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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Kerkhoven trug den Brief zwei Tage mit sich herum, ehe er sich zu antworten entschloß. Es geschah unvermittelt, spät nachts, als er von einem Krankenbesuch bei einem fünfzehnjährigen Mädchen nachhause kam, das an einer schweren Kokainvergiftung mit Halluzinose litt. Der Fall hatte ihn erschüttert, er war zu erregt, um schlafen zu können, so setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb an Frau von Andergast wie folgt:

Verehrte Frau! Ich bin Ihnen für die eingehende Darstellung eines nicht alltäglichen Sachverhalts umso dankbarer, als ich Ihren Brief für einen Vertrauensbeweis anzusehen habe, den Sie dem Unbekannten auch hätten verweigern können. Sie haben mir die Binde von den Augen genommen, sodaß ich endlich klar zu sehen vermag, und wieder einmal muß ich mir sagen, wie kläglich man mit der Erfahrung dran ist, wenn es sich um die Erkenntnis des Menschen handelt. Ein unsäglich geheimnisvolles Wesen ist der Mensch, ohne seherische Gaben kann man ihn kaum enträtseln. Ihre Bemerkung von dem Blütengarten, der sich Ihnen erst im Zustand der Welke auftat, hat mich außerordentlich bewegt. Ein einfaches Bild, und wie überzeugend gibt es einen Vorgang wieder, dessen tiefe Gesetzmäßigkeit wir erst zu ahnen beginnen. Die Katastrophe, auf die Sie am Schluß Ihres Schreibens hindeuten und von der Sie mit Recht annehmen, daß sie sich bis auf den heutigen Tag erstrecke, ist ja kein singulärer Prozeß gewesen, sondern ein allgemeiner und ein naturnotwendiger. Betrachten Sie diese etwas doktrinäre Feststellung nicht als Empfindungs- und Phantasiemangel, ich bitte Sie, aber den Aufschluß, den ich Ihnen schuldig zu sein glaube, oder die Auslegung bloß, kann ich nur geben, wenn ich meinen Zirkel so weit wie möglich spanne, über das Persönliche hinaus.

Sie haben an Ihrem Sohn Etzel das erlebt, was alle Mütter, alle Väter an ihren Kindern erleben. Die Mehrzahl von ihnen geht blind daran vorüber, und wenn sie sich auch der Tatsache nicht verschließen, nach der Ursache zu forschen fühlen sie sich nicht versucht. Nicht zu diesen rechne ich Sie, gnädige Frau, Ihr Brief hat mir einen hohen Begriff von Ihrem klaren Blick und der Kraft Ihres Herzens gegeben, dennoch haben Sie vielleicht die wahre Natur des Geschehenen verkannt, und ich wage zu hoffen, daß ich Ihnen einen neuen Aspekt eröffnen kann und daß Sie dann die Dinge mit andern Augen ansehen, weniger trostlos und mehr im Sinn einer werdenden Anthropomorphie, zu der ich hier mit unzulänglichen Mitteln einen Beitrag liefere, betitelt etwa: der seelische Absturz und Charakterbruch bei den Siebzehn- und Achtzehnjährigen.

Man ginge sehr fehl, wenn man das Unternehmen des siebzehnjährigen Etzel als eine einmalige Eingebung, beruhend auf einer einzigartigen Geistes- und Gemütsverfassung ansähe. Der sogenannte gesunde Menschenverstand sträubt sich natürlich gegen eine andere Betrachtungsart, ihm ist alles ungewöhnlich Scheinende verdächtig, nur der Zauberer tut für ihn Wunder, nicht die ewig wunderbare Natur. Ich für meine Person bin überzeugt, daß Etzel, als er wie ein hochgemuter Sankt Georg auszog, den Drachen zu töten, wie ein richtiger Junge handelte, genau wie hunderttausend andre Jungens, nur ein wenig folgerichtiger in seinen Entschlüssen, ein wenig logischer in seinem Denken, ein wenig entflammbarer in seinem Gefühl. Nun, auf das Wenige kommt es eben an. Es ist eine Frage des Bewußtseins. Bewußtsein scheint als Strahlung innerhalb eines scharf begrenzten Kreises zu wirken, der sich nur bei erlesenen Individuen merklich erweitert. Sonst wäre es unerklärlich, daß der Vierzigjährige nichts mehr von seiner Zwanzigjährigkeit weiß, der Zwanzigjährige sogar den Fünfzehnjährigen, der er war, bis zu einem Grad vergessen hat, daß die Regungen Begierden und Leidenschaften, die ihn damals erfüllten, nur noch um den Rand seiner Träume zittern und sich später derart umkrusten, daß manche Seelenforscher es für nötig halten, die Schale aufzusprengen, wenn sie die Persönlichkeit enträtseln wollen. Man hat sogar eine Therapie darauf gebaut. Ich konnte es immer wieder beobachten, jeder blickt auf sein früheres Ich wie auf eine unvollkommene Form herab, deren er sich zu schämen hat, in die verdammt er das Opfer tadelnswerter Verirrungen war. Warum denn bloß? Warum liebt kein Gewordener den, aus dem er geworden ist? Als ob jedes Heute das Gestern umbringen und auffressen müßte, damit ein Morgen sein kann. Lernten wir doch wieder zurückzuschauen, die Gegenwart wäre uns vielleicht erträglicher und die Zukunft nicht so finster.

Kein Siebzehnjähriger wird sich über Etzel Andergasts Tun gewundert haben. Die gesetzten Leute mußten sich wundern, und ihr Zweifel an der Vollbringung, der Möglichkeit des Vollbringens war ein Akt der Selbstverteidigung. Was sollten auch junge Menschen daran zu staunen haben? Sie sind ja des gleichen Aufschwungs fähig. Fast alle sind bereit, sich ohne Vorbehalt einzusetzen; träfe sie zur rechten Stunde der rechte Ruf, keiner würde sich verweigern. Es ist ein Zustand seelischer Unabhängigkeit und geistiger Entschlossenheit, den das Leben im selben Maß zerstört wie es die Forderung nach seiner Erhaltung und sozialen Einordnung geltend macht. Der Verlauf wird nur darum nicht in seiner ganzen Aussichtslosigkeit empfunden, weil er so tückisch allmählich ist. Zum Glück. Wäre es anders, so müßten sich die meisten anständigen Menschen mit neunzehn Jahren erschießen. Gewiß, viele waren schon im Mutterleib gezeichnet, viele haben ihre Kindheit in einer Verwahrlosung zugebracht, die sie für immer zu Schuldnern der Gesellschaft macht: auch zu ihren Gläubigern, aber was nützt der Anspruch bei angesagtem Bankrott. Ich habe zahllose gesehen von den frühzeitig Gebrochenen, die das Gift ererbter Lebensschwäche im Blut tragen und zwangsläufig ins Laster, ins Verbrechen, in die Selbstvernichtung geraten. Zahllose, aber ich zähle sie nicht mit. Ich denke nur an die normale Entfaltung. Da tritt mir überall dieselbe unerbittliche Haltung entgegen, das Ins-Auge-Fassen des Ganzen statt eines Teils und die bis zur Askese gehende Verachtung der gegenwärtigen Nützlichkeit zugunsten einer künftigen, kurzum das, was wir Vierzig-Fünfzig-Sechzigjährigen nicht verstehen, weil wir es vergessen haben, nicht verstehen wollen, weil uns damit das Dach überm Kopf fortgerissen wird. Absurd genug: das eigentlich Menschenwürdige erscheint vernunftwidrig. Oder um bei unserm Fall zu bleiben: das Etzelhafte wird zur Abnormität.

Ich möchte nicht bei Ihnen in den Geruch kommen, verehrte Frau, als wolle ich die Halbwüchslinge auf ein Postament heben, das sie ohne Unterlaß selber für sich errichten, oder als stelle ich mich taub gegen den Lärm, den unsere jungen Leute von ihrer Jugend machen. Minderjährigkeit allein gibt noch keinen Vorrang, nicht einmal in einer Welt, in der die Väter ihren Söhnen unter anderm eingestehen müssen, Gerechtigkeit zu erwarten sei eine törichte Illusion. Aber ist nicht vieles von dem, was uns auf die Nerven fällt und das Herz bedrückt, das Schwinden jeglicher Ehrfurcht, die eisige Kälte der Formulierung, das unergründliche Mißtrauen gegen die geschichtlich gesetzten Institutionen, ist es nicht Ausdruck der Verzweiflung, und haben nicht wir diese Verzweiflung entfacht? Auf Abwehr ist alles in diesem Alter eingestellt. Ich könnte Ihnen von jungen Menschen erzählen, die bis zur Selbstgeißelung, bis zum blutigen Bruderhaß daran leiden, daß die Welt so ist wie sie ist und, um sich dafür zu rächen, irgendeine Gemeinheit begehen, einen niederträchtigen Verrat, eine kriminelle Handlung sogar. Ich weiß von einem Knaben, der Gedichte so leidenschaftlich liebte, daß er in der Verborgenheit seiner Kammer Stunden damit verbrachte, sich schöne Verse vorzulesen, aber wenn ein Kamerad in seinem Beisein dasselbe tat, spuckte er aus und höhnte über das Geleier. Ein anderer hatte einem alten Diener, den seine Eltern wegen einer geringfügigen Verfehlung entlassen hatten, den Koffer zur Bahn getragen, und als ihn ein Schulfreund dabei betraf und am nächsten Tag die Rede darauf brachte, wurde er knallrot und schwor Stein und Bein, er sei es nicht gewesen, nannte sogar den Namen einer Familie, die er zur selben Zeit besucht haben wollte. Ein Alibi der Schamhaftigkeit. Sie könnte in vieler Hinsicht erziehlich auf uns wirken, diese Scham des jugendlichen Menschen. In der Seele der Siebzehnjährigen ist ein Richtungsweiser, der unbeirrbar wie die Magnetnadel, obschon zitternd wie sie, auf das Vollkommene weist, und es will mir scheinen, daß sich darin ein elementarer Trieb der Menschennatur zeigt, der ursprüngliche sittliche Instinkt, der, mögen die Mechanisten sagen was sie wollen, uns genau so eingeboren ist wie der des Hungers und der Fortpflanzung. Nur ist er verletzlicher und gefährdeter, und um sich von der Niedrigkeit der Umwelt äußerlich nicht abzuheben bedarf er eines schützenden Gehäuses. Die Zugeschlossenheit dieses Alters ist in der Tat größer als die erfahrensten Erzieher wissen. Um Erklärungen bin ich nicht verlegen, wenn man mich danach fragt, viele sind schon zu Gemeinplätzen geworden und jedem psychologischen Quacksalber geläufig, der Einschlag sinnlicher Strömungen etwa und die zu ihrer Bewältigung erforderliche Seelenarbeit, oder der klaffende Zwiespalt zwischen Freiheit und Bindung. Das Nächstliegende wird nicht beachtet, das ungeheure Gewicht der Welt nämlich, das nicht in langsamer Zunahme und so den Geist gewöhnend fühlbar wird, sondern mit zermalmender Plötzlichkeit auf den Unvorbereiteten niederwuchtet. Mit dieser Materie sich befassen heißt einen unbekannten Kontinent betreten, dessen Bewohner nicht allein unsere Sprache nicht sprechen, sondern überdies eine hostile Schweigsamkeit bewahren. Ihre scheinbare Offenheit darf uns nicht zu dem Glauben verführen, daß sie sich mitteilen, ihr vorgebliches Interesse an uns Bejahrteren ist ein verwickeltes System von Heuchelei, und noch ihr Wissensdurst ist eine Falle für uns. Sie täuschen uns damit über ein Wissen hinweg, das sie a priori besitzen, eine Intuition der Welt von einer Glut und einem Reichtum, der gegenüber unsere empirische Lebenskenntnis sich ausnimmt wie ein Gemüsegarten gegen eine Tropenwildnis. Ein ungewußtes Wissen freilich, wenn Sie mir das Paradoxon verzeihen wollen, und ein praktisch unverwertbares, das sich nicht funktionell, nur als seelisch-geistige Disposition auswirkt. Nutzanwendung auf das Leben kann nicht aus ihm gezogen werden, ohne daß die Unschuld verlorengeht, mit der es steht und fällt. Wenn ich Wissen sage, bediene ich mich der erstbesten Wortkrücke, es ist ein Zustand konzentrierter Empfänglichkeit und feinsten Spiegelungsvermögens, der auch bei bevorzugten Exemplaren nur eine kurze Spanne Zeit dauert und bei den meisten folgenlos erlischt. Ich sehe in ihm den eigentlichen Geniemoment im Leben des jungen Menschen, das Reservoir für alle späteren Leistungen. Genau genommen kann er keine Erfahrung mehr machen, keine Entscheidung über sein Schicksal treffen, kein Werk vollenden, die ihm in diesem Augenblick höchster Steigerung und Spannung nicht schon innegewohnt hätten.

Fassen Sie, verehrte Frau, das Gesagte nicht so auf als wollte ich Sie belehren, ich bitte Sie darum. Das Gegenteil ist der Fall. Mich selbst wollte ich belehren, meine zerstückten Gedanken und da und dort gewonnenen Einsichten zusammenfassen, die Dinge einmal recht greifbar vor mich hinstellen und mir auf diese Art, auf dem Weg der Rekonstruktion, zu dem Bild verhelfen, das Ihnen Etzel nach dem Kollaps darbieten mußte. Denn nur so kann ich den heutigen Etzel begreifen, nur so mir die dazwischenliegenden Jahre anschaulich machen, auch ohne Kenntnis der Ereignisse, nur so in seine Labyrinthe dringen und ihn, vielleicht, ich will es hoffen, herausgeleiten. Ich traue mir das zu. Warum auch nicht? Was wärs denn groß, alles was ich gewirkt habe, wenn ich mirs nicht zutrauen dürfte? Ich taste mich also zurück bis zu dem Tag, wo jene krankhafte Athymie begann, von der Sie berichten. Er war höher hinaufgetragen worden als viele andre, der Sturz mußte umso tiefer sein. Aber er hätte nicht den katastrophalen Zusammenbruch erfahren, wenn es nicht zugleich die katastrophale Lebensepoche gewesen wäre. Die Enttäuschung, die einer erleidet, der zum ersten Mal das Fundament der menschlichen Gesellschaft auf seine Tragfähigkeit prüft, ist wohl die schrecklichste von allen. Die Forderung nach Gerechtigkeit macht auf unsereinen keinen Eindruck mehr, wir sind abgestumpft dagegen, und sie kommt uns reichlich unreif vor, wenngleich sie so alt ist wie die Welt, so alt wie ihre Vergeblichkeit, aber sie in der eignen Brust quasi als Idee entdecken, das ganze Sein darauf stellen und vor dem Tribunal der Menschheit damit abgewiesen werden, das muß erlebt werden, muß überstanden werden, und wers übersteht, der hat eben den Knacks weg, wenn so einer wieder in die Höhe kommen will, muß er schon eine Bärennatur haben. Eben noch sahen wir eine hingerissene Feuerseele, jetzt liegt ein Haufen Hilflosigkeit da. Kein Aufruhr mehr, kein Fieber, nicht einmal eine richtige Finsternis, nur Leere. Nichts annehmen, nirgends hinrühren, nicht gefragt werden, nicht gehegt werden, nur leer sein und leer bleiben. Er hat alles durchschaut, man kann ihm nichts mehr vormachen, er ist fertig, er ist alt. So jung ist er noch. Nicht wahr, so ist es gewesen, verehrte Frau, ein Winterschlaf der Seele, das muß es gewesen sein. (Und ist es noch.) Alles Schwebende Zarte Naive, das ihm eigen gewesen sein muß, verschwunden wie eine blühende Landschaft verschwindet, wenn der Eisenbahnzug in einen Tunnel fährt. Ich habe natürlich keine Vorstellung von der Dauer und den besonderen Symptomen des Zustands, ich skizziere ungefähr die mir bekannten Formen, doch wenn ich mir Etzels Charakter und Wesensart vor Augen halte, weiß ich schon, daß alle meine Schulbilder vor der Wirklichkeit verblassen, die Sie durchlitten haben. Und ebenso weiß ich, ich hätte es nicht in Ihrem Brief erst lesen müssen, daß Ihr Leiden noch weit entfernt von Heilung ist. Aber wir dürfen uns über eines nicht täuschen, auch für ihn ist der Sturm nicht vorüber, der ihn zu Boden geschmettert hat. Dabei ist der fast einundzwanzigjährige ein alter Mann, gemessen am Siebzehnjährigen, jede Dekade unseres Lebens hat ja ihr Kindes-Mannes- und Greisenalter, wodurch freilich das Wunderbare entsteht, daß wir immer Kind und Greis zugleich sein können. Das Zeitvergehen half ihm nichts, die Peripherie seines Daseins umzog sich mit Nüchternheit, die unaufhaltsam gegen die Mitte vordrang, schließlich sollte er etwas »werden«, das erwartete man doch von ihm, und was hätte er werden sollen, frage ich, da er doch eben aufgehört hatte zu sein? Es gibt keine verhängnisvollere Ratlosigkeit als die des Achtzehn- oder Neunzehnjährigen nach dem Absturz, wenn er etwas »werden« soll.

Was mir noch zu sagen übrig bleibt, verehrte Frau, denn ich muß zum Schluß kommen, erschöpft sich in einem einzigen Satz. Ich will mich dieses jungen Menschen bemächtigen. Ich will ihn führen. Ich will ihn aufschließen und die Seele aus ihrem Kerker befreien, denn sie wartet ja nur darauf, dessen bin ich sicher. Ich habe mir die Aufgabe gesetzt, und ich werde sie nach meinem besten Vermögen vollenden. Fürchten Sie nichts. Sorgen Sie sich nicht. Es ist eine unsinnige Kraft in ihm, Kraft der Selbstbewahrung, eine animalische Kraft, die dem Leben gewachsen ist, und eine geistige, die den Tod nicht anerkennt, in keinerlei Gestalt. Ich habe in meinem eignen Leben erfahren, was der Mensch am Menschen verrichten kann. Als ich um vier Jahre jünger war, hatte ich einen Freund, der tat das nämliche an mir, mit unvergleichlich größeren Mitteln allerdings, was ich jetzt versuche, an Ihrem Etzel zu tun. Und so bezahle ich nur dem Schicksal eine Schuld, da doch alles was wir haben geliehen ist.

Es ist vier Uhr morgens, eben schlägt die Uhr, und die Hand gehorcht mir gerade noch so weit, um Ihnen meine Ehrerbietung zu übermitteln.

 

Kerkhoven, der täglich um sechs Uhr aufstand und um halb sieben frühstückte, schlief am folgenden Morgen um acht Uhr noch, und Marie war ein wenig beunruhigt, als ihr das Mädchen dies mitteilte. Wenn ein Mann, der nie von der Regel abweicht, einmal gegen sie verstößt, kann er das ganze Haus dadurch in Aufruhr versetzen. Marie trat leise an seine Schlafzimmertür, öffnete einen Spalt, und da sie ihn friedlich atmen hörte, entfernte sie sich wieder. Als sie durch das Arbeitszimmer ging, fiel ihr Blick auf den Schreibtisch, und sie sah eine Menge beschriebener Blätter dort liegen. Seine feste klare, fast kalligraphische Handschrift hatte immer etwas Abziehendes für sie, die Ordnung und Übersichtlichkeit bereiteten ihr einen ästhetischen Genuß, so nahm sie das oberste Blatt und las den Schlußsatz: es ist vier Uhr morgens, eben schlägt die Uhr . . . Da wußte sie Bescheid um sein Langschlafen. Sie wunderte sich über die Länge des Briefes, setzte sich hin, las da und dort eine Stelle, wurde immer mehr gefesselt, fing dann von Anfang an und las bis zu Ende. Den Brief der Frau von Andergast hatte Kerkhoven ebenfalls offen liegen lassen, neben seinem. Marie las auch diesen, sehr aufmerksam, und als sie damit fertig war, den Brief ihres Mannes zum zweiten Mal. Wohl hatte sie das Gefühl, eine Indiskretion zu begehen, es war sonst nicht ihre Art, in Kerkhovens Korrespondenz zu stöbern, sie war sogar so ängstlich darin, daß sie jedes herumliegende, nicht für sie bestimmte Blatt Papier, wenn es auch nur eine mit Bleistift hingekritzelte Notiz enthielt, ohne es anzusehen in einer Lade des Schreibtischs verwahrte. Hier war die Lockung zu groß. Wenn sein armer Kopf nicht von einem Dutzend solcher Affären voll wäre, hätte er mit mir darüber gesprochen, entschuldigte sie sich vor sich selbst und beschloß, es ihrerseits jedenfalls nachzuholen und ihm den Übergriff zu beichten. Doch sie hatte beinah Furcht. Der Brief an die unbekannte Frau erfüllte sie mit scheuem Respekt. Sie kam sich wie auf einen hohen Berg hinaufgehoben vor, wo sich ihr Kerkhovens Bild in einer durchsichtigeren Luft zeigte, reiner und wahrer als in der trüben Niederung des alltäglichen Tages. Sie saß in tiefen Gedanken. Die »blassen Blumen« öffneten sich weit und blickten durch das Fenster in einen waschblauen Aprilhimmel. Man verliert einander aus den Augen und aus dem Sinn, dachte sie, wo bist du denn eigentlich, Joseph? gib mir doch auch einmal wieder von der herrlichen Speise, die du an so viele austeilst, meinst du nicht, daß mich danach hungern könnte? Sie erschrak, schüttelte ganz schnell und kurz den Kopf, stand auf und ging in sein Schlafzimmer hinüber. An seinem Bett stehend, schaute sie eine kleine Weile versonnen in das Gesicht des Schlafenden, dann beugte sie sich herunter und küßte ihn auf die Stirn. Es war nur ein Hauch, trotzdem erwachte er sofort. Sie wußte: nun wird das unsägliche Entsetzen in seinen Zügen sein wie immer, wenn man ihn aufweckt. Und so war es auch. Er fuhr empor und starrte sie an wie ein Gespenst. Nur eine Sekunde lang, dann war er wieder bei sich, bei ihr, aber Maries Herz zog sich doch schmerzlich zusammen. Da lag eine Qual dahinter wie vom Anfang der Welt, die Angst der Kreatur vor den chthonischen Gewalten.

 

Beim Frühstück gestand sie ihm, daß sie die Briefe gelesen habe. »Das ist gescheit,« sagte er, »hoffentlich bist du nun von deiner Abneigung gegen Andergast geheilt.« Ihre unschlüssige Miene belehrte ihn, daß dem nicht so war. Sie begriff es selbst nicht, denn es stand ja so mit ihr, daß ihr Geist mit krankhaftem Verlangen alles einsaugte und verarbeitete, was von der Außenwelt an Geschehen und Gestalten zu ihr drang. Es war eine Begierde, die immer heftiger wurde, ein nervöses Fieber, besonders draußen auf Lindow war ihr oft zumut als sei sie von den Menschen vergessen worden und müsse sich schleunigst, von weither, aufmachen und zu ihnen gehen, um wieder in ihren lebendigen Kreis aufgenommen zu werden. Das Gefühl des Weitentferntseins wurde sie überhaupt nie recht los, wenn es noch ein paar Jahre so fortgeht, sagte sie sich manchmal, bin ich mit vierzig ein schrulliges Original aus einem Roman von Dickens. Nach ihrer ganzen Veranlagung und nach allem, was sie nun von Etzel Andergast wußte, hätte sie sich für ihn interessieren müssen, ein ungewöhnlicher Mensch, der ungewöhnliche Wege ging und von Leben und Erlebnis vibrierte, wie hätte sie keinen Anteil daran nehmen sollen. Doch ihr innerer Widerstand war unbesiegbar, etwas in ihr lehnte sich gegen ihn auf, nahm ihn nicht an, wollte nichts wissen von dieser »Unbedingtheit«, der unnachgiebigen »Forderung«, dem Kriegszustand in Permanenz. Zu viel Finsterkeit, zu viel Krampf. Zu wenig Blüte, zu wenig Liberalität. Sie sagte das nicht geradezu, sie ließ es nur durchblicken; wenn sie sich negativ äußern mußte, tat sie es mit einer liebenswürdigen Schüchternheit und Vorsicht und vermied jede Schärfe. Doch war sie in der Debatte unvergleichlich gewandter als Kerkhoven, oft gar nicht zu fassen und erst recht nicht zu schlagen; er begnügte sich meist mit einer etwas lässigen Parade und flüchtete schließlich in philosophisches Schweigen. »Das Merkwürdige ist, daß fast alle Gerechtigkeitsfanatiker so provokant ungerecht sind,« sagte sie, »woher kommt denn das? Wahrscheinlich verausgaben sie in der Idee so viel von ihrer geliebten Gerechtigkeit, daß für ihr Privatleben nichts mehr übrigbleibt. Als Kind, wenn von einem Gerechten die Rede war, dacht ich mir immer einen Mann, der aussah wie der Prophet Jeremias, schrecklich langer Bart, blutunterlaufene Augen, die knöcherne Faust in der Luft, jedenfalls nicht sehr gepflegt, nicht angenehm zum Haben.« – »Das wird schon so sein,« erwiderte Kerkhoven lächelnd, »die großen Dinge und die großen Leute sind nicht bequem, das geb ich zu. Aber hör mal,« lenkte er ab, »da ist was passiert mit Andergast . . .« In wenigen Worten erzählte er der gespannt Aufhorchenden, wie Etzel vor einigen Tagen nicht unbedenklich verwundet in die Anstalt gekommen, dort behandelt worden, nun aber auf dem Weg rascher Heilung sei. »Hättest du was dagegen,« schloß er, »wenn ich ihn ein oder das andre Mal zu uns zu Tisch bitten würde? Ich glaube, es wäre ihm sehr gedient damit, es würde ihm was bedeuten.« Marie hatte nichts dagegen. Sie fragte nur etwas erstaunt, weshalb er ihr den Vorfall verschwiegen habe; alles was diesen Andergast betreffe, scheine ihn seltsam unfrei zu machen. »O, nicht verschwiegen,« sagte Kerkhoven aufstehend, mit dem obligaten Blick auf die Uhr, »ich wollte erst mit mir ins reine kommen. Du hast ja gelesen . . . Die Hauptsache steht mir jetzt bevor. Harter Bissen. Dir was verschweigen? nein, Marie,« er nahm ihre Hand und drückte seine Lippen darauf, »das müßt ich noch lernen, ich wüßte nicht, wie ich das machen soll . . .«

 

Jedermann sieht, was nun kommen muß. Etzel Andergast wird zu tun haben, wenn er seine Festung verteidigen will. Der erste Angriff wird nicht mehr lang auf sich warten lassen. Ehe Kerkhoven dazu überging, hatte er noch ein Gespräch mit Nell Marschall. Er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, von ihr etwas über den geheimnisvollen Lorriner zu erfahren. Die Nachforschungen, die er unter der Hand angestellt, waren ziemlich ergebnislos geblieben. Auch sein Aufenthalt konnte nicht ausfindig gemacht werden. So widersprechend alle Angaben über ihn lauteten, eines war sicher, harmlos war der Mann nicht. Er schien Böses auf dem Gewissen und allen Grund zu haben, sich zu verbergen, das an Andergast verübte Verbrechen war wohl die geringste seiner Taten. Obwohl Nell Marschall bei dieser Unterredung mehr aus sich herausging als bei der vorigen, hüllte sie sich über die Person Lorriners in Schweigen. Nicht einmal zu einer Andeutung über die Art seines Verhältnisses zu Andergast war sie zu bewegen. Kerkhoven hatte den Eindruck, daß sie sich fürchte oder selbst verstrickt war. Hintergründige Natur, dachte er, während er ihr freundlich und interessiert zuhörte und bemüht war, den Schlüssel zu ihrem prickelnd unruhigen, ehrgeizig werbenden Wesen zu finden. Sie sprach über Etzel Andergast wie eine geschulte Pädagogin, mit dem feinsten psychologischen Verständnis, lachte häufig über ihre wirklich witzigen Vergleiche, nahm einen zu starken Ausdruck zurück, schaltete eine Anekdote ein, machte die treffendsten Bemerkungen über Zustände und Charaktere und entschuldigte sich dabei immer wieder mit ihrer schönen, schmeichlerisch hinfließenden Stimme, daß sie sich erlaube, einen Joseph Kerkhoven mit Dingen zu unterhalten, die für ihn das ABC seien. »Sie sind zu bescheiden, Fräulein Marschall,« sagte er. O nein, entrüstet sie sich, das ist sie keineswegs, »warum wollen Sie mich beleidigen? Ich weiß nur Bescheid (mit einem Lächeln über das Wortspiel), weiß, was man Männern von Rang schuldig ist.«

Sie ist vollkommen glücklich, daß sie ihn kennenlernen durfte, sie möchte ihm so vieles sagen, aber ihre Gefühle in Worte zu kleiden ist ihr nicht gegeben. Ei, man sollte meinen, gerade das sei ihre Force, denkt Kerkhoven. Unmöglich könne er sich vorstellen, wie froh sie der Gedanke macht, daß er sich Andergasts angenommen, das ist es, was ihm gefehlt hat, der autoritative Mensch. Ja, ein Phänomen, dieser Andergast, von einer Willenskraft, die Felsen sprengt, wenn sie ihm im Weg stehen, und was der Mensch alles weiß, mit welcher Distinktion er es weiß, erstaunlich. Trotzdem, wohin soll es führen? Man muß Angst um ihn haben. Solche Selbstherrlichkeit, solche Menschenverachtung, wohin, bitte, soll es führen? Kraft, schön, aber wenn die Kraft, und sei sie noch so groß, keinen Widerstand findet, zerschellt sie, zerstäubt sie. Oder übertreibt sie diese Befürchtung? Nein, erwidert Kerkhoven lakonisch, doch worauf gründe sie sich in dem Fall? Liege ein bestimmtes Faktum vor? Nell Marschalls Augen verschleiern sich, ihr ausdrucksvolles Gesicht mit den flaumigen Wangen wird blasser. Das Gesicht einer Amazone, denkt Kerkhoven, wahrscheinlich ist sie eine unversöhnliche Feindin, die nie den Moment verpaßt, nie zu früh losschlägt, sie beherrscht sich glänzend. Nell Marschall dämpft ihre Stimme. Da sie genötigt ist, von ihrem Werk, ihrer Leistung, von sich zu sprechen, ist sie oder tut sie leicht irritiert. Einem Mann wie Professor Kerkhoven wird es ja kein Geheimnis sein, daß sie mit Leib und Seele bei der Jugend steht. Ihre jungen Brüder und Schwestern, das ist eine einzige Familie. Es ist ein Clan sozusagen. Der Marschall-Clan. Ihr Leben hat keinen andern Sinn und Zweck als diesen Dienst. Es ist ihre Form von Politik, ihre Form von Kommunismus, es ist ihr Element. Es klingt als wolle sie eine Festrede über Nell Marschall halten, schrecklich, aber warum soll man nicht in aller Freiheit einmal über sich selbst sprechen. Ein kleines Reich, das sie beherrscht. Ein kleines Reich und ein großes Volk. Mit eigenen Gesetzen, eigener Verwaltung, unabhängig und zu künftiger Macht bestimmt. »Mein Gott, wie langweilig muß ich Ihnen sein,« unterbricht sie sich und nimmt ihr Gesicht zwischen ihre beiden Kinderhände, »nur noch zwei Minuten schenken Sie mir . . .« Worauf sie kommen will, ist Folgendes. Sie hat eine Sorge. Es handelt sich um ein junges Mädchen, das ihr nah steht. Das sie liebt. Emma Sperling, genannt Spatz. Tänzerin. Blutjung. Süß. Und so phantastisch es sich anhört bei dem allgemeinen Zustand, unschuldig wie der neue Tag. Sie, Nell, hat Bürgschaft übernommen. Sie möchte nicht, daß Andergast . . . er kennt keine Rücksichten . . . leider scheint Emma eine Schwäche für ihn zu haben, wie er es jedesmal anstellt, ist rätselhaft, in der Beziehung hat er überhaupt kein Gewissen, dem armen Roderich Lüttgens ist es ja auch zuviel geworden. Sie seufzt, als Kerkhoven erstaunt die Brauen hebt. »Es war da was mit Hilde . . . es hat zweifellos mitgespielt bei seinem unseligen Entschluß. Wissen Sie, wie mir das alles vorkommt, verehrter Freund?« sagte sie aufstehend, mit seltsam glitzernden Augen, »wie Marionettenspiele, wie Zwergentragödien in einem Marionettentheater, zehn zwanzig dreißig durcheinander, man weiß schließlich nicht mehr, in welches Stück die eine Person, in welches die andere gehört. Amüsantes chassez croisez, zum Verrücktwerden amüsant, aber auch zum Verrücktwerden ernst.« Sie lachte hell. Schon zur Tür gehend, streckte sie Kerkhoven die Hand hin, und wie alle guten Diplomaten brachte sie ihr eigentliches Anliegen zuletzt vor: Kerkhoven soll versuchen, Etzel Andergast zu einem ehrenhaften Verzicht auf Emma Sperling zu bewegen; wenn ihm an Nell Marschalls Freundschaft und Achtung noch gelegen ist, soll er die Hand von ihr lassen. Sie hat es ihm auch geschrieben, jedoch sie fürchtet, daraus macht er sich nichts, es bedarf der höheren Instanz.

Der Besuch hinterließ in Kerkhoven gemischte und verworrene Empfindungen. Er kannte sich nicht aus. Eine blendende, durchdringend gescheite Person, und so anzweifelbar, so unsicher und unsicher machend. Leidenschaftliches Temperament, das nicht fähig war zu binden und offensichtlich darunter litt. Ursprünglich prüde Natur, die sich unter inneren Qualen zur Vorurteilslosigkeit vergewaltigt. Maßgebend für Kerkhovens Beziehung zu Menschen war ihr Verhältnis zur Wahrheit, das heißt einer vom Willen des Betreffenden abhängigen, nachprüfbaren Sauberkeit der Aussage. Der leise Argwohn, der ihn bei den Mitteilungen Nell Marschalls über die »unschuldige junge Tänzerin« beschlichen, bestätigte sich, als er am selben Tag bei Andergast die Bekanntschaft des Mädchens machte. Er glaubte ja nicht an eine bewußte Entstellung Nells, sah vielmehr eine Frau in ihr, die gezwungen ist, in seelischen Abblendungen zu leben, bei künstlichem Licht gleichsam. Er hatte nicht gewußt, daß jemand bei Andergast war, nachdem er angeklopft, trat er rasch ein und blieb etwas betroffen an der Tür sieben. Die Situation war die: Etzel lag, im Pyjama, mit verbundenem Kopf auf dem Korbsessel und blickte mit dem Ausdruck gelangweilter Geringschätzung zur Decke. In der Mitte des Zimmers stand eine bildhübsche, sehr damenhaft wirkende, vielleicht zwanzigjährige Person, die Hände kreuzweis in den weiten Ärmeln ihres Blaufuchsmantels, das Gesicht zu Boden gekehrt, mit einem Ausdruck von Trotz, der auf einen vorangegangenen Streit schließen ließ. Das Eintreten Kerkhovens schien sie nicht zu bemerken, sie rührte sich nicht, stand da wie eine Statue. Andergast erhob sich etwas schwerfällig, es war als ob der Verband ein erhebliches Gewicht für ihn sei, und stellte das Fräulein mit der steifen Förmlichkeit eines Corpsstudenten vor, die Kerkhoven fast zum Lachen reizte. Emma Sperling neigte so nachlässig-gnädig den Kopf, daß Andergast sie zornig anblitzte. Sie lächelte nur. Aber Kerkhoven sah, daß das Lächeln beständig in ihrem Gesicht war, das sonderbarste stereotype Lächeln, das sich denken ließ. Die Augen blieben dabei ernst, fast traurig, sie hatten einen langen saugenden sinnlichen Blick, das Lächeln wohnte wie bei der Mona Lisa in den äußersten Winkeln des Mundes, der dadurch etwas außerordentlich Faszinierendes, Sphinxhaftes bekam, und auf den Wangen zeigten sich, wie mit einem Instrument ausgehöhlt, zwei unveränderliche Grübchen. Die hat was, nicht zu leugnen, dachte Kerkhoven, ich würde vor ihr auf der Hut sein, verehrte Nell Marschall, und auf alles eher bauen als gerade auf ihre Unschuld . . . »Enteile jetzt, Spatz,« wandte sich Andergast an sie, »der Meister kann dich hier nicht brauchen.« Als sie gegangen war, rutschte ihm das widerwillige Geständnis heraus, daß sie ihm unter anderm auch Nachricht über Lorriner gebracht habe. Sie habe auf einmal blödsinnige Angst, sie und Nell, als sei er, Andergast, nicht Manns genug, sich seiner Haut zu wehren. »Ja, allerdings, das sieht man,« sagte Kerkhoven ironisch, indem er sich anschickte, den Verband abzunehmen. Andergast errötete und schien den Anfall von Offenheit zu bereuen. Er murmelte störrisch: »Ein Wolf ist kein Schoßhund, die Schoßhündchen müssen ihm ja nicht in die Nähe gehen.«

 

Manches kam in diesen Tagen zusammen, um in Kerkhoven das Gefühl zu erregen als sei alles wirkungslos, was er tat, viel zu gering, viel zu beschränkt. Er konnte sich nicht mit dem Bewußtsein erfüllter Pflicht begnügen, nicht mit dem vollbrachten Tagewerk, so groß es immer sein mochte, was bedeutete es gegenüber dem Nichtgetanen, dem Wissen von der Vergeblichkeit im Ganzen. Man konnte das Fahrzeug nicht lenken, wurde getrieben und mitgetrieben, und was sie die Welt nannten oder die Zeit, das war ein unheimliches Element, das zur eignen Person in einem dauernd nachweisbaren, aber durchaus unerforschten Bezug stand. Das spürte er immer am schärfsten, wenn er kranke und verwirrte Menschen vor sich hatte, Schuldige, Gerichtete, Opfer des Schicksals. Die Wehrlosigkeit! Die Unabänderlichkeit des Wegs! und wie alles ehern verkettet war in Ursache und Folge. Er hatte als Sachverständiger vor dem Gerichtshof in Moabit ein Gutachten abzugeben über eine jugendliche Verbrecherin, Arbeitslose, die von ihrem Bruder geschwängert worden war und vom Kassenarzt verlangt hatte, er solle ihr die Frucht nehmen. Der Mann hatte sie natürlich weggeschickt, nach einiger Zeit kam sie wieder, sie hatte es mit Pillen und Tränken versucht, war vom Dach eines Schuppens gesprungen, das Geld, um eine professionelle Helferin zu bezahlen, hatte sie nicht. Der Arzt sagte: ich kann das nicht tun, ich riskiere das Zuchthaus, was sollte er wirklich tun, die Ärzte können auch nicht, wie sie wollen, und als das achtzehnjährige Ding vor ihm auf die Kniee fiel und ihn beschwor, es doch zu machen, sie könne dürfe wolle das Kind nicht austragen, wurde er grob und hieß sie zum Teufel gehen. Da zog sie blitzschnell ein Küchenmesser aus dem Mantel, stieß es dem Doktor in die Brust und lief sinnlos schreiend davon. Der Mann war an der Verletzung gestorben.

So was lesen wir jeden Tag in der Zeitung, werdet ihr sagen. Selbstverständlich, abgedroschene Sache. Kolportage. Nehmt noch das hinzu, daß sie zu siebent im Verschlag eines Trockenspeichers gewohnt hatten, vier Quadratmeter Raum, so ist alles beisammen. Ich erwähne es auch nur, um die Verstimmung Kerkhovens zu motivieren, als er spät abends in die Anstalt hinausfuhr, wo er noch Anordnungen zu treffen hatte, auch Andergast einen Augenblick sehen wollte, der am nächsten Tag das sichere Asyl verlassen mußte, so gut wie geheilt. Aus dem Augenblick wurden Stunden. Es kam auf einmal über ihn, daß er sich entschloß, zu bleiben, die tiefe Stille außen, der schmerzliche Tumult innen, das junge Gesicht vor ihm, das seiner Ohnmacht zu spotten schien, in trotziger Wachsamkeit jeden auch nur anrührenden Blick zurückwies, alles hielt ihn fest. Er sprach von der Verhandlung, der Atmosphäre papierner Amtlichkeit, dem leeren Geklapper des gerichtlichen Apparats, der Angeschuldigten, die ausgesehen wie ein vierzehnjähriges rachitisches Schulmädchen, dem Vorsitzenden, einem zweifellos an Leberatrophie leidenden Herrn, der den ganzen Fall behandelte wie ein Zollinspektor die Abfertigung der Reisenden. Andergast machte eine Miene als interessiere ihn das alles nur mäßig, als seien solche Vorgänge samt den Begleiterscheinungen tägliche Erfahrung für ihn. Er spürte, daß Kerkhoven etwas anderes im Sinn hatte, und um diesem andern möglichst lang zu entgehen, erzählte er, daß er neulich bei einer Verhandlung gewesen sei, wo ein Mensch zu acht Jahren verurteilt wurde und der Richter ungerührt wie ein Stein in der Motivierung des Urteils fortfuhr, während der Verurteilte, der ohne Frage unschuldig war, mit entsetzlichen Schreien zu Boden stürzte, die Augen verdrehte und mit Händen und Füßen um sich schlug. Das Publikum war alarmiert, man rief nach einem Arzt, sogar die Schutzleute waren bestürzt, aber der Richter redete, redete und schien von der greulichen Szene nichts zu sehen und zu hören.

Kerkhoven nickte bloß. Plötzlich sagte er: »Ich bin Ihnen das Geständnis schuldig, Andergast, daß ich mit Ihrer Mutter in Briefwechsel stehe.« Etzel lehnte sich schweigend zurück. Seine Ohren wurden rot. Er sagte: »Ja, Meister . . . und?« Sonst nichts. »Da es Ihnen, aus welchem Grund weiß ich nicht, an Vertrauen zu mir fehlte und ich andererseits den Wunsch hatte . . . nehmen Sie an, aus Sympathie für Sie . . . eine freundschaftliche Beziehung läßt sich nur schwer aufrechterhalten, wenn sich der eine Teil in vorsätzliches Schweigen hüllt . . .« – »Sie haben mich nie direkt gefragt, Meister.« – »Sie wissen genau, daß ich nur fragen konnte, wenn ich sicher war, daß Sie mir Rede stehen würden.« – »Wie hätte ich wissen sollen . . .« Kerkhoven unterbrach ihn durch eine Handbewegung. »Nein, Andergast, spielen Sie jetzt nicht noch den Zartfühlenden, der nicht lästig fallen wollte, das glaub ich Ihnen nicht. Ihr Verhalten in der Sache hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit dem von gewissen Patienten, denen die Krankheit aus den Augen springt und die jedem, der es hören oder auch nicht hören will, versichern, sie seien so gesund wie ein Fisch. Vielleicht eine Form von Eitelkeit. Ich, der Soundso, brauch eure Ratschläge und euer Mitleid nicht.« – »Nein. Falsch,« stieß Andergast zornig heraus. – »Also was?« – Der junge Mensch sah finster vor sich hin. »Haben Sie von der Valentina Visconti gehört?« fragte er abgekehrten Blicks, »die sagte vor ihrem Tod: rien ne m'est plus, plus ne m'est rien.« Als Kerkhoven etwas spöttisch den Kopf neigte, warf er seinen trotzig zurück und sagte: »Gewiß; ist ja alles Kohl. Kann nur nicht einsehen, was gerade Sie damit zu schaffen haben sollen, Meister. Schad um Ihre Zeit.« Kerkhoven beugte sich vor und legte die Hand flüchtig auf Andergasts Arm. Die Berührung, so kurz sie war, machte Etzel befangen. Er schaute erst wie hilfesuchend um sich herum, dann sah er Kerkhoven in die Augen. »Meine Mutter,« sagte er achselzuckend, »was die schon für ne Ahnung hat. Was hat sie Ihnen denn geschrieben? Wahrscheinlich von der faulen Geschichte damals . . .« – »Die Geschichte lassen wir auf sich beruhen, Andergast. Sie wissen, ich bin kein Freund von Aufgraben und Ausholen. Ich möchte nur, daß Sie einige Dinge, zum Beispiel das Zerwürfnis mit Ihrer Mutter, wenn es eins war . . . es war keins? umso besser . . . was es eben war . . . daß Sie das mal quasi mit sich selber durchsprechen, und ich höre einfach zu. Was meinen Sie zu dem Vorschlag? ich kann ja gelegentlich mit einer Frage nachhelfen . . .«

Jetzt kommt er mir doch mit so einem Trick, dachte Andergast wütend und wand sich wie ein Fuchs, wenn die Falle eingeschnappt ist.

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