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Gustav Theodor Fechner: Essays - Kapitel 19
Quellenangabe
titleEssays
authorGustav Theodor Fechner
modified20170815
typeessay
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Verkehrte Welt

Ich glaube, man kann kaum zu dem Anschein nach widersinnigem Vorstellungen gelangen, als wenn man sich die ganze Welt in Zeit und Bewegung wie ein Uhrwerk, gleichsam rückwärts laufend denkt, so daß das Konsequenz überall zum antecedens und umgekehrt wird.

In einer solchen Welt legt man sich zu Bett, wenn man am muntersten ist, und erwacht schläfrig, so daß man sich die Augen reibt. Die Geburt besteht darin, daß Würmer und Pflanzen Stoffe von sich geben, aus denen man zu einem zusammengeschrumpften Greise zusammenbäckt, mit den Jahren jünger wird, zuletzt kindisch; nachdem man vielleicht der größte Weltweise gewesen ist, in den Windeln schreit; ja sein Leben endigt, indem man in den Leib eines Weibes hineintritt, und in deren allgemeine Säftemasse aufgenommen wird.

Ein Schlag auf den Kopf, ein Giftpulver usw. werden für lebenerregende Potenzen gelten; denn jedesmal wird man sich nachher wohler befinden als vorher; die Kirchhöfe werden Geburtsplätze und die Totengräber Wehemütterstelle vertreten; der Zeugungsakt wird zum Tode selbst werden, der den Menschen ins Nichts hinübernimmt. Alle Gespräche werden so geführt, daß der Mensch erst nach seinen Worten bedenkt, was er Sprechen will; jede Versöhnungsszene ist das Zeichen eines eintretenden Zankes; die Strafe geht allemal dem Laster voran, der Lohn der Tugend, inwiefern jetzt beides nachfolgt; wem als Mörder der Kopf abgeschlagen ist, der wird erst hingehen, die Strafe zu rechtfertigen. Nach dem Waschen ist man jedesmal am schmutzigsten und den Bart kann man sich nur anbarbieren. Mancher Handwerksmann wird die Stiefeln oder den Rock, den er macht, Jahre lang zuvor bezahlt bekommen; ja es ließe sich die Frage aufwerfen, ob dann nicht mancher Rock bezahlt werden würde, den der Schneider in Ewigkeit nicht machte. Man fängt an zu essen, Wenn man am sattsten ist, und steht nach Ende der Mahlzeit hungrig auf; im Grunde indes, bei entgegengesetzter Bewegung, wird das Essen auch nicht mehr a priori, sondern a posteriori erfolgen; der Dünger des Feldes wird in unsern Leib hineintreten, und dort synthetisch zu Fleisch, Äpfeln, Kartoffeln und anderem Gemüse verarbeitet werden, und als solche zum Munde heraustreten, das Obst an die Bäume hinanfallen, aus der Frucht dann die Blüte werden, diese in die Knospe übergehen, zuletzt der ganze Baum, immer kleiner werdend, zum Samenkorn sich zusammenziehen; das Fleisch wird aus dem Munde in den Topf übergehen, dort roh gekocht werden, dann in den Fleischbänken zusammenkommen und auf der Schlachtbank selbst werden daraus neue Ochsen und Schafe zusammengesetzt werden usw.

Glücklich ist der, der einen zerrissenen Rock, ein verfallenes Haus erbeuten kann, aber je neuer beide aussehen, um desto näher sind sie ihrer Vernichtung; der neue Rock wird vom Schneider in Tuchlappen zertrennt werden, dann in den Kaufmannsladen wandern, von da zum Tuchmacher, zum Wollhändler und alle diese Menschen müßten arbeiten, um zuletzt den Rock des Menschen zu einem Kleide für das Schaf zuzubereiten, dem es der Schafscherer anschüre; so würde es in allen Stücken gehen, daß der Mensch nur als Diener des Tieres erschiene, und statt daß er jetzt von diesem alles an sich reißt, dies alles vom Menschen an sich risse.

Wie wäre es, wenn einmal ein solches Gericht erginge? wenn die Welt, nachdem sie eine Weile vorwärts gelaufen ist, einmal anfinge, auf solche Weise rückwärts zu laufen? Es würde dies nichts anders sein, als während jetzt progressiv Gott sich in die Welt verwandelt, das Allgemeine in das Einzelne, daß dann regressiv die Welt in Gott überginge, das Menschengeschlecht zum ersten Elternpaar würde, und dies selbst in den Schoß, aus dem es hervorging, zurückkehrte. Eine Welt, wie die gesetzte, ist wenigstens an sich nichts Unmögliches; denn ist das ganze Weltgesetz umgekehrt, so ist der Zusammenhang um nichts weniger gesetzmäßig; ich mag eine unendliche Reihe vorwärts oder rückwärts, was freilich nur ein unendliches Wesen könnte, lesen, sie bleibt darum nichts desto weniger einem Prinzip Untertan; jedes Wort, das sich vorwärts aussprechen läßt, läßt sich auch rückwärts aussprechen.

 


 

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