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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Aleid kam in den letzten Julitagen. Sie hatte Marie schon aus Dresden geschrieben, sie möchte ihre Freundin Lotte Vanloo mitbringen, deren Eltern eine Nordlandreise machen und sie unterdes zu einer verheirateten Schwester geben wollten, zu der sie aber nur ungern ginge. Ob die Mutter etwas dagegen habe. Marie hatte nichts dagegen und lud das junge Mädchen in aller Form ein. Wenige Tage nach Aleid erschien sie dann, ein höchst anmutiges Geschöpf, das Mißlaune, Niedergeschlagenheit, ja nur Versonnenheit nicht zu kennen schien, ununterbrochen lachte und schwatzte, das ganze Haus mit Leben füllte und den kleinen Johann dermaßen behexte, daß er sogar seinem Abgott Etzel untreu wurde. Aleid, die viel schwerblütiger war, auch nicht sonderlich hübsch (zu Maries Kummer war aus dem zierlichen Kind ein recht derbes Mädchen geworden, sommersprossig, mit stets unordentlichen kupferroten Haaren), blieb neben dem sprühenden Wesen, einem wahren Inbild der Siebzehnjährigkeit, im Schatten. Marie bewunderte die selbstlose Hingabe ihrer Tochter an die überlegene Gefährtin. Sie sagte scherzend: »Ich bin nicht sicher, ob ich mich mit so einem Star zusammengetan hätte, als ich jung war. Man will doch seine Chancen behalten.« – »Ach was,« erwiderte Aleid in ihrer schnurrigen Art, »allein bin ich gar nichts, mit ihr werd ich wenigstens dazu addiert. Daran gewöhnt man sich.« – »Ist sie immer so strahlend?« – »Ja, immer. Nur im Bett heult sie manchmal. Aber das darf man nicht merken.« – »Warum, glaubst du, heult sie?« – »Weiß nicht. Als ich sie mal erwischte, sagte sie, es sei, um den Göttern zu opfern. Närrisch, nicht?« – Am Samstag sollte Kerkhoven kommen, er sagte aber ab, schon das dritte Mal. Aleid, die ihn verehrte, war enttäuscht. Sie hatte Lotte gegenüber mit dem Stiefvater gewaltig renommiert, und als Etzel die Absage überbrachte, ließ sie ihn zornig an als ob er schuld sei. »Schade,« jammerte sie, »Lotte hat heut Geburtstag, ich hatte ihn ihr zum Geburtstag versprochen.« Lotte wurde rot wie eine Mohnblüte. Sie warf die Lippen auf und schmollte: »Herr von Andergast wird denken, ich sammle Berühmtheiten. Ich mach mir aber nur aus hochstehenden Menschen etwas, und deswegen hatt ich mich gefreut.« – »Das gefällt mir, Fräulein,« sagte Etzel, »ich ließe mir den Professor Kerkhoven auch nicht zum Geburtstag schenken. Wüßte gar nicht, wo ich ihn unterbringen sollte.« – Lotte starrte ihn verblüfft an und wurde wieder dunkelrot. – »Ist sie nicht reizend?« fragte Marie, als sie mit Etzel allein war. – »Nett,« gab er zurück, »aber nicht viel dran.« – Doch schien es ihm Spaß zu machen, sich mit ihr zu unterhalten. Er fand den Ton, so wie er ihn mit allen Menschen fand. Seine Art der Kameradschaftlichkeit mußte auf jeden jungen Menschen Eindruck machen. Es war etwas ungemein Selbstverständliches darin; eine wohltuende Trockenheit und Leichtigkeit. Der Reichtum seiner Erfahrungen im Verkehr mit Jüngeren bewahrte ihn vor jedem Mißgriff. Indem er sich zwanglos auf gleich und gleich mit ihnen stellte und niemals seine Überlegenheit hervorkehrte, trat die Überlegenheit um so stärker ins Licht und wurde bereitwillig anerkannt. Zudem war er nicht mehr der Etzel, der seine Hände in hundert Affären hatte, überall geschäftig Verbindungen herstellte und sich gewissermaßen ins Innere der Menschen drängte. Das war vorbei. Es war etwas Strenges in seinem Gesicht und etwas Verschlossenes in seiner Haltung. Er wirkte wie ein Mann von siebenundzwanzig. Er war nicht mehr redselig. Er konnte stundenlang schweigen, wenn er mit Leuten beisammen war, und dieses Schweigen machte ihn viel gegenwärtiger und seine Gegenwart viel anziehender als seine frühere Wort- und Zungenfertigkeit. Es konnte nicht ausbleiben, daß sowohl Aleid Bergmann als auch Lotte Vanloo ein Interesse für ihn faßten, das von einer noch sehr kindlichen Neugier genährt wurde. Die Freundschaft, die ihn mit der von beiden schwärmerisch geliebten Marie verband, steigerte die Neugier und verlieh ihm einen Nimbus. Sie suchten bei jeder Gelegenheit seine Nähe, und es fiel ihm nicht ein, den Unnahbaren zu spielen. Er gewöhnte sich an ihre Gesellschaft. Es war neutrales Gebiet. Entgiftete Luft. Auf gemeinsamen Wanderungen und Segelbootfahrten, bei Tennis und Kricketpartien entstand Vertraulichkeit. Während der ersten Woche war Marie von der Teilnahme ausgeschlossen, eine heftige Erkältung mit darauffolgender Halsentzündung zwang sie, im Bett zu bleiben. Sie schien sich zu freuen, daß die drei jungen Menschen so viel unterwegs und im Freien waren und lächelte glücklich, als ihr Aleid und Lotte versicherten, es seien die schönsten Ferien, die sie je gehabt. Oft saßen sie bei ihr am Bett, die Mädchen auf der einen Seite, Etzel auf der andern, erzählten ihre Erlebnisse und besprachen Pläne. Wenn ihr dann der Lebhaftigkeit zuviel wurde, schickte sie alle drei hinaus. Als sie wiederhergestellt war, ließ sie sich bereden, bei einer Bootfahrt im Mondschein mitzuhalten und erkältete sich von neuem. Doch setzte sie der Krankheit den heftigsten Widerstand entgegen um nicht abermals durch Bettlägerigkeit isoliert zu sein. Nur das Haus zu verlassen getraute sie sich nicht, obwohl das Wetter anhaltend schön war. Der Sommer hatte eine gefährliche Art von Schönheit, so fand sie wenigstens, sie war immer ein wenig erschöpft und litt an Bangigkeit. Auch dieser Stimmung wollte sie nicht nachgeben. Es wäre ein offenes Eingeständnis gewesen. Die Dissonanz zwischen ihr und der Jugend, die sich um sie bewegte, dünkte sie ohnehin von schmerzlicher Grellheit. Eine qualvolle Unruhe nahm von ihr Besitz. An den Tagen, wo Etzel nicht da war, verging sie vor Sehnsucht nach ihm; wenn er da war, kam ein anderes Gefühl über sie, Angst, drückende Angst, und noch eines, das zu benennen sie nicht den Mut hatte. Alles an ihr war stumme Frage, wenn er ihr gegenüberstand. Die stumme Antwort, die er für sie hatte, die sein Gesicht für sie war, hätte die Angst von ihr nehmen müssen, es war die Antwort des Mitverurteilten, der an die Möglichkeit von Flucht und Befreiung kaum zu denken wagt, doch dies verminderte die prophetische Angst mitnichten. Und was er von Kerkhoven berichtete, vermehrte ihre Beklommenheit. Er sehe den Meister oft tagelang nicht, gestand er. Auch wisse dann niemand von seinen Leuten, wo er sei. Die Patienten in der Ordination müßten manchmal viele Stunden warten; wenn er endlich erscheine, ließe er sagen, er könne niemand vornehmen. Doktor Römer habe ihn verlassen, es müsse ein Zerwürfnis stattgefunden haben, auch andere Mitarbeiter hätten ihn verlassen. Etzel hatte noch mehr auf dem Herzen, aber er wollte es nicht sagen, er fürchtete, Marie aufzuregen. Er deutete nur immer wieder die erschreckende Rastlosigkeit des Meisters an und daß er wie ein Mensch wirke, der im Begriff sei, unerwartete Dinge zu tun, die sich aber seit langem in ihm vorbereiteten. »Einmal ist er mitten in der Nacht zu mir ins Zimmer gekommen,« erzählte er, »ich saß noch bei einer Arbeit, er sagte nichts, ging auf und ab, wie vergraben in sich selber, und nachdem er eine Viertelstunde auf und ab gegangen war, ich natürlich konnte nur abwarten, ihn anzureden war nicht möglich, ging er wieder fort. Ich hatte das Gefühl: ihm nach. Aber so was fühlt man ja nur, man tut es nicht.« – »Niemand kann ihm helfen,« sagte Marie vor sich hin, »er lebt in seiner Welt allein und kann keinen brauchen.« – »Das mag schon sein,« erwiderte Etzel finster und sah sie geduckt an, von unten herauf, »wenn du an dich dabei denkst, dich hat er längst vergessen.« – »Ja, mich hat er vergessen.« – »Und mich hat er –«, er machte eine Bewegung wie wenn man einen Hahn zudreht, »stop. Verstehst du? Er hat eben den genialen Instinkt. Stop, sagt der Instinkt, während man meint, es ist alles noch wie vorher. Du, Marie,« rief er mit verstörtem Gesicht, packte sie und riß sie herum als hätte sie nicht mehr Gewicht als eine Feder, »manchmal glaub ich fast, ich hab dich ihm nur weggenommen, um herauszubringen, ob er ein Herz hat wie andere Menschen und was für Belastungen es aushält.« – »Wirklich? glaubst du das? glaubst du das?« fragte sie in glasigem Ton. – »Ja. Und ob er wie ein Mensch aus Fleisch und Blut handeln wird, wenn ihm einmal die Augen aufgehn.« – Darauf Marie, erloschen: »Das ist ganz gut möglich bei dir. Ihr könnt eben alle das Morden nicht lassen.« – Sie standen im Finstern. Aus dem Garten schallten die lustigen Stimmen der Mädchen herein. Sie standen eng beieinander. »Wenn du mich nur wirklich umbringen würdest,« murmelte Marie. – Er hatte den rechten Arm um ihre Hüfte gelegt, mit der linken Hand umklammerte er ihr Kinn. »Und dann?« raunte er ihr in unsinniger Wut und Liebe ins Ohr, »was soll aus mir werden ohne dich?« – »Sei still, Etzel, sprich nicht davon . . .« Ihre Hände waren in seine Haare verwühlt, und sie verlor das Bewußtsein. Spät am Abend kam Aleid in ihr Schlafzimmer, setzte sich an ihr Bett, umarmte sie zärtlich und eröffnete ihr mit heiterer Verzweiflung, Lotte sei »leider Gottes« bis über die Ohren in Etzel Andergast verliebt. »Ach,« sagte Marie bedauernd, »das ist ja ganz schlimm. Was werden wir da machen?« – »Du mokierst dich, Mutter, aber bei ihr ist das ernst. Sie ist eine entschlossene junge Dame.« – »Er wird sehr erstaunt sein.« – »Das möcht ich nicht so sicher behaupten, Mutter. Du meinst doch nicht, daß ers nicht darauf angelegt hat? Ich hab ja zugesehn. Es mußte so kommen.« – »Ist denn schon etwas vorgefallen?« – »Na . . . wie mans nimmt.« – »Wieso . . . wie mans nimmt?« – »Na, so. Kannst dir ja denken . . .« – »Nun, ich will drüber nachdenken, Aleid,« schnitt Marie das Gespräch hastig ab, »es wird sich schon eine vernünftige Lösung finden. Außerdem: braucht ihr in diesen Dingen uns ältere Leute überhaupt noch? Ihr habt ja eure eigne Welt.« – Sie lächelte Aleid zu, als diese das Zimmer verließ. Dann schaute sie zur Decke hinauf, und das Lächeln blieb auf ihren Lippen als wolle sie sichs vortäuschen oder als hätte der Mund vergessen, es abzutun.

 

Allmählich bekommt alles ein anderes Gesicht für Marie. Die Landschaft hat eine andere Farbe, die Bäume haben eine andere Gestalt, alles ist wesenloser, viel weiter weg, die Geräusche und Stimmen der Außenwelt dringen durch eine Mauer aus Watte. Das vergessene Lächeln schwebt auf ihren Lippen, wenn sie durchs Haus geht, das Haus kommt ihr unbekannt vor, es ist ein fremdes Haus, in allen Räumen fröstelt sie, obgleich richtige Hundstagshitze herrscht, die Luft siedet, die Nächte sind schwül. Sie kümmert sich nicht um ihre Blumen, nicht um das Spalierobst, der Gärtner sieht ihr kopfschüttelnd nach. Der kleine Johann macht vergebliche Versuche, sie in seine Interessenwelt zu ziehen, er sagt kummervoll zu seiner Aja: Mutter ist wie eine gläserne Frau. Es strengt sie an, mit den Kindern zu sein, sie muß ihre ganze Kraft zusammennehmen, um ihren Fragen standzuhalten. Das Sonderbare ist, daß es sie immerfort dorthin zieht, wo Lotte Vanloo ist. Wenn sie die Mädchen allein weiß, geht sie zum Tennisplatz, aber nicht so nah, daß sie gesehen werden kann, und beobachtet Lotte beim Spiel. Wenn sie im Bad sind, erscheint sie bisweilen am Ufer des kleinen Weihers und sieht zu, wie Lotte schwimmt. Auf Aleid wirft sie kaum einen Blick. Hört sie ihre Stimmen im Garten, so tritt sie ans Fenster, und indem sie sich den Anschein gibt als sei sie in Gedanken, verfolgt sie jeden Schritt und jede Bewegung Lottes. Bei Tisch, während sie sich mit beiden unterhält, hat sie nur Augen für die eine. Es ist quälend, es ist erniedrigend, aber sie kann nicht anders. Unaufhörlich spricht eine Stimme in ihr: so geht man, so hält man sich, so lacht man, eine solche Pfirsichhaut hat man, einen solchen Tauglanz in den Augen, solchen Jubel in der Stimme, wenn man siebzehn Jahre alt ist. Oft hat sie Mühe, der Versuchung zu widerstehen, das Mädchen anzurühren, die Haare, den Nacken, die Hände, die Brust, es ist als müsse sie sich überzeugen, ob das alles kein Trug, ob es wirklich so zu fürchten ist, wie sie es fürchtet. Bei jeder liebenswürdigen Äußerung des Kindes zuckt sie zusammen, das Bild von Unbefangenheit Lebensmut Gesundheit und Kraft, das ihr unablässig vor Augen steht, zwingt sie unablässig zum Vergleich mit sich selbst, und sie kommt zu dem Schluß, daß sie vor dieser Fülle, diesem blühenden Lebenswunder nicht bestehen, daß es keine Eigenschaft des Geistes und des Herzens gibt, mit der man erfolgreich dagegen ankämpfen kann. Ihr Gemüt verfinstert sich. Ihr Inneres ist eine einzige Wunde. Die Gedanken sind manisch auf den einen Punkt gerichtet. Früher hat sie zuweilen geträumt, sie müsse auf einem dünnen Seil über einen Abgrund laufen und könne sich nur dadurch vor dem Sturz bewahren, daß sie keinen Blick in die Tiefe wirft. So lebt sie jetzt. Sie hat nicht das geringste Talent zum Spionieren, einem Menschen heimlich nachzugehen, verwehrt ihr der Stolz, sie hat sich nie in eine Lage denken können, in der sie einer so demütigenden Handlung fähig wäre. Doch nun gewinnt sie es über sich, Aleid auszuhorchen. Sie stellt sich sachlich interessiert. Als müsse man doch wissen, wie sich die Dinge entwickeln. Als habe man das Kind zu schützen. Als sei es vielleicht doch nicht so harmlos, wie man anfangs gedacht hat. Aleid zuckt die Achseln. Sie lächelt vielsagend. Es scheint, man hat sie ins Vertrauen gezogen, und sie fühlt sich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Sonach geht etwas vor. Endlich weiß Marie, was eine Verschwörung ist. Endlich weiß sie, wie es ist, wenn man verraten wird. Es gibt keine Empfindung, deren Wesen und Wirkung man nur im entferntesten zu ahnen vermag, bevor man sie erlebt. Was man nicht erlebt, hat keine Wirklichkeit. Es erleben heißt aber, davon zermalmt werden. So will es ihr scheinen. Sie beschließt, die beiden Mädchen müssen aus dem Haus. Sie kann ihre Gegenwart keine Woche mehr ertragen. Trotzdem sich der »Beschluß« erst im Stadium des Wunsches befindet, wenn auch eines brennenden, eines Wunsches, von dem sie besessen ist, und sich seiner Erfüllung vorläufig praktische Schwierigkeiten entgegenstellen, zögert sie nicht, Etzel davon zu unterrichten. Sie ist so erregt dabei, daß sie die Hände auf ihr Herz preßt, um sprechen zu können. Sie hat ihn erst rufen müssen. Er ist aus der Stadt gekommen, hat Aleid und Lotte am Tor getroffen und sich gleich mit ihnen zum Bad verabredet. Ohne sich um Marie zu kümmern, ohne ihr guten Tag zu sagen, wollte er sofort mit ihnen gehn. Sie hat es vom Fenster aus gehört, das heißt, sie hat sie nur miteinander sprechen gesehen und hat alles erraten. Da hat sie ihn gerufen. Und sagt ihm, was sie beschlossen hat. Er scheint unangenehm berührt, zuckt aber gleichgiltig die Achseln. »Wenn du es für richtig hältst . . .«, erwidert er frostig, »es ist natürlich deine Sache.« – Sie zwingt sich, kühl zu bleiben. »Wärs bloß meine Sache,« gibt sie mit einer Gelassenheit zurück, die, in diesem Moment, einer großen Schauspielerin würdig ist, »so hätte ich nicht nötig, dich aufmerksam zu machen.« – »Ich kann nicht einsehen, was ich dabei soll.« – »Du fängst an, in der Verstellung etwas zu leisten.« – »Du mußt acht geben, Marie,« sagt er im Ton eines wohlmeinenden Beraters, »man kann leicht einen Menschen in eine Dummheit hineintreiben, wenn man ihm mit Gewalt die Gelegenheit nimmt, sie zu begehen.« – »Du warnst mich?« – »Ja, ich warne dich.« – Aleid steckt den Kopf in die Türspalte. »Kommen Sie nicht, Etzel?« – »Ich komme.« Und zu Marie gewandt, mit meisterlich gespielter Harmlosigkeit, die sie tiefer trifft als der feindselige Trotz vorher: »Ich bitte also bis zum Abendessen um Urlaub, Frau Marie.« – Sie sieht ihn mit den Mädchen durch den Garten gehn. Er hat beide untergefaßt, Aleid rechts, Lotte links. Er neigt sich zu Lotte und flüstert ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen lacht ihn kokett an. Marie hat das Gefühl als rinne ihr das Gehirn aus dem Kopf. Es ist ihr furchtbar schwindlig, sie hält sich am Tisch fest. Weit draußen in der Landschaft schmettert sinnlos eine Trompete. Nicht zusammenbrechen, sagt sie sich vor, nicht zusammenbrechen. Was ist denn geschehn? Eine Liebelei ist zu Ende. Nicht zusammenbrechen. Aber sie muß zu Bett, die Zähne klappern im Mund. Während sie regungslos, mit weitoffenen Augen daliegt und der Gesang der Vögel durch die Mauer aus Watte dringt, erhebt sich sein Gesicht vor ihr, und zwar im Profil, scharf geschnitten wie auf einer Bronzeplakette. Die Härte der Linien, die finstere Drohung im Augenbogen, die erbarmungslose Entschlossenheit in der Schrägfalte zwischen Nase und Lippenwinkel geben ihr die Vorstellung eines Peinigers, dem sie verfallen ist. Es ist eine Phantasie des Grauens. Sie hat keine Herrschaft mehr über ihr Denken. Ihr sonst so klarer Geist verdunkelt sich. Sie weint. Aber sie weiß kaum von den Tränen, die langsam unter den Lidern hervorträufeln wie die Flüssigkeit aus einem zersprungenen Gefäß. Zum Abendessen kommt sie nicht, sie läßt sagen, sie habe Kopfschmerz, es möge sie niemand besuchen. Von elf Uhr an beginnt sie zu warten. Auf dem Tischchen neben ihr hängt die kleine Uhr in einer Glasvitrine, und nicht eine Sekunde lang wendet sich ihr Blick vom Zifferblatt ab. Anderthalb Stunden starrt sie behext auf das Zifferblatt. Jede Minute ist eine Hölle der Erwartung. Plötzlich springt sie auf, zieht sich in fieberhafter Eile an, wirft ein Tuch um die Schultern, verläßt das Zimmer, verläßt das Haus. Da huscht eine Gestalt an ihr vorbei: raschatmend; aufgelöst; mit wirren Haaren; in erschrockener Scham vergehend: Lotte. Die Nacht ist wie laues dunkelblaues Wasser. Der Sternenhimmel schwillt atmend auf und ab. Mit mondsüchtiger Unbeirrbarkeit geht sie in einer bestimmten Richtung als sei sie gerufen worden und müsse sich beeilen, zurechtzukommen. Auf einmal bleibt sie stehen. Jemand pfeift leise vor sich hin. Jemand steht leise pfeifend unter einem Baum. »Etzel!« ruft sie. Das Pfeifen hört auf. Etzel kommt langsam auf sie zu. Er ist im Sporthemd, der Kragen offen, der braune Hals, das braune Gesicht treten deutlich aus dem Dämmerlicht. Eine Weile schaut er sie an, dann spürt sie an ihrem Arm den stählernen Druck seiner Finger. Schweigend gehen sie zusammen weiter. Sie beginnt zu sprechen. Überstürzt, mit der glasigen Stimme, die ohne Herz ist. Sie überliefert sich ihm. Bedingungslos. Auf Gnade und Ungnade. Bruch mit allem Bisherigen, Flucht, Heirat, alles was er gefordert hat. Sie unterwirft sich. Fristlos. Er braucht nur ja zu sagen, sie ist bereit. Maßlos ist der Sinn ihrer Worte, maßlos sind die Worte selbst. Es ist nicht mehr die nämliche Marie. Es ist ein Mensch, der aus sich herausgestürzt ist. Als Etzel dies erkennt, packt ihn das Entsetzen. Es scheint, daß ich alle Menschen, die ich an mich binde, maßlos mache, durchzuckt es ihn. – »Was ist? ich seh dein Gesicht nicht!« schreit Marie auf, klammert sich an seine Schultern und rüttelt ihn mit unheimlicher Kraft. Das Entsetzen macht ihn stumm. Da will sie also doch in den feurigen Ofen hinein, denkt er, sie, die einzige von allen . . . Und siehe da, er empfindet keinerlei Triumph darüber, nicht die Spur von Siegergefühl oder Genugtuung ist in ihm, nur ein abgründiges Besinnen. Das Licht einer Blendlaterne blitzt auf und erleuchtet die Tiefen. Der ungeheure Schatten steht da und spricht: Eine Menschenseele so weit treiben heißt sich in die Verdammnis stürzen, Etzel Andergast. Da senkt er den Kopf. Es ist ihm schauerlich zumut. Er möchte Marie nehmen und in das Innere seiner Hände hineinschließen wie in eine Muschel (so wie er einmal geträumt hat, daß der Meister ihn in die Hände geschlossen), aber das ist nun zu spät. Den Anteil an dieser Menschenseele hat er verwirkt. Er muß jetzt allein sein. Er kehrt sich ab und geht, die Hände vor dem Gesicht, allein weiter. Marie sieht ihn in der Finsternis verschwinden. Sie schaut sich um, auch sie gewahrt den ungeheuern Schatten, und sie fürchtet sich vor ihm. Ihr einziger Gedanke ist: sterben. Sie hat das Gefühl, sie braucht sich nur hinzulegen, dann stirbt sie schon von selber. Wie sie wieder ins Haus und in ihr Zimmer gelangt, das weiß sie nicht. Als sie im Bett liegt und der Körper mit wollüstiger Einwilligung ins Bodenlose hinuntersinkt, fragt sie sich lächelnd, wer wohl früher kommen wird, Joseph oder der Tod.

 

Schon seit Monaten beobachtete Kerkhoven die Abwärtsbewegung seiner Existenz. Ihn dünkte, das innere Mißlingen und im Zusammenhang damit das äußere habe an einem ganz bestimmten Tag begonnen, den er freilich nicht bezeichnen konnte. Diese Empfindung wurzelte in dem Sinn für periodische Abläufe, der so stark in ihm ausgeprägt war. Er konnte förmlich zuschauen, wie ihm die Dämonen, nach Goethes Wort, ein Bein ums andere stellten und war auf das Schlimmste vorbereitet. Er glaubte ein beständiges Nachlassen seiner seelischen Kräfte wahrzunehmen. Die neuen Heilversuche, mit denen er sich seit einem Jahr beschäftigte, gerieten ins Stocken. Sie konnten ja nur gelingen, wenn er selbst seelisch intakt war. Und er war es nicht mehr. Ein Gefühl von Verbrauchtheit hatte sich eingestellt, und nachdem er dies konstatiert hatten war ihm klar, was geschehen mußte. Wenn am oberen Flußlauf die Dämme brechen, muß man sich unten vorsehen, Eile tut not. Der Abbau der Privatpraxis war nur ein erster Schritt. Die unmittelbare Folge war eine Schmälerung seines Einkommens, die ihm alsbald ernste Schwierigkeiten bereitete. Eine der geringsten war es, als er nicht imstande war, Marie die kleine Geldsumme zu schicken, um die sie gebeten hatte. Er mußte eine Anzahl bewährter Leute entlassen, und da die Ordinationsräume für das künftige Arbeitsprogramm zu weitläufig waren, beschloß er, einen Teil des Traktes zu vergeben. Das führte zu Reibereien mit Doktor Römer, die mit einem Bruch endeten. Der langjährige Mitarbeiter wurde sein erbitterter Gegner. Es zeigte sich, daß er in der Stille gegen seinen Chef und Lehrer Material gesammelt hatte, das er ausgiebig zu verwerten wußte. Dies ermutigte andere, die längst auf der Lauer gelegen waren, und alsbald hagelten von allen Seiten Angriffe Verdächtigungen Verleumdungen und Schmähschriften auf ihn herab. Sie beeinträchtigten den Zulauf der Heilungsuchenden nicht, im Gegenteil, er kam auf die Art erst recht in den Geruch eines Wunderdoktors, und vor den Türen stauten sich die Massen wie vor einem Auswanderungsbüro, so daß ein paarmal die Polizei einschreiten mußte. Ihnen unter dem Hohngeschrei der Kollegen den »Wunderdoktor« wirklich zu machen, hatte er kein Verlangen; mit Ausnahme weniger mußten die Wartenden enttäuscht wieder abziehen. Er hatte gehofft, die Zeit und die Kraft, die er durch den Verzicht auf die private Praxis gewann, der Anstalt zuwenden und damit den pekuniären Entgang wettmachen zu können, jedoch das Kesseltreiben, das seine Person in die Öffentlichkeit zerrte und sie unwürdigen Verfolgungen preisgab, wirkte auf seine Lieblingsschöpfung zurück, auch dort sah er sich von verkappten Feinden umgeben, die medizinische Behörde mischte sich in den Betrieb, die Post brachte anonyme Briefe schmutzigsten Inhalts, und unter diesen Umständen litt nicht nur der Ruf der Anstalt, sondern auch ihre ökonomische Basis wurde erschüttert, da sie mit den staatlichen Zuschüssen allein nicht zu halten war. Kurzum, alles hatte sich zu seinem Sturz verschworen, die sichtbaren und die unsichtbaren Mächte.

An einem dieser Tage ließ ihn der alte Heberle rufen. Er war todkrank. Geschwür im Kehlkopf. Er konnte nicht sprechen. Er deutete resigniert auf seinen Hals und warf einen liebevoll-anklagenden Blick auf seine Schwester. Die berichtete Kerkhoven, die Operation sei beschlossen. Am folgenden Tag solle sie stattfinden, Heberle habe gewünscht, ihn vorher noch zu sehen, da er überzeugt sei, nachher sei es zu spät. »Törichterweise,« fügte das alte Fräulein hinzu, das ein felsenfestes Vertrauen zu der Kunst des Geheimrats Rahl hatte. Kerkhoven hütete sich, seine Meinung zu äußern, er blieb eine Weile an Heberles Bett sitzen, von traurigen Erinnerungen bewegt. Der alte Mann schien ein dringliches Anliegen an ihn zu haben, wollte es aber offenbar nicht zu Papier bringen, da er sich nur schreibend mitteilen konnte. Aber Kerkhoven las es in seinen Augen, und als er sich verabschiedete (mit der Gewißheit, es sei für immer), wußte Heberle, daß ihn der Freund verstanden hatte, und drückte ihm mit beredter Dankbarkeit die Hand. Eine Stunde darauf war Kerkhoven in Rahls Privatwohnung. Prunkvolle, palastähnliche Räume; an allen Wänden Photographien mit überschwenglichen Widmungen, goldgerahmte Porträts, Marmorbüsten, Medaillen, lauter Geschenke geheilter Fürsten Könige Militärs Bühnengrößen Bischöfe Kardinäle und Staatsmänner aller Nationen. Kerkhoven hatte nur seinen Namen zu nennen gebraucht, um sogleich vorgelassen zu werden. Rahl schien außer sich vor Freude, den »berühmten Kollegen« bei sich zu sehen. Es war ein zwergenhaft kleiner Mann mit abnorm großen Händen und einer Löwenstimme. Nach dem Austausch üblicher Redensarten kommt man zur Sache. Auch Rahl ist ein Mann, hinter dem die Zeit her ist wie ein bissiger Hund. Seine Anhänger behaupten, er habe sich das Schlafen vollkommen abgewöhnt, es genüge ihm, wie Napoleon, zwischen zwei Operationen zehn Minuten lang die Augen zu schließen. Womit er dem »berühmten Kollegen« dienen könne, fragt er nicht ohne Verwunderung. Der Hinweis Kerkhovens auf seine alte Beziehung zu Heberle erregt kaum sein Interesse; höchstens, daß er eine maliziöse Betrachtung anstellt über die Freundschaft eines echten Forschers mit einem erklärten Phantasten. Kerkhoven spürt etwas dergleichen, ist ihm doch nicht unbekannt, daß Rahl einer der heimlichen Drahtzieher der gegen ihn gerichteten Machenschaften ist. Er grollt ihm deswegen nicht; es ist fast eine Charakterschwäche an ihm, daß er den Feind zu gut versteht, auch steckt sonderbarerweise noch immer etwas von jener Naivetät in ihm, die an der Hoffnung festhält, man könne einen Gegner durch Beweise der Redlichkeit und anständigen Gesinnung überzeugen. Als er seinen Zweifel ausdrückt, ob es unumgänglich nötig sei, an einem siebenundsiebzigjährigen Greis einen so schweren Eingriff vorzunehmen, läßt sich Rahl langsam im Sessel zurücksinken, und seine dicken Brauen winden sich wie Würmer gegen die Stirn hinauf. Unermeßliches Staunen. »Zumal der letale Ausgang, so oder so, nicht vermeidbar ist,« fügt Kerkhoven hinzu, ohne sich von der theatralischen Posse einschüchtern zu lassen, »der Tod hat ihn schon im Arm, jeder Laie kann es sehen.« Die froissierte Miene Rahls macht die Antwort im Grunde überflüssig; wer hat Sie zu diesem Dazwischentreten ermächtigt, Herr Kollege? steht deutlich darin geschrieben, exitus letalis oder nicht, was hat das mit der Wissenschaft und ihrer Ausübung zu tun? habe ich das Recht, mich mit privaten Anschauungen auseinanderzusetzen und über humane Gesichtspunkte zu philosophieren? ich kenne keine Menschen, ich kenne nur erkrankte Organe. Natürlich sagt er das nicht ausdrücklich, er lehnt nur die Anregung des Kollegen höflich, aber entschieden ab. Kerkhoven hat es vorausgesehen. Er wollte sein Gewissen salvieren, weiter nichts. Er weiß es, für die löwenstimmige Kapazität ist der Mensch nur eine zufällige Verkörperung des Falls; wenn er den Fall vor sich hat, ist er gleichsam zum Richter ernannt, und keine Macht der Erde kann ihn mehr bewegen, diesen Schuldigen, nämlich der Krankheit Angeklagten, aus den Fängen zu lassen. Er verrichtet Wunder, er ist ein Held und Retter, aber zugleich das menschgewordene Skalpell, kühn, scharf, glänzend und mitleidlos. Der Widersacher. Kerkhoven nickt vor sich hin. Er fühlt sich zu müde, um zu kämpfen. Er spürt, er ist neunundvierzig Jahr alt und sein Leben steht vor umwälzenden Entscheidungen. Er muß innehalten auf dem Weg, er muß eine Weile Schluß machen mit allem, sonst ist er verloren, sonst versteinert er im sogenannten Beruf. Neunundvierzig, Schicksalseinschnitt, Schwelle der dritten Pubertät, das Problem ist, die Hemmung einzuschalten, um den Sturz zu überstehen. Während er in das herausfordernd selbstbewußte, eigentümlich nackte (nackt wie Tatsachen sind), willensgespannte Gesicht seines Gegenüber schaut, ist ihm zumute als hätte er seit Jahren etwas vergessen, was einmal allerwichtigster Bestandteil seiner Existenz war, er nimmt sich vor, darüber nachzudenken, er muß ergründen, was es mit dieser höchst bedrückenden und schuldhaften Empfindung auf sich hat. Er erhebt sich, da Rahl leise Zeichen der Ungeduld von sich gibt. Der Geheimrat begleitet ihn zur Tür, und im Gefühl seiner Überlegenheit kann er sich der Bemerkung nicht enthalten, die Herren von der psychologischen Schule dürften sich, die Größe Einzelner restlos zugegeben (Verneigung), auf die Dauer doch nicht der Erkenntnis verschließen, daß man ohne greifbare Materie und systematisierte Therapie in der Medizin keinen Hund vom Ofen locken könne. Es klingt anzüglich genug, trotz des zuckersüßen Tons. Kerkhoven bleibt stehen. »Gewiß,« erwidert er mit der Ruhe des Überlegenen, »man erlebt auch wenig Befriedigung dabei. Je reiner der Wille, je übler wird ihm mitgespielt. Der Formalismus wird uns immer wieder knechten, der Geist muß in den Pferch, das Herz steht auf dem Index. Die beamtete Wissenschaft beharrt auf ihrem Schein, wie Shylock fordert sie ihr Pfund Fleisch. Man hat mich niemals gelten lassen. Warum? Ich war den Kollegen stets ein Dorn im Auge. Warum? Ich habe es nie begriffen. Aber das Anathem fällt auf euch selbst zurück, ihr Herren von der alleinseligmachenden Kirche.« Der Geheimrat will beschwichtigen. Er sucht nach Worten, aber Kerkhoven hebt nur ein wenig die eine Hand (die andere ruht auf der Türklinke) und fährt achselzuckend fort: »Meine Person kommt nicht in Betracht. Ich gehöre keiner Clique an, auch keiner Schule. Eben das wird mir nicht verziehen. Ich wollte nie etwas anderes sein als ein simpler Arzt, mein Ehrgeiz ist so gering . . . ich wage gar nicht zu sagen, wie gering. Daß ich für den friedlichen Tod eines alten Mannes plädiert habe, der sich um solche Schonung hoch verdient gemacht hat, müssen Sie, verehrter Kollege, einem Rest von Köhlerglauben an menschliche Einsicht zuschreiben, der noch in mir steckt. Meine ganze Lebensarbeit war auf Vorbeugung gerichtet, Vorbeugung des Schlimmeren. Ich bin des unheilbar Kranken müde. Das Unheilbare steht uns im Weg. Wir heilen nur, um uns mit Flickwerk zu trösten. Vor einigen Tagen hat man mich ins Polizeigefängnis gerufen, zu einem halben Dutzend jugendlicher Apachen, Mitglieder einer festen Organisation, syphilitische, sexuell verkommene Jungens zwischen vierzehn und sechzehn Jahren. Simulierten Wahnsinn. Alle sechs. Grotesk. Und wie sie das trafen. Als hätten sie ein Semester auf der psychiatrischen Klinik gearbeitet. Stellen Sie sich das vor. Deutlicher habe ich nie das Antlitz dieser Zeit gesehen. Der gespielte Wahnsinn war viel wahrer, in einem andern Sinn, als die halben Kinder ahnten. Na . . . wozu das. Die Generalrevision, vor der ich stehe, zwingt mich jedenfalls, eine Zeitlang vom Schauplatz zu verschwinden. Damit will ich nur sagen, daß die Kollegen sich nicht weiter gegen mich bemühen müssen . . .« Er verneigt sich und überläßt den Geheimrat seinen sehr gemischten Gefühlen.

Es war ein herrlicher Abend, ziemlich spät schon. Er ging zu Fuß nachhause. Um nicht gesehen und behelligt zu werden, schlich er sich förmlich in die Wohnung hinauf und schloß sich in seinem Arbeitszimmer ein. Stundenlang saß er am Schreibtisch, untätig, den Kopf in die Hand gestützt. Auf einmal blickt er empor als habe er eine Stimme gehört. Wo ist eigentlich Marie? fragt die Stimme in ihm. Da weiß er, was er vergessen hat. Marie hat er vergessen. Sie hat ihm schon die ganze Zeit gefehlt, er ist nur nicht darauf gekommen. Überall, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht hat er sie entbehrt, doch hat er das Gefühl der Entbehrung nicht zu lokalisieren vermocht. Er ist freilich soundsovielmal in Lindow gewesen, hat sie gesehen und mit ihr gesprochen, trotzdem dünkt ihn, daß das nicht Marie gewesen ist, sondern ein Ersatzbild. Er hat auch jeden zweiten oder dritten Tag mit ihr telephoniert, erst gestern wieder, jedoch es war nicht Maries Stimme, die er gehört hat, es war eine Ersatzstimme. Wie über sich selbst verwundert, daß er es nicht schon längst bemerkt hat, schüttelt er den Kopf. Er erinnert sich an einen beschämenden Vorfall: vor einigen Wochen, auch mitten in der Nacht, hat ihn derselbe Gedanke durchzuckt, nur dumpfer: wo ist Marie? was ist mit ihr? Und weil er das unklare Gefühl hatte, Etzel könne ihm Auskunft geben, vielleicht sogar den Wunsch, sich mit Etzel über Marie zu unterhalten, ungefähr wie sich ein Vertriebener mit jemandem aus der Heimat über seine Angehörigen unterhält, ging er in dessen Zimmer, ohne die Ungereimtheit seines Tuns in Erwägung zu ziehen. Es ist eine für ihn charakteristische Sorte von Handlungen: um eine unangenehme Empfindung für den Moment loszuwerden, faßt er in aller Eile einen Entschluß, der diese Empfindung hundertfach verstärkt. Wie er dann bei Andergast war, befiel ihn eine merkwürdige Scheu, er konnte es nicht über sich bringen, ihn nach Marie zu fragen, er brachte das Wort nicht über die Lippen, er brachte überhaupt kein Wort über die Lippen, es war eine peinliche Situation, die er ungeschickt genug beendete, indem er sich stumm zurückzog. Dabei hatte es ihn erleichtert, daß er Etzel in seinem Zimmer angetroffen hatte, er entsinnt sich genau dieser unverständlichen Erleichterung, was mochte sie zu bedeuten gehabt haben? Er schaut auf die Uhr: halb eins. In Lindow anzurufen, ist es zu spät. Und wieder überkommt ihn der kindische Wunsch, sich an Andergast zu wenden. Dem Zweck forscht er nicht nach. Vielleicht will er ihn bloß sehen. Er hat sich schon mehrere Abende nicht gemeldet. Er wird nicht zuhause sein, sonst wäre er herübergekommen. Man muß nachsehen. Falls er zuhause ist, wird er wohl noch nicht schlafen. Kerkhoven verläßt das Zimmer, geht den Korridor entlang, pocht an Etzels Tür. Da alles still bleibt, öffnet er und macht Licht. Das Bett ist unberührt. Er verharrt eine Weile nachdenklich, dann kehrt er langsam in sein Zimmer zurück und setzt sich wieder an den Schreibtisch. Sein Blick fällt auf einige Briefe, die Etzel zur Unterschrift hingelegt hat. Es handelt sich um gleichgiltige Angelegenheiten, der oberste Brief ist an die Zeitschrift für ärztliche Fortbildung gerichtet. In der Sekunde, wo er nach der Feder greift, um sie ins Tintenfaß zu tauchen, stockt die Hand. Er wirft die Feder weg, die Linke legt sich schwer auf den Brief, den er unterschreiben gewollt, und knüllt ihn zusammen. Die Augen starren ins Leere, das kein Leeres ist . . .

Er sieht etwas Unfaßliches. Nein, nicht so. Ein zweites Ich in ihm sieht etwas, wovon das Außen-Ich nur eine verschwommene, blitzhaft entschwindende Kunde erhält. Es ist als habe eine unsichtbare Hand einen Vorhang mit einem Messer zerschnitten und jenes Innen-Ich habe einen Blick durch den Spalt geworfen, der sich sofort wieder schließt. Das Außen-Ich ist ohne Verzug damit beschäftigt, den Sachverhalt zu vertuschen, und will nichts gesehen haben; das Innen-Ich hat aber gesehen und befindet sich in einem Zustand unsäglicher Verstörung. (In der gleichen Minute war es, da Marie die »bedingungslose Übergabe« vollzog.) Er steht auf, tritt ans offene Fenster, stiert in die Nacht hinaus und streicht unaufhörlich mit der Hand über die Stirn. Es gibt keinen Namen, keine Bezeichnung für das Gesehene. Es hat den Kreis des Bewußtseins nur gestreift. Es war eigentlich nichts Greifbares, es war eine Art lautloser Detonation. Verblieben ist eine Unruhe, die unhemmbar wächst und sich aus sich selbst nährt. Das statische Gefühl ist erschüttert wie bei einem Erdbeben. Er wankt. Er flicht die Finger beider Hände ineinander, daß die Gelenke knacken, und der Oberkörper macht eine wiegende Bewegung. Die grabenden Gedanken sind ohne Licht und Ziel. Kein Verdacht setzt sich in ihm fest (das kann nicht oft genug betont werden), es ist nur die versengende Unruhe, von der er weiß, daß sie vom Zentrum des Lebens ausgeht. Wenn er mutiger wäre, wenn er besser Bescheid über sich selbst wüßte, wenn er nicht so unsinnige Angst davor hätte, das wahre Wesen dieser Unruhe zu entschleiern, so könnte er einen Beschluß fassen, sein Verhalten während der nächsten Stunden danach einrichten und sich zur Besonnenheit zwingen. Das ist unmöglich. Er könnte den Chauffeur telephonisch erreichen, er könnte den Wagen bestellen und unverzüglich nach Lindow fahren. Unmöglich. Er fürchtet sich. Er will Zeit gewinnen. Er klammert sich an die Hoffnung, daß der Tag alles ungeschehen machen und ihn davon überzeugen wird, daß er Gespenster gesehen hat. Andrerseits geht es über seine Kraft, stundenlang hier im Zimmer auf und ab zu marschieren, Beute wahnwitziger Halluzinationen. Er wird zu Bett gehen und ein starkes Schlafmittel nehmen. Gedacht, getan. Er dosiert das Mittel nicht gering, es würde für drei Männer genügen. Der Schlaf packt ihn wie eine Zange, als er erwacht, zunächst schlaff und erinnerungslos, ist es neun Uhr. Er badet, rasiert sich, stürzt eine Tasse Tee hinunter, läßt der Ordinationsschwester sagen, er sei heute nicht zu sprechen und steigt ins Auto. Um halb elf fährt er in den Hof in Lindow ein. Seit dem Augenblick des Erwachens hat er keine Sekunde überlegt, was er tun wird, alles ist in einer Weise geschehen als sei es ihm im Schlaf befohlen worden. Aus dem langen Flur des Erdgeschosses kommt ihm Etzel entgegen. Etzel meidet seinen Blick. Mit einer Kopfbewegung fordert ihn Kerkhoven auf, ihm zu folgen. Sie betreten den nächsten Raum. Er wendet sich Etzel zu und fragt mit heiserer Stimme: »Was ist hier los?« – Etzel, fahlen Blicks, beugt den Nacken und erwidert: »Man braucht Sie, Meister.« – »Gut. Ich habe aber mit Ihnen zu sprechen. Warten Sie droben in Ihrem Zimmer auf mich.«

 

Als Etzel den Wagen Kerkhovens in den Hof einfahren sah, befand er sich in Maries Schlafzimmer. Sie hatte ihn nicht rufen lassen. Sie hatte sich sogar geweigert, ihn zu empfangen. Darauf hatte er ihr einen Zettel mit drei Worten geschickt: Es muß sein. Als er an ihr Bett trat, war ihm die Kehle zugeschnürt. Sie lag da wie ein schwerkranker Knabe. Er stand zu Füßen des Bettes, seine Finger umklammerten die Messingstange. Er sagte über sie hinüber: »Wir wollen nichts überstürzen. Wir dürfen den Kopf nicht verlieren.« – Sie rührte sich nicht. – Er fuhr eindringlich, doch ohne Weichheit fort: »Man muß es besprechen, das alles. Es sind schwierige Dinge. Das mußt du verstehen.« – Marie rührte sich nicht. – Er wurde unsicher. Ging auf und ab. Blieb vor Marie stehen. Ging wieder auf und ab. Griff nach einem Handspiegel und legte ihn wieder weg. Dann, mit dumpfer Stimme, noch drängender: »Laß mir vier Wochen Zeit, Marie. Gib mir vier Wochen Frist. Überleg dirs. Willst du?« – Sie machte mit dem Kopf ein schwaches Zeichen der Verneinung. Und plötzlich ein gellender Aufschrei: »Joseph!« Es ist die Erlösung. Diesmal ist er nicht zu spät gekommen.

 

»Du bist krank, Marie?« fragte Kerkhoven noch auf der Schwelle; »also hat mich mein Vorgefühl nicht getäuscht.« – Sie richtet sich auf. Sie hascht nach seiner Hand. Sie preßt die Stirn auf seine Hand. Schultern und Nacken werden von Stößen geschüttelt, seine Hand ist naß von ihren Tränen. Er nimmt sie schweigend in die Arme, will ihren Kopf aufheben und sie küssen. Sie wehrt ihn leidenschaftlich ab. Nein, nein, sie will nur seine Hand, die gute starke Hand. Er denkt: was ist geschehen, das ist meine Marie nicht mehr. Etwas Arges schleicht in sein Inneres, die gespenstische Vision taucht wieder auf, aber er will nicht glauben, will nicht sehen, will nicht wissen, genau wie in der Nacht. Er streichelt ihre Haare, ihre Schultern und Arme, er sagt gütige Worte, doch sie schüttelt immer mit derselben leidenschaftlichen Heftigkeit den Kopf. »Ach, Mann,« stöhnt sie auf, »Joseph, mein Joseph, weißt du denn nicht?« – »Was soll ich denn wissen, Liebe, du bist sehr krank, so viel weiß ich . . .« Er macht sich los, erhebt sich, schiebt mit erhobenem Arm etwas weg, was nicht zu ihm heran soll, geht zur Tür und will vor diesem Etwas die Flucht ergreifen. Marie sieht ihn großäugig an, mit einem wilden und hilflosen Blick, dann springt sie aus dem Bett und wirft sich vor ihm auf die Kniee. Die Arme bettelnd hinaufgestreckt wimmert sie: »Ich bin eine Betrügerin, Joseph. Ich hab mich verloren. Die Begehrlichkeit hat mich so weit gebracht. Ich bin zu begehrlich. Schau meine Finger an, es sind begehrliche Finger. Schau die Daumen an, es sind Lügnerdaumen. Nimm mich zu dir, Joseph. Laß mich nicht mehr allein, ich beschwör dich bei allem was dir heilig ist, geh nicht mehr fort von mir!« Und stürzt flach auf den Boden nieder. Nur eine so stolze Frau wie Marie kann sich so demütigen, daß einem das Herz dabei stillsteht. Kerkhoven, in seiner angstvollen Bemühung, die Ruhe zu bewahren, denkt: es war die höchste Zeit, daß ich gekommen bin . . . offenbar hat sie sich mit diesem Andergast zu weit eingelassen . . . das meint sie doch natürlich mit der Begehrlichkeit . . . was könnte es sonst heißen: Begehrlichkeit . . . hat gespielt mit ihm, dann, als es ernst wurde, wars zu spät . . . der ist keiner, mit dem man spielen kann . . . Und Joseph Kerkhoven will nicht glauben, will nicht sehen, will nicht wissen, noch immer nicht. Die Sache ist ja die: sein Vertrauen zu ihr war und ist so groß, daß er eher mit dem Untergang der Welt rechnet als damit, daß sie dieses unbegrenzte Vertrauen täuschen könnte. Das gehört zu den Undenkbarkeiten. Er beugt sich nieder zu ihr, hebt sie mit den zärtlichsten Worten, die sich nur ersinnen lassen, vom Boden auf, trägt den leichten widerstandslosen Körper ins Bett zurück, zieht einen Stuhl heran und beteuert ihr, er wird sie nicht mehr verlassen, es wird nicht mehr vorkommen, was auch immer sich ereignet. Was auch immer geschehen sein mag. Denn sie und er sind ein einziges unteilbares Wesen. Während er dies sagt, zittert seine Stimme, er ist der Wahrheit schon ganz nah. Sie hat das Gesicht in die Kissen gewühlt. Er steht auf und sagt, es sei gut für sie, wenn er sie nun ein wenig sich selbst überlasse, in einer halben Stunde komme er wieder, dann könnten sie in Ruhe miteinander reden. Sie seufzt trostlos in sich hinein, aber sie nickt. Er geht. Geht ins Kinderzimmer, um die Buben zu sehen, aber die sind schon im Freien. Als er über den Flur zurückkehrt, stehen Aleid und Lotte an der Stiege und tuscheln. Er begrüßt sie herzlich, und indem er sich mit ihnen unterhält, sieht er immerfort Marie vor sich, ihr krankes Gesicht, ihren wunden Blick, und da überfällt ihn der Gedanke: Verzeihung? nein, Verzeihung ist das Ende; Verzeihung vernichtet und entehrt die Liebe, sie neu zu schaffen, ist dann kein Stoff mehr da. Es gelingt ihm, den Mädchen zuzulächeln, er geht weiter, klopft an Etzels Tür und tritt ein. Etzel sitzt auf der Tischkante und legt ein Buch weg, in dem er dem Anschein nach gelesen hat.

Kerkhoven bleibt vor ihm stehen. »Nun, das ist eine schöne Geschichte; der Zustand, den ich da unten angetroffen habe, ist nicht erfreulich, mein Lieber,« sagt er, ohne ihm ins Gesicht zu sehen. Etzel wippt sich von der Tischkante ab, stellt sich ans Fenster und schaut hinaus. Langes Schweigen. »Sagen Sie mal, Etzel,« beginnt Kerkhoven wieder, und seine Stimme klingt nicht so unbefangen wie er wünscht, daß sie klingen soll, »warum haben Sie all die Zeit her gegen mich den Ahnungslosen gespielt?« – Schweigen. – Kerkhoven versucht krampfhaft, eine Haltung zu bewahren, die er innerlich nicht mehr besitzt. »Wollen Sie mir eine Frage beantworten, Etzel?« – Etzel nickt. Er wendet das Gesicht nicht vom Fenster. – »Gut,« sagt Kerkhoven; »so frage ich: haben Sie sich mir gegenüber etwas vorzuwerfen?« Etzel dreht sich um. Mit nervösem Blinzeln der Lider erwidert er brüsk: »Auf diese Frage zu antworten, Meister, bin ich nicht befugt.« Gut gesagt, Etzel Andergast, wie ein Ehrenmann gesprochen; bravo!

Endlich weiß Kerkhoven. Endlich sieht er. Mechanisch greift er nach dem Buch, das Etzel in der Hand gehabt hat und läßt es fallen. Langsam überzieht sich sein Gesicht von der Stirn bis zum Kinnrand mit milchig grauer Farbe. Er wird es Tag und Nacht sehen, Wochen und Monate, er wird es aus seinem Aug, aus seinem Blut, aus seinen Träumen nicht mehr herausbringen, es wird ihn vergiften, und es wird seine Mannheit lähmen, das eine Bild: wie sie sich umschlungen halten, Mund an Mund, Leib an Leib, nackt und bloß, er wird es nicht ertragen können, daß es eine geile und verräterische Wirklichkeit war, indes er blind vertrauensvoll daneben gelebt hat. Es nimmt ihn und reißt ihn mitten durch, vom Scheitel bis in seine Mannheit. Die Oberarme hat er an den Leib gepreßt, die Unterarme streckt er mit offenen Händen parallel vor sich hin. »Gehn Sie, Mensch . . . gehn Sie hinaus, Mensch,« röchelt es aus seiner Kehle, und dies ist kein »apage satanas«, es soll nur heißen: seien Sie nicht auch noch Zeuge meiner unwürdigen Schwäche. Aber Etzel kann sich nicht bewegen. Er muß zusehen, wie der Meister hinsinkt. Zusehen, wie er den Kopf auf einen Stuhl legt und heult. Der Meister heult. Der Meister heult wie ein wundes Tier. Der Mann ist gebrochen. Der Mann liegt da wie eine gebrochene Eiche. Der mächtige, wunderbare Mann. Der Lehrer, der Freund, der Helfer, der Führer, der Kenner und Erkenner, der Erbarmer, der Erleuchter. Liegt da wie ein Tier, wie ein Kind und heult in einen Stuhl hinein. Man sieht seine Stiefelsohlen und unter den heraufgezogenen Beinkleidern seine Strümpfe. Kalt überläuft es den Etzel Andergast. So kalt wie er gewesen ist, so kalt überläuft es ihn. Kalt ist es ihm in den Knochen, kalt sind seine Eingeweide im Bauch. Geh, Mensch. Laß dich nicht mehr blicken, Mensch. In ein Loch, Mensch. Heb deine Augen nicht mehr zum Himmel, Mensch. Nichts da, Himmel. Nichts da, Welt. In ein Loch mit dir und deiner verkrüppelten Phantasie. Geh, Mensch, geh fort . . .

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