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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
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Vierzehntes Kapitel

Es war ein Zustand schwerster Erschöpfung. Nervenzusammenbruch. Das ist natürlich eine medizinische Vokabel wie jede andere; daß sie über den eigentlichen Vorgang im Organismus nichts Entscheidendes aussagte, war niemand besser bewußt als Kerkhoven, der sich dieser wie jeder Hilfsannahme nur bediente wie ein Bildhauer der geometrischen Punkte am unbehauenen Marmor. »Bei dem ists wie im Krieg,« sagte er zu Marie, »alle paar Wochen schafft man ihn verwundet hinter die Front. Und die Widerstandskraft . . . was er aushält . . . man kann nur staunen.« – »Ist es gefährlich?« erkundigte sich Marie. – »In einem solchen Fall besteht die Gefahr im Vorstadium, der Ausbruch gehört schon zum Heilungsprozeß,« antwortete Kerkhoven; »es ist wie wenn das explosive Gas in einer Flasche noch rechtzeitig den Stöpsel hinaustreibt und dadurch verhindert, daß das Gefäß zerspringt.«

Selbstverständlich hatte er Etzel gleich im Hause behalten und in der Hofkammer, die er schon vor Wochen zu seiner Aufnahme bestimmt, zu Bett bringen lassen. Er hatte telephonisch eine seiner bewährtesten Krankenschwestern berufen und genaue Anweisungen wegen der Pflege erteilt. Den Morgen darauf veranlaßte er, daß Etzels sämtliche Habseligkeiten aus der Motzstraße geholt wurden, die Schwester und das Hausmädchen brachten alles möglichst geräuschlos in den beiden Räumen unter, die er nun bis auf weiteres bewohnen sollte. Er merkte nichts davon, am ersten Tag schlief er nämlich fünfzehn Stunden, am zweiten sogar sechzehn, es war ein steinerner dickwandiger Schlaf, in einem tiefen Brunnen, Urschlaf, in dem die Sinne starben, das Gehirn erlosch und das pulsende Herz in seinem Zauberdunkel zum Alleinherrscher des Leibes wurde. Als er dann im Zimmer, wo er lag, die gewohnten Dinge um sich sah und im andern Zimmer durch die offene Tür die wohlbekannten Rücken seiner Bücher, ordentlich in Regale gestellt, war er maßlos verblüfft und schien eine Zeitlang ernstlich an seinem Verstand zu zweifeln. Er nahm seine Nasenspitze zwischen Daumen und Zeigefinger und grübelte zunächst einmal darüber nach, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war. Die Schwester Agathe erklärte ihm lächelnd, was es mit der Herbeischaffung seiner Wäsche, Kleider und sonstigen Besitztümer für eine Bewandtnis hatte. Der Professor habe es verfügt. Der Professor wünsche und habe angeordnet, daß er sein bisheriges Logis verlassen und hier, in der Wohnung des Professors, bleiben müsse. Der Professor werde seine Gründe dafür haben. Sich seinem Beschluß zu widersetzen, sei nicht ratsam. Sie erinnere sich jedenfalls nicht, daß jemand es versucht hätte. Suprema lex regis voluntas. Sie konnte Lateinisch.

Etzel erwiderte nichts. Er war noch genau so verblüfft wie vorher und wußte nicht, wie er sich das alles zusammenreimen sollte. Er hatte das Gefühl als hätte ihn im Schlaf wer aufgehoben und nach einem andern Weltteil getragen. Das war einerseits angenehm und bedeutete Entlastung, andrerseits lehnte er sich als gegen einen Akt der Willkür innerlich dagegen auf. Der tägliche Lebensrhythmus geht ins Blut über, auch des ungern gelebten Lebens, setzt er plötzlich aus, so entsteht eine Art Tod. Das gestern Gewesene, von dem auf einmal keine Brücke mehr zum Heute führt, bekommt ein anklägerisches Gesicht. Der Mensch ist ehern an sein Tun und dessen stetige Folge geschmiedet, auch um sich loszulösen braucht er die Illusion des allmählichen Zeitverlaufs. Als Kerkhoven kam, wagte ihm Etzel zunächst nicht in die Augen zu sehen. In seiner Haltung war Trotz. Kerkhoven begriff sofort, was in ihm vorging. Auf Auseinandersetzung ließ er sich erst gar nicht ein. Mit Worten war hier nichts zu gewinnen. Wo Wille gegen Wille steht, handelt es sich um Kampf und Unterwerfung; das lag nicht in Kerkhovens Plan, auch war es auf die Dauer fraglich, wer Sieger bleiben würde, denn in dieser Hinsicht war der junge Mensch allen überlegen, die er kannte, vielleicht zählte er sogar zu den seltenen Genies des Willens, denen es bestimmt ist, einer Zeit ihren Stempel aufzudrücken; vielleicht; es hing vom Gang der Dinge ab, vom Nichtversagen eines bislang noch unbekannten Sinnesorgans, von einem wahrscheinlich genau bemessenen Vorrat an Zellenenergien. Solche Charaktere haben ihre von Generationen her aufgespeicherten Reiz- und Kraftquellen, in dieser Beziehung sind sie gleichsam Selbstversorger, und man kann sie weder aushungern noch mürbe machen. Um seiner habhaft zu werden, mußte man andere Mittel anwenden als die in der Praxis und Erfahrung scheinbar bewährten, man mußte in die schaffende Natur eindringen, ganz tief, bis in jene zweite Existenz hinab, die unter der Oberflächenexistenz ruht wie die Wurzelwelt unter dem Erdboden. Also nichts von Behandlung, nicht die billige ärztliche List, die eine Schwäche ausnützt, um Einfluß zu erlangen, nicht das Inquisitorium, das durch Aufgraben des Verborgenen die Persönlichkeit zersetzt und Triebe lähmt, die vielleicht in der Einheit der Kreatur viel weniger verderblich wirken als wenn dem Bewußtsein die Mittel geboten werden, sie argwöhnisch zu überwachem Seiner »habhaft« werden! Was für ein Wort überhaupt! Bedurfte es denn noch der besonderen Bemühung? Hier war ein grundeinfaches Verhältnis, fast elementar, was war anderes nötig als es nach seinem Gesetz sich entfalten zu lassen? Sein, das war alles. Da sein. Umfassen und sich mit keiner Regung wehren gegen das Umfaßtwerden. Das andere Leben aufnehmen ohne es anzutasten. Es bis in seine entlegensten Abgründe, mit allen seinen Bedingnissen und Verheißungen erkennen, ohne es zu vergewaltigen. Das andere Leben ist der rocher de bronze. Je höher man es wertet, ein je reinerer Spiegel wird es für das eigene Ich, ein je kostbarerer Besitz für die Welt. Was ließ sich da nicht gestalten, aus einem Menschen wie diesem hervorbringen! Das war es ja, was er im Gespräch mit dem alten Heberle angedeutet und was dieser resigniert als Phantasma bezeichnet hatte: »Zwei drei Dutzend Seelen, die man herausheben kann aus der Luft von Ansteckung und Gefahr.« Wenn er dieses außergewöhnliche Individuum quasi sicherstellte; es, soweit es menschenmöglich war, dem blinden Zugriff des Schicksals entzog, eines Schicksals, das immer weniger Ausleselust an den Tag legte und immer mehr ein Molochvergnügen an der Massenvernichtung zu finden schien; wenn es ihm gelang, diesen Menschen (vorläufig den, nachher würde man sehen) herauszuführen aus Wirrnis und Irrtum, aus körperlicher Erschütterung (die ernst genug war), aus einem geistigen Leiden (von dem sich, wie die Welt nun einmal aussah, Besserung auf dem Weg der Selbstheilung kaum erhoffen ließ), hatte er dann nicht Ersprießlicheres geleistet als wenn er hunderten und hunderten von bereits Gebrochenen und zu Boden Getretenen half, sich für kurze Zeit wieder aufzurichten und ihre unfruchtbare Existenz mühselig und freudlos noch ein Stück weiter zu schleppen?

 

Ich gebe diesen Gedankengang wieder, ohne ihn gutzuheißen oder abzulehnen. Eine krisenhafte Lebensstimmung ist unschwer aus ihm zu erkennen. Von ihr wissen wir ja längst. Ihre ersten Anzeichen liegen weit zurück. Kommt freilich noch jener geheimnisvolle Umschichtungsprozeß hinzu, den jeder Mann um sein fünfzigstes Jahr erfährt und von dem behauptet wird, daß er eine Folge innersekretorischer Veränderungen sei. Damit ist aber wenig gesagt und nichts erklärt, Kerkhoven war der letzte, der sich mit der bloßen Pathologie eines solchen Vorgangs zu begnügen vermochte, seine Beobachtungen waren auch nicht auf die eigene Person beschränkt, die interessierte ihn nur insofern, als sie ein Glied in der Beweiskette darstellte. Er ahnte ein verborgenes Gesetz, das zu finden den kommenden Geschlechtern vorbehalten war und das wahrscheinlich erst formuliert werden konnte, wenn sich einmal das Wesen des höheren Menschen als morphologischer Begriff von der Gattung sondern ließ, denn nach seiner Überzeugung handelte es sich um nicht mehr und nicht weniger als um einen Gestaltwandel, dessen somatische Andeutungen nur an Vorläufern und nur in bestimmten Perioden erkennbar waren, auf den Stationen, die er die Rangierbahnhöfe der menschlichen Existenz nannte.

 

Er fragte Etzel, ob er Lust habe, sein Privatsekretär zu werden. Das war der Plan, den er lange zuvor gefaßt hatte. Etzel war überrascht. Er wurde rot und blickte Kerkhoven mißtrauisch an. War das nicht ein freundschaftliches Manöver, um seinen miserabeln Umständen aufzuhelfen? Kerkhoven durchschaute den Gedanken und lächelte. Es falle ihm nicht im Traum ein, ihm eine Sinekure zu verschaffen, sagte er, dergleichen könne er sich nicht leisten. Sei es denn erwiesen, ob er ihn brauchen könne? Zunächst müsse der Versuch gemacht werden. »Ich habe keine Ahnung, wie Sie sich das vorstellen, Meister, und was ich für Aufgaben hätte,« erwiderte Etzel. – »Das ist rasch erklärt. In der Ordination hätten Sie nur in gewissen Fällen zu tun, zur Aufnahme stenographischer Protokolle. Das müßte ich mit Doktor Römer unten besprechen, schon damit keine Kompetenzkonflikte entstehen. Im allgemeinen sollen Sie möglichst viel in meiner Nähe sein. Arbeit gibt es im Überfluß. Es sind Stöße von Aufschreibungen zu ordnen, die Briefbeantwortung ist rückständig, die Registratur verwahrlost, die Krankengeschichten müssen durchgesehen und nach bestimmten Gesichtspunkten zusammengestellt werden, ebenso meine Publikationen in verschiedenen Fachzeitschriften; Material und Notizen für ein Buch, das mir am Herzen liegt, will ich seit Jahren redigieren und finde nicht die Zeit . . . Sie sehen; mehr als genug. Bisher hat mir jemand gefehlt, dem ich Vertrauen schenken kann und der kapiert, worauf es ankommt. Ich entschließe mich doch so schwer zu Menschen. Wenn alles andre klappt, scheitert es zuletzt am Atmosphärischen.« – Etzel sah stumm vor sich nieder. Noch immer konnte er den Verdacht nicht los werden als sei das ganze Anerbieten eine Falle für ihn, eine Kerkhovensche Falle zwar, aber trotzdem eine Falle. Plötzlich sah er Kerkhoven an. Und Kerkhoven sah ihn am Und sie verstanden einander. Mit seiner bedeckten Stimme fuhr Kerkhoven fort: »Natürlich beabsichtige ich nicht, Sie in eine subalterne Stellung zu locken. Subaltern wird sie schon durch ihren Famuluscharakter. Ich weiß, wen ich vor mir habe. Sie sind nicht zum Gehilfen geboren. Nebenbei: wozu Sie geboren sind, das ist vorläufig ein dunkles Rätsel für mich. Ich nehme an, auch für Sie. Das hat sein Gutes, und es hat sein Schlimmes. Aber darüber brauchen wir uns ja jetzt keine grauen Haare wachsen zu lassen. Um offen zu sein: ich biete Ihnen eine Zuflucht. Sie sind stark mitgenommen von allerlei Unwetter, und ich sage: da ist mein Haus, Andergast, betrachten Sie es als das Ihre. Bringen Sie sich einstweilen in Sicherheit darin, Sie haben es dringend nötig, es könnte sonst übel mit Ihnen enden. Der unheilvollen Freizügigkeit muß ein Riegel vorgeschoben werden. Das Bedenkliche ist nämlich, daß sie dem Gesetz des beschleunigten Falls unterliegt. Jeder Pflichtendienst ist ein solcher Riegel. Sie müssen sich disziplinieren. Vielleicht befriedigt es Sie. Vielleicht vertragen wir uns bei der gemeinsamen Arbeit. Vielleicht öffnet sich unversehens ein Weg in die Zukunft dabei. Das kann man nicht wissen. Ich werde nie etwas von Ihnen fordern, aber ich werde alles von Ihnen erwarten. Das ist eine Erschwernis, gewiß, aber warum soll es denn bequem sein. Ihre Zeit gehört nach wie vor Ihnen, es gibt kein Vertrauen im Zwang, aber was Sie mir freiwillig von ihr überlassen, fällt dann doppelt ins Gewicht. Was meinen Sie also zu dem Vorschlag?«

Etzel erhob sich, blickte Kerkhoven lächelnd an, und in soldatischer Haltung sagte er nur das eine Wort: »Meister.« Es klang wie ein Gelöbnis.

 

Etwas ängstlich gespannt wartete Kerkhoven auf den Moment, wo Etzel zum ersten Mal ausrücken würde. Er war darauf gefaßt. Eines Tages wird er für längere oder kürzere Zeit verschwinden, sagte er sich, da nicht anzunehmen ist, daß er die Schiffe hinter sich verbrennt. Aber es geschah nicht. Daraus schöpfte er Hoffnung, obwohl ihm die innere Verstörtheit des jungen Menschen keineswegs verborgen blieb. Er beobachtete ihn, wenn er stumm vor sich hinbrütete: das Gesicht schwermütig verdunkelt, der Blick erloschen, die Lider entzündlich gerötet. Zusammengekauert dasitzend glich er einem Gnom, der aus der Erde gekrochen ist, verstoßen von den Seinen. Er ist sehr zu schonen, ging es Kerkhoven durch den Kopf. Er hütete sich, Fragen zu stellen. Alles kam auf mittelbare Einwirkung an. Alles hing davon ab, ihn zu halten. Wenn er es nicht vermochte, war der Prozeß verloren. Aber das war ja gerade seine eigentümlichste Kraft, und er war ihrer immer sicherer geworden wie ein geübter Turner, der die Überlegenheit seines Körpers spürt. Doch mit der Kraft allein war es nicht getan. Man muß listig sein wie ein Gott, wenn man einen Menschen »halten« will. Jeder schlägt verzweifelt um sich, bevor er sich fügt. Jedes Gemütsleiden ist eine Form der Anarchie. Die herrenlose Seele sehnt sich nach dem Herrn, aber wenn er sich in seiner Macht zeigt, rebelliert sie. Kerkhoven glaubte erkannt zu haben, daß das was die Psychologen und Zeitkritiker Krankheit der Jugend nannten, verschlagene Sehnsucht nach Gehorsam und Befehl war, die sich in manchen bis zur Ekstase steigerte. In ihrem Innern haßten und fürchteten sie eine Freiheit, die sie zu einer erbarmungslosen Einsamkeit verurteilte. Ebenso wußten sie in ihrem Innern, daß das Ideal des Kollektivs, das sie in ihrer Angst vor dem Überfluß an Freiheit aufgerichtet hatten, nichts anderes bedeutete als die Summe dieser erbarmungslosen Einsamkeiten, deren religiöses Sinnbild die Maschine war.

Etzels ganzes Wesen schien ihm zuzurufen: befiehl, damit ich gehorchen kann! Aber genügte der Entschluß? Mußte man dazu nicht begnadet sein? Es handelte sich ja nicht um den Erstbesten. Es war wie wenn einem die Führung und Leitung eines wunderbar begabten Kronprinzen anvertraut wird. Wie tief und weit läßt sich da von einem Punkt aus wirken. Sichtbar, spürbar. Das war es ja: das Verlangen, das Selbstgeschaffene mit seinen Augen zu sehen, nagte oft an Kerkhoven wie physischer Hunger. Dem Arzt seines Ranges entzieht sich das Bild der eigenen Leistung, weil ihm die menschliche Natur immer weiträumiger, die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit immer unfaßbarer, der Begriff der Heilung immer problematischer wird. Ein komplizierter Knochenbruch, der glücklich verheilt, eine Magenexstirpation, eine Sympathektomie, das ist etwas, darauf kann man hinweisen, da schenkt man einem Menschen das Leben, wenn es gelingt. Er kann keinem das Leben schenken, er kann nur das fehlerhaft gerichtete Bewußtsein korrigieren. Dabei wird nichts zur Erscheinung; was er tut, gleicht dem Gehen Tasten Lesen eines Blinden, je tiefer die Erkenntnis dringt, je mehr. Mit jedem Einzelnen ein Ringen Brust an Brust, bis man ihm neuen Odem eingeblasen hat, und wenn er hernach wieder aufrecht schreitet, wenn das Uhrwerk der Seele wieder funktioniert, verliert er sich freudlos in ein unerneutes Dasein, und die Erinnerung an seine »Abwesenheit« bleibt eine Wunde, die sich nie ganz schließt. Das sind noch die Seltenen. Die Vielen, die ihm bleiben, die Immerwiederkehrenden, die nicht mehr ohne ihn sein können, geben sich dem Leiden mit entherzter Inbrunst hin, sie leben nicht, sie sterben nicht, sie vegetieren in den Stufungen dazwischen, Monate Jahre Jahrzehnte, und sind im Grunde seine Ankläger und die Zeugen seiner Ohnmacht . . .

An einem dieser Tage wurde er aufgefordert, im Rahmen eines öffentlichen Vortrags, der im September stattfinden sollte, über jugendliche Psychoneurosen zu sprechen. Er hatte wenig Lust dazu. Etzel sollte den Absagebrief schreiben, er zögerte damit und fragte, warum Kerkhoven die Gelegenheit zu einer Aufklärung in seinem Sinn von der Hand weisen wolle. Kerkhoven erwiderte, er halte es für verfehlt, in einer Zeit der allgemeinen Selbstaufzehrung der Persönlichkeit das psychogene Gespenst eigens an die Wand zu malen und unter dem Vorgeben, Wissen zu verbreiten, den Menschen das Gruseln beizubringen. Etzel schüttelte den Kopf. Er sagte, man könne eine höhere Absicht damit verbinden. Den Teufel an die Wand malen, gut; aber die Wissenschaft sei ja nicht die Kirche, die den Teufel braucht, es sei doch ein herrlicher Anlaß, den Menschen die Teufelsfurcht auszureden, da es ja ein ganz minderwertiger Teufel sei, an den sie glaubten. Vom echten wahren Teufel wüßten sie so wenig wie vom echten wahren Gott, von beiden ahnten nur die Auserwählten was, für die sei es dann auch kein Aberglaube mehr. Kerkhoven sah nachdenklich drein. »Hm,« sagte er »ich kann mir schon denken, worauf Sie hinauswollen. Ist auch ein Standpunkt. Müßte man überlegen.« Etzel lächelte.

 

Er hatte unter den Papieren Kerkhovens ein Blatt mit folgendem Inhalt gefunden: »Menschen sind wie Sterne, bewegen sich in vorgeschriebenen Bahnen wie Sterne. Die Astronomie lehrt, Sternenbahnen zu berechnen. Ähnlich könnte ich mir eine Mathematik der Schicksale und der menschlichen Handlungen denken. Immer kreisen um einen Zentralkörper Planeten, um den Planeten die Trabanten. Asteroiden geistern wild durch die Systeme, Meteore durchbrechen zigeunerisch die Ordnung. Die Frage ist: wo bist du gebunden? wo bindest du? gibst du Licht, oder borgst du Licht? davon hängt der Rang ab, den du einnimmst. Es ist das Bestimmende.«

Diese Worte machten tiefen Eindruck auf Etzel. Er zeigte Kerkhoven das Blatt und sagte: »Die Astrologen müßten Sie zu ihrem Hohepriester ernennen, wenn sie das lesen, Meister.« – »Möglich,« antwortete Kerkhoven, »obwohl es nicht mehr damit zu schaffen hat als eine algebraische Gleichung mit einer Zauberformel.« – »Untersucht man seine Erlebnisse,« sagte Etzel finster, »so kommt man darauf, daß man nur ein einziges hat. Und das Gesetz, unter dem es steht, läßt sich auf keine Weise ergründen. Ich kann ja auch nie nie nie mein eigenes Gesicht sehen. Nie kann ein Mensch erfahren, wie er wirklich aussieht. Das Bild im Spiegel ist wie ein Buchstabe aus einem Satz. Zehntausend Spiegelbilder von mir sind immer noch nicht Ich. Warum ist man sich übrigens in jedem Spiegel so zuwider?« – »Weil man sonderbar übertriebene Vorstellungen von sich hat,« entgegnete Kerkhoven, »in jedem Fall, auch wer sich verachtet, hat sie.« – »Drum,« sagte Etzel. Über dieses gelehrige »Drum« mußte Kerkhoven laut lachen. Und in seinem Lachen klang ein so warmer Ton von Freude mit, daß Etzel betroffen aufschaute. Es war, gleichnisweise gesprochen, die Freude des Gärtners, der trotz der Ungunst von Boden und Witterung seine Mühe belohnt sieht. Er fühlte es aus jeder Frage, die der junge Mensch an ihn richtete, an jedem seiner Blicke; es war eine neue Art von Zutraulichkeit, scheu, vorsichtig-abwartend, eigentlich ein beständiges unmerkliches Entgegenkommen.

 

An einem Abend Ende der Woche, in ziemlich später Stunde, hatte er Etzel einige Briefe diktiert, dann ging er lange Zeit in Gedanken versunken auf und ab. Das Mädchen brachte schwarzen Kaffee, und als sie einander gegenübersaßen, sagte Kerkhoven zwischen zwei Schlücken: »Ich vermute, da draußen in der Siedlung haben sich recht unerquickliche Dinge abgespielt.« Etzel war auf die Frage, denn eine Frage war es, längst gefaßt. Daß der Meister bis jetzt damit zurückgehalten hatten stellte ihn in seinen Augen außerordentlich hoch. Er hatte auf diese Weise jeden Widerstand in ihm besiegt. Er war selbst erstaunt, wie natürlich und in der Ordnung es ihm schien, daß Kerkhoven das Schweigen endlich brach. Er, Etzel, hätte das Stichwort nicht geben können, es war noch zu frisch alles, es führte zu weit, und er war seiner noch nicht unbedingt sicher. Den kleinen silbernen Kaffeelöffel zwischen beiden Zeigefingern balancierend, die Augen hinter der Brille gesenkt (er hatte vergessen, sie nach dem Schreiben abzunehmen), erzählte er von Anfang bis zu Ende, was ihm mit den fünf jungen Menschen passiert war. Kerkhoven hörte sehr aufmerksam zu. »Merkwürdig, äußerst merkwürdig,« murmelte er, als Etzel fertig war. – »Hatte was riesig Abgefeimtes, das Ganze, finden Sie nicht, Meister?« – »Ich weiß nicht, ob man es moralisch beurteilen soll. So was kann nur ein Mensch machen, der . . . wie soll ich sagen . . . der keine Wirklichkeit in sich hat.« – »Eben. Das ist es eben. Und derselbe Mensch steht mitten drin in einer Wirklichkeit, in einer großen Wirklichkeit. Einer grundlegenden Wirklichkeit. Jede echte Gemeinschaft hat etwas Grundlegendes.« – »Das ist richtig.« – »Mit allem kann man spielen, nur nicht mit dem, womit man einen Grund legen will,« fuhr Etzel mit funkelnden Augen fort, »sonst wankt die ganze Welt.« – »Nehmen Sie denn an, daß Nell spielt?« fragte Kerkhoven verwundert. (Er sah sie einen Augenblick körperlich vor sich, eine vibrierende flimmernde enthusiastische Persönlichkeit, die blitzenden Augen, den beweglichen Mund mit den kleinen Zähnen, den etwas zu starken Hals, die geistreichen Gebärden.) – »Schlimmer noch,« würgte Etzel hervor, »schlimmer. Sie zahlt mit falschem Geld. Liebe Begeisterung Hoffnung Vertrauen, alles mit falschem Geld. Nicht weil sie es will, sondern einfach weil sie nicht anders kann. Nicht weil sie es weiß, nein. sie hat keine Ahnung, sie betrügt sich mit sich selbst, und die an sie glauben, sind in ihrer Seele, absolut genommen, um alles betrogen, was es noch Heiliges auf der Welt gibt. Man soll mir nicht sagen, daß sie nicht dahinter kommen. Das ist wahr und nicht wahr. Ins Geheimste dringt es ja doch hinein. Der Tropfen Gift enthält den Tod. Es ist wahr, sie liegen vor der gütigen Fee auf den Knieen und beten sie an. Aber dann, eines Tages, ergeht es einem so wie mir. Dann ist alles aus. Dann bleibt einem nur Ihr mathematischer Trost, Meister. Nell, der Himmelskörper. Wenn man einen Stein in den luftleeren Raum wirft, beschreibt er eine parabolische Bahn, nicht wahr? Das ist dann der Trost.« So aufgewühlt hatte ihn Kerkhoven noch nie gesehen. Mit seltsam verschlossener Miene blickte er in sein verstörtes Gesicht. »Das und das Zweite dazu, beides zusammen kann man nicht aushalten,« flüsterte Etzel. – »Welches Zweite?« – »Sie sieht doch den bösen Geist Lorriners in mir. Sie ist überzeugt, ich bin schuld an Lorriners Zusammenbruch.« Er warf den silbernen Löffel, den er noch immer hielt, in der geballten Faust jetzt, mit einer schaudernden Gebärde auf den Tisch. »Das war lange vorher. Als ich ihr die Backfischillusionen über Emma Sperling rauben mußte.« Er berichtete, wie dies zugegangen war. Kerkhoven wußte nur ungenau Bescheid über die dunklen Beziehungen zwischen Lorriner und der Tänzerin. Er setzte sie ihm auseinander. Hastig, wie man auf der Flucht redet. Und was ihm dann Nell durch die Blume zu verstehen gegeben. Als gälte die Beschuldigung nicht im entferntesten ihm. Als wolle sie, um den unbekannten Verbrecher ausfindig zu machen, bloß seinen Beistand anrufen. Verflucht schlau, was? Und trotzdem nicht schlau genug. Klar, daß sie nur ihn im Auge hatte. Die Anklage lautete geradezu auf Mord. Oder so gut wie auf Mord. Nell argumentierte offenbar so: ob man jemand mit dem Beil erschlägt oder ihn mit einer raffinierteren Waffe zur Strecke bringt, läuft auf eins hinaus; hat man den Feind auf die gewünschte Manier unschädlich gemacht, dann sorgt man dafür, daß er in einem Irrenhaus verschwindet. Warum nicht. Ist alles schon dagewesen. Kommt auch in Detektivromanen häufig vor. Zuerst, als sie ihm das alles mit ihrem United-States-Lächeln unter die Nase gerieben, habe er das Gefühl gehabt wie wenn sich das Telephonfräulein in der Nummer geirrt hat. Falsch verbunden. Schluß. Alsbald aber . . . Er stockte und strich mit nervösen Bewegungen die feuchten Haare aus der Stirn. – »Alsbald? Sprechen Sie nur,« drängte Kerkhoven sanft. – »Die Geschichte hat nämlich ihre Richtigkeit.« – »Wie denn? wie meinen Sie das?« – Genau so meine ers. Wortwörtlich wie Nell sichs gedacht habe. Er sei ja zu dem Zweck systematisch vorgegangen. Von Anfang an. Steter Tropfen höhlt den Stein. Genau das habe er durch unablässiges Bohren bei Lorriner bewirkt. Er habe ihn tatsächlich über seine Schranken gehetzt, den Beschränkten. Sozusagen seinen Aggregatzustand verändern wollen und ihn damit in den Wahnsinn getrieben. In der wahren Bedeutung des Wortes; Wahn-Sinn. Es könne schon stimmen, was der arme Lüttgens eines Tages behauptet habe, vor dem Andergast müsse man sich in acht nehmen, er sei das personifizierte Ekrasit und sprenge Seelen in die Luft. – »Damit hängt wohl auch das rätselhafte Gerede Lorriners vom feurigen Ofen zusammen,« sagte Kerkhoven leise, »ich konnte mir nicht erklären . . .« – »Selbstverständlich! Das war es ja,« brach Etzel aus, wobei sich seine Stimme gleichfalls nicht über ein Flüstern erhob, »weil er nicht in den feurigen Ofen kriechen konnte, das habe ich nämlich von ihm verlangt, hat er es vorgezogen, sich . . . wie soll man sagen . . . sich geistig aus dem Staube zu machen.« – »Der feurige Ofen, versteh ich recht, war also ein Pressionsmittel?« – Etzel nickte. – »Und die blutige Attacke von seiner Seite so etwas wie ein Befreiungsversuch?« – Etzel nickte. – »So ist das. Ich fange an, zu begreifen.«

Kerkhoven stand auf, verlöschte die Schreibtischlampe, zog die schweren roten Stoffvorhänge über die Fenster und kehrte wieder auf seinen Platz zurück. »Eine laienhafte Vorstellung natürlich, daß derartige Zerwürfnisse den Ausbruch einer Demenz veranlassen können,« sagte er, indem er den Kopf in den Nacken legte und die Augen halb schloß. »Nicht einmal eine Beschleunigung ist wahrscheinlich. Das wäre so als wenn jemand in einem lecken Boot aufs Wasser rudert und sich einredet, er sei gesunken, weil er einen zu dicken Anzug angehabt hat. Das glauben Sie auch nicht im Ernst, Andergast. Dazu wissen Sie zuviel auf dem Gebiet. Sollten Sie wirklich keine Ahnung davon haben, was Sie zu einem so unerbittlichen Verfolger Ihres Freundfeindes gemacht hat?« – Etzel schien angestrengt nachzudenken. Offenbar ahnte er es nicht. – »Ist Ihnen bewußt,« fuhr Kerkhoven fort, »daß Sie mich seit dem Tag, wo ich bei Ihnen in der Motzstraße war, nicht ein einziges Mal mehr nach ihm gefragt haben?« – Ja, das sei ihm bewußt, aber ehrlich gestanden habe er erwartet, der Meister werde von selber reden. – Kerkhoven konnte sich eines Lächelns nicht enthalten. (Immer mit halbgeschlossenen Augen und zurückgelehntem Haupt, wodurch die Stirn erschreckend groß erschien.) »Jetzt lügen Sie, liebes Kind,« sagte er freundlich; »es ist die erste Lüge, die ich von Etzel Andergast höre. Warum wollen Sie nicht zugeben, daß Sie Angst hatten? Angst vor dem Namen, vor der Erinnerung, vor der Frage, vor meiner Antwort?« – Etzel schwieg. Wieder dachte er angestrengt nach. »Warum denn Angst?« fragte er gedrückt. – Kerkhoven richtete sich langsam auf. Sein Gesicht war blasser als gewöhnlich. Das scharfe Deckenlicht ließ die Backenknochen stärker hervortreten und machte den kurzen tartarischen Kinnbart zu einem schwarzen Farbenfleck. »Es gibt einen Fall in meinem Leben,« begann er, »wo ich als Arzt dem Tod zuvorgekommen bin. Es war ein moralisch-geistiger Zwang allerstärkster Art. Es galt eine Agonie abzukürzen und außerdem ihn, den Freund, vor etwas zu bewahren, das weit ärger als der Tod war. Das ist nun bald fünfzehn Jahre her, Andergast, und es lebt außer mir kein Mensch auf dieser Erde, der davon weiß oder wußte. Nicht einmal meine Frau. Sie sind jetzt der einzige. Über die Folgen, die sich daran knüpften, kann ich nicht sprechen, es handelt sich um Dinge, die von den uns bekannten Naturvorgängen in gewisser Weise abweichen. Vielleicht kommt einmal ein Tag . . . nicht ausgeschlossen, daß ich es Ihnen . . . nun, ich will sagen, daß ich in eine ähnliche Lage nie wieder gekommen bin, nie wieder habe ich es gewagt, dem Schicksal vorzugreifen, selbst im Felde nicht, wenn einer in der tollsten Schmerzenswut drum gefleht hat, niemals ist aus irgendwelchen andern Gründen die Versuchung an mich herangetreten. Bis vor fünf Wochen. Bis zu dem Abend, an dem ich Jürgen Lorriner in die Anstalt gebracht habe.«

Etzel saß kerzengerade. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck so gespannten Lauschens, daß es beinahe idiotisch aussah. Er murmelte ein paar unverständliche Worte. Kerkhoven beachtete sie nicht. Er fuhr fort: »Ich blieb damals die ganze Nacht in der Anstalt. Nicht um zu schlafen. Geschlafen habe ich nicht in dieser Nacht. Um neun Uhr hatte ich Sie fortgeschickt, wie Sie sich erinnern werden. Unterm Gehen fragten Sie mich, weshalb ich so still wäre, ob ich was gegen Sie hätte. Nein, ich hatte nichts gegen Sie. Trotzdem stand es an dem Abend für mich fest, daß Sie sich entscheiden müßten. Zwischen mir und . . . Jenem wählen. Und zwar binnen vierundzwanzig Stunden. Hatte das Gefühl: es geht ums Ganze. Um zehn ging ich mit dem Assistenten Merk zu Lorriner. Er war ruhig. Er hockte in der Zimmerecke wie ein hölzerner Götze. Merk nahm eine traumatische Demenz an. In den Tagen nachher glaubten wir ja auch das Bild des Korsakowsche Syndroms vor uns zu haben. Meine jüngeren Herren retten sich noch oft in die Typik der üblichen Benennungen. Jedenfalls war Aussicht auf erfolgreiche Behandlung. Nachdem Merk sich entfernt hatte, forderte ich den Patienten auf, zu Bett zu gehen. Es dauerte fünfunddreißig Minuten, bis er sich dazu entschloß. Nun forderte ich ihn auf, zu schlafen. Es dauerte weitere fünfzig Minuten, bis er schlief. Da hatte ich ihn also vor mir liegen. Da war der Mann Lorriner und die res publica Lorriner. Ich hatte vor mir die Sache Lorriner kontra Andergast, sowie die Sache Lorriner-Andergast kontra Kerkhoven. Verwickelter Fall. Ich war Ankläger und Richter zugleich. Die Situation hatte etwas sehr Einfaches, ich möchte sagen Mythologisches. Es war eine schöne Nacht, das Fenster war offen, durch die Gitter sah ich den Mond, er hing wie ein gelber Lampenschirm am Himmel. Ich erwähne das, weil mir zumute war als hätte ich den Nachthimmel und den Mond seit Jahrzehnten nicht gesehen. Es war ein Gefühl von Alleinsein im Universum. Der Mann Kerkhoven und der Mann Lorriner allein im Universum. Die Verhandlung konnte beginnen. Die Anklage stützte sich auf gewissenhafte Erhebungen. Die Voruntersuchung hatte erdrückendes Beweismaterial ergeben. Gegenstand der Anklage: bewußte Verbreitung einer Krankheit, die verheerender ist als die asiatische Pest, weil sie den gesamten geistigen und sittlichen Bestand unserer Welt bedroht. Sie tritt unter den verschiedenartigsten Formen auf, sowohl als offene Raserei wie auch als unterirdischer Brand. Als Blutrausch und als Schizophrenie. Als Generationspsychose wie als Affektepilepsie. Sie ist ansteckender als jede andere bekannte Seuche und verwandelt die von ihr Betroffenen in unzurechnungsfähige Maniaken. Ihr äußeres Kennzeichen ist der Haß. Ein Haß, der allen Kitt zerbricht, alle Bindungen löst, die menschlichen und die göttlichen, und an finsterer Wut ohne Beispiel in der Geschichte ist. Ihre größte Gefahr, daß ihr am widerstandslosesten die Jugend erliegt. Mittelst der Bezauberung durch gewisse Worttoxine bewirkt sie eine völlige Anästhesie des Herzens und eine Erschütterung der lebenswichtigsten Grundgefühle.« Er schwieg ein paar Sekunden und preßte die Hand vor die Augen. »Es war auch ein Verteidiger zugegen,« fuhr er fort; »er wendete ein: wir haben es mit einem Einzelnen zu tun. Einem zufälligen Repräsentanten, der selber Opfer ist, bewußte Übertragung ist zu leugnen, die Ansteckung geht vom Charakter aus, an dem er unschuldig ist. Das Argument war leicht zu entkräften. Wenn es mir gelingt, einen virulenten Bazillus zu isolieren, der etwa die Ausstrahlungskraft eines Radiumatoms hat, werde ich mich doch nicht besinnen, ihn unschädlich zu machen. Gewöhnliche Bakterien sind schon imstande, durch die harte Schale der Vogeleier zu dringen, die geistig-seelischen Infektionen sind viel unaufhaltsamer, ihre Keimträger spotten jeder Vorkehrung. Den Tod, den sie in sich tragen, kann man nur durch den Tod abwehren, den man ihnen gibt. Sie verstehen, Andergast. Sie verstehen mich. Ich riskierte nichts. Der Entschluß genügte. Wir haben alkalische Gifte von augenblicklicher Wirkung. Chemisch kaum nachweisbar. Minimale Dosis, Morphiumspritze dazu, die Prophylaxe ist vollzogen . . .« Er erhob sich schwerfällig, Etzel zu gleicher Zeit mit ihm. Sie sahen einander an. Kerkhoven breitete die Arme zur Seite und ließ sie mit dumpfem Geräusch wieder an die Hüften fallen. Er ging auf und ab, auf und ab, die rechte Hand im Nacken. Er sagte: »Es kam nicht dazu. Der Mann Joseph Kerkhoven konnte nicht. Der Mann Joseph Kerkhoven kann das überhaupt nicht. Ob es für ihn spricht oder gegen ihn, lasse ich dahingestellt. Was unterscheidet mich von dem Menschen, der den Entschluß in die Tat umgesetzt hätte? Dieses Ich, das festgefrorene unentrinnbare prästabilierte Ich. Vielleicht wäre es geschehen, wenn meine Nase um zwei Millimeter länger oder kürzer wäre oder wenn ich im Gangliensystem meines Gehirns einen Zentralfaden weniger oder mehr hätte. Wer kann das wissen . . .« – Etzel machte ein paar Schritte und trat ihm in den Weg. Er legte beide Hände sacht auf Kerkhovens Arm. Seine Lippen zuckten. Er sagte: »Die Sache Lorriner-Andergast legen wir zu den Akten, Meister. Ja?«

 

Kerkhoven sah auf die Uhr. Halb drei. »Teufel, Teufel,« rief er, »höchste Zeit, sich in die Koje zu begeben.« Im selben Moment klopfte es leise. Durch die Tür zum Speisezimmer trat Marie ein. »Verzeih, Joseph,« sagte sie schüchtern, »ich will nicht stören, aber es ist doch schrecklich spät. Ich konnte nicht schlafen, hatte ein bißchen Herzklopfen, und wie ich ins andere Zimmer ging, hörte ich dich sprechen. Du mußt doch auch mal ruhen, Joseph. Seien Sie mir nicht böse, Herr von Andergast,« wandte sie sich an Etzel, »ich bin sonst keine besorgte Henne, aber der Mann treibt Raubbau mit seiner Gesundheit. Wirklich, er sündigt geradezu.« Sie trug einen langen Schlafrock aus blaugrünem Samt, der ihrer Gestalt etwas Blumenhaftes verlieh. Wie sie so auf der Schwelle stand, in zaghafter Haltung, von der Ungehörigkeit ihres Eindringens überzeugt, die sprechenden blassen Augen in dem blassen Gesicht vorwurfsvoll auf ihren Mann gerichtet, erinnerte sie entfernt an die Figur des Engels in der Verkündigung von Lorenzo di Credi. (Blume, Engel; der Leser wird denken, es sei des Guten zuviel, und den Verfasser einer gerührten Vorliebe beschuldigen; das mag sein, schon weil es wohltuend ist, nach all den harten und trostlosen Erörterungen eine freundliche Stimme zu vernehmen. Außerdem hatte ihr unerwartetes Erscheinen zu dieser Stunde etwas Befreiendes und Unwirkliches.) Kerkhoven ging auf sie zu und sagte: »Du hast recht, Marie. Es ist ein Unfug. Wir waren aber gerade im Begriff, die Sitzung aufzuheben. Geh nur, Liebste. Ich komme noch einen Moment zu dir hinüber.«

Etzel glaubte die Spur eines schmerzlichen Spottes auf Maries Lippen wahrzunehmen. Mit diesem Eindruck verließ er das Ehepaar. Er sagte sich: ich fürchte, der Meister vernachlässigt die Frau ein wenig, es sieht mir ganz danach aus.

 

Am andern Mittag war Marie bei Tisch. Bisher hatte Etzel mit Kerkhoven allein gegessen, wenn er sich nach der Hausfrau erkundigte, hieß es, sie sei zu Bett. Aber erst seit Etzel im Hause war, hielt sie sich von den gemeinschaftlichen Mahlzeiten fern, sonst hatten sie ihr die einzige Gelegenheit geboten, eine halbe Stunde mit ihrem Mann zu verbringen, es mußte ihr schon recht elend gehen, wenn sie darauf verzichtete. Sie nahm es auch geduldig hin, daß alle zehn Minuten eine telephonische Nachricht kam, von Doktor Römer unten oder von der Anstalt oder von einem Patienten, zu einer gemütlichen Unterhaltung war Kerkhoven zu benommen, oft hörte er kaum hin, wenn sie sprach, dann machte sie aus ihren Händen ein Schallrohr und rief ihn laut beim Namen, wie wenn man jemand über die Straße hinweg anruft. Er schreckte empor, lächelte beschämt und beugte sich über den Tisch, um abbittend ihre Hand zu küssen, die sie ihm resigniert überließ. Das war die Regel. Trotzdem freute sie sich seiner Gegenwart. Seit Etzel wiederhergestellt und gewissermaßen Mitglied der Familie geworden war, legte sie auf dieses Beisammensein zu dreien keinen Wert mehr. Der fremde junge Mann als täglicher Tischgast hätte sie täglich in eine fremde Gesellschaft versetzt. Sie wäre längst nach Lindow gefahren, wenn ihr nicht jede Ortsveränderung eine Mühe gewesen wäre und sie sich nicht vor dem Aufenthalt auf dem Gute gefürchtet hätte.

Heute hatte sie sich schon beim Erwachen wohler gefühlt als an den Tagen vorher, es war herrliches Hochsommerwetter, die trockene Wärme machte sie ganz glücklich. Um elf Uhr war sie in die Stadt gegangen, um Besorgungen zu machen, und hatte zu ihrer freudigen Überraschung unter den Linden Tina Audenrieth getroffen (geborene L'Allemand, wir wissen von ihr), die sie seit sechs Jahren nicht gesehen; im letzten Jahr war sogar der Briefwechsel zwischen ihnen eingeschlafen. Sie hatten einander viel zu erzählen gehabt, zwei Stunden waren nur so verflogen; »beinah hätt ich sie zum Essen mitgebracht,« schloß sie ihren lebhaften Bericht. – »Schade, daß dus nicht getan hast,« sagte Kerkhoven, »ich hätte sie gern wiedergesehen, sie war mir ja immer besonders angenehm.« – »Ich glaube, ihr habt sogar mal einen kleinen Flirt gehabt,« erwiderte Marie. – »Ja, einen winzig kleinen, äußerst puritanischen. Ist sie immer noch so sehr gehalten, so sehr Dame?« – »Ich fürchte. Ich hoffe. Du kannst dich ja bald davon überzeugen. Sie will in Berlin bleiben und bei ihrer jungverheirateten Tochter in Dahlem draußen wohnen. Wir haben verabredet, daß sie im August für eine Woche zu mir nach Lindow kommt. Wär schön, wenns wahr wäre. Wird ja nicht wahr sein.« – »Warum nicht? warum so skeptisch?« – »Dinge, auf die man sich freut, treffen selten ein. Außerdem, Tina . . . du weißt ja . . . sie ist ein Pflichtenathlet.« Ein Schatten flog über ihr Gesicht, dann erhellte es sich wieder. »Richtig, noch etwas wollt ich dir erzählen. Kennst du eine Miß Eleanor Marschall?« Kerkhoven und Etzel sahen beide wie auf Kommando verwundert empor. »Sie war gestern bei mir. Sie berief sich auf die Bekanntschaft mit dir. Ich soll einem internationalen Komitee von Frauen und Müttern beitreten. Irgendwo in Afrika soll ein Jugendneuland gegründet werden. Ich sagte ihr, daß mir so was gar nicht liegt, wer bin ich denn, die Frau von Joseph Kerkhoven. Nun, ist das nicht genug? fragte sie. Nicht genug, um den Namen öffentlich für mich auszunützen, mußt ich ihr antworten. Schließlich, um sie loszuwerden, hab ich ihr versprochen, mit dir darüber zu reden.« – »Du kannst ihr ruhig den Gefallen tun,« sagte Kerkhoven, »es hat keine Bedeutung.« – Etzel schüttelte stumm den Kopf. Kerkhoven lächelte. Marie sah fragend von einem zum andern. »Natürlich hielt sie mich für eine hoffnungslose Kleinbürgerin,« fuhr sie fort; »erst den Mann um Erlaubnis bitten; ein so rückständiges Wesen ist ja nicht ernst zu nehmen. Ich konnte ordentlich riechen, wie sie mich verachtete. Aber eine interessante Frau. Alles knistert an ihr, und sie sagt einem kaltblütig haushohe Schmeicheleien. Ich hab das ganz gern. Hierzulande wird man in der Beziehung nicht verwöhnt, alle Menschen glauben, sie verstoßen gegen die sittliche Weltordnung, wenn sie einem nicht Wahrheiten sagen, die man um keinen Preis zu hören wünscht. Übrigens erkundigte sie sich auch nach Ihnen, Herr von Andergast. Sie schien zu wissen, daß Sie bei uns wohnen.« Etzel verbeugte sich, ohne eine Bemerkung zu machen.

 

Am Nachmittag gegen sechs Uhr ließ er durch das Mädchen bei Marie anfragen, ob er einige Minuten mit ihr sprechen dürfe. Die gnädige Frau erwarte ihn, wurde ausgerichtet. Sie saß in ihrer kleinen Bibliothek am offenen Fenster, das einen schönen Ausblick auf den Platz der Republik und eine unermeßliche Fläche grüner Baumwipfel gewährte. Die Atmosphäre war wie mit Goldstaub gesättigt, ein Flugzeug schwebte mit dünnem Geklapper über dem Brandenburger Tor. Dieses Bild blieb seinem Gedächtnis für immer eingegraben: die dunkle Silhouette der Frau gegen die rosiggoldne Luft, das endlos hingebreitete grüne Blättermeer im Rahmen des hohen Fensters, das Gesicht mit dem eigentümlichen Bernsteinschimmer der Augen, das sich ihm freundlich-fragend zukehrte. Und noch etwas, wovon er mehr wußte als daß er es wahrnahm, Kerkhoven hatte ihm eine Andeutung gemacht, an der Gestalt merkte man freilich kaum eine Veränderung: aber das bloße Wissen erfüllte ihn mit einer scheuen Ehrfurcht, wie er sie einer Frau gegenüber noch nie verspürt hatte. Deshalb sprach er auch mit leiser Stimme, als ihn Marie zum Sitzen aufgefordert und sich erkundigt hatte, was ihn zu ihr führe. Sie hatte gedacht, er habe irgendeinen Wunsch wegen des Quartiers, sie erinnerte sich, daß der Dusche-Hebel im Gästebad nicht funktionierte und schon lange hätte gerichtet werden müssen; sie hatte es anzuordnen vergessen, überhaupt machte sie sich Vorwürfe, daß sie den jungen Mann noch nicht einmal gefragt, ob er mit seiner Unterkunft zufrieden sei, das wenigste, wozu sie als Hausfrau verpflichtet war. Nun, es ging eben in allem und jedem bergab mit ihr, nicht der einfachsten Aufgabe war sie mehr gewachsen, geschah ihr schon recht, wenn sie sich durch den Gast mahnen und beschämen lassen mußte. So war sie nicht wenig verwundert, als ihr Etzel den Grund seines Besuches auseinandersetzte. Sie hatte sich an das Gefühl ihrer Unzulänglichkeit in allen häuslichen Dingen schon so gewöhnt, daß sie fast enttäuscht war, als die erwartete Bestätigung ausblieb. Natürlich war das eine fixe Idee von ihr; wenn sie auch seit dem Beginn ihrer Schwangerschaft den nüchternen und langweiligen Trott des Haushalts noch nüchterner und langweiliger empfand als sonst und körperliche Schwäche wie auch eine gewisse Stumpfheit des Gemüts (an der sie mehr litt als an allem andern) ihre Willenskraft und Arbeitslust lähmten, besaß sie doch so viel Erfahrung, so viel Überlegenheit, daß ihr die Aufrechterhaltung der Ordnung keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Sie hatte nie zu den Frauen gehört, die ihre häuslichen Lasten zur Schau tragen und durch laute Klagen und stumme Dulderblicke den Eindruck erwecken wollen als seien sie zu Größerem geboren als Speisezettel zu machen und Rechnungsbücher zu führen. Dergleichen haßte sie, solchen Geschöpfen ging sie in weitem Bogen aus dem Weg; wenn sie das Materielle und Äußerliche der Existenz nicht spielend meistern konnte, was war sie dann denen wert, die davon den Nutzen haben sollten, und was war eine Leistung wert, die erst durch Schweiß beglaubigt und durch das schlechte Gewissen der andern bezahlt werden muß? So erlernte sie das »Spiel«, obschon es. manchmal ermüdend genug war und die dabei nötige gute Miene einige Selbstüberwindung kostete. Es war auch nicht bloß Glück oder Zufall, daß sie ihre Leute seit Jahren hatte; sie liebten sie und sahen ihr alle Wünsche von den Augen ab.

Wunderlich, was der junge Mensch da redete. Warnung vor Eleanor Marschall. Marie dürfe sich auf keine Weise mit ihr einlassen. Bestechende Eigenschaften könnten nicht geleugnet werden, allein ohne die gäbe es ja keinen zureichenden Anlaß für einen Schritt, der, er sei sich darüber klar, sehr mißdeutet werden könne. Er habe ernstlich überlegt, ob er zu einer so ungewöhnlichen Demarche berechtigt sei; so heiße es ja in der Diplomatensprache, er finde kein besseres Wort dafür; doch habe er sich gesagt, er sei es dem Meister schuldig und er sei es der gnädigen Frau schuldig. Der Meister nehme solche Dinge zu leicht; er denke zu groß; er stehe zu hoch, als daß er sich um das Gekrabbel unter ihm viel kümmern könne, es dringe einfach nicht zu ihm hinauf. Auch spürten so lautere Naturen gar nicht das Zweideutige und Zweifelhafte einer Person wie Nell Marschall, die durchaus kein schlechter Mensch sei, durchaus nicht, die aber zwischen echt und unecht, heilig und unheilig, wahr und unwahr nicht zu unterscheiden wisse, und das sei gefährlicher und verhängnisvoller als wenn einer ausgesprochen schlecht sei. Er habe das am eigenen Leib erfahren, er kenne sie, er kenne sie gut. Wahrscheinlich brauche sie den Meister zu einem bestimmten Zweck, sie handle nie ohne bestimmten, fast immer sehr edlen Zweck, und deshalb trachte sie zunächst, die gnädige Frau für sich zu gewinnen; sei man aber einmal von ihr eingefangen, dann käme man schwer wieder los, sie habe eine tolle Kraft im Beherrschen und Festhalten.

Marie hörte sich das alles stillverwundert an. »Aber lieber Herr von Andergast,« sagte sie, als er geendet hatte, »Sie machen sich überflüssige Sorgen. Beruhigen Sie sich. Bis mich jemand einfängt, wie Sies nennen, hat es gute Wege. Es gibt da nicht viel Lockungen.« – Etzel betrachtete sie neugierig. »Interessieren Sie sich denn nicht für Menschen?« fragte er. – »Doch. Aber mehr auf Distanz. Mehr als Zuschauer.« – »Ist das nicht ein Luxusstandpunkt?« – Marie lachte leise vor sich hin als hätte sie den Einwand erwartet. »Ganz gewiß,« antwortete sie, »warum soll ich mir den Luxus nicht erlauben? Oder finden Sie, daß ich nicht das Recht dazu habe?« – Er hatte die dunkle Empfindung, ihr zu nah getreten zu sein, und murmelte etwas Entschuldigendes. – »Macht nichts,« spottete Marie, »ein kleiner Nasenstüber. Das tut nicht weh.« – Komisch, dachte er, das nennt sie schon Nasenstüber. In ihrem Ton war eine Ablehnung, die ihn verdroß, und eine Müdigkeit, die ihm Mitleid einflößte. Ich bin ihr entschieden unsympathisch, sagte er sich und überlegte, welche seiner Eigenschaften ihr mißfielen. Vermutlich waren es nicht einzelne Eigenschaften, sondern seine ganze Person. Dem ließ sich schwer abhelfen. Soviel er wußte, waren Frauen in solchem Zustand reizbar und launenhaft, das hatte er zu bedenken, darauf war Rücksicht zu nehmen, auch um des Meisters willen, vielleicht gelang es ihm zu anderer Zeit, Gnade vor ihren Augen zu finden. Wenn es sich aber herausstellte, daß er ihr als Hausgenosse unerwünscht, als Mensch zuwider war, dann konnte seines Bleibens hier nicht länger sein, dann mußte er seine sieben Sachen zusammenpacken und sich trollen und zwar schleunig, sonst hielt sie ihn am Ende für einen Kleber und Schmarotzer. Doch wie sich darüber vergewissern? Er konnte ihr nicht in seiner gewohnten Manier zu Leibe rücken. Er hatte Angst vor ihrem Spott, vor ihrem hintergründigen Lächeln, sogar vor ihren Gedanken. Sie schüchterte ihn ein, alles was er sagte, erschien ihm als Verstoß, er war wütend über seine Unbeholfenheit, und während er sich mit etwas finsterer Eile verabschiedete, kam er zu dem Schluß, daß diese »Demarche« kein besonders geistreicher Einfall gewesen sei.

 

Bei der ersten Gelegenheit, die sich bot, sprach er mit Kerkhoven über den in ihm aufgetauchten Zweifel. Kerkhoven sagte: »Grillen, mein Lieber, die müssen Sie sich aus dem Kopf schlagen. Es war die Idee meiner Frau, Ihnen das Logis anzubieten, daraus können Sie ersehen, wie falsch Ihre Vermutung ist.« Etzel war keineswegs überzeugt, aber er tat als wäre er es. Und so war auch Kerkhoven nicht sicher, ob Marie, die wenig Verstellungskunst und noch weniger Verstellungslust besaß, sich ihre Abneigung nicht zu deutlich habe anmerken lassen. Als sie ihm berichtete, daß Andergast bei ihr gewesen, nickte er und erwiderte, leider habe Etzel den Eindruck gewonnen, daß er ihr als Gast nicht angenehm sei; er trage sich mit der Absicht, das Haus wieder zu verlassen, was sehr zu bedauern sei, da er doch eben erst begonnen habe, sich mit der Neuordnung seines Lebens zu befreunden. Marie sagte verstimmt, sie könne sich nicht erinnern, ihm Grund zur Beschwerde gegeben zu haben, sie sei im Gegenteil ganz besonders nett mit ihm gewesen, einen wie wunderlichen Anlaß er sich auch für seinen Besuch ausgedacht habe. Sie betonte das Wort »ausgedacht«, weil sie der Meinung war, daß er sich lediglich von verstandesmäßigen Erwägungen leiten ließ und niemals von einem Gefühl. Kerkhoven wußte von dem Anlaß nichts, er hatte an eine bloße Höflichkeitsvisite geglaubt; als ihm Marie erzählte, was der junge Mann von ihr gewollt, lachte er hellauf. »Wenn ein Mensch nie aus seinem Charakter herausspringt, wirkt er auf die Dauer wie ein Witz,« sagte er. Es gab kein besseres Mittel, Marie aufzuheitern als wenn er lachte. Da vergaß sie alles, was sie bedrückte, es wurde ihr leicht ums Herz, am liebsten hätte sie seine Hand gepackt, um ihm zu danken. Die freudige Aufmerksamkeit, mit der sie ihm zuhörte, als er ihr die ernste, durchaus nicht aus der Luft gegriffene Ursache von Etzels Warnung erklärte, war der stumme Teil dieses Dankes. Sein Auge allein bewirkte plötzlich, daß sie innerlich schwankend wurde und sich fragte, ob sie mit ihrer Empfindung gegen Etzel Andergast im Recht sei.

 

Ja, es ist wahr, sie hat sich steif und hochmütig benommen, nicht bloß dies eine Mal, schon immer. Was mag der Grund sein? Der wirkliche, nicht der, den sie sich vormacht? Sehr einfach: sie gehört nicht mehr zur Jugend, sie lebt nicht mehr richtig mit. Schmerzliche Betrachtung, aufrüttelnde, da sie bis vor kurzem noch den Glauben in sich genährt hat, sie sei nur durch Ungunst der Umstände von der lebendigen Welt abgeschnürt und es bedürfe eines geringen Anstoßes, vielleicht eines Anrufs nur, damit die unverbrauchten inneren Kräfte wieder in Fluß kämen. Hat sie sich darin getäuscht? Ist sie auf einer der vielen kleinen Haltestellen des Lebens liegen geblieben, ohne es zu merken? Kann einem das überhaupt geschehen? Natürlich kann es, weiß man denn von sich selber, wo man steht? So ist sie also fertig mit ihren kaum sechsunddreißig Jahren? Unversehens, sozusagen über Nacht? Von Jahr zu Jahr hat sie sich damit vertröstet, daß das Entscheidende erst noch kommen werde, der große Aufschwung, die große Wende, und wenn der Todeszug der Tage den unveränderlich ermattenden Rhythmus einhielt, hat sie insgeheim ihre letzte Hoffnung auf eine physiologische Kulmination gesetzt als ob die Natur etwas schenkte, wenn der Mensch es ihr nicht abringt und seinen Preis dafür zahlt. Auch diese Frist ist wohl schon vorüber, obgleich sie in jeder Hinsicht eine Verspätete ist wie alle, die frühreif waren und ihre Existenz zu früh gesichert, ihre Kämpfe zu rasch ausgekämpft haben. Ja, sie ist lässig geworden, hat keine Kühnheit mehr, kein Brio, keine Spannung, ist nur stundenweise gehoben und tätig erglüht, läßt sich gern fallen, ist leicht ermüdet, schnell überdrüssig, von einem nicht sehr widerstandsfähigen Körper schlecht bedient. Schmerzlichste Betrachtung. Alles ist ja erwiesen durch den einen Fall: ein Mann wie Joseph nimmt einen jungen Menschen in sein Leben auf, schenkt ihm grenzenloses Vertrauen, wird von ihm nicht nur als Meister angesprochen, sondern geht auch mit ihm um wie der Meister mit seinem erwählten Jünger; dafür muß er ausreichende Gewähr haben, triftige Gründe, es kann kein sanguinischer Traum sein, es muß einer dahinterstehen, der solche Erwartungen auch zu erfüllen vermag, oder Kerkhoven ist nicht Kerkhoven. Und sie? sie tut als ginge es sie nichts an, spielt die zweifelnde Beobachterin, stellt sich abseits, um sich überheblich zu verschließen. Das ist nicht mariehaft, ganz und gar nicht, Gott weiß, woher es kommt, es ist wie ein Unkraut in ihr, man muß es ausjäten.

 

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