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Baruch de Spinoza: Ethik - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorBaruch de Spinoza
titleEthik
publisherDeutsche Bibliothek
editorArtur Buchenau
firstpub1841
translatorBerthold Auerbach
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071004
projectid80ac770a
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Zweiter Teil / Von der Natur und dem Ursprunge des Geistes

Ich gehe nunmehr zur Auseinandersetzung dessen über, was aus dem Wesen Gottes, oder des ewigen und unendlichen Seienden, notwendig folgen mußte; zwar nicht alles, denn Lehrsatz 16, Teil 1 haben wir gezeigt, daß Unendliches auf unendliche Arten aus ihm erfolgen müsse; sondern nur das, was uns zur Erkenntnis des menschlichen Geistes und seiner höchsten Glückseligkeit, gleichsam an der Hand hinführen kann.

Definitionen

1. Unter Körper verstehe ich einen Modus, der das Wesen Gottes, insofern er als ausgedehntes Ding betrachtet wird, auf gewisse und bestimmte Weise ausdrückt. Siehe Folgesatz zu Lehrsatz 25, T. 1.

2. Zum Wesen eines Dinges, sage ich, gehört das, wodurch, wenn es gegeben ist, das Ding notwendig gesetzt, und wodurch, wenn man es aufhebt, das Ding notwendig aufgehoben wird; oder das, ohne welches das Ding, und umgekehrt, was ohne das Ding weder sein, noch begriffen werden kann.

3. Unter Idee verstehe ich den Begriff des Geistes, welchen der Geist bildet, weil er ein denkendes Ding ist.

Erläuterung. Ich sage lieber Begriff, als Wahrnehmung, weil das Wort Wahrnehmung anzuzeigen scheint, daß der Geist von dem Objekt leidet. Begriff dagegen scheint eine Handlung des Geistes auszudrücken.

4. Unter adäquater Idee verstehe ich die Idee, welche, insofern sie an sich, ohne Bezug auf das Objekt, betrachtet wird, alle Eigenschaften oder inneren Merkmale einer wahren Idee hat.

Erläuterung. Ich sage innere, um das auszuschließen, was äußerlich ist, nämlich das Übereinstimmen der Idee mit ihrem Gegenstande.

5. Dauer ist eine unbestimmte Fortsetzung des Daseins.

Erläuterung. Ich sage unbestimmt, weil sie durch die eigne Natur des daseienden Dinges nicht bestimmt werden kann, und ebensowenig durch die wirkende Ursache, welche nämlich das Dasein eines Dinges notwendig setzt, nicht aber aufhebt.

6. Unter Realität und Vollkommenheit verstehe ich dasselbe.

7. Unter Einzeldingen verstehe ich die Dinge, welche endlich sind und ein bestimmtes Dasein haben. Wenn mehrere Individuen so in einer Handlung zusammentreffen, daß sie alle zusammen die Ursache einer Wirkung sind, so betrachte ich sie alle in sofern als ein Einzelding.

Axiome

  1. Das Wesen des Menschen schließt kein notwendiges Dasein in sich, d. h., nach der Ordnung der Natur kann es ebensowohl sein, daß dieser und jener Mensch da ist, als daß er nicht da ist.
  2. Der Mensch denkt.
  3. Modi des Denkens, wie Liebe, Neigung, oder welche sonst noch mit dem Ausdrucke Affekte der Seele bezeichnet werden, gibt es nur, wenn es in demselben Individuum eine Idee des geliebten, begehrten usw. Gegenstandes gibt. Es kann aber eine Idee geben, wenn auch kein anderer Modus des Denkens vorhanden ist.
  4. Wir empfinden, daß ein Körper auf mannigfache Weisen affiziert wird.
  5. Wir empfinden und nehmen keine anderen einzelnen Dinge wahr, als nur Körper und Modi des Denkens.

Die Postulate siehe nach Lehrsatz 13.

Lehrsatz 1. Das Denken ist ein Attribut Gottes, oder Gott ist ein denkendes Ding.

Beweis. Die einzelnen Gedanken, oder dies und jenes Denken, sind Modi, welche Gottes Natur auf eine gewisse und bestimmte Weise ausdrücken (nach Folgesatz zu Lehrsatz 25, T. 1). Es kommt also Gott ein Attribut zu (nach Def. 5, T. 1), dessen Begriff in allen einzelnen Gedanken enthalten ist, und durch welches Attribut diese auch begriffen werden. Das Denken ist also eines von den unendlich vielen Attributen Gottes, das Gottes ewiges und unendliches Wesen ausdrückt (siehe Def. 6, T. 1), oder Gott ist ein denkendes Ding. W. z. b. w.

Anmerkung. Dieser Lehrsatz erhellt auch daraus, daß wir ein unendliches denkendes Wesen begreifen können. Denn je mehr ein denkendes Wesen denken kann, desto mehr Realität oder Vollkommenheit müssen wir ihm auch in unserem Begriffe beilegen. Ein Wesen also, das Unendliches auf unendliche Weisen denken kann, ist notwendig unendlich an Kraft des Denkens. Da wir also auf das bloße Denken achtend, ein unendliches Wesen begreifen, so ist (nach Def. 4 und 6, T. 1) das Denken notwendig eines von den unendlich vielen Attributen Gottes, wie wir behaupten.

Lehrsatz 2. Die Ausdehnung ist ein Attribut Gottes, oder Gott ist ein ausgedehntes Ding.

Beweis. Dieser wird auf dieselbe Art, wie bei dem vorhergehenden Lehrsatze geführt.

Lehrsatz 3. Es gibt in Gott notwendig eine Idee, sowohl seines Wesens, als alles dessen, was aus seinem Wesen notwendig folgt.

Beweis. Denn Gott kann (nach Lehrsatz 1 dieses Teiles) Unendliches auf unendliche Weisen denken, oder (was dasselbe ist, nach Lehrsatz 16, T. 1) die Idee seines Wesens und alles dessen, was notwendig daraus folgt, bilden. Nun ist alles, was in Gottes Macht steht, notwendig (nach Lehrsatz 35, T. 1); also gibt es notwendig eine solche Idee, und (nach Lehrsatz 15, T. 1) nur in Gott. W. z. b. w.

Anmerkung. Der große Haufe versteht unter Gottes Macht seinen freien Willen und sein Recht auf alles, was ist, und was deshalb gewöhnlich als zufällig betrachtet wild. Denn, sagt man, Gott hat die Macht, alles zu zerstören und in nichts zu verwandeln. Ferner vergleicht man Gottes Macht sehr oft mit der Macht der Könige; allein dieses haben wir Folgesatz 1 und 2 zu Lehrsatz 32, T. 1 widerlegt und Lehrsatz 16, T. 1 gezeigt, daß Gott nach derselben Notwendigkeit handelt, mit der er sich selbst erkennt, d. h. sowie es aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur (wie alle einstimmig annehmen) folgt, daß Gott sich selbst erkennt, mit derselben Notwendigkeit folgt auch, daß Gott Unendliches auf unendliche Weisen tut. Ferner haben wir Lehrsatz 34, Teil 1 gezeigt, daß Gottes Macht nichts als Gottes tätiges Wesen ist, und daher ist es uns ebenso unmöglich zu begreifen, daß Gott nicht handle, als daß Gott nicht sei. Wenn ich dies hier weiter verfolgen dürfte, könnte ich ferner zeigen, daß jene Macht, welche der große Haufe Gott andichtet, nicht bloß eine menschliche ist (welches zeigt, daß Gott als Mensch, oder einem Menschen ähnlich, von der großen Menge aufgefaßt wird), sondern daß sie sogar ein Unvermögen in sich schließt. Doch ich will über eine und dieselbe Sache nicht so oft reden, ich will nur den Leser dringend ersuchen, daß er alles, was im ersten Teile von Lehrsatz 16 bis zu Ende, über diese Sache gesagt ist, ganz genau durchdenkt. Denn niemand wird das, was ich meine, recht erfassen, wenn er sich nicht sehr hütet, die Macht Gottes mit der menschlichen Macht oder dem Rechte der Könige zu vermengen.

Lehrsatz 4. Die Idee Gottes, aus welcher Unendliches auf unendliche Weisen folgt, kann nur eine einzige sein.

Beweis. Der unendliche Verstand faßt nichts als Gottes Attribute und seine Affektionen (nach Lehrsatz 30, T. 1), Nun ist Gott einzig (nach Folgesatz 1 zu Lehrsatz 14, T. 1). Also kann die Idee Gottes, aus welcher Unendliches auf unendliche Weise folgt, nur eine einzige sein. W. z. b. w.

Lehrsatz 5. Das formale Sein der Ideen erkennt Gott nur als seine Ursache an, insofern er als denkendes Ding betrachtet wird, und nicht insofern er durch ein anderes Attribut erklärt wird; d. h. die Ideen sowohl der Attribute Gottes als der einzelnen Dinge erkennen nicht die Gegenstände selbst, oder die wahrgenommenen Dinge als wirkende Ursache an, sondern Gott selbst insofern er ein denkendes Ding ist.

Beweis. Dieser erhellt auch aus Lehrsatz 3, T. 2; denn dort schlossen wir, daß Gott die Idee seines Wesens und alles dessen, was daraus notwendig folgt, allein dadurch bilden könne, daß Gott ein denkendes Ding ist, und nicht dadurch, daß er das Objekt seiner Idee ist. Deshalb erkennt das formale Sein der Ideen Gott als Ursache an, insofern er ein denkendes Ding ist. Dieser Lehrsatz kann indes auch noch anders auf folgende Weise bewiesen werden: Das formale Sein der Ideen ist eine Denkweise (wie an sich klar), d. h. (nach Folgesatz zu Lehrsatz 25, T. 1) eine Daseinsweise, welche Gottes Natur, insofern er denkendes Ding ist, auf gewisse Weise ausdrückt, es schließt also (nach Lehrsatz 10, T. 1) den Begriff keines anderen göttlichen Attributes in sich, und daher (nach Ax. 4, T. 1) ist es die Wirkung keines anderen göttlichen Attributs als des Denkens, und also erkennt das formale Sein der Ideen Gott nur, insofern er als denkendes Ding betrachtet wird usw. W. z. b. w.

Lehrsatz 6. Die Modi jedes Attributes haben Gott nur insofern zur Ursache, als er unter jenem Attribute, dessen Modi sie sind, betrachtet wird, und nicht, sofern er unter irgendeinem anderen betrachtet wird.

Beweis. Denn jedes Attribut wird aus sich, ohne ein anderes begriffen (nach Lehrsatz 10, T. 1). Deshalb schließen die Modi jedes Attributs den Begriff ihres Attributs, nicht aber den eines anderen, in sich. Folglich (nach Ax. 4, T. 1) haben sie Gott nur insofern zur Ursache, als er unter jenem Attribute, dessen Modi sie sind, betrachtet wird, und nicht, sofern er unter irgendeinem anderen betrachtet wird. W. z. b. w.

Folgesatz. Hieraus folgt, daß das formale Sein der Dinge, welche keine Modi des Denkens sind, nicht deshalb aus der göttlichen Natur erfolgt, weil sie die Dinge früher erkannt hat, sondern auf dieselbe Weise und mit derselben Notwendigkeit erfolgen die vorgestellten Dinge aus ihren Attributen und werden daraus geschlossen, wie wir gezeigt haben, daß die Ideen aus dem Attribute des Denkens erfolgen.

Lehrsatz 7. Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dieselbe, wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge.

Beweis. Dieser erhellt aus Axiom 4, Teil 1. Denn die Idee eines jeden Verursachten hängt von der Erkenntnis der Ursache ab, deren Wirkung sie ist.

Folgesatz. Hieraus folgt, daß das Denkvermögen Gottes seinem wirklichen Handlungsvermögen gleich ist, d. h. alles, was aus der unendlichen Natur Gottes formal erfolgt, das erfolgt aus der Idee Gottes in Gott objektiv, in derselben Ordnung und in derselben Verknüpfung.

Anmerkung. Ehe wir weiter gehen, müssen wir uns hier das ins Gedächtnis zurückrufen, was wir oben gezeigt haben, nämlich: alles was von dem unendlichen Verstande, als das Wesen der Substanz ausmachend, wahrgenommen werden kann, alles dies gehört nur zu einer Substanz, und folglich ist die denkende Substanz und die ausgedehnte Substanz eine und dieselbe Substanz, welche bald unter diesem, bald unter jenem Attribute aufgefaßt wird. So ist auch der Modus der Ausdehnung und die Idee dieses Modus ein und dasselbe Ding, aber auf zwei Weisen ausgedrückt. Dies scheinen einige Hebräer dunkel erkannt zu haben, da sie nämlich annehmen, Gott, Gottes Verstand und die von ihm verstandenen Dinge seien ein und dasselbe. Z. B. ein in der Natur vorhandener Kreis und die Idee des vorhandenen Kreises, welche auch in Gott ist, ist ein und dasselbe Ding, welches durch verschiedene Attribute ausgedrückt wird. Wir mögen demnach die Natur unter dem Attribute der Ausdehnung, oder unter dem Attribute des Denkens, oder unter einem anderen begreifen, so werden wir ein und dieselbe Ordnung, oder ein und dieselbe Verknüpfung von Ursachen d. h. dieselben Dinge aufeinanderfolgend finden. Aus keinem anderen Grunde habe ich gesagt, daß Gott die Ursache der Idee, z. B. des Kreises ist, insofern er nur denkendes Ding, und des Kreises, insofern er nur ausgedehntes Ding ist, als weil das formale Sein der Idee des Kreises nur durch eine andere Weise (Modus) des Denkens als die nächste Ursache, und diese wieder durch eine andere Weise und so ins Unendliche fort aufgefaßt werden kann, so daß, solange die Dinge als Daseinsweisen des Denkens betrachtet werden, wir die Ordnung der ganzen Natur oder die Verknüpfung der Ursachen bloß durch das Attribut des Denkens erklären müssen, und insofern sie als Daseinsweisen der Ausdehnung betrachtet werden, auch die Ordnung der ganzen Natur bloß durch das Attribut der Ausdehnung erklärt werden muß, und so verstehe ich es auch bei den anderen Attributen. Darum ist Gott, insofern er aus unendlichen Attributen besteht, wahrhaft die Ursache der Dinge, wie sie an sich sind; deutlicher kann ich dies für jetzt nicht erläutern.

Lehrsatz 8. Die Ideen der nicht daseienden einzelnen Dinge oder Daseinsweisen müssen so in der unendlichen Idee Gottes enthalten sein, wie die formalen Wesenheiten der einzelnen Dinge oder der Daseinsweisen in Gottes Attributen enthalten sind.

Beweis. Dieser Lehrsatz erhellt aus dem Vorigen, läßt sich aber noch klarer aus der vorigen Anmerkung ersehen.

Folgesatz. Hieraus folgt, daß, solange die einzelnen Dinge nicht anders da sind, als insofern sie in Gottes Attributen enthalten sind, auch ihr objektives Sein oder ihre Ideen nicht anders da sind, als insofern Gottes unendliche Idee da ist, und wenn man den Einzeldingen ein, nicht nur in den Attributen Gottes enthaltenes, sondern ein wirklich dauerndes Dasein zuschreibt, so schließen ihre Ideen auch das Dasein in sich, durch welches sie in der Zeit dauernd genannt werden.

Anmerkung. Wenn jemand zur besseren Erläuterung dieser Sache ein Beispiel wünscht, so werde ich freilich keines geben können, welches die Sache, wovon ich hier spreche, da sie einzig ist, adäquat erläuterte. Dennoch will ich versuchen, die Sache so viel als möglich deutlich zu machen. Der Kreis ist von solcher Natur, daß die Rechtecke aus allen geraden, in ihm sich durchschneidenden Linien einander gleich sind, deshalb sind in dem Kreise unendliche, einander gleiche Rechtecke enthalten; gleichwohl kann keines von ihnen daseiend genannt werden, außer insofern der Kreis da ist, auch die Idee keines dieser Rechtecke kann daseiend genannt werden, außer insofern sie in der Idee des Kreises enthalten ist. Nun nehme man an, daß von jenen unendlichen nur zwei da sind, nämlich E und D.

Jetzt sind auch nicht bloß ihre Ideen da, insofern sie nur in der Idee des Kreises begriffen sind, sondern auch insofern sie das Dasein jener Rechtecke in sich schließen, wodurch es kommt, daß sie sich von den übrigen Ideen der übrigen Rechtecke unterscheiden.

Lehrsatz 9. Die Idee eines in der Wirklichkeit daseienden Einzeldinges hat Gott zur Ursache, nicht insofern er unendlich ist, sondern insofern er als durch eine andere Idee eines in der Wirklichkeit daseienden Einzeldinges affiziert betrachtet wird, dessen Ursache Gott auch ist, insofern er von einer dritten Idee offiziell ist, und so ins Unendliche fort.

Beweis. Die Idee eines in der Wirklichkeit daseienden Einzeldinges ist eine einzelne und von den übrigen verschiedene Daseinsweise des Denkens (nach Folgesatz und Anmerkung zu Lehrsatz 8 dieses Teils), und also (nach Lehrsatz 6 dieses Teils) hat sie Gott zur Ursache, insofern er nur ein denkendes Ding ist. Aber nicht (nach Lehrsatz 28, T. 1) sofern er ein absolut denkendes Ding ist, sondern sofern er als von einer anderen Weise des Denkens affiziert angesehen wird; und die Ursache dieser Daseinsform ist Gott wiederum nur, sofern er von einer anderen affiziert ist, und so ins Unendliche. Nun ist die Ordnung und Verknüpfung der Ideen (nach Lehrsatz 7 dieses Teils) dieselbe, wie die Ordnung und Verknüpfung ihrer Ursachen. Folglich ist die Ursache der Idee eines Einzeldinges eine andere Idee, oder Gott, sofern er als von einer anderen Idee affiziert angesehen wird, und auch die Ursache dieser ist er, insofern er von einer anderen affiziert ist. Und so ins Unendliche. W. z. b. w.

Folgesatz. Von allem, was in dem einzelnen Objekte jeder Idee geschieht, davon gibt es in Gott eine Erkenntnis, sofern er bloß die Idee dieses Objekts hat.

Beweis. Von allem, was in dem Objekte jeder Idee geschieht, davon gibt es in Gott eine Idee (nach Lehrsatz 3 dieses Teils) nicht sofern er unendlich ist, sondern sofern er als durch eine andere Idee eines Einzeldinges affiziert angesehen wird (nach dem vorigen Lehrsatze). Nun ist aber (nach Lehrsatz 7 dieses Teils) die Ordnung und Verknüpfung der Ideen dieselbe, wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge. Es wird also eine Erkenntnis dessen, was in irgendeinem anderen Objekte geschieht, in Gott sein, sofern er bloß eine Idee dieses Objektes hat. W. z. b. w.

Lehrsatz 10. Das Sein der Substanz gehört nicht zum Wesen des Menschen, oder die Substanz macht nicht die Form des Menschen aus.

Beweis. Denn das Sein der Substanz schließt notwendiges Dasein in sich (nach Lehrsatz 7, T. 1). Wenn also das Sein der Substanz zum Wesen des Menschen gehöre, so würde, wenn die Substanz vorhanden wäre, notwendig auch der Mensch vorhanden sein (nach Def. 2 dieses Teils). Folglich würde der Mensch notwendig da sein, was (nach Ax. 1 dieses Teils) widersinnig ist. Also usw. W. z. b. w.

Anmerkung. Dieser Lehrsatz erhellt auch aus Lehrsatz 5, Teil 1, daß es nämlich nicht zwei Substanzen von derselben Natur gibt. Da aber mehrere Menschen da sein können, ist demnach das, was die Form des Menschen ausmacht, nicht das Sein der Substanz. Dieser Satz erhellt ferner aus den übrigen Eigenschaften der Substanz, weil nämlich die Substanz ihrer Natur nach unendlich, unveränderlich, unteilbar usw. ist, wie jeder leicht einsehen kann.

Folgesatz. Hieraus folgt, daß das Wesen des Menschen aus gewissen Modifikationen der Attribute Gottes besteht. Denn das Sein der Substanz gehört (nach dem obigen Satze) nicht zum Wesen des Menschen. Es ist also (nach Lehrsatz 15, T. 1) etwas, was in Gott ist, und was ohne Gott weder sein, noch begriffen werden kann, oder (nach Folgesatz zu Lehrsatz 25, T. 1) eine Affektion oder Daseinsweise, welche Gottes Natur auf gewisse und bestimmte Weise ausdrückt.

Anmerkung. Allgemein muß zugestanden werden, daß ohne Gott nichts sein, noch begriffen werden kann. Denn alle gestehen, daß Gott die einzige Ursache aller Dinge, sowohl ihres Wesens, als ihres Daseins ist, d. h. Gott ist nicht nur die Ursache der Dinge, rücksichtlich des Werdens, wie man zu sagen pflegt, sondern auch rücksichtlich des Seins. Indessen sagen doch die meisten, das gehöre zu dem Wesen eines Dinges, ohne welches das Ding weder sein, noch begriffen werden kann; demnach, meinen sie, gehört die Natur Gottes entweder zum Wesen der geschaffenen Dinge, oder die geschaffenen Dinge könnten ohne Gott entweder sein oder begriffen werden, oder, was wohl das Wahrscheinlichste ist, sie sind sich selbst nicht recht darüber klar. Der Grund hiervon liegt, glaube ich, darin, weil sie sich nicht an die Ordnung im Philosophieren gehalten haben. Denn die göttliche Natur, welche sie vor allem in Betracht ziehen mußten, weil sie sowohl der Erkenntnis als der Natur nach die erste in der Reihe der Erkenntnis ist, haben sie für die letzte, und die Dinge, welche Objekte der Wahrnehmungen genannt werden, für die ersten von allen gehalten. Daher kam es, daß, während sie die natürlichen Dinge betrachteten, sie an nichts weniger als an die göttliche Natur dachten, und daß sie nachher, als sie sich zur Betrachtung der göttlichen Natur wendeten, an nichts weniger denken konnten, als an ihre ersten Phantasiegebilde, worauf sie die Erkenntnis der natürlichen Dinge gebaut hatten, die ihnen also zur Erkenntnis der göttlichen Natur nichts helfen konnten. Es ist demnach kein Wunder, wenn sie sich öfters widersprechen. Doch, lassen wir das. Es war hier bloß meine Absicht, einen Grund anzugeben, warum ich nicht gesagt habe, das gehöre zu dem Wesen eines Dinges, ohne welches das Ding weder sein noch begriffen werden kann, weil nämlich die Einzeldinge ohne Gott weder sein, noch begriffen werden können, und dennoch Gott nicht zu ihrem Wesen gehört, sondern dasjenige, sagte ich, macht notwendig das Wesen eines Dinges aus, wodurch, wenn es gegeben ist, das Ding gesetzt, und wodurch, wenn es aufgehoben, das Ding aufgehoben wird, oder das, ohne welches das Ding, und umgekehrt, was ohne das Ding weder sein noch begriffen werden kann.

Lehrsatz 11. Das erste, was das wirkliche Sein des menschlichen Geistes ausmacht, ist nichts anderes, als die Idee eines in der Wirklichkeit daseienden Einzeldinges.

Beweis. Das Wesen des Menschen besteht (nach Folgesatz des vorigen Lehrsatzes) aus gewissen Daseinsweisen der göttlichen Attribute, nämlich (nach Ax. 2 dieses Teils) aus Denkweisen, deren Idee (nach Ax. 3 dieses Teils) von Natur früher ist, und gibt es diese, so müssen die übrigen (als welche nämlich die Idee von Natur früher ist) in demselben Individuum sein (nach demselben Axiom). Folglich ist die Idee das erste, was das Sein des menschlichen Geistes ausmacht. Aber nicht die Idee eines nicht daseienden Dinges. Denn dann könnte (nach Folgesatz zu Lehrsatz 8 dieses Teils) nicht die Idee selbst daseiend genannt werden. Es wird also die Idee eines in der Wirklichkeit daseienden Dinges sein. Aber nicht eines unendlichen Dinges. Denn das unendliche Ding muß (nach Lehrsatz 21 und 22, T. 1) immer notwendig da sein. Nun ist dies nach Axiom 1 dieses Teils widersinnig. Also ist das erste, was das wirkliche Sein des menschlichen Geistes ausmacht, die Idee eines in der Wirklichkeit daseienden Einzeldinges. W. z. b. w.

Folgesatz. Hieraus folgt, daß der menschliche Geist ein Teil des unendlichen Verstandes Gottes ist; wenn wir demnach sagen: der menschliche Geist faßt dies oder jenes auf, so sagen wir nichts anderes, als daß Gott, nicht sofern er unendlich ist, sondern sofern er durch die Natur des menschlichen Geistes ausgedrückt ist, oder sofern er das Wesen des menschlichen Geistes ausmacht, diese oder jene Idee hat. Und wenn wir sagen, Gott hat diese oder jene Idee, nicht nur, insofern er die Natur des menschlichen Geistes ausmacht, sondern sofern er zugleich mit dem menschlichen Geiste auch die Idee eines anderen Dinges hat, dann sagen wir, daß der menschliche Geist ein Ding teilweise oder unadäquat auffaßt.

Anmerkung. Hier werden ohne Zweifel die Leser stocken, und es wird ihnen vieles einfallen, was ihnen Bedenken erregt, deshalb bitte ich sie, langsamen Schrittes mit mir weiterzugehen, und nicht eher hierüber ein Urteil zu fällen, als bis sie alles durchgelesen haben.

Lehrsatz 12. Alles, was in dem Objekte der Idee geschieht, welche den menschlichen Geist ausmacht, muß von dem menschlichen Geiste aufgefaßt werden, oder es wird im Geiste notwendig eine Idee dieses Dinges geben. Das heißt, wenn das Objekt der Idee, welche den menschlichen Geist ausmacht, ein Körper ist, kann in diesem Körper nichts geschehen, was nicht von dem Geiste aufgefaßt würde.

Beweis. Von allem, was in dem Objekte einer Idee geschieht, davon gibt es notwendig eine Erkenntnis in Gott (nach Folgesatz zu Lehrsatz 9 dieses Teils), sofern er als von der Idee dieses Objekts affiziert betrachtet wird, das heißt (nach Lehrsatz 11 dieses Teils) sofern er die Seele eines Dinges ausmacht. Alles, was daher in dem Objekte der Idee geschieht, welche den menschlichen Geist ausmacht, davon gibt es notwendig in Gott eine Erkenntnis, sofern er die Natur des menschlichen Geistes ausmacht, das heißt (nach Folgesatz zu Lehrsatz 11 dieses Teils) die Erkenntnis dieses Dinges wird notwendig im Geiste sein, oder der Geist faßt es auf. W. z. b. w.

Anmerkung. Dieser Satz erhellt auch, und wird noch deutlicher erkannt aus der Anmerkung zu Lehrsatz 7 dieses Teils, welche man nachsehe.

Lehrsatz 13. Das Objekt der Idee, welche den menschlichen Geist ausmacht, ist der Körper oder eine gewisse, wirklich vorhandene Daseinsweise der Ausdehnung, und nichts anderes.

Beweis. Denn wenn der Körper nicht das Objekt des menschlichen Geistes wäre, so würden die Ideen der Affektionen des Körpers nicht in Gott sein (nach Folgesatz zu Lehrsatz 9 dieses Teils), insofern er unseren Geist, sondern insofern er den Geist eines anderen Dinges ausmache, das heißt (nach Folgesatz zu Lehrsatz 11 dieses Teils) die Ideen der Affektionen des Körpers wären nicht in unserem Geiste, aber (nach Ax. 3 dieses Teils) haben wir die Ideen der Affektionen des Körpers. Sonach ist das Objekt der Idee, welche den menschlichen Geist ausmacht, der Körper, und zwar (nach Lehrsatz 11 dieses Teils) der wirklich daseiende. Ferner, gäbe es außer dem Körper auch noch ein anderes Objekt des Geistes, so müßte, da (nach Lehrsatz 36, T. 1) nichts da ist, woraus nicht eine Wirkung folgte, es notwendig (nach Lehrsatz 11 dieses Teils) die Idee einer Wirkung desselben in unserem Geiste geben; nun gibt es aber (nach Ax. 5 dieses Teils) keine solche Idee. Also ist das Objekt unseres Geistes der daseiende Körper und nichts anderes. W. z. b. w.

Folgesatz. Hieraus folgt, daß der Mensch aus Geist und Körper besteht, und daß der menschliche Körper, sowie wir ihn empfinden, da ist.

Anmerkung. Wir ersehen hieraus nicht nur, daß der menschliche Geist mit dem Körper vereinigt, sondern auch was unter der Vereinigung von Körper und Geist zu verstehen ist. Aber adäquat oder genau wird dieses niemand einsehen können, wenn er nicht vorher die Natur unseres Körpers adäquat erkennt. Denn das, was wir bis jetzt gezeigt haben, ist sehr allgemein, und paßt ebensowohl auf die Menschen, als auf die übrigen Individuen, welche alle, wenn auch in verschiedenen Abstufungen, doch beseelt sind. Denn von einem jeden Dinge, dessen Ursache er ist, ist notwendig ebenso eine Idee in Gott, wie die Idee des menschlichen Körpers in ihm ist. Folglich muß alles, was wir von der Idee des menschlichen Körpers gesagt haben, notwendig von der Idee eines jeden Dinges gelten. Doch können wir auch nicht leugnen, daß die Ideen untereinander, wie die Objekte selbst verschieden sind, und daß die eine vorzüglicher ist und mehr Realität enthält als die andere, je nachdem das Objekt der einen vorzüglicher ist und mehr Realität enthält als das der anderen. Um daher zu bestimmen, wodurch der menschliche Geist sich von den übrigen unterscheide, und wodurch er höher steht als die übrigen, müssen wir, wie gesagt, die Natur dieses Objekts, d. h. des menschlichen Körpers erkennen. Diese kann ich aber hier nicht auseinandersetzen, noch ist dies zu dem, was ich beweisen will, notwendig. Nur das will ich im allgemeinen sagen, daß, je befähigter ein Körper vor den übrigen ist, mehreres zugleich zu tun oder zu leiden, desto befähigter ist der Geist desselben, mehreres zugleich aufzufassen. Ferner, je mehr die Handlungen eines Körpers allein von ihm abhängen, und je weniger andere Körper mit ihm im Handeln mitwirken, um so befähigter ist auch sein Geist zu gründlicher Erkenntnis. Hieraus können wir den Vorzug des einen Geistes vor den übrigen erkennen, sodann auch die Ursache sehen, warum wir nur eine sehr undeutliche Kenntnis unseres Körpers haben und manches andere, was ich im folgenden hieraus ableiten werde. Darum habe ich es der Mühe für wert gehalten, eben dies ausführlicher zu erörtern und zu beweisen; hierzu ist es aber notwendig, einiges von der Natur der Körper vorauszuschicken.

Axiom 1. Alle Körper sind entweder in Bewegung oder in Ruhe.

Axiom 2. Jeder Körper bewegt sich bald langsamer, bald schneller.

Lehnsatz 1. Die Körper sind rücksichtlich der Bewegung und Ruhe, der Schnelligkeit und Langsamkeit, und nicht rücksichtlich der Substanz voneinander unterschieden.

Beweis. Den ersten Teil dieses Satzes nehme ich als an sich bekannt an; daß sich aber die Körper rücksichtlich der Substanz nicht unterscheiden, erhellt sowohl aus Lehrsatz 5 als aus Lehrsatz 8, Teil 1. Aber deutlicher noch aus dem, was in der Anmerkung zu Lehrsatz 15, Teil 1 gesagt ist.

Lehnsatz 2. Alle Körper stimmen in einigem miteinander überein.

Beweis. Denn darin stimmen alle Körper überein, daß sie den Begriff eines und desselben Attributs enthalten (nach Def. I dieses Teils). Ferner darin, daß sie bald langsamer, bald schneller, und überhaupt bald sich bewegen, bald ruhen können.

Lehnsatz 3. Der bewegte oder ruhende Körper mußte zur Bewegung oder Ruhe von einem anderen Körper bestimmt werden, der auch zur Bewegung oder Ruhe von einem anderen bestimmt war, und dieser wieder von einem anderen und so ins Unendliche.

Beweis. Die Körper sind (nach Def. 1 dieses Teils) Einzeldinge, welche (nach Lehnsatz 1) sich rücksichtlich der Bewegung und Ruhe voneinander unterscheiden, folglich mußte jeder (nach Lehrsatz 28, T. 1) zur Bewegung oder Ruhe notwendig von einem anderen Einzeldinge bestimmt werden, nämlich (nach Lehrsatz 6 dieses Teils) von einem anderen Körper, welcher (nach Ax. 1) ebenfalls entweder in Bewegung oder in Ruhe ist. Eben dieser aber konnte (aus demselben Grunde) nur sich bewegen oder ruhen, wenn er von einem anderen zur Bewegung oder Ruhe bestimmt war, und dieser wieder (aus demselben Grunde) von einem anderen und so ins Unendliche. W. z. b. w.

Folgesatz. Hieraus folgt, daß ein bewegter Körper so lange in Bewegung bleibt, bis er von einem anderen Körper zur Ruhe bestimmt wird, und daß ein ruhender Körper auch solange ruht, bis er von einem anderen zur Bewegung bestimmt wird, was auch an sich klar ist. Denn gesetzt, ein Körper, z. B. A ruhe, dann werde ich, wenn ich keine anderen bewegten Körper in Betracht ziehe, von dem Körper nichts sagen können, als daß er ruht. Wenn es nach her sich träfe, daß der Körper A, sich bewegt, so konnte dies gewiß nicht daraus entspringen, daß er in Ruhe war; denn daraus konnte nichts anderes erfolgen, als daß der Körper A ruhte. Gesetzt aber A bewegt sich, so werden wir, so oft wir nur auf Aachten, von ihm nichts behaupten können, als daß er sich bewegt. Wenn es nachher sich träfe, daß A ruht, so konnte auch dieses gewiß nicht aus der Bewegung entspringen, welche er hatte; denn aus der Bewegung konnte nichts anderes folgen, als daß A sich bewegte. Es geschah also von einem Dinge, das nicht in A war, nämlich von einer äußeren Ursache, von der A zur Ruhe bestimmt worden ist.

Axiom 1. Alle Arten, wie ein Körper von einem anderen affiziert wird, erfolgen zugleich aus der Natur des affizierten Körpers und aus der Natur des affizierenden Körpers, so daß ein und derselbe Körper auf verschiedene Weise bewegt wird, je nach der Verschiedenheit der Natur der bewegenden Körper, und umgekehrt, so daß verschiedene Körper von einem und demselben Körper auf verschiedene Weise bewegt werden.

Axiom 2. Wenn ein bewegter Körper auf einen anderen ruhenden, welchen er nicht fortbewegen kann, stößt, prallt er, um seine Bewegung fortzusetzen, zurück, und der Winkel, den die Linie der zurückprallenden Bewegung mit der Fläche des ruhenden Körpers, auf welchen er gestoßen ist, bildet, wird gleich sein dem Winkel, welchen die Linie der einfallenden Bewegung mit derselben Fläche bildet.

So viel von den einfachsten Körpern, die sich nämlich bloß durch Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit und Langsamkeit voneinander unterscheiden; steigen wir nun zu den zusammengesetzten auf!

Definition. Wenn einige Körper von gleicher oder verschiedener Größe von den übrigen so zusammengedrängt werden, daß sie aufeinander liegen, oder so, daß, wenn sie sich mit demselben oder mit verschiedenen Graden der Schnelligkeit begegnen, sie einander ihre Bewegungen in einer bestimmten Weise mitteilen: so sagen wir, daß diese Körper miteinander verbunden sind, und alle zusammen einen Körper oder ein Individuum bilden, welches sich von den übrigen durch diese Vereinigung der Körper unterscheidet.

Axiom 3. Je nachdem die Teile eines Individuums oder eines zusammengesetzten Körpers, mit größeren oder kleineren Oberflächen, aufeinanderliegen, um so schwerer oder leichter können sie ihre Lage zu verändern gezwungen werden, und folglich kann um so schwerer oder leichter bewirkt werden, daß das Individuum selbst eine andere Gestalt annehme. Daher nenne ich Körper, deren Teile mit großen Oberflächen aufeinanderlegen; hart; die aber, deren Teile mit kleinen Flächen aufeinanderliegen, weich; und schließlich die, deren Teile sich untereinander bewegen, flüssig.

Lehnsatz 4. Wenn von einem Körper oder Individuum, welches aus mehreren Körpern zusammengesetzt ist, einige Körper getrennt werden, und zugleich ebenso viel andere von derselben Natur an deren Stelle eintreten, so wird das Individuum seine vorige Natur behalten, ohne irgendeine Veränderung seiner Form.

Beweis. Denn (nach Lehnsatz 1) unterscheiden sich die Körper nicht rücksichtlich der Substanz. Das aber, was die Form des Individuums ausmacht, besteht (nach der vorigen Def.) in der Vereinigung der Körper. Diese wird aber (nach der Voraussetzung) beibehalten, wenn auch eine fortwährende Veränderung der Körper vor sich geht; also wird das Individuum sowohl rücksichtlich der Substanz als der Daseinsweise seine vorige Natur behalten. W. z. b. w.

Lehnsatz 5. Wenn die Teile, welche ein Individuum bilden, größer oder kleiner werden, jedoch in dem Verhältnis, daß sie alle dieselbe Art der Bewegung und Ruhe wie zuvor behalten, so wird das Individuum gleichfalls seine vorige Natur behalten, ohne irgendeine Veränderung seiner Form.

Beweis. Dieser ist ebenso, wie der des vorigen Lehnsatzes.

Lehnsatz 6. Wenn gewisse Körper, die ein Individuum ausmachen, die Bewegung, welche sie nach einer Richtung hin haben, nach einer anderen zu richten gezwungen werden, jedoch so, daß sie ihre Bewegungen fortsetzen, und auf dieselbe Weise, wie vorher, einander mitteilen können, so wird das Individuum gleichfalls, ohne irgendeine Veränderung der Form, seine Natur beibehalten.

Beweis. Dieser ist an sich klar; denn alles wird als beibehalten vorausgesetzt, wovon wir bei der Definition des Individuums sagten, daß es seine Form ausmache.

Lehnsatz 7. Außerdem behält das so zusammengesetzte Individuum seine Natur, mag es sich in bezug auf das Ganze bewegen oder ruhen, mag es nach dieser oder jener Richtung sich bewegen, wenn nur jeder Teil seine Bewegung behält, und diese, wie zuvor, den übrigen mitteilt.

Beweis. Dieser erhellt aus der Definition des Individuums (siehe diese vor Lehnsatz 4).

Anmerkung. Hieraus sehen wir also, wie ein zusammengesetztes Individuum auf viele Weisen affiziert werden und nichtsdestoweniger seine Natur bewahren kann. Und bis jetzt haben wir unter Individuum dasjenige begriffen, was nur aus Körpern, welche sich durch die bloße Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit und Langsamkeit voneinander unterscheiden, d. h. das, was aus den einfachsten Körpern zusammengesetzt ist. Wenn wir uns aber ein anderes denken, das aus mehreren Individuen von verschiedener Natur zusammengesetzt ist, so werden wir finden, daß es auf mehrere Weisen affiziert werden und dennoch seine Natur bewahren kann. Denn da ja jeder Teil desselben aus mehreren Körpern besteht, so wird also (nach dem vorigen Lehnsatz) jeder Teil ohne irgendeine Veränderung seiner Natur sich bald langsamer, bald schneller bewegen und infolgedessen seine Bewegungen geschwinder oder langsamer den übrigen mitteilen. Wenn wir uns ferner eine dritte Gattung von Individuen denken, welche aus denen der zweiten zusammengesetzt ist, werden wir finden, daß sie noch auf viele andere Weisen ohne irgendeine Veränderung ihrer Form affiziert werden kann. Und wenn wir so bis ins Unendliche fortfahren, werden wir leicht einsehen, daß die ganze Natur ein einziges Individuum ist, dessen Teile auf unendliche Weise verschieden sind, d. h. alle Körper ohne irgendeine Veränderung des ganzen Individuums. Dies hätte ich, wenn es meine Absicht wäre, des genaueren von dem Körper zu sprechen, weiter ausführen und beweisen müssen. Aber ich habe schon gesagt, daß ich etwas anderes will, und dies nur deshalb anführe, weil ich daraus das, was ich zu beweisen mir vorgesetzt, leicht ableiten kann.

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