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Gustav Theodor Fechner: Essays - Kapitel 18
Quellenangabe
titleEssays
authorGustav Theodor Fechner
modified20170815
typeessay
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Der Schatten ist lebendig

Den Schatten für lebendig zu halten, ist eigentlich nichts Neues. Schon die Alten taten es, indem sie die Seelen nach dem Tode für Schatten erklärten, und ihnen doch eine Art Leben dabei beimaßen. Wie der Mensch seinen Schatten neben sich wirft, der mit ihm wandelt, so soll er nach den Griechen auch einen Schatten werfen, der nach ihm wandelt; wie jenen das Sonnenlicht, so diesen unser eigenes Lebenslicht erzeugen. Doch warum erst den Menschen töten, um den Schatten lebendig zu machen? Muß es nicht den Menschen freuen, wenn der treueste Begleiter unter der Sonne, den er hat, nicht als ein Leichnam mit ihm wandelt, sondern als ein selbst Mitlebender? Und ist es nicht deshalb, daß die Sage ein Grausen knüpft an Menschen, die ihren Schatten verkauft haben. Sie haben ihren Zwillingsbruder verkauft. Hat der Teufel die Schattenseele, wird er die Lichtseele bald nachholen.

Daß der Schatten viel Ähnliches mit einem lebenden Wesen hat, sieht auch das blöde Auge, nur daß er manche Eigentümlichkeiten zeigt, die uns abgehen; und zumeist sind es Vorzüge. Wir sind am kleinsten zu Anfange, wachsen dann und schrumpfen wieder ein im Alter; er fängt seinen Lebenstag lang an, schrumpft um Mittag zusammen und wird wieder lang am Abend. Er will offenbar zeigen, daß er doch nicht alles macht wie wir. Dabei weiß er an seiner Größe immer, welche Zeit es ist. Wir leben in drei Dimensionen: er begnügt sich mit zweien; aber das macht ihn nur weniger schwerfällig. Bei allen Versuchen, etwas anderes aus uns zu machen, als wir nun eben sind, setzt uns die dritte Dimension, dies dick und steif machende Prinzip des Raumes, die größten Hindernisse entgegen. Wie wir uns drehen mögen, der Zopf bleibt uns immer hinten hängen und die Nase immer vorn stehen. Aber der Schatten, wenn ihm sein Zopf nicht mehr gefällt, schiebt ihn in sich hinein, weg ist er; gefällt ihm die Nase nicht mehr, er schiebt sie in sich hinein, weg ist sie; jetzt wachsen ihm die Arme lang, dann steckt er sie in seinen Leib, wie in eine Tasche, weg sind sie, und im nächsten Augenblicke (langt er wieder weit damit hervor. Jetzt geht er aufrecht an einer Wand, jetzt huscht er glatt am Boden fort, jetzt knickt er sich wie ein Winkelmaß; er läuft durch Dick und Dünn, während wir sorgsam die Wege wählen; er verunreinigt sich dabei keine Stiefeln, tut sich an keinen Steinen weh, ersäuft in keinem Wasser, nur das Feuer scheut er noch mehr als wir selber. Er läuft sogar durch andere seines Gleichen durch. Die Schatten, die sich treffen, machen sich nur etwas schwarz, statt daß, wenn sich zwei Menschen begegnen, die sich etwas weiß zu machen pflegen. Und bei alle diesem Wechsel behält doch jeder Schatten seine besondere Charaktereigentümlichkeit. Ein geistreicher Mann und ein Dummkopf können sich nicht verschiedener benehmen als ihre Schatten. Benutzt man ja doch sogar die Schattenrisse, den Charakter der Menschen festzuhalten.

Man sieht, in all diesem unterscheidet sich der Schatten nicht nur nicht von uns lebenden Wesen; er steht uns eher an selbständiger Lebendigkeit voran.

Inzwischen, der Mensch bildet sich nun einmal ein, Gott habe von der ganzen Welt bloß ein paar Stückchen lebendig gemacht, und ist so stolz darauf, selbst zu diesen Stückchen zu gehören, daß er nun alles daran setzt, dieses Privileg auch zu behaupten. Er wird also die Ansprüche auf das Leben, die für den Schatten mit Vorigem erhoben sind, nicht gelten lassen, sondern dagegen einwenden: Alles das genügt nicht. Um leben zu können, muß man doch vor allem sein. Ein Schatten hat aber überhaupt nichts Wesenhaftes; ist ein Schein; ist nicht nur nichts, ist weniger als nichts.

Was kann der Schatten dagegen sagen? Nun zuvörderst dieselben oder gleich geltende Vorwürfe dem Menschen zurückgeben. Glaubt der Mensch nicht, an das Leben seines Schatten, so kann es ihm der Schatten dadurch vergelten, daß er nicht an das Leben seines Menschen glaubt, und zwar nach gleichen und gleich guten Gründen.

Da ich selbst sein Schatten bin, weiß ich zwar nicht genau, was der Schatten von seinem Verhältnis zum Menschen denkt; inzwischen stehen ihm jedenfalls zwei Vorstellungsweisen offen.

Die eine ist die, daß er sich als Geist und den Menschen als seinen Körper ansieht; ihn bloß für bestimmt hält, seiner sonst rein immateriellen Existenz eine Anknüpfung an das Irdische zu gewähren, wie wir selbst auch unsern Körper nur als Einpflanzungsmittel unserer Seele in das Irdische betrachten. Der Unterschied wäre in der Tat nur der, daß der Schatten als Geist neben seinem Körper hergeht, während unser Geist in seinem Körper einher geht; an sich ist aber ein räumliches Verhältnis des Geistes zum Körper so gut möglich, als das andere. Warum soll der Geist seinen Rock nicht eben so gut neben sich hängen, als anziehen können? Ja meinen wir nicht, daß die Seele im Tode ihren Leibrock wirklich ausziehen wird. Und wenn wir doch im Leben bloß die eine Weise der Verbindung von Geist und Leib für statthaft halten, wie wollen wir es dem Schatten verdenken, wenn er ebenso bloß die andere Art für statthaft hält? Sieht man, wie selbst die gewiegtesten Philosophen Körper und Geist einander scharf gegenüberstellen, so könnte man sogar auf den Gedanken kommen, daß die Schattenansicht die allein wahre wäre; wenn nur die Philosophen hier für parteilos gelten könnten. Aber offenbar sind sie selbst aus dem Schattenreiche inspiriert; denn warum vertrügen ihre Sätze sonst so wenig scharfe Beleuchtung. Ich, der ich den Schatten gern ihr Recht lasse, aber unseres auch nicht verkürzt haben will, finde es ganz natürlich, daß die Natur in ihrem Streben, alle Möglichkeiten zu verwirklichen, beide Verhältnisse zugleich verwirklicht hat, so daß also ein Geist des Körpers in ihm, der andere neben ihm geht, und, damit sie sich nicht um denselben streiten, es so eingerichtet hat, daß jeder denkt, er habe den Leib allein. Man weiß ja, die Natur braucht gern ein Mittel zu vielen Zwecken. Zwar sagt die Bibel: Niemand kann zweien Herren dienen; allein mit dem Niemand meint sie: kein Geist kann zweien Herren dienen; dagegen sehen wir allerwegs dieselbe Materie sehr verschiedenen Geistern dienen. Der Mond muß uns leuchten, zugleich aber den Wesen auf dem Monde Stand und Nahrung geben. Warum soll also nicht auch unser Leib zugleich einem Geiste dienen, der in ihm, und einem, der neben ihm ist. Hat er doch auch, wie der Mond, dem einen Sitz und Nahrung zu geben, dem andern zu leuchten, zwar nicht positiv, aber negativ, d.h. ihm den nötigen Lichtmangel zu verschaffen. Unser Leib ist so gar zweckmäßig hierzu eingerichtet, daß man nicht einsieht, warum die Natur diesen Zweck verloren gehen lassen sollte; er ginge aber verloren, wenn nicht eben der Schatten seinen Nutzen davon hätte.

Nach allem denke ich mir, daß der Schatten sich etwa wie folgt über den Leib äußern wird.

Ohne diesen Leib könnte ich hienieden nicht bestehen; also ist er für mich da. Freilich nicht bloß, um mich in diesem Jammertale zu erhalten, sondern auch mich daran zu fesseln. Aber nicht immer hoffe ich diese schwere Masse, die sich an meine Fersen hängt, mit mir herumtragen zu müssen; nicht immer in einer Welt wandeln zu müssen, wo es mehr des Übels, d.h. des Lichts gibt, als des Guten. Wenn ich mich nur bestrebe, hier so schwarz als möglich zu werden, so werbe ich gewiß auch dereinst in ein höheres Schattenreich, ein Reich reiner Nacht aufgenommen werden, wo ich mit anderen gleich guten Schatten ohne Leib und Licht selig wandeln werde. Offenbar ist es auch nur mein Leib, der mich jetzt noch hindert, den großen Urschatten im Himmel zu sehen, der mich und alle andere Schatten erzeugt hat. Wie eine Scheidewand steht mein Leib zwischen ihm und mir. Aber sie wird einst fallen.

Der Schatten irrt sich vielleicht hier in manchem, indem er denkt, das Beste und Letzte in der Welt könne nur etwas ganz Ähnliches als er selbst sein; und wir haben vielleicht Recht, wenn wir ihn deshalb verspotten; wofür er natürlich seinerseits auch Recht hat, uns deshalb zu verspotten, daß wir das Beste und Letzte in der Welt für etwas ganz Ähnliches als uns selbst halten. Für beide bleibt immer wahr, daß noch etwas hinter dem Leibe steckt, was sich nicht davor sehen läßt; obwohl der Schatten in dieser Beziehung wieder besser als wir gestellt ist, die von derselben Mauer ganz und gar umschlossen sind, welche dem Schatten bloß von einer Seite gegenübersteht.

Jedoch noch eine andere Vorstellung als die vorige ist für den Schatten möglich. Wir sehen in unserm schwarzen Nebenmanne einerseits unseren beständigen von uns abhängigen Begleiter, anderseits ein Widerspiel unseres positiven Wesens; in demselben Verhältnisse stehen wir nun aber auch gegenseits zu unserm Schatten. Also kann mein Schatten mich ebenso für seinen Schatten, als ich ihn für meinen Schatten halten.

Soviel ich an ihm zu wenig finde, wird er an mir zuviel finden; und ob Mangel oder Überfluß über das Rechte, kommt im Grunde auf eins heraus. Was hat doch, wird der Schatten, indem er auf sein feines unfaßbares Wesen reflektiert, sagen, was hat doch der grobe Kloß, der mit mir läuft, mit der wahren Sphäre des Seins gemein. Er ist nur ein Exkrement, was aus dem Gebiete der Wirklichkeit herausfällt, für sich überhaupt nicht existierend, ein ganz von mir abhängiges Scheinwesen, das daher auch alles mittun muß, was ich tue, aber freilich die Freiheit und Leichtigkeit meiner Bewegung nicht teilen, sondern nur plump nachäffen kann. Während ich mich bald rechts, bald links wende, wie mir es nach Tages- und Jahreszeit gefällt, bleibt er immer ein steifer aufrechter Stock und muß immer genau die Stellung einnehmen, die meine und die Sonnenstellung ihm vorschreibt; wo ist da eine Spur von Freiheit und Selbständigkeit. Verschwinde ich, verschwindet er auch, denn nie hat ein Schatten seinen Menschen länger als sich selbst wahrgenommen. Wie ist überhaupt ein positives Wesen ohne den Gegensatz gegen ein negatives denkbar; nur diesem Gegensatz verdankt es seine Scheinexistenz.

Sagt nun der Mensch: Ei, ich weiß doch recht wohl, daß ich wirklich existiere, da bin ich ja; erwidert der Schatten: Nun, da bin ich ja auch. Man sieht mich, man empfindet meine Kühle. Wäre ich nicht, wie könnte man von mir sprechen. Dem Menschen will inzwischen nichts einleuchten. Natürlich von einem Schatten kann nichts einleuchten; ich will daher meine Lampe herzubringen. Wäre der Schatten bloß nichts, so möchte ich sein Leben nicht verteidigen; nun aber ist er weniger als nichts, und dies kommt ihm zu statten.

Was fühlt man doch stärker, die Sattheit oder den Hunger? Kinder und Völker sind still, wenn sie das Nötige haben, schreien aber um alles, was ihnen fehlt; so wirrt also weniger als was sogar mehr als was. Warum soll denn nun die Natur nicht da, wo das Licht fehlt, ebensogut Lichthunger fühlen, als wir da, wo Speise, Pressefreiheit u. dergleichen fehlt?

Man erwidert vielleicht: nicht die Natur, sondern der Schatten soll ja fühlen. Wenn auch die Natur an der Schattenstelle etwas fühlte, so wäre doch der Schatten so wenig ein selber lebendes Wesen, als die Kälte, die ich am Beine fühle.

Aber was ist denn der ganze Mensch selber anderes als ein Gewebe und Gefolge von Naturgefühlen, nur losgelöst vom übrigen Grunde der Natur. Löst sich denn aber der Schatten nicht so scharf als der Mensch aus der übrigen Natur heraus? Was ist schärfer als der Absatz des Schattens von dem umgebenden Lichte? Ist also nur Gefühl am Schatten, so fühlt er auch mindestens so selbständig als der Mensch, weil er sich eben so selbständig von der übrigen Natur loslöst.

Inzwischen wird der Mensch immer irgendwelche handgreifliche Unterlage für das Fühlende oder Gefühl verlangen, und das Gefühl des Schattens so lange für einen Schatten des Gefühls zu halten fortfahren, als er den Schatten selber nicht mit Händen greifen kann; denn so sehr er darauf hält, daß der Geist ein immaterielles Wesen sei und bleibe, will er doch seine Immaterialität eben in der Materialität betätigt haben. Nun aber ist dies ja auch beim Schatten der Fall, nur daß er sich bloß an die handgreifliche Oberfläche der Körper hält. Mehr wie zwei Dimensionen mag er einmal nicht. Wer also dem Loch, was der Schatten in das Licht macht, kein Gefühl zutraut, kann es wenigstens der Fläche zutrauen, über welche dies Loch hingleitet. Sie kann doch fühlen, was ihr in jedem Augenblicke fehlt. Diese Fläche wechselt freilich beständig, und der Schatten soll doch ein Individuum sein. Aber die Materie, aus der unser Körper besteht, wechselt ja auch beständig. Der Greis ist ein ganz anderer Haufen Materie als das Kind, und doch noch dasselbe Individuum. Ob nun, wie beim Menschen, nach und nach verschiedene Materie durch eine Form durchstreicht, oder wie beim Schatten eine Form nach und nach über verschiedene Materie hinstreicht, kommt im Grunde auf dasselbe heraus. jedenfalls sehen wir an uns selbst, daß es nicht die Identität der Materie ist, an welcher die Identität des Individuums hängt; ja nicht einmal die Identität der Form, denn die Form des Greises ist doch eine ganz andere als die des Kindes; es genügt, daß die spätere Form mit der früheren durch die Zeit kontinuierlich zusammenhängt; das gilt aber vom Schatten des Menschen wie vom Menschen selbst.

Wozu beweisen, sagt man endlich, daß der Schatten fühlen könnte, da er nun doch einmal nicht fühlt. – Und woher weiß man das? – Nun, eben weil man nichts davon weiß, hat man es auch nicht anzunehmen. – Aber ganz eben so wird es ja wieder dem Schatten mit uns gehen. Denken, fühlen, wollen wir deshalb weniger, weil der Schatten von unserem Denken, Fühlen, Wollen nichts weiß? Wie wollen wir nun so ungerecht sein, ein solches Argument gegen den Schatten anzuwenden.

Ob er freilich gerade so vielerlei denkt und fühlt als wir, kann ich nicht behaupten, aber das Gegenteil läßt sich auch nicht behaupten. Da viel Feines in einen Menschen vorgehen kann, was ein anderer nicht bemerkt könnte um so mehr auch vieles im Schatten vorgehen, Was unseren Augen entginge. Jedenfalls, wenn im Schatten, wie in uns hienieden, sich das Wechselspiel von Gefühlen und Gedanken an gröbere und feinere Änderungen des Leiblichen knüpft, so sehen wir schon genug davon, um den Schatten nicht für den Ärmsten zu halten. Er wechselt ja beständig nicht nur seine Formen, sondern auch seine Tinten; immer spielen andere Schatten und Seitenlichter in ihn hinein, je nachdem er sich da oder dorthin bewegt. Was fehlt ihm also zur Bedingung eines wechselvollen Gefühls- und Gedankenlebens? Sagt man etwa, dies Spiel hat ja doch keinen Sinn? Aber was hat denn das Farbenspiel, was in unser Auge fällt, für Sinn? Alles, was sich um und an und im Schatten begibt, fällt ja doch auch in denselben allgemeinen Naturzusammenhang, als das Farbenspiel in unserem Auge; warum soll es für den Schatten weniger Sinn haben, als wenn wir Berge, Bäume, Seen sehen?

Mit einem Worte, ich halte den Schatten für einen platten Mohren, und sehe nur Gründe für sein Leben, aber keine gegen sein Leben. Diese Betrachtung kann, wenn zu nichts anderem, doch dazu nütze werden, daß die Anzahl der überflüssigen Hunde dadurch sich vermindern wird; denn da man diese doch meist nur hält, um ein lebendes Wesen zu haben, mit dem man spazieren gehen und eine stumme Unterhaltung führen kann, so wird man nun, da man in seinem Schatten ein solches Wesen erkennt, nicht erst nötig haben, zu einem fremden seine Zuflucht zu nehmen, zumal da die Unterhaltung des Schattens nichts kostet und er so gut pariert als ein treuer Hund, auch sich niemals abspenstig machen läßt.

 


 

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