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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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(Irlens englische Reise war ebensosehr ein Akt stoischer Selbstverleugnung, namentlich in Anbetracht seines physischen Zustands, als sie sich auf ein tiefes, bei einem solchen Kopf beinahe unbegreifliches Mißverstehen dessen gründete, was persönlicher Einsatz und private Initiative am Gang welthistorischer Geschehnisse zu ändern vermögen. Allerdings hatte er eine große Zahl einflußreicher Freunde dort, teils in politischen Stellungen, teils in der Geschäftswelt und der Rüstungsindustrie, manche gehörten sogar zu seinem engeren Kreis. Vor seiner Tätigkeit in den Kapellerwerken hatte er ein halbes Jahr drüben gelebt. Er war einige Zeit der Gast Lord Haldanes gewesen, den er von Göttingen her kannte und als redlichen Mann und passionierten Verehrer deutscher Philosophie schätzte. Damals hatte Haldane als Kriegsminister die Umgestaltung der Armee begonnen, Irlen hatte ihm durch seinen fachmännischen Rat nützlich werden können. Sie hatten später noch lange korrespondiert. Er wußte um die Verläßlichkeit des englischen Charakters. Errungenes Vertrauen bleibt bestehen wie ein Baum mit tiefen Wurzeln. Er und seine Begleiter hatten gewichtige Empfehlungen. Trotz seiner genauen Kenntnis der internationalen Interessen und Verwicklungen, trotz des niederdrückenden Gefühls von der Unaufhaltsamkeit der Katastrophe gab sich Irlen über den Erfolg der selbstauferlegten Mission einer Täuschung hin, die an Verblendung grenzte. Gewiß, in Deutschland war für ihn nichts zu hoffen. Dort wo er hätte eingreifen müssen, war sein Name verfehmt. Selbst bei Männern, an die er vor einem Jahrzehnt noch geglaubt hatte, vermißte er die höhere Verantwortlichkeit, jene Zauberstimme, die in die Zukunft hinaustönt, auch wenn sie nur dem Tag zu gelten scheint. Sie hatten keine Demut mehr, warum nannten sie sich dann noch Deutsche; sie erlagen einem Lügentraum von der Macht des Schwerts. Drüben aber hatten sie gelernt, mit Tatsachen zu rechnen und Geschichte zu leben; es schwebte ihm etwas wie Gewissensweckung vor, Appell an den europäischen Geist. Er überschätzte seine Kraft, die Kraft des Einzelnen überhaupt, und er unterschätzte die Elementargewalt, vor der die Führer und Schürer hilflos standen, während sie sie noch zu kommandieren wähnten. Er wollte sie nicht spüren und wissen. Weil er prophetisch alle Folgen voraussah, schloß er in verzweifelter Auflehnung die Augen davor. Es hatte ihn nicht mehr im Winkel gelitten. In drei Wochen hatte er alles in allem kaum dreißig Stunden geschlafen. Die Nerven versagten den Dienst, jede Speise mußte er erbrechen, die Gedanken stoben gespenstisch formlos durch sein Hirn, Krankheit des Körpers und Krankheit der Seele schlugen ineinander über wie zwei Feuersbrünste, deren Wut sich nach der Vereinigung nicht bloß verdoppelt, sondern verzehnfacht. Die Reise überstand er leidlich. Verstärkte Injektionen und große Dosen von Stimulantien ermöglichten annähernd die Durchführung des Programms. Aber schon nach den ersten Schritten wurde ihm die Vergeblichkeit klar. Es war alles zu weit gediehen. Man nahm ihn achtungsvoll auf, man hörte ihn artig an, man schien gewillt, einiges zuzugeben, anderes nicht, die Reinheit seiner Motive stand außer Frage, allein über die Verbindlichkeit einer Klubunterhaltung ging es nicht hinaus, niemand glaubte im Ernst, daß der Krieg zu verhindern sei, hinter aller Freundlichkeit war ein vorsichtig zugeknöpftes Wesen. Bei Lord Haldane saß er eine halbe Nacht, mitten im Depeschensturm. Das Ergebnis war gleich null. Zuletzt hieß es immer: die Deutschen wollen den Krieg. Der junge Viscount S., Parlamentsmitglied, einer seiner leidenschaftlichsten Anhänger, sagte zu ihm am Schluß eines aufwühlenden Gesprächs: »Ungewiß ist, ob es dreihundert Jahre zu spät oder dreihundert Jahre zu früh ist, daß du dich auf den Weg gemacht hast; gewiß ist nur, daß der jetzige Augenblick der unglückseligste ist.« Dann kam der Zusammenbruch. Die Freunde mußten ihn auf einer Tragbahre ins Coupé bringen lassen. Am Nachmittag des 31. Juli kam er schwerkrank, hochfiebernd zuhause an.)

 

Zu den wenigen Familien, in denen Kerkhoven bis vor einem Jahr noch (jetzt nicht mehr) freundschaftlich verkehrt hatte, gehörte die des Baumeisters Frickart, sehr wohlhabende Leute, alteingesessen, von patriarchalischen Lebensformen. Manchmal im Sommer hatten sie ihn und Nina auf ihr nahegelegenes Gut eingeladen, er hatte sich in dem anspruchslosen Kreis behaglich gefühlt, von der andern Seite war es auch ein Dankbarkeitsverhältnis, die ältere der beiden Töchter hatte eine Zeitlang an einer schweren Hysterie mit sensorischen Störungen gelitten, und es war ihm gelungen, sie völlig davon zu heilen. Diese Helene Frickart war ein auffallend schönes Mädchen von echt fränkischem Typus, ernst bildsam ziemlich begabte Bildhauerin und schon ihres Vermögens halber viel umworben. Sie hatte aber alle Anträge ausgeschlagen, worüber Mutter und Schwester recht unglücklich waren, denn das Oberhaupt der Familie hielt an dem Brauch fest, daß die jüngere Tochter nicht vor der älteren heiraten durfte, wenigstens vor einer gewissen Zeit nicht. Kerkhoven hatte das Mädchen liebgewonnen, vielleicht war es sogar ein tieferes Gefühl, das ohne sein Wissen in ihm entstanden war, jedoch als er zu merken glaubte, daß auch er Helene nicht gleichgiltig war, bekam er es mit der Angst und brach unter dem Vorwand beruflicher Überbürdung die Beziehung ab. Darüber war ein Jahr vergangen. Eines Tages, zu Anfang Juli, war Frau Frickart in seiner Sprechstunde erschienen, um ihn wegen irgendeiner unbeträchtlichen Beschwerde zu konsultieren. Ihr frohes Gesicht fiel ihm auf, er brauchte gar nicht viel zu fragen, nach den ersten Worten schon berichtete sie, Helene sei verlobt. Natürlich erkundigte er sich, wer der Erwählte sei, sie nannte den Namen samt allen empfehlenden Eigenschaften des Betreffenden, ganz junger Mann noch, Sohn eines Spinnereidirektors, Jurist vor dem Staatsexamen. Kerkhoven stutzte. Er ließ sich den Namen wiederholen und hatte Mühe seinen Schrecken zu verbergen. Derselbe Mann war vor kurzem mit einer syphilitischen Infektion bei ihm gewesen, und zwar einer ungewöhnlich bösartigen Form davon, mit Exanthem über den ganzen Körper. Da er für solche Fälle nicht die erforderlichen Hilfsmittel zur Verfügung hatte und alles was an Halbheit und Pfuscherei nur streifte immer mehr zu verabscheuen begann, hatte er ihn an einen spezialistischen Kollegen verwiesen. Verwechslung war nicht gut möglich, trotzdem vergewisserte er sich noch am gleichen Tag, er hatte die Adresse in seinem Buch, eine Anfrage genügte: ja, Spinnereidirektor Soundso war der Vater. Die Hochzeit sollte schon im September stattfinden, also Helene sollte geradezu einem Verbrecher in die Arme geworfen werden. Wie sich später ergab, steckte der junge Mensch bis über den Hals in Schulden und konnte sich nur durch eine schleunige Heirat mit dem reichen Mädchen vor seinen Gläubigern retten. Er erinnerte sich des Mannes ganz gut: eleganter Windbeutel, selbstsicherer Durchschnittsverführer. Daß ein Geschöpf wie diese Helene nicht mehr Instinkt besaß . . . oder sah es so aus, wenn sich eine schließlich begnügt? Nachdem er ernsthaft mit sich zu Rate gegangen war, bat er Frau Frickart brieflich um eine Unterredung, und als sie zu ihm kam, teilte er ihr ruhig mit, wie die Dinge lagen und daß er als Hausarzt gegen die Eheschließung ohne Karenz Einspruch erheben müsse. Die entsetzte Frau hörte gar nicht mehr, als er die Bitte hinzufügte, seine Eröffnung nach außen hin geheimzuhalten, sie lief einfach davon. Das Verlöbnis wurde am selben Tag gelöst. Wahrscheinlich hatte der Ex-Bräutigam darauf bestanden, den Grund zu erfahren, Frau Frickart mochte ihm seine bodenlose Frivolität vorgeworfen und, als er frech zu leugnen versuchte, sich auf Kerkhoven berufen haben, die Folgen ihrer Indiskretion bedachte sie nicht. Nun erhob sich der Lärm. Der schimpflich Zurückgewiesene, wütend, daß seine Hoffnungen zu Wasser geworden, zeigte Kerkhoven bei der Ärztekammer wegen Verletzung der Schweigepflicht an. Er wurde vorgefordert, er sollte sich rechtfertigen, er rechtfertigte sich auch, viel konnten sie ihm nicht anhaben, doch hatte er den Standesvorschriften zuwidergehandelt und mußte sich ein Tadelsvotum gefallen lassen. Die Sache wirbelte immer mehr Staub auf, einige Zeitungen schrieben darüber, es gab Leute genug, die sich auf seine Seite stellten, sogar Kollegen, aber die Angelegenheit bereitete ihm bittern Verdruß, sie hatte ihn in den letzten Wochen um alle Sammlung gebracht und ihn bei wichtigen Studien gestört. Ein Glück, daß das öffentliche Interesse sich auf einmal ganz andern Ereignissen zuwandte, wovon er freilich auch wenig Notiz nahm. Er wußte kaum, was in der Welt vorging, in den Tagen, da eigentlich niemand mehr richtig arbeitete und die Straßen wie überfüllte Versammlungslokale aussahen, beschäftigte ihn unter vielen andern Problemen ein entwicklungsphysiologisches; anderthalb Jahrzehnte bevor die offizielle Wissenschaft sich damit befaßte, unternahm er den Versuch der Transplantation von Ei-Teilen, um die Organgestaltung beim Tier-Embryo zu ermitteln. Außerdem glaubte er gegen die Trypanosomiasis endlich ein bedeutend wirksameres Präparat als die bisherigen gefunden zu haben.

 

Er erzählte Marie den Hergang der Frickart-Geschichte und vor welchen inneren Konflikt ihn die Entscheidung gestellt. Marie begriff nicht, daß er nur einen Augenblick habe schwanken können, wo das Rechte zugleich das Anständige und die Menschenpflicht sei. Sie hörten von der Straße herauf die Extrablätter ausrufen. Kerkhoven sagte: »Alles wird verkuppelt, eins ans andere verraten, Freiheit und Dienst, Gesetz und Einsicht. Die Menschen sind eine armselige Gesellschaft. Nicht bloß, daß sie ewig unmündig bleiben, sie wollen auch keinem die Mündigkeit zugestehen. Daß einer was ist und was leistet, das möchten sie schon, dabei soll er ihnen aber den Kuli machen. Du siehst, wie es geht, Liebste. Ich hab keinen Boden mehr unter den Füßen. Irgendwas hat mich in die Luft hinauf gewirbelt. Ganz spaßig. Ich fühle, es ist was in mir, was mein Leben aus den Fugen reißt und durch und durch schüttelt, aber was es ist, das könnt ich dir nicht sagen. Als ob ich in der Schmiede-Esse hinge und in andere Form geschmolzen würde.« – »Und ich? was geschieht mit mir derweil?« flüsterte Marie nah an seinem Mund. – »Du? du bist dabei. Du bist in mich hineingeglüht.«

Als Marie in fast feierlich gehobener Stimmung heimkam, ging sie eine Weile im Garten auf und ab. Es hatte geregnet, Wege und Büsche waren noch naß, betäubender Blumengeruch stand in der Luft schier sichtbar wie Rauch. Behutsam brach sie eine vollerblühte Rose ab und preßte ihr Gesicht hinein, auch die Augen als wolle sie sich mit allen Sinnen drin lösen. Ein zärtliches, zärtlich-trunkenes Lächeln wich nicht von ihren Lippen, ihr Blut war schwer von Glück, jeder Tag sammelte so viel an, daß sie auch der Nacht noch davon abgeben konnte, oft wars als fühle sie sich süß werden wie eine Frucht in der Sonne. Die Sturmflut war noch nicht an die Uferstelle gelangt, wo sie sich für eine kleine Weile geborgen hatte, für die Dauer eines Traumes nur.

 

Am zweitfolgenden Tag kam sie später als sonst aus der Stadt, und nachdem sie in ihrem Zimmer Hut und Handschuhe abgelegt, beeilte sie sich, Aleid gute Nacht zu sagen. Sie hoffte, sie noch wach zu finden, manchmal wartete die Pflegerin, wenn sie sich verspätete. Das ängstliche Gesicht der Jungfer fiel ihr nicht weiter auf, sie fragte nur, ob Ernst zuhause sei. Ja, hieß es, er arbeite in der Bibliothek. Als sie die Tür des Kinderzimmers geöffnet hatte, blieb sie mit einem Laut des Erstaunens auf der Schwelle. Es war niemand da. Die Fenster weit offen, auf dem Bettchen die blaue Atlasdecke noch, ein paar Spielsachen auf dem Boden, eine Puppe, kleine hölzerne Häuser. Niemand. Die Jungfer war ihr gefolgt. Sie sagte scheu: »Die Frau Großmama war Nachmittag oben und hat Aleid und das Fräulein mitgenommen. Sie sind im Auto weggefahren. Die gnädige Frau sagte, Aleid müsse einige Zeit aufs Land.« Marie starrte sie an. Wortlos kehrte sie um und lief mehr als sie ging in die Bibliothek. Ernst erhob sich vom Schreibtisch, als sie hineinstürmte. Seine Stirn faltete sich wie bei einem alten Mann. »Wo ist Aleid?« stieß sie bebend hervor, und als er nicht antwortete: »rede, Mensch, wo ist Aleid? was habt ihr mit dem Kind gemacht?« – Er brachte stockend hervor: »Großmama wünschte . . .« – Sie, halbverrückt vor Ungeduld: »Was? so sprich doch endlich um Gottes willen . . . wünschte . . . was, wünschte? Wo ist mein Kind?« Sie rüttelte ihn an der Schulter. – Ernst sagte gedrückt: »Ich weiß es nicht, Marie. Sie wollte es mir noch mitteilen. Sie sagte . . . Sie ließ mir keine Ruhe . . .« Er brach ab. Er konnte Marie nicht in die Augen blicken. Er hatte seine Frau noch nie so gesehen. Phantasielos genug, daß er nicht darauf gefaßt war, sie so zu sehen, das muß man sagen. Marie schwieg lange. Die »blassen Blumen« blieben groß geöffnet, kaum daß die Lider zuckten. Einen Moment überlegte sie, ob sie nicht Kerkhoven verständigen solle, wies aber den Gedanken unwillig zurück. Nein, man wird nicht gleich zum Beschützer laufen und ihm mit seinem Jammer in den Ohren liegen, dazu ist er nicht da, dazu hat er selber zuviel auf sich, man wird allein fertigwerden. In hartem Ton und mit einer kleinen verächtlichen Kopfbewegung sagte sie: »Komm«; und als Ernst sie unschlüssig anschaute, nahm sie ihn bei der Hand; »wir gehen zu ihr hinunter,« befahl sie, »ich habe mit ihr zu reden, und du wirst dabei sein. Ich will sehen, ob du mich auch vor ihr im Stich läßt.« Er leistete keinen Widerstand. Mit gesenktem Kopf folgte er ihr. Das Mädchen unten sagte, die Frau Senator sei noch nicht zuhause. »Dann warten wir,« erklärte Marie. Sie schritt voraus in den Salon. Der Raum war von der Röte der untergehenden Sonne erfüllt. Sie spürte, daß das Haus ohne Irlen war. Als sei der legitime Herr nicht mehr zugegen und habe Unordnung hinterlassen. Ernst setzte sich ans Fenster und starrte in den Garten, Marie ging auf und ab. Der schwere Teppich machte ihre Schritte unhörbar. Endlich vernahmen sie die Stimme der Senatorin. Es dauerte noch mehrere Minuten, bis sie kam. Sie hatte wohl keine Eile, obschon ihr das Mädchen gesagt haben mußte, daß sie erwartet wurde und von wem. Marie blieb in der Mitte des Zimmers stehen und blickte gegen die Tür. Als sie der alten Frau ansichtig wurde, erblaßte sie jäh. Die Senatorin teilte ein konventionelles Lächeln aus wie bei einem Empfang. Sie glich einer weißhaarigen Puppe. Ihre Wangen waren glatt wie Porzellan. Sie trug das Witwenhäubchen und einen Spitzenumhang. Sie sah gewinnend und vornehm aus. Als Marie eine Bewegung zu ihr hin machte, nahm sie eine steife Haltung an und das Königinnenlächeln erlosch.

Marie sagte: »Ich hoffe, wir werden uns verständigen, Großmama. Du erlaubst mir doch die Anrede noch. Verständigen heißt, ich will das Geschehene als nicht geschehen betrachten, wenn es sofort gutgemacht wird. Durch Gewalt bin ich nicht einzuschüchtern. Du vergißt, daß ich noch die Frau deines Enkels bin. Ich habe noch nie gehört, daß man Eltern das Kind wegträgt, weil sie beschlossen haben, sich zu trennen. Komisch. Wenn es eine Pression sein soll, ist sie verfrüht. Was soll damit erreicht werden? Ich verlange, daß Aleid geholt wird, auf der Stelle, wo sie auch ist. Ich bleibe in dem Zimmer, bis man sie mir bringt. Und wenn es die ganze Nacht dauert und morgen den ganzen Tag. Willst du so gütig sein, Großmama, und das Nötige veranlassen?« Die Senatorin rührte sich nicht. Sie war ziemlich perplex. Eine solche Sprache, was sich die Person herausnahm. Der Mut, die Festigkeit Maries verfehlten ihren Eindruck auf sie nicht. Sie war ihrer Sache nicht mehr sicher. Sie glich jemand, der einen Schreckschuß abfeuert und zu seinem Unbehagen merkt, daß er sich selbst getroffen hat. Diese Art Frauen, da sie in einer Scheinwelt leben, spielen sogar das Böse, ohne sich die Folgen klar zu machen, und handeln dann mehr eigensinnig als planvoll, mehr verworren als schlecht. Alte Kinder. So war es der pure Eigensinn, der sie mit ihrer hellen wehleidigen Stimme erwidern hieß: »Wir durften dich nicht in dem Wahn lassen als könntest du das unschuldige Kind in eine fragwürdige Existenz verschleppen.« – »Wir?« gab Marie erstaunt zurück, »warum wir? Ernst war es selbst, er selbst hat mir angeboten –« – »Das ist nicht wahr, in einer Situation wie der seinen kann man auch keine bindenden Zusagen machen,« schnitt ihr die Senatorin das Wort ab, »im übrigen ist er ja viel zu arglos, um deinen Künsten gewachsen zu sein.« – Marie hob wie frierend die Schultern und wandte das Gesicht langsam ihrem Mann zu, der aufstand, ein paar Schritte machte, plötzlich mit der Hand an seinen Hals griff – und stumm blieb. Da sagte Marie: »Ich sehe, ich bin allein. Ich hab mich immer als Gast hier betrachtet. Hab es auch Ernst nie verschwiegen. Vielleicht hab ich einen Augenblick zu lang gezögert, das wirklich sehr, sehr gastliche Haus zu verlassen. Das muß ich eben büßen. Ist denn das dein letztes Wort, Ernst, dieses nichtgesprochene jetzt, mit dem du dich zum Feigling und mich zur Lügnerin machst? Das ist doch unmöglich. Das bist ja nicht du.« – »Es ist nicht zu ertragen,« sagte Ernst gequält, »Marie ist im Recht, Großmutter . . . tausendmal im Recht . . . ich bitte dich, verzeih mir, Marie . . . nein, ich bin es nicht, noch immer nicht . . . ich sehe den Menschen zu, ich höre die Menschen an und weiß nichts, weiß nichts, begreife nichts . . . Sei ganz sicher, Aleid wird noch heute zurückgebracht werden . . . ich bürge dafür, du kannst ganz beruhigt sein . . .« Er trat zu Marie, beugte sich nieder und küßte ihre Hand. Die Senatorin blickte von einem zum anderen, äußerlich kalt und hochmütig, jedoch mit dem Gefühl einer Frau, der für ihre Pflichttreue übel gedankt wird. Sie hatte das Kind zu einer ihr befreundeten Dame gebracht, die sie vorher ins Geheimnis gezogen. Sie hatte damit gerechnet, daß Marie dann nicht länger bei ihrem Mann bleiben und sie Ernst leicht würde überreden können, mit ihr und dem Kind irgendwohin zu reisen. Der Plan war schmählich gescheitert. Marie entließ die Pflegerin noch am selben Abend, Aleids Bett wurde in ihr Schlafzimmer geschafft. Sie lag die Nacht über wach und lauschte dem friedlichen Atmen des Kindes. In ihr war kein Frieden. In ihr war Aufruhr wie da draußen. Jetzt fing sie an zu wissen. In ihrem Ohr war ein düsterer Rhythmus: Ihm ward gegeben an keiner Stätte zu ruhn . . .

Und mir, dachte sie furchtlos lächelnd . . .

 

Gleich nach Irlens Ankunft war Kerkhoven bei ihm gewesen. Es sah bös aus. Kompletter Verfall. Erst gegen neun Uhr abends erwachte er aus schlafsüchtiger Lethargie. Hände Hals und Brust bedeckte eine Art Aussatz. Schenkel und Arme waren geradezu entfleischt. Fieber 39,9. Beim Liegen die Kniee hoch an den Leib gezogen. Das Herz hüpfend wie ein Gummiball. Eine halbe Stunde lang war Kerkhoven am Telephon gestanden, um eine Diakonissin aufzutreiben. In der allgemeinen Verwirrung und Aufregung war keine zu bekommen gewesen. Die Senatorin war am Morgen aus Groll gegen den Enkel nach Homburg gefahren, nur Marie war zur Bewachung und notdürftigen Pflege da, natürlich wollte sie bleiben bis Kerkhoven zurückkam, wie spät es auch werden mochte. Ernst war bei einer Kundgebung in der Universität. »Gerade heut wills das Mißgeschick, daß ich ein paar schwere Fälle habe,« sagte Kerkhoven unter der Tür zu Marie; »gib nur acht, darfst ihn keine Minute allein lassen, und ruf mich um elf Uhr an, die Nummer hab ich aufgeschrieben.« Irlen winkte ihn mit einer schwachen Geste zurück. Als er am Bett stand, zwang ihn ein Blick noch näher. Er beugte sich über ihn. Irlen sagte lallend: »In drei vier Stunden, ich weiß es genau, bin ich wieder . . . kann ich bestimmt mit dir . . . Es ist . . . immer so. Die Pausen freilich . . . kürzer. Wir haben zu sprechen, Joseph. Viel zu sprechen . . . Was wollt ich nur sagen . . . du hast doch immer alles bei dir . . . für Injektionen und so . . . der Vorrat ist aufgebraucht . . . auch Morphium, wie? Also schön, lieber Freund . . . Wenn du kommst . . . zögre nicht gar zu lang . . . kann ich dir sicher entgegengehen . . .« Er lächelte schattenhaft und drehte den Kopf zur Wand.

Es wurde viertel eins bis Kerkhoven frei war. In den meisten Straßen brannten keine Laternen. Er mußte zu Fuß gehen, weit und breit kein Wagen. Er schritt rasch aus, die Tasche mit Instrumenten und Verbandzeug wurde ihm schwer, obwohl er gewohnt war, sie zu tragen. Warmer Staub wehte ihm ins Gesicht. Er hörte von fern den Stampfschritt von Infanteriekolonnen, das Rumpeln von Trainfuhrwerk. Trompetensignale geisterten. Sirenengeheul. Auf einer Alleebank eine weinende Frau. Die Nacht hatte etwas vom Innern eines ungeheuern Maulwurfshaufens. Endlich war er am Ziel. Marie stürzte ihm entgegen: »Denk dir, er ist aufgestanden!« Und so wars. Irlen saß im Sessel. Er nickte Kerkhoven mit einem Ausdruck kläglichen Triumphs zu. Er hatte seinen Mantel über den Schlafanzug geworfen. Das mächtige Haupt über den mächtigen Schultern, alles eingefallen, die Hautsäcke, das Ruckhafte der Bewegung, dabei die blaue Flut der Augen . . . Marie stand an der Tür und mußte sich festhalten, so zitterte sie. Mit einem hastigen Gute Nacht, das wie Schluchzen klang, verschwand sie.

 

Ich sehe voraus, daß die Wiedergabe des folgenden Gesprächs zwischen den zwei Männern über mein Vermögen und fast über die Mittel der Sprache geht. Was sich andeutungsweise festhalten läßt, der Verlauf, das Pragmatische, Stücke von Rede und Gegenrede wird aufzuzeichnen versucht, die tieferen Hintergründe entziehen sich, fürchte ich, dem Wort, an manchen Stellen vielleicht sogar dem Verständnis. Da erscheint Kerkhoven nicht mehr als bewußt handelnder Mensch, sondern eher wie das Werkzeug eines solchen oder wie einer, der durch eine Art von Zauberei veranlaßt worden ist, aus dem Rahmen seiner Persönlichkeit herauszutreten und für eine Weile auch, halb körperlos gleichsam, in diesem Zustand zu verbleiben. Schon am Anfang zeigte sich eine ausfallende Gehemmtheit an ihm; zum Beispiel als ihn Irlen bat, nachdem sie einander ungefähr zehn Minuten schweigend gegenübergesessen waren, er solle im Nebenzimmer nachsehen, ob wirklich niemand mehr dort sei, erhob er sich erst nach einer weiteren Minute und ging dann zur falschen Türe, nicht zu der, durch die Marie gegangen war. (Offenbar fürchtete Irlen, Marie habe es nicht über sich gewinnen können nach oben zu gehen und sitze noch nebenan im Finstern. Das war aber bei ihr ganz ausgeschlossen. Unter keinen Umständen, selbst unabsichtlich nicht, hätte sie es riskiert, zur Lauscherin zu werden.) Eine weitere Sonderbarkeit lag darin, daß es der todkranke Irlen war, der die meiste Zeit sprach, trotzdem jede Miene und Bewegung verriet, welche Anstrengung es für ihn bedeutete, während Kerkhoven etwas zusammengekrümmt im Sessel kauerte und sich erst allmählich aus seinem Brüten aufraffte. Gleich die erste Frage Irlens hatte ihn in Bestürzung versetzt; er zog es vor, in sich zu versinken statt zu antworten, und statt über die Antwort nachzudenken, beschäftigte er sich in Gedanken mit dem physischen Problem Irlen, ob die Natur oder der Geist das Wunder an ihm bewirkt hatte, daß er sich überhaupt aufrecht erhielt, zu schweigen von der Allüre, von der Freiheit des Ausdrucks (wenn man die Augen schloß, konnte man glauben, er mache Konversation). War es nicht die Gnade der Stunde, Euphorie, so war es der Wille, der den Dämon der Krankheit niederhielt, eine ins Mark gedrungene Zucht und die Tapferkeit einer männlichen Seele. Die heimlich gefürchtete Frage, mit der Irlen begann, ließ sich nicht einfach ignorieren. Sie klang nicht wie aufgegebene Kranke manchmal zu fragen pflegen, um Mut und Fassung zu heucheln, indes sie die Angst vor dem Tod würgt, sondern sie wurde in einer sehr durchsichtigen Absicht gestellt, nämlich zu erfahren, ob er, der Arzt Kerkhoven, es mit seinem Gewissen vereinbaren könne, den Leidensprozeß abzukürzen. Er gab es auch dann mit dürren Worten zu. Wie lange hab ich noch zu leben? Das fragen viele. (Hand aufs Herz, Doktor, und zwinkern vertraulich, und werden um die Nasenflügel bleich.) Allein hier lag ein Beschluß vor. Ein gefälltes Urteil geradezu. Es hat keinen Zweck weiter. Schluß. Erledigter Fall. »Wir stehen heut auf einer andern Plattform, Joseph, als bisher. Wir müssen absehen vom Üblichen, vom Persönlichen, absehen vom Gefühl und einem oberflächlichen Begriff von Pflicht. Du kannst nicht hoffen, mich durch Argumente zu erschüttern, die bei jedem Pastor zu haben sind. Also verrate mir deine Meinung: wieviel Tage oder Wochen gibst du mir noch? Ohne Umschweife.« Kerkhoven will entschlüpfen. Das ließe sich nicht vorausbestimmen, kein Diagnost der Welt könne es auf sich nehmen; etwas der Art stottert er. Unwirsch, wie beleidigt. Der Augenschein zeige ja die Labilität des Zustands, im unerwartetsten Moment könne sich alles zum Bessern wenden, auch zur Genesung, jawohl auch zur Gesundung. In die Fügung eingreifen? Gefahr laufen, den Funken zu zertreten, der die Flamme wieder anfachen kann? Aberwitz. Aberwitz. (Das alles natürlich in Fragmenten, in Silben, in Interjektionen hervorgestoßen.) Er umschlingt seine Kniee mit den Armen und schweigt böse. Geisterhaftes Lächeln huscht über Irlens Gesicht. Dieser Mann, dieser Freund begreift und begreift nicht; er hat nicht den blassen Schimmer. Wie borniert solche genialen Leute oft sind. Und als ob er das vernichtende Urteil noch eigens bekräftigen wolle, fügt Kerkhoven trotzig-murrend die Erwähnung des Präparats hinzu, das er in den letzten Tagen mit Hilfe eines ausgezeichneten Pharmakologen hergestellt. Er verspreche sich eine sichere Wirkung davon. Traurig über dieses Geschwätz senkt Irlen den Kopf. Er kann sich eines leisen Lachens nicht enthalten. Kerkhoven schaut ihn erstaunt an. Selten hat er Irlen in dieser Art lachen hören, so richtig kichern. Irlen denkt lange nach. Rührung überkommt ihn. Es ist ein neues Gefühl, das er für Kerkhoven in sich entdeckt. Wie für einen jüngeren Bruder, mit dem man Nachsicht haben, den man belehren muß und deshalb nicht weniger liebt, eher mehr als den starken Gefährten und Helfer, der er eben noch war. Er beugt sich vor und legt die Hand auf Kerkhovens Knie. Er spricht von seinem Leben. Überblick im Telegrammstil. An der Idee zum Narren geworden. Der Prophet hat die Zerstörung des Tempels verkündigt, die Trümmer sind sein Grab. Großer Anlauf, jämmerlicher Sturz. Der Wahn, mit der Nation bis in den Herzgrund verbunden zu sein, hat ihn zu spät erkennen lassen, daß er dem Volk ein Fremdling war. Gemeinschaft mit den Besten, Haß und Hohn von den Vielen. Töricht, Lohn zu erwarten für Opfer oder Dienst. Aber eine Folge hätte sein müssen, irgendeine, die allerkleinste. Nein, keine. Was hat denn Folge? doch nur, was weder Wurzel noch Gestalt hat. Deutschland ist verloren; er ahnts, er fühlts, es kommt eine Zeit, die nicht zu erleben gut ist. Verloren. Kerkhoven kann nicht ermessen, was das bedeutet. Dazu muß man den Traum von der Sendung geträumt haben. Alles umsonst. Zwanzig Jahre lang Brücken gebaut. Für nichts. Morituri te salutant, Europa. Was soll er tun? Zwischen die Laken kriechen und die Zeitungen lesen? Wenn er sich auf ein Pferd setzt, kann es passieren, daß er an der nächsten Straßenecke unter dem Gelächter der Rekruten in den Dreck purzelt. Bleibt er in seiner Höhle und füttert den morschen Kadaver noch eine Weile mit Medikamenten, so verkommt er vor Scham und Qual. Warum denn leben? warum es hinschleppen? Um schließlich mit dem Gefühl, daß man den letzten Preis doch nicht hat zahlen können, einen Altweibertod zu sterben? Pause. »Verstehst du mich jetzt besser, Joseph?« Kerkhoven war wie nicht vorhanden, ausgelöscht. Dann, in verändertem Ton, nüchtern: »Du kannst einwenden: wozu braucht er mich, wenn er ohnehin entschlossen ist, den Schritt zu tun? wozu die ganze Erörterung, es gibt bewährte Methoden genug, nichts hindert ihn, eine zu wählen, gegen die vollendete Tatsache gibts keinen Appell. Sehr schön. Aber erstens möchte ich den schnellsten, den schmerzlosesten und den sichersten Weg gehen. Sozusagen unter fachmännischer Leitung. Muß man mir zugute halten. Zweitens muß die Sache so arrangiert werden, daß kein Außenstehender auf den Verdacht kommt, ich hätte etwa nachgeholfen. Es wäre mir unangenehm. Der Ausgang wird niemand überraschen, bei einem solchen Aspekt . . . Und drittens, Joseph, wäre es ein freundlicher Abschiedsgedanke für mich, den Tod als Geschenk aus deiner Hand zu empfangen. Was natürlich nicht au pied de la lettre zu verstehen ist. Die letzte Manipulation, die macht mir keine Sorge, aber um die Gabe handelt sichs . . .«

 

Kerkhoven hat sich schwerfällig erhoben, er geht zweimal durch das Zimmer und bleibt jenseits der Schattenlinie der Lampe stehen. Das Ungeheure der Forderung fällt mit voller Wucht in sein Bewußtsein. Das Vorherige ist nur ein Spiel mit Worten gewesen, das da der Griff an die Kehle. Es gibt kein Entweichen mehr. Er will etwas sagen, die Stimmbänder sind wie zerschnitten. Er räuspert sich, er fängt an zu husten, die Anstrengung, den Reiz zu bekämpfen, treibt ihm die Tränen in die Augen. »Was würdest du vorschlagen?« fragt Irlen leise, förmlich rücksichtsvoll. »Morphium? Eine Mischung? Morphium und Skopolamin? Dacht ich mir. Spritze natürlich. Du hast alles mit? Ich bat dich ja darum. Du legst es dann einfach auf den kleinen Büchertisch, bevor du weggehst.« Der Hustenanfall ist Gottseidank vorüber. Kerkhoven denkt: was redet er? so weit sind wir noch nicht. Gleichwohl hat er zu den verschiedenen Fragen Irlens genickt oder den Kopf geschüttelt, je nachdem, also seine Willfährigkeit bekundet. Waren zwei Kerkhoven im Zimmer, einer, der sich hat überzeugen lassen und die schaurige Notwendigkeit einsieht, o, nicht nur das, der schon längst zu dem Liebes- und Bruderdienst bereit gewesen, bewegt vom biblischen Leiden dieses wundersamen armen Lazarus, und einer, der sich sträubt und wehrt, weil es seines Amtes ist, das Leben wider den Tod zu verteidigen, bis aufs Messer, bis auf den allerletzten Atemhauch? Ja, da sind sie also alle beide da, der Mann der Barmherzigkeit und der Mann der Gerechtigkeit. Sie liegen sich in den Haaren, sie können sich nicht schlüssig werden über das Problem der Probleme, und vor dem Fenster singt schon eine früherwachte Amsel. Ein bißchen verschlafen noch, aber sie singt. Irlen späht in den Schatten hinüber, in den Kerkhoven wie in ein Versteck geflüchtet ist. »Ich möchte wirklich wissen, was dir so viel Kopfzerbrechen macht,« sagt er achselzuckend. – »Es ist wider die Natur, Johann.« – »Was heißt das. Unser ganzes Leben ist wider die Natur.« – »Nein. Oder vielleicht ja. Aber es hat etwas von einem grausigen Betrug. Wie wenn ich die Uhr dort zerschlage, weil ich die Zeit aufhalten will.« – »Kein Verbrechen weiter, wenn die Uhr bloß noch eine Attrappe ist. Der Tod nimmt mich ja aus der Zeit.« – »Was weißt du vom Tod. Was weiß ich davon. Wenn ich wenigstens was vom Leben wüßte. Nicht einmal das weiß ich, ob der Blutdruck zentral oder peripher, chemisch oder reflektorisch, von der Niere oder vom Gehirn reguliert wird. Nicht einmal das.« – »Jaja, von dem Pelz, in dem wir krabbeln, sehn wir gerade noch die Haarspitzen.« – »Man bildet sich ein, der Krankheitswille der Organe könnte gebrochen werden,« warf Kerkhoven scheinbar ohne Zusammenhang hin; »keine Idee. Jedes Organ hat das Bestreben zum Martyrium, so auch der ganze Mensch. Er merkt es nur nicht. Da steckt ein großes Geheimnis.« – Irlen nickte. »Ich habe mir einmal ausgedacht,« sagte er, »daß das Leben dort entsteht, wo im Kosmos Stoff und Geist einander in zerstörender Absicht durchdringen. Und da der Stoff viel mächtiger ist, könnte man folgern, daß wir nur von Gnaden des Todes leben.« Kerkhoven bewegte die Lippen, brachte aber kein Wort heraus. Was soll mir das, wenn ich ihn morgen nicht mehr sprechen höre, ging es ihm durch den Kopf. Irlen wandte sich ihm mit aufgehellter Miene zu. »Erinnerst du dich, Joseph, daß du mir vor langer Zeit sagtest, es fehle dir das . . . wie drücktest du es aus? das Doppelte. Ja. Das Doppelte. Wenn du mich noch in dir hättest, sagtest du, könnte was Großes, in deinem Sinn Großes, aus dir werden . . . oder so. Es war jedenfalls schmeichelhaft für mich. Ich antwortete, scheint mir, man könne nicht wissen, darin hätten wir vorläufig kein Erfahrungsmaterial, oder so ähnlich . . .« – »Ja, ich erinnere mich« (Kerkhoven trat endlich aus dem Schatten hervor), »wie kommst du darauf?« – Sie sahen einander stumm in die Augen. »In den alten Büchern der Parsen ist viel von den Fravashis die Rede,« begann Irlen und drückte die Lider mit den Fingern zu, »die Fravashis der Reinen ist ihr voller Name. Sie sind ein Teil der menschlichen Seele, doch vom Körper unabhängige Wesen. Es heißt, daß sie in einem der Vernichtung preisgegebenen Körper nicht verweilen können, sie gehen heraus. Sie sind nicht vernichtbar wie das Gewissen und das Bewußtsein, die sind vernichtbar, heißt es, sie sind auch nicht auf ein und denselben Leib angewiesen, sie dürfen sich eine andere Behausung suchen, vorausgesetzt, daß sie einem Reinen gehört. Wenn sie das tun, ist es ein freiwilliges Opfer. So hat man mich belehrt. Wundervoll, hör zu. Der Gott schickte sie erst auf die Erde, nachdem er sie gefragt hatte, ob sie lieber in die Körper einziehen und mit den Drujas, das sind die Geister des Bösen, kämpfen wollten, um zuletzt, wenn sie die besiegt hätten, wieder unsterblich unalternd oppositionslos zu werden, oder ob sie vorzögen, im Himmel zu bleiben, dann müßten sie freilich bis in alle Ewigkeit den Kampf mit den Drujas führen. Nun, da waren sie einverstanden, eine Zeitlang in der materiellen Welt zu dienen. So hat jedes lebende Wesen einen Fravashi, aber es gibt Auserwählte, die haben auch zwei, sogar drei. Merkwürdig, nicht?« – »Ja, sehr merkwürdig,« wiederholte Kerkhoven mit angehaltenem Atem. Dann tiefes Schweigen.

Es wurde schon hell draußen. Der Ruf der einsamen Amsel war zu einem hundertstimmigen Vogelkonzert geworden. »Du mußt jetzt gehen,« sagte Irlen. »Wir wollen uns Adieu sagen, wenn du . . . wenn jene Kleinigkeit erledigt ist.«

Als die »Kleinigkeit« getan war, reichten sie einander beide Hände. Irlen hatte sich erhoben. Sie standen Blick in Blick, bis Kerkhoven sich losriß. Gesprochen wurde nicht mehr. Im Hausflur, wo es noch dunkel war, stützte Kerkhoven die Stirn an die Mauer und weinte lautlos. Nur das Zucken der Schultern verriet es.

 

Hier wäre, was diese Lebensepoche Joseph Kerkhovens betrifft, zu enden. Der Vorhang könnte zugezogen werden. Zu verfolgen, wie die äußern Geschehnisse, die sich an den Tod Johann Irlens knüpften, in die allgemeinen Weltgeschehnisse mündeten, in denen alles private Schicksal spurlos zerging wie eine Handvoll Salzkörner in einem grundlosen Wasser, könnte kein tieferes Interesse erwecken. Nur von einer eigentümlichen Geistes- und Seelenverfassung Kerkhovens muß noch berichtet werden, in die er fast unmittelbar nach dem nächtlichen Zwiegespräch mit Irlen verfiel und die ungefähr bis zu seiner Einberufung als Militärarzt dauerte, also annähernd fünf Wochen. Ohne merkbaren Übergang zeigte sich danach ein gänzlich verwandelter, beinahe gegensätzlicher Zustand, obwohl später, im Feld, hie und da noch Rückschläge eintraten. Das Phänomen scheint nicht eben häufig. Bei der Durchsicht der einschlägigen Literatur fand ich nur spärliche Angaben darüber, die sich durchaus nicht in allen Punkten mit dem Fall deckten. Am ehesten ließ sich an eine Apraxie denken, eine krankhafte Sinnesveränderung, aufgehobenes Verständnis für den richtigen Gebrauch der Dinge, verbunden mit der Unfähigkeit, bestimmte Bilder festzuhalten oder bestimmte Bewegungen auszuführen. Zeitweilig schien es sogar Ähnlichkeit mit einem halluzinatorischen Stupor zu haben, obschon die Bewußtseinstrübungen nur vorübergehend waren. (Mit einer einzigen Ausnahme, wo sich eine solche über vier Tage erstreckte.) Von einem eigentlichen Leiden konnte nicht die Rede sein, eben wegen des episodenhaften und einmaligen Charakters. Von außen gesehen glich er in jenen Wochen einem Mann, der in einer unbekannten Gegend bei eingebrochener Dunkelheit den Weg verloren hat. Oder als erlösche in gewissen Abständen die Wirklichkeit in ihm wie ein mangelhaft unterhaltenes Feuer. (Damit hing auch die Vernachlässigung seiner ärztlichen Tätigkeit zusammen, sodaß sich seine Klientel schließlich vollständig verlief. Dieses berufliche Versagen hätte eine schlimme Wendung nehmen können, die Ersparnisse waren ja geringfügig, wenn das großartige Legat aus Irlens Testament nicht gewesen wäre; es kam freilich erst viel später zur Auszahlung.) Von innen gesehen, als inneres Erlebnis gefaßt, stellt sich der Vorgang jedoch in Dimensionen und Formen dar, die über die pathologische Umgrenzung weit hinausreichen. Wenn die Seele, wie die fortgeschrittensten Gelehrten behaupten, wirklich nichts weiter ist als eine Summe chemisch-physikalischer Reaktionen, dann steht man hier ohne Frage am Ende aller Weisheit.

 

Das Entscheidende spielte sich zwischen zwei Besuchen bei Nina wie zwischen zwei Kontrollstationen ab, und zwar in dem erwähnten Zeitraum von fünf Wochen. Innerhalb dieser Zeitspanne lag der Schlüssel des Geheimnisses, aber niemand, Kerkhoven selbst am wenigsten, wäre imstande gewesen, darüber Auskunft zu geben. Es war, von einem Besuch zum zweiten, genau wie eine Reise, von der man scheinbar als der Nämliche, in Wirklichkeit aber als ein ganz Anderer an den Ausgangspunkt zurückkehrt.

Am Tag von Irlens Begräbnis, am späten Nachmittag, fuhr er in die Anstalt hinaus. »Man muß doch seine Toten in Evidenz halten,« äußerte er zynisch. Der Abteilungsarzt teilte ihm mit, Nina sei seit einiger Zeit für keinerlei äußere Eindrücke mehr empfänglich, sie brüte ununterbrochen still vor sich hin, reagiere auf keinen Anruf und sei kaum zu bewegen, die notwendige Nahrung zu sich zu nehmen. Kerkhoven meinte, daß sich dieses Verhalten ihm gegenüber wohl ändern werde, aber er täuschte sich. Sie schien ihn gar nicht zu gewahren. Als er eintrat, hob sie nicht den Kopf. Sie saß auf dem Rand des Stuhls in einer Art wie jemand, der bereit ist, beim geringsten Alarm aufzuspringen und zu fliehen. Doch das geschah niemals, obwohl sie immer so saß. Der Rumpf war ein wenig verdreht, die Hände hatte sie flach auf dem Tisch vor sich ausgebreitet wie Gegenstände. Die Augen wanderten langsam über die Fingernägel hin und her, sonst schienen sie nichts zu sehen. Kerkhoven rief sie beim Namen. Nichts. Nicht die leiseste Regung. Er hatte einen Strauß Nelken mitgebracht und legte ihn vor sie hin. Nichts. Kein Zeichen, sie starrte nur auf ihre Fingernägel, automatisch liefen die Pupillen hin und her. Zart berührte er mit der Hand ihre Schulter. Er hätte ebenso gut die Stuhllehne anfassen können. Ihr Mund lächelte nicht mehr. Sie erkannte ihn nicht mehr. Es war wie eine Szene aus der Unterwelt, trostlos und finster. Er wandte sich ab. Während der Rückfahrt blieb er verstört.

Nun begann dieses halbtraumartige Dämmern in Teilnahmslosigkeit und Selbstentfremdung. Dies Warten auf ein Unbestimmtes. Herumirren ohne Ziel, mit Menschen reden, ohne sie recht zu verstehen. In seiner Haltung war manchmal etwas Unsicheres Lauschendes wie bei einem Medium, das unter Fernhypnose steht. Für Stunden versagte das Gedächtnis, er vergaß, was er sich vorgenommen, ging zum Beispiel zu einem Patienten, der seit langem geheilt war, und versäumte den Besuch bei einem andern, der dringend seiner bedurft hätte. Es kam vor, daß er beim Schreiben eines Rezepts, beim Verbinden einer Wunde in ein starres Besinnen verfiel, zwei drei Minuten lang, zur ängstlichen Verwunderung derer, die gerade zugegen waren. Dann griff er sich mit scheuem Lächeln an den Kopf und mußte sich erst wieder in einer Wirklichkeit zurechtfinden, die ihm abhanden gekommen war wie der vergangene Tag. Dabei bemühte er sich, Marie die Sorge auszureden, von der sie bisweilen erfaßt wurde und die sich nur in einem angstvollen Blick, einem Zucken des Mundes verriet. Es waren ja im Grunde keine Anhaltspunkte für Befürchtungen da, wenn man ihn nicht genau beobachtete, schien er wie jeder andere Mensch, doch weil er in ihren Augen niemals einem andern Menschen geglichen hatte, merkte sie die Veränderung umso deutlicher. Sie hatte in dieser Zeit einen Traum, der beinahe den Charakter eines Kommentars hatte, so unmittelbar drückte er ihr ahnungsvolles Gefühl aus. Sie sah ein stattliches schönes Haus, das einsam in einer abgelegenen Gegend stand und das sie, wie ihr der Traum bewußt machte, schon oft gesehen hatte und das ihr vertraut und lieb war. Seltsamerweise hatte es keine Fenster, nur ein mächtiges eisernes Tor, sonst erhoben sich auf allen Seiten die glatten Steinmauern ohne Unterbrechung. Während sie nun das Haus lange und mit intensiver Aufmerksamkeit betrachtete, verspürte sie eine beständig wachsende Unruhe, die ihr zunächst unerklärlich war, bis sie endlich dahinter kam, was es war: im Innern des Hauses war Feuer, es wurde innen von einer Feuersbrunst verzehrt. Weder am Dach, noch an der Fassade, noch am Tor gewahrte sie das geringste Zeichen davon, trotzdem wußte sie: im Innern des Hauses war Feuer. Mit diesem Albdruck-Wissen wachte sie auf.

 

Sie konnte sich Kerkhoven nicht zu allen Stunden widmen, in denen sie wünschte, ihm nah zu sein. Unermüdlich in ihrer Liebe zu ihm, war sie auch unermüdlich in jeder andern Liebe, sie stand vielen Menschen bei, die Freundinnen erinnerten sich ihrer nie mit sich selbst sparenden Tatbereitschaft. Daß sie viele Nächte schlaflos zubrachte, den blutigen Visionen ausgeliefert, die ihre Phantasie heraufbeschwor, und angesichts des Schreckens, der die Menschheit heimsuchte, das schmerzliche Verlangen nach einer klösterlichen Abgeschiedenheit kaum unterdrücken konnte, sah man ihr am Tage nicht an, wenn sie sich allem Ungemach gewachsen zeigte und jedem Dienst stellte. Ernst Bergmann, der Offizier der Reserve war, hatte schon in der ersten Woche ins Feld gemußt, die bereits eingeleiteten Scheidungsverhandlungen waren sistiert worden. (Sie brauchten nicht mehr aufgenommen zu werden, denn im Oktober fiel er an der belgischen Front.) Ende August wurde es notwendig, daß sie zur Ordnung von Familienangelegenheiten nach Dresden fuhr, wo sich gegenwärtig ihre Mutter befand. Kerkhovens wegen entschloß sie sich äußerst ungern zu der Reise, die sie immerhin acht bis zehn Tage von ihm trennte. Er begleitete sie auf den Bahnhof, während sie vor dem Zug auf und ab schritten, erzählte sie ihm ihren Traum. Er hörte mit gesenktem Kopf zu. Dann blieb er stehen und faßte ihre Hand. »Weißt du, was das Feuer bedeutet?« sagte er, »nichts weiter als daß alles alte Gerümpel in dem Haus verbrennt.« Sie antwortete nichts. Sie schaute ihn nur bebend an, in den Majaschleier ihrer Liebe gehüllt.

Er ging vom Bahnhof nachhause, es war schon gegen Abend, rosige Dämmerung hing über den Häusern und Höfen, er machte alle Fenster zu, weil er die Geräusche nicht hören mochte, die noch dazu von den hastigen Schlägen eines Maschinengewehrs wie vom Getack eines Mammut-Bohrwurms übertönt wurden. Er stand im Sprechzimmer und griff geistesabwesend nach allerlei Dingen, bald nach dem Bunsenbrenner, bald nach dem Mikroskop unter der Glasglocke; er nahm den Sterilisator vom Rost und starrte hinein, blätterte im Krankenjournal, alles mit einer müden Neugier, wie wenn es unbekannte aber keineswegs anziehende Gegenstände wären. Der Raum hatte was Entlegenes, was Gemiedenes fast, eine Hexenküche ohne jeden Spuk, nur noch mit den ernüchternd wirkenden Requisiten. Er riß ein Blatt vom Notizblock herunter und schrieb mit großen Buchstaben: Dr. Kerkhoven ist verreist. Dann ging er hinaus und heftete das Papier mit vier Reißnägeln an die Eingangstür, die er von innen verriegelte. Hierauf begab er sich ins Sprechzimmer zurück, legte sich auf den Diwan, streckte die Glieder wie zu tiefem Schlaf und sah zu, wie es finster wurde. Ein schmaler Lichtschimmer an der Decke bewegte sich hin und her wie ein okkultes Pendel. Nach einer Weile verlosch dieses Licht. Und dann auch der Raum, das Drinnen wie das Draußen. Denn so, ohne Regung, ohne Blick, nur als schlagendes Herz und atmende Lunge, lag er vier Nächte und vier Tage. Er vermochte später nichts darüber auszusagen als daß er fortwährend die dumpfe, aber durchaus nicht quälende Empfindung gehabt habe, in einem undefinierbaren Element, nicht Luft, nicht Wasser, etwas gänzlich Fremdartigem mit einem Wort, zu schweben, und zwar mit dem vollkommen klaren Bewußtsein der vergehenden Zeit; er könne sich vorstellen, daß so ungefähr das Lebensgefühl eines Baumes beschaffen sei. Als er in seinen gewöhnlichen Zustand zurückkehrte, stand die Sonne hoch, es mußte Mittag sein, er nahm in Eile irgend etwas zu sich, was sich in der Küche vorfand, gleich darauf stand es für ihn fest, daß er zu Nina in die Anstalt hinausmüsse. Warum sich ihm gerade dies als gebieterische Notwendigkeit aufdrängte, als etwas, das zuallererst getan werden mußte, blieb vorerst auch ihm selbst ein Rätsel. Er hatte es nicht im mindesten überlegt, er handelte einfach unter einem Befehl. Ganz begriffen hat er es auch später nicht; wenn er den Versuch machte, seine Gedanken darauf zu konzentrieren, wurde ihm sofort unheimlich zumut, und er gab es auf. »Ich konnte mir doch nicht einbilden,« sagte er zu Marie, als er ihr nach ihrer Rückkehr das Geschehene erzählte, »daß ich ihr armes krankes Gemüt heilen könnte. So was wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, da wäre ich ja selbst ein halber Narr. Ich weiß nur, daß es mir immerfort im Kopf herumging, wie erbärmlich ich mich fühlte, als ich vor ihr stand und sie überhaupt keine Notiz von mir nahm. Ich habe mich unmenschlich geschämt dabei. Ich sagte mir, so traurig ist es bestellt um deine innere Gewalt, daß ein Geschöpf, mit dem du Jahre und Jahre gelebt hast, nicht das Geringste von deiner Nähe spürt, daß du nicht einmal ihren Blick zu dir zwingen kannst? das hat nichts mit dem Sensorium zu tun, das ist Sache des Bluts. Und wenn mir das Blut in einem Menschen auf meinen Ruf nicht antwortet, was habe ich dann zu suchen auf der Welt? Wahrscheinlich deshalb hat es mich wieder hingetrieben, verstehst du? Wegen der Probe. Und die ist ja gelungen. Für ein Intervall. Gewiß. Aber ein Intervall herauszaubern aus der anima nocturna war schon viel. Eine Sekunde lang schiens als bitte einen die Natur wegen ihrer Grausamkeit um Verzeihung. Kannst du es verstehen? Das Eis war durchgestoßen, das wars.« Marie packte ihn jäh bei den Schultern und schaute ihn tiefbetroffen an. Das Irlensche Wort in dem Augenblick! War es Zufall, daß er es gebrauchte? Wir unsererseits müssen es annehmen. Das Motiv, mit dem er Marie gegenüber seinen Impuls erklärte, klang jedenfalls plausibel, obwohl er den wichtigsten Umstand dabei außer acht ließ, nämlich aus welchem Grund er sich an diesem Tag einen Einfluß oder, wie er es nannte, die innere Gewalt zutraute, die er vier oder fünf Wochen vorher nicht besessen hatte. Darin eigentlich lag das Geheimnis, und diesen Punkt berührte er mit keinem Wort.

Als er sich auf den Weg machte, fühlte er sich unsäglich leicht gestimmt, auch physisch ohne Schwere. In der Anstalt draußen mußte er ziemlich lange auf den Abteilungsarzt warten, der teilte ihm dann mit, im Befinden wie im Gehaben Ninas habe sich nicht viel geändert, nur etwas lenksamer sei sie geworden. Doch spreche sie weder, noch zeige sie irgendwelches Interesse, noch sei sie zu einem Gang ins Freie zu überreden. Mitten in seinem Bericht stutzte er und blickte Kerkhoven forschend an. »Was gibts, Herr Kollege?« fragte dieser freundlich, »hab ich was an mir?« Der junge Arzt errötete flüchtig. Es war ihm allerdings etwas aufgefallen, aber was es war, konnte er nicht sagen, ein Ausdruck in den Augen vielleicht, eine nicht bezeichenbare Veränderung in der Haltung. Sie gingen dann hinauf. Kaum daß sie eingetreten waren, geschah das Unerwartete, schier Ergreifende. Beim Klang seiner Stimme zuckte Nina zusammen. Sie schaute empor, schaute ihn an. Groß, groß-erstaunt als ob er eine Erscheinung für sie sei. Auf einmal ging ein Leuchten über ihr Gesicht, sie erhob sich, schritt zögernd auf ihn zu, verneigte sich erst wie eine Dienerin, sehr tief, und während ein Schauer merkbar über ihre Glieder rann, schmiegte sie sich mit einer halb ehrfürchtigen, halb kindlich getrösteten Bewegung in seine Arme.


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