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Gustav Theodor Fechner: Essays - Kapitel 16
Quellenangabe
titleEssays
authorGustav Theodor Fechner
modified20170815
typeessay
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Über direkte und indirekte Wahlen der Volks-Abgeordneten

Meines Erachtens kann sich die Frage, ob die Volks-Abgeordneten direkt oder indirekt (unmittelbar vom Volke oder erst durch von diesem gewählte Wähler) gewählt werden sollen, nur danach entscheiden, ob man die Wahl lieber vom Willen und der Intelligenz des gesamten Volkes, also des Volkes, wie es im Durchschnitt ist, oder vom Willen und der Intelligenz derer abhängig gemacht haben will, welche das gesamte Volk selbst am fähigsten hält, seine Interessen zu vertreten und zu wahren. Das erste erscheint freilich der Menge unmittelbar einleuchtender, das zweite aber ist zweifelsohne triftiger, wenn es sich anders darum handelt, wirklich das zu treffen, was am meisten im Sinne des eignen Wohles der Gesamtmenge ist (wohin doch vor allem die Wahl bester Vertreter gehört), weil es nicht möglich ist, daß das Durchschnittsurteil einer Menge über ihr eignes Interesse ebensogut ist, als das Urteil der Befähigsten und Gesinnungstüchtigsten unter dieser Menge, derer, in die es selbst das meiste Vertrauen in dieser Beziehung setzt.

Um das feinste Pulver zu erlangen, siebt man es erst durch gröbere, dann durch feinere Siebe. Will jemand den Gipfel einer Treppe von ein paar Stufen ersteigen, wird er diesen Gipfel minder leicht verfehlen, stolpern, wenn er auf eine Zwischenstufe tritt, als wenn er gleich vom Fuße der Treppe auf den Gipfel steigen will. Der Fuß der Treppe ist die gesamte breite Masse des Volkes, der Gipfel die besten Vertreter, die es zu seinem eignen Wohle zu finden wünscht. Es wird sie sicherer finden, wenn die Wahl durch die Zwischenstufe der Wähler, als gleich vom Fuß zum Gipfel schreitet.

Unstreitig war die eigene und unmittelbare Erhebung der Gesamtmenge des Volkes nötig, es von drückenden Fesseln zu befreien und den Zustand hervorzurufen, dessen es sich jetzt in Hoffnung gedeihlicher Kräfte erfreut. So liegt es nun freilich nahe, dieser Gesamtmenge, die jenen Zustand herbeizuführen gewußt hat, auch fortgehends so viel als möglich die Beratung und Entscheidung über die Maßregeln zur Behaltung und gedeihlichen Fortentwicklung desselben unmittelbar in die Hände zu legen; und so wird die Sache von vielen, die das Volk zu führen suchen, gefaßt. Aber Mittel, die nötig waren, einen besseren Zustand herbeizuführen, sind oft eben so geeignet, den erreichten guten Zustand zu überstürzen, als den schlimmen zu stürzen. Das Beste für die Erhaltung und Fortbildung des gesamten Volkswohles wird sicher das bleiben, daß das Volk nur überhaupt unter die geeignetsten Umstände gesetzt wird, stets die tauglichsten Männer ausfindig machen zu können, die sein Wohl am besten beraten und vertreten können und wollen. Hierzu aber führen nach obigem indirekte Wahlen, wenn nur auf möglichst allgemeiner und frei gestellter unterer Basis, sicherer als direkte. Die allgemeinste Beteiligung aller Staatsmitglieder an der Wahl gibt zur Vollkommenheit der Wahl sozusagen die Breite, der Stufenbau der Wahl die Höhe her. Durch erstere wird die allgemeinste Berücksichtigung aller Interessen, durch letztere der Umstand gesichert, daß diese Berücksichtigung in die besten Hände gelegt wird. Eins kann das andere nicht ersetzen, und je mehr die Breite wächst, um so mehr muß die Höhe wachsen. So möchte man immerhin selbst Weiber und Kinder an den untersten Wahlen teilnehmen lassen, wenn man zu den vorgeschlagenen Stufen der Wahl noch eine Stufe mehr fügen wollte; sie würden doch ihre Männer, Väter und erwachsenen Brüder wählen, und das Resultat eben deshalb nur insofern sich ändern, als diejenigen, welche noch Angehörige mit zu vertreten haben, dadurch von selbst in ein gewisses verhältnismäßiges Stimmenübergewicht gegen andere kommen würden, was ihnen auch der Natur der Sache nach zusteht.

 

Die untere Basis aller Wahlen durch das Volk behält in der Tat selbst nach allen neuen Erweiterungsvorschlägen einen ganz willkürlichen Zuschnitt, wobei das Gewicht der Stimmen dem Gewicht der Interessen im Staate nicht richtig entsprechen kann, weil die Stimme dessen, der das Wohl vieler im Staate zu vertreten hat, dann nicht mehr zählt, als dessen, der bloß sein eignes zu vertreten hat. Um so schlimmer nun, wenn man bei diesen, vielleicht unvermeidlichen Fehlern in der Breite das Korrektionsmittel durch die Höhe verwirft.

Um den möglichst vollkommenen Wahlmodus zu erhalten, würde es also am besten sein, sowohl die Breite, als die Höhe so sehr zu vermehren, als dies nicht mit zu großen praktischen Schwierigkeiten und Weiterungen in der Ausführung verbunden wäre, die sich allerdings sowohl nach einer als der andern Richtung bald zeigen möchten, sollte über eine gewisse Grenze gegangen werden.

Aber man will, nachdem freilich bisher der Breite lange nicht genug geschehen, von nun an bloß die einfache Breite, nichts mehr von der Höhe, und somit nichts von der zweiten Dimension der Bedingungen, die das Gute zu erhalten und zu steigern dienen, und will diese Breite selber so aufrecht stellen, daß sie stürzen muß. Die es versuchen, werden am ersten darunter begraben werden. Ich weiß wohl, daß dergleichen Worte jetzt in den Wind besprochen sind. Möge man nicht die Folgen dessen, was man jetzt so leicht nimmt, einst schwer empfinden. F.

 


 

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