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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Siebentes Kapitel

Am vierzehnten Mai, abends, brachte Kerkhoven seine Frau in die Kreisirrenanstalt. Er hatte ein langes Gespräch mit dem Direktor und ein zweites mit dem Abteilungsarzt. Sie bekam auf dem Zahlstock einen besonderen Raum, zweifenstrig, mit Ausblick auf den Garten. Als er in das Zimmer trat, um Abschied von ihr zu nehmen, saß sie am Tisch und zeichnete mit der Fingerspitze imaginäre Linien auf die Holzplatte. Sie schaute nicht empor. Er ergriff sanft ihre beiden Hände und legte sie auf seine Brust. Sie ließ den Kopf nachfolgen, mit einer Bewegung als knicke der Hals. Er streichelte ihre Haare. »Nina,« sagte er. Sie lächelte scheu zu ihm auf. Die Fenster standen offen, Akaziengeruch wehte herein, die eisernen Gitter sahen aus wie parallele schwarze Striche, die über den schwarzblauen Himmel gezogen waren. »Vuoi portarmi fiori, Giuseppe, domani, vuoi?« murmelte sie. Er sagte, er habe veranlaßt, daß man ihr jeden Tag frische Blumen ins Zimmer stelle. Sie umklammerte ihn und schluchzte fassungslos. Sie hatte es noch nicht begriffen, das alles. Es war ein Dämmerzustand, in dem sie die Dinge erlebte. Der Arzt erschien unter der Tür und nickte Kerkhoven bedeutsam zu. Er riß sich los. Im Korridor hörte er sie noch weinen. Ihr bettelndes »Mu vuoi portarmi fiori« verfolgte ihn noch lange. Nina, Nina . . .

Aber Ninas Bild wurde bald blasser als der Schatten an der Wand. Dazu bedurfte es nicht vieler Wochen oder Tage, die bloße Rückkehr in die Stadt genügte, das Bewußtsein, daß es in einer bestimmten Straße, in einem bestimmten Haus eine Frau gab, deren Atem und Herzschlag wie seine eigenen waren und mit der er verbunden war wie noch mit keinem Wesen auf der Welt. Das aber hatte nichts mit klarer und der Wirklichkeit abgerungener Erkenntnis zu tun, es war eine sehr dunkle, beinahe mystische Empfindung, gegen die sich ein unfaßliches Etwas in seinem Innern zur Wehr setzte. Warum? welche Feigheit oder Unentschlossenheit war die Ursache? Es war elf Uhr nachts, als er in seine verödete Wohnung zurückkehrte. Und von elf Uhr bis drei Uhr morgens schritt er unablässig wie ein Militärposten durch die offenen Türen von Zimmer zu Zimmer, vom finstern Schlafzimmer durch das beleuchtete Wohnzimmer ins finstre Wartezimmer und finstre Sprechzimmer und wieder zurück, unablässig. Erst als der Himmel im Osten rot wurde, ging er zu Bett und versuchte zu schlafen. Aber schon um fünf Uhr wurde er zu einem erkrankten Kind geholt.

 

Ihr habt natürlich einen Liebenden zu sehen erwartet, den das Glück erwiderter Liebe freudig emporträgt. Rückhaltlos hat sich ihm Marie gegeben, ohne Einschränkung, ohne Bedingnisse, mit der hochherzigen Freiheit einer Frau, der Schenken eine Lust ist, Sichselberschenken, wenn sie liebt, eine Selbstverständlichkeit. Sich aufheben, sich verheißen, sich kostbar machen, das kennt sie gar nicht, davon weiß sie nichts, sie ist von allen Künsten so weit entfernt wie von bürgerlichen Ängsten, und wenn man ihr von Strategie der Leidenschaft spräche oder den Gefahren der Sorglosigkeit, wäre sie erstaunt und verletzt. Ihre Seele ist darin so offen wie der Himmel und so einfach wie ein Quell. Der Untergrund ihres Wesens und die Atmosphäre ihres Lebens ist Zärtlichkeit, und aus der Zärtlichkeit wird das Lächeln geboren, mit dem sie ihren Körper der Liebe überläßt. Nicht viel anders als wenn ein Vogel seine Schwingen ausbreitet, um sich der Luft anzuvertrauen. Wird er sich vorher besorgt nach der Temperatur erkundigen und was morgen für Wetter sein wird und was die übrigen Nestbewohner davon denken werden?

Das ist es ja, was Kerkhoven so bestürzt macht. Sein Tun ist von Verantwortung belastet, seine Gedanken, seine Entschlüsse, seine Gefühle. Es ist eine wahre Düsternis, moralische Kettenhaft, Abhängigkeit von dem Richtertum des nie schlummernden Gewissens. Böses Gewissen in Permanenz. Aber damit, will uns scheinen, ist noch wenig gesagt; oberflächliche Andeutung eines Zustands, dessen Entwicklung bis in die Knabenjahre zurückreicht. Wenn er als Kind von der Liebe zwischen Mann und Weib gelesen hat, ist ihm dies etwas Heiliges gewesen, umhüllt von Romantik und Geheimnis und nur auserlesenen Geschöpfen beschieden. Im Maß wie die Sehnsucht erdgebundener wurde, der reine Traum von sinnlichen Wünschen umflort, verwandelte sich das Geheimnis in die Heimlichkeit und das Heilige in die Lockung des Teufels. Daran hatte die Epoche ihren Anteil, das Leben in der Provinz, die Dürftigkeit der Lebenslage, die geistige Verdorrung und die verlogenen Konventionen der Bürgerwelt am Ende des Jahrhunderts. Ein Erlebnis wie das mit dem Epileptiker Domanek wäre sonst nicht möglich gewesen. Der Einfluß davon war verhängnisvoller als er es Irlen gestanden, vielleicht weil er nicht einmal die ganze Tragweite ermessen konnte, so umfassend kann sich ein Mensch gar nicht sehen. Und er hatte vieles verschwiegen, was zu bekennen den Mut jedes Mannes übersteigt. Wozu auch, es geht gegen die Scham, die das Rückgrat des Selbstbewußtseins ist. Zwischen seinem fünfzehnten und einundzwanzigsten Jahr hat es Zeiten gegeben, wo er in Qualen durch die abendlichen Gassen gewandert ist, um vor jedem beleuchteten Fenster stehen zu bleiben und mit brennenden Augen das Spiel der Schatten auf den Vorhängen zu betrachten. Seine Phantasie gaukelte ihm das Ungeheure vor, das Verschwiegene, das Heimliche, das Sündhafte. Es gab ein Fenster in der elterlichen Wohnung, von wo er mit Hilfe eines der Mutter entwendeten Opernglases und von der Nacht beschützt stundenlang in die gegenüberliegende Wohnung eines Ehepaares zu schauen pflegte, von einer schmerzlichen unreinen Neugier besessen, jede Miene, jede Regung, jeden Blick der beiden Menschen beobachtend, in herzklopfender Erwartung des Heimlichen, des Sündhaften, an dem auch seine Augen zu Sündern werden mußten, wenn es sich ereignete. Alles so nah, daß man hätte hinüberrufen können, und doch eine ferne Welt, wie ein Vorgang auf dem Mond, fremde banale Leute, aber verzaubert durch eine sinnliche Vision in einem mönchischen Gehirn. Er verabscheute Laster und Ausschweifungen, aber er kannte ihre Stätten, und sie zogen ihn unwiderstehlich an. Eine Frau verehren, das hieß sie meiden, von ihr träumen, das war schon viel, sie im Traum umarmen Verbrechen. Liebe war das Heilige, die Sinne erniedrigten und zerstörten es. Man kann nicht im Unwirklichen existieren, die Engel kann man nicht besitzen, der Körper ist ein Tier, also muß man dem Teufel geben, was des Teufels ist. Das ist der Mann mit der Erbsünde, dem ausgetragen ist, daß er jedes Glück zu bezahlen, das heißt zu büßen hat, der nicht wagt, an sein Herz zu glauben, der sich immer ein wenig fürchtet, zu lachen, und der vom Schicksal niemals eine Gunst und Freundlichkeit erwartet, sondern sich von vornherein zitternd vor ihm duckt wie vor dem Basilisken, dessen Blick erstarren macht und dem gegenüber man sich am richtigsten verhält, wenn man seine Aufmerksamkeit nicht auf sich lenkt.

Das war die Anlage. Leben und Erfahrung hatten sie in mannigfacher Hinsicht gemildert und die Schroffen abgeschliffen. Der ärztliche Beruf ist wie kein anderer geeignet, die Ausgleichung des Gegensätzlichen zu bewirken. Vor dem Krankenbett und vor dem Leichnam hat nichts mehr Bestand, nichts mehr Giltigkeit, kein Brauch, kein Gesetz, kein Vorurteil, keine Leidenschaft, keine Religion. Alles wird Menschenprodukt, hat sein karges menschliches Maß und seine flüchtige menschliche Dauer. Kerkhoven hat in so viele Seelenabgründe geblickt, daß der eigene für ihn an Interesse verloren hat, er ist sozusagen vom Leid und der Not der andern angefüllt worden und daher nur noch vorhanden wie das Becken eines Sees als Abgrund vorhanden ist, das Wasser schließt ihn und macht ihn unsichtbar. Er hat so viele Formen und Arten der Liebe kennengelernt wie es Worte gibt, um sie zu bezeichnen. Sie waren vergänglich, alle; keine war, von außen betrachtet, was sie denen zu sein schien, die sie hegten. Eine sterbliche Illusion, abhängig von Glücksgütern, von der Blutbeschaffenheit, von der Epidermis. In dunklen Stunden war man versucht, an eine pathologische Entartung gewisser Drüsen und Nerven zu glauben, die Hypothese war nur zu platt und zu mißbraucht, ihr Zynismus hatte nichts Verführerisches mehr. Die Ehe mit Nina kam dazu, sie hatte nach allerlei Schwankungen und Rückfällen zu einer Versöhnung zwischen oberer und unterer Welt geführt, Friedensschluß unter Garantie des Behagens und der geregelten Ernährung und unter Verzicht auf alles, was mit Traum und Traumwesen zu schaffen hat.

 

Obschon Marie dies alles nicht weiß, ist das Gefühl für ihn so tief und das Bild, das sie in ihrer Vorstellung von ihm hat, so fest umrissen, daß nichts an ihm sie zu überraschen vermag, was er auch tut oder unterläßt. Es ist wie eine Inspiration, durch die sie jede Regung in ihm kennt bis auf den Grund seiner Seele hinab. Noch nie hat sie einen Menschen so gewußt, oft ist ihr zumut als hätte sie ein früheres Leben mit ihm gelebt, aber nicht zu Ende gelebt, die eigentliche Erfüllung sollte erst in diesem kommen. Dadurch, so dünkt ihr, war sie vorbereitet. Dadurch konnte sie ihm sein, was ihm eine Frau sein mußte. Sie hat viel darüber nachgedacht. Als sie ihr Herz geprüft und ihren Entschluß gefaßt hatte, war diese stürmische Bereitwilligkeit über sie gekommen, Jubel beinahe, ihm zu dienen. Ihre Wünsche gingen bis an jene Grenze, wo das Herz, trunken von ihnen, sich mit übermenschlichen Kräften begabt fühlt. Aber sie war nicht die Person, die sich in einen Rausch verliert. Sie sah außerordentlich klar. Sie wußte, daß sie wie ein Auswanderer handelte, der seinen ganzen Besitz wegwirft, um im Ungewissen ein ungewisses Glück zu suchen. Keine Spur von Bedauern war in ihr. Während sie in ihrem Innern alle Entscheidungen traf, schien sie sorglos, wie im Spiel. Kerkhovens Andeutungen über die Zukunft ergötzten sie, sie tat als ließe sie sich treiben. Vorläufig wollte sie nichts weiter sein als seine Geliebte. Mit geschlossenen Augen, ganz ganz still. Es war ein wunderbarer Enthusiasmus in ihr, der ihn erschütterte.

 

Sie täuschte sich nicht darüber: erschüttern konnte sie ihn, mitreißen nicht. In den meisten menschlichen Beziehungen liegt ein Krankheitsstoff, der unter günstigen Umständen nicht zum Ausbruch der Krankheit zu führen braucht, er enthält nur die immanente Gefahr; so bildete sich an diesem Punkt der zerstörerische Keim, der viele Jahre später virulent werden und das gesamte Gefüge der Existenz auseinanderreißen sollte. Seine Dunkelheit, seine Schwere, seine Erd und Taggebundenheit erregten ihr schmerzliches Mitleid, sie spürte was dahinter lag, die freudlose Jugend. Er ließ es ja nicht über sich Herr werden. Es gibt Männer, die in einer großmütigen Veranlagung alles, was sie durchlitten haben, mit Vergessenheit bedecken, sie stoßen es kraftvoll ins Ungewußte hinunter, entschlossen mit jedem Heute wie mit einem ehrenhaften Gegner zu verhandeln, von dem man sich keines feigen Hinterhalts versieht. So setzte er beständig seine mächtige Natur ein, um die kleinen Tücken und Verrätereien des Lebens zu paralysieren, gelassen und geduldig, aber niemals froh und niemals innerlich ruhig. Die Leidenschaft, mit der er Marie umfing, war eine Form von Betäubung, ein finsteres Element, vor dem sie bisweilen erschrak. Und doch war er so zart, so rücksichtsvoll, so fürsorglich, fast wie eine Frau. Wunderlicher Widerspruch. Erst nach und nach vermochte sie ihn zu lösen. Ein Wort, das ihm entschlüpfte, eine scheue Frage, das Bruchstück eines Geständnisses halfen ihr. Ihre Sinne und ihr Verstand nahmen alles was ihn anging mit Begierde auf, sie konnte Stunden und Stunden damit hinbringen, über eine Eigenschaft von ihm, einen Ausspruch, einen Blick oft nur, ernstlich und gesammelt nachzudenken. Wovor bangte ihm? wovor verkroch er sich? Immer die Gebärde als müsse man die Türen verrammeln und die Fenster verhängen, wenn sie bei ihm weilte. Wenn er dasteht und seine Augen flüchten ins Leere, erinnert er nicht an einen ungetreuen Diener, der in den Kleidern seines Herrn auf den verstecktesten Platz im Theater geht und jeden Augenblick erkannt zu werden fürchtet? Es ist ein erstohlenes Glück, er hat es nicht verdient, er kann es nicht bezahlen. Eines Tages wird der Gläubiger erscheinen und ihm die Rechnung vorhalten, und dann? O sie begreift, was es ist, ihr Herz zieht sich zusammen, sie ahnt die Schwierigkeit ihrer Aufgabe, wieviel muß sie ihm sein, um dieses Gift in seinem Blut zu löschen, darin liegt wohl auch die geheimnisvolle Bestimmung, daß sie ihn lieben muß, sie, die aus der Irlenschen Welt kommt, wo alles hell und weit ist . . .

Ihre heitere Unbefangenheit erscheint ihm oft wie Herausforderung. Sie hat keine Angst vor Entdeckung. Es fällt ihr nicht ein, Vorkehrungen zu treffen und Umwege zu wählen. Sie ist nicht blaß und atemlos, wenn sie kommt. In ihren Zügen ist keine lüsterne Spannung, kein aufgeregtes Komplicenlächeln, kein böses Gewissen, nichts nichts, nur Freude. Sie trägt den Kopf frei, was sie tut, ist das Natürliche, das Angemessene. »Was bist du denn für eine?« fragt er beklommen, »fürchtest du dich denn gar nicht? Du bist ja ganz aus der Art . . .« Ihre Liebkosungen zaubern die nervösen Schatten von seiner Stirn weg, aber wenn sie sich von einander trennen, hat er das Gefühl sträflicher Pflichtversäumnis und stürzt sich in die Arbeit als stünde schon der Rächer mit der Peitsche hinter ihm. Sie leidet darunter, sie will ihn nicht so bebürdet sehen, sie möchte den Krampf in ihm lockern, die Besessenheit von ihm nehmen, sie können alle warten, sagt sie, laß dir doch Zeit, du bist der Herr in deinem Leben; und umklammert bittend mit ihren beiden Händen seine rechte. Er schüttelt den Kopf. Nein, er hat keine Zeit. Es macht den Eindruck als müsse er das ganze Leben mit einem einzigen Bissen hinunterschlingen. »Aber,« seufzt er, »du weißt ja nicht . . . dort wo du bist, was weiß man denn dort . . . du hast es ja nie erfahren . . . du kennst nicht die Not, keine geistige, keine leibliche . . . du hast in einem Rosengarten gelebt . . . das ist es ja . . .« – »Was, Joseph, was?« drängt sie, »nur die hungern, können mitreden? nur die Not gibt dem Menschen seinen Wert? Das willst du doch nicht sagen?« – »Nein. Das nicht. Ich meine, was aus uns werden soll . . .« Ihr stolzes sorgloses Lächeln beschämt ihn. Aber was ihn nachhaltig bedrückt, ist der bevorstehende Kampf. Die Heimlichkeit muß ja nun enden. Sie dürfen sich nicht wie unwissende Kinder aufführen, die eines Tages bei verbotenem Spiel ertappt werden. Was die der Welt vorenthaltenen Stunden der ersten Leidenschaft entschuldigt, wird häßlich und unredlich, sobald sich, wie es hier geschieht oder ihnen geschehen ist, der Anspruch auf einen Lebenszustand daraus erhebt. Das ist Kerkhovens Gefühl. (Zehn Monate früher, bevor er Irlen kannte, hätte er wahrscheinlich nicht so streng geurteilt.) Es ist auch Maries Gefühl. Aber etwas in ihr widerstrebt der Preisgabe. Als solle sie eine glückliche Insel verlassen, um ernüchtert ins Menschengewühl zurückzukehren. Es gebrach ihr nicht an Mut, sich zu stellen, es tat ihr nur leid um das Schöne, das nun dem Bittern und Traurigen zu weichen hatte. Wenigstens für lange Zeit.

 

Kerkhoven fand, daß er sich vor allem Irlen eröffnen müsse. Er habe schon viel zu lange gezaudert. Der Mann habe ihn aufgenommen wie einen Bruder, dafür habe er ihn schmählich hintergangen, sei in sein Haus eingebrochen wie ein Dieb in der Nacht und habe seine Freundschaft mißbraucht. So stehe doch die Sache, von der andern Seite angesehen, man dürfe sich nichts vormachen. Marie schaute schweigend zu Boden. Die »blassen Blumen« hatten einen Ausdruck melancholischen Besinnens. In der abbrechenden Geste, die sie machte, lag die Bitte: nicht so harte Worte, nicht richten, nicht klein werden . . . Sie dachte an Ernst. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie er es aufnehmen würde, wie er es ertragen sollte. Sie sah sein Gesicht mit der reinen schmalen Stirn, dem bis zur Schwärze erloschenen Blick hinter den Brillengläsern, die schlaff herabgesunkenen Arme mit den Händen eines alten Fürsten. Er wird ihr nicht sagen: du hast mein Leben zertrümmert, Marie, aber sie wird vom ersten Augenblick an wissen, daß es so ist. Und Aleid? und Aleid? Sie kann nicht in ein neues Leben gehen ohne ihr Kind. Da ließe sie das alte zu keiner Stunde los. Sie muß das Kind haben. Aber wie, wenn sie kein Anrecht besitzt? Man wird ihr zu verstehen geben: wie kannst du ihm eine gute Mutter sein, da du eine schlechte Gattin warst? Was in aller Welt sollte Ernst zum Verzicht bewegen und zur Großmut stimmen? Weder er noch die alte Dame noch Johann Irlen würde für ein solches Verlangen etwas anderes übrig haben als ein Achselzucken. Ja, auch Irlen. Bei dem Gedanken an ihn wird ihr weh, sie legt die Wange in die flache Hand wie ein kleines Mädchen, das gescholten wird. Kann sie denn das Haus verlassen, solang Er dort krank liegt, ist das denkbar? Wäre es nicht eine widrige Lieblosigkeit und Selbstsucht? Diese Erwägungen überfielen sie wie eiskalter Regen auf einer Landstraße, es war so verwirrend, so trostlos plötzlich, daß sie sich vorbeugte und mit den Händen das Gesicht bedeckte. Kerkhoven schlang die Arme um ihre Schultern. »Nicht, Marie, nicht,« beschwor er sie, küßte ihr Haar und versuchte sanft, ihre Hände von den Augen wegzuziehen. Aber sie hob von selbst den Kopf. Sie lächelte schon wieder. »Sei mir nicht böse,« sagte sie mit dem strahlenden Lächeln, »ich bin dumm. Manchmal ist man ein bißchen dumm.« Sie sah ihn mit jenem offenen Kameradenblick von gleich zu gleich an, der so charakteristisch für sie war. »Du hast recht, Lieber,« sagte sie, »ihm bist du die Wahrheit schuldig.«

 

Kerkhoven erinnerte sich an folgendes. An dem Abend, an dem er Nina in die Anstalt gebracht hatte, war er noch bei Irlen gewesen. Irlen wußte, woher er kam. Marie hatte es ihm mitgeteilt. Er sprach kein Wort über das Geschehene. Sein Händedruck enthielt alles, was er hätte sagen können. Er war darin der zartesten und eigentümlichsten Nuancen fähig. Im allgemeinen liebte er nicht das viele Einander-die-Hand-reichen, namentlich nicht bei täglichem Verkehr, doch wenn sich ein besonderer Anlaß bot, wurde die bei den meisten Menschen so leere Geste ein ausdrucksvolles Zeichen, für Verschiedene verschieden. Kerkhoven entsann sich der wohltuenden Empfindung eines Halts und Anhalts, als Irlen seine Hand umfaßt hatte, den Daumen wie mit besonderer Versicherung anpressend, und drei oder vier Sekunden lang die gesenkten Augen auf ihren verschlungenen Händen hatte ruhen lassen. Das schweigsame Mitgefühl, das sich darin kundgegeben, hatte ihn beschämt, ungeachtet seines Kummers um Nina, schon an jenem Tag war ihm sein eigenes Schweigen wie Verrat erschienen. Heute, da er den Verrat einbekennen sollte, trat er den Weg zum Freund mit schwerem Herzen an.

 

Er stellte die gewöhnlichen Fragen, nahm die Temperatur ab, prüfte den Verlauf der Fieberkurve auf dem Zettel, der über dem Bett hing, dann setzte er sich Irlen gegenüber, und mit einem Gesicht, das im Sprechen verfiel, sagte er: »Ich habe eine private Angelegenheit vorzubringen, Irlen. Eine Sache, die mich seit einiger Zeit bedrückt. Nicht an sich bedrückt, nein. Sondern weil sie sich hinter deinem Rücken abgespielt hat. Ich habe einfach nicht den Mut aufgebracht, dich . . . es handelt sich um etwas, das entscheidend für mein Leben ist . . . und nicht für meines allein . . . es ist . . . kurz und gut: Marie Bergmann und ich, wir lieben uns und sind gesonnen alle Konsequenzen daraus zu ziehen.« Er riß das Taschentuch heraus, wischte sich die Stirn, bog den Rumpf bis zu den Schenkeln herab und nickte ein halbes dutzendmal pagodenhaft mit dem Kopf. Da Irlen keinen Laut von sich gab und die Stille auf beunruhigende Weise andauerte, blickte er endlich wieder empor. Irlen saß in steinerner Unbeweglichkeit auf seinem Stuhl. Er schaute geradeaus gegen die Tür, die Pupillen schienen starr, das Blau der Augen schimmerte ins Grünliche. Die Unterlippe war ein wenig herabgesunken und machte wie bei einer japanischen Maske aus dem Mund einen offenen Spalt. Bestürzt sprang Kerkhoven auf und wollte sich ihm nähern. Da erhob er aber langsam den Arm. Kerkhoven blieb stehen. »Laß nur,« murmelte Irlen, »nichts . . . es geht vorbei. Nein, ich will nicht liegen. Nicht . . . nicht sprechen. Laß. Bemüh dich nicht.« Kerkhoven sah sogleich, daß hier keine Krankheitswirkung vorlag. Umso betroffener war er. Er ging zum Kamin, stützte den Arm auf den Bord und wartete. Er starrte auf das Zifferblatt der Uhr und konnte das Vorrücken des großen Zeigers verfolgen. Sie hatte ein schönes Gehäuse aus getriebenem Silber, auf dem Amoretten lagerten. Auf einmal, wie um einen Ausruf zu unterdrücken, preßte er die Hand an den Mund, in seine Augen trat eine beinahe kindliche Überraschung, aber eine von der schmerzlichsten Art. Und dieser Schmerz oder das Bedauern oder was es war galt nicht bloß Irlen, auch ihm selbst, seiner Unwissenheit und Verständnislosigkeit, als Arzt und als Mensch. Es ging ihm lange nach. Es dauerte Tage bis er wieder einigermaßen ins Gleichgewicht kam. Was für ein Schwachkopf man ist, grollte er in sich hinein, roh dickhäutig ahnungslos als hätte man zeitlebens nur mit der Heugabel zu tun gehabt; weiß nichts vom Menschen, von Tod und Teufel nichts und macht ein Riesengetue von seiner Kenntnis und Erfahrung, statt das Maul zu halten und zu lernen, miserabler Idiot, auf Knieen zu rutschen und zu lernen . . .

Indessen hatte sich Irlen gefaßt. Das Gesicht hatte wieder Farbe, nur auf der Stirn lag ein eisengrauer Ton, sie sah aus wie mit einer Tinktur bestrichen. »Es ist zum Verzweifeln,« klagte er, »nachgerade kommt mir alle Fähigkeit abhanden, die gewissen kleinen Anfälligkeiten im Keim zu unterdrücken. Vor kurzem konnt ichs noch. Jammervoll. Es scheint, es hapert mit den Reserven.« Kerkhoven gab keine Antwort. »Ich denke, du läßt mich jetzt allein, Joseph,« fuhr er mit veränderter, freundlich-bittender Stimme fort, »es ist besser so. Vielleicht auch morgen. Ich werde telephonieren lassen. Du bekommst Nachricht. Auf alle Fälle.« – »Nun, gute Nacht, Irlen,« sagte Kerkhoven. – »Gute Nacht, Joseph.« Als Kerkhoven die Tür hinter sich zugemacht hatte, sagte Irlen bitter vor sich hin: »Ngaljema zieht den roten Kittel an.«

 

Ungefähr zur selben Zeit saß oben Marie vor dem Flügel, in sich hineingebückt. Ihre rechte Hand ruhte auf der Klaviatur, bisweilen drückte sie mit einem Finger eine Taste nieder, a oder c, dann erschrak sie über den schwachen Ton in der Einsamkeit des Zimmers und senkte den Kopf noch tiefer. Endlich stand sie auf, ging zur Tür, die in die Bibliothek ihres Mannes führte, und lauschte. Es war ganz still drinnen, sie öffnete leise und spähte hinein. Nichts zu hören. Finster. Da wurde sie von Angst ergriffen, tastete nach einem der Schalter, ein Eckenlicht in einer Bronzekerze flammte auf, und bei dessen Schein sah sie Ernst auf der Ottomane liegen, den Kopf in Kissen gewühlt, den Rumpf so zusammengebogen, daß es aussah als habe man einen Haufen Kleider hingeworfen. Ungewöhnlicher Anblick bei einem Mann, der sonst die Beherrschtheit selbst war, dessen korrekte Haltung eher an einen Offizier in Zivil als an einen jungen Gelehrten denken ließ. Marie stand wortlos da, die Arme über der Brust gekreuzt wagte sie kaum zu atmen. Was sollte sie tun? Was sollte sie sprechen? Es war ja alles so unsinnig, was für Worte gab es denn, welchen Trost, der bloße Versuch, solche Verzweiflung zu mildern, deren Ursache man selber war, hatte was seltsam Eitles, sie bebte zurück davor, es machte sie auch so schuldig und sie konnte sich nicht schuldig finden. Seine Brille lag auf dem Teppich, dies rührte sie, es war als hätte er sich freiwillig des Zeichens seiner Würde begeben und sei dadurch doppelt hilflos und mitleidswert. Sie setzte sich zu ihm und streichelte zaghaft seinen Kopf. Sie begann zu reden. Was ihr gerade in den Sinn kam, nicht viel Verständiges, nur so eben, daß er ihre Stimme hörte und nicht glaubte, sie empfinde nicht mit ihm. Immer das Nämliche: der Irrtum, in dem sie sich befunden, er und sie, als sie die Ehe geschlossen. Sie hätten einander mißverstanden und jeder sich selbst. Nur Freundschaft hätte es sein dürfen, wie es ja jetzt noch Freundschaft sei, von ihrer Seite wenigstens die innigste, und nichts wünsche sie sehnlicher als daß er sie auch weiterhin als seine beste Freundin betrachte, die allerergebenste, allerdankbarste. Und so weiter. Er machte eine unmerklich verneinende Bewegung mit dem Kopf. Doch, Ernst, doch, beharrte sie in schwesterlichem, naiv-schmeichelndem Ton, er müsse sich nur langsam an den Gedanken gewöhnen, den andern Gedanken aber gar nicht in sich laut werden lassen, er habe ihr unsäglich viel gegeben, ihr Herz sei ganz erfüllt davon, es seien so wunderbar schöne Jahre gewesen, die sie miteinander verlebt, nie werde sies vergessen, warum müsse es denn gerade das eine sein, diese eine besondere Liebe, die sei ihnen eben nicht beschieden, sie habe es immer schon gewußt, erst dunkel und zweifelnd, dann klar und unabänderlich. Und so weiter. Törichte Argumente im Grund. Zärtliche, humane, der Situation angemessene, aber ihr Ziel verfehlende und auch nicht ganz aufrichtige Argumente. Der Sieger ist nie ganz aufrichtig, nur weiß er es nicht, wenn er schonen will. Ernst konnte der eifrigen Trösterin das Wort entgegenwerfen, das sie für den Augenblick verstummen machte. Wie ein Stöhnen aus einer Höhle klangs: »Und das Kind?« Sie zuckte zusammen. Sie war darauf gefaßt. O, er mußte nicht so tun als würden alle Kinder, die geboren werden, von liebenden Gatten in die Welt gesetzt, es war ein Schmerzensschrei, und nicht ganz ehrlich, denn auch der Schmerz hat seine Winkelzüge, aber Marie wollte nichts erwidern, der Gedanke an Aleid schnitt ihr in die Seele. Ihre brennende Erwartung (mehr als Erwartung, Gewißheit fast, weil alle göttlichen und menschlichen Rechte und die Überzeugung von der Noblesse des Mannes sie in dem Glauben befestigten), ihre Zuversicht, daß das Kind ihr gehören würde, konnte jetzt nicht erörtert werden, im ersten Aufruhr der Gefühle. Sie schwieg lang. Leidvoll starrte sie vor sich hin. Da war es nun, das Zerrüttende, das viel zu früh die Blüten abschor. Sie dachte an ein Gespräch, das sie vor ein paar Tagen mit Kerkhoven gehabt. Gleichsam um sie auf die Probe zu stellen hatte er wie beiläufig bemerkt, sie werde in dem Kampf schließlich erlahmen. Da kennst du mich schlecht, hatte sie geantwortet, Widerstand macht mich stärker, aber, hatte sie leiser hinzugefügt, man braucht dazu ein Gewissen, das muß so weiß wie Schnee sein. Und er: du siehst so eigentümlich aus, hast du denn das schneeweiße Gewissen nicht? Nicht ganz, nicht ganz schneeweiß, war ihre Entgegnung gewesen, ich hätte ihm schon damals sagen müssen, wie es mit mir stand, du weißt was ich meine, und ich habe es nie gesagt, auch nicht als dus förmlich von mir verlangt hast, von mir erwartet hast. Warum nicht? Kannst du mirs erklären? Und er darauf: sicher nicht weil du zu feig dazu warst, du bist nicht feig, du hast nur nicht das Gefühl gehabt, das dich heute zwingt, du hast ihm ja nicht geraubt, was du ihm heut raubst, hätte er denn den Unterschied sehen können? nein; er hätte es genau so schwer genommen, und dir wär zumut gewesen wie einem Kind, wenn es für eine Notlüge ebenso hart bestraft wird wie für einen Diebstahl; es stand nicht im Verhältnis, hab ich recht? Da war sie ihm mit einem kleinen Jubelschrei an den Hals geflogen und hatte ihn mit einer Glut geküßt wie nie vorher. Ja, es war so wie er es gesagt hatte, der liebe große Mensch; und doch, etwas stimmte daran nicht, schneeweiß war das Gewissen doch nicht. Wiewohl sie wußte, daß sie das Unglück dieses Mannes, der da so maßlos elend vor ihr kauerte, durch ein umfassendes Geständnis nur noch vermehrt hätte, wünschte sie in einer selbstquälerischen und leidenschaftlichen Verstrickung, daß sie ihm alles gebeichtet hätte. Vielleicht um ihm vor Augen zu führen, daß nicht nur das Glück mit einem Andern, sondern auch das Grauen und der Selbstverlust an der Seite eines Andern sie auseinandergerissen hatten. Aber sie unterließ es. Man kann nicht noch mit einem kleinen Hammer zuschlagen, wenn man den großen schon weggelegt hat.

 

Es war eine schwüle Nacht, Anfang Juli, die Fenster standen offen, bisweilen erscholl im Garten ein schwacher Vogelruf, fette Falter flatterten um das Licht. Weder Marie noch Ernst dachten an Schlafengehen, mit dem Vorrücken der Stunden faßte sich der junge Mensch halbwegs, er vermochte wenigstens seine Lage zu überdenken, sich darein fügen konnte er nicht, alles in ihm bäumte sich gegen die Vorstellung, daß er Marie verlieren sollte, es ließ sich nicht zu Ende denken, zwischen Verzicht und Entbehrung war schon keine Brücke mehr, Verzicht, einmalige Handlung, an der ein Schimmer von Heroischem lockte, Entbehrung, tödlicher Zustand, der das Leben vereiste. Was waren Heim Beruf Arbeit, was Bücher Ideen und Pläne, wenn er Maries Schritt nicht mehr hören, ihr Lächeln nicht mehr sehen, die Berührung ihrer Hand nicht mehr fühlen durfte, wie den Tag beginnen, wenn sie nicht da war, wie den Abend ertragen. Das lag in seinen stumm-entsetzten, ohne Brille wie blind aussehenden Augen, als er den Kopf in ihren Schoß schmiegte und in dumpfes Schluchzen ausbrach. »Ach, liebster Ernst,« sagte Marie bloß, »liebster Ernst.« Als er sich sattgeweint hatte, setzte er sich auf, nahm ihre Hand, strich sacht drüber hin, und ohne sie anzuschauen sagte er mit heiser gewordener Stimme, es sei ihm klar, wie unvernünftig und unmännlich er sich betrage; verrückt, daß er die Möglichkeit, sie könne von ihm gehen, nie im geringsten erwogen, nicht einmal in bösen Träumen befürchtet habe. Warum? weil er nie an sich irre geworden sei; weil er das ihm vom Schicksal Gewährte als etwas ihm Gebührendes betrachtet habe, ein Privileg sozusagen. »Eine tolle Unbescheidenheit, und in der bin ich erzogen worden,« fuhr er selbstfeindlich fort, »das Gute kommt einem von rechtswegen zu, am Übel ist eine Schlamperei der Vorsehung schuld, und man ist das Opfer. Kein Los ist so verdient wie das von der Hybris geschaffene. Geh nur deinen Weg, Marie, du bist zu Besserm bestimmt als zur Lebensgefährtin eines staatlich besoldeten Philosophen, der mit seiner Philosophie wie ein Narr dasteht, wenn sie ihm helfen soll zu leben.« Dann, mit fast irren Blicken: »Vielleicht dauert die ganze Herrlichkeit überhaupt nicht mehr lang. Ich hab ein Gefühl wie vor einem Erdbeben. Gestern Abend, wie wir zusammen unten im Garten waren . . . es regnete förmlich Sternschnuppen . . . man sehnt sich nach Vernichtung . . . vielleicht gibt es Krieg, es hat ja allen Anschein . . . immerhin, es wäre ein Ausweg.« Er lachte leise, wie schadenfroh, mit gebleckten Zähnen, das blasse Zahnfleisch sah aus wie etwas Totes im Mund. Marie verspürte einen Schauder. Es wurde nicht still in ihm, er mußte reden reden. Zaghaft äußerte er, sie werde doch nicht von heut auf morgen aus dem Haus gehen. Er will ihren Entschluß nicht antasten, in keiner Weise, aber sie soll nichts überstürzen. Es braucht alles Zeit, vieles muß geordnet werden, man will es doch friedlich und anständig ordnen, ohne Hast. Er wird sie nicht stören, ihr nicht lästig fallen, wünscht sie es, so wird er für ein paar Wochen verreisen, es sind ja bald Ferien, vielleicht klärt sich unterdessen manches in ihr. Marie schüttelt verwundert den Kopf. Er hat noch Hoffnung, dachte sie, er weiß noch immer nicht, was es ist, glaubt, es geht vorüber wie eine Krankheit. Im Hinblick auf die nächste Zukunft beruhigt sie ihn. Natürlich denke sie nicht an sofortige Veränderung, sie so wenig wie Kerkhoven. Für ihn wie für sie bestünden Pflichten, die jede Übereilung ausschlössen. Wie sich ihr Verhältnis zu Irlen jetzt gestaltet habe, könne sie ihn nicht im Stich lassen, und wenn sie einmal mit Kerkhoven auch äußerlich verbunden sei, könnten sie hier in dieser Stadt nicht mehr bleiben. Ein Ausdruck von Erleichterung zeigte sich in seinem Gesicht. Da sie ihn so weich und nachgiebig sah, hielt sie den Augenblick für gekommen, die Schicksalsfrage zu stellen, und während ihr Herz wie ein Motor klopfte, sprach sie mit einer Stimme, die sie selber nicht vernahm, von Aleid. Er werde ihr doch das Kind nicht streitig machen . . . darüber brauchten sie doch nicht erst zu verhandeln . . . damit stehe und falle sie ja . . . sie beide seien doch nicht Menschen, für die das einen Anlaß zu Auseinandersetzungen geben könne. Ernst hob sinnend die Augen zu ihr. Er erkannte die schwache Stelle ihrer Position. Eine Sekunde lang schien es als denke er daran, den Vorteil auszunützen. Seine Stirn bedeckte sich mit seiner Röte. Gleich darauf, wie erschrocken, schlug er die Augen nieder und sagte bedrückt: »Mach dir keine Sorgen, Marie. Das Kind muß bei dir bleiben. Das versteht sich von selbst.« Marie stand rasch auf, trat zum Fenster und faltete heimlich die Hände.

 

Sie hatte den Mächten zu früh gedankt. Wohl war Ernst gesonnen, seine Zusage zu halten, allein er hatte nicht mit dem Einspruch der Senatorin gerechnet. Die alte Dame hatte schon seit einige Zeit Unheil gewittert. Sie hatte scharfe Augen und wußte zu beobachten, obwohl sie sich immer neugierig-ahnungslos stellte wie ein junges Mädchen, das frisch aus dem Pensionat kommt, und mit der stereotypen Leutseligkeit einer Herrscherin die Menschen ihrer Umgebung darüber täuschte, daß sie sich über jeden einzelnen eine ziemlich richtige Meinung bildete. Ihr Mißtrauen gegen Marie war nie ganz eingeschlummert, ihr Gefühl war immer gewesen: die Person hats hinter den Ohren, ihre Artigkeit und ihr offener Blick, damit behext sie bloß die Leute. Auf Kerkhoven war sie ohnehin nicht gut zu sprechen; »es ist wahr, er gibt sich jetzt Mühe, einen guten Eindruck zu machen,« sagte sie, »aber die schlechte Kinderstube kann einer nicht loswerden, das steckt im Blut, deshalb wird er auch nie auf einen grünen Zweig kommen und wenn er so bedeutend wäre wie Virchow.« Sie war einmal am Fenster gestanden, als die beiden das Haus verließen. Die Haltung Maries, die Kopfwendung; da war eine offensichtliche Intimität. Ein andermal war sie vom Garten in den Treppenflur getreten, als beide in leisem Gespräch die Stiege herunterkamen. Im Moment, wo sie sie bemerkten, hatten sie geschwiegen. Der Senatorin war es nicht entgangen, keine Miene, keine Gebärde. Dann waren ihr allerlei Gerüchte zugetragen worden, die Bekannten fingen an zu tuscheln, die Dienstmädchen hatten unverschämt-wissende Gesichter, wie es eben geht. Bisweilen dachte sie daran, den Enkelsohn zu warnen, aber sie traute sich nicht recht, auch war ihre Natur zu passiv dazu. Sie liebte nicht »Affären«. Sie war für den Frieden, für glatte Oberfläche, für einen reibungslosen Tag. Wenn sie morgens aus ihrem gesegneten Schlaf erwachte und sich die Schokolade ans Bett servieren ließ, mußte sie sich sagen können: es kann mir nichts Unerfreuliches zustoßen. Wenn sie dies Bewußtsein hatte, war sie strahlender Laune; wenn es fehlte, war sie indigniert und grollte mit aller Welt. Man konnte also nicht erwarten, daß sie in eine so brenzlige Geschichte tätig eingriff, um »Gott behüte« einen »Eklat« hervorzurufen. Hätte es sich nicht um Ernst gehandelt, an dem sie mit jenem Fanatismus hing, der sich gerade bei so kalten und selbstsüchtigen alten Frauen häufig zeigt, sie hätte wahrscheinlich aus Angst vor Auftritten und Verwicklungen die für den August geplante Badereise schon jetzt angetreten. Jedoch es war ihr nicht vergönnt, sich in Sicherheit zu bringen. Die Umstände zwangen sie zur Anteilnahme, und als sie einmal begonnen hatte, sich einzumischen, stellte sie sich auch mit ihrer ganzen Energie auf die Seite des Enkels, mit der ganzen sittlichen Entrüstung ihrer Kaste, die das Universum gefährdet wähnt, wenn die einfache Bewegung des Lebens an ihre Schwelle dringt. Es hatte bei aller Lächerlichkeit etwas Großartiges.

Sie hatte Ernst ein paar Tage nicht gesehen, und da sie hörte, er sei nicht wohl, ging sie hinauf, um ihn zu besuchen. Er war allein. Seine Verstörtheit beunruhigte sie aufs höchste. Sie brauchte nicht lange zu forschen. Im Lauf von zehn Minuten wußte sie alles. Nach einer weiteren halben Stunde war sie die Herrin der Situation und hatte sich zu seiner Beraterin ernannt. Eine ihrer ersten Fragen galt dem Kind. Als sie vernahm, er wolle es der Ehebrecherin ausliefern, war sie vollkommen außer sich. Sie erklärte, das dürfe um keinen Preis geschehen, nur über ihre Leiche. Habe er Lust, in den Augen der Welt als der Schuldtragende dazustehen, oder, noch schlimmer, als verächtlicher Schwächling, der die ihm angetane Schande gutmütig einsteckt, ja noch belohnt? Solche Torheit könne nur durch eine traurige Geistesverwirrung entschuldigt werden. Sie war keineswegs aufbegehrend, bei aller Empörung blieb sie vornehm und gemessen. Ernst schwieg. Er wünschte, die Großmutter hätte ihn mit alledem verschont. Er hatte nicht die Kraft, ihr zu widersprechen, er fühlte sich auch nicht fähig, irgendwelchen Maßregeln, die sie treffen würde, zu begegnen. Während er still vor sich hinschaute, trat Marie ins Zimmer. Sie kam aus der Stadt, war noch in Hut und Staubmantel. Sie war blaß und erregt: zum dritten Mal hatte man sie bei Irlen unten abgewiesen. Vorgestern hatte er sagen lassen, er habe Kopfschmerzen, gestern waren zwei Herren bei ihm gewesen (später erfuhr sie, daß der eine von ihnen jener österreichische Diplomat war, an den sie geschrieben), heute war ihr ausgerichtet worden, der Herr Major sei soeben ausgefahren und habe am Vormittag seine Koffer gepackt, da er am Abend verreisen werde. Sie hatte das Mädchen ungläubig angestarrt. Reisen? Onkel Irlen will reisen? Dann hatte sie noch zur Großmutter hineingewollt, das Mädchen hatte erwidert, die Frau Senator sei oben beim Herrn Privatdozenten. Nun stand sie da, mit zitternden Knieen, und wollte von ihr hören, ob es wahr sei, ob es möglich sei, ob Kerkhoven davon wisse (denn von diesem war sie seit gestern ohne Nachricht, er hatte eine schwere berufliche Unannehmlichkeit, wie er ihr mit kargen Worten am Telephon mitgeteilt hatte). Sie hatte kaum den Mund zum Fragen geöffnet, als sie schon vor dem förmlich gefrorenen Blick der Senatorin stutzte. Unwillkürlich und wie ein Automat drehte sie den Kopf und folgte der alten Dame mit den Augen, als diese in majestätischer Haltung an ihr vorbei und zur Tür schritt. »Was bedeutet das, Ernst?« hauchte sie mit einem ratlosen Lächeln. Der zuckte seufzend die Achseln.

 

Nun stand er auf der obersten Stufe und hielt sich keuchend am Geländer fest. Ja, da war das Schild. Er sah auf die Uhr: dreiviertel vier. Er war nicht verspätet, die Sprechstunde konnte noch nicht zu Ende sein, er mußte ihn noch treffen. Er wartete bis sich Puls und Atem einigermaßen beruhigt hatten, trocknete das schweißnasse Gesicht mit dem Taschentuch ab, dann läutete er. Eine ältere Person öffnete, eine Zahnarztsgehilfin, die ohne Stellung war und die Kerkhoven für ein paar Stunden des Tags aufgenommen hatte. Im Wartezimmer saßen zwei alte Weiblein, die wie Armenhäuslerinnen aussahen, eine Frau aus dem Mittelstand, die einen Säugling auf dem Arm trug, dessen Stirn von einem eitrigen Ausschlag bedeckt war, und ein junger Mensch, der seine grüne Gymnasiastenmütze auf dem Kopf behalten hatte und ungezogen vor sich hin pfiff. Von Zeit zu Zeit warf er einen scheuen Blick auf den Ankömmling, und plötzlich hörte er auf zu pfeifen und nahm sogar die Hände aus den Hosentaschen.

Die Tür zum Ordinationszimmer ging auf, ein Mann, dessen beide Augen verbunden waren, wankte am Arm eines Soldaten heraus. Kerkhoven stand auf der Schwelle, blickte über die Wartenden, prallte zurück: »Irlen!« Dieser machte eine leicht ungeduldige Geste gegen die Harrenden. Kerkhoven nickte, hastig zustimmend. Zwanzig Minuten darauf waren alle abgefertigt, Irlen trat ins Sprechzimmer. »Das ist also deine Nachricht? daß du selber kommst?« rief Kerkhoven vorwurfsvoll, »hat das sein müssen? Die steile Stiege . . . du bist hoffentlich hergefahren . . . ich habe gewartet . . . mußte annehmen, du verzichtest auf meine weiteren Dienste, doch logisch? . . . empfehlenswert finde ich solche Exkursionen nicht . . .« Aus Nervosität redete er leer. Irlen hatte sich im Sessel vor dem Schreibtisch niedergelassen. Die eine Hand hatte er zwischen die Knöpfe seines Rocks gesteckt, die andre, auf dem Tisch liegend, zitterte so, daß der goldene Kettenring am Finger gegen den Knöchel glitt. (Denn die Finger waren in letzter Zeit erheblich abgemagert.) »Ach, Joseph, keine Strafpredigt,« sagte er mit mattem Lächeln und trocknete abermals das feuchte Gesicht; »es ist ein Versuch. Eine Probe. Muß den widersetzlichen Leichnam vorübergehend zum Gehorsam zwingen. Für die nächsten paar Tage wenigstens. Dann . . . na, über das Dann reden wir, wenn es so weit ist.« – »Ich verstehe nicht, Irlen . . .« – »Es ist wichtig, daß ich für eine Woche verreise, lieber Joseph.« – Kerkhoven sprang auf. »Wie? verreisen? in deiner Verfassung? Dagegen protestiere ich nachdrücklich.« – »Leider ist an dem Entschluß nichts zu ändern,« versetzte Irlen mit freundlicher Bestimmtheit; »du mußt dich damit abfinden. Welche Folgen es für mich hat, kann keine Rolle spielen. Du wirst mir ohne weiteres glauben, wenn ich sage . . . kurz, es ist eben notwendig. Übrigens werd ich in den besten Händen sein. Zwei meiner Freunde begleiten mich. Außerdem der Diener des einen, der mal Krankenwärter war. Du bist vielleicht so gut und schreibst einige Anweisungen auf. Für alle Fälle . . . Was kann Schlimmeres passieren, als daß sie mich mit dem nächsten Expreß nachhause schaffen. Du siehst, ich bin nicht allzu optimistisch. Aber ich habe nicht das Gefühl . . . nein . . . sowas spürt man ja . . . ich denke, ich werde durchhalten. Willst du mir den Gefallen tun und . . . es ist hauptsächlich wegen unvorhergesehener Attacken . . .« – »Gewiß,« versicherte Kerkhoven, bemüht, sich zu beherrschen, »natürlich . . .« Er griff nach dem Notizblock, setzte sich an die Schmalseite des Schreibtischs und fing an zu schreiben. Ohne daß er emporschaute sah er Irlens Gesicht vor sich. Wie ein Phantasma floß es zwischen seinen Augen und dem Papier hin und her. Hager, bleifarben die Haut, die Züge zerwühlt, fast unkenntlich gemacht von Gram und Sorge, die Augen zwei fieberisch lodernde blaue Flammen in tiefgehöhlten Gruben, von den weißen Brauen finster überbuscht. Alles vergebens gewesen. Alle Therapie, alle Betreuung, alle Mühe, alle Kunst. Ein verlorener Mann. Er erkannte es mit vollkommener Deutlichkeit. Seine Ohnmacht kam ihm mit solcher Wut zum Bewußtsein, daß er aufstöhnte und zweimal mit dem Fuß auf den Boden stampfte. Irlen blickte verwundert auf ihn. Er lachte einfältig, gab vor, sich verschrieben zu haben, riß das Blatt ab, zerfetzte es und begann von neuem. Und dieser Mensch will reisen, dachte er und überlegte, wie er es verhindern könne. Im selben Moment aber begriff er wie durch Erleuchtung das Opfer, das Irlen brachte. Er ahnte auch, für welche Sache es gebracht wurde. Mit einem Schlag, von einem Atemzug zum nächsten, wurde er in innerster Seele ruhig. Kommt es denn so viel darauf an, zu leben oder nicht zu leben, ging es ihm durch den Kopf, während er emsig schrieb, das Leben ist eine Fiktion so gut wie der Tod eine ist, vielleicht kommt es bloß darauf an, was man dafür erkauft, denn etwas, das besser ist, muß es ja geben . . . Er legte die Füllfeder weg. »So. Das ist in ein paar Sätzen das Wesentliche,« sagte er und reichte Irlen das Blatt. »Darf ich erfahren, wohin . . .?« – »Nach London,« erwiderte Irlen. – An dem kurzen Ton merkte Kerkhoven, daß er mehr nicht sagen wollte. »Ich hoffe nicht, daß du nur deswegen gekommen bist,« lenkte er ab und deutete auf das beschriebene Papier, »du hättest mich doch einfach . . .« – »Ich weiß,« unterbrach ihn Irlen, »selbstverständlich. Aber ich sagte dir ja . . . es schien mir ratsam, mit dem gebrechlichen Skelett da einen Versuch zu unternehmen . . . Außerdem, der Abschied neulich abend war so . . . so unverbindlich, daß ich mich verpflichtet fühlte, danach den ersten Schritt zu tun. Es mag dir beweisen (mit einer gelassenen Geste, als schiebe er etwas beiseite), daß nichts zwischen uns steht.« – »Ich konnt es mir nicht anders denken,« murmelte Kerkhoven. – »Und weil es so ist,« fuhr Irlen ruhig fort, »habe ich einiges vorzubringen, was in die bewußte Angelegenheit schlägt. Du verzeihst, wenn ich meine . . . nun, wie soll mans nennen, meine Bedenken äußere, dem Freund gegenüber . . . es ist Schuldigkeit, nicht wahr?« – »Aber bitte, Irlen, ich bitte dich . . . von deiner Billigung hängt ja so viel für uns ab.« – Ein unzartes Wort, hier, wo Heikles an Heikelstes stieß; Kerkhoven fühlte es zu spät. Irlen sagte kühl: »Billigung; um die geht es nicht. Ich habe weder zu billigen noch zu richten. Ich möchte dich nur an einige praktische Schwierigkeiten erinnern. Es wird dir bekannt sein, daß Marie gänzlich vermögenslos ist. Du weißt es? Natürlich. Du darfst es aber nicht leicht nehmen. Marie ist an eine gewisse Largesse gewöhnt. Vom Elternhaus her. Professor Martersteig war zwar nicht wohlhabend, hatte aber in den letzten Jahren bedeutende Einnahmen. Nach allem, was ich von ihr weiß, ist sie nicht die Frau, die mit Pfennigen zu rechnen versteht. Sie hat einen starken Willen, vermag viel über sich, aber sie muß von einem großen Gefühl getragen werden. Fragt sich, wie lang ein großes Gefühl vorhält. Ein solcher Mensch geht ein furchtbares Wagnis ein, wenn er den geschützten Bezirk verläßt.« – Kerkhoven blickte, ganz in seiner früheren Weise, an Irlen vorbei. Sein Gesicht hatte sich verdüstert. »Ist mir alles klar,« antwortete er, »hab ich mir alles selbst gesagt. Trotzdem, Irlen,« er breitete die Arme aus und ließ sie an die Hüften fallen, »es ist wie es ist, und wir wollens riskieren.« – »Was? was riskieren, Joseph? Freies Zusammenleben? Du als bürgerlicher Arzt und verheiratet, sie als geschiedene Frau? Denn die Ehe schließen, das könnt ihr ja nicht, nach unsern Gesetzen, solang deine legitime Frau in einer Anstalt ist. Was also? wie also?« – Kerkhoven trat ganz dicht an Irlen heran und legte beide Hände schwer auf die Schulter des Sitzenden. »Hör mal zu, Irlen,« sagte er dumpf, »das sind Dinge, wo der Verstand nichts mehr dreinzureden hat. Sonst geht alles in Fetzen. Wenn ich erst nachdenken soll, kann ich einen Darmkrebs nicht von einer Kolik unterscheiden. Ich bin ein kleiner Mensch, Irlen, von kleinen Entschlüssen, ein geschobener Mensch. Packts mich nicht beim Genick und schmeißt mich hinein, dann steh ich da wie ein dummer Junge und weiß mir nicht zu helfen. Na, und es hat mich gepackt, diesmal. Seh ich aus wie ein Abenteurer? Da mußt du doch selber lachen. Es hat den Kern getroffen, lieber Freund. Was draus entsteht? Ich wills nicht wissen. Viel zu lang hab ich gewußt, was nächste Woche sein wird. Jetzt will ichs anders versuchen, vielleicht ist das das Richtige.« – Irlen hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah nachdenklich aus. Was für eine Lebensfülle, dachte er mit einer Regung schmerzlichen Neids, welch dämonische Kraft. »Das heiß ich tabula rasa machen mit der Vergangenheit,« sprach er vor sich hin. »Ich gestehe, daß ich nicht ganz im Bild war. Nun, du kennst ja meine Ansicht. Jeder wird mit seinem Fatum geboren. Die Bemühung des Andern, eingebildetes oder auch wirkliches Unheil zu verhüten, gehört dazu. Ich glaube an dich, Joseph. Ich habe einen unerschütterlichen Glauben an dich. Fast kann ich mit meinen inneren Augen sehen, wie du in deine Bestimmung hineinwächst. Es ist eine der schönsten Genugtuungen, die ich erlebt habe. Freilich, ich hatte mir vorgestellt . . . es erschien mir zuerst wie ein Abfall . . . ich habe in gewissen Stunden von einer Zugehörigkeit geträumt . . . einer ausschließlichen . . . Leute meiner Art leiden an einer herrischen Unbedingtheit . . . wir haben einen intensiveren Begriff von Treue . . . Das soll kein Vorwurf sein, Joseph, um Gott nicht, aber (den Kopf hebend, mit einem noblen Lächeln) der andere Weg ist nicht leicht, wenn ich ihn auch, wie du siehst, bereits gegangen bin.« Er stand mühsam auf. »Leb wohl. Ich denke, wir sehen uns bald wieder. Und keine Besorgnisse. Begleitest du mich hinunter? Ausgezeichnet.« – Kerkhoven, außerstande etwas zu sagen, griff mit fahrigen Bewegungen nach seiner Tasche. Im Vorplatz nahm er Hut und Stock vom Halter und legte seinen Arm unter den Irlens. Da spürte er, daß dieser zusammenzuckte. Er sah ihn erschrocken-fragend an. Irlen wies mit dem Kopf gegen den Spiegel im Kleiderständer. »Sonderbar,« sagte er, »mir war als könnt ich mich im Spiegel nicht sehen. Mein Bild war nicht drin. Das ist mir schon einmal passiert. Vor der Reise nach Afrika. Im Hotel in Marseille. Unheimliche Sache . . .«

 

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