger; Widersetzlichkeit der Sinnes und Nervenfunktionen; Unsicherheit des Herzens, Herztanz Flimmerherz Herzschwulst, Empfindung wie wenn man an einer senkrechten Wand mit schwerkraftloser Langsamkeit herunterglitte. Dadurch hörte das Leben auf, ein Gefüge zu sein, es zerstückte sich in eine Summe einzelner Sekunden und Augenblicke als wären sämtliche Buchstaben eines Dramas durcheinander geschüttelt und man hätte an Stelle einer geistbestimmten Form einen Haufen von hunderttausend Alphabeten vor sich.

 

Er steckte fünf Hundertmarkscheine und eine Karte in ein Kuvert und schickte es mit dem Bergmannschen Diener zu Kerkhoven. Auf die Karte hatte er geschrieben: Damit ist der materielle Teil meiner Schuld weder getilgt noch beziffert, der andere muß ohnehin auf Nachsicht des Gläubigers rechnen. Er glaubte so die Sache abgetan, aber zu seiner Verwunderung zeigte sich Kerkhoven äußerst verstimmt und bat ihn, das Geld zurückzunehmen; als er die Karte gelesen, habe er im ersten Moment gemeint, er sei verabschiedet. Irlen fragte: »Hattest du beschlossen, daß ich zu deiner Armenpraxis gehören soll?« – »Es geht nicht,« erwiderte Kerkhoven, »es geht wahrhaftig nicht.« Wenn einer aus dem Wasser gezogen und vom Ertrinken gerettet worden sei, könne er vom Retter nicht noch Honorar verlangen. »Ich will mich ja nicht aufspielen,« sagte er und rieb verlegen das Kinn, »es sieht vielleicht aus als wollt ich mich großartig aufspielen. Ich bin ja nicht in der Lage, um . . . sei mir nicht böse, Irlen, aber es geht nicht.« Irlen wurde ungeduldig, die eisblaue Flut seiner Augen verdunkelte sich. »Wieder mal eins von den Mißverständnissen, die das Leben überflüssig komplizieren,« sagte er. »Du findest, unsere Freundschaft steht zu hoch für die Erledigung gemeiner Geldfragen. Kinderei. Es scheint dir dabei etwas von idealem Gewinn vorzuschweben, den dir unsere Beziehung gewährt und der unvereinbar ist mit elendem Mammon. Wie? Nun überlege: entweder ist der besagte Idealgewinn auch auf meiner Seite, oder er ist illusorisch. Im Grunde mutest du mir zu, daß ich die sehr realen Dienste, die du mir leistest, mit freundschaftlichen Gefühlen bezahlen soll. Schöne Wirtschaft. Du begreifst, daß ich die Debatte darüber ablehne. Wenn das Zartgefühl sich überspitzt, wird es zum Ärgernis wie eine stachlige Mimose. Du nimmst mir doch die kleine Standrede nicht übel?«

»Nein,« sagte Kerkhoven. Dann schwieg er, den Kopf gesenkt, ganz tief herunter als müsse er, was er antworten wollte, auf dem Teppich lesen. »Stimmt alles,« begann er nach einer Weile, »stimmt auffallend, ist aber trotzdem nur Symptom. Ich bin da in verteufelter Bedrängnis. Eine von meinen vielen Sackgassen. In der Sache zwischen uns magst du recht haben, das heißt, ich muß dir Recht lassen, wennschon der Wert meiner Bemühungen . . . du schätzt sie zu hoch ein. Ich bin keine Leuchte der Wissenschaft . . . fünfhundert Mark . . . Herrgott, ist ja lachhaft. Na, schön . . . ich darf mich eigentlich nicht wehren, wie die Dinge liegen, wärs der pure Bettlerstolz. Leider. Wenn ich aufgemuckt habe, so steckt was andres dahinter . . . vielleicht darf ich es . . . ich will mich kurz fassen. Ein offener Konflikt. Es ist alles virulent geworden . . . ich bin außerdem überreizt . . . sitze die Nächte durch und büffle, alle Tritt ins Spital, ins Ambulatorium, ins chemische Institut, Tierversuche, anatomische Präparate, hab keine Ruh mehr in mir, keine Sicherheit, komme mir vor wie ein aufgerissener Acker. Verrückter Zustand. Aber das nur nebenbei. Entschuldige. Was ich sagen wollte, ist Folgendes. Es macht mir seit einiger Zeit Beschwer, die Leute für Geld zu behandeln. Natürlich gibt das ein queres Verhältnis zur ganzen Existenz. Es hat immer was Klägliches, wenn sich ein Einzelner mit unzureichenden Mitteln gegen das Bestehende auflehnt. Das Soziale ist ein eiserner Reifen. Auch die Priester und die Künstler müssen ihre Seele verkaufen. Opfer, das steht auf einem andern Blatt, es läuft gewöhnlich auf den Narrenturm hinaus. Meine Skrupeln . . . es sind gar keine Skrupeln . . . du wirst gleich hören . . . weiß der Himmel, was es ist, vielleicht überheb ich mich bloß . . . Aber mach ich dich nicht müde, Irlen?« Er hob erschrocken den Kopf. »Es ist ja schließlich leeres Gerede, mit dem ich dich behellige.«

Da Irlen mit entschiedener Geste verneinte, griff Kerkhoven nach der Kognakflasche, die auf dem Taburett zwischen ihnen stand, schenkte ein Likörglas voll und goß es hastig hinunter. Den Rumpf wieder gegen die Schenkel gekrümmt, so daß Irlen gut aufmerken mußte, um ihn zu verstehen, entwickelte er seinen Gedankengang, wobei das Abgerissene und nach jedem Satz Stockende sich allmählich verlor. Er sagte, Arzt, das sei eine Kategorie für sich. Als Kind war er überzeugt, jeder Doktor sei ein Engel. Es lebte ein Doktor Übeleisen in seiner Heimatstadt, er sah aus wie der Moses von Michelangelo; nie wieder hat er solchen Ehrfurchtsschauer verspürt als wenn der in die Stube trat, der Karbolgeruch um ihn war Weihrauch für seine Nase. Im Volk empfinden noch viele so, versicherte er; was für Heilmöglichkeiten gehen mit diesem Glauben verloren. Nun, die Gottähnlichkeit erstrebt er nicht, er dünkt sich in keiner Weise erhaben, im Gegenteil, er ist mit sich selbst nicht einverstanden, es ist eben der gewisse Punkt . . . Er beugte sich vor, langte nach dem Schürhaken und malte wie mit einem Griffel Zeichen auf den Teppich . . . »Lassen wir die Luxuskranken beiseite,« fuhr er fort, »meinetwegen auch die Scheinkranken, obwohl es Scheinkranke genau genommen nicht gibt, auch die unzähligen Fälle, wo nichts zu kurieren ist, weil es sich nicht um Krankheit handelt, sondern um Ablaufshemmungen, die der Körper braucht und sich erzwingt, schad ums Medikament, hätten die Leute Grütze und wüßten was von der Natur, sie ließen eher den Gesanglehrer holen als den Doktor. Mags hingehen, daß man ihre Instinktlosigkeit ausnützt und teilweise von ihnen lebt, angenehm ist es nicht. Da sind aber die, bei denen schon der Kern getroffen ist, da sind die Moribunden, sind die Schwindsüchtigen und Syphilitiker, mit Karzinom und Sarkom behafteten, die Väter und Mütter lebensunfähiger Kinder, die krassen Fälle von Knochen-, Nieren-, Gebärmutter-Tuberkulose, und so weiter, wozu die Aufzählung, das Tollste ist eigentlich, daß man sich dran gewöhnt, es gab eine Zeit, wo ich . . . im Anfang bin ich nah am Umsatteln gewesen . . . man kommt da vor sich selbst in Situationen . . . Sich gewöhnen . . . ich weiß nicht . . . wenn jetzt ein Kollege mich hören könnte, er würde sich ins Fäustchen lachen . . . Der Unterschied ist, ob man stumpf wird oder nicht. Doch klar. Und Nichtstumpfwerden heißt so viel zusetzen . . . wer hat denn so viel in sich, daß er immerfort zusetzen und zusetzen kann? Der Routinier hats nicht nötig, der setzt nichts zu . . . Vielleicht kann es überhaupt keinen richtigen Arzt geben ohne Routine. Es wird allgemein angenommen. Du bist nicht der Meinung, scheint mir? Was mich betrifft, mir fehlt einfach das Talent dazu. Ich bin wahrscheinlich ein Dilettant. Aber was soll jetzt noch aus mir werden, in meinem fünfunddreißigsten Jahr?«

Er lachte kurz auf, und da sich in Irlens Gesicht kein Zug veränderte, schlug er die Augen nieder. Er fährt in lauter abgebrochenen Sätzen fort. Stockt, greift zurück, sucht mühselig Argumente. Diese zerfetzte Rede mit allen hilflosen Einschaltungen und Abschweifungen wiederzugeben, ist kaum möglich. Ich beschränke mich auf das Wesentliche. Es besteht in der Frage, die er sich täglich und in jedem einzelnen Fall vorlegt, ob er sich von den Todeskandidaten bezahlen lassen darf. Ganz schnöd herausgesagt: bezahlen. Ob sich das mit der moralischen Sauberkeit verträgt. Mit der Idee des Berufs. Reich oder arm, das ist im Prinzip egal. Ob er für Herrn von Soundso am Jahresende eine vornehme Nota schreibt oder beim Händewaschen dem armen Teufel in der Sprechstunde zu verstehen gibt, daß er seine Mark zu blechen hat, ist egal. Denn (mit erhöhter Stimme): »was richt ich denn aus? was ist denn meine Leistung?« Daß er das traurige Gefühl seiner Ohnmacht mit biedern Redensarten verkleistert. Daß er Mittel verschreibt, von denen er a priori weiß, sie sind für die Katz. Daß ihm dann und wann eine richtige Diagnose gelingt. Na und? was weiter? Das bedeutet ja meistens schon das Ende. Diagnose . . . Sie kommen ja immer zu spät. Erst der Schmerz macht ihnen Beine, das allerletzte Signal, wenn sich der Organismus nicht mehr anders helfen kann. Da rennen sie, mit dem fertigen Tod im Leibe kommen sie, und er muß sich hüten, sie nur mit einem Blick merken zu lassen, wies in Wahrheit mit ihnen steht. Manche Kollegen sind furchtbar stolz auf ihre Diagnosen, oft haben sie alle Ursache dazu, aber sie vergessen, daß sie in der Schicksalslotterie spielen und sich ihre Nieten gern unterschlagen. Diagnose ist ein Griff ins Irrationale, man muß schon ein Seher sein, damit nicht das Quentchen Mogelei einfließt, das der Teufel auch in die reinsten Absichten zu mischen pflegt. Und dann, nach geschehener Feststellung, was dann? die modernen Erkenntnisse und Behelfe in Ehren, man steht in staunender Bewunderung davor, wahrhaftig, der Mensch ist ein Riese, aber Gott oder Natur, oder wie ihrs nennen wollt, richten eine Mauer auf, da sind eherne Pforten drin, da heißt es: halt, elender Zwerg, Eintritt verboten. Schwer mit dem überzeugten Brustton von Heilung zu reden, von Besserung, verflucht schwer, wenn der Mensch dich vom Grund der Seele aus befragt und du weißt, er ist verloren. Sie hoffen auf das Wunder, kein einziger, der nicht auf das große Wunder hoffte, der kranke Mensch hat eine kranke Wirklichkeit, und er, der Arzt, muß tun als wäre das Unwahrscheinliche die Regel und das Unmögliche möglich zu machen sein tägliches Geschäft. Sie haben alle so schöne Augen, die, so bittende Augen. Kann er sie nicht von der Todesfurcht befreien, und das vermag einer nur durch das was er ist, nicht durch das was er weiß, dann ists besser, er wird Versicherungsagent. Er erzählt von einem Fall, den er neulich gehabt: jüngerer Mann, in verantwortlicher Stellung, unverheiratet, erhält aber die Eltern und drei Schwestern samt deren Familien. Der konsultiert ihn, nachdem er bei einem halben Dutzend andern Ärzten war, Internisten Nervenärzten Psychoanalytikern Homöopathen, irgend jemand hat ihm von Kerkhoven gesprochen, er hat das Gefühl, dieser Kerkhoven wird ihm helfen, keiner hat sich ausgekannt, Störungen des Sympathikus, innersekretorische Störungen, hat es geheißen, er leidet an Ohnmachten, jagender Unruhe Pulssturm Schwindel, hauptsächlich aber ist es die Unruhe, die ihn quält, sie steigert sich häufig zu lähmender entsetzlicher Angst. Kerkhoven hat ebenfalls lang herumgeraten, hat untersucht und wieder untersucht, bis ihm eines Tages klar wird, was da los ist, soweit einem so was klar werden kann. Miliares Aneurysma. Was das ist? Erbsengroße Verdickung im Gehirn, eine richtige kleine Bombe, können auch mehrere sein, ja eine Bombe, die früher oder später explodieren wird, dann ists aus, der Tod ist noch ein Glück. Zu wollen ist da nichts, da versagt die Wissenschaft, er muß die Angst von dem Menschen nehmen, sonst gibt es nichts. Und es gelingt. Bis zu einem gewissen Grad gelingts. Ohne Morphium, überhaupt ohne Mittel, davon hätte ja der Mann nichts, er muß arbeiten, muß täglich auf dem Posten sein, mit ihm steht und fällt die Firma. Kerkhoven hat es versucht, ihn, bis zu dem gewissen Grad eben, zum Herrn über die Angst zu machen. Es geht. Er kämpft wenigstens. Irlen wird sagen: das ist doch Leistung genug, was denn noch? Richtig. Wenn sichs nur nicht so von selbst verstünde. Nicht eine einfache Pflicht wäre. Samariterdienst. Klar, nicht? »Findest du, daß ich dafür die Rechnung präsentieren kann?« fragte er, den Kopf vorstoßend, Irlen ins Gesicht hinein, »ist das erlaubt? Denk mal nach, Johann. Doch schandbar, wie? Königlicher Lohn . . . Ja, das ließe man sich gefallen, notabene, wenn man greifbare Resultate erzielt hat . . . aber um die Tarife feilschen wie ein besserer Friseur . . . danke. Ich tus natürlich, muß es tun, in die Ordnung bin ich nun mal hineingeboren, wovon soll man leben, mit einer Frau außerdem. Ich kann nicht von heut auf morgen die Kabinettsfrage stellen und den Bannfluch der gesamten Kollegenschaft auf mich laden. Soviel kommt mir auch nicht zu. So wichtig bin ich nicht. Mancher glaubt, er ist schon ein Martin Luther, wenn er verkündet: hier steh ich, ich kann nicht anders. Wir sind kleine Leute, allzumal. Immerhin, das Dilemma bleibt. Ich seh keinen Ausweg. Du wunderst dich vielleicht . . . es klingt alles ein wenig . . . wie soll ich sagen . . . ein wenig neugebacken. Ja, das stimmt. Früher war mirs nicht bewußt. Hie und da ein Schatten, aber seit ich dich kenne . . . erfaßt man einmal die Symptome, so hat man auch schon das Krankheitsbild. Ich wundere mich selber. Wahrhaftig, ich weiß nicht, was der morgige Tag aus mir machen wird . . .«

 

Wir haben diesen Joseph Kerkhoven als einen wortkargen und verschlossenen Mann kennengelernt. Alle Anzeichen deuteten darauf hin. Die Mitteilungsleidenschaft, die er immer wieder gegen Irlen, bisweilen auch gegen Marie Bergmann an den Tag legte, bildet eigentlich keinen Widerspruch hiezu, sie beweist nur, selbst wenn man die Fiktion eines festumrissenen Charakters aufrecht erhält, was mehr und mehr seine Schwierigkeiten hat, daß die Quellen der Rede und der Verständigung außerordentlich tief verlagert, vielleicht stellenweise sogar gänzlich verschüttet sind. Er hat nie einen Freund gehabt. Es ist nie eine Frau in sein Leben getreten, die ihn aus seinen Verschanzungen zu locken verstanden hätte. Seine Einsamkeit war halb eine Trägheits-, halb eine Verzichts-Einsamkeit. Man findet diese Kreuzung bei vielen begabten Naturen. Eines Tages ziehen sie die letzte Folgerung und verkapseln sich im edlen Schmollwinkel, trotzig vermauert gegen eine Welt, die gar nicht daran denkt, das Idyll zu stören. Diese Gefahr war von Joseph Kerkhoven durch seine Freundschaft mit Irlen endgiltig abgewendet. Was sich in vielen Jahren in seinem Gemüt gestaut hatte, brach nun über die Dämme. Es war ihm aber nicht ganz wohl dabei zumute. Oft blieb ein quälendes Gefühl von Mißbrauch zurück. Er hatte nie Angst, zu viel gegeben zu haben, er warf sich nur vor, zuviel genommen zu haben: Zeit Kraft Anteil Aufmerksamkeit. Woran mag es bloß liegen, daß mich der wunderbare Mensch so selbstbesoffen macht? fragte er sich dann naiv betrübt. Eigentümlicher Irrtum. Dieser intuitive Kenner der Menschenseelen wußte wenig von Menschen und fast nichts von den Gesetzen der seelischen Vergesellschaftung. Sonst hätte er sich sagen müssen, daß in einem derartigen Verhältnis nehmen und geben vollkommen identisch ist. Er hätte dann auch seinen Trieb, kein Geheimnis mehr für den Andern zu sein, nicht so kleinlich mißverstanden.

 

Er war aufgesprungen und marschierte mit großen Schritten kreuz und quer durchs Zimmer. Irlen saß kerzengerade, Bein über Bein. Kerkhoven konnte nicht ahnen, was in Irlen vorging, während er in seiner »Selbstbesoffenheit« schilderte, wie er die Todgeweihten um das Wissen vom Tod betrügen mußte. Malte er denn nicht eine Situation, die der Zuhörer als seine eigene anzusehen hatte? Irlen sagte sich logischerweise: aha, deshalb will er kein Geld von mir nehmen. Er hielt minutenlang die Augen geschlossen, und Kerkhoven bemerkte es natürlich nicht, schon weil er meistens in den Boden hineinredete. Es war aber nur eine Anwandlung. Welches Maß von Takt wäre auch erforderlich gewesen, um mitten im Bekenntnis der erschütterten Existenz zu spüren, daß man, vielleicht, eine Illusion des Andern zu schonen hatte. Irlen war sehr stark, sehr großmütig und mehr als klug, er gab sich dem Eindruck nicht hin, sicherlich wäre Kerkhoven in die größte Bestürzung geraten, wenn er ihm diesen Sinn mit Worten unterschoben hätte. Er meint es auch gar nicht, überlegte er mit einem inneren Lächeln der Sympathie, für mich mag es ein Memento sein, für ihn ist es höchstens der unbewußte Traum von mir, er träumt sich ja in meinen Blutgang hinein, das Merkwürdigste, was mir je an einem Menschen begegnet ist. (Ein Schluß, der nicht triftiger hätte sein können, wenn Irlen das Hexenbruch-Gespräch zwischen Kerkhoven und Marie belauscht hätte.)

 

»Ist es wahr, was man mir erzählt, daß deine Praxis seit einiger Zeit nachgelassen hat?« erkundigte sich Irlen. Kerkhoven blieb endlich stehen. »Ja und nein,« erwiderte er; »ein Teil der Stammkundschaft ist mir tatsächlich untreu geworden. Eben die Leute, von denen man die Rente bezieht. Sie sind nicht mehr zufrieden. Warum, weiß ich nicht. Meistens die gutsituierten Familien. Vielleicht finden sie, daß ich mich nicht genug ins Zeug lege. Dafür haben sich neue eingefunden, ganze Menge, ohne daß ich was dazu getan hätte.« – »Was für neue?« – »Hm. Wie soll ich das erklären. Es gibt welche, die alle Vierteljahr den Doktor wechseln wie es Männer gibt, dies bei keiner Frau aushalten. Einmal erwischen sie dann doch die richtige. Viele Patienten wandern von Arzt zu Arzt, weil ihnen was vorschwebt vom großen Zauberer. Es sind fast immer schwere Fälle.« – Irlen, mit einem Lächeln: »Und du? Fühlst du dich à ton aise als Zauberer?« – »Ach Gott, sie bleiben nicht lang im Zweifel, daß ich keiner bin. Möcht schon, möcht schon, bins aber nicht.« – »Aber warum laufen sie dir zu?« – »Es könnte sich herumgesprochen haben, daß . . . na, daß ich so meine besondern Methoden habe. In der Hinsicht haben die Kranken einen Instinkt wie die Bienen. Bienen riechen den Honig meilenweit.« – »Aber Joseph! So könnte jeder Kurpfuscher argumentieren.« – »Gewiß, Kurpfuscher . . . was willst du damit sagen . . . Ist der Unterschied zwischen einem gelehrten und einem ungelehrten Nichtswisser gar so groß? Man hat noch nicht festgestellt, welcher mehr Schaden anrichtet. Christus war auch kein Doctor medicinae. Hippokrates war ein einfacher Mann aus dem Volk. Braucht man ein Diplom, um helfen zu dürfen? Es scheint so, aber der Heilige Geist ist selten beim Rabbi. Geh mal in unsere Hörsäle und betrachte dir die Gesichter. Studierende Jugend . . . da fragt man sich erschrocken: quis custodiet ipsos custodes?« – »Trotzdem wirst du mir nicht einreden wollen, daß es die Methoden sind, die dich . . . Das dürfte kein anderer von dir sagen.« – »Methoden . . . auch nur ein Wort. Du weißt, was ich meine.« – »Nicht ganz. Du mußt deutlich sein.« – »Ich möchte es so genau nicht untersuchen. So genau gar nicht wissen. Wozu . . . Es ist eine Veranlagung, mit der man übel dran ist. Der Andere sein . . . hinüberschlüpfen . . . in ihm drin sein . . . Jedesmal ein Fünfsekundentod . . . ein Teiltod . . . scheußlich.« – »Aha, ich verstehe.« Irlens Gesicht wurde sehr ernst. Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er zögernd: »Also auch mit dem Aneurysma war es so? . . . Hegel spricht einmal vom sichtbaren Unsichtbaren. Der momentane Selbstverlust ist wahrscheinlich der Einsatz . . .« – »Ja, ungefähr,« erwiderte Kerkhoven mit merklicher Unlust. – »Aber wenn du nicht die praktische Erfahrung hinter dir hättest, würdest du dennoch im Finstern tappen, Irrtümer wären unvermeidlich, glaubst du nicht?« – Kerkhoven zuckte die Achseln. »Das sind sie auch so. Ich will die Erfahrung nicht herabsetzen, aber sie macht müd. Man erstickt unter ihrem Gewicht.« Auf einmal flammte er auf: »Wer die Erfahrung vergessen könnte, in der Art, daß sie im Blut bleibt und aus dem Blut heraus wirkt, transitorisch, lastlos, wie Geruch und Geschmack aus den Nerven, der wäre ein großer Arzt.«

Es war eins jener Worte, von denen Irlen sagte, sie brächen wie Blitze aus einem Menschen hervor. Kerkhoven stand am Fenster und starrte in die schneedurchleuchtete Dunkelheit. »Ein großer Arzt,« sprach er vor sich hin, »das wäre was, das wäre was . . . Man redet immer vom ärztlichen Beruf. Es ist aber kein Beruf, mit andern verglichen. Man ist kein Wissenschaftler, man ist kein Künstler, was ist man denn? Staat Gesellschaft Fortschritt, nichts geht mich was an. Der Arzt war schon da, wie die Menschheit in der Wiege gelegen ist; er wird sie auch begraben müssen. Ich habe mit dem Urzustand zu tun, die paar Jahrtausende, was bedeuten die. Jede andere Menschentätigkeit ist bedingt und auf Schichten beschränkt, meine nicht. Ich bin eine Ausnahme. Als Ausnahme muß ich auch leben. (Er drehte sich um.) Vielleicht hätte ich das Zeug zu einem richtigen Kerl . . . es steckt was da drin, kommt mir vor . . . wenn die Umstände günstiger wären, könnte ich . . . Quack, es sind gar nicht die Umstände . . . es gebricht mir an was. Es fehlt an was.« – »So? Was könnte das sein?« forschte Irlen gespannt. – »Ich bin einfach, eine einfache Natur,« erwiderte Kerkhoven, »aber ich bins aus einem Mangel heraus . . .« – »Wie . . . aus einem Mangel, wie meinst du das?« – »Ganz klar. Es fehlt mir das Doppelte, das die großen Leute haben, der innere Dual.« – Irlen war so überrascht von dem Ausspruch, daß er Kerkhoven wortlos anschaute. – »Ja,« fuhr dieser fort und lachte ein bißchen gezwungen, »wenn ich dich noch in mir hätte, Johann. Als Komplement sozusagen . . . Unser Herrgott hat mich nicht fertig gemacht. Was mir fehlt, das bist du. Verstehst du?« – Irlen sagte, nicht ganz im Ton eines Scherzes: »Nun, dem ließe sich vielleicht abhelfen.« – »Wüßte nicht, wie.« – »Vielleicht braucht es nur unsern Willen und Vorsatz, um in einem andern weiterzuleben. Nicht als Komplement. Eher als Amalgam.« Jetzt war die Reihe an Kerkhoven, verwundert zu sein. Etwas schroff sagte er: »Das führt zu nichts.«

 

Irlen erhob sich, legte Kerkhoven wie er bisweilen zu tun pflegte beide Hände auf die Schultern und fragte mit einer angenommenen heiteren Neugier, hinter der ein geheimer Plan zu stecken schien: »Wenn dich nun jemand von dem Druck der gewissen Umstände . . . ich setze den Fall, Joseph, es findet sich ein Mensch, der so überzeugt ist von dir, daß er dir nach jeder Richtung hin volle Unabhängigkeit verschafft. Eine Hypothese. Wie würdest du dich dazu stellen?« – Kerkhoven strich mit der flachen Hand bedächtig über seinen Scheitel. Eine Viertelminute standen sie einander stumm gegenüber, Blick in Blick. Dann antwortete Kerkhoven, während er sich sanft den Händen Irlens entzog: »Ich glaube, ich müßte verzichten. Ich glaubs nicht nur, ich weiß es bestimmt.« – »Und warum das?« – »Weil . . . erstens weil ich eine geschenkte Unabhängigkeit nicht . . . nicht zu schätzen wüßte. Es wäre keine für mich. Es brächte falsche Verantwortungen mit sich. Aber darüber könnte man zur Not hinwegkommen. Es . . . wenn wir schon über deine komische Hypothese ernsthaft verhandeln wollen . . . so eine Freiheit muß verdient werden, die darf einem nicht in den Schoß fallen. Glücksgaben für die Glückskinder. Leute wie ich müssen sich ihr Schicksal selber zurechthämmern, sonst paßt es ihnen nicht auf den Leib. Ich belehr dich da. Lächerlich. Als ob du nicht besser wüßtest, daß das den Charakter angeht. Zu jeder Freiheit muß man erst reif werden, klar, nicht? sogar zu der schäbigsten, der materiellen.«

 

Irlen gehörte zu jenen Männern, die trotz eigener Geisteskraft und tiefer Bildung das ungewöhnliche oder nur treffende Wort eines Freundes mit einer Dankbarkeit aufnehmen als seien sie dadurch in überraschender Weise bereichert worden. Er drückte Kerkhoven die Hand und sagte: »Sehr wahr, daß man zu jeder Freiheit erst reif werden muß. Der Satz könnte als Motto über meinem Erlebnis mit Otto Kapeller stehen.« – »Ja, du hast schon öfter davon gesprochen, warst schon einmal drauf und dran, zu erzählen . . .« – »Es ist eine lange Geschichte, aber wenn du Lust hast, es geht mir heute ganz leidlich . . . Bleib zum Abendessen bei mir . . .« Kerkhoven sah nach der Uhr: halb acht. Um acht wollte er auf der Klinik sein, der Chefarzt, Professor v. Möckern, hatte ihn bestellt. Mit dem Hier-Essen werde es hapern, meinte er, jedoch um neun Uhr könne er leicht zurück sein. (Die Erwähnung v. Möckerns bereitete ihm sichtliches Unbehagen. Der Widersacher. Zum ersten Mal erschien der Widersacher, greifbare Gestalt, bis dahin war er nur »umgegangen«, als »Geist«, jetzt hatte er Menschenzüge.) Irlen versicherte, er könne warten, bei seiner Säuglingskost verschlage ihm das wenig, zudem sei er allein, die Mutter sei für ein paar Tage nach Frankfurt gefahren. Indem Kerkhoven aufstand, um sich zu verabschieden, klopfte es leise, und Marie trat ein. Irlen war zum Schreibtisch gegangen, er wollte Kerkhoven einen Brief mitgeben, den er in den Kasten werfen sollte. Marie grüßte Kerkhoven mit den Augen und fragte Irlen, wann er zu essen wünsche, die Großmutter habe die Köchin bis morgen beurlaubt, er sei bei ihr in Pension. »Wenn es Ihnen nicht unbequem ist, erst um neun,« sagte Irlen, während er unter einem Stoß von Papieren den Brief suchte, »aber Doktor Kerkhoven ist mein Gast, Sie müssen so freundlich sein, liebe Marie, und auch für ihn –« – »Eine Kleinigkeit, ein Butterbrot,« fiel ihm Kerkhoven ins Wort und ging auf Marie zu. Er hatte plötzlich das Gefühl, daß etwas mit ihr war, sie kam ihm bedrückt vor, in ihren sanften, sonst so ruhigen Augen lag etwas Fremdes, wie verheimlichter Kummer. Er stellte eine alltägliche Frage, sie gab eine alltägliche Antwort. Irlen hörte auf zu suchen. Ein Ton hatte seine Aufmerksamkeit erregt, eine Schwingung, vielleicht nur eine um ein Minimum zu ausgedehnte Pause, genug, er erhob den Kopf wie ein witterndes Tier. Sekundenkurze unsinnige Regung. Er schaute nicht zu ihnen hin, fühlte beide bloß am Rand seines Blickfelds, sie sprachen diese alltäglichen Phrasen . . . allein es war da etwas . . .

Irlen legte die Schreibmappe, die er in der Hand gehalten, so vorsichtig auf den Tisch zurück als decke er ein Bild zu, das je wieder zu betrachten durchaus vermieden werden mußte.

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