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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Er schwieg ein paar Minuten. Er schien nachzudenken und seine Erinnerungen zu sammeln. Es lag alles so weit zurück, für ihn nämlich, dem ein Jahr noch ungeheure Zeit war und in dessen randvoller Gegenwart das Vergangene keinen Raum hatte. Kerkhoven saß weit nach vorn gebeugt, die Unterarme zwischen den Schenkeln. Andergast lachte ein wenig. »Warum lachen Sie?« fragte Kerkhoven. – »Ich muß immer lachen, wenn ich über mich nachdenke,« erwiderte er, »gibts was Komischeres als einen Menschen, der sich ernst nimmt? so richtig blutig ernst? Haben Sie sich immer ernst genommen, Meister? Sie sehn nicht danach aus. Keiner tuts, der ein Kerl ist, und große Leute, glaub ich, haben eine Art Repräsentationslakaien in sich für das Seriöse, damit die kleinen Leute nicht kopfscheu werden.« Er rieb sich mit den flachen Händen die Kniee und nickte mehrmals wie ein Großvater.

Er gibt zu, daß sein Leben von jenem kritischen Punkt an einen etwas abenteuerlichen Zuschnitt bekam. Den Entschluß. die verfluchte Käfigexistenz aufzugeben, hat er ganz plötzlich gefaßt, von einem Tag zum andern, wenn er sich recht entsinnt, wars vor zwei Jahren im Juni. Zuerst hat ihm was vorgeschwebt von Erkundungsfahrten und aufklärenden Pirschgängen, gewissermaßen Sozialforschung auf eigene Faust, mit Notizbuch und eingehaltener Distanz, bißchen Harun al Raschid 1926. Was Unmögliches jedenfalls, von Grund aus Verlogenes und Bequemes, wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß, Spitzel aus ethischen Motiven, ohnehin blieb ihm was davon haften, eine seiner Freundinnen, eine lungenkranke russische Jüdin, jetzt ist sie tot, hat ihn mal Spion Gottes genannt. Warum schaut der Meister so? ja, es ist was dran, es ist nicht so schimpflich wie es ihm damals geschienen, er erinnert sich, daß er die arme Sonja Hester deswegen ziemlich brutal angelassen hat.

Er will nicht zu weit abschweifen, es ist schon bald Mitternacht, und er ist noch am Anfang. Jetzt erst sieht er, wie schwer es ist, dem Meister einen Begriff von seinem verrückten Leben zu geben, weil so vieles ineinander greift, was man nacheinander erzählen müßte, damit es verständlich wird. Es war eben die Gier, alles zu wissen, alles zu erfahren und alles wo möglich auf einmal; sich nichts entgehen lassen, mit beiden Füßen hineinspringen und schwimmen, nur nicht untersinken, um jeden Preis oben bleiben. Die Technik, mit Menschen in Beziehung zu treten, hat er sich schon in der Waremme-Zeit angeeignet, er brauchte sie bloß zu vervollkommnen, es ist in keinem Fall ein Kunststück, man ahnt nicht, wie hungrig im allgemeinen die Menschen auf einander sind, gleichviel wes Alters Standes und Geschlechts; der Zustand, der dem Nichtkennen ein Ende macht, wird als eine Erlösung empfunden: jetzt hab ich dich, Gottseidank. Wozu er den Betreffenden »haben« will, das zeigt sich erst später, selten zu was Gutem, es ist wohl so, daß sich jeder erleichtert fühlt, wenn er sich vergewissert hat, daß der andere genau so ein armer Hund ist wie er selber, da atmet er auf und kann ihn verachten, andernfalls wird er stutzig und verbellt ihn, sodaß die gesamte Nachbarschaft zusammenläuft. Darum will keiner für sich stehen, jeder schützt sich, indem er sich einer Gruppe anschließt, dann wird er nicht mehr allein verbellt, sondern die ganze Gruppe, er braucht keinen persönlichen Mut zur Verteidigung, es genügt der Kollektivmut, eine erbärmliche Sorte Mut. Die Erfahrung hat ihm bewiesen, daß man im Umgang mit Menschen, ob es nun Justizräte oder Straßenräuber sind, keine bessere Regel befolgen kann als sich herunterschrauben, sich platt machen, freundlich grinsen und Pfötchen geben. Das kann er. Er hat es geübt. Es war notwendig, damit es niemand einfiel, ihn zu verbellen. Auf die Weise ist es ihm zum Beispiel gelungen, bei den Unterirdischen Eingang zu finden. Keine Teufel, harmlose Leute meistens, sie stehen nur nicht im Wohnungsanzeiger, und man kann sich nicht mit ihnen sehen lassen. Harmlose Leute, aber schattenhaft, schon durch seine frühe Kindheit sind sie gespenstert, die staatsanwaltschaftliche Funktion des Vaters hat ihn ja nie ruhig schlafen lassen, öffentlicher Ankläger, klang großartig, die Zähne klapperten einem, wenn man es hörte. Natürlich mußte einmal der Tag kommen, wo ihn zu wissen verlangte, wie sich das Verhältnis zwischen Recht und Gesellschaft auswirkt, da hieß es audiatur et altera pars, sonst redet man davon wie der Blinde von der Farbe. Aber wie da rankommen, das war die Frage. Diese Kreise haben eine strenge Exklusivität, das ist nicht wie bei Kommerzienrats, die Türen zu ihren Salons öffnen sich nicht, wenn man bloß auf die Klinke drückt, man muß beglaubigt sein. Bei den Aufräumungsarbeiten in der väterlichen Wohnung hat er Stöße von verstaubten Akten aus den Regalen gezogen, da waren eine Menge Prozesse dabei, von denen er hoffte, sie würden ihm Einblick und Aufschluß geben, aber es war wie wenn einer Hunger hat und man hält ihm ein Stück Papier hin, auf dem das Wort Butterbrot steht. Er schrieb sich jedoch eine Reihe von Namen und Adressen auf und ging viele vergebliche Wege, verdächtige Wege. Zufällig findet er einen berüchtigten Hehler, dem er juristische Werke aus der Bibliothek seines Vaters zum Kauf anbietet. Da er gegen den Schleuderpreis niemals protestiert, setzt er sich in Gunst bei dem alten Halunken, der natürlich annimmt, die Bücher seien unrechtmäßig erworbenes Gut, und so viel Vertrauen zu ihm faßt, daß er ihn mit verschiedenen seiner Stammkunden bekannt macht. Er versteht es sich einzuschmeicheln, er versteht sich auszulöschen, er kennt keine Furcht, und seine Leidenschaft zu wissen ist ohne Maß und Grenze. Freilich weiß er, was er riskiert. Die falsche Flagge, unter der er segelt, wird ihm im Ernstfall wenig helfen, die Etzelvorbehalte werden nicht ausreichen, seinen guten Namen vor einer Befleckung zu schützen, die er momentan vielleicht für nichts achtet, die ihn aber später mehr kosten kann als er zu bezahlen vermag. Denn immer ist ihm zumut als hielte er bei allem Tun sein ganzes Schicksal in Händen wie ein Seilgänger die Balancierstange, eine ungeschickte Bewegung, ein schlechter Griff, und man saust kopfüber in die Tiefe.

Wohnungen locken ihn, das kleine Ameisenleben kleiner Leute, die Hinterhöfe und die Vorstadtgassen, alles Zweifelhafte Anrüchige Zwielichtige, alle Verstoßenen und Verlorenen. Da ist ein Mann, der eine Art Vertrauensstellung bei den Prostituierten einnimmt, er ist ihr Anwalt, ihr Beichtiger, ihr Herzensfreund und betrachtet sie alle als Glieder einer Familie, deren Oberhaupt er ist. Etzel besitzt einen ganzen Stoß handschriftlicher Gedichte von ihm, in denen er, Troubadour der Kneipen und gemiedenen Quartiere, ihre Schicksale besingt und ihre Magdalenenseelen preist. Es kommt vor, daß er sich von einem Taschendieb freihalten läßt und einem Zuhälter Ratschläge erteilt, was man gegen eine Augenentzündung zu tun hat. Er kann sich in einen aufgeregten Redestreit mit irgendeinem Déclassé einlassen, der Anarchist zu sein behauptet und dessen Theorie sich ungefähr mit der der Kuh im Porzellanladen deckt; indem er sich auf das geistige Niveau des Partners herabläßt, spielt er die gewohnte Komödie des erleuchteten Zwergs, an der er seinen Spaß hat, weil sie keiner durchschaut. Er sitzt nächtelang in verrufenen Kaschemmen und polizeinotorischen Lasterhöhlen, macht sich an die gefährlichsten Burschen heran, hört ihren wilden Aufschneidereien zu, schneidet selber auf, daß die Schwarten krachen, doch einmal geschieht es, einer muß ihn denunziert haben, daß man ihn aus dem Lokal wirft und er von Glück sagen kann, daß ihm dabei nicht alle Knochen im Leib zerbrochen sind. Ein andermal nimmt ihn einer der schweren Jungens hopp, bestellt ihn auf seine Bude und sagt ihm auf den Kopf zu, daß er allemiteinander zum Narren halte und ihnen nur die Würmer aus der Nase ziehen wolle. Und er, halb in der Not, halb unter einem Kitzel, der ihm heute noch unverständlich ist, entwaffnet den Mann und bringt ihn zu starrem Nachdenken, indem er ihm vollständig wahrheitsgemäß berichtet, wer er ist und was er im Sinn hat. Die Szene vergißt er nicht. Der Mann saß vor ihm wie ein Riesengötze, hatte ihm beide Pranken auf die Kniee gelegt und schaute ihm mindestens zehn Minuten lang schweigend ins Gesicht, dann sagte er bloß: marsch, verdufte, du Aas. Auch das kann er nicht vergessen, wie er mal dazukam, als zwei kleine Nutten, die eben aus dem Kittchen entlassen waren, wegen einer dritten, die sekundierte, mit langen Messern ein regelrechtes Duell miteinander ausfochten, in einem leeren Möbelwagen, still wie die Schatten . . .

Er hat sich gewissenhaft bemüht, sie zu ergründen, all diese Existenz außerhalb des Gesetzes und am Rande der bürgerlichen Welt. Er hat keine klare Scheidung gefunden. Wo endet Verhängnis, Mißwirtschaft, Schwäche des Systems, und wo beginnt die Verantwortlichkeit derer, die die Opfer sind? Was hatte er schließlich dort zu suchen? Auf Mitgefühl pfeifen diese Leute, Weltverbesserungsideen sind Schaumschlägerei, der Fehler liegt in der Konstruktion, was immerfort knirscht, ist die falsche Verzahnung. Helfen wollen, das ist nicht viel anders wie Gesundbeten, wenn sich einer das Rückgrat zerschmettert hat. Jedes moralische Gericht scheitert an der Frage der Instanz, jeder Charakter ist letztlich unbeurteilbar: diese Erkenntnis befriedigt ihn wie es einen Kranken befriedigt, wenn das Fieberthermometer neununddreißig Grad zeigt und das Delirium anfängt. Überall Lüge, uralt eingerosteter Bestand von Lüge; blickt man tiefer, wird die Lüge Wohltat. Überall Schuld; bedenkt mans genau, wird die Schuld Allschuld, ist also ist mehr zu fassen und zerstiebt. Jede Beweisführung macht einen drehkrank, eh dus merkst, landest du bei Adam und Eva und in der Steinzeit. Manchmal kommt ihm Jugend wie eine Art Wahnsinn vor, alles Denken führt ins Grauen Reden ersetzt das Morphium, und wenn die Meduse ihre Lippen auftut, schreit man, um nicht hören zu müssen, was sie spricht, und sich zu verhehlen, daß einem die Kniee schlottern. Da hat er sich gesagt: hier ist nichts zu holen für dich, es ist mauseng, es ist stockfinster, da kannst du nicht hinein, es ist ein abfaulendes Stück der Welt, da vergeudest du nur die Zeit, spielst mit dem Feuer, in dem die armen Seelen verbrennen und dünkst dich noch groß dabei . . .

 

Es war eine Sackgasse. Gelegentlich hat es ihn wieder hingelockt in die finstere Grenzprovinz der sozialen Welt, er weiß selber nicht warum. Vielleicht gab ihm das Gewissen keine Ruhe. Oder es war ein Laster, das man sich nicht abgewöhnen kann, wie koksen oder Opiumrauchen. Er hat einen Jungen gekannt, dessen Leidenschaft es war, Schlachthöfe zu besuchen und zuzusehen, wie das Vieh getötet wurde, das regte ihn geschlechtlich auf. Er will nicht behaupten, daß es bei ihm was Ähnliches war, aber die unappetitlichste Figur ist der Kibitz, der sich mit Gefühlen befriedigt, wenn andere mit ihrem Blut bezahlen. Eines Tages ist es auf einmal wie eine Eingebung über ihn gekommen, wo er hingehört. Er trifft einen Schulfreund, der Mitglied einer Jugendorganisation ist, der führt ihn dort ein. Das war der Anfang. Entscheidend für ihn war die Erkenntnis seines gefährlichen Alleinstehens. Er fragte sich, ob er überhaupt im Stande sei, mit andern zu leben. Kameraden: ein neuer Begriff. Er entdeckt den Reiz der Aussprache. Es wird so viel geredet und geschrieben von der Jugend als wäre sie ein privilegierter Teil der Menschheit mit Sonderrechten und Spezialproblemen, wunderlich, daß es Jungens gibt, die solchen Quatsch mitmachen, was die Alten betrifft, müssen sie ein verdammt schlechtes Gewissen haben, daß sie jedem Rotzbuben nach dem Mund reden, wer nur für drei Pfennig Stolz hat, bedankt sich für die Speichelleckerei. Immerhin ist zu vermuten, daß sich die von seiner Generation an demselben Knochen die Zähne ausbeißen wie er, vielleicht können sie ihm einen Tip geben, wie man sich vor der großen Pleite schützen kann. Es kommt aber anders. Es zeigt sich, daß jene ihn fast noch nötiger haben als er sie. Er ist an Reise seinen Jahren weit voraus, er hat etwas an sich, wodurch er sich nicht bloß bei Jüngeren und Gleichaltrigen, auch bei Älteren in Respekt setzt, vielleicht weil er sich nie ganz gibt, sich immer in der Hand hat, weil er so kühl ist und so schnell denkt. Solche braucht man. Er gehört zu den Menschen, denen sich Schicksale erschließen wie den Rutengängern die verborgenen Wasserläufe. Das ist eine Gabe, kein Verdienst, hält er bloß still, so ist er schon mitten drin in der Bewegung, und bald steckt er in einem Wirrsal von Geschehen, vielfacher, aufschlußreicher als er je geahnt. Meist beginnt es damit, daß er zum Zeugen aufgerufen wird, es ist unerhört wichtig, Zeuge zu sein, es gibt so wenig reine Zeugen. Sein Waremme-Erlebnis bekommt jetzt erst den eigentlichen Sinn. Man muß Geduld haben mit den Erlebnissen, nach und nach verraten sie einem genau, wer man ist. Aber das ist noch keine Leistung. Das mit dem »Sich nicht ganz geben« hat ja manches für sich, aber hier wird offnes Visier verlangt und der ganze Mensch. Er muß seine Chamäleonsgewohnheiten ablegen und für alles, was er sagt und wagt, die Verantwortung übernehmen. Er darf keine inneren Ersparnisse machen wollen und nicht wie ein habsüchtiger Kassier die Tageslosung nachzählen, besorgt, ob sich das Geschäft auch rentiert. Schluß mit den Vorbehalten, den Hintergedanken, den persönlichen Zwecken. Das wird verlangt. Das ist die Bedingung. Es ist die Form der Treue. Er muß lernen, treu zu sein. Er lernt es. Die Not lehrt es ihn. Wohin er blickt, Not. Leibesnot Geistesnot Lebensnot. Er schämt sich seiner äußerlichen Gesichertheit. Da er aushilft wo er kann, gerät er mit seinen kargen Mitteln selber in Bedrängnis und versucht, seinen Unterhalt zu verdienen. Er ist bestürzt, weil es so schwer ist. Alles besetzt, um jeden Platz wird bis aufs Messer gekämpft, vorübergehend bringt er sich als Schreiber, als Reporter, als Einpauker durch, man wirft ihm vor, daß er Bedürftigeren das Brot wegnimmt, außerdem raubt einem die hirnlose Arbeit kostbare Zeit. Es wird ihm angst und bang bei dem rasenden Wettrennen, es geht um zu wenig, worum geht es denn, natürlich ums Leben, in ketzerischen Augenblicken will ihn dünken, daß es sich um manches Leben kaum verlohnt. Es sind Reste von dem alten Hochmut. Der vergeht ihm bald. Er kann froh sein, wenn er den Mut behält. Er ist beständig unterwegs. Dienst und Beziehungen breiten sich aus. Sie sind längst nicht mehr auf ein und dieselbe Stadt beschränkt. Jede Woche wechselt er sein Domizil wie ein steckbrieflich verfolgter Verschwörer, schläft eine Nacht lang auf einer harten Bank im Eisenbahnzug, setzt sich aufs Motorrad und saust mit verwegener Geschwindigkeit etwa von Hannover nach Magdeburg, oder ein befreundeter Pilot nimmt ihn im Flugzeug mit. Viele Stimmen rufen, vertrösten gilt nicht, es ist oft eine Frage von Leben oder Tod, daß man im rechten Moment zur Stelle ist, da sein ist alles, Nähe ist alles, regelt alles, bringt das Starre zum Schmelzen, verwandelt Urteil in Anteil, macht den Menschen seltsam flüssig und fließend. Eines geht ihm durch und durch: er spürt einen Sturm der Seelen als seien die Seelen aufgebrochen, um zu einem neuen Stern zu wandern, es zieht ihn mit, er kann sich nicht wehren. Das ginge noch an, aber er soll ihnen den Weg zeigen als ob er ein Wegzeiger wäre, er weiß keinen Weg, er sagt: was wollt ihr von mir, ich habe ja auch keinen Schimmer, bin ja auch nur ein armes Luder, aber sie lassen nicht locker, sie haben Erwartungen auf ihn gesetzt, unerklärlich warum, es ist doch nichts an ihm, was treiben sie denn, so was hat die Welt noch nicht gesehen, wenn ihr absolut jemand zum Bischof machen wollt, so wählt wenigstens einen, der die Messe lesen kann. Er schlägt sich bald zu dieser, bald zu jener Gemeinschaft, sonderbar, daß nach seiner Gesinnung kaum gefragt wird, fast keiner außer ihm entgeht der Gewissensprüfung, bei ihm verabsäumen sie es, weil keiner auf die Idee kommt, er sei nicht einer der Ihren. Also doch Wechselbalg? doch den Mantel nach dem Wind gehängt? Möglich, da ist er am Ende mit seinem Latein. Es hat ihm genügt, bei allen die gleiche eiserne Entschlossenheit zu finden, Herr zu werden, so oder so, über die Larven und abgelebten Satzungen einer Welt, die festgefahren ist wie ein Automobil im Morast. Sie wollen aufräumen, sie wollen Ordnung machen, neu soll es werden, anders muß es werden. Aber nur mit dem Leinenkittel, der Lederweste und dem Brotbeutel könnt ihr keine neue Menschheit schaffen, noch weniger mit den politischen Phrasen, brecht ihr nicht mit der Politik, so zerbricht sie euch. Hat der Meister von der Freusburger Tagung gehört? es war so was wie ein Weltkongreß der Jugend, klingt ziemlich lächerlich, Kongreß, war aber doch eine große Sache, sind wunderbare Leute zusammengekommen, um zu beraten und zu berichten. Trotzdem hat er gesehen, so gehts nicht, es ist wieder die Affenkomödie mit links und rechts und ewigem Gezänk und babylonischer Verwirrung, genau wie die Alten sungen, und schon ist der Fanatismus aufgefahren wie ein eiserner Tank, der alles platt walzt, allen Sinn und Verstand. Sie wollten ihn für eine radikale Gruppe gewinnen, aber er hat sich aus dem Staub gemacht, ist wieder seine eigenen Wege gegangen wie vorher und auf die Weise immer tiefer hineingeraten in zahllose Affären. Er hat viele Briefe geschrieben in jener Zeit, hunderte und hunderte, seine Stube war wie ein Büro. Manchmal ist er mitten in der Nacht aufgestanden, weil ihn der Gedanke nicht schlafen ließ: da ist einer, der auf Nachricht wartet wie auf einen Bissen Brot, und du liegst in den Federn. Und was für Briefe hat er erst bekommen, er muß dem Meister welche zeigen, von Komilitonen, jungen Arbeitern Fürsorgezöglingen Ladenmädchen Erzieherinnen, toll was die oft schrieben, keine Mutter, kein Lehrer, kein Geistlicher kriegt solche Geständnisse zu hören, jetzt, wo er den Meister kennt und ein bißchen in den Betrieb hineingeguckt hat, kann er sich vorstellen, was da im Großen los sein muß, wenns bei ihm schon im Kleinen so zuging. Dabei verzweifeln, das kann jeder, nicht verzweifeln, das ist das Kunststück. Gut, daß er das Andergastsche Herz hat, das kalte Herz, wie in dem Märchen von Hauff. Er lacht. Er ist auffallend blaß, während er lacht.

Kerkhoven nahm von dem Lachen keine Notiz, auch von dem kalten Herzen nicht. Er spürte die Erregung in dem jungen Menschen und ignorierte diese Versuche, Unergriffenheit vorzutäuschen. Er sagte ruhig: »Ich wünschte, ich könnte behaupten, Sie übertreiben. Ich kanns nicht. Ich weiß aber, daß sich die menschliche Natur unter allen Umständen, auch unter absolut hoffnungslosen, ihre Glücksentschädigungen verschafft. Rückblicke sind immer tendenziös, meist in der Linie der Verneinung. Es gibt eine spezifische Eitelkeit des Resumees.« – »Ich kann mir schon denken, worauf Sie hinauswollen,« sagte Etzel zögernd, »aber wenn Sie das meinen . . . es hat bei mir immer nur den Rand gestreift.« – »Wir meinen bestimmt das gleiche,« antwortete Kerkhoven freundlich, »Sie haben ja selber darauf angespielt, als Sie von den weißen und den schwarzen Schafen sprachen. Klar, daß Sie sich nicht auf Askese verlegt haben. Und daß es nur den Rand gestreift hat, wie Sie sagen, hab ich nicht anders erwartet.« – »Das klingt wie: hol dich der Teufel, grüner Junge . . .« – »Durchaus nicht. Ich konstatiere nur den Einfluß des Generationengeistes auf die einzelne Seelenlage. Die Summe der Willensrichtungen und die Zeitverfassung sind eben stärker als die angeborene Art.« – »Eine exakte Formulierung,« bemerkte Etzel anerkennend, »man sollte das Wort Liebe aus dem Wörterbuch streichen. Es ist ein leeres Klischee geworden.« – Kerkhoven lächelte. »Kühnes Diktum. Beneidenswert, wenn man so einen Besen hat, um den Jahrtausendschutt auszukehren. Vielleicht hat sich wirklich manches verändert. Wollen wir sagen: Liebe ist eine Form, die mit den Epochen wechselt. Sie verliert Sinn und gewinnt Sinn im Verhältnis zu andern Lebensinhalten.« – »Man muß genau wissen, mit wem man zu tun hat,« sagte Etzel; »wenn jemand von Leidenschaft redet, muß man ihm mißtrauen. Sich selber auch. Fast alle Leidenschaft ist halb freiwillige Kopflosigkeit. Das Ärgste ist Schwülheit, das Zweitärgste Feigheit mit Gefühl, das Drittärgste, daß man jedesmal Limonade kriegt, wenn man sich auf mousseux gefreut hat. Ja oder nein. Herumfeilschen, gräßlich. Eine bestimmte Geschmacksrichtung vorausgesetzt macht es keinen großen Unterschied, wer die Partnerin ist. Wodurch entsteht denn die Verlogenheit? Daß wir mit Literatur verseucht sind, mit guter oben, mit schlechter unten, und der Natur romantisch aufhelfen wollen, was sie gar nicht nötig hat, wenigstens bei gesunden und gradgewachsenen Menschen nicht.« – »Ich weiß, ich weiß, das ist eure Anschauung,« antwortete Kerkhoven, immer mit der nämlichen ruhigen Freundlichkeit. »Sehr ökonomisch. Sehr aufrichtig. Es ist ein neuer Gesichtspunkt, ohne Zweifel. Die anders denken sind übel dran. Sie würgen sich sozusagen in den Schlingen ihrer Träume zutode. Es ist ein Gott gestorben, zumindest wird es verkündigt, und sein Himmel wird zur Kaserne umgebaut.« Etzel blickte überrascht empor. Das war wieder so ein Kerkhovensches Wort, bei dem plötzlich alles schrecklich hell um einen wurde. Mit einem Anflug von Trotz sagte er, in diesen Dingen wisse er sich völlig eins mit seinen Freunden und Freundinnen. Es sei ein ungeschriebener Vertrag, der bewirke, daß dem Einzelnen allenfalls weniger zukomme als bisher, daß er aber in dieser Beschränkung leichter und selbstverständlicher zu seinen natürlichen Rechten gelange. Rationierung des Unentbehrlichen. Das hat man der Gesellschaft nicht etwa abgerungen, nein, sie hat sich gar nicht bemüht, ihre Privilegien zu verteidigen, es ist ja ein morsche und geistloses System, mit dem man es zu tun hat, ein frisierter Leichnam.

Noch fester, noch tiefer dringt Kerkhovens Blick in den jungem Menschen. Zwar scheint es als billige er alles was dieser sagt, als stimme er ihm im Innersten zu, doch liegt zugleich eine geheimnisvolle Abwehr, ein schmerzliches Bedauern in seinem Wesen, das Etzel nicht entgeht und ihn sogar beunruhigt. Alles schön und gut, sagt Kerkhoven, aber wenn Etzel sich ehrlich prüft, muß er doch zugeben, daß man bei der Gefühlsrationierung nicht satt wird. Ist ihm nicht bisweilen zumut als habe er die Dämonen von seiner Schwelle verjagt, mit denen freilich bös zu hausen ist, die aber in ihrem Sturm auf das menschliche Herz es erst zum Blühen bringen? Nein, erwidert Etzel und schaut vor sich nieder, davon weiß er nichts. Kerkhoven wundert sich oder stellt sich so. Der vorgesetzte Zweckwille fegt wie ein Nordwind durchs Leben und macht es einem kahlgeschorenen Feld gleich, sagt er. Etzel erhebt sich und geht mit den Händen in den Hosentaschen ein paarmal durch das Zimmer. Kerkhoven fährt fort: »Der jugendliche Organismus erzeugt ein gewisses Quantum Zärtlichkeit und in der Wechselwirkung ein gebieterisches Bedürfnis danach, man hat darüber keine Gewalt, die Quelle liegt im Übersinnlichen.« Und wie entschuldigend fügt er hinzu, es sei ein Problem, mit dem er sich gezwungenermaßen viel beschäftige, schon weil ein anderes, ebenso wichtiges im engsten Zusammenhang damit stehe. »So, welches?« fragte Etzel neugierig, trat an den Tisch heran und griff zerstreut nach Kerkhovens Uhr, die noch immer dort lag. »Ich habe gefunden,« sagte Kerkhoven, »daß dieses elementare Zärtlichkeitsverlangen, wenn es aus der natürlichen Bahn gedrängt wird, ins Gleichgeschlechtliche hinüberschlägt. Und daß die Verbindungen, die sich daraus ergeben, einen hochgeistig verdünnten oder einen sozial schuldbeladenen Eros über sich setzen. Dagegen wehrt sich etwas in der Menschheit. Es gibt nämlich ein biologisches Gewissen, und das wird davon beunruhigt.« In Etzels Gesicht leuchtete es auf. »Biologisches Gewissen . . . fein,« murmelte er, »feine Sache.« – »Ich habe es in einem Fall erlebt, einem einzigartigen freilich,« sprach Kerkhoven weiter, »der betreffende Mensch . . . fast alles was ich bin verdanke ich ihm . . . man müßte selber groß sein, um ihn zu schildern . . . da war eine tragische Unfruchtbarkeit zuletzt, ich möchte sagen eine heilige Unfruchtbarkeit, die zu einem förmlichen Sühnetod, einem Märtyrertod führte. Und wenn ich auch bloß Zeuge war, bloß im sympathischen Kreis stand, befiel mich doch manchmal eine schicksalhafte Angst, wie bei einem Verrat. Das Unheilvollste, was ein Mensch tun kann, Andergast, ist, daß er seine Instinktbasis verläßt. Das Wort ist nicht von mir, ein bedeutender Forscher hat es geprägt. Nicht nur dem Handelnden, auch dem Zeugen wird es zum Verhängnis. Ihr führt, ihr laßt euch führen, wißt ihr denn immer ganz genau, wohin ihr führt und wer euch führt?« – Etzel setzte sich langsam wieder auf seinen Sessel. Er hatte Kerkhovens Uhr in der Hand behalten und drehte mechanisch am Federspanner. Kerkhoven dachte: er wird mir die Feder überdrehn. Die schlanken Finger bewegten sich unbewußt gequält. Die Lippen waren aufeinandergepreßt. Was der Meister da gesagt hatte von der schicksalhaften Angst und dem Verhängnis der Zeugenschaft, war ihm in die Glieder gefahren. Es war was dran. Die Augen wollen alles gesehen, die Sinne alles gewußt haben, der Kamerad ist wie ein brüderlicher Gott, in seinem Blut schmeckst du dich selbst: aber nur die Seltenen, es können Hohe, es können Niedrige sein, sind durch Bestimmung dem eigenen Geschlecht verhaftet, der Troß hält sich an eine ausgegebene Parole, macht aus der Abart die Regel, aus der Not eine Gelegenheit und ein Gelüst. Auch das mit dem Verrat hat etwas für sich: er entsinnt sich, daß ihm manchmal zumut war als begehe er eine Felonie an einem unbekannten Wesen, das sich schon in Bewegung gesetzt hat, um aus der Zukunft auf ihn zuzuschreiten. Er schüttelt es freilich ab, es sind Velleitäten. Gespensteraberglauben von anno Tobak. In einem Punkt irrt der Meister gründlich: führen, das hat er nie gewollt. Wie sollte er, Etzel Andergast, führen, der selber so dringend der Führung bedarf, der geradezu der Mensch ist, der ohne Führer verloren ist? Träumt er sich doch zuzeiten einen imaginären Wächter oder Lenker an seine Seite, einen herrlich überlegenen und unvergleichlich weisen, weil ihm zu Sinn ist als müsse er sich ohne den glatt hinlegen und seine Adern in den Erdboden verströmen lassen, als Zeichen nur, als Opfer. Wie in so vielen ist auch in ihm die verzehrende Sehnsucht nach Führerschaft, sodaß man sich aus lauter Ungeduld an einen vergibt, der selber nicht recht weiß, wo Gott wohnt, nur weil es eine Zeitlang ausgesehen hat als könne er einen um eine Station weiterbringen. Hätte er sich denn sonst mit Jürgen Lorriner überhaupt eingelassen?

Leiser Knacks. »Hat er mir richtig die Uhr kaputt gemacht!« rief Kerkhoven mit gespielter Entrüstung, nahm Etzel die Uhr aus der Hand und schlug ihm scherzhaft auf die Finger. Das Eigentümliche war, daß er gar keinen Ärger empfand, eher Zufriedenheit, er konnte sich selbst nicht erklären warum.

 

Er erinnerte sich später nicht mehr, ob er es war oder Etzel, der den Namen Lorriner zuerst genannt hatte. Jedenfalls kam es in dieser Nacht zu keiner weiteren Mitteilung. Nicht nur wegen der vorgerückten Stunde. Kaum war jener Name gefallen, als Etzel in ein grüblerisches Schweigen versank, das zu brechen Kerkhoven die Mühe nicht gescheut hätte, wenn nicht zugleich eine Art körperlichen Verstummens damit verbunden gewesen wäre. Nicht recht zu entscheiden, was es war. Müdigkeit schwerlich. Dieser Mensch wurde nicht müd. Dennoch war das Gesicht erschreckend blaß, der Blick unstet und in sonderbarer Nervosität auf die Tür gerichtet als könne sie sich jeden Moment für eine gefürchtete Erscheinung öffnen. Schließlich steigerte sich der Zustand bis zu einem fieberähnlichen Anfall mit Zähneklappern und krampfigem Ballen der Fäuste. Er war sichtlich wütend darüber, als benehme er sich unschicklich. Kerkhoven rückte dicht zu ihm heran und nahm ihn beinah in die Arme. Da verging es.

Er war ziemlich sicher, daß es nur eines geringen Anstoßes bedürfe, um Andergast über sein Verhältnis zu Lorriner und diesen selbst zum Sprechen zu bringen. Überflüssig, es eigens zu betreiben, jetzt, wo es so weit war. Er sah nicht voraus, daß der Anstoß wenige Tage später gewaltsam und von außen erfolgen sollte, nicht ohne daß seine Person in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es war aber nicht Etzel, der Kerkhoven herbeirief, sonderbarerweise wurde dieser durch Marie veranlaßt, rechtzeitig einzugreifen.

 

Am Mittag des betreffenden Tages war Etzel zum ersten Mal bei Kerkhovens zu Tisch. Marie war bis zur letzten Stunde unentschlossen gewesen, ob sie an der Mahlzeit teilnehmen solle, erst auf Kerkhovens Bitten willigte sie ein. Sie hatte sich die ganzen Tage her schlecht gefühlt, noch keinmal hatte sie der Beginn einer Schwangerschaft so deprimiert, das bedeutete gewiß nichts Gutes. Sie sehnte sich nach den Kindern und mochte doch nicht auf das Gut hinaus, sie hatte triftigen Grund zu dieser Unlust; die Buben für einen Tag hereinkommen zu lassen, ließ zuviel Trubel befürchten, obwohl Kerkhoven es ihr nahelegte, er hatte seine Söhne seit Wochen nicht gesehen. Nach Aleid bangte ihr auch, sie hätte nur ein Wort sagen, nur telephonieren müssen, und das junge Mädchen wäre, über den Sonntag etwa, von Dresden herübergekommen. Selbst das brachte sie nicht über sich. Alle Energie war von ihr gewichen, aller Schwung, was war denn das für eine Marie? Sie kannte sich nicht mehr. Was sollte sie da mit diesem jungen Herrn von Andergast anfangen, der ihr, wennschon nicht ganz uninteressant, so doch in jeder Weise störend war und ihr Gefühl von Artigkeit Bescheidenheit und Erziehung beständig beleidigte? Joseph wollte es freilich nicht wahr haben. Er behauptete sogar, man merke ihm die gute Kinderstube deutlich an. Der Treffliche; gerade in dem Punkt war es um seine Autoritär schwach bestellt, trotz allem, was er aus sich gemacht hatte. Sie erinnerte sich lächelnd an die geharnischten Philippiken der seligen Senatorin Irlen. Erst gestern hatte er ihr erklärt, daß Andergast, wäre er aus einem schlechteren Stall, unvermeidlich vor die Hunde gegangen wäre; als quasi mutterloses Kind sei er frühzeitig in die Kälteregion des Daseins getreten, schon in einem Alter, wo andre seiner Klasse nur von Zuckerbrot und nicht von der Peitsche wissen, sei er zur Anpassung und Verteidigung genötigt gewesen, so einer müsse fest auf seinen zwei Beinen stehen, wenn er nicht über den eigenen Schatten stolpern wolle. Marie dachte: alles schön und grün, aber soll ich ihm dafür um den Hals fallen wie die germanischen Jungfrauen dem siegreich heimkehrenden Krieger? Kann ihn einfach nicht leiden.

Sie wußte, daß zwischen Joseph und Etzel Andergast eine entscheidende Aussprache stattgefunden hatte. Kerkhoven hatte einige Andeutungen gemacht, sehr vorsichtig wie es seine Art war, da er ja das Geheimnis des andern zu wahren hatte. Sie hatte aufmerksam zugehört, ohne ihren Blick von seinem beständig ausweichenden zu lassen (es war ja noch immer so, daß er einem nur ganz selten in die Augen sah), sie spürte natürlich, daß es da um Dinge ging, die seinen allerstärksten Anteil forderten, wenn sie auch die Person ablehnte, um die es sich handelte, aber was sie beunruhigte, und je mehr, je länger sie darüber nachdachte, war die ausschließliche Richtung des Anteils eben auf die Person. Man merkte ihm an, daß er unter einem Eindruck stand, dem er sich auf keine Weise entziehen konnte. Er wirkte absolut wie jemand, der sich von einem Bild, einer Gestalt, einem Erlebnis unter keinen Umständen losmachen kann und unaufhörlich wie behext auf denselben Punkt starrt. Das hatte sich, so weit sie sich erinnern konnte, in einem solchen Grad nur ein einziges Mal ereignet, in der Zeit seiner Freundschaft mit Irlen und von Irlens Todeskrankheit. Aber wie konnte sich dieser Einundzwanzigjährige, mochte sein Schicksal noch so merkwürdig, sein Charakter noch so problematisch, sein Wesen noch so anziehend sein (möglich, daß etwas Anziehendes an ihm ist, gab Marie widerwillig zu), wie konnte er sich mit einem Irlen messen? Damals war auch der Arzt in Kerkhoven geboren worden, Freundschaft und Arztschaft hatten einander wechselseitig getragen, wechselseitig erhöht, aber hier . . . Ein Joseph Kerkhoven, der Mann, auf den die Augen der Welt gerichtet waren, konnte nicht der Freund eines unreifen Jünglings sein, das war nach seiner ganzen Anlage und seinem Begriff von Freundschaft undenkbar; Weckung Leitung Hilfe, was man will, konnte er ihm angedeihen lassen, obwohl nicht erfindlich war, wo er die Zeit dazu hernehmen sollte, da er doch nicht einmal Zeit für seine Kinder hatte, von der Frau zu schweigen. Und eine ärztliche Aufgabe war nicht vorhanden, das hatte er ausdrücklich betont, im engeren Sinne wenigstens keine. Deshalb fühle er sich auch dem jungen Menschen gegenüber so angenehm entspannt, sagte er, brauche seine Sympathie, sein Vertrauen, sein Wohlgefallen nicht zu dosieren, seine Worte nicht abzuwägen, wie es ihm im Umgang mit fast allen andern Menschen zur zweiten Natur geworden sei. Leider. Die Gründe lägen auf der Hand. »Ich bin der Mann, der durch das ›Sesam öffne dich‹ wohl in die Höhle hineingelangt ist,« schloß er, »aber heraus kann er nicht mehr. Nicht weil er das Schlüsselwort vergessen hat, sondern weil ihn die Leute drinnen nicht mehr fort lassen.« Das wußte Marie längst, und doch war es traurig zu hören. Wo war s ie? Er in Ali Babas Höhle, und sie? Wo blieb ihr Leben? Eigen genug, aber alle ihre Befürchtungen und heimlichen Ängste, die zunehmende Erschütterung ihres Lebensgefühls wie die Vorahnung von Gefahr, alles verkörperte sich in dem jungen Menschen und flößte ihr einen instinktiven Haß ein gegen ihn. Sie sagte sich zwar. es ist unsinnig, es ist ungerecht, aber mit der Gerechtigkeit stand sie ja nicht auf bestem Fuß, wie wir wissen, und gelegentlich einen Unsinn zu begehen konnte sie sich auch erlauben, da sie im allgemeinen ihre fünf Sinne musterhaft beisammen hatte.

 

Etzel erschien, o Wunder, mit drei prachtvollen Rosen, die er der Hausfrau mit tiefer Verneigung überreichte. Marie nahm sie errötend entgegen und dankte äußerst beflissen, man ist ja immer dann am verlegensten, wenn einen ein Mensch beschämt, über den man unfreundlich denkt. Kam hinzu, daß sie für solche kleine Egards sehr empfänglich war, sie ging noch weiter, sie nannte es bestechlich, wer ihr eine Blume schenkte, hatte einen Stein im Brett bei ihr. So war sie von Anfang an gut aufgelegt, besser als Kerkhoven erwartet hatte, und in seiner Freude darüber lobte er ihr Aussehen und das Kleid, das sie trug. Noch ein Wunder, dachte Marie, was ist denn für ein Tag heute, alle Saulusse bekehren sich. Etzel war wie aus dem Ei gepellt, Jackett, tadellos gebügelte Hose, Lackschuhe, er bewegte sich viel freier als bei der ersten Begegnung mit Marie, obgleich er ihr die nämliche fast scheue Ehrerbietung bezeigte. Diesmal fühlte sie sich nicht so frostig davon angerührt, im Gegenteil, die zarte Rücksicht, die er bei allem was er tat und sagte auf sie nahm, als dürfe er ihre achtunggebietende Gegenwart keinen Augenblick vergessen, schmeichelte ihr bis zu einem gewissen Grad, sie erschien sich liebenswürdiger, auch Joseph erschien ihr liebenswürdiger, weil er nun in seiner Vorliebe für ihn nicht mehr so unbegreiflich war. Zudem mußte sie viel über ihn lachen. Sie lachte ja so gern. Ihre Haut wurde ganz rosig, wenn sie lachte, und förmlich durchsichtig, sie sah aus als sei sie zwanzig. Er hatte eine drollige Art, die Augen zu rollen, wenn er in Eifer geriet, manchmal streckte er auch die gespreizten Finger in die Luft. Wenn sie oder Kerkhoven etwas sagte, was sein Interesse erregte, nahm er eilig das Brillenfutteral aus der Tasche, zog die Brille heraus, setzte sie auf, starrte mit komischer Wißbegier auf den Mund des Redenden, um dann die Brille mit einem befriedigten verwunderten oder zweifelnden Hm umständlich wieder in das Futteral zu verfrachten. Er erzählte unter anderm von seinem Verkehr in Universitätskreisen, in Geheimratsfamilien, wo man der höheren Bildung huldigte und noch Ideale hatte. Hier in Berlin habe er es so ziemlich aufgegeben, in der Provinz jedoch sei er diesem oder jenem Freund zuliebe oft in solche Gesellschaften gegangen, auch um sein Weltbild zu ergänzen, man muß doch wissen, wie es im Olymp aussieht. Da gab es zum Beispiel eine Frau von H., Witwe eines Literarhistorikers, die hatte jeden Mittwoch einen Jour, dann eine Frau von E., Witwe eines Philosophen, die hatte auch einen Jour, Freitags, beide überwachten einander, zählten nach, wieviele Personen und welche zu der andern kamen, manchmal besuchte auch Frau von H. den Jour der Frau von E. oder umgekehrt, das war dann eine feierliche Angelegenheit wie wenn die Witwe des Numa Pompilius bei der Witwe Marc Antons zum Tee erschiene. Jede hatte ihren besondern Heiligen, so eine Art Quartalsgenie, in dessen Gegenwart die andern Leute nur zu flüstern wagten, und wenn so einer mal was vorlas, war es eine sakrale Handlung, wobei nur Kerzen brennen durften. Einmal war eine berühmte Tänzerin da, gar nicht ätherisch, eher massiv organisiert, die las einen himmellangen Aufsatz über Rhythmus und Religion vor; peinlich zu denken, daß jetzt die Gänse nicht mehr bloß hüpfen, sondern sich auch die Federn ausreißen, um damit zu schreiben . . .

Sie waren bereits beim schwarzen Kaffee, da wurde Kerkhoven dringend am Telephon verlangt. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Etzels Gesichtsausdruck sich vollkommen veränderte, und zwar innerhalb einer Sekunde. Er wandte den Blick von der Tür, hinter der Kerkhoven verschwunden war, heftete ihn auf Marie und sagte leise und schnell: »Ich habe eine große Bitte, gnädige Frau. Ich habe nicht gehofft, daß ich sie anbringen kann. Wenn ich morgen im Lauf des Vormittags nicht beim Meister erscheine, Sie können ihn ja fragen, ob ich da war, dann sagen Sie ihm, ich werde ihm schreiben, sobald ich kann. Und ihm erklären . . . Und daß ich ihm danke. Für alles was er getan hat. Ich weiß nämlich nicht, was bis morgen . . . Aber bitte, gnädige Frau, nicht heute mehr . . . ich möchte keinen blinden Alarm machen . . .« – »Ich verstehe nicht . . . ich fürchte, ich bin nicht die geeignete Person für eine derartige Botschaft,« erwiderte Marie zurückhaltend. – »Nein, gnädige Frau, sagen Sie das nicht. Ich . . . es ist so (mit ersticktem Zorn in der Stimme): ich muß endlich mit ihm fertigwerden. So oder so.« – »Mit wem? mit wem fertigwerden?« – »Mit . . . Sie wissen natürlich nicht . . . der Name sagt Ihnen nichts . . . mit Jürgen Lorriner . . .« Hastig hob er die Tasse an die Lippen, denn man hörte Kerkhovens wiederkehrende Schritte.

Unvermindert mißtrauisch, hegte Marie den Verdacht, daß es sich um eine aufgebauschte Geschichte handle. Junge Leute machen sich gern wichtig. Bei genauerem Nachdenken schien ihr aber der Gedanke unzulässig, daß dieser trotzig gefaßte, vermutlich sehr stolze Mensch sie in so dringlicher Weise überfallen hätte, wenn eine bloße Lappalie dahintersteckte. Sie sah sein Gesicht vor sich, die Spannung darin, die Offenheit, die kraftvolle Wahrhaftigkeit, kurz, die Sache ging ihr im Kopf herum. Als Kerkhoven um sieben Uhr telephonierte, um ihr mitzuteilen, daß er spät abends nach Neubabelsberg müsse und es daher ungewiß sei, wann er nachhause komme, hielt sie ihn trotz seiner spürbaren Pressiertheit am Apparat fest, und mit einem kleinen Unbehagen, weil sie sich nicht an das schweigende Zugeständnis gehalten, den Tag verstreichen zu lassen, berichtete sie, was ihr Andergast aufgetragen. »So? wann war denn das?« fragte er nach einer Pause. Sie erinnerte ihn, daß sie mit Andergast ein paar Minuten allein gewesen sei. Sie habe zuerst kein Gewicht auf das Ganze gelegt, aber jetzt habe sie doch das Gefühl, daß sie nicht schweigen dürfe.

Kerkhoven hatte von der Charité aus angerufen. Nachdem er abgeläutet hatte, blickte er eine Weile ernst vor sich hin. Die übertriebene Lebhaftigkeit heut Mittag hat mir gleich nicht gefallen, dachte er. Er hatte die Adresse Lorriners in seinem Notizbuch aufgeschrieben und sah nach. Glasgower Straße 10. Das war weit im Norden, an der Müllerstraße. Das Vernünftigste war, sofort hinauszufahren. Wo Etzel Andergast gegenwärtig sein Quartier hatte, wußte er nicht. Daß er nicht mehr bei Lüttgens wohnte, hatte er ihm gesagt. Nach den beunruhigenden Andeutungen zu schließen, die er gegen Marie gemacht, war anzunehmen, daß er sich bei Lorriner aufhielt. Die Frage war nur, ob sie sich in dessen Wohnung befanden. Er mußte sich vergewissern. Allenfalls dort warten oder jemand finden, der ihn auf eine Spur brachte. Einige Minuten vor acht hielt das Auto vor dem Haus in der Glasgower Straße. Es war ein riesiger moderner Ziegelbau, ganz neu, auch im Innern noch blank, Treppen und Flure erinnerten an ein Spital. Bei der Unzahl von Kleinwohnungen war es nicht eben leicht, sich zu orientieren. Endlich stand er vor der richtigen Tür, im fünften Stock, am Ende eines Korridors, der so lang wie eine Rennbahn und spärlich beleuchtet war. Während er nach dem Taster suchte, um zu läuten, hörte er eigentümliche, dumpfe Schreie, alle in derselben Tonlage und in regelmäßigen kurzen Pausen. Es war nicht zu unterscheiden, ob sie aus dieser Wohnung oder einer benachbarten kamen. Er hatte gerade den Finger auf den elektrischen Knopf gedrückt, als die Tür von innen heftig aufgerissen wurde und ein weibliches Wesen mit allen Zeichen der Entsetzens an ihm vorbeilaufen wollte. Er rief sie an, sie prallte zurück. Der Raum, aus dem sie gestürzt kam, war ein Mittelding zwischen Küche und Rumpelkammer, ein schmales Gelaß, mit Kisten, Büchern, an Nägeln hängenden Kleidern angestopft, auf einem Herd standen mindestens dreißig leere Flaschen. Hinter diesem Raum lag wohl das Wohnzimmer, und jetzt war es nicht mehr zweifelhaft, daß die Schreie, die Kerkhoven vernommen hatte, aus diesem Zimmer drangen. Natürlich klangen sie nun verstärkt, einzelne waren länger schriller und wilder, aber im ganzen hatten sie etwas unheimlich Monotones. So so, murmelte Kerkhoven. Er glaubte zu wissen, was das bedeutete. Da in der Küche oder Rumpelkammer Licht brannte, vermochte er das Gesicht der Person zu sehen, mit der er beinah zusammengestoßen war. Es war Emma Sperling, genannt Spatz. Sie erkannte ihn gleichfalls. Sie starrte ihn fassungslos an, mit verdrehten Augen. Seltsam, daß in den Lippenwinkeln noch immer das verschlagene Mona-Lisa-Lächeln haftete. »Kommen Sie,« flüsterte sie erregt, »gut, daß Sie da sind, kommen Sie . . .« – »Ist Andergast drinnen?« fragte er. Sie nickte nur.

Da ging er hinein.

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