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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
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Als sie am andern Nachmittag von der Stadt nachhause kam, begegnete ihr Etzel im Flur. Er grüßte ehrerbietig und wollte vorbeigehen, sie hielt ihn auf. Er verneigte sich, um ihre Hand an die Lippen zu ziehen, aber statt ihm die Hand zu überlassen, nahm sie seine und drückte sie. Die Geste, mit der sie auf eine Förmlichkeit verzichtete, die nicht selbstverständlich genug war, um bloße Förmlichkeit zu sein, erfreute ihn sichtlich, seine Augen leuchteten auf. Sie erkundigte sich, ob er sich in seinem Quartier wohl fühle, ob er Wünsche habe, er solle sich mit allem an sie wenden, jetzt könne sie sich wieder um das Hauswesen kümmern, in der letzten Zeit sei es ihr gar zu schlecht gegangen, zu nichts habe sie sich aufraffen können, hoffentlich trage er ihr das Versäumnis nicht nach. Er schüttelte eifrig den Kopf, bestürzt über die Annahme, er könne neben allem, was man ihm gewährt, noch Forderungen stellen; zuerst dachte er, es seien liebenswürdige Redensarten, aber von dieser Meinung kam er gleich wieder ab, jedenfalls klangen sie bei ihr anders als bei andern, nichts war leer und äußerlich, was sie sagte, es hatte alles einen bestimmten Schliff und eine eigentümliche Wahrheit. Als sie ihn fragte, ob er eine Tasse Tee mit ihr trinken wolle, verneigte er sich abermals in seiner überförmlichen Art, und wieder leuchteten die Augen. Marie wunderte sich über sich selbst, die Einladung war ihr bloß so herausgerutscht, sie hatte ein wenig Angst vor einem neuerlichen Beisammensein, wozu sollte es führen, es war schwer, sich mit ihm zu verständigen, er fing jedes Wort auf wie einen Ball, den man zurückwerfen muß, unter allen Umständen, auch wenn er dem Partner an den Kopf fliegt. Ein Sport, der eher anstrengend als vergnüglich war, sie liebte es nicht, auf dem Qui vive zu stehen. Es begann auch gleich so. Offenbar glaubte er, ihr ungewohntes Entgegenkommen sei weniger auf ihren eigenen Impuls als auf den Wunsch Kerkhovens zurückzuführen, der ihn auf diese Weise überzeugen wollte, daß er sich ohne Grund über Maries Kälte beklagt hatte. Dies ließ er durchblicken, und obwohl es nur eine zaghafte Andeutung war (als sei es ihm ein peinlicher Gedanke, daß man sich ihm gegenüber Zwang auferlege), errötete Marie vor Unwillen. »Müssen Sie denn um jeden Preis gerade das Unmögliche sagen? Muß das sein?« fragte sie. Und dann ruhiger, spottend: »Halten Sie mich für eine kleine Hausgans, die von ihrem Eheherrn Vorschriften über ihr Tun und Lassen bekommt wie ein Angestellter von seinem Chef?« Als er erstaunt und beschämt den Kopf senkte, tat er ihr leid. Lächelnd suchte sie ihm begreiflich zu machen, daß es nicht ganz taktvoll sei, ihr einen Beweggrund zu unterschieben, den sie nicht widerlegen könne, auch nicht widerlegen wolle, weil sie ihm durch Verteidigung das Recht zur Anklage einräume. Stehe es denn schon so mit ihm, daß er überall Verschwörung und heimliche Abrede wittere, nichts von der Freiheit und Einsicht der andern erwarte, alles nur vom Zweck? Sei das seine Erfahrung? Er warf den Kopf zurück und sagte kurz und schroff: »Ja.« Da sah sie ihn erschrocken an. Er hatte, während sie redete, immerfort auf ihren Mund geschaut. Im Fall und Fluß der Stimme war etwas außerordentlich Beruhigendes, man hätte stundenlang lauschen mögen. Ihr war es ja nichts Neues, daß ihr die Menschen auf den Mund starrten, wenn sie sprach; es irritierte sie stets, diesmal besonders, und um seinem naiv zudringlichen Blick zu entkommen, betrachtete sie angelegentlich ihre auf den Knieen gefalteten Hände. Nun hatte er Zeit, die schöne klare Stirn und die jugendliche Linie des Halses zu bewundern, überhaupt die jugendliche Grazie der ganzen Erscheinung, das reizvoll Schmiegsame und Gelassene des mädchenhaft wirkenden Körpers. Sie sah nicht wie eine Mutter von drei Kindern aus, von denen eines nahezu erwachsen war. Daß sie die Frau des Meisters war, Gefährtin, Vertraute, allernächster Mensch, fast eines Fleischs und Bluts mit ihm, erfüllte ihn immer mit der nämlichen ehrfürchtigen Scheu, es ließ sie ihm unnahbarer erscheinen als eine Königin, in solcher Weise konnte eine Königin gar nicht unnahbar sein, es erweckte den halb knabenhaften, halb mystischen Wunsch in ihm, sie zu schützen als sei er der Oberst einer imaginären Leibwache. Von ihr mußte viel über das vergangene Leben des Meisters zu erfahren sein, schon oft hatte ihn verlangt, mehr davon zu kennen als er durch Kerkhovens spärliche Mitteilungen wußte; wenn er den Weg des Mannes überschaute, von der Kindheit an, würde sich manches Unerklärliche enträtseln lassen, seine große Macht über Seelen, seine seltsam unschuldige und dämonische Weisheit, das herrliche Gleichmaß seines Charakters, die zauberische Mischung von Dumpfem und Hellem, von Nüchternheit und Besessenheit, von Erdverhaftung und Flug. (Die Vorstellung des gläubigen Jüngers, übersehen wir das nicht.) Ein solches Wesen läßt sich erst begreifen, wenn man sein Wachstum kennt, ohne Hintergrund und Wurzel ist kein Mensch faßbar, wird jeder ein bißchen zum Gespenst. Marie direkt zu fragen, wagte er nicht, er fürchtete, sie würde sein wahrhaftiges Bedürfnis für unschickliche Neugier halten, das hätte er ihr nicht verzeihen können, spürte er doch in allen Nerven, bis zur Qual fast, ihren Argwohn, ihre vorsichtige Zurückhaltung. Um sie mitteilsam zu machen, mußte er ihr Zutrauen gewinnen, das war schwer, es standen ihm keine Mittel dafür zu Gebote. So schien es ihm wenigstens. Vielleicht wenn er wider seine sonstige Gepflogenheit auf alle Absicht verzichtete, auf Künste und Listen, wenn er zwecklos wurde, wie sie gesagt hatte, unwollend, vielleicht dann? Aber das war auch nicht leicht, die Art, in der man mit Menschen umgeht, ist wie ein um den Leib gegossener Panzer, entledigt man sich seiner, so ist man hilflos wie ein Kind bei der Geburt, einzig dem Meister gegenüber war es möglich gewesen, ein einziges Mal, und was hatte das gekostet. Es war ein erlösendes Gefühl, als Marie, wie wenn sie seine verworrenen und trotzigen Gedanken erraten hätte, plötzlich selbst von Kerkhoven zu sprechen anfing; sie hatte freilich nichts weniger im Sinn als ihm Aufschlüsse zu geben und sich über Josephs vergangenes Leben auszulassen, sie wollte im Gegenteil von ihm Aufschluß haben, über manches, was sie an dem ungewöhnlichen Verhältnis beunruhigte und beschäftigte; alles was Joseph ihr darüber gesagt hatte und was sie aus dem Brief an Sophia von Andergast wußte, hatte immer nur die eine Seite der Beziehung beleuchtet, und ein wirkliches Gespräch, bekennend, das Verborgene großmütig eröffnend, war aus seinem und ihrem Leben verschwunden. Wenn der junge Mensch da in seiner Frische und seinem Enthusiasmus das Vermutete, Geahnte, Stückwerk ihres Denkens, zum Bilde fügen konnte, brauchte sie nicht mehr in fruchtloser Grübelei und, geben wir es endlich zu, in geisterhafter Eifersucht viele Stunden ihrer Nächte hinzubringen. (Sie hatte dafür einen ungemein malenden Ausdruck, sie nannte es: sich das Herz abessen.) Ihr Instinkt hatte sie nicht betrogen. Vom ersten Wort an wurde alles wundervoll klar.

 

Dies war nun ein Band. Selbstverständlich konnte das Thema nicht an einem Nachmittag erschöpft werden. Zum Schluß hieß es: »Sie kommen doch wieder?« – »Wie Sie befehlen, gnädige Frau. Wann?« – »Sagen wir übermorgen.« – »Um dieselbe Zeit?« – »Ja. Es ist mir die liebste Stunde. Gewöhnlich fühl ich mich erst gegen Abend halbwegs menschlich. Sind Sie denn frei?« – »Ich kanns in jedem Fall einrichten.« – »Gut. Wir haben ja noch viel zu reden. Sind grade am Anfang, nein?« – »Es kommt mir auch so vor, gnädige Frau.« – Und er richtete es ein. Er gehörte zu denen, die, bei beliebig langen Pausen, jedes Arbeitspensum bewältigen können, weil sie durch Intensität den regelmäßigen kleinen Fleiß ersetzen. Zudem kann man den Tag ausdehnen so lang man will, so früh beginnen wie man will, vier Stunden Schlaf genügen. Der verabredete Tag war ein Mittwoch, dann vergingen drei Tage, ohne daß sie einander sahen, am Sonntag brachte er ihr ein Buch, von dem er das vorige Mal gesprochen hatte, am Montag sagte ihm Kerkhoven, seine Frau wolle nach Lindow hinaus, sie leide unter der Hitze in der Stadt, wahrscheinlich werde sie bis zum Spätherbst draußen bleiben. Als Etzel zu Marie kam, lag sie abgespannt auf dem Langsofa im kleinen Eckzimmer; ihrer Absicht aufs Gut zu fahren erwähnte sie nicht. Sie hatte die Lust verloren. In dieser Unentschlossenheit spürte er einen geheimen Widerwillen, über dessen Natur sie sich wahrscheinlich keine Rechenschaft gab; es mußte etwas sein, wovor sie sich fürchtete und was ihr schmerzliche oder widerwärtige Gefühle einflößte, so daß sie lieber den Aufenthalt in dem ihr unbehaglichen Stadthaus ertrug, dessen ganze Atmosphäre sie unglücklich machte. Sie konnte keinen Augenblick vergessen, wieviel Leid und Not und Jammer täglich in ihm zusammenströmte, das im einzelnen Ungewußte blieb darum nicht unempfunden, es sickerte durch die Wände, zwischen denen sie immer und immer allein war. Und doch konnte sie sich nicht aufraffen, trotzdem ihre Augen vor Ergriffenheit feucht wurden, wenn sie von ihrem Lindower Garten sprach, den sie Jahr um Jahr betreut und um dessentwillen sie mit wissenschaftlicher Akribie botanische Studien getrieben hatte; trotzdem ihre Buben draußen waren, denen sie fehlte wie sie ihr fehlten. Das alles wußte Etzel bereits. Teils hatte sie es ihm gesagt, teils hatte er es aus Andeutungen erraten. Was war da los? Er wagte eine schüchterne Frage, sie schloß abweisend die Lider, ohne daß es ihr völlig gelang, eine winzige Genugtuung darüber zu verbergen, daß er fragte. (Es gab also einen Menschen, der es überhaupt bemerkte! aber Geständnisse fordern, Vertraulichkeiten austauschen, wo denken Sie hin, so weit sind wir noch lange nicht.) Er begnügte sich mit ihrem Schweigen, weil es so beredt war und weil er erkannt hatte, daß Verschwiegenheit ein Grundzug ihres Wesens war. Ein verschwiegener Mensch hat etwas ästhetisch Tröstliches, fand er, es geht eine Wirkung von ihm aus wie von einem schönen stolzen Tier. Zum gemeinsamen Abendessen sagte er ab, dafür schickte er ihr einen Korb mit frischen Reseden, zwischen denen drei große Schwertlilien standen. Kerkhoven sagte: »Nett, riesig nett, das gefällt mir von ihm, auch darf man dein Verdienst dabei nicht übersehen, Marie, du hast ihn ja zum Ritter erzogen.« – »Meinst du?« erwiderte Marie zweifelnd und sah nachdenklich auf die Blumen herunter. Gegen zehn Uhr, Kerkhoven mußte die Nacht in der Anstalt verbringen, klopfte es zaghaft an der Tür, Etzel trat ein und fragte ebenso zaghaft wie sein Pochen gewesen, ob er ihr eine Viertelstunde Gesellschaft leisten dürfe. Marie schüttelte verwundert den Kopf. »So spät? Ich sollte längst im Bett liegen. Ich bin müd. Aber weil Sie ein so schlechtes Gewissen haben, was sich ja auch gehört, mags ausnahmsweise sein.« Da begann er schon wieder mit ihr zu streiten und sagte, von schlechtem Gewissen sei keine Rede; erstens; und zweitens sei schlechtes Gewissen etwas Häßliches und in diesem Fall etwas Undiskutables, damit behaftet würde er sich gar nicht in ihre Nähe trauen. »Ach Gott,« spottete Marie, »was für ein aufgeregter Querulant. Ich bitte tausendmal um Verzeihung, junger Herr. Ich hoffe nicht, daß Sie bloß deswegen zu nachtschlafender Zeit hereingekommen sind, um noch mit mir zu kabbeln und unangenehm zu sein.« Er schaute sie verblüfft an. Nein, das sei nicht der Grund gewesen, sagte er mit jenem spitzbübischen Lächeln, das sie gern an ihm hatte, ganz was anderes. Also was? er solle gestehen Nun, er möchte, daß sie morgen Nachmittag mit ihm nach Wannsee zu einer Wasserpartie fahre, er habe sich alles genau zurechtgelegt, es würde sie bestimmt nicht ermüden, sei es auch nicht die große Natur, jene, die einem die Illusion verschaffe, daß man sie für sich allein besitze, Landschaft sei es doch; er habe den Meister gefragt, ob er ihr den Vorschlag machen solle, der Meister sei entzückt gewesen und habe die Idee glänzend gefunden. Marie überlegte. Es war verlockend. Flucht aus dem Gefängnis. Ein bißchen verdroß es sie, daß er sich zuvor mit Joseph beraten hatte. Glaubte er, dessen Gutachten oder gar Erlaubnis einholen zu müssen? Das sah ja wirklich nach Gefangenschaft aus und als habe man sich an den Wärter zu wenden, der den Torschlüssel verwahrte. (Unsinn, rief sie sich zu, ärgerlicher Unsinn!) »Wir wollen sehen,« sagte sie zu dem gespannt Wartenden, »ich kanns noch nicht versprechen. Ich gebe ihnen bis Mittag Bescheid.« Dann schickte sie ihn fort. Am andern Nachmittag, bei strahlendem Wetter, fuhr sie mit ihm über die Avusbahn hinaus.

 

Hier klafft eine Lücke, die noch auszufüllen ist, denn jeder wird fragen, was es mit jenen Anfangsgesprächen auf sich hatte, die Marie so viel Wissen und Beruhigung gaben, daß sie alles in einem andern Licht sah. Diese Gespräche, die sich ausschließlich um die Person Joseph Kerkhovens drehten, waren aber nicht bloß der Auftakt ihrer Verständigung mit Andergast, sie bildeten für lange Zeit auch deren Grundton, ja in den ersten Wochen die einzige Brücke, die sie zueinander führte. Es war in der Tat ein unerschöpflicher Stoff. Wenn Etzel einmal begonnen hatte, konnte er nicht fertigwerden. Er erstaunte Marie durch den Reichtum seiner Beobachtungen, die Tiefe seiner Anschauung, das Feuer seiner Bewunderung. Wenn man lange neben einem Menschen lebt, wird der Blick für ihn stumpf, es scheint fast, daß die allzu genaue Kenntnis seines Charakters sein Bild in ein tötendes Einzelwissen zerstäubt, erst vom Fremdwerden aus kann man es wieder erneuen, erst durch die Augen der Welt es wieder sehen lernen. Etzel war für sie die Welt, und sie wußte auf einmal, wie weltlos sie gewesen und geworden war, er war der Fremde, der eine Ferne schuf, aus der sich Joseph erhob wie ein Berg, dessen Höhe und Masse man nur von weitem beurteilen kann. Sie lauschte beglückt. Sie ließ sich hinreißen. Er schenkte ihr den Mann wieder, so kam es ihr vor, den sie aus ihrem Sinn nahezu verloren hatte. Mit Schrecken erkannte sie, wie wenig sie von seiner wirkenden Gegenwart wußte, wie flüchtig sie von der Strahlung berührt war, durch die er Menschen verwandelte und Menschen auferstehen ließ. Selbst eine Vergangene, das war nun einmal ihre resignierte Vorstellung von sich, hatte sie auch ihn zum Vergangenen getan und die Glocken nicht gehört oder nicht hören gewollt, die zu seiner Wiedergeburt läuteten. War es so? Man mußte prüfen, man mußte abwarten. Vielleicht stand das richtende Ja oder Nein diesem erglühten Jünger zu, dem Fremden, dem man sich aber trotzdem nicht verraten und ausliefern durfte. Was für ein Mensch das war; wie starker Wein, wie aufwühlender Wind. Das Zeugnis, daß er mit allen Fibern und jedem Blutstropfen lebte, ja lebte lebte lebte, konnte man ihm nicht verweigern.

 

Dabei hatte er eine sachlich-nüchterne Art, von Kerkhoven zu sprechen, namentlich wenn er ihn bei der Arbeit schilderte. Er schien alles nur von handwerklichen Gesichtspunkten aus zu betrachten und stellte es so klar und präzis dar, daß man das Gefühl hatte, er selber sei in dem Handwerk vollständig zuhause. Durch den Mangel an Überschwang wirkte das unbedeutendste Detail glaubhaft, und jene eisige Unerbittlichkeit der Folgerung und Kritik, die Marie immer so fatal gewesen war, weil sie so schlecht zu ihrem Begriff von Jugend, von junger Männlichkeit paßte (sie sah allmählich ein, daß sie in dieser Beziehung wie in mancher sonst gründlich umzulernen hatte), zeigte ihr jetzt ein anderes Gesicht, nicht eben ein liebenswertes, aber eines, das respektiert werden mußte, gerade von ihr, der alle Flunkerei, alles wesenlose Sichbegeistern so unleidlich war. Dieser Andergast verstand sich auf die bezeichnenden und unterscheidenden Züge, das Einmalige, das eine Figur heraushebt aus der Umgebung, sie in ihrer kleinsten Lebensäußerung unverwechselbar macht. Sonderbar, daß das Charakteristische zum Lachen reizt; vielleicht nennt man es deswegen treffend. Ja, es »trifft«; als Junge habe ich immer lachen müssen, wenn ein Schütze ins Schwarze der Scheibe traf. Aus ähnlichem Grund brach Marie in ihr ansteckendes Jungmädchengelächter aus, wenn Etzel eine Redewendung, eine Geste Kerkhovens, sein verträumt-zerstreutes Über-Leute-Wegschauen, das skurrile Nebeneiander von wuchtiger Schwere und eiliger Beweglichkeit bezwingend richtig wiedergab und der mächtige Mann deutlich wie im Blitzlicht dastand. Immer bei gewahrtem Abstand und mit einer fast heiligen Scheu, alles mit der großen Liebe gesehen, der Spaß verstand sich am Rande. Die Wahrnehmung kleiner Schwächen an großen Menschen entlastet vom Druck der Verpflichtungen, die sie einem durch ihr Dasein auferlegen. Etzel hatte jetzt häufig Gelegenheit, den Meister in der Ordination und im Verkehr mit den Anstaltspfleglingen zu beobachten; er hatte sogar Aufzeichnungen darüber gemacht, die er Marie vorlas, wobei er versicherte, das Wesentliche sei in Worte nicht zu fassen, sei überhaupt nicht wiederzugeben, so elementar sei bisweilen Wirkung und Eindruck. In den allerletzten Tagen hat sich folgendes ereignet. Der Meister wird aus der chirurgischen Klinik angerufen, er soll zu einem jungen Menschen kommen, der seit Wochen dort liegt und über heftige Knie- und Hüftschmerzen klagt, für die eine organische Ursache nicht zu finden ist. Er geht hin, sieht sich den Menschen an, es ist ein siebzehnjähriger Junge, spricht eine Weile mit ihm, dann sagt er zu ihm: kommen Sie morgen um elf in meine Sprechstunde, und zwar zu Fuß. Der Kranke schaut ihn entsetzt an und antwortet: das kann ich nicht, ich kann ja nicht einmal vom Bett aufstehen und mich anziehen. Der Meister lächelt und sagt im ruhigsten Ton: Sie werden sicher aufstehen, Sie werden sich auch ankleiden, Punkt elf Uhr melden sie sich bei mir. Assistenzarzt und Pfleger schütteln die Köpfe, lassen durchblicken, der Meister bemühe sich umsonst, ausgeschlossen, daß der Mensch dazu zu bringen sei. Am andern Tag um elf ist der junge Mann im Wartezimmer. Er ist zu Fuß gekommen. Auf Krücken. Er hat zweieinhalb Stunden zu dem Weg gebraucht, aber er ist gekommen. Der Meister unterhält sich lange mit ihm, vermeidet es aber, von seinem Leiden zu sprechen, beim Abschied sagt er: morgen kommen Sie wieder, aber ohne Krücken. Dasselbe Entsetzen, dieselben Beteuerungen des Unvermögens, der Meister bleibt ungerührt, streicht ihm nur freundlich über die Wangen. Am nächsten Morgen erscheint der Mensch tatsächlich ohne Krücken. Diesmal hat er drei Stunden gebraucht, aber er ist da. Am dritten Tag legt er den Weg in anderthalb Stunden, am vierten in vierzig Minuten zurück, was fast die normale Zeit ist. Erinnert das nicht an die Wunder, von denen in der Bibel erzählt wird? Steh auf und wandle! – »Ja, aber was ist mit ihm? was lag denn vor?« fragte Marie gespannt und interessiert. – Das habe sich erst nach und nach ergeben, fuhr Etzel fort, die Hauptgeständnisse habe man ihm nur in der Tiefenhypnose entreißen können. Sechzehnjährig ist er zu Verwandten nach Berlin gekommen, in das Haus eines von ihm sehr geliebten Onkels. Bürgerliche Familie in der Auflösung. Das Übliche, viel Verkehr, viel Betrieb, alles lebt von der Hand in den Mund und mit der Devise: nach uns die Sintflut. Der junge Mensch, halbes Kind, merkwürdig unverdorben, blickt fassungslos in einen Abgrund wohlanständiger Verkommenheit. Was andern seines Alters kein Achselzucken mehr wert ist, wirft ihn über den Haufen. So was gibt es. Im Jahr neunzehnhundertachtundzwanzig gibt es das noch. Die Zerrüttung, die Verwilderung, der Betrug jedes an jedem, er wird nicht fertig damit. Was ihm besonders zu schaffen macht, ihn überhaupt nicht zur Ruhe kommen läßt, sind die zerstörten unglücklichen Ehen, die er kennenlernt, all diese zahme Raserei, die Frechheit des Scheins, die unsinnige Gier. In ähnlichen Worten hat er seine Empfindungen später zu Papier gebracht. Gott mag wissen, warum ihn gerade das so verstörte, vielleicht durch eine religiöse Veranlagung, vielleicht ist er in einem Gefühlskreis aufgewachsen, wo solche Erfahrungen nicht hindringen konnten, das meint auch der Meister, die Eltern, beide tot, sollen in einer vorbildlichen Ehe gelebt haben. Da geschieht es eines Tages, daß ihn die junge Frau seines Onkels verführt. Der Mann ist verreist, sie kommt heimlich in sein Zimmer, das alles hat er genau geschildert, mit einer selbstquälerischen Lust am Einzelnen sogar, unter Tränen und Schluchzen. Natürlich will er die Frau nicht verraten, der Onkel hängt an ihr, liebt sie über alles, er kommt und kommt nicht darüber weg, die Sünde frißt an ihm, das seelische Leiden, das ist ja der gewöhnliche Weg, setzt sich in körperliches um, das heißt, der Körper erklärt sich bereit, Schmerzen zu haben und die Innenlast dadurch zu erleichtern. Er hat einen Posten, wo er den ganzen Tag stehen muß, das ist der gegebene Vorwand, in den Beinen und Hüften melden sich die unerträglichen Schmerzen, die in Wirklichkeit gar keine sind. Der Meister sagte ein Wort, das Etzel zu denken gab, nämlich man ersehe aus dem Vorgang, daß das Gewissensorgan in jungen Menschen viel entwickelter und geschärfter sei als man zugeben wolle und daß zu keiner Zeit so zahlreiche und schwere Gewissenskonflikte bei der Jugend aufgetreten seien wie in dieser, die man doch einer besonderen Roheit und Gefühlskälte beschuldige. – Ja, das sei wahr, meinte Marie, wenn es sich wirklich so verhalte, sei es fast ein Trost; wie stehe es aber mit der Heilung, damit sei doch wenig getan, daß man die Ursache aufdecke, was geschehe mit einem solchen Menschen, was erwarte diesen Siebzehnjährigen, der an der Schwelle des Lebens dauernd geschädigt worden sei, was habe er gewonnen, wenn er Ursprung und Sitz der Verletzung kenne und man überlasse ihn dann seinem Schicksal? Das eben sei der springende Punkt, stimmte Etzel kopfnickend zu, an der Stelle sei man bisher vor dem Unüberwindlichen gestanden, aber Kerkhoven gehe jetzt einen neuen Weg, er, Etzel, könne natürlich nicht sagen, ob nicht schon andere denselben Weg gingen oder gegangen seien, für Kerkhoven sei es immerhin terra incognita, er müsse sich langsam vortasten, ganz von vorn beginnen. Habe der Meister nie mit ihr davon gesprochen? – Nein, nie. – Komisch; er äußere sich wohl selten über seine Pläne gegen sie? – Ja, selten. Um was handle es sich denn, wenn er darüber reden dürfe. – Es handle sich um Erweckung der Vorstellungskraft. Bei der Mehrzahl der Menschen sei die Vorstellungskraft entartet und krankhaft geschwächt, bei vielen gänzlich erstorben. Der Meister habe erkannt, daß seelische Zerrüttungen und Gemütsdepressionen oft auf einem kaum nachweisbaren, aber gleichwohl flagranten Defekt beruhten, einer Verkümmerung oder Verkrüppelung der Phantasie. – »Und wie will er dem Übel beikommen?« fragte Marie mit großen Augen. – »Die Versuche sind noch im Anfangsstadium,« erklärte Etzel; »es werden da sehr merkwürdige Messungen vorgenommen; Gedächtnisprüfung; es gibt Grade der Sinnesempfänglichkeit; die Familiengeschichte spielt eine Rolle; vieles, vieles. Der Meister glaubt an eine Heilbarkeit nur vor der Erstarrung im Berufsleben. Er greift auf die Disziplinen des Ignaz von Loyola zurück. Den hält er für einen der tiefsten Seelenkenner, die je gelebt haben. Selbstverständlich übernimmt er nur, was ihm brauchbar erscheint. Alles ist so einfach, zum Lachen manchmal, als ob man Wilde vor sich habe. Der Betreffende muß sich eine Form einprägen, einen Gegenstand, ein Gesicht, ein Tier, ein Bild so lange anschauen bis er es vollständig besitzt. Er muß es in seine Sinne nehmen und jederzeit genau beschreiben können, auch wenn man ihn aus dem Schlaf weckt. Ein bestimmter Vorgang wird inszeniert, er muß ihn mit allen Einzelheiten in der Erinnerung aufbewahren, je länger er es kann, je mehr Umstände ihm gegenwärtig sind, je höher steht er auf der Stufe der Konzentration. Er muß weg von sich selber, weg von seinen persönlichen Interessen, den überflüssigen Ballast ausräumen, mit dem sein Geist und seine Seele angestopft sind. Es ist ein psychisches Fasten, Entfernung von Wucherungen. Der Meister sagt, er sei sich vollkommen bewußt, daß das uralte Mittel und Erkenntnisse seien, kultische, bei uns vergessen und verachtet, auch Loyola habe dort angeknüpft, wo er und ein paar andere Heutige die Überlieferung wieder aufnähmen. Er hofft bald so weit zu sein, durch die Resultate beweisen zu können, daß die Methode richtig ist. Er drückt sich ja immer so bescheiden aus. Wenn man einen Menschen zur reinen Anschauung erziehen könnte, was ja nur eine Idee und realiter unmöglich ist, sagt er, könnte man neun Zehntel der gesamten Schulmedizin über Bord werfen; auch die Ursache fast jedes Verbrechens, behauptet er, liegt darin, daß der, der es begeht, es sich nicht einbilden kann . . .«

Marie sah Etzel schweigend und mit einer gleichsam selbstvergessenen Neugier an. »Ich verstehe eins nicht recht,« sagte sie, die verschränkten Arme auf die Kniee stützend und sich zu ihm vorbeugend, »diesen Beruf zu ergreifen, ist doch nicht Ihre Absicht, so viel ich weiß, wenigstens hat es mir Joseph gesagt . . .« – »Nein, es ist nicht meine Absicht.« – »Warum aber dann . . .« – »Sie meinen, warum ich dann in dem Fach herumdilettiere?« – »Nicht gerade das. Es könnte ja eine Liebhaberei sein . . .« – »Ich hab keine Liebhabereien, gnädige Frau.« – »Wirklich nicht? Armer Mensch. Aber ich wollte fragen, warum Sie sich dann mit solcher Verve an Joseph angeschlossen haben. Lenkt Sie das nicht von Ihrem Ziel ab?« – »Ich habe auch kein Ziel, gnädige Frau.« – Marie richtete sich auf und steckte den kleinen Finger ihrer Rechten zwischen die Lippen, was bei ihr ein Zeichen höchster Verwunderung war. »Wie, kein Ziel? Sie müssen doch einen Beruf im Auge haben? Sie studieren doch. Sie sind doch eine aktive Natur. Mehr als das, Sie sind doch . . .« – »Ich weiß, was Sie sagen wollen, Frau Marie. Aber ich kann Ihnen darauf nicht antworten. Das ist ja meine schwache Stelle. Die partie honteuse. Ich sehe tatsächlich nicht zehn Schritt nach vorwärts. Es gibt Staatenlose, geächtete Leute, Freiwild, die gehören nirgends hin und dürfen nirgends bleiben, so gibts auch Beruflose, die sind vielleicht noch übler dran, denen ist noch schwerer zu helfen. Ich habe keine Ahnung, nicht die allerleiseste, was mit mir los ist, wozu ich Talent habe, wo ich nützen kann, wo ich in Reih und Glied treten und was damit gewonnen sein soll. Ein unhaltbarer Zustand. Seh ich ein. Die Sache wird mir auch allmählich unheimlich. Was soll ich aber tun?« – »Wie kommt es dann, ich muß immer wieder dasselbe fragen, daß Sie sich Joseph Kerkhoven zum . . . zum Vorbild, oder soll ich sagen zum Führer gewählt haben? Warum nennen Sie ihn Meister? Das ist doch sehr ungebräuchlich . . . einem Arzt gegenüber. Wie ist Ihnen das eingefallen? Worin ist er denn Ihr Meister?« – Etzel zog die Brauen zusammen, die glatte Stirn wurde runzlig. »Das ist so zu verstehen: Baumeister; Wegmeister. Als ich zum erstenmal seine Hände sah, wußte ich, in die kann man ruhig sein Schicksal hineinlegen. Sie sind wie ein Safe. Ich träume nicht viel. Mit meinen Träumen ists nicht weit her. Aber einmal träumte mir, es war kurz nachdem ich ihn kennengelernt, ich hätte um mein Leben zu rennen, und plötzlich, noch außer Atem, steh ich im Hohlraum zwischen seinen Händen, das war ein fabelhaftes Gefühl von Sicherheit. Wenn man die beiden Hände nebeneinander betrachtet, sehen sie aus wie die Zwillingssöhne seiner Stirn. Und dann: in seinem Kopf ist eine Ordnung wie in einem Planetarium. Fehlerlos. Alles auf dem richtigen Platz. Alles in seiner Folge und seinem Rang. Wo gibt es das noch? Es kommt nicht mehr vor. Einzigartig. Man muß ihn beneiden, man muß ihn hassen.« – »Wieso denn hassen?« rief Marie, und ihre Augen wurden vor Erstaunen rund. – »Wenn die magische Strahlung nur eine Sekunde aussetzt, muß man ihn hassen.« – »Das kann ich nicht begreifen.« – »Seien Sie froh. Es ist . . . es hat nämlich was Unmenschliches.« – »Sie sind absurd, Etzel.« – Er schüttelte heftig und mit finsterer Miene den Kopf. Dunkel ahnte Marie, was in ihm gährte. In seiner eisigen Selbstsicherheit konnte er völlig unberechenbar werden und das verleugnen, was ihm am heiligsten war. So empfand sie es. Es machte sie ängstlich. Das Unberechenbare an einem Menschen erfüllte sie mit Angst. Als er bei einer späteren Gelegenheit in das andere Extrem fiel und mit einer Leidenschaftlichkeit, die etwas Fanatisches hatte, von der rettenden Tat sprach, die Kerkhoven an ihm vollbracht (»hat mich einfach gepackt und aus dem Dreck gezogen, wie ein Riese, ja, wie ein gewaltiger Zauberer, her mit dem Zwerg, untern Sauerstoffapparat mit ihm, ins Reinigungsbad, nie werd ich das vergessen, nie, nie«), da war ihr auch dabei nicht ganz geheuer, sie war nah daran zu sagen: still, still, nicht so wild, nicht so krampfig, gelassener, gelassener . . . Das war an dem Tag, wo sie seiner Bitte Gehör schenkte und auch ihrerseits von Kerkhoven erzählte, den frühen Jahren, als er noch um sich und seine Bestimmung rang; von seiner ersten Ehe mit Nina und was Nina für eine Frau gewesen; von ihrer ersten Ehe; von Irlen und Irlens Freundschaft und Irlens Krankheit und Irlens Tod und wie dieser Abgeschiedene gleich einem Schicksalsgott noch immer über ihrem und Josephs Leben stehe; die schweren Jahre bis zu Ninas Tod; die schweren nachher; und wie jeder Sturm ihr Zueinandergehören befestigt, wie keine Mühsal und Finsternis, kein Glück und Gelingen nur eines betroffen, immer zugleich beide im geschlossenen Ring als wärs von Anfang der Zeiten so gefügt. Etzel hörte zu wie ein Kind. Er verwandte kein Auge von ihr. Sie sprach ganz gebärdenlos. Ihre Haltung war von der größten Einfachheit. An den »blassen Blumen« schienen die Bilder aus der Vergangenheit sanft und klar vorüberzugleiten. Die Stimme bewahrte ihre gleichmäßig hinfließende Melodie; auch darin war Haltung. Der Hauch von Schwermut über den Worten wurde gemildert durch das oft wiederkehrende helle Lächeln und die phantasievolle Lebhaftigkeit der Rede. »Wunderbar haben Sie das erzählt,« murmelte er nach einem langen Schweigen und nickte in seiner Weise vor sich hin, der Weise eines uralten Mannes, der viel erlebt hat. Dann kam der erwähnte Ausbruch.

Nicht immer geht es so friedlich zwischen ihnen zu. Weit gefehlt. Seine Manieren sind es, durch die er Maries Geduld auf harte Proben stellt. Nicht als ob er unhöflich wäre. Er befleißigt sich sogar einer gewissen dressierten Artigkeit, die sie als Tanzstundenreminiszenz bezeichnet, obgleich er nie eine Tanzstunde besucht hat. (Gott bewahre.) Er verbeugt sich tadellos; er weiß, was sich schickt; er beobachtet die gesellschaftlichen Formen, aber er tut es mit einer Art von aufgeblasener Überlegenheit als ob er sich das bißchen Theater auch noch leisten könne. Das ist es eben, was Marie ärgert. An den inneren Manieren gebricht es ihm. Sie sagt es ihm ohne Scheu. Sie nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Schon gar nicht, wenn sie erzürnt ist. Da blitzen ihre Augen, und ein Temperament kommt zum Vorschein, das niemand in ihr vermutet hätte. Sie versucht, ihm zu erklären, was ihr an seinem Benehmen auf die Nerven fällt. Er will es nicht einsehen. Er bockt. Er ist rechthaberisch. Er ist präpotent. Er verträgt auch sonst keinen Widerspruch. Wenn er sich herbeiläßt, ihn anzuhören, macht er von vornherein ein besserwissendes Gesicht, zieht die Stirn kraus und schockelt traurig mit dem Kopf. Marie unterbricht sich dann mitten im Satz und starrt ihn wortlos an. Groß. Verblüfft. Das bringt ihn zur Besinnung, er erschrickt, kriegt rote Ohren und wetzt betreten auf seinem Stuhl. »Sie sind furchtbar streng mit mir, Frau Marie, viel strenger als der Meister,« sagt er kleinlaut. Worauf sie schlagfertig entgegnet: »Ein Mann sieht halt nicht die Bäume, eine Frau sieht wieder nicht den Wald.« Sie hat bald heraus, daß er bei all seiner Freiheit und frühen Erfahrung voller kleiner Vorurteile und Verbohrtheiten steckt; es ist das, was sie die Orthodoxie der Ketzerei nennt. Natürlich weiß sie, er ist kein Ketzer, eher alles andre, sie weiß schon, wer und was er ist, sie spürt sein spezifisches Gewicht und eine nicht zu formulierende Besonderheit, aber hat nicht jede Geistesrichtung ihren Aberglauben, und sind nicht alle Eiferer im Grunde Pedanten? Er ist bei alledem naiv, ja, das ist er, treuherzig in seiner schonungslosen Offenheit, das versöhnt mit ihm. Sonst könnte sie ihn kaum aushalten. Sie verhehlt es ihm nicht. Sie hat nicht viel übrig für eine Aufrichtigkeit, um die sie nicht gebeten hat. Sie gibt ihm zu verstehen, es stünde ihm zuweilen besser an, bescheiden abzuwarten, bis man ihn um seine Meinung fragt. Muß er immer mit der Tür ins Hans fallen, gleichviel was für Verlegenheiten daraus entstehen? Hat der Konvent, dessen Mitglied er ist, durch einen Ukas Zartsinn Rücksicht Takt Finesse ein für allemal abgeschafft. Sie wägt und erwägt. Sie will gerecht sein. Sie will nicht verallgemeinern, sie will in ihm den einzigen Etzel Andergast sehen, nicht was ihm die Generation aufgebürdet hat und was er der an Art und Unart schuldig zu sein glaubt. Er interessiert sie über die Maßen. Auch das verbirgt sie nicht. Es ist Botschaft von draußen, die sie durch ihn empfängt. Der Bote soll sie nicht enttäuschen, es soll ein angenehmer und umgänglicher Bote sein. Er ist es nicht, wenigstens nicht immer. Entschlossener Mensch, mutig und unerschrocken, gewiß, das sind Eigenschaften, für die sie viel übrig hat, sie entsprechen ihr, sie flößen ihr Achtung und Zutrauen ein, doch fehlt es an Zucht, es ist alles noch so roh. Geistig vollkommen unbestechlich, ist er nicht fähig, eine Schwäche zu entschuldigen, ein Zugeständnis auch nur zu begreifen. Immer hart auf hart. Immer in Fechterpositur, auch wenn weit und breit kein Feind zu erblicken ist. Er erinnert an die Ritter der alten Zeit, Gipfel des Ungemütlichen, die in der Rüstung zu schlafen pflegten. Er atmet in verdünnter Luft und liebt zu fliegen, auf dem Boden bewegt er sich täppisch wie der Raubvogel, der nicht gehen kann. Sie will ihm helfen, er entzieht sich der Hilfe. Er kapiert nicht, was sie an ihm anders haben möchte. Es ist so wenig, dennoch weigert er sich, es anzunehmen. Vielleicht versteht er ihre Sprache noch nicht. Er ist mißtrauisch gegen ihr Idiom. Etwas Unprivates ist an ihm, etwas abstoßend Unverbindliches wie an einem, der nie ein Heim gehabt, nicht Vater noch Mutter, nicht Bruder noch Schwester. Sie muß an Josephs Wort von der entbehrten Zärtlichkeit denken, viel öfter als sie wünscht muß sie daran denken. Etwas reizt, etwas quält sie an dem Wort. Vermutlich dasselbe, was sie an dem Menschen reizt und quält. Er ist von einer Kälte, die brennt. Manchmal, wenn er aus dem Zimmer gegangen ist, empfindet sie diese Kälte als physischen Schmerz, und er dauert sie, wie einen ein Krüppel dauert. Wenn er seine Ideen auskramt, wie es hie und da geschieht, hat sie ein zusammenziehendes Gefühl in der Magengegend; alles gefrorener Wille. Man müßte ihn auftauen, sagt sie sich, auf den Ofen legen. Sie läßt sein Verhältnis zur Welt nicht gelten. Lebensverachtung, Todesverachtung sind ihr ein Greuel. Barbarisch schilt sie es, neudeutsches Heidentum heißt sie es. – »Ich weiß, Sie sind eine Humanistin,« höhnt er, »wir lehnen den Humanismus ab.« Fertig. Der Humanismus ist erledigt. – »Unglückliches Volk,« sagt sie, erschüttert von dieser Mitteilung und faltet die Hände. – »Der Beweis liegt auf der Straße,« fügt er großartig hinzu. – Und sie: »Wirklich? tut er das? Natürlich nur, wenn Blut fließt. Rotes Blut? Ist es noch rot bei euch? oder ist es schwarz wie Tinte?« – Möglich, daß er sich aufspielt. Man streitet oft aus Pietät für eine Überzeugung, die man schon aufgegeben hat, oder weil man dem Gegner nicht das Recht zugesteht, sie anzugreifen. Eine Frau; eine solche Frau; zu fein; zu zart; zu gepflegt; zu kultiviert; was weiß sie denn, was kennt sie denn? Es ist ihm nie ganz behaglich, wenn er mit ihr über dergleichen Dinge disputieren soll. Er hat dabei ein Gefühl wie der Matrose auf einem Schiff, wenn ihn ein Passagier aus der ersten Kajüte in die Unterhaltung zieht; man muß ihm ja die gewöhnlichsten Seemannsausdrücke erklären. Er hält ihre Teilnahme, ihre Wißbegier für ein Amateurvergnügen, bestenfalls für die soziale Nervosität, von der nach und nach die Gesicherten ergriffen werden. Solang sie auf den Rücksichten besteht und auf den Formen herumreitet, kann er ihr nicht sein Herz auf den Tisch legen. Am Ende würde sie dann das Lorgnon nehmen und es mit einem luxuriösen Gruseln betrachten. Nein, er muß sich umstellen. Er muß immer ein bißchen simulieren. Sie ist ein außergewöhnliches Wesen, täglich überrascht sie ihn durch eine neue Seite ihres Charakters und Geistes, aber vielleicht will sie ihn doch nur einfädeln und ihren Zeitvertreib mit ihm haben, ihr Leben scheint ja nicht ausgefüllt zu sein, und ehrgeizig ist sie auch, allerdings in einer sublimen, unpersönlichen Weise, wie er es an Frauen nicht kennt. Marie errät seine Gedanken, durchschaut seine Vorbehalte. Sie kann ihm nicht beweisen, daß er Unrecht hat. Welcher Beweis wäre zulässig? welcher ginge nicht wider den Stolz? Es sind Verdächtigungen, gegen die sie sich nur wehren kann, wenn sie sich schweigend treu bleibt. Soll sie vielleicht um ihn werben? Er ist imstande, sich das einzubilden. Sie muß Zurückhaltung üben, sonst könnte er sie mißverstehen. Sie hat Ähnliches schon erfahren. Sie gibt sich zu unbefangen, das wird mißverstanden, Männer sind maßlos eitel. Es ist vorgekommen, daß aus ihrer natürlichen Freundlichkeit Folgerungen gezogen wurden, vor denen sie entsetzt war. Da sie niemals mit falschen Karten spielt, vergißt sie, daß die wenigsten Menschen an ehrliches Spiel glauben. Darum Vorsicht. Kaum nimmt Etzel ihre ungewohnte Kühle wahr, da erkundigt er sich schon besorgt, ob er ihr Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben habe. Aha, das Hündchen beginnt schon reuig zu wedeln. Sie weicht aus, sie will sich nicht auf Erörterungen einlassen, er gibt aber nicht nach und ist so bemüht um sie, so aufgeschlossen, so gelehrig, daß sie ihm alles verzeiht; er hat wirklich eine ursprüngliche Liebenswürdigkeit. Man darf ihn nur nicht übermütig werden lassen, man muß ihn kurz halten. Für ihn ist es etwas Neues: daß man sich bemühen muß, ernstlich bemühen, um die gute Meinung einer Frau nicht zu verscherzen. Daß man sich nicht ohne weiteres in die Wolle setzen kann, weil man sich einer halbwegs angenehmen Visage erfreut und gelegentlich zu schwadronieren versteht. Langsam dämmert ihm die Erkenntnis, mit wem er es zu tun hat. Es ist ihm zumute als habe er einen weltentlegenen verzauberten Garten betreten, in dem die unerwartetsten Entdeckungen zu machen sind. Dies darf er sich nicht als Verdienst anrechnen, er ist auf gut Glück hineingestolpert, nun muß er erst sehen, wie er sich zurechtfindet. Es ist eine unbekannte Welt, von dornigen Hecken umgeben. Großes Erstaunen: das also ist Joseph Kerkhovens Frau! Sitzt in klösterlicher Unzugänglichkeit und hütet den heimlichen Teil seiner Existenz. Nicht als dienstbarer Geist, nicht als Haushälterin mit dem Schlüsselbund, wie er sich das vielleicht vorgestellt hat: als Herrin. Der Herr und die Herrin. Seltene Sache. Verdammt nochmal, der Mann hat auch das verstanden. Auch das hat ihm das Schicksal gewährt . . .

 

Eines Tages ereignet es sich in Kerkhovens Wartezimmer, daß zwischen zwei politischen Gegnern, jungen Leuten, die einander zufällig dort treffen, ein bösartiger Wortwechsel entsteht, in dessen Verlauf der eine den Revolver aus der Tasche zieht und den andern niederknallt. Wildwestszene unter haßgeladenen Hysterikern. Bei dem Gespräch, das sie darüber führen, hat Marie wie in einem Traum den Eindruck als ob Etzel immer weiter von ihr fortgleite und sich schließlich in Dunst auflöse. Vergeblich jedes Wort. Er ist so weit weg, daß sie schreien müßte, um von ihm gehört zu werden, da schweigt sie und sitzt mit bestürztem Gesicht da. Sie hat das gewisse Frieren, das sie überfällt, wenn ein Tag ohne Lichtblick ist und ohne Ende scheint. Etzel denkt, er habe wieder irgend was verbrochen, und fragt mit schuldbewußter Miene nach der Ursache ihres Schweigens. Sie schüttelt den Kopf. Sie bittet ihn zu gehen, sie sei müde. Er gehorcht zögernd, am andern Tag fängt er wieder davon an. Sie müsse ihm unbedingt sagen, weshalb sie gestern so verstimmt gewesen sei. Sie lächelt. Verstimmt? Das sei nicht der richtige Ausdruck. Seine Ahnungslosigkeit rührt sie beinah. Prüfend irrt ihr Blick über sein Gesicht, legt einen langen Weg über Fenster und Wände zurück und bleibt endlich auf dem Smaragd an ihrem Finger haften. Leise sagt sie, und stockt nach jedem Satz, sie habe nicht viel Hoffnung, sich ihm verständlich machen zu können. Sie hat einmal in einer Welt gelebt, die noch nicht bis zum Kern durchfault war von der Lüge, noch nicht in die Adern hinein vergiftet von der Raserei aller gegen alle. Es ist einmal ein Gott gewesen, der mit milder Hand Früchte austeilte, auch für die Verzweifelten, die Gnadenlosen, für die Letzten der Letzten noch. Es hat Bilder und Gebilde gegeben, mit denen der Mensch reich war, weil sie ihn erfüllten, und Zeichen, die über aller Wut und Verwirrung unverlöschbar am innern Himmel leuchteten. Sie klagt nicht um dieses Vergangene. Es mußte wohl vergehen. Die Uhr war abgelaufen. Was sie nicht ertragen kann, ist der Gedanke, daß ihre Existenz keine Berechtigung mehr hat. Es ist etwas Gesetzloses daran, etwas Gespensterhaftes. Sie schämt sich dieses Zustandes. Sie schämt sich brennend. Sie fühlt sich gedemütigt. Sie schämt sich, wenn sie unter Menschen geht, sie schämt sich vor ihren Kindern und vor sich selbst. Und nicht bloß deshalb, weil sie dieses finstergewordene, gänzlich entwertete Leben nicht mitleben kann und als Weib, als Frau und Mutter mit doppelt gebundenen Händen dasteht, viel mehr noch, weil sie sich den Mächten verschuldet fühlt, von denen sie alles empfangen hat und die nun auch in ihrer Seele zu sterben beginnen. Sind es nur noch abgelebte Schatten, jene, die Führer, die Götter, die Sterne ihrer Jugend, oder ist das, was sie umgibt, ein Schattenreich? Sie verstummt erschrocken. Was redet sie denn, sie schließt sich auf, sie stellt sich zur Schau, wie unbesonnen! In dem leidenschaftlichen Verlangen nach Schönem zieht sie eine Mappe mit Reproduktionen venezianischer Bilder auf ihre Kniee und schlägt sie auf. Etzel rückt näher zu ihr hin als wolle er ebenfalls die Bilder betrachten, aber es ist die unwillkürliche Bewegung des Schwachsichtigen, er möchte ihre Züge näher haben, ihre Mienen genauer sehen, denn zu erstaunlich war es ihm, dies alles aus ihrem Mund zu vernehmen. Ungeduldig breitet er die Hand über das aufgeschlagene Blatt, sie soll sich jetzt nicht mit solchen Dingen beschäftigen, sie soll nun auch ihn anhören. Sie tut ihm den Gefallen, es hat wenig Zweck, aber sie stellt sich erwartungsvoll. Er sagt, sie sei das Opfer eines Trugschlusses. Es gibt keinen Bruch zwischen den Zeiten. Es gibt den Einschnitt nicht, den nur die Phantasie vorspiegelt, wenn sie uns um Gegenwart und Augenblick betrügt, was ihr heimtückisches Bestreben stets ist. Das Epochengefühl ist ein Bastard des Kalendergefühls, biologische Unhaltbarkeit, historischer Irrglaube. Alles Schaffende und Geschaffene ist in sich bezüglich. Alles Lebendige ist unendlich und unsterblich. Der Tod ist ein Denkfehler. – Das sei nur ein rebellisches Wort, wirft sie ein, was sollen ihr so verwegene Aphorismen, »eure Welt nimmt mich doch gar nicht auf«. – »Grund genug, sie zum Teufel zu schicken, wenn es wahr wäre. Es ist aber nicht wahr. Sie selber werfen ihr ja den Handschuh hin.« – »Ja, weil mir vor ihr graut.« – »So was zu sagen ist ihrer gar nicht würdig, Frau Marie.« – »Warum nicht? Eigentlich seid ihr lauter Mörder. Wer nicht selber mordet, läßt es zu, daß gemordet wird. Und das ist vielleicht noch ärger. Blutig oder unblutig, Mord muß sein. Soll einem da nicht grauen? Haben Sie vergessen, wie Sie gestern über den Rowdy gesprochen haben, der einem andern Menschen einfach den Schädel durchlöchert hat, weil ihm seine Gesinnung nicht genehm war? Ich hab meinen Ohren nicht getraut. Als ob man an so einer Scheußlichkeit herumdeuteln könnte. Als ob es da ein Für und Wider gäbe. Als ob dieser Schrecken aller Schrecken auch noch kommentiert zu werden verdiente. Soziales Phänomen . . . Um hochtrabende Tiraden seid ihr nie verlegen, wenn ihr uns einreden wollt, daß Anstand und Ehre überholte Begriffe sind. Wie ich diese Bereitwilligkeit hasse, jeden Sadismus, jede Bestialität mit dem schäbigen Mantel der Psychologie zuzudecken, diesen unausrottbaren Landsknechtsrespekt vor dem was ihr Männer die Tat heißt und von dem keiner ganz frei ist, der edelste nicht, wie ich das hasse, wie ich es hasse!« – Etzel will sie beschwichtigen, denn sie ist völlig außer sich, ihr Gesicht flammt. »War die Politik nicht von jeher ein unmenschliches Geschäft, Frau Marie? Wir haben sie nicht erfunden. Wir haben ihr nur die Tartüffmaske abgerissen.« – »So, habt ihr das? Ich gratuliere. Ich kann den Vorteil nicht sehen. Ob verderbte Greise hinter Polsterstühlen um Seelen schachern und Blutverträge schließen, oder ob gerissene Desperados und grüne Jungens die Straße mobilisieren und den Terror predigen, wo ist da die Errungenschaft? wo ist die Idee? es sei denn, das ôte-toi que je m'y mette soll eine Idee vorstellen. Politik . . . Das ist es ja, was einem das Herz erstarren läßt. Woraus besteht sie denn, eure Politik? Aus Geschwätz. Und wie gesagt aus Mord. Ein herrliches Paar, um damit in die Zukunft zu schreiten. Finden Sie nicht?« – »Jeder von uns steht in der Kette, Frau Marie. Der Eimer wird in der Kette weitergegeben.« – Das Wort bewegt sie durch seine Demut. Sie sieht ihn lange schweigend an. Endlich sagt sie, was sie schmerze, sei die vergeudete Kraft, all das vertane Seelengut, das später einmal, beim großen Überschlag, fehlen würde; der politisch gerichtete Mensch sei zu innerer Verdorrung verurteilt, der ausschließlich sozial gestimmte nicht weniger, den Grund könne sie nicht angeben, es sei ein Gefühl, aber ein unerschütterliches, er solle einmal darüber nachdenken, auch sein eigenes Leben werde es ihm beweisen, zumindest an einem Beispiel, von dem sie zufällig Kenntnis habe. – Er hebt mit einem Ruck den Kopf. Was bedeutet das? was meint sie? wovon hat sie Kenntnis? – »Ich denke an Ihre Mutter, Etzel,« sagt sie mutig. – Er macht einen Katzenbuckel und blitzt sie böse an. Gib acht, Marie, du greifst in Heißes, verbrenn dir nicht die Finger. Aber Marie fürchtet sich nicht. Diese Sache hat sie schon lang gegen ihn auf dem Herzen. Oft hat sie sich schon vorgenommen, ihm ins Gewissen zu reden. Sie gesteht ihre Indiskretion, als sie vor Monaten den Brief Josephs und den Brief von Sophia von Andergast heimlich gelesen hat. Er preßt die Lippen aufeinander, sein Gesicht verfinstert sich. Marie beugt sich zu ihm vor, die Unterarme auf den Schenkeln, die Hände wie Schalen geöffnet, eine Haltung, die Freundschaft und Vertrauen ausdrückt und um Freundschaft und Vertrauen wirbt. Ihr Wesen ist verändert, keine Härte mehr, keine Bitterkeit, keine Kampflust mehr in den Augen, die Züge sind weich, ein anziehendes, fast verführerisches Lächeln verschönt sie. »Ich will gar nicht wissen, was vorgefallen ist, ich bin gar nicht neugierig danach, aber so darf es nicht bleiben, Etzel. Ist denn die Mutter eine Frau, die man stehen läßt wie eine abgedankte Geliebte? Was können Sie ihr vorzuwerfen haben, das sie nicht schon allein dadurch abgebüßt hat, daß Sie es ihr vorwerfen? Haben Sie mir nicht neulich von der Verkümmerung der Phantasie gesprochen? Nun, wie wärs, wenn wir uns ein wenig bei der eigenen Nase zupfen würden? Ich weiß von Ihrer Mutter wenig. Ich weiß nur, daß es mir weh tut, an sie zu denken. Der Brief an Joseph damals . . . ich konnt ihn nicht vergessen. Wann haben Sie ihr zuletzt geschrieben? Sie wissen es nicht mehr? Vielleicht überhaupt nicht? Versprechen Sie mir, daß Sie es tun werden. Morgen noch. Nein, heut noch. Wollen Sie mir das versprechen?« – Er wendet sich ab, er murmelt vor sich hin, er zerrt an seiner Krawatte, er windet und dreht sich, dann nickt er. – »Gut,« sagt Marie befriedigt, »geben Sie mir die Hand darauf.« Er schaut sie halb störrisch, halb scheu bewundernd an, atmet tief auf und gibt ihr die Hand.

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