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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Am Dienstag und am Mittwoch erwähnte sie nichts von Lindow. Mittwoch abend sagte sie zu ihrem Mann, Freitag wolle sie fahren, natürlich nicht mit ihrem kleinen Opel; wenn Joseph ihr nicht seinen Wagen für den Tag geben könne, ziehe sie die Bahnfahrt vor. Sie fühle sich munter wie ein Fisch im Wasser, und für alle Fälle habe sie der Mutter telephoniert, sie solle ihr Frau Jänisch schicken. Frau Jänisch war eine alte Dienerin, die sie schon zwölf Jahre hatte. Kerkhoven sagte, sein Wagen stehe ihr selbstverständlich zur Verfügung, den Opel könne sie später holen lassen. Marie sah ihn an als erwarte sie noch etwas anderes von ihm zu hören. Dieses Andere kam nicht. Etzel war an diesen beiden Tagen immer nur kurze Zeit bei ihr, nach einer Viertelstunde bat sie ihn, zu gehen, sie möchte lieber allein sein. Er gehorchte ohne Widerspruch. Weshalb sie ihn fortschickte, begriff er nicht, schwerlich geschah es, weil sie Ruhe haben wollte, denn Tina Audenrieth war sowohl Dienstag wie Mittwoch den ganzen Vormittag und einen Teil des Nachmittags bei ihr gewesen; folglich war es ihr ums Alleinsein nicht zu tun. Auch andere Bekannte kamen. Sie nahm jetzt wieder Besuche an, unterhielt sich auch sehr vergnügt mit ihnen. Nur ihm wies sie die Tür. Er ging herum wie vor den Kopf geschlagen. Er stand vor seinem Arbeitstisch und stierte geistesabwesend auf die Briefe und Blätter. Manchmal klopfte er mit den Knöcheln der geballten Faust an seine Stirn und murmelte: »Hallo, E. A. da drinnen! Appell! Sie sind schwachsinnig, Herr!« Bei den Mahlzeiten erschien er nicht. Er hatte sich ein Motorrad verschafft, und wenn er eine freie Stunde hatte, raste er wie vom Teufel besessen durch die Stadt bis er auf eine Chaussee gelangte. Am Donnerstag mittag fand er einen Zettel Maries in seinem Zimmer: Kommen Sie um fünf. Als er hinüberkam, saß sie mit ihrem Mann beim Tee, ungewöhnliches Ereignis, noch nie hatte er den Meister um diese Stunde bei ihr gesehen. Es war Marie nicht angenehm, daß er so erstaunt die Augen aufriß. Während sie ihm mit strahlender Miene die Hand hinstreckte, runzelte sie ganz schnell die Stirn. Wie sie das fertigbrachte, war nur für den schwer zu begreifen, der ihre mimische Ausdrucksfähigkeit nicht kannte. Sie erhob sich, um ihm Tee einzuschenken und die Platte mit den Brötchen zu reichen. Dabei plauderte sie in ihrer verbindlich-anmutigen Art und schien es ihren beiden Gästen nicht zu verübeln, daß sie sich zur Konversation wenig aufgelegt zeigten. Etzel hatte das Gefühl als sei da eine andere Frau. Sie bewegte sich anders, ging anders, sprach anders, etwas Prickelndes und Beschwingtes war an ihr. Die Augen hatten einen zärtlichen Glanz wie bei einem Menschen, der etwas Freudiges vorhat ohne daß er genau weiß, was es ist, und das Leben aus keinem andern Grund liebt als weil er lebt. Die Wangen waren leicht gerötet, um den graziös gebogenen Mund zuckte bisweilen ein verschwiegenes Lächeln, der Körper vibrierte wie unter elektrischen Wellen, und diese Oszillationen teilten sich unmittelbar mit. Ein paarmal warf Etzel einen verstohlenen Blick auf Kerkhoven: ein ziemlich komischer Versuch, seine Ratlosigkeit zu vermelden und dem, der dafür verantwortlich war, zu verstehen zu geben, daß an der gewohnten Ordnung etwas nicht stimmt. Siehst du nichts? merkst du nichts? fragte der Blick, fällt dir nichts auf? Nein, Kerkhoven sah und merkte in der Tat nichts, nicht einmal Etzels angeberische Mienen. Vor dessen Kommen hatte er ein Gespräch mit Marie gehabt, das ihn innerlich noch beschäftigte. Wegen des bevorstehenden Abschieds und weil die Trennung vermutlich wochenlang dauern würde, hatte er sich zwischen zwei Konsilien entschlossen, mit ihr Tee zu trinken, und war unerwartet erschienen. Marie war ihm mit einem Freudenschrei in die Arme geflogen, nicht anders als habe sie sich gerade das und nur das innig gewünscht. »Ich habe Etzel zu mir gebeten,« sagte sie voll Eifer, »wir wollen ihm sagen lassen, daß er nicht kommen soll.« – »Ach nein, Liebste,« entgegnete er, »tu das nicht, ich kann ohnehin nicht lang bei dir sein.« – Damit dämpfte er ihre Freude schon beträchtlich. – »Weißt du, daß ich ein Attentat auf dich plane,« sagte sie unsicher und suchte seinen Blick, den er ihr nur zögernd und allmählich gab. – »Gott bewahre, was mag das sein?« forschte er und nahm ihren Kopf zwischen seine Hände. – »Na, rate mal.« – »Kann nicht raten, Marie, bin ein schlechter Rater, das weißt du doch.« – »Ich hab mir ausgedacht, wie es wäre, wenn du mich morgen selber nach Lindow brächtest. Was meinst du dazu? Du könntest ja gleich wieder zurückfahren. Ich wünsche es mir so sehr. Ist es unmöglich? Sprich, Joseph (mit Angst in den Augen, denn sie spürte die Weigerung schon, der ganze Mann war Weigerung), ist es wirklich unmöglich?« – »Ja, Liebste. Wirklich unmöglich.« Und als sie schwieg und von ihm fortging und sich an den gedeckten Tisch setzte und mechanisch die bunte Wärmehaube von der Teekanne hob: »Wozu die Gründe aufzählen? Sie würden dich doch nicht überzeugen. Ich fürchte, mein Unmöglich hat keine Beweiskraft mehr für dich. Ich verlange vielleicht zuviel Geduld von dir, zuviel Nachsicht. Aber bei wem unter allen Menschen soll ich sie finden, wenn nicht bei dir? Du mußt fühlen, was das bedeutet, Marie, und daß ich sonst nichts habe, worauf ich bauen kann.« – »Nimm Platz, Joseph,« sagte Marie freundlich; »darf ich dir einschenken?« Sie begann von Tina Audenrieth zu sprechen und erzählte eine putzige kleine Kindergeschichte, die ihr Tina heute von ihrem Enkelchen berichtet hatte. Sie hatte kaum geendet, als das Mädchen Herrn von Andergast meldete.

Kerkhoven war mit seinen Gedanken immer noch bei dem Gespräch, und Marie wußte es. Das waren die »langsamen Reaktionen«. Unzufriedene zweifelvolle anklägerische Gedanken bestürmten ihn, eingegeben vom »schlechten Gewissen«, das also doch nicht ganz zur Ruhe kam; vergebliches Zerren an der selbstgeschmiedeten Kette, vergebliches Bemühen, die Selbstopferung hintanzuhalten und aufzuschieben, die Kerze nicht von beiden Enden her sich verzehren zu lassen. Marie sah an seinem Gesicht, was in ihm vorging, er konnte es nie verbergen, es schmerzte sie, aber sie wollte den Schmerz nicht dulden, nein, jetzt wollte sie keinen Schmerz, wollte sich nicht in die Ecke stellen und traurig sein. Mit einer herben Bewegung wandte sie sich ab und setzte die Unterhaltung mit Etzel fort. Kerkhoven stand auf, küßte mit bittender Verneigung ihre Hand, legte dann beide Hände auf Etzels Schultern (Etzel hatte das Gefühl als lägen zwei Granitblöcke auf seinen Schultern, obwohl es ein liebevoller Druck war, beteuernd und dankbar) und ging stumm hinaus.

Nach einem langen Schweigen sagte Marie: »Morgen wirds Ernst.« – »Ja,« sagte Etzel, »ich weiß. Sie fahren.« – »Wir werden uns lange nicht sehen, denk ich,« sagte Marie. – Darauf Etzel: »Es wird wohl so sein.« – Und sie: »Schade.« – »Ja, vielleicht ist es schade.« – »Warum vielleicht?« – »Weil keine Notwendigkeit besteht.« – »Doch. Sie besteht. In vieler Hinsicht.« – »Das behaupten Sie. Sie wollen es so. Ich sehe die Notwendigkeit nicht. Einem Muß beugt man sich. Ich habe mich oft gebeugt. Hier ist ein eingebildetes Muß, kein wirkliches.« – »Unsinn, Etzel. Natürlich wäre es keine Katastrophe, wenn ich bliebe, aber da es keinen vernünftigen und plausiblen Grund für mein Bleiben gibt, ist es so gut wie ein Muß.« – »Gewiß, da haben Sie recht, Frau Marie. Einen vernünftigen und plausiblen Grund gibt es nicht.« – »Also . . . weshalb so finster?« – Er drehte die Teetasse, die vor ihm stand, auf dem Untersatz herum wie einen Kreisel. Plötzlich wölbte er die Hand über die Tasse und drückte sie mit solcher Kraft zusammen, daß sie in Scherben zerbarst. »Was tun Sie denn?« schrie Marie entsetzt. Daumen und Mittelfinger bluteten. Marie sah sich hilflos um. Er riß das Taschentuch heraus und wickelte es um die Hand. Dann erhob er sich und ging schweigend im Zimmer auf und ab. »Es ist besser, Sie setzen sich wieder,« sagte Marie leise, »das Herumgehen macht mich schwindlig.« Er stellte sich ans Fenster, mit dem Rücken gegen das Zimmer, die unverletzte Hand in der Hosentasche. »Warum wollten Sie mich gestern und vorgestern nicht bei sich haben?« fragte er ins Fenster hinein. – Marie gab keine Antwort. – »Warum? warum?« beharrte er rabiat. – »Benehmen Sie sich, Etzel,« warnte Marie, »bitte; bitte.« – »Ich will nicht, daß Sie mir schreiben, Frau Marie. Hören Sie? Ich will es nicht.« – Marie lächelte. »Ich denke auch gar nicht daran, Sie ungezogener Bub.« – Er drehte sich mit einem Ruck um und rieb seine Stirn. »Soll ich jetzt gehen?« fragte er. – Sie nickte. »Ja. Gehn Sie jetzt. Und sagen wir uns gleich adieu, nicht morgen, wenn ich schon mit einem Fuß über der Schwelle bin.« – Er machte ein paar Schritte zu ihr hin. Ihre Überlegenheit und Freiheit schüchterte ihn unbeschreiblich ein. Er schaute sie an wie verzaubert und voller Zorn über die Verzauberung. Sie reichte ihm die Hand. Er hob mechanisch die rechte, verbundene, ließ sie wieder fallen und gab ihr dann die linke, ohne daß sein Blick weicher wurde. Sie stand auf, während er ihre Hand hielt, und mit ihrem schwebenden Lächeln sagte sie: »Auf Wiedersehen, Etzel.« – Er ging zur Tür, faßte die Klinke, drehte sich noch einmal um, starrte zu Boden und verschwand wortlos.

 

Kerkhoven schreibt an Marie: »Seit sechs Tagen bist du fort, und keine Zeile. Hat es etwas zu bedeuten? Hoffentlich nichts Schlimmes. Ich konnte dich nur zweimal anrufen, du warst so lakonisch am Apparat wie ich leider stets gezwungen bin zu sein. Es ist zwei Uhr morgens, Andergast hat mich soeben verlassen, bis ein Uhr haben wir gearbeitet, dann geredet. Das ist schon Regel geworden. Er ist wieder mal in keiner guten Verfassung. Verschlossen und finster wie in der ersten Zeit oft. Wie sehr er innerlich gewachsen ist, kann ich gerade daran konstatieren. Es ist mehr Selbstbeherrschung und mehr Selbstkenntnis zu spüren. Worauf es wohl hinaus will mit ihm? Ich fürchte, ihn bald zu verlieren, ich weiß nicht warum. Nicht als hätte er Entscheidungen getroffen, oder sie stünden unmittelbar bevor, aber etwas zerrt an ihm, die Haut ist ihm zu eng. Ich werde mich schwer darein finden. Daß er mir nützlich ist, mehr als ich voraussah, spielt natürlich keine Rolle dabei. Aber ich habe mich an die motorische und rhythmische Korrektur gewöhnt, die ich ständig durch ihn erfahre. Was keine Verleuguung meiner Gefühle sein soll. Ich bin aus der Vorwelt und bekenne mich zu den Schwächen des Herzens. Möglicherweise fehlt dein Einfluß auf ihn, der größer zu sein schien als ich ermaß. Du fehlst überhaupt. Ohne dich hat das Haus keine Seele. Manchmal trotte ich automatisch auf die Tür deines Zimmers zu wie ein abgemüdeter Gaul auf den Stall, im letzten Augenblick erinnere ich mich: sie ist ja nicht da. Antworte nicht: nur in der Entfernung bin ich ihm teuer. Es ist nicht wahr, auch wenn du mich mit Indizien stumm und schamrot machst. Liebe mit umgekehrtem Vorzeichen hast du es einmal genannt. Bestehst du darauf? auch wenn ich dir sage, daß mein ganzes Wesen auf Einverständnis mit dir gestellt ist, in einem Grad, daß ich sofort in eine Art Schuldhaft gerate, wenn mir das Gefühl davon abhanden kommt? Es ist freilich eine Belastung von der Geburt her; daß ich gegen das Gift nicht immun werden konnte, hat mein Verhältnis zum Leben bestimmt. Wir unschuldig Schuldigen! Aber könnt ich Schuld nicht auf mich nehmen, könnt ich sie auch nicht in andern tilgen. Seit du weg bist, ist mir oft als sei ein Schatten zwischen uns getreten, als hätte ich etwas gegen dich versäumt. Befreie mich von dieser Unruhe, gib mir ein Zeichen, Marie. Ich weiß, was du durchlitten hast in den letzten Wochen, wie kläglich hilflos ich dabeistehen mußte, ist mir ebenfalls bewußt, aber zieh in Betracht, daß die Natur in diesen Dingen die Frauen heldenmütig und die Männer erbärmlich geschaffen hat. Schreib mir!«

 

Maries Antwort traf drei Tage später ein, und dieser Brief hatte die allerseltsamsten Folgen, die sich denken lassen. Wir kennen Kerkhoven als einen Mann der Wirklichkeit, der bisher nicht die geringste Neigung gezeigt hat, einen klar zutage liegenden Sachverhalt innerlich zu verschleiern und nach der Art der Neurotiker und Hysteriker deshalb von sich abzuhalten, weil er sonst unbedingt Anstalten hätte treffen müssen, die seine ganze Lebenseinteilung über den Haufen geworfen hätten. So unglaublich es klingt, es ist doch so: um nicht die Konsequenzen aus Maries Brief ziehen zu müssen, das heißt, alles stehn und liegen zu lassen, wer weiß für wie lange, beschloß er oder beschloß es in ihm, einfach nicht gelesen zu haben was er las und den Worten gewaltsam und fast ohne zu wissen, daß er es tat, einen ganz andern Sinn zu unterschieben. Als ihm viele Monate später, in der finstersten Zeit seines Lebens, der Brief wieder in die Hände geriet und er sich von seinem wirklichen Inhalt überzeugen konnte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er wußte nichts anderes zu sagen als: Mann, Mann, wo hast du deine Sinne und deinen Verstand gehabt! Nebst alledem darf man nicht vergessen, daß diesen Riesen der Arbeit etwas eigen ist, was ich den pathologischen Zwang der geraden Linie nennen möchte, eine krankhafte Pedanterie, die sie zeitweilig blind und unter Umständen sogar grausam und rücksichtslos macht.

An dem Morgen, wo er den Brief erhielt, war er eben auf dem Weg zur Ordination. Es war zu spät, ihn zu lesen, er steckte ihn ungeöffnet in die Tasche. Die Sprechstunde dauerte bis zwölf; eine Reihe ungewöhnlich schwerer Fälle. Dann fuhr er mit Doktor Römer und einem fremden Arzt nach Tegel; hoffnungsloser Fall von Morphinismus bei einem russischen Emigranten-Ehepaar klangvollen Namens, das einst zur zaristischen Hofgesellschaft gehört hatte. Auf der Rückfahrt erinnerte er sich des Briefes und riß ihn auf. Er war benommen und ermüdet. Hastig überflog er die ersten Zeilen: »Gestern ist Mutter nach Dresden gefahren und wird vor Weihnachten kaum zurückkommen. Wir haben eine etwas erregte Auseinandersetzung gehabt, bei der ich ihr klar machen mußte, daß es für uns beide besser wäre, wenn wir uns für einige Monate trennen. Und das ist geschehen. Der Abschied war dann ziemlich rührend, zum Schluß hat sie mir ein goldenes Bracelet geschenkt, ein Familienstück, schöne alte Arbeit. Werde es aber schwerlich tragen können. Und so bin ich nun allein . . .« Also nichts Beunruhigendes. Sie ist allein, damit will sie sagen, daß sie gewünscht hat, allein zu sein . . . Aufatmend las er weiter, von einem Dutzend abseitiger Gedanken beirrt, von den Gesichtern umlagert, die er gesehen, den Worten, die er gehört . . . Daß einem der Schädel nicht springt . . . dieses Leben, dieses gehäufte Grauen, diese Welt in Agonie . . . aber was schreibt sie denn da . . . nanu, Marie! Marie! Plötzlich war es ihm peinlich, den schweigenden Doktor Römer neben sich zu wissen, er schob den Brief wieder in die Tasche, um ihn zuhause zu lesen. Etzel hatte sich mit einer Verabredung entschuldigt, er saß allein bei Tisch und schlang das Essen eilig und genußlos hinunter. Dann ging er ins Arbeitszimmer. Ein Stoß Telegramme. Telephon. Wieder Telephon. Alarm da, Alarm dort. Richtig, der Brief . . . Es war ein nebliger Oktobertag, er setzte sich dicht ans Fenster, um zu lesen. Er schaltete von vornherein das halbe Bewußtsein aus, planmäßig und in panischer Angst vor der Forderung, etwa wie ein Kapitän in Voraussicht von Untiefen mit halber Dampfkraft fährt. Er ahnte schon alles, er drückte die Augen zu und verstopfte die Ohren, bildlich natürlich, alles bildlich und dumpf gedacht; laß es nicht geschehen sein, ruf mich aus dem Bergwerk nicht herauf! Lesen wir mit. »Dein langer Brief war eine liebe Überraschung. Also mäuschenstill muß man sich verhalten, wenn man wieder einmal seine Stimme hören will, seine sehr geliebte Stimme. Wo warst du denn die ganze Zeit, Joseph, wo hast du gesteckt, Gefesselter? Ist es denkbar, daß du den schrecklichen seelischen Verfall nicht bemerkt hast, der mich in den letzten zwei Jahren zu einem Gespenst meiner selbst gemacht hat? Kann das Liebe sein, die nur das Leuchtende sieht und es sich auch dann noch vormalt, wenn es längst schon verblaßt ist und das Herz in seinem Dunkel verseufzt? Wir unschuldig Schuldigen, schreibst du. Wir? Mensch, Joseph! Hast du meinen angstvollen Widerstand wirklich nicht gespürt, damals, und daß er nur eine Folge der andern, größeren Angst war, der, an deiner Seite zu erfrieren? Ist es ein Gesetz, daß jeder Mann das Leben seines Weibes, Leben im niedersten wie im höchsten Sinn, hinter die Begierde eines Augenblicks stellt? Und da verlangst du noch Einverständnis, da soll ich dich noch von deiner Unruhe befreien, als ob auch das noch eine zu große Ausgabe für dich wäre. Ich denke mit heißer Sehnsucht an dich, aber auch mit bitteren Tränen. Vor mir ist ein Tor, da will ich hinein, und davor steht ein finstrer Geselle, nennt sich Unmöglich und läßt mich nicht durch. Es ist aber etwas in mir, das verzehrt mich, ich strecke die Arme aus, zu fassen, zu halten und an mich zu drücken, ich verdurste, ich verbrenne fast. Schwer für eine Frau, das zu sagen, wir sollen ja immer scheinen, was wir nicht sind, aber ich will nicht mehr begreifen, ich will nicht mehr einsehen, ich will nicht mehr berücksichtigen, ich will nicht mehr mütterlich belächeln und töchterlich respektieren, ich will nicht mehr allein sein, ich will den Mann haben, der mir verschrieben ist vom Schicksal, nicht den Arzt, nicht sein Werk, nicht seinen Ruhm, nicht seine abgegeizten Viertelstunden, nicht seine umwölkte Stirn und seine anderswo weilenden Augen, ihn, ihn ganz will ich, mit Haut und Haar und Herz und Atem. Sitz nicht und grüble, Mann, dem jede Falte meines Leibes und meiner Seele gehört, sehn dich so nach mir wie ich nach dir, dann ist nichts mehr zu grübeln. Verstehst du mich endlich? . . .«

Nein. Er verstand nicht. Mit einer furchtsamen Gebärde, wobei ihm die Hände leicht zitterten, legte er den Brief sorgfältig zusammen und verschloß ihn in der Schreibtischlade. Bedeutungsvolle Handlung. Und nun geschah dies. Zuerst bedeckte er den wahren Inhalt des Briefes mit Vergessen und schmuggelte dafür einen zwar ähnlichen, jedoch weit weniger kategorischen und leidenschaftlichen in sein Gedächtnis ein. Dieser Ersatzbrief veranlaßte ihn im Verlauf seiner verzweifelten Fluchtmaßnahmen zu folgenden Überlegungen: Unverkennbare Gleichgewichtsstörung und nervöser Erregungszustand, zurückzuführen auf den operativen Eingriff, der einen so empfindlichen Organismus wie den ihren, einen so zarten seelischen Apparat für geraume Zeit schädigen mußte; die Einsamkeit draußen ist verhängnisvoll; zu allem Unglück und als hätte ihr aufrührerisches Gemüt die Dinge auf die Spitze treiben wollen, hat sie sich noch mit ihrer Mutter zerzankt; man muß etwas tun; am besten, sie kommt zurück; sie wird sich dagegen sträuben, um sich selbst die Logik ihres Verhaltens zu beweisen; ich habe nicht eine Stunde Zeit, sonst würde ich hinausfahren und sie holen; anrufen? aber was soll ich ihr sagen, es hat unter diesen Umständen nicht viel Sinn; schreiben? ja, ich werde ihr schreiben; ich werde ihr Andergast schicken, er soll ihr den Brief bringen; er wird sie beruhigen, sie wird sich vor ihm zusammennehmen, er versteht es, sie aufzuheitern . . . das ist die vernünftigste Lösung . . .

Als er diesen Ausweg gefunden hatte, fühlte er sich erleichtert. In seiner abgründigen Verblendung dünkte ihn als sei damit die Hauptschwierigkeit beseitigt, zumal er, je mehr sich der unmittelbare Eindruck verwischte, den aufgewühlten und aufwühlenden Brief für ein vorübergehendes Symptom hielt (oder sich vielmehr dazu überredete), eine mit dem liebenswürdigen bon sens, den er an Marie gewohnt war, unvereinbare Augenblicksexaltation. So sehen wir einen Mann, der aus tiefer Erfahrung wußte, daß es in solchen Fällen kein verlogeneres und dümmeres Wort gibt als »Zeit gewinnen«, auf die Stufe des törichten Sanguinikers herabsinken, nur weil er den Ernst der Situation um keinen Preis ins Auge fassen will; während er allen Menschen maßlos zur Verfügung steht, erwartet er gerade von Marie, der Gefährtin, seinem andern Ich, daß sie ihn schonen soll. Darin liegt ein Geheimnis, aber ich kann es nicht ergründen. Es braucht nicht eigens vermerkt zu werden, daß der Brief, den er an Marie schrieb, eine Verlegenheitsepistel war. Er bestand aus einer Reihe ziemlich nichtssagender Beteuerungen und Beschwörungen und war seiner nicht recht würdig, ein Beweis, daß wir gleich meilentief fallen, wenn wir uns nur im geringsten nicht auf der Höhe halten. Um zehn Uhr erschien Etzel. Anderthalb Stunden vergingen mit der Besprechung der Tagesgeschäfte, dann brachte Kerkhoven sein Anliegen vor. In ruhigem Ton und von der Verwirrung, in der er noch vor wenigen Stunden gewesen, weit entfernt. Er sprach von einer krisenartigen Verstimmung Maries, und daß ihn ein Brief, den er am Vormittag erhalten, mit Besorgnis erfüllt habe. Er hoffe, der Zustand werde sich rasch bessern. Die Lindower Einsamkeit sei unter den gegenwärtigen Umständen Gift für sie, habe sie doch nicht einmal mehr die Mutter bei sich; Etzel möge sie bewegen, nach Berlin zurückzukehren, allenfalls mit den Kindern. Ja, mit den Kindern, das wäre ihm am liebsten, er habe die Buben seit Monaten nicht gesehen, »lassen Sie mich nachrechnen . . . Ja, seit Februar, es ist eine Schande.« Das alles habe er ihr auch geschrieben, hier sei der Brief, Etzel solle ihn gleich einstecken. »Sie kennen ja meine Frau jetzt,« fuhr er fort; »bei aller geistigen Unabhängigkeit und einem sehr ausgeglichenen Naturell kommt es doch zu bedenklichen Schwankungen, da verliert sie dann ihr heiteres Selbstvertrauen und wird verzagt wie ein Kind im Finstern; es hat nie lange Bestand, ihre wunderbare Schwungkraft hilft ihr bald wieder auf, man muß sie nur ablenken und darf vor allem nicht den Fehler begehen, sie als Kranke zu behandeln.« – Etzel hatte bis zu diesem Moment weder eine Silbe gesprochen, noch durch einen Blick, eine Geste irgendwelche Zustimmung oder Verwunderung bekundet. Keine Miene verriet, was in ihm vorging. Nur seine Ohren und seine Stirn waren rot geworden. Er fühlte es, und sogar darüber war er unzufrieden. Er tat als sei ihm etwas eingefallen, was er zu notieren vergessen hatte, nahm ein Blatt Papier und kritzelte mit dem Bleistift ein paar Worte hin. Gut, daß Kerkhoven nicht nachsah; es waren sinnlose Schnörkel. Als ihn Kerkhoven fragte, ein wenig betroffen von seinem beharrlichen Schweigen, ob er den Auftrag übernehmen und morgen früh nach Lindow fahren wolle, hob er den Kopf und antwortete mit emporgezogenen Brauen als sei eine solche Frage nicht zulässig, da er in jedem Fall zu gehorchen habe: »Selbstverständlich, Meister.« Und als Kerkhoven hinzufügte: »Sie brauchen sich mit dem Zurückkommen nicht zu beeilen, wenn es Ihnen nützlich erscheint, zwei oder gar drei Tage zu bleiben, so bleiben Sie,« sagte er in demselben knappen harten Ton: »Ja, Meister.« – »Schön, dann wollen wir uns für heute gute Nacht sagen.« – »Gute Nacht, Meister.«

 

Als Etzel sein Zimmer betrat, schlug es auf einer Turmuhr Mitternacht. Er machte Licht und warf einen raschen Blick in den Spiegel. Sein Gesicht hatte noch den Ausdruck kalter Bereitschaft, durch den er geglaubt hatte, Kerkhoven täuschen zu müssen. Die Sache war zu plötzlich gekommen. Er mußte es erst mal überdenken. Während er, die Hand über der Stirn, zu »denken« versuchte, nahm er wahr, daß es nichts mehr zu denken gab. Bis morgen zu warten hatte keinen Sinn. Wozu sich schlaflos im Bett herumwälzen. Er öffnete den Schrank, nahm Mütze Halstuch Windjacke und Handschuhe heraus, stopfte was er zum Übernachten brauchte in einen Wachstuchsack und verließ Zimmer und Wohnung. Das Motorrad stand in einem Schuppen im Hof; den Schlüssel hatte er bei sich; den Torschlüssel auch. Er sperrte auf, füllte beim Licht des Scheinwerfers aus einer Kanne den Benzinbehälter, schob die Maschine in den Hausgang und auf die Straße, schwang sich in den Sitz und ratterte los. Über die Linden, die nördliche Friedrichstraße, Chausseestraße, am Bahnhof Wedding vorbei, Müllerstraße, Scharnweberstraße gegen Kremmen zu. Den Weg kannte er ungefähr. Siebenundsechzig Kilometer. Bei freier Bahn anderthalb Stunden. Die Straßen wurden immer öder und öder. Der Nebel immer dicker. Zuerst war er mit achtzig gefahren, hinter Hermsdorf mußte er das Tempo auf vierzig, dann auf dreißig verringern. Der Nebel erstarrte zu einer wolligen Wand, in die der Scheinwerfer einen qualmenden Trichter zu bohren bemüht war und der Dörfer Äcker Wälder, den Himmel und selbst die natürliche Finsternis der Nacht verschluckte, denn was einen da umfing, war eine schleimige Masse, aus Rauch und Wasser gemischt, bewegt und zäh, fett und übelriechend. In der Gegend von Schwante war kein Weiterkommen mehr. Fluchend stoppte er und sprang ab. Das Licht seiner Lampe prallte von den brodelnden Nebelschwaden wie von einem Hohlspiegel zurück und warf seinen Schatten in enormer Verzerrung an ein bewegliches Gewölbe. Der Boden war so glitschig, daß die von den Stößen des Motors zitternde Maschine fortwährend rutschte. Er hielt die Armbanduhr an die Laterne: halb drei. Auf einmal wurde er sich der Torheit seines Beginnens bewußt. Wenn er nun wirklich mitten in der Nacht dorthinkam, was dann? sollte er die Leute alarmieren? und warum? er habe eine Botschaft für die gnädige Frau? Ein Unglück also? man muß unsere Frau aus dem Schlaf wecken? Nein? Also was? was solls? wozu der Klamauk? Sie haben wohl n kleinen Webefehler, lieber Herr? Was hätte er darauf zu erwidern? war ja vollkommen verrückt, das Ganze. Einfach loszurasen, ohne jede Überlegung . . . Er mochte eine halbe Stunde ratlos gestanden sein, da sah es aus als lichte sich der Nebel ein wenig. Dicht an der Straße gewahrte er die Umrisse eines Hauses, das riesengroß zu sein schien, doch als er hinging, war es eine verfallene Holzhütte ohne Türe, ohne Dach, immerhin ein Unterstand, sogar ein Strohhaufen, wenn auch feucht und klebrig, war vorhanden. Mit einiger Mühe brachte er die Maschine hinüber, befestigte sie mit der Kette an einem Balken, warf sich auf das Stroh und verfiel in einen steinernen Schlaf, aus dem er erst nach fünf Stunden erwachte.

 

Bevor er auf den Gutshof ging, säuberte er sich im Gasthaus. Als er sich melden ließ, war es zehn Uhr. Frau Jänisch, die ihn gemeldet hatte, zeigte ihm den Weg durch den langen Flur. Er trat in ein geräumiges, schön ausgestattetes Zimmer. Möbel aus dunkler Eiche, zartfarbige Stoffe, eine Wand mit Büchern, an der andern Wand ein Blumenstück von Corinth und ein Familienporträt, nach der Ähnlichkeit zu schließen der Vater. Astern und Spätrosen in Gläsern und Vasen, Kakteen in Töpfen. Auf dem Ständer des aufgeschlagenen Flügels die As-Dur-Sonate von Weber. Er hatte nicht gewußt, daß Marie Klavier spielte. Sie hatte nie davon gesprochen. Das Instrument in der Stadtwohnung hatte er nie offen gesehen. Warum hatte sie es verschwiegen? Er mußte sie fragen. Danach mußte er unbedingt fragen. Der Brief . . . richtig der Brief . . . den hatte er bei sich. In der inneren Rocktasche. Den brauchte er als Legitimation. Er hörte ein Geräusch und fuhr zusammen. Nichts; ein Scheit hatte im Ofen geprasselt. Er strich mit der Hand über seine Wange. Gottseidank hat er sich gestern nachmittag rasiert. Sie hat es nicht gern, wenn er unrasiert ist, sie sieht einen Respektmangel darin. Komisch, aber so ist sie nun einmal. Was ist denn los, warum klopft ihm denn das Herz so? Er spürt es bis in die Fingerspitzen. Er drückt die Faust unters Kinn, und um Gleichmut zu markieren, räuspert er sich. Plötzlich würgt ihn eine glühende Angst in der Kehle: Schritte. Ihre Schritte. So geht niemand auf der Welt als sie. Niemand geht so leicht als ob zwischen ihren Sohlen und der Erde eine federnde Luftschicht sei. Er darf nicht auf die Türe sehen, hinter der die Schritte kommen. Wegsehen, sonst verrät er sich. Wegsehen, zum Fenster hinaussehen. Da ist sie schon. Sehr blaß, mit großen Augen steht sie regungslos da. Er steht ebenso regungslos da. Sein Blick flattert, kehrt sich vom Fenster ab und ganz langsam zu ihr hin. Er verbeugt sich und sagt: »Frau Marie«. Dann nichts mehr. Stumm. Da lächelt sie, erregt, schüchtern, bestürzt. Ihre Wangen färben sich. Ein leiser Aufschrei. Es ist als fiele sie nach vorwärts. Er fängt sie in seinen Armen auf. Sie liegt in seinen Armen. Er zieht sie an sich. Sie läßt sich fassen und läßt sich halten. Sie umschlingt seinen Nacken. Sie zittert wie im Schüttelfrost. Es ist ein schmerzlicher Krampf, der durch ihren ganzen Körper geht. Sie flüstert etwas, aber es ist nur ein Hauch. Es ist außerhalb des Wissens. Und er: Ohne Laut, ohne Wort. Sein Gesicht ist erschreckend finster. Nur halten, nur festhalten. Mit ungeheurer wilder Kraft preßt er sie an seine Brust. Auch dies ist außerhalb des Wissens. Nur eines weiß er dumpf und tief drinnen: das ist niemals gewesen, es ist wie Geburt. Es geht über alles Denken, es ist wie Tod. Vor den Fenstern braut schwachdurchsonnter Nebel.

 

Marie macht sich los. Sie versucht zu sprechen, es bleibt bei einer hilflosen Mundbewegung. Sie geht zur Chaiselongue an der Seite des Flügels, legt sich hin und verdeckt mit dem Unterarm die Augen. Der Schüttelfrost ist nicht vorüber, er wirft ihren Körper förmlich. Etzel nähert sich und schaut auf sie herunter. Sie macht eine übermenschliche Anstrengung, sich zur Ruhe zu zwingen, es gelingt nicht, das Lächeln, das um ihren Mund zuckt, erstirbt wieder. Er nennt ihren Namen. Er kniet neben dem Sofa nieder und flüstert zwanzigmal ihren Namen. Marie Marie Marie; immerfort. Eine Beschwörungsformel. Die zwei Silben haben einen Wohllaut, der ihn betrunken macht. Sie streichelt mit der freien Hand, mit den Fingerspitzen, ganz sacht seine Stirn. »Wie bist du denn hergekommen?« fragt sie fast unhörbar, um eben etwas zu fragen. Hastig, mit einer Stimme, in der eine ganz andere, für sie sehr verständliche Mitteilung enthalten ist, berichtet er seine nächtliche Fahrt und wie er bei Mutter Grün übernachtet hat. Sie tut den Arm vom Gesicht und starrt ihn groß an. Und plötzlich reißt sie seinen Kopf zu sich her und küßt ihn, daß es aussieht als wolle sie die Zähne in seine Lippen beißen. Sie hängt an ihm wie verloren und zittert vom Scheitel bis zur Sohle. Vielleicht währt er ein Jahrhundert, dieser Kuß, vielleicht nicht zehn Sekunden. Es gibt keine Zeit mehr. Sie sieht das Bild: wie er durch Nacht und Nebel (keine bloße Buchphrase, dies »Nacht und Nebel«, wahrhaftig nicht) zu ihr fliegt. Endlich löst sie sich von seinem Mund. Sie hält seinen Kopf zwischen ihren Händen, schiebt ihn sanft zurück und betrachtet sein Gesicht als sähe sie es zum ersten Mal. Da kommt etwas wie Lähmung in ihren Blick. Es ist als habe sie in seinen Zügen die Wirklichkeit gelesen, die ihr abhandengekommen ist. Jäh richtet sie sich zum Sitzen auf, so daß auch er sich erheben muß. »Nein nein nein!« ruft sie verstört. Er setzt sich dicht neben sie und will den Arm um ihre Hüften legen. Sie schüttelt den Arm ab und wiederholt verzweifelt: »Nein nein!« und dann: »Ich will, ich darf nicht schuld sein, daß du ihn verlierst. Ich nehme dir den Meister weg und was bekommst du dafür, was bin ich dagegen!« Es ist ein Aufschrei. Sie bricht in schreckliches unstillbares Weinen aus. Etzel weiß sich keinen Rat, er streicht immer nur mit der Hand über ihr Haar. – »Davon kann doch nicht die Rede sein, Marie,« spricht er zu ihr, »keine Rede davon, daß du ihn mir wegnimmst, warum denn auch? Ist ja barer Unsinn.« – Die Antwort ist ein trostloses Kopfschütteln. »Es ist Raub, es ist Verrat,« schluchzt sie, »mach dir doch nichts vor, Etzel, denk daran, was er dir ist, vergiß es nicht, laß dich nicht hinreißen, wie lange, und du wirst es bereuen, was tauschst du denn dagegen ein?« – »Das muß ich selber am besten wissen, was ich eintausche.« – »O Gott nein, ich bin doch nichts gegen ihn, ich bin ja auch keine Frau für dich.« – »Warum nicht? Warum bist du keine Frau für mich?« – »Etzel! Etzel! sei nicht blind, sieh doch die Dinge, wie sie sind . . . vierzehn Jahre Unterschied . . . vierzehn Jahre bin ich älter als du.« – »Was willst du damit sagen, Marie? Unsinn ist es, das sag ich noch einmal. Du bist gar wohl die Frau für mich. Du wirst auch meine Frau werden. Warum schaust du so erstaunt? Ja, das wirst du. Meine Frau.« Sie wendet ihm das Gesicht zu und lächelt zu dieser überraschenden Mitteilung, während ihr das Wasser aus den Augen und über die Wangen rinnt. »Dummer Bub,« sagt sie und küßt gerührt seine Handgelenke. – »Ach was, dummer Bub, was denn, was denn . . .« Zornig entzieht er sich ihr. Dummer Bub, damit kann man diese Sache nicht erledigen, es ist ihm heiliger Ernst, sie wird sich bald davon überzeugen. Sie hört ihm zu wie einem Kind, das steigert seinen Zorn zur Erbitterung. Will sie sich über ihn lustig machen? Was das Gerede über den Meister betrifft, so hat es nicht Hand und Fuß. – »Wieso nicht, sprich.« – Weil in der großen Seele des Meisters diese Möglichkeit schon lange ihren Platz hat. Es muß genügen, wenn er als gewährende Gottheit über ihr und ihm schwebt, was will sie mehr? – Maries Blick erwidert: bist du wirklich so unschuldig oder stellst du dich nur so? – Dies empfindet er als Herausforderung, die Röte steigt ihm bis in die Schläfen, und wie ein unumstößliches Diktum verkündet er: »Wir stehen unter seinem Schutz und Schirm mit allem, was wir tun. Zweifelst du vielleicht daran?« – Marie, mit spöttischem Mitleid: »Ach, Etzel. Nicht einmal von Männern weißt du was.« – Da braust er auf. »Das dürftest du sagen, wenn ich nicht den Beweis dafür hätte.« Und klopft mit der Faust an seine Brust. – Marie zieht die Brauen hoch. »Was für einen Beweis?« – Er greift mit übertriebener Langsamkeit in die Rocktasche, zieht Kerkhovens Brief heraus und legt ihn ihr mit einer Miene finstern und bösen Triumphs auf den Schoß. Sie öffnet den Brief und entfaltet ihn. Er wartet schweigend. Sie überfliegt die ersten Zeilen und schaut zu Etzel empor. Er zuckt die Achseln und macht eine Bewegung mit dem Kinn gegen den Brief. Das soll heißen: du siehst, er hat dich in meine Hand gegeben, wozu streiten wir. Marie senkt die Augen wieder auf den Brief. Da steht, nun wir wissen ja ungefähr, was da steht. Gütige, aber farblose Worte. Worte der Bedrängnis und der Mahnung. Da steht ferner: »Behalte Etzel so lange draußen wie du willst, ich habe dann wenigstens das beruhigende Gefühl, daß du nicht allein bist . . .« Marie erhebt sich, reißt den Brief mitten durch, die Teile noch einmal, die dann ihrer Hand entfallen. Man kann die Geste kaum mißverstehen: wenn du es denn willst, das kannst du haben. Sie atmet tief auf, geht an Etzel vorbei und zum Fenster. Der Nebel ist jetzt ganz zart, das feuchte Buchenlaub sieht aus wie Filigranarbeit. Etzel steht am Flügel. Er beobachtet sie mit regloser Aufmerksamkeit. Nun dreht sie sich halb um und sagt entschlossen: »So muß ich eben klüger sein als er. Dazu bin ich bestellt. Er ist mir anvertraut.« Wie Etzel das hört, reckt er sich, macht eine kalte Verbeugung und geht. Fünf Minuten später rattert seine Maschine auf die Chaussee hinaus.

 

Es muß ein Traum sein, daß er fort ist. Sie hüllt sich in ihren Schal und verläßt das Haus. Eine schwache Hoffnung läßt sie glauben, daß es nur ein Anfall von jungenhaftem Trotz war; er wird zurückkehren. Sie geht eine Weile auf und ab. Trotzdem ihr die Glieder bleischwer sind, geht sie zu den Pflanzungen und Warmhäusern hinüber. Beim Anblick eines vor dem Stall angebundenen Grauschimmels denkt sie: warum sehen alle Pferde so komisch aus, wenn sie beim Stehen das eine Vorderbein vorstellen? Es ist ihr kalt. Überall friert sie, auch in den geheizten Zimmern. Sie versucht zu lesen, ihre Augen gleiten über die Seiten des Buchs, ohne ein Wort zu erfassen. Sie legt sich hin, es treibt sie wieder auf. Sie setzt sich ans Klavier, aber während sie auf das Notenblatt starrt, sinkt ihr Kopf auf die Brust, und sie hat ein schlafähnliches Gefühl von Lebensunlust. Sie wird zu Tisch gerufen, sie soll essen, sie kann keinen Bissen hinunterbringen. Gegen Abend zieht es sie zum Telephon, sie will sich mit Berlin verbinden lassen, unterläßt es aber. Drei oder viermal glaubt sie das Signal zu hören, doch wenn sie ins andere Zimmer eilt, wo der Apparat steht, ist es nichts. So vergeht der Abend, vergeht die schlaflose Nacht. Im Geist schreibt sie einen langen, schmerzlich bewegten Brief und weiß doch, daß sie keinen Satz davon zu Papier bringen wird. Sehnsucht ist kein friedliches Feuer, an dem man sich behaglich wärmt, sie ist ein schlimmer Brand, der einen ausdörrt. Sie mag ihre Kinder nicht um sich haben, sie will nicht sprechen, ihr graut vor der Sonne, sie haßt den Schlag ihres Herzens, stundenlang sitzt sie am Fenster, den Ellbogen auf das Sims, die Wange auf die Hand gestützt und schaut in eine entseelte Welt. Wieder wird es Abend. Wie lang soll es noch dauern, dies sinnlose Tag- und Abendwerden? Die Pendüle auf dem Schreibtischbord meldet mit silbernem Stimmchen acht. Noch eine Ewigkeit bis neun. Eine weitere Ewigkeit bis zehn, bis elf, bis zwölf. Und doch wird es neun, und doch wird es zehn, wenns nur schon morgen wäre. Wenn nur kein Morgen käme. Aber was ist das? das silberne Stimmchen hat eben zehn verkündet, da fährt sie zusammen. Das zuckende Gehämmer eines Motors. Sie rennt in den Flur, lehnt sich an die Wand, drückt die Hände auf die Brust, läuft wieder ins Zimmer zurück. Lauscht, lauscht . . . Frau Jänisch wird doch hören, wenn es läutet . . . Da geht die Türe auf, und er steht auf der Schwelle. Ich bin da, sagt der ganze Mensch. Nicht zu leugnen, er besitzt das Genie, im rechten Augenblick da zu sein . . .

 

Um fünf Uhr morgens verläßt er sie und geht leise in den oberen Stock, wo Frau Jänisch gestern Abend noch das Gastzimmer instand gesetzt hat. Im Flur brennt Licht. Er findet die richtige Türe nicht gleich, zwei, an denen er die Klinke niederdrückt, sind versperrt, die letzte ist es, er tritt hinein und bleibt im Finstern stehen. Es ist ihm zumut als befinde er sich im Innern eines Berges. Das Rauschen, das in allen finstern Räumen vernehmlich wird, klingt wie das Rauschen von fernen Wässern, die einen Ausweg aus dem Berg suchen. Urlange Zeit ist es her, daß ihn solche Stille umfangen hat, im Grund ist es ja die Stille, die rauscht. Auch das Blut in den Adern kann es sein. In dunklem Jubel strömt es zum Herzen und entströmt ihm wieder, um unermüdet zurückzukehren, nachdem es den ganzen Leib mit seinem dunklen Jubel erfüllt hat. Viele Stimmen sind im Blut, alle Liebesworte sind hineingeschmolzen. Alle Bilder und Erinnerungen der Sinne sind im Blut, so wie Salz, das sich im Wasser gelöst hat, sind sie aufgelöst im Blut. Das Mund- an Mundsein, die maßlosen Umarmungen, das brechende Auge. Die Flamme und die Erschöpfung, die Erneuerung und der holde Tod. Der Atem, der aus Liebe besteht, die Zunge, die wie eine feurige Lazerte ist, die unersättlichen Hände, der unerschöpfliche Dank im wiedererwachten Blick, das ungläubig-vertraute Flüstern, die Entdeckung des Du, wie wenn man nach vielen Irrfahrten auf einem andern Stern gelandet wäre. Er tastet sich zu seinem Bett, er will kein Licht, Licht wäre Mord, er schlüpft unter die Decke und stürzt in den Schlaf wie ein Stein in einen Brunnen fällt. Es ist spät, als sie sich beim Frühstück treffen. Sie sprechen nicht viel. Manchmal tauchen die Blicke ineinander wie aus Versehen und flüchten dann erschrocken. »Es regnet,« sagt Marie. – »Ja, es hat die ganze Nacht geregnet,« antwortet er. –

 

»Willst du nicht die Kinder sehen?« fragt sie. Selbstverständlich will er, auf die hat er sich schon lange gefreut. Sie gehen hinauf, bevor sie ins Zimmer treten, sucht sie seine Hand und preßt sie mit aller Kraft. Es sind frische lebhafte Jungens, in den siebenjährigen Johann, der ein unbändiges Temperament hat und Augen wie zwei riesige Saphire, verliebt er sich gleich. Er legt sich mit ihm auf den Boden und spielt Eisenbahn und Tunnel mit ihm, seine aufgestellten Beine sind der Tunnel. Der dreijährige hat einen Schnupfen, er fürchtet sich vor dem mächtigen Unbekannten, versteckt sich hinter seiner Aja, bohrt die Fäuste in die Augen und verschließt sich vor der Welt. Marie fährt ihm mit den Fingern durch den braunen Schopf und spricht mit ihm in betrübtem Ton wie mit einer aufgeklärten, aber zu Pflichtversäumnissen neigenden Person. Auf Johann deutend sagt Etzel: »Der sieht Ihnen ähnlich, Frau Marie, der kleine ist das Ebenbild des Meisters.« – Marie bestreitet es; Johanns Stirn, der Blick, die Figur, das ist doch so sehr Kerkhoven, daß es einem in die Augen springt, findet sie. – Etzel ist durchaus anderer Meinung, er nimmt Johann auf seine Arme und fragt mit gespielter Strenge: »Sag selbst, Junge: wer hat Recht, die Mutter oder ich?« – »Du,« antwortet Johann prompt und lacht die Mutter mit schalkhafter Schadenfreude an. – »Also. Die Sache ist entschieden, Frau Marie,« sagt Etzel befriedigt und küßt den Knaben auf den Scheitel. Marie neigt lächelnd den Kopf, ist aber nicht überzeugt.

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