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Essays

Robert Musil: Essays - Kapitel 8
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authorRobert Musil
titleEssays
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Reden

Rede zur Rilke-Feier

in Berlin am 16. Januar 1927

Als die Nachricht vom Tode des großen Dichters Rainer Maria Rilke nach Deutschland kam und in den folgenden Tagen, wenn man einen Blick in die Zeitungen richtete, um zu sehen, wie diese Botschaft von der deutschen Literaturgeschichte aufgenommen werde – denn täuschen wir uns nichts vor! der Prozeß des Ruhmes wird heute in dieser ersten Instanz entschieden, da es so gut wie keine geistig übergeordnete weiterhin für die Literatur gibt! –, so konnte man etwas feststellen, was ich kurz ein ehrenvolles öffentliches Begräbnis zweiter Klasse nennen möchte.

Man schien sagen zu wollen – Sie wissen ja, wie sich durch Stellung der Nachricht im Blatt und Art des Drucks der Grad des Ohrenspitzens ausdrückt –: Hier ist etwas immerhin Erwähnenswertes geschehn, aber weiter haben wir nicht viel dazu zu sagen! Dieses Weitere überließ man dem Feuilleton, das es auch ehrenvoll erledigte. Aber stellen Sie sich vor, wie das in manchem anderen Fall gewesen wäre! Wie man eine Trauer der Nation daraus gemacht und das Ausland aufgefordert hätte, zu sehen, wie wir trauern! Die Spitzen des Staats hätten sich in Ehrfurcht gebogen, Leitartikel wären gehißt worden, der biographische Salut hätte gedröhnt, und wir wären mit einem Wort untröstlich gewesen, wenn es auch nicht allen Beteiligten ganz klar gewesen wäre, warum. Mit einem Wort, es wäre ein Anlaß gewesen.

Rilkes Tod war kein Anlaß. Er bereitete der Nation kein festliches Vergnügen, als er starb. Lassen Sie uns einige Augenblicke der Besinnung daran knüpfen.

 

Als ich gewahr wurde, wie gering der Verlust Rilkes im öffentlichen Rechenexempel veranschlagt wurde – er wog kaum so schwer wie eine Film-Premiere –, so war, ich gestehe es offen, mein erster Einfall, auf die Frage, warum wir heute zusammenkommen, zu antworten:

weil wir den größten Lyriker ehren wollen, den die Deutschen seit dem Mittelalter besessen haben!

Es wäre erlaubt und ist doch unerlaubt, so etwas zu sagen.

Gestatten Sie mir, mit dieser Unterscheidung zu beginnen. Sie soll in keiner Weise die Größe Rilkes einschränken, verklauseln oder einem Kompromiß unterwerfen. Sie soll nur den Begriff der dichterischen Größe überhaupt richtigstellen, soweit er heute unsicher geworden ist, damit wir nicht eine falsche Ehrfurcht beweisen und das Bild Rilkes über einem Fundament aufbauen, das keinen Halt hat.

 

Die neuzeitliche Gepflogenheit, daß wir Deutsche immer einen größten Dichter haben müssen – gewissermaßen einen Langen Kerl der Literatur – ist eine üble Gedankenlosigkeit, die nicht wenig Schuld daran trägt, daß die Bedeutung Rilkes nicht erkannt worden ist. Weiß Gott, woher sie stammt! Sie kann ebensogut vom Goethekult kommen, wie vom Exerzieren, von der konkurrenzlos unübertroffenen Qualität der X-Zigarette wie von der Tennisrangliste. Es liegt ja auf der flachen Hand, daß der Begriff der künstlerischen und geistigen Größe niemals nach Metermaß und Nummer bestimmbar ist. (Auch nicht nach dem »Umfang« des Werks oder des Bereichs behandelter Gegenstände – sozusagen nach der Handschuhnummer des Schriftstellers!: dennoch gilt zweifellos das Viel-Schreiben bei uns für schwerer als das Wenig-Schreiben!) Niemand hat in so edler Weise kundgegeben, daß der Begriff der künstlerischen Größe nicht ausschließend ist, wie Rilke, welcher stets der selbstlose Förderer seiner jungen Mitbewerber gewesen ist.

Denken Sie einen Augenblick daran, daß das schmächtige Werk Hardenbergs und Hölderlins zur gleichen Zeit entstanden ist, wo sich das mächtige Werk Goethes vollendete; daß gleichzeitig mit den Riesenwürfen von Hebbels dramatischem Würfelspiel die knappen Entwürfe Büchners entstanden sind: Ich glaube nicht, daß Sie empfinden werden, eines von diesem wäre durch das andere zu ersetzen, wäre wegen eines anderen zu entbehren; sie sind beinahe völlig den Begriffen des Mehr, Weniger, Größer, Tiefer, Schöner, kurz jeder Art von Graduierung entzogen. Dies ist der Sinn dessen, was eine überschwengliche Zeit den Parnaß, eine Zeit, welche die Würde und Freiheit liebte, die Republik der Geister genannt hat. Die Höhe der Dichtung ist keine Spitze, auf der es immer höher geht, sondern ein Kreis, innerhalb dessen es nur ungleich Gleiches, Einmaliges, Unersetzliches, eine edle Anarchie und Ordens-Brüderlichkeit gibt. Je strenger eine Zeit in dem ist, was sie überhaupt Dichtung nennt, desto weniger Unterschiede wird sie darüber hinaus zulassen. Unsere Zeit aber ist sehr tolerant in dem, was sie Dichtung nennt; es genügt ihr unter Umständen schon, – wenn der Papa ein Dichter ist. Dem entspricht es, daß sie auf der anderen Seite den Begriff des Stars, des Cracks im Verlagsstall, des Literaturchampions auf die Spitze getrieben hat, – wenn er als Federgewicht auch natürlich nicht ganz den gleichen Anspruch auf Beachtung erheben darf wie die Schwergewichte des Boxsports!

Rainer Maria Rilke war schlecht für diese Zeit geeignet. Dieser große Lyriker hat nichts getan, als daß er das deutsche Gedicht zum erstenmal vollkommen gemacht hat; er war kein Gipfel dieser Zeit, er war eine der Erhöhungen, auf welchen das Schicksal des Geistes über Zeiten wegschreitet ... Er gehört zu den Jahrhundertzusammenhängen der deutschen Dichtung, nicht zu denen des Tages.

Wenn ich sage, das deutsche Gedicht vollkommen gemacht, meine ich keinen Superlativ mehr, sondern etwas Bestimmtes. Ich meine auch nicht jene Vollkommenheit, von der ich gesprochen habe, welche jeder wahren Dichtung eignet, auch wenn diese Dichtung, an sich selbst gemessen, unvollkommen ist. Sondern ich meine eine ganz bestimmte Eigenschaft des Rilkeschen Gedichts, eine Vollkommenheit im engeren Sinn, die seine geschichtliche Stellung zunächst bestimmt.

Das neue deutsche Gedicht hat eine eigentümliche Entwicklung. Es erreicht gleich im Beginn, bei Goethe, zweifellos einen Höhepunkt; aber es wird zum Schicksal eines Jahrhunderts deutscher Dichtung, daß Goethe überaus duldsam gegen das Gelegentliche, die Improvisation, den spielenden Geselligkeitsreim war. Bezaubernd natürlich im Ausdruck für das, was ihn packt, bewundernswert durch die Fülle dessen, was seine vielseitige Natur zu bewegen vermag, hat er sich niemals gescheut, den Rest des Gedichts entweder lose auszuschütten oder einfach als gereimte Notiz von sich zu geben. Das lag in seinem Wesen. Das lag weit mehr noch im Charakter der Zeit. Diese Zeit, die wir als unsere Klassik anzusehen gewöhnt sind, was sie in gewissem Sinn auch ist, war in anderem Sinn eine Zeit der Versuche, der Unruhe, der Hoffnungen, der großen Beteuerungen, der Betriebsamkeit. Im weitesten Gegensatz zu unserer eigenen Zeit hatten damals Männer und Frauen einen Busen. Man weinte an ihm; man warf sich an ihn. Ein eigenartiger Schwang und Überschwang vertrug sich mit harmlosen Gesellschaftsspielen; Großzügigkeit mit genialer Schlamperei. In dieser Zeit wurden mit Eifer antike, persische, arabische, provenzalische, spätlateinische, englische, italienische, spanische Formvorbilder importiert, um mit ihnen eine heimische Form für die heimische Bewegtheit zu finden. Wir vermögen uns heute nur noch schwer eine Vorstellung davon zu machen, was ein deutscher Hexameter, oder ein Madrigal, eine Ballade, eine Romanze an Finder- und Erfinderglück ihrerzeit bedeutet haben, und wofür sie Dichter und Leser zu entschädigen vermochten, bloß dadurch, daß sie glücklich da waren. Heute, wo sich die lyrischen Formen wesentlich eingeschränkt, aber auch gefestigt haben, fällt das ganz weg. Aber wir dürfen daraus wohl auch schließen, daß die Vollkommenheitsüberzeugung, die heute noch immer viele zu empfinden glauben, eine kleine halluzinatorische Ergänzung in sich trägt.

Die Auswirkung wird unwidersprechlich im Übergang von der Klassik zur Gegenwart. Was unsere Literaturgeschichte uns da mit der Unparteilichkeit eines Markensammlers als deutsches Gedicht aufbewahrt, diese Rückert, Anastasius Grün, Lenau, Feuchtersleben, Freiligrath, Geibel, Gilm, Lingg, Pichler, Zedlitz, Scheffel, Baumbach, Wilbrandt, Wildenbruch – nehmen Sie das eine oder andere Gedicht aus, nehmen Sie von dem einen oder anderen Gedicht an, daß man sich in die Zeitlage versetzen und es in dieser gewissermaßen verrenkten Stellung genießen könne –: im ganzen bleibt das eine Sammlung lyrischer Marterwerkzeuge zum Schulgebrauch. Hier tummeln sich die Ghaselen und Kanzonen, die Sonette und Rondele. Sie finden ein ganz intellektuelles, vorsätzliches Verhältnis zur Form; dafür ein sehr wenig intellektuelles zum Gedankeninhalt. Einfälle, deren Bedeutungslosigkeit man sofort bemerken könnte, wenn man sie in Prosa ausdrücken würde, werden durch Rhythmus und Reim angewärmt, durch Strophen rundherum gebraten, womöglich noch durch einen Refrain, der wie der Irrsinn wiederkehrt, völlig ausgedörrt. Diese Zeit ist die Geburtstätte des deutschen Glaubens, daß die Form den Inhalt adeln könne, daß die gehobene Rede höher stehe als die ungehobene; daß es etwas Besonderes sei, wenn man das Stuckornament des Verses auf die flache Idee klebt. Ich glaube sagen zu dürfen, daß die Formlosigkeit unserer Zeit noch die natürliche Reaktion darauf ist; – freilich hat sie mit der schönen Form auch zum Teil den schönen Inhalt preisgegeben. Ich darf und kann mich hier nicht auf Einzelheiten einlassen. Aber ich glaube, daß fast jeder von Ihnen selbst das Gefühl des Grauens kennt, das diese Lyrik weniges ausgenommen – in dem jungen Leser hinterläßt, den man zwingt, in ihr die Geistesgeschichte seines Volkes zu bewundern.

Die ungeheure und verdiente Autorität Goethes hat die Entwicklung des deutschen Romans reichlich 50 Jahre hinter dem Ausland zurückgehalten; ohne dafür zu können; nur dadurch, daß die unmittelbar Nachkommenden bloß die – Hinterfront der Vorbilder sehn! Auf die gleiche Weise ist aus der mißverstandenen Autorität der Klassik eine verhängnisvolle Nachsicht gegen die Fehlleistungen ihrer Nachfolger entstanden. Diese zu unserer höheren Kultur gehörende Nachsicht erlaubt jedem lyrischen Übeltäter sich auf historisch nobilitierte Ahnen zu berufen, wenn der Augenblick günstig ist. Ich spreche da von einer der unseligsten Belastungen der deutschen Dichtung! Aus der nachklassischen Epoche ist ja die gegenwärtige unmittelbar, wenn auch anfangs durch Gegensatz, hervorgegangen. Die Deutschen lernten, was ein Gedicht sei, erst wieder durch das Ausland, durch Verlaine und Baudelaire, durch Poe und Whitman kennen; der Einfluß war gewaltig; es kam eine mächtige Selbstbesinnung und Selbstentdeckung; aber was sind noch so eindringliche Selbstbesinnungen auf die Dauer gegen eine fest eingefleischte Erziehung zum Falschsehen? Sehen Sie, das ist in einer innerlich nicht sehr gefestigten Literatur immer so: Die Selbstbesinnung führt zum Kampf gegen die Lieblinge der Trägheit und Oberflächlichkeit. Die Selbstbesinnung siegt; die Lieblinge bedecken tot das Schlachtfeld. Dann läßt die Gewissensspannung einen Augenblick nach, und die Toten stehen nicht nur auf, sondern sie haben – gerade weil sie eine Weile tot waren – etwas gut Erhaltenes, etwas betriebsam Unsterbliches und ehrwürdig Rührendes. Ja bei uns weiß noch dazu niemand, ob sie nicht am Ende sogar etwas Klassisches haben.

Ich glaube, mancherlei Zeichen der Gegenwart deuten unmißverständlich darauf hin, daß heute eine sehr gute Auferstehungszeit ist. Die Straffung der deutschen Literatur ist in einem dauernden Nachlassen. Ich gerate an dieser Stelle in die Gefahr der Aktualität. Aber wovon spreche ich denn? Ich spreche von den unangreifbaren, lähmenden Schwierigkeiten, die sich einem Erneuerer des deutschen Gedichts entgegenstellen!

 

Ich habe mir vorgenommen, von einer solchen Schwierigkeit, weil sie gerade besondere Wichtigkeit und Aktualität besitzt, ein paar Worte mehr zu sagen.

Da wurde vor einiger Zeit eine Akademie der Dichtung gegründet. Mit – Ludwig Fulda an der Spitze!

Von ihrer Zusammensetzung kann man nur sagen, daß die Bedeutung der Dichter, welche ausgeschlossen wurden oder sich ausgeschlossen haben, die der darin befindlichen zumindest aufwiegt. Ich kenne den inneren und äußeren Wert meiner apollinischen Kollegen naturgemäß ziemlich gut; ich kenne auch ziemlich gut die Richtungen, Kreise, Strömungen des Geschmacks, in welche sich die gegenwärtige deutsche Literatur aufteilt: Aber es ist mir unmöglich gewesen, einen sachlichen Grundsatz aufzufinden, nach dem diese Sammlung von Akademikern angelegt worden sein könnte. Das einzige, was ich mit allen Mitteln zeitgenössischer Literaturforschung festzustellen vermochte, ist, daß anscheinend sehr – verschiedene Einflüsse die Auswahl beeinflußt haben.

Und nun lassen Sie uns überlegen. Vermutlich ist diese Akademie in einem edlen Sinn konservativ gemeint. Sie soll der Kommerzialisierung der Literatur, der Marktschreierei, dem Erfolg des Minderwertigen einen Damm entgegensetzen. Sie könnte der Literatur in dieser oder jener Unsicherheit auch dem Staat gegenüber Schutz gewähren. All das könnte man natürlich auch mit weniger pompösen, einfachen, eindringlicheren und zeitgemäßeren Mitteln machen. Es ist z. B. nicht ganz einzusehen, warum der Staat die Hilfe der Dichtung braucht, um die Dichtung vor den Verfolgungen des Staats zu schützen. Aber fügen wir uns darein! Worein man sich aber unter keinen Umständen fügen darf, ist: daß man der Dichtung zu helfen gedenkt, indem man das Prinzip der Kritiklosigkeit verewigt!

Ich möchte nichts Bitteres wider Ludwig Fulda sagen. Er hat zeit seines Lebens die deutsche Sprache und den menschlichen Vorzug der Gedankenfreiheit mißbraucht; aber er wußte es nicht. Er war durch 25 Jahre so verläßlich wie ein Thermometer, daß man von einer Dichtung statt vieler Worte sagen konnte: sie ist wie Fulda. Vielleicht versteht man das heute noch. Dann kann ich heute noch statt vieler Worte an die Akademie der Dichtung diesen kritischen Maßstab anlegen und einfach sagen: Es ist viel Fulda in diesem – starken Stück!

Das Denkwürdige kommt aber erst jetzt. Von Rilke, von Hofmannsthal, Hauptmann, Borchardt, George, Däubler und allen anderen, die da nicht mitwirken, hat sich ein Teil unserer literarischen Vornehmen losgesagt, um dem lockenden Rufe zu folgen. Natürlich nicht wegen der Verlockung; sondern wegen der Pflicht; das versteht sich bei uns von selbst. Zwar nicht ohne weiteres, aber mit schönen würdigen Begründungen. In diesen Begründungen kam alles vor, was man zugunsten einer Akademie sagen kann; nur eines sah ich darin nicht: den Sinn dafür, daß die innere Reinheit, die innere Klarheit und Würde, der unbestechliche Ernst – außer dem Genie – das höchste Gut einer Literatur bilden!

Unter den Mitgliedern der Akademie befinden sich Männer, welche diese Eigenschaften für ihre Person in hohem Grade besitzen. Daß sie es trotzdem nicht für notwendig finden, sie auf die gesamte geistige Atmosphäre um sich anzuwenden, ist ungeheuer kennzeichnend für die Entwicklung unserer Dichtung, für die innere Unsicherheit und Strukturlosigkeit, die wir niemals losgeworden sind! Da haben Sie in einem Querschnitt die ganze Moral der deutschen Literaturgeschichte! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Literaturgeschichte ein Teil der Geistesgeschichte ist!

Und wenn ich mir auch vorwerfen lassen muß, weit abgekommen zu sein, so geschah es doch nicht ohne inneren Zusammenhang, und auch nicht ganz ohne Gewinn, denn wir haben zugleich einigermaßen die Umwelt kennengelernt, für die Rilke sein schweres, von Mißdeutungen bedrohtes Werk geschrieben hat.

 

Ich möchte die mir noch zur Verfügung stehende Zeit benützen, um über die wichtigste dieser Mißdeutungen ein paar aufklärende Worte zu sagen.

Wenn ich von der Vollkommenheit gesprochen habe, zu der Rilke das deutsche Gedicht emporgehoben hat, so ist damit zunächst nur ein äußeres Kennzeichen gemeint. Ich kann es Ihnen beschreiben, wenn ich Sie an den überaus bezeichnenden Eindruck erinnere, dem man beim ersten Lesen seiner Werke ausgesetzt ist. Nicht nur sinkt kaum ein Gedicht, kaum eine Zeile oder ein Wort sinken aus der Reihe der übrigen herab, und man hat das gleiche Erlebnis durch die ganze Reihe seiner Bücher. Es entsteht so eine beinahe schmerzliche Spannung, wie eine gewagte Zumutung, die noch dazu ganz ohne allen Aufwand an Orchester, ganz wie natürlich, nur von dem einfachen Flötenklang des Verses begleitet, geleistet werden soll.

Weder vor ihm, noch nach ihm ist diese hohe und ebene Spannung des Eindrucks, diese edelsteinklare Stille in der niemals anhaltenden Bewegung erreicht worden. Weder das ältere deutsche Gedicht, noch George oder Borchardt haben dieses freie Brennen des Feuers ohne Flackern und Dunkelheit. Das deutsche lyrische Genie wirft wie der Blitz eine Furche auf, aber das Erdreich darum häufelt es sorgsam oder nachlässig auf; es zündet wie der Blitz, aber es ritzt nur wie der Blitz; es führt auf den Berg, aber um auf den Berg führen zu können, muß man zuvor immer wieder unten sein. Damit verglichen, hat Rilkes Gedicht etwas breit Geöffnetes, sein Zustand dauert wie ein gehobenes Anhalten.

In diesem Sinn habe ich von seiner Vollkommenheit und Vollendung gesprochen. Es bezeichnet das eine bestimmte Eigenschaft und zunächst noch nicht Rang und Wert. Im Schönen haben, wie Sie wissen, auch Unvollendung und Unvollkommenheit ihre Würde. Ja, so paradox es klingt (wenn es in Wirklichkeit auch nichts anderes bedeutet als unser Unvermögen zu genauer Bezeichnung), diese innere Planheit und Faltenlosigkeit, diesen aus einem Guß geformten Charakter des Gedichts findet man oft auch in der Poesie jener Versschwätzer, die ein Gedicht so glatt hinschreiben, wie ein Barbier eine Wange rasiert. Ja, noch viel paradoxer!: man hat den Unterschied nicht immer bemerkt.

Es gab eine Zeit, wo jeder bessere junge Mann mit schwülen Augen Gedichte in der Weise Rilkes machte. Es war gar nicht schwer; eine bestimmte Art des Schreitens; ich glaube, daß Charleston schwieriger ist. Darum hat es auch immer scharfsinnige Kritiker gegeben, welche das bemerkten und Rilke einen Platz – fast bei den Kunstgewerben des Verses anwiesen. Die Zeit, wo man ihn nachahmte, war aber kurz, und die Zeit, wo man ihn unterschätzte, dauerte sein Leben! Als er jung war, galt Dehmel für einen Mann, und er – für einen Österreicher! Wenn man ihm wohlwollte, fügte man etwas von slawischer Melancholie hinzu. Als er reif war, hatte sich der Geschmack gewendet; nun galt Rilke als ein feiner, ausgegorener Likör für erwachsene Damen, während die Jugend andere Sorgen zu haben glaubte.

Gewiß ist nicht zu leugnen, daß die Jugend auch für ihn mancherlei Liebe hatte. Aber es ist nicht zu übersehn, daß ihr da vielleicht wirklich eine Schwäche unterlief. Ich sehe nirgends heute Rilkes Geist im Wirken. Was es heute an Gewissens- und Gefühlsspannung gibt, ist nicht die Art der Spannung Rilkes. So ist es möglich, daß er noch einmal geliebt wird, weil er ent-spannt! Dazu ist er zu anspruchsvoll! Er stellt mehr als infantile Ansprüche an die Liebe! Das möchte ich, wenn nicht zeigen, so doch andeuten.

 

Ich könnte es tun, indem ich Sie auffordere, den Weg Rilkes von den Frühen und Ersten Gedichten bis zu den Duineser Elegien zu verfolgen.

Wir würden dabei in einer ungemein fesselnden Weise sehn, wie früh er fertig ist – genau so wie der junge Werfel; – aber wie seine Entwicklung von da an erst beginnt! Die innere wie die äußere Form erscheint von allem Anfang an (wenn natürlich auch Versuche dazwischenkommen und wieder aufgegeben werden) wie ein feines Rippenwerk vorgezeichnet; blaß; rührend verschlungen mit typischen Jugenderscheinungen; verblüffend durch die Umkehrung, daß sich weit mehr »Manier« in den ersten Anfängen findet, als in den späteren Wiederholungen! Man könnte zuweilen sagen: der junge Rilke mache Rilke nach. Aber dann erlebt man das für den Künstler ungeheure Schauspiel, wie sich dieses Schema füllt. Wie aus Porzellan Marmor wird. Wie alles, was von Anfang an da war und sich kaum verändert, von einem immer tieferen Sinn gestaltet wird: Mit einem Wort, man erlebt das ungeheuer seltene Schauspiel der Gestaltung durch innere Vollendung!

Statt dieser Entwicklung in ihren Schritten zu folgen – wobei ein jeder wohl am besten den Dichter selbst zum Führer nimmt –, möchte ich jedoch lieber versuchen, die tiefen Beziehungen, von denen ich spreche, an der Erscheinung der fertigen Rilkeschen Poesie zu verdeutlichen, indem ich noch einmal, aber diesmal nach innen hin, an den ungewöhnlichen Eindruck anknüpfe, den sie hervorruft.

Ich habe ihn, mit den ersten tastenden Worten, eine klare Stille in einer niemals anhaltenden Bewegung, eine gewagte Zumutung, ein gehobenes Dauern, ein breites Geöffnetsein, eine beinahe schmerzliche Spannung genannt, und man darf wohl hinzufügen, daß Spannungen am leichtesten dann den Charakter des Schmerzes annehmen, wenn sie sich nicht ganz begreifen und lösen lassen, wenn sie in den Ablauf unserer Gefühle einen Knoten bringen, der nicht wie die gewöhnlichen geknüpft ist. Der Affekt des Rilkeschen Gedichts hat eine große Besonderheit. Wir werden sie verstehn, wenn wir uns darüber Rechenschaft geben, daß dieses Gedicht eigentlich niemals ein lyrisches Motiv hat. Es hat auch niemals einen besonderen Gegenstand der Welt zum Ziel. Es spricht von einer Violine, einem Stein, einem blonden Mädchen, von Flamingos, Brunnen, Städten, Blinden, Irren, Bettlern, Engeln, Verstümmelten, Rittern, Reichen, Königen ...; es wird ein Gedicht der Liebe, der Entbehrung, der Frömmigkeit, des Kampftumults, der einfachen, ja sogar der mit Kulturreminiszenzen belasteten Beschreibung ...; es wird ein Lied, eine Legende, eine Ballade ...: Nie ist es das selbst, was den Inhalt des Gedichts ausmacht; sondern immer ist es ein Etwas wie das unbegreifliche Dasein dieser Vorstellungen und Dinge, ihr unbegreifliches Nebeneinander und unsichtbar Verflochtensein, was den lyrischen Affekt auslöst und lenkt.

In diesem milden lyrischen Affekt wird eines zum Gleichnis des anderen. Bei Rilke werden nicht die Steine oder Bäume zu Menschen – wie sie es immer und überall getan haben, wo Gedichte gemacht wurden –, sondern auch die Menschen werden zu Dingen oder zu namenlosen Wesen und gewinnen damit erst ihre letzte, von einem ebenso namenlosen Hauch bewegte Menschlichkeit. Man kann sagen: im Gefühl dieses großen Dichters ist alles Gleichnis, und – nichts mehr nur Gleichnis. Die vom gewöhnlichen Denken getrennten Sphären der Wesensgattungen scheinen sich zu einer einigen Sphäre zu vereinen. Niemals wird etwas mit einem anderen verglichen – als zwei andere und Getrennte, die sie dabei bleiben –; denn selbst wenn das irgendwo geschieht und gesagt wird, irgendeines sei wie das andere, so scheint es schon im gleichen Augenblick seit Urzeiten das andere gewesen zu sein. Die Eigen-schaften werden zu Aller-schaften! Sie haben sich von den Dingen und Zuständen losgelöst, sie schweben im Feuer und im Wind des Feuers.

Man hat dies Mystik genannt, Pantheismus, Panpsychismus ...; mit solchen Begriffen tut man aber etwas hinzu, das überflüssig ist und ins Ungewisse führt. Lassen Sie uns lieber bei dem bleiben, was uns vertraut ist; wie verhält es sich denn nun wirklich mit diesen Gleichnissen? Bei nüchternster Betrachtung? Es verhält sich bemerkenswert genug; das Metaphorische wird hier in hohem Grade Ernst.

Lassen Sie mich dazu mit etwas Beliebigem beginnen: ein Schriftsteller vergleiche einen bestimmten Novemberabend, von dem er erzählt, mit einem wollenen weichen Tuch; ein anderer Schriftsteller könnte ebensogut ein eigenartig weiches Wolltuch mit einem Novemberabend vergleichen. In allen solchen Fällen liegt der Reiz darin, daß ein schon etwas erschöpfter Gefühls- und Vorstellungsbereich dadurch aufgefrischt wird, daß ihm Teile eines neuen zugeführt werden. Das Tuch ist natürlich kein Novemberabend, diese Beruhigung hat man, aber es ist in der Wirkung mit ihm verwandt, und das ist eine angenehme kleine Mogelei. Nun, es liegt – eine gewisse Tragikomik in dieser menschlichen Neigung für Gleichnisse. Wenn die Spitzen der Brüste mit Taubenschnäbeln oder mit Korallen verglichen werden, kann man, streng genommen, nur sagen: Gott behüte uns davor, daß es wahr sei! Die Konsequenzen wären nicht auszudenken. Man gewinnt aus den menschlichen Gleichnissen eigentlich den Eindruck, daß der Mensch niemals dort recht aushalten kann, wo er sich gerade befindet. Er gibt das niemals zu; er umarmt das ernste Leben; aber er denkt dabei zuweilen an eine andere!

Es ist ein schönes, wenn auch ein wenig altmodisches Gleichnis, zu sagen: ihre Zähne waren wie Elfenbein. Setzen Sie statt dessen einen sachlich-nüchternen, aber richtig anderen Ausdruck, so heißt das – höchst unerwünscht –: sie besaß Elefantenzähne! Vorsichtiger, aber immerhin noch verfänglich: ihre Zähne besaßen die optischen Qualitäten von Elefantenzähnen, mit Ausnahme der Form. Ganz vorsichtig: ein ich weiß nicht was war gemeinsam. Ersichtlich ist das die übliche Tätigkeit des Gleichnisses: wir lösen das Erwünschte los und lassen das Unerwünschte zurück, ohne daß wir daran erinnert werden wollen, und wir lösen das Feste in das Gerüchtweise auf.

Was man der Kunst an Unernst, verglichen mit der Wirklichkeit, vorwirft, was in ihr auch wirklich an Divertissement liegt, Oberflächlichkeit, »letzter Neuigkeit«, an Modischem, Dienerischem ...: es freut mich, schon an einem so einfachen Beispiel, das der Aufnahme in jede Schulgrammatik und -poetik gewürdigt wird, zeigen zu können, wie sich alles das in dem Gebrauch spiegelt, den man von den Gleichnissen macht.

Er hängt tatsächlich mit einer bestimmten Welt-Anschauung (dazugehörig: Kunst als Erholung, Zerstreuung, spontane Erhebung) zusammen. Und nun frage ich Sie: Statt zu sagen, der Novemberabend sei wie ein Tuch oder das Tuch sei wie ein Novemberabend, könnte man nicht beides in einem sagen? Was ich frage, Rilke hat es immerwährend getan.

Bei ihm sind die Dinge wie in einem Teppich verwoben; wenn man sie betrachtet, sind sie getrennt, aber wenn man auf den Untergrund achtet, sind sie durch ihn verbunden. Dann verändert sich ihr Aussehen, und es entstehen sonderbare Beziehungen zwischen ihnen.

Das hat weder mit Philosophie, noch mit Skepsis, noch mit irgend etwas anderem zu tun als dem Erleben.

Ich möchte Ihnen zum Abschluß ein Lebensgefühl beschreiben. Aber ich schicke voraus, daß ich es nur andeuten kann. Sowenig es nach Rilke aussehen wird, Sie werden mehr davon in seinen Gedichten finden als in meinen Worten. Und ich habe bisher eigentlich nur von einer einzigen Schönheit unter den vielen seines Werks in ihren Beziehungen gesprochen; aber es muß mir genügen, darauf hinzuweisen, wie schon diese in einen großen Entwicklungszusammenhang gehört. Und eben das, dieses Einbezogensein des Kleinsten ins Größte, ist Rilke.

Eine feste Welt, und darin die Gefühle als das Bewegliche und Veränderliche: das ist die normale Vorstellung. Eigentlich aber sind beide, die Gefühle und die Welt unfest, wenn auch innerhalb sehr verschiedener Grenzen. Daß die eine zur Wand für die anderen wird, hat zwar seine guten Gründe, ist aber ein wenig willkürlich. Und eigentlich wissen wir das ja recht gut. Daß kein einzelner heute weiß, wessen er morgen fähig sein wird, ist kein ganz ungewöhnlicher Gedanke mehr. Daß die Übergänge von der moralischen Regel zum Verbrechen, von der Gesundheit zum Kranksein, von unserer Bewunderung zur Verachtung der gleichen Sache gleitende, ohne feste Grenzen sind, das ist durch die Literatur der letzten Jahrzehnte und andere Einflüsse vielen Menschen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Ich möchte nicht übertreiben. Betrachten wir den einzelnen, so ist die »Fähigkeit zu allem« recht starken Hemmungen unterworfen. Wenn wir aber die Geschichte der Menschheit, also die Geschichte der Normalität par excellence, betrachten, so kann es keinen Zweifel geben! Die Moden, Stile, Zeitgefühle, Zeitalter, Moralen lösen einander derart ab oder bestehen gleichzeitig in solcher Verschiedenheit, daß die Vorstellung kaum abzuweisen ist, sich die Menschheit wie eine gallertartige Masse zu denken, welche jede Form annimmt, die aus den Umständen entsteht. Natürlich haben wir ein eminentes Interesse daran, das zu leugnen, nämlich das praktische und moralische des jeweiligen Zustands. Es ist die ewige Tätigkeit des Lebens und zugleich sein Selbsterhaltungstrieb, die Wirklichkeit fest und eindeutig zu gestalten. Es ist nicht zu übersehen, daß die Schwierigkeiten dafür überall dort sich verstärken, wo das Gefühl beteiligt ist. Darum schalten wir es nach Möglichkeit aus, wenn wir Wahrheit, Ordnung und Fortschritt wollen. Zuweilen schalten wir es aber vorsichtig auch wieder ein, z. B. im Gedicht oder in der Liebe. Das sind bekanntlich recht unlogische Vorgänge, aber man darf vermuten, daß die Eindeutigkeit des Erkennens überhaupt nur dort vorhält, wo die Gefühlslage im großen stabil ist. Ich kann das hier nicht weiter ausführen; aber Sie werden bemerkt haben, daß unser Umgang mit dem Gefühl nicht mehr ganz geheuer geworden ist. Und da dies dem geschärften Verständnis der Gegenwart nicht verborgen geblieben ist, läßt sich aus vielerlei Zeichen schon erwarten, daß wir einer großen Problemstellung nicht nur des Verstandes, sondern auch der Seele entgegengehn.

Und nun gibt es ein Gedicht, das in der Welt des Festen eine Ergänzung, Erholung, einen Schmuck, Aufschwung, Ausbruch, kurz Unterbrechung und Ausschaltung bedeutet; man kann auch sagen, es handelt sich da um bestimmte und einzelne Gefühle. Und es gibt ein Gedicht, das die im ganzen Dasein versteckte Unruhe, Unstetheit und Stückhaftigkeit nicht vergessen kann; man könnte sagen, hier handelt es sich, wenn auch nur in einem Teil, um das Gefühl als Ganzes, auf dem die Welt wie eine Insel ruht.

Das ist das Gedicht Rilkes. Wenn er Gott sagt, meint er dies, und wenn er von einem Flamingo spricht, meint er auch dies; deshalb sind alle Dinge und Vorgänge in seinen Gedichten untereinander verwandt und tauschen den Platz wie die Sterne, die sich bewegen, ohne daß man es sieht. Er war in gewissem Sinn der religiöseste Dichter seit Novalis, aber ich bin nicht sicher, ob er überhaupt Religion hatte. Er sah anders. In einer neuen, inneren Weise. Und wird einst, auf dem Weg, der von dem religiösen Weltgefühl des Mittelalters über das humanistische Kulturideal weg zu einem kommenden Weltbild führt, nicht nur ein großer Dichter, sondern auch ein großer Führer gewesen sein.

Nachwort zum Druck

Eine Rede ist nicht ein gesprochenes Druckwerk. Sie hängt mit den Elementen des unmittelbaren Effekts, dem Hier und Jetzt, den Personen der Zuhörer und der sich selbst einsetzenden Person des Redners, in einer solchen Weise zusammen, daß ohne diese Elemente nicht eine Partitur, sondern bloß ein Fragment übrigbleibt. Wenigstens gibt es Reden von dieser Art, und die, welche ich hier vorlege, war so gemeint.

Die Folge müßte sein, sie aus dem Dasein zu räumen, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hat; so verlangt es nicht bloß die Bedachtsamkeit auf den Vorteil, sondern durchaus auch der Kunstsinn selbst. Daß ich mich trotzdem zum Gegenteil entschließe, ja sogar jeden Versuch einer Änderung unterlasse, ehe ich das erloschene Wort dem Druck übergebe, geschieht aus dem Ermessen, daß diese Rede auch dann Bruchwerk bliebe, wenn ich sie um alles das ergänzte, was ihr auf den ersten Blick fehlt.

Die wichtigste und auch von mir am meisten entbehrte Ergänzung liegt allerdings erst in der Fortsetzung der begonnenen Gedanken. Was ich am Gebrauch des Gleichnisses anzudeuten vermochte, müßte sich im großen, und dadurch viel bedeutsamer, wiederholen lassen, wenn man die Bewegtheit des Sinnes im Rilkeschen Vers überhaupt untersucht. Dieser Sinn entfaltet sich nicht gedeckten Rückens, an die Mauern irgendeiner Ideologie, Humanität, Weltmeinung gelehnt; sondern entsteht, von keiner Seite festgehalten oder gestützt, als ein der geistigen Bewegung frei und schwebend Überlassenes. Die Inseitigkeit von Rilkes Gedicht hat eine ebenso eigentümliche und auffällige Konfiguration wie die äußere Form, wenngleich sie sich in weit höherem Maß der Analyse und Beschreibung entzieht. Würde man eine Reihe aufstellen, an deren einem Ende das Lehrgedicht, die Allegorie, das politische Gedicht zu stehen kämen, also Formen eines schon vorher fertigen Wissens und Willens, so stünde am entgegengesetzten Ende Rilkes Gedicht als reiner Vorgang und Gestaltung geistiger Mächte, die in ihm zum erstenmal Namen und Stimme bekommen. Dazwischen aber lägen sowohl das Gedicht der Erregung »großer Gefühle« wie das der Erhebung zu »großen Ideen«»; beide das, was unserer Zeit schon als Ausbund der Seelenkraft erscheint, heben sie den Blick – über die Schulter zurück empor, denn sie enthalten die Kräfte der Steigerung, aber nicht die der Schöpfung.

In solcher Bedeutung habe ich Rilke einen Dichter genannt, der uns in die Zukunft führt. Denn es scheint, daß die Entwicklung des Geistes, die heute vielen als Zerfall erscheint, aber ihr Gleichgewicht doch in sich tragen muß, dieses Gleichgewicht als ein bewegliches erweisen wird; wir sind nicht wieder zu einem so oder anders bestimmten ideologischen Erstarren berufen, sondern zur Entfaltung der Schöpfung und der Möglichkeiten des Geistes! Angesichts solcher inneren Bilder, die aus Rilkes Gedichten, nicht wie eine Vorhersage, wohl aber wie ein vorherwehender Duft aufsteigen, erscheint es mir allerdings nebensächlich, Formzusammenhängen oder selbst -abhängigkeiten nachzuspüren oder um die Bewertung einzelner Elemente zu streiten. Selbst die Senkung und Ausnahme, die sein Werk in den Sonetten an Orpheus erleidet und so weitgehend erfährt, daß der Dichter dabei zuweilen wie ein wählerischer Nachfahre erscheint, bedeutet wenig; denn diese Unsicherheit, die gerade im Augenblick, wo er sich der Gegenwart nähern möchte, seine Form bedroht, ist auch ungemein bezeichnend für das Entrückte seines Wesens.

Diese Auslegung – insgesamt, wie sie hier versucht worden ist – stammt, was in den Augen mir nicht geneigter Leser zu ihren Gunsten sprechen möge –, nicht nur von mir, sondern ich folge in der Richtung auf das Wesentliche dem Weg einiger höchst erlauchter Vorbilder; auch steht nicht Rilke allein auf seinem Weg; noch ist dies der einzig mögliche und sohin einzig rechte Weg, der in die Zukunft führt; noch ist mir unbekannt, daß sehr einsichtsreiche Kritiker im einzelnen die Bewertung ganz anders austeilen würden als ich. Zu dem allen kann ich nur wiederholen, was im Vortrag scheinbar doch überhört worden ist, daß die Größe eines Dichters über allen Graden liegt und immer eine absolute ist, weshalb sie aber auch niemals Wert und Bedeutung anderer ausschließt. Man darf sagen, daß das Wesen wahrer Dichtung immer ein maßloses ist; große Dichtungen sind Weisungen, und es wäre törichte Kritik, welche zuerst auf die Abgrenzung des Auftrags gegen andere achten wollte, statt dem Auftrag selbst über alle Grenzen zu folgen. Der eigentliche Sinn von Rilkes Werk wird heute selbst von Freunden oft noch mißverstanden; darauf war hinzuweisen. Er liegt aber schon nahe an der Oberfläche des allgemeinen Bewußtseins. Und wenn ich mit einer persönlichen Bemerkung schließen darf, es haben mir gerade diese beiden Eindrücke das Vertrauen gegeben, daß in einer solchen Lage auch dem kleinen Anstoß und in sich ungenügenden Hinweis schon ein bescheidenes Verdienst zukommen könnte.

Daß ich dabei dem Bilde eines großen nicht immer verstandenen Dichters den Hintergrund der zeitgenössischen Literatur gegeben habe, ist mir als eine Notwendigkeit des Verständnisses erschienen; möge es einzelnen anderen auch weiterhin als ein Mangel an Takt erscheinen! Es sind bekanntlich die Kiebitze, denen kein Spiel zu hoch und folglich auch keine Trauer tief genug geht: vielleicht kann man verschiedener Meinung darüber sein, ob man bei einem großen Verlust weinen oder das Entschwindende zu begreifen suchen soll; mir schien, daß es nicht gerade die nächsten geistigen Anverwandten des großen Toten waren, welche in meinen Ausführungen die Pietät vermißten.

Vortrag in Paris

[ Vor dem Internationalen Schriftsteller-Kongreß für die Verteidigung der Kultur]

[1935]

Die Frage, wie Kultur zu schützen sei, und wogegen Kultur zu schützen sei, ist unerschöpflich. Denn das Sein und Werden der Kultur ist es und ebenso sind es die Schädigungen, denen sie von Freund und Feind ausgesetzt ist.

 

Was ich hier und heute darüber sagen will, ist unpolitisch. Ich habe mich zeitlebens der Politik ferngehalten, weil ich kein Talent für sie spüre. Den Einwand, daß sie jeden für sich anfordere, weil sie etwas sei, das jeden angehe, vermag ich nicht zu verstehen. Auch die Hygiene geht jeden an, und doch habe ich mich niemals über sie öffentlich geäußert, weil ich zum Hygieniker ebensowenig Talent verspüre wie zum Wirtschaftsführer oder zum Geologen.

 

Ich setze also, wenn ich jetzt zur Grenze zwischen Politik und Kultur gehe, einen unproblematischen Untertanen voraus und doch befindet sich auch ein solcher – wobei ich an den Dichter deutscher Zunge als das mir nächste Beispiel denke – in einer nicht unproblematischen Lage der politischen Repräsentanz seiner Nation gegenüber. Ihre politische Hauptrepräsentanz verlangt bekanntlich derzeit von ihm noch jene völlige Unterordnung, die mit einem Wort, dem anscheinend die deutschen Großeltern erlassen worden sind, eine »totale« genannt worden ist. Diese Unterordnung wird ihm aber nicht nur begreiflicherweise verboten, wenn er einem anderen Staat als dem deutschen Reich angehört, sondern es wird dann von ihm auch eine besondere kulturelle Unterordnung verlangt. So erwartet z. B. meine österreichische Heimat von ihren Dichtern mehr oder minder, daß sie österreichische Heimatdichter seien, und es finden sich Kulturgeschichtskonstrukteure, die uns beweisen, daß ein österreichischer Dichter immer etwas anderes gewesen sei als ein deutscher.

In andern Ländern ist ähnliches im Gange und es haben sich die Ansprüche der verschiedensten Vaterländer und ihrer politischen und sozialen Zweckgesinnung dem Begriff der Kultur übergeordnet.

 

Das ergibt eine Frage, die verschiedene Formen hat, im Grunde aber immer die gleiche ist: Gewinnt man den Begriff der Kultur daraus (und gleichsam als das, »was übrigbleibt«), daß man von der nationalen, bürgerlichen, faschistischen, proletarischen Kultur das abzieht, was an ihr national, bürgerlich usw. ist oder ist ihr Begriff etwas Selbständiges, das sich auf vielerlei Weisen verwirklichen kann?

Ich glaube, daß sich eine unbefangene Überlegung aus allerhand Gründen für die zweite Auffassung entscheiden muß.

 

Die Geschichte unseres Zeitalters entwickelt sich in der Richtung auf einen verschärften Kollektivismus. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr sich dieser Kollektivismus in seinen Formen unterscheidet und wie verschieden sein Zukunftswert wahrscheinlich zu beurteilen ist. Politiker pflegen eine herrliche Kultur als die natürliche Beute ihrer Politik anzusehen, so wie früher die Frauen den Siegern zugefallen sind. Ich meine dagegen, daß es für die Herrlichkeit sehr von Seiten der Kultur auf die edle Kunst der weiblichen Selbstverteidigung ankommt.

Man kann die Idee einer vielwegigen Geschichtsentwicklung in kollektivistischer Richtung weiter ausführen: aber manchmal drängt sich die einfachere und engere Auffassung auf, daß das Ganze nichts ist als ein Übergreifen und Übergriff der Politik. Alles fühlt sich heute bedroht und mobilisiert alle Mittel.

Zu den Einberufenen gehört auch die Kultur.

Und nicht nur, daß uns der Staat, die Klasse, die Nation, die Rasse und das Christentum reklamieren, sondern diese sind auch selbst unter die Künstler und Gelehrten gegangen.

Die Politik holt sich heute nicht die Ziele bei der Kultur, sondern bringt sie mit und teilt sie aus. Sie lehrt uns, wie wir einzig und allein dichten, malen und philosophieren sollen.

 

Wir fühlen natürlich auch das Recht des Ganzen und die Pflicht des einzelnen zur Einordnung. Um so wichtiger ist die Erkenntnis der Grenzen. Die Vorstellung, was zur Kultur gehöre und was nicht, ist dabei um so leichter, je mehr man eine bestimmte Kultur vor Augen hat, und um so schwerer, je mehr es sich um das handelt, was noch Kultur sein oder fähig sein soll, Kultur hervorzubringen.

 

Kultur ist an keine politische Form gebunden. Sie kann von jeder spezifische Forderungen oder Hemmungen empfangen. Es gibt keine kulturellen Axiome (und namentlich nicht solche des Gefühls), die nicht durch andere ersetzt werden könnten, so daß auf der neuen Basis wieder eine Kultur möglich ist. Das Entscheidende liegt am Ganzen, wie man denn auch nach einzelnen Grundsätzen oder Handlungen von einem Menschen nicht sagen kann, ob er ein Narr oder ein Genie oder ein geborener Verbrecher ist. Ich erinnere zumal an die Bemerkung Nietzsches in den nachgelassenen Fragmenten: »Der Sieg eines moralischen Ideals wird durch dieselben unmoralischen Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge, Verleumdung, Ungerechtigkeit.«

 

Wir verstoßen gegen diese Beobachtung jedes Mal, wenn wir uns über eine Roheit und Verkehrtheit des Neuen nicht nur empören, sondern diese persönliche Empörung auch mit den Gesetzen der Schöpfungsgeschichte verwechseln. Es liegt ja nahe, das Gewohnte für das Notwendige zu halten.

Ein Teil der Abneigung gegen stark autoritäre Staatsformen, Bolschewismus und Faschismus, geht bloß auf die Gewöhnung an die parlamentarisch-demokratischen zurück. Diese rufen die gleiche Anhänglichkeit hervor, wie ein vielleicht ein wenig abgetragener, aber bequem gewordener Anzug. Sie gewähren der Kultur ein großes Maß an Freiheit. Aber das gleiche Maß gewähren sie dann auch ihren Schädlingen. Eine Notwendigkeit, das Wesen der Kultur ihnen, auf Gedeih und Verderb, gleichzusetzen, ist nicht vorhanden. Auch der aufgeklärte Absolutismus ist gut, bloß muß das Absolute aufgeklärt sein.

 

Wenn man also nicht von einem überlieferten Kultur-Ideal ausgehen kann und sogar annimmt, daß es heute heftigen Umbildungstendenzen ausgesetzt ist, und wenn man noch dazu nicht genau weiß, was Kultur ist – denn für uns Schaffende ist Kultur etwas Überliefertes, etwas Erlebtes, durchaus nicht in allem Sympathisches, also eher ein Wille, der in uns und über uns lebt, als eine definierbare Vorstellung –, wonach soll man sich dann richten?

Ich glaube nicht, daß damit alles dem Gutdünken freigegeben ist.

 

Kultur setzt eine Kontinuität voraus und Ehrfurcht selbst vor dem, was man bekämpft. Schon das ist schwer außer acht zu lassen.

Sodann darf wohl auch behauptet werden, daß Kultur immer übernational gewesen ist. Die Geschichte der Künste und Wissenschaften ist ein einziges Beispiel dafür. Sogar die Kultur der Primitiven zeigt diese Erscheinung. Namentlich in ihren höchsten Schichten ist die Kultur von übernationalen Beziehungen abhängig, und auch die Genialität ist so verteilt, wie es das Vorkommen anderer Seltenheiten ist.

Und wenn die Kultur selbst nicht übernational wäre, so wäre sie doch sicher noch innerhalb des eigenen Volkes etwas Überzeitliches, das oft große Senkungsstrecken überspringt und sich an weit Zurückliegendes anknüpft. Daraus ist zu schließen, daß es denen, die der Kultur dienen, verboten ist, sich restlos mit einem Augenblickszustand ihrer nationalen Kultur zu identifizieren.

Und die Kultur ist nicht eine Überlieferung, die einfach von Hand zu Hand gegeben werden kann, wie die Traditionalisten meinen, sondern dabei ist ein merkwürdiger Vorgang im Spiel: die schöpferischen Menschen übernehmen nicht sowohl das aus anderen Zeiten und Orten Kommende als daß es vielmehr in ihnen neu geboren wird.

Wir wissen ferner, daß die Träger dieses Vorgangs einzelne Personen sind. Die Gemeinschaft wirkt auf das wichtigste mit, aber das Individuum ist zumindest ihr selbsttätiges Instrument. Damit eröffnet sich aber ein großer und recht wohlbekannter Kreis von Bedingungen für das Werden einer Kultur, nämlich alle die, denen die persönliche Schöpfungskraft unterworfen ist. Ohne daß ich das näher ausführen möchte, kehren hier viele politisch mißbrauchte, abgenützte und dann verworfene Begriffe, vom Geschichtlichen gereinigt, als unerläßliche psychologische Voraussetzungen wieder. So beispielsweise Freiheit, Offenheit, Mut, Unbestechlichkeit, Verantwortung und Kritik, diese mehr noch gegen das, was uns verführt, als gegen das, was uns abstößt. Auch die Wahrheitsliebe muß dabei sein, und ich erwähne sie besonders, weil das, was wir Kultur nennen, wohl nicht unmittelbar dem Kriterium der Wahrheit untersteht, aber keinerlei große Kultur auf einem schiefen Verhältnis zur Wahrheit beruhen kann.

Ohne daß solche Eigenschaften von einem politischen Regime in allen Menschen unterstützt werden, kommen sie auch in den besonderen Begabungen nicht zum Vorschein.

 

Auf die Erkenntnis solcher sozialen Bedingungen hinzuwirken, dürfte für die Selbstverteidigung der Kultur das einzige sein, was sich mit unpolitischen Mitteln erreichen läßt. Für die Beurteilung politischer Formen in ihrem kulturellen Wert und ihren kulturellen Aussichten ist es jedenfalls das Wichtigste.

Der Dichter und diese Zeit

Vortrag zur Feier des zwanzigjährigen Bestehens des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Wien im Jahre 1936

Wiederholt mit neuem Vorwort in Basel (PEN-Club) im Jahre 1937

[Einleitung in Wien]

Meine Verehrten!

Zu meinem Bedauern muß ich, ehe wir beginnen, wie der Regisseur, der den Sänger entschuldigt, vor Sie treten und meine Unpäßlichkeit ankündigen, weil sie mich nicht nur am Sprechen beeinträchtigt, sondern es auch verhindert hat, daß ich diesen Vortrag so vorbereite, wie es der Würde des Gegenstandes und der Ihrer Anwesenheit entspräche. Immerhin hoffe ich, Ihnen wenigstens die Anregung zu einigen Gedanken vermitteln zu können, die es wert sind, heute gedacht zu werden.

[Einleitung in Basel]

Meine verehrten Damen und Herren!

Als mir vor kurzem der Wunsch übermittelt worden ist, daß ich vor Ihnen und in dieser gedeihlichen, ihre großen Überlieferungen fest besitzenden Stadt einen Vortrag wiederholen solle, den ich fast ein Jahr früher in meiner Heimat gehalten habe, bin ich sehr unschlüssig gewesen, ob ich dieser Einladung folgen dürfe. Ich bezweifle, daß sich die einstmals frische Frucht in getrocknetem Zustand ausführen läßt, ohne das Bessere von ihrem Geschmack zu verlieren; und weil ich mir das Vergnügen, vor Ihnen zu sprechen, trotzdem nicht habe versagen können, und die Zeit, das zu entscheiden, sehr kurz bemessen war, büße ich es jetzt mit einem bedrückten Gewissen.

Der Vortrag, um den es sich handelt –: da ich seine allzusehr auf örtliche Verhältnisse bezogene ursprüngliche Einleitung ohnehin fortlassen muß, bitte ich Sie um die Erlaubnis, einige Worte über die Umstände seiner Entstehung voranschicken zu dürfen, aus denen auch seine skizzenhafte und doch zugleich beschränkte Natur hervorgehen soll. Dieser Vortrag ist vor ungefähr elf Monaten bei der Feier des zwanzigjährigen Bestehens des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Österreich gehalten worden, eines übriggebliebenen Zweiges des untergegangenen, einst einflußreichen S. D. S. und des Schriftstellervereins, der in Österreich die größte personelle Überlieferung besitzt, der aber, obwohl er seinem Wesen nach unpolitisch war, beim Beginn der neuen politischen Zeit kaltgestellt worden ist.

Wir haben uns damals alle in Ungewißheit befunden, wie der Begriff des Autoritären – eigentlich verlangt ja die Sprache zu sagen: der Autorität; aber da das auf geistigem Gebiet eine geistige Autorität sein müßte, hat die Sprache zur Bezeichnung der übergeordneten Autorität aus Macht anscheinend eine unwillkürliche feine Unterscheidung gemacht, derzufolge man nun freilich geradezu von Autoritärität sprechen müßte! –, viele haben sich also in Unsicherheit befunden, wie der im Lande noch neue Begriff des Autoritären ausgelegt werden wird. Das deutsche Vorbild lag trotz aller Gegensätze scheinbar doch nicht so ganz ferne, auch eine Restauration befürchteten viele; und außerdem waren, wie das immer bei solchen Gelegenheiten ist, mit der politischen Macht unmittelbar verbündete Gruppen von Intellektuellen aus dem Hintergrund in den Vordergrund gekommen und zeigten, ja, befriedigten teilweise, ihren frischen Appetit.

So gab es denn damals viele Befürchtungen, die nicht ausgesprochen wurden, und ich glaube, der Erfolg dieses meines Vortrags hat hauptsächlich darin bestanden, daß ich überhaupt gesprochen habe; und dann auch darin, daß ich ohne an dem politischen Geschehen freundlich oder feindlich teilzunehmen, unbefangen darauf hingewiesen habe, daß es auch noch anderes zu gewinnen – oder zu verlieren, und jedenfalls zu bedenken, gibt, als das, was politisch bewegte Zeiten in den Vordergrund stellen. Der Erfolg ist überraschend gewesen, nicht nur der unmittelbare an Ort und Stelle, sondern auch der weiterwirkende; es ist mir angeboten worden, meinen Vortrag zu wiederholen, zu veröffentlichen, an anderen Orten zu wiederholen, übersetzen zu lassen. Aber – mit dieser einen Ausnahme heute – habe ich dem immer widerstanden und zwar aus dem lebhaften Gefühl, daß ich diese Wirkung mehr den Umständen zu verdanken habe als dem Inhalt meiner Worte. Wenn einer z. B. bei einem Heiratsantrag Ja oder Nein sagt, so sind das Worte, die fürs Leben entscheiden, wollte man sie aber gedruckt herausgeben, so wäre ihr Gewicht nicht zu fühlen!

Ich muß übrigens auch einflechten, daß die Befürchtungen, von denen ich gesagt habe, daß sie damals sehr verbreitet gewesen waren, nicht eingetroffen sind. Das in Österreich seither gehandhabte politische Regiment darf sich mit Recht ein tolerantes nennen; obwohl natürlich auch ein tolerantes politisches Regiment mehr oder weniger immer in der gleichen Weise vorgeht: Es trennt in allen Kulturfragen einen Vor-Teil für sich ab und den Rest verteilt es dann mit großer Gerechtigkeit auf sich und alle. Ich will damit sagen, daß der Freie Geist – das ist heute in deutschen Bereichen längst nicht mehr jenes »Wir freien Geister«, mit dem einst Nietzsche bezaubert hat, sondern in größter Bescheidenheit bloß Geist, der keiner Korporation angehört – ich will nur sagen, daß ihm wirklich kein Haar gekrümmt worden ist, daß er aber auch nicht gerade der staatlichen Haarwuchsmittel teilhaftig wird.

Ich räume auch ein, daß er, in Überperson, nicht schuldlos daran ist, daß er heute nicht größere Achtung genießt; denn er hat sein Ansehen in den ihn begünstigenden Zeiten zu einem großen Teil selbst verwirtschaftet. Damit bin ich aber auch schon bei dieser Frage, die »der Geist und die Gegenwart«, in etwas engerer Form auch »der Dichter und diese Zeit« heißt, und noch in dieser engeren Form einen viel zu großen Titel für meinen kurzen Vortrag abgegeben hat. Wir sehen heute den Geist an vielen Orten der Entmündigung durch die Politik, oder wenigstens ihrer Führung, ausgesetzt, und wir wissen nicht, ob das morgen nicht an den meisten Orten der Fall sein wird. Die Art, wie das geschieht, und die Zukunftsaussichten für ihn sind dabei sehr verschieden. Wenn ich auch die notwendige Unabhängigkeit der geistigen von der politischen Entwicklung betone, so meine ich natürlich doch nicht im mindesten, daß diese beiden ohne Zusammenhang seien. Mir selbst sind keineswegs alle politischen Systeme Europas gleichgültig, und ich beurteile die Zukunft der Kultur in ihnen nicht als die gleiche. Aber ich darf wohl so sagen: das Übergewicht der Politik, mag es sich zum Guten oder zum Barbarischen neigen, versetzt den unpolitischen Geist, oder – diese wird es wenigstens geben! – die unpolitischen Bezirke des Geistes, in die gleiche Schwierigkeit der Selbstbesinnung und der Geltendmachung des eigenen Selbst. Mit den goldenen Redensarten wird man nicht mehr weit kommen. Es wird notwendig werden, sich in vollem Umfang auf die Wahrheit zu besinnen, ja diese Wahrheit neu zu entdecken. Der Augenblick, wo man zu zweifeln begonnen hat, ob eine gerade Linie wirklich die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei – etwas, woran man scheinbar nie hätte zweifeln dürfen! – ist für die Mathematik zum Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung geworden; und in einer ähnlichen Nötigung, uns nach unseren Grundlagen zu fragen, befinden wir uns, Dichter, Maler, Philosophen, überall dort, wo der Staat selbst unter die Künstler und Philosophen gegangen ist!

Diese Nötigung umfaßt ungeheuer viel. Das darf ich wohl vorausschicken. Und nur ein winziges Stück von ihrem Gebiet umfaßt dieser Vortrag, der aus den Besonderheiten eines Tages und dem, was damals nahelag, entstanden ist. Er stellt eine Kette von Zusammenhängen dar, und das einzige, was ich glaube, ist, daß sie sich brauchbar mit den vielen anderen verketten läßt, die noch herzustellen sind.

Ich habe damals nach den einleitenden Worten so begonnen:

I

Weil ich von dem Dichter und dem Heute zu sprechen habe, wird mir der Anfang leicht, denn ich darf ruhig von beiden behaupten, daß wir nicht wissen, was sie sind.

Vielleicht darf ich das zuerst am Dichter ausführen. Ich habe vor einigen Jahren einen kleinen Scherz veröffentlicht, worin ich beschrieb, welch große moralische, aber auch wirtschaftliche Bedeutung der Annahme zukommt, daß es, irgendwo, den Dichter gebe. Verlagswesen und Buchhandel; Druckereien, Bindereien und Papierfabriken; Korrektoren; das Feuilleton der Zeitungen; Theater und Film; Büros, die Manuskripte verschicken; Büros, die Matern verschicken; Büros, die Bilder verschicken; die staatlichen Aufsichts- und Leitungsbehörden; die Anstellung von Gymnasial- und Universitätslehrern; Kartelle, Genossenschaften, Bibliotheken mit ihrem Personal; nicht zuletzt die Existenz einer einträglichen Unterhaltungsschriftstellerei: dieses große unabgrenzbare über dem Lesen und Schreiben errichtete Gebilde, das so vielen Menschen einen auskömmlichen oder reichlichen Lebensunterhalt gewährt, beruht ganz und gar auf der Erhaltung des Gefühls, einer großen Sache zu dienen; denn ohne dieses Gefühl könnten bei weitem nicht so viel Menschen leichten Herzens die schlechten Bücher lesen, die sie vorziehen, und dadurch das Lesen zu einem würdigen Teil des nationalen Lebens machen. Dabei weiß kein Mensch, wer wirklich ein Dichter ist, wenn man diesen Begriff so hochschraubt, wie es einer solchen Bedeutung entspricht, und was ein Dichter ist. Vielleicht gibt es unter den Lebenden ein Dutzend dieser Karyatiden, die einen ungeheuren Wirtschaftsapparat auf ihren Schultern stützen, es soll auf die Zahl nicht genau ankommen; aber sicher ist es, daß es ihnen dabei größtenteils schlecht geht. Sie werden nur von einem kleinen Kreis Verständiger gekannt, ihr Einkommen ist in einigen bekannten Fällen das von Bettlern und das Widerspruchsvollste ist, daß alles, was von ihnen lebt, es sich scheinbar angelegen sein läßt, sie raschestens zu töten. Ihretwegen bekommen Schriftsteller Preise, die es nicht verdienen; ihretwegen veranstalten die Sender Würdigungen für andere; und am klarsten hat das einmal eine Geist durch öffentliche Veranstaltungen verbreitende Dame ausgesprochen, als man sie fragte, weshalb sie eigentlich einen Dichter übergehe, dem zu dienen ihr so naheliegen müßte. »Was soll ich Ihnen sagen?« erwiderte sie. »Er stört mich!«

Ist diese Darstellung Übertreibung? Sie drückt eine Wahrheit aus, die so nackt ist, daß sie, wenn schon von keinem anderen, so wenigstens von einem Nuditätengesetz verboten werden müßte!

II

Ebensowenig weiß man vom Heute. Einesteils versteht sich das von selbst wie immer, weil man der Gegenwart zu nah ist; andernteils darf man aber in dem besonderen Fall auch sagen, daß wir in dem Heute, in das wir fast schon vor zwei Jahrzehnten hineingefallen sind, ganz besonders tief drinstecken.

Dennoch möchte ich versuchen, einige Haupteigentümlichkeiten dieses Zustands hervorzuholen. Ob es eine gewaltige Zeit ist, in der wir leben, diese Frage möchte ich bescheiden unbeantwortet lassen; eine gewalttätige Zeit ist es bestimmt. Begonnen hat sie, ziemlich überraschend, im Sommer 1914. Mit einem Mal war die Gewalt da und hat die Menschheit seitdem nicht wieder verlassen, und ist ihr in einem Maße zu eigen geworden, das vor jenem Sommer als uneuropäisch gegolten hätte. Und ihr erstes Auftreten war schon damals unverkennbar von zwei merkwürdigen Gefühlen begleitet: Zum ersten, einem lähmenden Gefühl einer Katastrophe. Was man europäische Kultur nannte, hatte plötzlich einen Riß erhalten, war Friedensplunder geworden. Zum zweiten trat gleichzeitig damit das noch erstaunlichere Gefühl einer neuen festen Zusammengehörigkeit im kleineren Rahmen der Nation auf, und tat dies mit einer Stärke und Unkritisierbarkeit wie ein aus Urtiefen aufsteigendes, vergessen gewesenes, mythisches Gefühl. Ich habe das schon damals ausgesprochen, habe auch nach dem Zusammenbruch davor gewarnt, dieses Gefühl leicht zu nehmen; und andere unbefangene Beobachter haben sein erstes Auftreten ähnlich wahrgenommen wie ich.

Unschwer läßt sich in diesen beiden Gefühlen die affektive Triebkraft von vielem erkennen, was seither große Wichtigkeit gewonnen hat.

Und diese Entwicklung seit dem Kriege, die sowohl eine neue Zusammengehörigkeit in sich schließt, als auch die Zweifel an der vergangenen, möchte ich die kollektivistische nennen, um das, was den »freien Geist« am meisten angeht, an ihr hervorzuheben. Mussolini soll dieses Wort als erster, und zwar vom Totalen Staat gebraucht haben. Aber der Kollektivismus ist nicht nur als staatlicher Anspruch aufgetreten, sondern auch als nationaler und als Klassenanspruch, und hat je nach den historischen Umständen in den verschiedenen Staaten verschiedene Formen angenommen, ja sogar solche, die im schärfsten Gegensatz zueinander stehen. Gemeinsam ist ihnen allen aber das Übergewicht kollektiver, gesamtheitlicher Interessen gegenüber den individuellen, und ihre mehr oder weniger rücksichtslose Geltendmachung in unserem Zeitalter.

Der Anspruch als solcher ist nicht neu, nur seine Mannigfaltigkeit und Stärke und eine gewisse Einseitigkeit seiner Argumente sind es. Weil der Mensch von Natur ein ebenso kollektives wie individuelles Wesen ist, ja gerade weil das wissenschaftliche Denken, unerachtet der Bedeutung des Persönlichen, vielleicht das Kollektivste ist, was es gibt, war der Gedanke der Kollektivität in der Sittenlehre natürlich längst schon vorgebildet, ehe er seine neue Form bekam. Lessing z. B. forderte in der Erziehung des Menschengeschlechts, die Menschheit als Ganzes solle in der Unendlichkeit ihres Seins zu einem Endzustand der Vollkommenheit erzogen werden. Kant sah bloß in der unendlichen Entwicklung der Menschheit die Möglichkeit einer Erfüllung des Sittengesetzes. Und nach Schiller war der große Mensch der Repräsentant der Gattung.

Angesichts solcher Aussprüche drängt sich freilich die Bemerkung auf, daß der Kollektivismus seither aus der Unendlichkeit ordentlich in die Nähe gerückt ist! Und es kann wohl auch nicht verschwiegen werden, daß er sich in der Zeit unserer Klassik auf die »Humanität« und auf die »Persönlichkeit« verlassen hat, wogegen er heute antiindividualistisch und antiatomistisch auftritt und nicht gerade ein leidenschaftlicher Verehrer der Humanität ist.

Wir werden darauf noch zurückkommen müssen –

III

– – wollen aber vorher zur Erholung einen kleinen Seitenblick auf unseren nächsten Kreis, den der Literatur werfen.

Wir sehen dort einen Zug der geschilderten Entwicklung darin, daß man in der Erzählung, namentlich im Roman, schon seit geraumer Zeit Einzelschicksale nicht mehr so wichtig zu nehmen vermag wie früher. Wozu es auch gehören mag, daß kranke, etwas »wurmstichige« »Helden« eine gewisse Bevorzugung erfahren. Denken wir etwa zum Vergleich an Dickens oder Meredith.

Allerdings das behagliche Erzählergewissen hat sich auch deshalb verschlechtert, weil die geistige Gesamtentwicklung vom Dinglichen fort auf Gesetz, Statistik u. a. geht. Der Hauptgrund bleibt aber wohl der, daß die soziale Entwicklung das Einzelwesen schon längst nicht mehr so wichtig nimmt wie zur Biedermeierzeit der Klassik. Der einzelne weiß sich wirtschaftlich und beruflich ins Ganze verflochten. Der Gedanke, daß es – irgendwie – nicht mehr so sehr auf ihn ankomme, liegt schon in ihm selbst, und ist vom Krieg dazu noch sehr eindringlich doziert worden.

IV

Ein zweiter Seitenblick äußert sich auch als Charakterschwäche. Ich möchte dafür auf einige sehr lebendige Beispiele hinweisen:

Vergegenwärtigen wir uns den Kriegshelden, wie ihn unsere Zeit hervorgebracht hat. Im ganzen hat er die ungeheuerste Opferbereitschaft und Widerstandskraft bewiesen, aber seine Tapferkeit war – wenn man, wie billig, von den Ausnahmen absieht – nicht individualistisch. Die Massenform im Krieg war eine große Tapferkeit, die durchaus auch feig sein konnte. Man lief heute davon, und zwar so weit wie möglich, und griff morgen wieder mutvoll an. Man könnte es vielleicht Homerisch nennen – denn der Homerische Held konnte vor Angst schreien, gehorchte aber doch seinem heldischen Sittengesetz. – Wie immer dem sei, und wieweit man es vergleichen oder nicht vergleichen kann: Was wir im Krieg erlebt haben, war unsere Unselbständigkeit und Abhängigkeit in einer Masse, von der wir vor- und zurückgerissen wurden, und mit der wir Befehlen gehorchten, in die wir keine Einsicht hatten, deren Berechtigung wir aber summarisch anerkannten.

Das wird deutlich durch das Schauspiel, das der letzte Umsturz in Deutschland dargeboten hat. In jenen Tagen zeigte eine große und tapfere Nation zur Hälfte das Bild stürmischer Sieger, zur anderen Hälfte das von verschüchterten, ratlosen Menschen. Man darf sagen: sogar von Feiglingen; denn gerade darin liegt das Problem, daß solche Feiglinge Helden gewesen sein und auch wieder werden können. Der heutige Mensch erweist sich als noch unselbständiger, als er es selbst meint, und wird erst im Verband zu etwas Festem.

Dazu gehört endlich auch das »Umfallen« des Geistes, ein bemerkenswert zutage getretener Mangel an »Zivilcourage«. Was haben Menschen nicht bereitwillig oder zögernd in diesen Jahren abgeschworen oder preisgegeben, das zuvor zu ihren unveräußerlichen Überzeugungen und tiefsten Grundsätzen gehört hätte! Es gibt keinen Grundsatz der Humanität, der Sittlichkeit, des Rechts, der Wahrheit, der nationalen Gemeinsamkeit, der Achtung vor anderen und ihrer Leistung, der sich nicht darunter fände. Man wartete auf die »Göttinger Sieben« des Jahres 1837, aber sie kamen nicht. Der Mensch, die »Persönlichkeit«, der Geist verhielt sich so, wie sich der Körper im Artilleriefeuer verhalten hatte, er duckte sich. Es erschien ihm zwecklos, aufzuspringen und die Arme gegen Himmel zu heben. Und wahrscheinlich wäre es auch wirklich zwecklos gewesen. Aber welcher Unterschied ist es, der sich da seit den klassischen Tagen des Geistes in Deutschland ausgebildet hat!

Bezeichnenderweise ist dann auch das einzige gewichtige Selbstbeharren nicht vom »freien Geist«, sondern von den religiösen Verbänden ausgegangen, also, von dem besonderen Geiste der Religiosität abgesehen, von organisierten Verbänden, was wieder auf die Unselbständigkeit, das Führungsbedürfnis, die äußere und ihr folgende innere Abhängigkeit des heutigen Menschen hinweist!

V

Es waren somit doch etwas mehr als Seitenblicke, die wir getan haben und von denen wir etwas mitbringen von der Art, daß sich von einer dämmernden Erkenntnis der notwendigen Charakterlosigkeit des heutigen Menschen sprechen ließe, ohne daß damit etwas über das Maß ihrer Erlaubtheit, oder die Möglichkeit eines Einsatzes, gesagt sein soll.

Darüber hinaus ließe sich aber vielleicht auch etwas Allgemeines behaupten. Ich habe einmal – noch ehe es die bürgerlichen politischen Bewegungen gab, oder als sie gerade erst anfingen – einen Gedankengang niedergeschrieben, der ungefähr so lautete: das Wachstum der in einem gemeinsamen Wirkungskreis vereinigten Menschenzahl und das Wachstum der sie verbindenden Kräfte und Einrichtungen müssen miteinander Schritt halten, wenn nicht allmählich ein Zerfall beginnen soll. Man kann das unter Umständen nicht sich selbst überlassen. Die Not des Kriegs und der Zeit nach ihm hatte das fühlbar gemacht und die Entwicklung gezeitigt; aber irgendwann hätte auch ohne sie eine Reaktion auf die »liberale« Behandlung der menschlichen Angelegenheiten eintreten müssen. In diesem Sinn wäre also der Kollektivismus als ein Inbegriff disziplinarer Versuche zu verstehen, so wie seine Neigung zu gewaltsamem Eingreifen durch die Erschütterung der es verbietenden Kulturbegriffe verständlich wird.

Das ist natürlich nur zum kleinsten Teil eine ursächliche Erklärung. Eine solche müßte die konkreten Umstände anführen, aus deren Verschiedenheit die unterschiedlichen Kollektivismen entstanden sind, und die Entwicklung ihrer Ideologien berücksichtigen. Was ich mir anzudeuten erlaubt habe, ist bloß und ist gleichsam die Schnittlinie, wo die allgemeine geistige Entwicklung mit diesen besonderen Entwicklungen zusammentrifft. Und dahinter verbirgt sich keinerlei Geschichtsmythologie. Solange die weiße Menschheit noch Zukunft vor sich hat, wird sie immer im kritischen Augenblick das kritische Mittel gebären: das ist nicht Metaphysik, sondern ein analytischer Schluß aus der Annahme, daß es noch nicht und nicht so bald abwärtsgeht. Es ist allerdings Optimismus; und heute, wo es soviel politischen Optimismus gibt, mag es manchem schwer erscheinen, ein optimistisches Bekenntnis abzulegen: aber das Verstehenwollen gehört zu den wenigen unbestrittenen Funktionen, die dem Geist noch geblieben sind, und er wird meistens annehmen, daß die Menschheit irgendein Ziel, irgendeine Aufgabe, irgendein sinnvolles Vorsich besitzt, das wir weder sehen, noch aber auch gar nicht sehen: mit einem Wort, sein Optimismus ist, wenn er die Welt betrachtet, ungefähr in die Worte zu fassen: wir irren vorwärts!

Darüber darf man aber nicht vergessen, daß sich aus der moralischen Lage, die wir dem Kollektivismus vorausgesetzt haben, verschiedene Schlüsse ziehen lassen. Wenn die sittlichen Kräfte des einzelnen im Verhältnis zur Umwelt zu schwach sind, so läßt sich nicht nur die äußere Fassung verstärken, sondern es bestünde auch die Möglichkeit, auf den einzelnen erhöhend einzuwirken, und eine dritte Möglichkeit ist es, beides zu tun. Es gehört nun zur Gegenwartsgeschichte, wie sie sich zu dieser Alternative verhielt, und es bestimmt auch die Lage, die der Dichter in ihr gefunden hat. Natürlich ist es immer die dritte Möglichkeit, Einwirkung von innen und außen, wovon in Wirklichkeit Gebrauch gemacht worden ist und Gebrauch gemacht wird; aber der Unterschied von einst und jetzt ist der, daß seit den Tagen der Klassik das richtige persönliche Verhalten das Ziel des Geistes war, und daß ihm auch von der Gesetzgebung ein weites Feld überlassen blieb, und daß in diesem richtigen persönlichen Verhalten das richtige Verhalten zum Ganzen größtenteils inbegriffen sein sollte, während es heute umgekehrt hergeht. Es ist das also ein Wechsel der Hauptrichtung, die gleiche Sache wird am entgegengesetzten Ende angepackt.

Führt man den Antiindividualismus und die mit ihm eng zusammenhängende Abneigung gegen die Demokratie bloß darauf zurück, so sollte man meinen, daß die Grundsätze nicht gar weit auseinander liegen müßten. Der Kollektivismus ist in keiner seiner Formen völlig undemokratisch zu nennen, er ist eher eine neue Form der Demokratie oder hat wenigstens das Streben danach neben anderen Bestrebungen an sich, oder vielleicht gibt es überhaupt keine Regierungsform, die nicht in irgendeiner Weise demokratisch sein muß. Und es ist auch ein merkwürdiger Gegensatz, der niemand entgehen kann, daß alle kollektiven Formen mit einem gesteigerten Bekenntnis zum großen Individuum, zur genialen Persönlichkeit, verbunden sind und das im Führerprinzip und dem dazugehörigen pyramidenartigen Aufbau des Staates auch ausdrücken. Also müßte auch die große wissenschaftliche und künstlerische Individualität damit vereinbarlich sein, aber bekanntlich haben sich da erstaunliche Schwierigkeiten ergeben.

An sich sind ausgeprägte Machtformen durchaus verträglich mit dem Kultus des Geistes und der Individualität, wie das Beispiel der Renaissance lehrt, in der die Vorstellungen des Genies und der großen Person überhaupt entstanden sind, deren Anfang und Ende also möglicherweise mit einer Gewaltherrschaft zusammenfiele.

Wie immer man aber philosophieren mag, die Geschehnisse sind nicht theoretisch entstanden, sondern wirklich und vieldeutig, wie es alles Wirkliche ist. Wir müssen den harmlosen Satz, daß im Kollektivismus die menschenbildende Einwirkung von außen überwiege, darum in der Weise ergänzen, daß der Mensch als Staatsbürger mancherorts heute so organisiert wird, daß von ihm nichts übrigbleibt als der unendlich kleine Schnittpunkt der verschiedenen öffentlichen Ansprüche. Der individuellen Sphäre wird die Mehrzahl der Rechte entzogen und der öffentlichen überantwortet, und daraus erst ist ein mehr oder weniger fragwürdiges Verhältnis der Politik zu den schöpferischen Kräften außerhalb der Politik entstanden, das wohl allen Formen des Kollektivismus gemeinsam ist, wenn auch die angewandte Gewalt nicht nur so verschieden ist wie Windstärke Zehn und eine angenehme Brise, sondern auch mit Auffassungen verknüpft erscheint, die alle Stufen zwischen der ehrlich bedauernden Einsicht in die Unentbehrlichkeit des Zwanges und der blanken Anbetung der Gewalt annehmen.

Wahrscheinlich ist der Mensch keine Ameise und deshalb wird schließlich auch der Träger der Kollektivität der einzelne sein; wenn sich der Geist aber darauf vorbereiten will, so gerät er manchmal in eine bedauernswerte Unsicherheit, denn er weiß noch nicht, wo er anfängt und wo er aufhört.

VI

Mit unseren Ausführungen über diese Dinge sind wir längst in das Verhältnis des Dichters zur Gegenwart verwickelt worden. Aus politischen Gründen sind vielerorten die Begriffe der Humanität, der Internationalität, der Freiheit, der Objektivität und andere mißliebig geworden. Sie gelten als bourgeois, als liberal, als abgetan. Sie werden unterdrückt, aus der Erziehung ausgeschaltet, ausgehungert. Nicht alle auf einmal; die einen da, die andern dort. Es sind aber für den Dichter die Begriffe seiner Überlieferung, mit deren Hilfe er sein persönliches Selbst mühsam gefestigt hat. Er braucht ihnen gar nicht allen beizupflichten, er kann bestrebt sein, sie zu verändern, so bleibt er ihnen doch allen verhaftet, weit mehr als man dem Boden verhaftet ist, auf dem man wandelt. Der Dichter ist nicht nur der Ausdruck einer augenblicklichen Geistesverfassung, mag sie selbst eine neue Zeit einleiten. Seine Überlieferung ist nicht Jahrzehnte sondern Jahrtausende alt. Der Liebesbrief eines phönikischen Mädchens könnte heute geschrieben sein. In einer ägyptischen Skulptur liegt Tieferes von der deutschen Seele ausgedrückt, als in allen deutschen Kunstausstellungen. Und die Geschichte des Geistes bewahrt durch die politischen Umgestaltungen hindurch ihren eigenen Gang.

Schließlich drückt sich das alles ja auch in einer gar nicht aufzulösenden Paradoxie aus: Denn wenn man den verschiedenen Ansprüchen, die darauf hinauskommen, daß sich der Dichter so völlig wie möglich der herrschenden Ideologie seiner Gemeinschaft angleichen müsse, alles zugestünde, so wäre schließlich das Ergebnis, daß jedes Land nicht etwa nur seine Heimatdichter besäße, sondern mit dem Namen Dichtung überhaupt ganz verschiedene Gebilde bezeichnet würden.

Beinahe ist man aber schon soweit, wenn über Nacht der literarische Himmel umgewälzt wird und Dichter, deren Platz man in irgendeinem Sternnebel kannte, plötzlich zu Sternen erster Ordnung werden, nach denen der erstaunte Mit-Stern aufblickend seinen Wandel richten soll.

VII

Und dabei muß natürlich zugegeben werden, daß die Kunst immer Einwirkungen von der politischen und wirtschaftlichen Verfassung ihrer Zeit empfangen hat. Wir können an Goethe sehr gut unterscheiden, daß etwas Goethe und etwas Biedermeier ist; und ein antikes Gedicht unterscheidet sich von einer Goetheschen Nachdichtung als Gattung. In das Persönliche ist da etwas Unpersönliches oder Überpersönliches gemengt.

Andererseits ist uns (allerdings einem besonderen Uns) auch dieses Überpersönliche zum Teil noch erreichbar. Ein chinesischer Spruch, 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstanden, ist uns keineswegs nur Sache einer fremden Zeit, und es gibt ganz abseitige Mönchsgedichte des Mittelalters, in denen eine dem Europäer kaum noch verständliche Religiosität glüht, deren Aufflammen man sich doch jeden Augenblick vorstellen könnte.

Das Problem der Internationalität der Kunst und das der Überzeitlichkeit der Kunst sind nur zwei Ausdrücke der gleichen Eigenschaft, und man kann wohl Hofmannsthal in eine solche Reihe einordnen, nie aber einen Dichter, der seinen Stellungswert nur einer Konstellation Kunst-äußere Umstände verdankt. Unsere Erfahrung hat uns also – eine politisch ganz vorurteilslose Erfahrung! – an ein Spezifikum, ein Aroma »Kunst« oder »Genialität« glauben gelehrt, von dem der einzelne mehr oder weniger haben kann, das aber ganz unabhängig von Ort, Zeit, Nation und Rasse ist. Wir glauben es sofort zu fühlen, und nichts ist so sicher wie der übereinstimmende Spürsinn der Bedeutenden, des »auserlesenen Zirkels«, von dem Schiller gesprochen hat, der »kleinsten Schar« Goethes. Auf ihr ruht heute vielleicht die Zukunft unserer Kultur.

Aber freilich, nicht immer ist die Übereinstimmung verläßlich, auch im kleinsten Kreise. Und vielleicht wäre einzuwenden, daß gerade unsere Zeitspanne historisch sehr rezeptiv ist, und leicht einer solchen Täuschung unterliegen könnte. Man wirft ihr vor, daß ihre Aufnahmefähigkeit bis zur Negerkunst hinabgestiegen ist, und es soll anders werden mit ihr. Unsere Eltern haben über einen Greco oder van Gogh noch herzlich gelacht. Und sie haben sogar über Ibsen gelacht. Dafür Hamerling groß gefunden, wenn sie ihm auch noch nicht ein Denkmal errichteten, womit wir uns so beeilt haben!

Man könnte manchmal schwindlig werden wie auf einem schmalen Brett über unerschöpflicher Tiefe.

VIII

Unsere Begriffe leisten uns dabei noch keine verläßliche Hilfe. Es gibt ästhetische und kritische Begriffe, die für die zukünftige Anwendung, wenn sie selbst genauer durchgearbeitet sein werden, sehr viel in Aussicht stellen. Aber dazu bedarf es noch allerhand Arbeit. Ich darf ja wohl sagen, daß noch nicht einmal das Wesen der Wahrheit genügend beschrieben ist; und das Wesen der Schönheit wird ihr erst in respektvoller Entfernung folgen. Manchmal kommen einem indirekte Hinweise zu Hilfe. So z. B. der auf die Literaturgeschichte, die eine merkwürdige Belohnungsanstalt für Tote ist, da sich an diesen ganz von selbst ein gewisser Zug von Größe heraushebt, sofern sie ihn besitzen, wobei sich, trotz aller Irrtümer, die auch der Literaturgeschichte anhaften, doch merkwürdig übereinstimmend zeigt, daß die gute Gesinnung auf ihn keinen Einfluß hat.

Auf dem Gebiet der ästhetischen Werte kann leicht ein Kind mehr fragen, als neun Weise beantworten können. Trotzdem ist es vielleicht empfehlenswert, wenn das Kind fragt – und nicht selbst die Antworten dekretiert.

IX

Eigentlich kann man die Dichtung nur der Nachsicht empfehlen, und da unser kleines Land ja jetzt eine Art Arche Noah der deutschen Kultur geworden sein will, darf man das pflegliche Zartgefühl auch erwarten. Ein Herabmindern der Schädigungen, ein bedachtsames Trennen des Guten vom bloß Gutwilligen – nun es wäre wohl einiges anzuführen, aber viel läßt sich überhaupt nicht tun. Es ist vielleicht das Wichtigste, sich einigermaßen ungetrübte Vorstellungen von dem, was da gegeneinanderwogt, zu verschaffen.

Unsere Literatur wäre eigentlich gar nicht vorbereitet darauf, wenn sie jetzt plötzlich zu Ehren kommen sollte. Sie hat keine übermäßig gute Zeit hinter sich. Sie war um 1900 morbid, aristokratisch, psychologisch, aber auch sozial und analytisch; und um 1920 geistgezielt, chaotisch, drangvoll, dynamisch und dergleichen. Ihre kritische Betreuung war entweder eine Sammlung der herrlichsten Lobsprüche, oder es schienen besondere Vokabeln die Kritik anzuziehen wie der Strudel den Schiffer, wobei sie ungefähr alle zehn Jahre gegen eine andere Wortgarnitur ausgewechselt wurden. Im Äußerlichen wandelte sich diese Literatur nach dem geheimnisvollen Gesetz der Hunderassen, Bargetränke und Tanzarten. Die geistige Produktion war in hohem Grade merkantilisiert. Anstelle des Bildungsideals der Klassik war in hohem Grade das Ideal der Unterhaltung getreten, wenn es auch künstlerisch angehauchte Unterhaltung war. Trat man aber abseits davon, in die stillen Haine des »Seriösen«, so staunte man über die große Anzahl derer, die eigentlich nicht hingehört hatten. Die Literatur richtete sich in allem immer mehr nach den Gesetzen der kleinsten menschlichen Fassungskraft.

Zwischen diesem Getriebe gab es aber viel Gutes und Ernstes und viel, worin Gutes und Ernstes lag; doch ist es begreiflich, daß dieses auch von denen weniger beachtet wurde, die gegen das Ganze einen »Kulturprotest« im Herzen trugen.

Um es kurz zu machen, auch in den Protest, der als berechtigt gelten mag, haben sich allerhand verfälschende Bestandteile eingemischt, die ihn um die richtige Wirkung bringen. Ich will einige davon herausgreifen.

X

Irgendwann hat sich bei uns Deutschen eingebürgert, daß – sagen wir beispielsweise die Gendarmen sogleich protestieren, wenn sich ein Dichter einfallen läßt, etwa einen Gendarmen als Mörder auf die Bühne zu bringen. Woher kommt das? Es erinnert an die beliebte Anekdote vom naiven Zuschauer, der den Intriganten des Stücks verhaften lassen will; und wenn sich nicht seit je hoch- und höchstgestellte Kreise davor geschützt hätten, daß ihresgleichen auf der Bühne erscheine, dürfte man sagen, daß es von ungenügendem Verständnis komme. Die Trennung von Wirklichkeit und Schein oder vielleicht richtiger gesagt, von Leben und Betrachtung des Lebens, von der Bewegung im inneren und im äußeren Raum, diese Trennung, die so grundwichtig für die Dichtung ist, ist bei uns niemals anerkannt worden. Nicht nur von den Großen nicht, wo das vielleicht eine auf jeden Fall angewandte Vorsicht war; sondern auch von den Kleinen nicht, denn wie oft haben hinwieder Volksfreunde vom Dichter verlangt, daß er Aktion ausstrahle und nicht Erlebnisse für wenige gestalte; die Fürsten wollten bloß nicht einmal ihre Uniformen getreu wiedergegeben sehen, die anderen verlangten sogar die Wiedergabe ihrer Gedanken!

Die zweite Verwechslung ist ungleich einflußreicher geworden, man braucht sich nach großen Beispielen nicht lange umzusehn. Sie findet ihre Stütze darin, daß sowohl die Politik wie die Dichtung einen weltanschaulichen Teil enthalten. In den seltensten Fällen erzeugt diesen die Politik selbst, sie entnimmt ihn anderswo und später entsteht dann daraus der Irrtum, daß schon der Geist – will sagen, daß bestimmte Positionen des Geistes politische seien. Als Beispiel sei etwa an den Begriff des Liberalismus gedacht: Sein Ursprung ist die Liberalität, eine große Geistestugend; und Goethe sagt: er war ein liberaler Mann, ohne natürlich das zu meinen, was man einen Liberalen nennt. Auf diese Weise sind die meisten Ideen aus ihrem freien Element in das der Politik versetzt worden und haben für viele Menschen so sehr deren Aussehen angenommen, daß diese Menschen an ein unpolitisches Fühlen und Denken gar nicht mehr glauben wollen. Es ist aber für die Politik sehr wichtig, dieses Fühlen und Denken sich als ihr Reservoir zu erhalten.

Nun ist aber eine gegenstandsmäßige Trennung der Bereiche von Literatur und Politik kaum noch durchzuführen und besteht potentialiter überhaupt nicht; desto lebendiger muß darum die Verschiedenheit der Funktion dem Gefühl aller werden.

XI

Ich erinnere an das alte Beispiel vom schön gemalten Bild eines abscheulichen Gegenstands: es darf als Binsenwahrheit gelten, daß es ein schönes Bild ist. Wie ist es aber, wenn ein schönes Gesicht eine verwerfliche Gesinnung enthält? Natürlich ebenso. Es enthält diese Gesinnung nicht mehr als Gesinnung, sondern als Rohstoff, als gänzlich unselbständiges und irreal gewordenes Moment. Es kann vorkommen, daß ein Dichter plötzlich einmal mit der größten Liebe das darstellt, was er als Privatperson haßt. Man könnte geradezu sagen, daß sein Geist zu allem fähig sei, aber auch fähig sei, alles aus der gewöhnlichen Bedeutung zu lösen, während sich der Dilettant durch ein beständiges Gefühl auszeichnet und darum auch leicht von Zeiten der Eingeistigkeit in die Höhe getragen wird.

Hier möchte ich daran erinnern, daß es ebenso, wie es schöne Bilder häßlicher Gegenstände gibt, auch wertlose Bilder schöner Gegenstände geben kann. Es sei den Natur- und Gesundheitsschilderern ins Ohr gesagt, die schreiben, daß der Buchfink schlug.

Das Kunstwerk ist eine Abstraktion vom Leben und seinen Bedingungen, sein Genuß und Verstehen setzen ein Abstrahierenkönnen und -wollen voraus, das auch bei Kunstmenschen nicht allezeit anzutreffen ist; es stellt sich aber immer ein, sobald sie »etwas« wittern. Erst auf dieser Abstraktion baut sich das in Wahrheit Dargestellte auf. Alle unsere höheren Gefühle sind wahrscheinlich daraus entstanden, daß sich die einfachen und triebhaften zuweilen entgegenstehn und an der unmittelbaren Befriedigung hindern. Ähnlich setzt es die Kunst fort und erhält das Noch-nicht-zu-Ende-Gekommene des Menschen, den Anreiz seiner Entwicklung am Brennen.

Ich möchte behaupten, wer nicht sogar die böseste, aber geistvollste Karikatur seiner selbst mit Vergnügen ansehen kann, hat das doch noch nicht ganz verstanden!

XII

Dieser Geist – und er ist ja nur ein Glied der geistigen Familie – kann sich natürlich nur bis zu einem gewissen Grad unterordnen und angleichen, ohne sich aufzugeben. Daß man ihn zerstören kann, dafür bildet der Brand der Alexandrinischen Bibliothek das geläufigste Beispiel, und die Umstürzung der heidnischen Bildwerke ist der vollkommenste Ausdruck dafür, wie man den Geist in Einklang mit der allgemeinen Entwicklung bringen kann. Auf der hohen Stufe seiner damaligen Ausbildung war der Geist der Antike abhängig von Einrichtungen, wie es Bibliotheken und Schulen sind; und die Personen, die ihn verkörperten, waren auf Duldung und Wohlwollen ihrer Zeitgenossen angewiesen. Eine Änderung des Zeitwillens (summarisch gesprochen) genügte, alles das wegzufegen. Aber einige Jahrhunderte später: ein Kind von Geist war da. Unähnlich den Vorfahren. Merkwürdig pathologisch und tief im Gesichtsausdruck. Noch einige Jahrhunderte später zum Mann erwachsen, hätte dieses Kind viel darum gegeben, mehr von seinem Vater zu wissen.

XIII

Aber es ist nicht dieses bedrohliche Bild, womit ich schließen möchte.

Wilhelm von Humboldt hat die bedeutende Individualität als eine Geisteskraft bezeichnet, die ohne Beziehung zum Gang des Geschehens aufspringt und eine neue Reihe beginnt. Er sah in den schöpferischen Menschen Knotenpunkte, Quellstellen, die Vergangenes in sich aufnehmen und aus sich entlassen in einer neuen Gestalt, die über ihren Ursprungspunkt hinaus nicht mehr abgeleitet werden kann.

Dieses Bild ist individualistisch von Natur, aber es stellt diesen Individualismus auch völlig in das Ganze. Ich möchte hoffen, und nehme es auch an, daß sein Besitz an Wahrheit in angepaßter Form und auf das rein Geistige angewandt, noch ein zweites Mal in der europäischen Entwicklung zur Wirkung kommen werde!

Über die Dummheit

Vortrag auf Einladung des Österreichischen Werkbunds gehalten in Wien am 11. und wiederholt am 17. März 1937

Meine Damen und Herren!

Einer, so sich unterfängt, über die Dummheit zu sprechen, läuft heute Gefahr, auf mancherlei Weise zu Schaden zu kommen; es kann ihm als Anmaßung ausgelegt werden, es kann ihm sogar als Störung der zeitgenössischen Entwicklung ausgelegt werden. Ich selbst habe schon vor etlichen Jahren geschrieben: »Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.« Das ist 1931 gewesen; und niemand wird zu bezweifeln wagen, daß die Welt auch seither noch Fortschritte und Verbesserungen gesehen hat! So entsteht allmählich eine gewisse Unaufschieblichkeit der Frage: Was ist eigentlich Dummheit?

Ich möchte auch nicht außer acht lassen, daß ich als Dichter die Dummheit noch viel länger kenne, könnte ich doch sogar sagen, ich sei manches Mal in kollegialem Verhältnis zu ihr gestanden! Und sobald in der Dichtung ein Mann die Augen aufschlägt, sieht er sich überdies einem kaum beschreiblichen Widerstand gegenüber, der alle Formen annehmen zu können scheint: sei es persönliche, wie etwa die würdige eines Professors der Literaturgeschichte, der, gewohnt, auf unkontrollierbare Entfernungen zu zielen, in der Gegenwart unheilstiftend danebenschießt; sei es luftartig allgemeine, wie die der Umwandlung des kritischen Urteils durch das kaufmännische, seit Gott in seiner uns schwer begreiflichen Güte die Sprache des Menschen auch den Erzeugern von Tonfilmen verliehen hat. Ich habe früher schon ein oder das andere Mal mehr solcher Erscheinungen beschrieben; aber es ist nicht nötig, das zu wiederholen oder zu vervollständigen (und anscheinend wäre es sogar unmöglich angesichts eines Hanges zur Größe, den alles heute hat): es genügt, als sicheres Ergebnis hervorzuheben, daß sich die unkünstlerische Verfassung eines Volkes nicht erst in schlechten Zeiten und auf rüde Weise äußert, sondern auch schon in guten und auf jegliche Weise, so daß Bedrückung und Verbot nur dem Grade nach verschieden sind von Ehrendoktoraten, Akademieberufungen und Preisverteilungen.

Ich habe immer vermutet, daß dieser vielgestaltige Widerstand eines sich der Kunstliebe rühmenden Volkes gegen die Kunst und den feineren Geist nichts als Dummheit sei, vielleicht eine besondere Art davon, eine besondere Kunst- und vielleicht auch Gefühlsdummheit, jedenfalls aber so sich äußere, daß, was wir Schöngeistigkeit nennen, zugleich auch eine Schöndummheit wäre; und ich sehe auch heute nicht gerade viele Gründe, von dieser Auffassung abzugehen. Natürlich läßt sich nicht alles auf die Dummheit schieben, wovon ein so vollmenschliches Anliegen, wie es die Kunst ist, verunstaltet wird; es muß, wie besonders die Erfahrungen der letzten Jahre gelehrt haben, auch für die verschiedenen Arten der Charakterlosigkeit Platz bleiben. Aber nicht dürfte eingewendet werden, daß der Begriff der Dummheit hier nichts zu suchen habe, weil er sich auf den Verstand beziehe, und nicht auf Gefühle, die Kunst hingegen von diesen abhänge. Das wäre ein Irrtum. Selbst der ästhetische Genuß ist Urteil und Gefühl. Und ich bitte Sie um die Erlaubnis, dieser großen Formel, die ich Kant entlehnt habe, nicht nur die Erinnerung anfügen zu dürfen, daß Kant von einer ästhetischen Urteilskraft und einem Geschmacks urteil spricht, sondern auch gleich die Antinomien wiederholen zu dürfen, zu denen es führt:

Thesis: das Geschmacksurteil gründet sich nicht auf Begriffe, denn sonst ließe sich darüber disputieren (durch Beweis entscheiden).

Antithesis: Es gründet sich auf Begriffe, denn sonst ließe sich darüber nicht einmal streiten (eine Einstimmung anstreben).

Und nun möchte ich fragen, ob nicht ein ähnliches Urteil mit ähnlicher Antinomie auch der Politik zugrunde liege und dem Wirrsal des Lebens schlechthin? Und darf man nicht, wo Urteil und Vernunft zu Hause sind, auch ihre Schwestern und Schwesterchen, die verschiedenen Weisen der Dummheit, erwarten? So viel über deren Wichtigkeit. Erasmus von Rotterdam hat in seinem entzückenden und heute noch unverbrauchten Lob der Torheit geschrieben, daß ohne gewisse Dummheiten der Mensch nicht einmal auf die Welt käme!

 

Ein Gefühl von der ebenso schamverletzenden wie gewaltigen Herrschaft der Dummheit über uns legen denn auch viele Menschen an den Tag, indem sie sich freundlich und konspiratorisch überrascht zeigen, sobald sie vernehmen, einer, dem sie Vertrauen schenken, habe vor, dieses Untier beim Namen zu beschwören. Diese Erfahrung habe ich nicht nur anfangs an mir selbst machen können, sondern habe bald auch ihre historische Geltung erfahren, als mir auf der Suche nach Vorgängern in der Bearbeitung der Dummheit – von denen mir auffallend wenige bekannt geworden sind; aber die Weisen ziehen es anscheinend vor, über die Weisheit zu schreiben! – von einem gelehrten Freund der Druck eines im Jahre 1866 gehaltenen Vortrags zugeschickt worden ist, der zum Verfasser Johann Eduard Erdmann, den Hegelschüler und Hallenser Professor, gehabt hat. Dieser Vortrag, der Über Dummheit heißt, beginnt denn gleich damit, daß man schon seine Ankündigung lachend begrüßt habe; und seit ich weiß, daß das sogar einem Hegelianer widerfahren kann, bin ich überzeugt, daß es mit solchem Verhalten der Menschen zu denen, die über Dummheit sprechen wollen, eine besondere Bewandtnis hat, und befinde mich sehr unsicher in der Überzeugung, eine gewaltige und tief zwiespältige psychologische Macht herausgefordert zu haben.

Ich will darum auch lieber gleich meine Schwäche bekennen, in der ich mich ihr gegenüber befinde: ich weiß nicht, was sie ist. Ich habe keine Theorie der Dummheit entdeckt, mit deren Hilfe ich mich unterfangen könnte, die Welt zu erlösen; ja, ich habe nicht einmal innerhalb der Schranken wissenschaftlicher Zurückhaltung eine Untersuchung vorgefunden, die sie zu ihrem Gegenstande gemacht hätte, oder auch nur eine Übereinstimmung, die sich wohl oder übel bei der Behandlung verwandter Dinge in Ansehung ihres Begriffs ergeben hätte. Das mag an meiner Unkenntnis liegen, aber wahrscheinlicher ist es, daß die Frage: Was ist Dummheit? so wenig den heutigen Denkgepflogenheiten entspricht wie die Fragen, was Güte, Schönheit oder Elektrizität seien. Trotzdem zieht der Wunsch, sich diesen Begriff zu bilden und eine solche Vorfrage alles Lebens so nüchtern wie möglich zu beantworten, nicht wenig an; darum bin denn auch ich eines Tags der Frage anheimgefallen, was Dummheit wohl »wirklich« sei, und nicht, wie sie paradiere, was zu beschreiben weit eher meine Berufspflicht und -geschicklichkeit gewesen wäre. Und da ich mir weder auf dichterische Weise helfen wollte, noch es auf wissenschaftliche tun konnte, habe ich es auf das naivste versucht, wie es in solchen Fällen allemal naheliegt, indem ich einfach dem Gebrauch des Wortes dumm und seiner Familie nachging, die üblichsten Beispiele aufsuchte, und was ich gerade aufschrieb, aneinanderzubringen trachtete. Ein solches Verfahren hat leider immer etwas von einer Kohlweißlingsjagd an sich: Was man zu beobachten glaubt, verfolgt man zwar eine Weile, ohne es zu verlieren, aber da aus anderen Richtungen auf ganz gleichen Zickzackwegen auch andere, ganz ähnliche Schmetterlinge herankommen, weiß man bald nicht mehr, ob man noch hinter dem gleichen her sei. So werden also auch die Beispiele aus der Familie der Dummheit nicht immer unterscheiden lassen, ob sie noch wirklich urständlich zusammenhängen oder bloß äußerlich und unversehens die Betrachtung vom einen zum andren führen, und es wird nicht ganz einfach sein, sie unter einen Hut zu bringen, von dem sich sagen läßt, er gehöre wirklich zu einem Dummkopf.

 

Wie man beginnt, ist unter solchen Umständen aber nahezu einerlei, lassen Sie uns also irgendwie beginnen: Am besten wohl gleich bei der Anfangsschwierigkeit, daß jeder, der über Dummheit sprechen oder solchem Gespräch mit Nutzen beiwohnen will, von sich voraussetzen muß, daß er nicht dumm sei; und also zur Schau trägt, daß er sich für klug halte, obwohl es allgemein für ein Zeichen von Dummheit gilt, das zu tun! Geht man nun auf diese Frage ein, warum es als dumm gelte, zur Schau zu tragen, daß man klug sei, so drängt sich zunächst eine Antwort auf, die den Staub von Urväterhausrat an sich zu haben scheint, denn sie meint, es sei vorsichtiger, sich nicht als klug zu zeigen. Es ist wahrscheinlich, daß diese tief mißtrauische, heute aufs erste gar nicht mehr verständliche Vorsicht noch aus Verhältnissen stammt, wo es für den Schwächeren wirklich klüger war, nicht für klug zu gelten: seine Klugheit konnte dem Starken ans Leben gehn! Dummheit hingegen lullt das Mißtrauen ein; sie »entwaffnet«, wie noch heutigentags gesagt wird. Spuren solcher alten Pfiffigkeit und Dummlistigkeit finden sich denn auch wirklich noch in Abhängigkeitsverhältnissen, wo die Kräfte so ungleich verteilt sind, daß der Schwächere sein Heil darin sucht, sich dümmer zu stellen als er ist; sie zeigen sich zum Beispiel als sogenannte Bauernschlauheit, dann im Verkehr von Dienstboten mit der bildungszüngigen Herrschaft, im Verhältnis des Soldaten zum Vorgesetzten, des Schülers zum Lehrer und des Kindes zu den Eltern. Es reizt den, der die Macht hat, weniger, wenn der Schwache nicht kann, als wenn er nicht will. Dummheit bringt ihn sogar »in Verzweiflung«, also unverkennbar in einen Schwächezustand!

Damit stimmt aufs trefflichste überein, daß ihn die Klugheit leicht »in Harnisch« bringt! Wohl wird sie am Unterwürfigen geschätzt, aber nur so lange, als sie mit bedingungsloser Ergebenheit verbunden ist. In dem Augenblick, wo ihr dieses Leumundszeugnis fehlt und es unsicher wird, ob sie dem Vorteil des Herrschenden dient, wird sie seltener klug genannt als unbescheiden, frech oder tückisch; und es entsteht oft ein Verhältnis, als ginge sie dem Herrschenden mindestens wider die Ehre und Autorität, auch wenn sie ihn nicht wirklich an seiner Sicherheit bedroht. In der Erziehung drückt sich das darin aus, daß ein aufsässiger begabter Schüler mit größerer Heftigkeit behandelt wird als ein aus Dumpfheit widerstrebender. In der Moral hat es zu der Vorstellung geführt, daß ein Wille um so böser sein müsse, je besser das Wissen sei, wider das er handle. Sogar die Justiz ist von diesem persönlichen Vorurteil nicht ganz unberührt geblieben und beurteilt die kluge Ausführung eines Verbrechens meist mit besonderer Ungunst als »raffiniert« und »gefühlsroh«. Und aus der Politik mag sich jeder die Beispiele holen, wo er sie findet.

Aber auch die Dummheit – so wird hier wohl eingewandt werden müssen – vermag zu reizen und besänftigt durchaus nicht unter allen Umständen. Um es kurz zu machen, sie erregt gewöhnlich Ungeduld, sie erregt in ungewöhnlichen Fällen aber auch Grausamkeit; und die Abscheu einflößenden Ausschreitungen dieser krankhaften Grausamkeit, die landläufig als Sadismus bezeichnet werden, zeigen oft genug dumme Menschen in der Rolle des Opfers. Offenbar rührt dies davon her, daß sie den grausamen leichter als andere zur Beute fallen; aber es scheint auch damit zusammenzuhängen, daß ihre nach allen Seiten fühlbare Widerstandslosigkeit die Einbildung wild macht wie der Blutgeruch die Jagdlust und sie in eine Öde verlockt, wo die Grausamkeit beinahe bloß darum »zu weit« geht, weil sie an nichts mehr eine Grenze findet. Das ist ein Zug von Leiden am Leidenbringer selbst, eine Schwäche, die in seine Roheit eingebettet ist; und obwohl die bevorrechtete Empörung des beleidigten Mitgefühls es selten bemerken läßt, so gehören doch auch zur Grausamkeit, wie zur Liebe, zwei, die zueinander passen! Das zu erörtern, wäre nun freilich wichtig genug in einer Menschheit, die von ihrer »feigen Grausamkeit gegen Schwächere« (und so lautet doch wohl auch die gebräuchlichste Begriffsumschreibung des Sadismus) so geplagt ist wie die gegenwärtige; aber in Ansehung des verfolgten Zusammenhangs nach seiner Hauptlinie und beim flüchtigen Einsammeln der ersten Beispiele muß wohl auch das, was davon gesagt worden, schon als Abschweifung gelten, und im ganzen ist davon nicht mehr zu gewinnen, als daß es dumm sein kann, sich klug zu preisen, aber auch nicht immer klug ist, den Ruf der Dummheit zu erwecken. Es läßt sich daran nichts verallgemeinern; oder die einzige Verallgemeinerung, die schon hier zulässig wäre, müßte die sein, daß es das klügste sei, sich in dieser Welt überhaupt so wenig wie möglich bemerkbar zu machen! Und wirklich ist dieser abschließende Strich unter alle Weisheit auch nicht gar selten gezogen worden. Noch öfter aber wird von dem menschenscheuen Ergebnis bloß halber oder nur sinnbildlich-stellvertretender Gebrauch gemacht, und dann führt es die Betrachtung in den Kreis der Bescheidenheitsgebote und noch umfassenderer Gebote ein, ohne daß sie den Bereich der Dummheit und Klugheit ganz zu verlassen hätte.

Sowohl aus Angst, dumm zu erscheinen, als auch aus der, den Anstand zu verletzen, halten sich viele Menschen zwar für klug, sagen es aber nicht. Und wenn sie sich doch gezwungen fühlen, davon zu sprechen, umschreiben sie es, indem sie etwa von sich sagen: »Ich bin nicht dümmer als andere.« Noch beliebter ist es, so unbeteiligt und sachlich wie möglich die Bemerkung anzubringen: »Ich darf von mir wohl sagen, daß ich eine normale Intelligenz besitze.« Und manchmal kommt die Überzeugung von der eigenen Klugheit auch hintenherum zum Vorschein, so etwa in der Redensart: »Ich lasse mich nicht dumm machen!« Um so bemerkenswerter ist es, daß sich nicht nur der heimliche einzelne Mensch in seinen Gedanken als überaus klug und wohlausgestattet ansieht, sondern daß auch der geschichtlich wirkende Mensch von sich, sobald er die Macht dazu hat, sagt oder sagen läßt, daß er über alle Maßen klug, erleuchtet, würdig, erhaben, gnädig, von Gott auserlesen und zur Historie berufen sei. Ja, er sagt es auch von einem anderen gern, von dessen Widerspiegelung er sich bestrahlt fühlt. In Titeln und Anreden, wie Majestät, Eminenz, Exzellenz, Magnifizenz, Gnaden und ähnlichen hat sich das versteint erhalten und ist kaum noch von Bewußtsein beseelt; aber in voller Lebendigkeit zeigt es sich alsogleich wieder, wenn der Mensch heute als Masse spricht. Namentlich ein gewisser unterer Mittelstand des Geistes und der Seele ist dem Überhebungsbedürfnis gegenüber völlig schamlos, sobald er im Schutz der Partei, Nation, Sekte oder Kunstrichtung auftritt und Wir statt Ich sagen darf.

Mit einem Vorbehalt, wie er sich von selbst versteht und beiseite bleiben mag, läßt sich diese Überheblichkeit auch Eitelkeit nennen, und wirklich wird die Seele vieler Völker und Staaten heute von Gefühlen beherrscht, unter denen unleugbar die Eitelkeit einen vordersten Platz einnimmt; zwischen Dummheit und Eitelkeit besteht aber seit alters eine innige Beziehung, und vielleicht gibt sie einen Fingerzeig. Ein dummer Mensch wirkt gewöhnlich schon darum eitel, weil ihm die Klugheit fehlt, es zu verbergen; aber eigentlich bedarf es nicht erst dessen, denn die Verwandtschaft von Dummheit und Eitelkeit ist eine unmittelbare: Ein eitler Mensch erweckt den Eindruck, daß er weniger leistet, als er könnte; er gleicht einer Maschine, die ihren Dampf an einer undichten Stelle entweichen läßt. Der alte Spruch: »Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz« meint nichts als das, ebenso wie der Ausdruck, daß Eitelkeit »verblende«. Es ist wirklich die Erwartung einer Minderleistung, was wir mit dem Begriff der Eitelkeit verbinden, denn das Wort »eitel« besagt in seiner Hauptbedeutung beinahe das gleiche wie »vergeblich«. Und diese Verminderung der Leistung wird auch dort erwartet, wo in Wahrheit Leistung ist: Eitelkeit und Talent sind ja nicht selten auch miteinander verbunden; aber wir empfangen dann den Eindruck, es könnte noch mehr geleistet werden, hinderte sich der Eitle nicht selbst daran. Diese zäh anhaftende Vorstellung der Leistungsverminderung wird sich später auch als die allgemeinste Vorstellung herausstellen, die wir von Dummheit haben.

Das eitle Verhalten wird aber bekanntlich nicht darum gemieden, weil es dumm sein kann, sondern vornehmlich auch als Störung des Anstands. »Eigenlob stinkt«, sagt ein Kernwort, und es bedeutet, daß Großsprecherei, viel von sich selbst zu reden und sich zu rühmen, nicht nur als unklug, sondern auch als unanständig gilt. Wenn ich nicht irre, gehören die davon verletzten Forderungen des Anstands zu den vielgestaltigen Geboten der Zurückhaltung und des Abstandhaltens, die dazu bestimmt sind, den Eigendünkel zu schonen, wobei vorausgesetzt wird, dieser sei in einem anderen nicht geringer als in einem selbst. Solche Distanzgebote richten sich auch gegen den Gebrauch zu offener Worte, regeln Gruß und Anrede, gestatten nicht, daß man einander ohne Entschuldigung widerspreche, oder daß ein Brief mit dem Worte Ich beginne, kurz, sie fordern die Beachtung gewisser Regeln, damit man einander nur nicht »zu nahe trete«. Ihre Aufgabe ist es, den Umgang auszugleichen und zu ebnen, die Nächsten- und Eigenliebe zu erleichtern und gleichsam auch eine mittlere Temperatur des menschlichen Verkehrs zu erhalten; und solche Vorschriften finden sich in jeder Gesellschaft vor, in der primitiveren sogar noch mehr als in der hochzivilisierten, ja auch die wortlose tierische kennt sie, was sich vielen ihrer Zeremonien leicht ablesen läßt. Im Sinne dieser Distanzgebote ist es aber nicht nur untersagt, sich selbst, sondern auch andere aufdringlich zu loben. Jemand ins Gesicht zu sagen, daß er ein Genie oder ein Heiliger sei, wäre fast ebenso ungeheuerlich, wie es von sich selbst zu behaupten; und sich selbst das Gesicht zu beschmieren und die Haare zu raufen, wäre nach heutigem Gefühl nicht besser, als einen andern zu beschimpfen. Man begnügt sich mit den Bemerkungen, daß man nicht gerade dümmer oder schlechter als andere sei, wie es denn auch vorhin schon erwähnt worden ist!

Es sind offenbar die maßlosen und zuchtlosen Äußerungen, worauf in geordneten Zuständen der Bann ruht. Und so vorhin von der Eitelkeit die Rede war, darin Völker und Parteien sich heute in Ansehung ihrer Erleuchtung überheben, muß jetzt nachgeholt werden, daß die sich auslebende Mehrzahl – geradeso wie der einzelne Größenwahnsinnige in seinen Tagträumen – nicht nur die Weisheit gepachtet hat, sondern auch die Tugend und sich tapfer, edel, unbesieglich, fromm und schön vorkommt; und daß in der Welt besonders ein Hang ist, daß sich die Menschen, wo sie in großer Zahl auftreten, alles gestatten, was ihnen einzeln verboten ist. Diese Vorrechte des groß gewordenen Wir machen heute geradezu den Eindruck, daß die zunehmende Zivilisierung und Zähmung der Einzelperson durch eine im rechten Verhältnis wachsende Entzivilisierung der Nationen, Staaten und Gesinnungsbünde ausgeglichen werden soll; und offenbar tritt darin eine Affektstörung, eine Störung des affektiven Gleichgewichts in Erscheinung, die im Grunde dem Gegensatz von Ich und Wir und auch aller moralischen Bewertung vorangeht. Aber ist das – wird man wohl fragen müssen – noch Dummheit, ja hängt es mit Dummheit auch nur auf irgendeine Art noch zusammen?

Verehrte Zuhörer! Niemand zweifelt daran! Aber lassen Sie uns lieber doch noch vor der Antwort an einem Beispiel, das nicht unliebenswürdig ist, Atem holen! Wir alle, wenn auch vornehmlich wir Männer, und besonders alle bekannten Schriftsteller, kennen die Dame, die uns durchaus den Roman ihres Lebens anvertrauen möchte und deren Seele sich anscheinend immer in interessanten Umständen befunden hat, ohne daß es zu einem Erfolg gekommen wäre, den sie vielmehr erst von uns erwartet. Ist diese Dame dumm? Irgend etwas aus der Fülle der Eindrücke Kommendes pflegt uns zuzuflüstern: Sie ist es! Aber die Höflichkeit wie auch die Gerechtigkeit erfordern die Einräumung, daß sie es nicht durchaus und immer ist. Sie spricht viel von sich, und sie spricht überhaupt viel. Sie urteilt sehr bestimmt und über alles. Sie ist eitel und unbescheiden. Sie belehrt uns oft. Sie ist gewöhnlich mit ihrem Liebesleben nicht in Ordnung, und überhaupt glückt ihr das Leben nicht so recht. Aber gibt es denn nicht andere Arten von Menschen, auf die alles oder das meiste davon auch zutrifft? Viel von sich zu sprechen, ist beispielsweise auch eine Unart der Egoisten, der Unruhigen und sogar einer Art von Schwermütigen. Und alles zusammen trifft vornehmlich auf die Jugend zu; bei der es geradezu unter die Wachstumserscheinungen gehört, viel von sich zu sprechen, eitel zu sein, belehrend und mit dem Leben nicht recht in Ordnung, mit einem Wort, genau die gleichen Abweichungen von Klugheit und Anstand aufzuweisen, ohne daß sie deshalb dumm wäre oder dümmer, als es auf natürliche Weise dadurch bedingt ist, daß sie – eben noch nicht klug geworden ist!

Meine Damen und Herren! Die Urteile des täglichen Lebens und seiner Menschenkunde treffen eben wohl meistens zu, gewöhnlich aber auch noch daneben. Sie sind nicht um einer richtigen Lehre willen entstanden, sondern stellen eigentlich bloß geistige Zustimmungs- und Abwehrbewegungen dar. Auch dieses Beispiel lehrt also nur, daß etwas dumm sein kann, aber es nicht sein muß, daß die Bedeutung mit der Verbindung wechselt, in der etwas auftritt, und daß die Dummheit dicht verwoben mit anderem ist, ohne daß irgendwo der Faden hervorstünde, der das Gewebe in einem Zug auftrennen läßt. Sogar die Genialität und die Dummheit hängen unlöslich zusammen, und daß es, bei Androhung der Strafe, für dumm zu gelten, verboten ist, viel zu reden und viel von sich zu reden, wird von der Menschheit auf eigentümliche Weise umgangen: durch den Dichter. Er darf im Namen der Menschlichkeit erzählen, daß es ihm geschmeckt hat, oder daß die Sonne am Himmel steht, darf sich selbst offenbaren, Geheimnisse ausplaudern, Geständnisse machen, rücksichtslos persönliche Rechenschaft ablegen (wenigstens halten viele Dichter darauf!); und alles das sieht ganz so aus, als ob sich die Menschheit da in einer Ausnahme etwas gestattete, was sie sich sonst verböte. Sie spricht auf diese Weise unablässig von sich selbst und hat mit Hilfe des Dichters die gleichen Geschichten und Erlebnisse schon millionenmal erzählt, bloß die Umstände abwandelnd, ohne daß irgendein Fortschritt und Sinnesgewinn für sie hervorgekommen wäre: sollte sie da, im Gebrauch, den sie von ihrer Dichtung macht, und in deren Anpassung an diesen Gebrauch, nicht am Ende auch der Dummheit verdächtig sein? Ich, für meine Person, halte das keineswegs für unmöglich!

Zwischen den Anwendungsbereichen der Dummheit und der Unmoral – letzteres Wort in dem heute nicht üblichen weiteren Sinn verstanden, der beinahe das gleiche wie Ungeistigkeit, aber nicht wie Unverständigkeit, ist – besteht jedenfalls eine verwickelte Identität und Verschiedenheit. Und dieses Zusammengehören ist ohne Zweifel ähnlich, wie es Johann Eduard Erdmann an einer bedeutenden Stelle seines vorhin erwähnten Vortrags mit den Worten ausgedrückt hat, daß die Roheit »die Praxis der Dummheit« sei. Er sagte: »Worte sind ... nicht die einzige Erscheinung eines Geisteszustandes. Derselbe offenbart sich auch in Handlungen. So auch die Dummheit. Das Dumm- nicht nur sein, sondern handeln, das Dummheiten begehen« – also die Praxis der Dummheit – »oder die Dummheit in Action, nennen wir Roheit.« Diese gewinnende Behauptung lehrt nun nicht weniger, als daß Dummheit ein Gefühlsfehler sei – denn Roheit ist doch einer! Und das führt geradeswegs in die Richtung jener »Affektstörung« und »Störung des affektiven Gleichgewichts« zurück, die andeutungsweise schon erwähnt werden konnte, ohne daß sie eine Erklärung gefunden hätte. Auch die in Erdmanns Worten liegende Erklärung kann mit der Wahrheit nicht ganz übereinstimmen, denn abgesehen davon, daß sie bloß auf den rohen, ungeschliffenen einzelnen Menschen im Gegensatz zur »Bildung« gezielt hat und keineswegs alle Anwendungsformen der Dummheit umfaßt, ist doch auch die Roheit nicht bloß eine Dummheit, und die Dummheit nicht bloß eine Roheit, und es bleibt darum an dem Verhältnis von Affekt und Intelligenz, wenn sie sich zur »angewandten Dummheit« vereinen, noch manches zu erklären, das erst, und am besten wohl wieder an Beispielen, hervorgekehrt werden muß.

 

Sollen dabei die Umrisse des Begriffes der Dummheit richtig hervortreten, ist es vor allem anderen nötig, das Urteil zu lockern, daß die Dummheit bloß oder vornehmlich ein Mangel an Verstand sei; wie denn auch schon erwähnt worden ist, daß die allgemeinste Vorstellung, die wir von ihr haben, die des Versagens bei den verschiedensten Tätigkeiten, die des körperlichen und geistigen Mangels schlechthin zu sein scheint. Es gibt dafür in unseren heimischen Mundarten ein ausdrucksvolles Beispiel, die Bezeichnung der Schwerhörigkeit, also eines körperlichen Fehlers, mit dem Worte »derisch« oder »terisch«, das wohl »törisch« heißt und damit der Dummheit nahesteht. Denn genau so wie da wird der Vorwurf der Dummheit volksmäßig auch sonst gebraucht. Wenn ein Wettkämpfer im entscheidenden Augenblick nachläßt oder einen Fehler begeht, sagt er nachher: »Ich bin wie vernagelt gewesen!« oder: »Ich weiß nicht, wo ich meinen Kopf gehabt hab'!«, obgleich der Anteil des Kopfes am Schwimmen oder Boxen immerhin als unscharf begrenzt gelten darf. Ebenso wird unter Knaben und Sportbrüdern einer, der sich ungeschickt anstellt, dumm heißen, auch wenn er ein Hölderlin ist. Auch gibt es geschäftliche Verhältnisse, unter denen ein Mensch, der nicht listig und gewissenlos ist, als dumm gilt. Alles in allem sind das die Dummheiten zu älteren Klugheiten als der, die heute öffentlich in Ehren steht; und wenn ich gut unterrichtet bin, sind in der altgermanischen Zeit nicht nur die moralischen Vorstellungen, sondern auch die Begriffe von dem, was kundig, erfahren, weise ist, also die intellektuellen Begriffe in Beziehung zu Krieg und Kampf gestanden. So hat jede Klugheit ihre Dummheit, und sogar die Tierpsychologie hat in ihren Intelligenzprüfungen herausgefunden, daß sich jedem »Typus von Leistung« ein »Typus von Dummheit« zuordnen lasse.

Wollte man darum einen allgemeinsten Begriff der Klugheit suchen, so ergäbe sich aus diesen Vergleichen etwa der Begriff der Tüchtigkeit, und alles, was untüchtig ist, könnte dann gelegentlich auch dumm heißen; in Wirklichkeit ist es auch dann so, wenn die zu einer Dummheit gehörende Tüchtigkeit nicht wörtlich als Klugheit angesprochen wird. Welche Tüchtigkeit dabei im Vordergrund steht und zu einer Zeit den Begriff der Klugheit und Dummheit mit ihrem Inhalt erfüllt, hängt von der Form des Lebens ab. In Zeiten persönlicher Unsicherheit werden sich List, Gewalt, Sinnesschärfe und körperliche Geschicklichkeit im Begriff der Klugheit ausprägen, in Zeiten vergeistigter – mit den leider nötigen Einschränkungen läßt sich auch sagen: – bürgerlicher Lebensgesinnung tritt die Kopfarbeit an ihre Stelle. Richtiger gesagt, es sollte das die höhere Geistesarbeit tun, aber im Gang der Dinge ist daraus das Übergewicht der Verstandesleistung geworden, das der geschäftigen Menschheit in das leere Gesicht unter der harten Stirn geschrieben steht; und so ist es gekommen, daß heute Klugheit und Dummheit, als könnte es gar nicht anders sein, bloß auf den Verstand und die Grade seiner Tüchtigkeit bezogen werden, obwohl das mehr oder minder einseitig ist.

Die mit dem Worte dumm von Ursprung verbundene allgemeine Vorstellung der Untüchtigkeit – sowohl in der Bedeutung der Untüchtigkeit zu allem als auch in der Bedeutung jeder beliebigen Untüchtigkeit – hat denn auch eine recht eindrückliche Folge, nämlich die, daß »dumm« und »Dummheit«, weil sie die generelle Unfähigkeit bedeuten, gelegentlich für jedes Wort einspringen können, das eine besondere bezeichnen soll. Das ist einer der Gründe, warum der gegenseitige Vorwurf der Dummheit heute so ungeheuerlich verbreitet ist. (In andrem Zusammenhang auch die Ursache davon, daß sich der Begriff so schwer abgrenzen läßt, wie unsere Beispiele gezeigt haben.) Man sehe sich die Bemerkungen an, die sich an den Rändern anspruchsvollerer Romane vorfinden, die längere Zeit im fast anonymen Leihbüchereiverkehr gestanden sind; hier, wo der Leser mit dem Dichter allein ist, drückt sich sein Urteil mit Vorliebe in dem Worte »dumm!« aus oder in dessen Äquivalenten, wie »blöd!«, »Unsinn!«, unaussprechliche »Dummheit!« und ähnlichem. Und ebenso sind das die ersten Worte der Empörung, wenn der Mensch in Theateraufführungen oder Bilderausstellungen gegen den Künstler in Masse auftritt und Anstoß nimmt. Auch des Wortes »Kitsch« wäre hier zu gedenken, das als erstes Urteil unter Künstlern selbst so beliebt ist wie kein anderes; ohne daß sich aber, wenigstens meines Wissens nicht, sein Begriff bestimmen und seine Verwendbarkeit erklären ließe, es sei denn durch das Zeitwort »verkitschen«, das in mundartlichem Gebrauch soviel besagt wie »unter dem Preis abgeben« oder »verschleudern«. »Kitsch« hat also die Bedeutung von zu billiger oder Schleuderware und ich glaube wohl, daß sich dieser Sinn, natürlich ins Geistige übertragen, jedesmal unterlegen läßt, wo das Wort unbewußt richtig gebraucht wird.

Da Schleuderware, Kram hauptsächlich nach der mit ihnen verbundenen Bedeutung von untüchtiger, untauglicher Ware in das Wort eingehen, die Untüchtigkeit und Untauglichkeit aber auch die Grundlage für den Gebrauch des Wortes dumm bildet, ist es kaum eine Übertreibung zu behaupten, daß wir geneigt sind, alles, was uns nicht recht ist – zumal wenn wir es, abgesehen davon, als hoch- oder schöngeistig zu achten vorgeben! – als »irgendwie dumm« anzusprechen. Und zur Bestimmung dieses »Irgendwie« ist es bedeutsam, daß der Gebrauch der Dummheitsausdrücke innig durchdrungen wird von einem zweiten, der die ebenso unvollkommenen Ausdrücke für das Gemeine und sittlich Widerwärtige umfaßt, was den Blick zu etwas zurückleitet, das ihm schon einmal aufgefallen ist, zu der Schicksalsgemeinschaft der Begriffe »dumm« und »unanständig«. Denn nicht nur »Kitsch«, der ästhetische Ausdruck intellektueller Herkunft, sondern auch die moralischen Worte »Dreck!«, »widerlich!«, »scheußlich!«, »krankhaft!«, »frech!« sind kernhaft-unentwickelte Kunstkritiken und Urteile über das Leben. Vielleicht enthalten diese Ausdrücke aber noch eine geistige Anstrengung, einen Unterschied an Bedeutung, auch wenn sie unterschiedslos benutzt werden; dann springt als letztes für sie der wirklich schon halb sprachlose Ausruf »Solch eine Gemeinheit!« ein, der alles andere ersetzt und sich mit dem Ausruf »Solch eine Dummheit!« in die Herrschaft der Welt zu teilen vermag. Denn offenbar ist es so, daß diese beiden Worte gelegentlich für alle anderen einspringen können, weil »dumm« die Bedeutung der generellen Untüchtigkeit und »gemein« die der generellen Sittenverletzung angenommen hat; und belauscht man, was Menschen heute übereinander sagen, so scheint es, daß das Selbstporträt der Menschheit, wie es unbeaufsichtigt aus gegenseitigen Gruppenaufnahmen entsteht, durchaus nur aus den Abwandlungen dieser beiden mißfarbenen Worte gemischt ist!

Vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken. Sonder Zweifel stellen sie beide die unterste Stufe eines nicht zur Ausbildung gelangenden Urteils, eine noch völlig ungegliederte Kritik dar, die wohl fühlt, etwas sei falsch, aber nicht anzugeben vermag, was. Der Gebrauch dieser Worte ist der schlichteste und der schlechteste abwehrende Ausdruck, der sich finden läßt, er ist der Anfang einer Erwiderung und schon auch ihr Ende. Das hat etwas von einem »Kurzschluß« an sich und wird besser verständlich, wenn berücksichtigt wird, daß Dumm und Gemein, was immer sie bedeuten mögen, auch als Schimpfworte benutzt werden. Denn die Bedeutung von Schimpfworten liegt bekanntlich nicht so sehr an ihrem Inhalt als an ihrem Gebrauch; und viele unter uns mögen die Esel lieben, werden aber beleidigt sein, wenn man sie einen nennt. Das Schimpfwort vertritt nicht, was es vorstellt, sondern ein Gemisch von Vorstellungen, Gefühlen und Absichten, das es nicht im mindesten auszudrücken, sondern nur zu signalisieren vermag. Nebenbei bemerkt, ist ihm das mit den Mode- und Fremdworten gemeinsam, weshalb solche unentbehrlich erscheinen, auch wenn sie sich vollkommen ersetzen ließen. Aus diesem Grunde ist an Schimpfworten auch etwas unvorstellbar Aufregendes, das wohl mit ihrer Absicht übereinstimmt, aber nicht mit ihrem Inhalt; und am deutlichsten zeigt sich das vielleicht an den Hänsel- und Neckworten der Jugend: ein Kind kann »Busch!« oder »Moritz!« sagen und damit ein anderes auf Grund geheimer Beziehungen in Raserei versetzen.

Was sich so von den Schimpf-, Neck-, Mode- und Fremdworten sagen läßt, läßt sich aber auch von den Witz-, Schlag- und Liebesworten sagen; und das Gemeinsame aller dieser, sonst so ungleichartigen, Worte ist es, daß sie im Dienst eines Affekts stehn und daß es gerade ihre Ungenauigkeit und ihre Unsachlichkeit sind, was sie im Gebrauch befähigt, ganze Bereiche besser zutreffender, sachlicher und richtiger Worte zu verdrängen. Offenbar besteht im Leben manchmal ein Bedürfnis darnach, und sein Wert soll ihm gelassen werden; aber dumm, sozusagen die gleichen Wege wandelnd wie die Dummheit, ist es ohne Zweifel, was in solchen Fällen geschieht; dieser Zusammenhang läßt sich am deutlichsten an einem Haupt- und Staatsbeispiel der Kopflosigkeit, an der Panik studieren. Wenn etwas auf einen Menschen einwirkt, das zu stark für ihn ist, sei es ein jäher Schreck oder ein anhaltender seelischer Druck, so kommt es vor, daß dieser Mensch plötzlich »etwas Kopfloses« tut. Er kann zu brüllen beginnen, im Grunde nicht anders, als es ein Kind macht, kann »blindlings« vor einer Gefahr davonlaufen oder sich ebenso blindlings in die Gefahr stürzen, eine berstende Neigung zum Zerstören, zum Schimpfen oder zum Jammern kann ihn erfassen. Alles in allem wird er an Stelle einer zweckmäßigen Handlung, die von seiner Lage gefordert würde, eine Fülle anderer hervorbringen, die scheinbar immer, allzu oft aber auch wirklich zwecklos, ja zweckwidrig sind. Man kennt diese Art des Widerspiels am besten durch den »panischen Schreck«; aber wenn das Wort nicht zu eng verstanden wird, läßt sich auch von Paniken der Wut, der Gier und sogar der Zärtlichkeit sprechen, wie denn auch überall dort, wo sich ein Aufregungszustand auf eine ebenso lebhafte wie blinde und sinnlose Weise nicht genugtun kann. Daß es eine Panik der Tapferkeit gebe, die sich von der der Angst bloß durch die umgekehrte Wirkungsrichtung unterscheide, ist von einem ebenso geistvollen wie tapferen Manne bereits längst bemerkt worden.

Psychologisch wird das, was sich beim Eintreten einer Panik abspielt, als ein Aussetzen der Intelligenz, und überhaupt der höheren geistigen Artung, angesehen, an deren Stelle älteres seelisches Getriebe zum Vorschein kommt; aber es darf wohl hinzugefügt werden, daß mit der Lähmung und Abschnürung des Verstandes in solchen Fällen nicht sowohl ein Hinabsinken zum instinktiven Handeln vor sich geht als vielmehr eines, das durch diesen Bereich hindurch bis zu einem Instinkt der letzten Not und einer letzten Notform des Handelns führt. Diese Handlungsweise hat die Form völliger Verwirrung, sie ist planlos und scheinbar von der Vernunft wie von jedem rettenden Instinkt verlassen; aber ihr unbewußter Plan ist der, die Qualität der Handlungen durch deren Zahl zu ersetzen, und ihre nicht geringe List beruht auf der Wahrscheinlichkeit, daß sich unter hundert blinden Versuchen, die Nieten sind, auch ein Treffer findet. Ein Mensch in seiner Kopflosigkeit, ein Insekt, das so lange gegen die geschlossene Fensterhälfte stößt, bis es durch Zufall bei der geöffneten ins Freie »stürzt«, sie tun in Verwirrung nichts anderes, als es mit berechnender Überlegung die Kriegstechnik tut, wenn sie ein Ziel mit einer Feuergarbe oder mit Streufeuer »eindeckt«, ja schon wenn sie ein Schrapnell oder eine Granate anwendet.

Mit anderen Worten heißt das, ein gezieltes Handeln durch ein voluminöses vertreten zu lassen, und nichts ist so menschlich, wie die Beschaffenheit von Worten oder Handlungen durch deren Menge zu ersetzen. Nun ist an dem Gebrauch undeutlicher Worte aber etwas sehr dem Gebrauch vieler Worte Ähnliches, denn je undeutlicher ein Wort ist, um so größer ist der Umfang dessen, worauf es bezogen werden kann; und von der Unsachlichkeit gilt das gleiche. Sind diese dumm, so ist Dummheit durch sie mit dem Zustand der Panik verwandt, und auch der übermäßige Gebrauch dieses Vorwurfs und seinesgleichen wird einem seelischen Rettungsversuch mit archaisch-primitiven – und, wie wohl mit Recht gesagt werden kann, krankhaften – Methoden nicht allzu fernstehen. Und wirklich läßt sich an dem rechten Gebrauch des Vorwurfs, etwas sei wahrhaftig eine Dummheit oder eine Gemeinheit, nicht nur ein Aussetzen der Intelligenz erkennen, sondern auch die blinde Neigung zum sinnlosen Zerstören oder Flüchten. Diese Worte sind nicht nur Schimpfworte, sondern sie vertreten einen ganzen Schimpfanfall. Wo etwas bloß noch durch sie ausgedrückt werden kann, ist die Tätlichkeit nahe. Auf früher erwähnte Beispiele zurückzukommen, Bilder werden in solchen Fällen mit Regenschirmen angegriffen (noch dazu an Stelle dessen, der sie gemalt hat), Bücher werden, als ließen sie sich so entgiften, zur Erde geschleudert. Aber auch der entmächtigende Druck ist vorhanden, der dem vorangeht und von dem es befreien soll: man »erstickt fast« an seinem Ärger; »kein Wort genügt«, außer eben den allgemeinsten und sinnärmsten; es bleibt einem »die Sprache weg«, man muß sich »Luft schaffen«. Das ist der Grad der Sprachlosigkeit, ja Gedankenlosigkeit, der dem Zerbersten vorangeht! Er bedeutet einen schweren Zustand der Unzulänglichkeit, und schließlich wird der Ausbruch dann gewöhnlich mit den tief durchsichtigen Worten eingeleitet, daß einem »endlich etwas zu dumm geworden« sei. Dieses Etwas aber ist man selbst. In Zeiten, wo große, zupackende Tatkraft sehr geschätzt wird, ist es notwendig, sich auch an das zu erinnern, was ihr manchmal zum Verwechseln ähnlich sieht.

 

Meine Damen und Herren! Man spricht heute vielfach von einer Vertrauenskrise der Humanität, einer Krisis des Vertrauens, das bis jetzt noch in die Menschlichkeit gesetzt wird; sie ließe sich auch eine Panik nennen, die im Begriffe ist, an die Stelle der Sicherheit zu treten, daß wir imstande seien, unsere Angelegenheiten in Freiheit und mit Vernunft zu führen. Und wir dürfen uns nicht darin täuschen, daß diese beiden sittlichen, und auch sittlich-künstlerischen Begriffe, Freiheit und Vernunft, die als Wahrzeichen der Menschenwürde aus dem klassischen Zeitalter der deutschen Weltbürgerlichkeit auf uns gekommen sind, schon seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts oder einem wenigen später nicht mehr so ganz bei Gesundheit gewesen sind. Sie sind allmählich »außer Kurs« gekommen, man hat nichts mehr mit ihnen »anzufangen« gewußt, und daß man sie einschrumpfen ließ, ist weniger der Erfolg ihrer Gegner als der ihrer Freunde gewesen. Wir dürfen uns also auch nicht darin täuschen, daß wir, oder die nach uns, wohl nicht zu diesen unveränderten Vorstellungen zurückkehren werden; unsere Aufgabe, und der Sinn der dem Geist auferlegten Prüfungen, wird es vielmehr sein – und das ist die so selten begriffene schmerzlich-hoffnungsvolle Aufgabe eines jeden Zeitgeschlechts – den immer nötigen, ja sehr erwünschten Übergang zum Neuen mit möglichst geringen Verlusten zu vollziehen! Und um so mehr, als man den Übergang auf bewahrend-veränderte Ideen, der zur rechten Zeit stattfinden muß, verabsäumt hat, bedarf man bei solchem Tun helfender Vorstellungen von dem, was wahr, vernünftig, bedeutend, klug, und also in verkehrter Spiegelung auch von dem, was dumm ist. Welcher Begriff oder Teilbegriff der Dummheit läßt sich aber bilden, wenn der des Verstandes und der Weisheit wankt? Wie sehr sich die Anschauungen mit den Zeiten ändern, dafür möchte ich als ein kleines Beispiel bloß anführen, daß in einem ehedem sehr bekannten psychiatrischen Lehrbuch die Frage: »Was ist Gerechtigkeit?« und die Antwort darauf: »Daß der andere bestraft wird!« als ein Fall von Imbezillität angeführt werden, wogegen sie heute die Grundlage einer viel erörterten Rechtsauffassung bilden. Ich fürchte also, daß sich selbst die bescheidensten Ausführungen nicht werden abschließen lassen, ohne auf einen von zeitlichen Wandlungen unabhängigen Kern wenigstens hinzudeuten. So ergeben sich noch einige Fragen und Bemerkungen.

Ich habe kein Recht, als Psychologe aufzutreten, und will es auch nicht tun, aber wenigstens einen flüchtigen Blick in diese Wissenschaft zu werfen, ist wohl das erste, wovon man sich in unserem Fall Hilfe erhoffen wird. Die ältere Psychologie hat zwischen Empfindung, Wille, Gefühl und Vorstellungsvermögen oder Intelligenz unterschieden, und für sie ist es klar gewesen, daß Dummheit ein geringer Grad von Intelligenz sei. Die heutige Psychologie hat die elementare Unterscheidung der Seelenvermögen aber ihrer Wichtigkeit entkleidet, hat die gegenseitige Abhängigkeit und Durchdringung der verschiedenen Leistungen der Seele erkannt und – hat damit die Antwort auf die Frage, was Dummheit psychologisch bedeute, viel weniger einfach gemacht. Es gibt natürlich eine bedingte Selbständigkeit der Verstandesleistung auch nach heutiger Auffassung, doch sind dabei selbst in den ruhigsten Verhältnissen Aufmerksamkeit, Auffassung, Gedächtnis und anderes, ja beinahe alles, was dem Verstand angehört, wahrscheinlich auch von den Eigenschaften des Gemüts abhängig; wozu dann überdies noch im bewegten Erleben ebenso wie im durchgeistigten eine zweite Durchdringung von Intelligenz und Affekt kommt, die schier unlöslich ist. Und diese Schwierigkeit, Verstand und Gefühl im Begriff der Intelligenz auseinanderzuhalten, spiegelt sich natürlich auch im Begriff der Dummheit wider; und wenn zum Beispiel von der medizinischen Psychologie das Denken geistesschwacher Menschen mit Worten beschrieben wird wie: arm, ungenau, unfähig der Abstraktion, unklar, langsam, ablenkbar, oberflächlich, einseitig, steif, umständlich, überbeweglich, zerfahren, so läßt sich ohneweiters erkennen, daß diese Eigenschaften teils auf den Verstand, teils auf das Gefühl hinweisen. Man darf also wohl sagen: Dummheit und Klugheit hängen sowohl vom Verstand als auch vom Gefühl ab; und ob das eine oder das andere mehr, ob zum Beispiel bei der Imbezillität die Schwäche der Intelligenz »im Vordergrund steht« oder bei manchem angesehenen moralischen Rigoristen die Lahmheit des Gefühls, das mag den Fachleuten überlassen bleiben, indes wir Laien uns auf etwas freiere Weise behelfen müssen.

Im Leben versteht man unter einem dummen Menschen gewöhnlich einen, der »ein bißchen schwach im Kopf« ist. Außerdem gibt es aber auch die verschiedenartigsten geistigen und seelischen Abweichungen, von denen selbst eine unbeschädigt eingeborene Intelligenz so behindert und durchkreuzt und irregeführt werden kann, daß es im ganzen auf etwas hinausläuft, wofür dann die Sprache wieder nur das Wort Dummheit zur Verfügung hat. Dieses Wort umfaßt also zwei im Grunde sehr verschiedene Arten: eine ehrliche und schlichte Dummheit und eine andere, die, ein wenig paradox, sogar ein Zeichen von Intelligenz ist. Die erstere beruht eher auf einem schwachen Verstand, die letztere eher auf einem Verstand, der bloß im Verhältnis zu irgend etwas zu schwach ist, und diese ist die weitaus gefährlichere.

Die ehrliche Dummheit ist ein wenig schwer von Begriff und hat, was man eine »lange Leitung« nennt. Sie ist arm an Vorstellungen und Worten und ungeschickt in ihrer Anwendung. Sie bevorzugt das Gewöhnliche, weil es sich ihr durch seine öftere Wiederholung fest einprägt, und wenn sie einmal etwas aufgefaßt hat, ist sie nicht geneigt, es sich so rasch wieder nehmen zu lassen, es analysieren zu lassen oder selbst daran zu deuteln. Sie hat überhaupt nicht wenig von den roten Wangen des Lebens! Zwar ist sie oft unbestimmt in ihrem Denken, und die Gedanken stehen ihr vor neuen Erfahrungen leicht ganz still, aber dafür hält sie sich auch mit Vorliebe an das sinnlich Erfahrbare, das sie gleichsam an den Fingern abzählen kann. Mit einem Wort, sie ist die liebe »helle Dummheit«, und wenn sie nicht manchmal auch so leichtgläubig, unklar und zugleich so unbelehrbar wäre, daß es einen zur Verzweiflung bringen kann, so wäre sie eine überaus anmutige Erscheinung.

Ich mag mir nicht versagen, diese Erscheinung noch mit einigen Beispielen auszuzieren, die sie auch von anderen Seiten zeigen und die ich Bleulers Lehrbuch der Psychiatrie entnommen habe: Ein Imbeziller drückt, was wir mit der Formel »Arzt am Krankenbett« abtäten, mit den Worten aus: »Ein Mann, der hält dem andern die Hand, der liegt im Bett, dann steht da eine Nonne.« Es ist die Ausdrucksweise eines malenden Primitiven! Eine nicht ganz klare Magd betrachtet es als schlechten Scherz, wenn man ihr zumutet, sie solle ihr Erspartes der Kasse übergeben, wo es Zinsen trage: So dumm werde niemand sein, ihr noch etwas dafür zu bezahlen, daß er ihr das Geld aufbewahre! gibt sie zur Antwort; und es drückt sich darin eine ritterliche Gesinnung aus, ein Verhältnis zum Geld, das man vereinzelt noch in meiner Jugend an vornehmen alten Leuten hat wahrnehmen können! Einem dritten Imbezillen endlich wird es symptomatisch aufgeschwärzt, daß er behauptet, ein Zweimarkstück sei weniger wert als ein Markstück und zwei halbe, denn ? so lautet seine Begründung: man müsse es wechseln, und dann bekäme man zuwenig heraus! Ich hoffe, nicht der einzige Imbezille in diesem Saal zu sein, der dieser Werttheorie für Menschen, die beim Wechseln nicht aufpassen können, herzlich zustimmt!

Um aber nochmals auf das Verhältnis zur Kunst zurückzukehren, die schlichte Dummheit ist wirklich oft eine Künstlerin. Statt auf ein Reizwort mit einem andern Wort zu erwidern, wie es in manchen Experimenten einstens sehr üblich war, gibt sie gleich ganze Sätze zur Antwort, und man mag sagen, was man will, diese Sätze haben etwas wie Poesie in sich! Ich wiederhole, indem ich zuerst das Reizwort nenne, einige von solchen Antworten:

»Anzünden: Der Bäcker zündet das Holz an.

Winter: Besteht aus Schnee.

Vater: Der hat mich einmal die Treppe hinuntergeworfen.

Hochzeit: Dient zur Unterhaltung.

Garten: In dem Garten ist immer schön Wetter.

Religion: Wenn man in die Kirche geht.

Wer war Wilhelm Tell: Man hat ihn im Wald gespielt; es waren verkleidete Frauen und Kinder dabei

Wer war Petrus: Er hat dreimal gekräht.«

Die Naivität und große Körperlichkeit solcher Antworten, der Ersatz höherer Vorstellungen durch das Erzählen einer einfachen Geschichte, das wichtige Erzählen von Überflüssigem, von Umständen und Beiwerk, dann wieder das abkürzende Verdichten wie in dem Petrus-Beispiel, das sind uralte Praktiken der Dichtung; und wenn ich auch glaube, daß ein Zuviel davon, wie es recht in Schwang ist, den Dichter dem Idioten annähert, so ist doch auch das Dichterische in diesem nicht zu verkennen, und es fällt ein Licht darauf, daß der Idiot in der Dichtung mit einer eigentümlichen Freude an seinem Geist dargestellt werden kann.

Zu dieser ehrlichen Dummheit steht nun die anspruchsvolle höhere in einem wahrhaft nur zu oft schreienden Gegensatz. Sie ist nicht sowohl ein Mangel an Intelligenz als vielmehr deren Versagen aus dem Grunde, daß sie sich Leistungen anmaßt, die ihr nicht zustehen; und sie kann alle schlechten Eigenschaften des schwachen Verstandes an sich haben, hat aber außerdem auch noch alle die an sich, die ein nicht im Gleichgewicht befindliches, verwachsenes, ungleich bewegliches, kurz, ein jedes Gemüt verursacht, das von der Gesundheit abweicht. Weil es keine »genormten Gemüter« gibt, drückt sich, richtiger gesagt, in dieser Abweichung ein ungenügendes Zusammenspiel zwischen den Einseitigkeiten des Gefühls und einem Verstand aus, der zu ihrer Zügelung nicht hinreicht. Diese höhere Dummheit ist die eigentliche Bildungskrankheit (aber um einem Mißverständnis entgegenzutreten: sie bedeutet Unbildung, Fehlbildung, falsch zustande gekommene Bildung, Mißverhältnis zwischen Stoff und Kraft der Bildung), und sie zu beschreiben, ist beinahe eine unendliche Aufgabe. Sie reicht bis in die höchste Geistigkeit; denn ist die echte Dummheit eine stille Künstlerin, so die intelligente das, was an der Bewegtheit des Geisteslebens, vornehmlich aber an seiner Unbeständigkeit und Ergebnislosigkeit mitwirkt. Schon vor Jahren habe ich von ihr geschrieben: »Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.« Die damit angesprochene Dummheit ist keine Geisteskrankheit, und doch ist sie die lebensgefährlichste, die dem Leben selbst gefährliche Krankheit des Geistes.

Wir sollten sie gewiß jeder schon in uns verfolgen, und nicht erst an ihren großen geschichtlichen Ausbrüchen erkennen. Aber woran sie erkennen? Und welches unverkennbare Brandmal ihr aufdrücken?! Die Psychiatrie benutzt heute als Hauptkennzeichen für die Fälle, die sie angehen, die Unfähigkeit, sich im Leben zurechtzufinden, das Versagen vor allen Aufgaben, die es stellt, oder auch plötzlich vor einer, wo es nicht zu erwarten wäre. Auch in der experimentellen Psychologie, die es vornehmlich mit dem Gesunden zu tun hat, wird die Dummheit ähnlich definiert. »Dumm nennen wir ein Verhalten, das eine Leistung, für die alle Bedingungen bis auf die persönlichen gegeben sind, nicht vollbringt«, schreibt ein bekannter Vertreter einer der neuesten Schulen dieser Wissenschaft. Dieses Kennzeichen der Fähigkeit sachlichen Verhaltens, der Tüchtigkeit also, läßt für die eindeutigen »Fälle« der Klinik oder der Affenversuchsstation nichts zu wünschen übrig, aber die frei herumlaufenden »Fälle« machen einige Zusätze nötig, weil das richtige oder falsche »Vollbringen der Leistung« bei ihnen nicht immer so einleuchtend ist. Erstens liegt doch in der Fähigkeit, sich allezeit so zu verhalten, wie es ein lebenstüchtiger Mensch unter gegebenen Umständen tut, schon die ganze höhere Zweideutigkeit der Klugheit und Dummheit, denn das »sachgemäße«, »sachkundige« Verhalten kann die Sache zum persönlichen Vorteil benutzen oder ihr dienen, und wer das eine tut, pflegt den, der das andre tut, für dumm zu halten. (Aber medizinisch dumm ist eigentlich nur, wer weder das eine noch das andere kann.) Und zweitens läßt sich auch nicht leugnen, daß ein unsachliches Verhalten, ja sogar ein unzweckmäßiges, oft notwendig sein kann, denn Objektivität und Unpersönlichkeit, Subjektivität und Unsachlichkeit haben Verwandtschaft miteinander, und so lächerlich die unbeschwerte Subjektivität ist, so lebens-, ja denkunmöglich ist natürlich ein völliges objektives Verhalten; beides auszugleichen, ist sogar eine der Hauptschwierigkeiten unserer Kultur. Und schließlich wäre auch noch einzuwenden, daß sich gelegentlich keiner so klug verhält, wie es nötig wäre, daß jeder von uns also, wenn schon nicht immer, so doch von Zeit zu Zeit dumm ist. Es ist darum auch zu unterscheiden zwischen Versagen und Unfähigkeit, gelegentlicher oder funktioneller und beständiger oder konstitutioneller Dummheit, zwischen Irrtum und Unverstand. Es gehört das zum wichtigsten, weil die Bedingungen des Lebens heute so sind, so unübersichtlich, so schwer, so verwirrt, daß aus den gelegentlichen Dummheiten der einzelnen leicht eine konstitutionelle der Allgemeinheit werden kann. Das führt die Beobachtung also schließlich auch aus dem Bereich persönlicher Eigenschaften hinaus zu der Vorstellung einer mit geistigen Fehlern behafteten Gesellschaft. Man kann zwar, was psychologisch-real im Individuum vor sich geht, nicht auf Sozietäten übertragen, also auch nicht Geisteskrankheiten und Dummheit, aber man dürfte heute wohl vielfach von einer »sozialen Imitation geistiger Defekte« sprechen können; die Beispiele dafür sind recht aufdringlich.

 

Mit diesen Zusätzen ist der Bereich der psychologischen Erklärung natürlich wieder überschritten worden. Sie selbst lehrt uns, daß ein kluges Denken bestimmte Eigenschaften hat, wie Klarheit, Genauigkeit, Reichtum, Löslichkeit trotz Festigkeit und viele andere, die sich aufzählen ließen; und daß diese Eigenschaften zum Teil angeboren sind, zum Teil neben den Kenntnissen, die man sich aneignet, auch als eine Art Denkgeschicklichkeit erworben werden; bedeuten doch ein guter Verstand und ein geschickter Kopf so ziemlich das gleiche. Hierbei ist nichts zu überwinden als Trägheit und Anlage, das läßt sich auch schulen, und das komische Wort »Denksport« drückt nicht einmal so übel aus, worauf es ankommt.

Die »intelligente« Dummheit hat dagegen nicht sowohl den Verstand als vielmehr den Geist zum Widerpart, und wenn man sich darunter nicht bloß ein Häuflein Gefühle vorstellen will, auch das Gemüt. Weil sich Gedanken und Gefühle gemeinsam bewegen, aber auch weil sich in ihnen der gleiche Mensch ausdrückt, lassen sich Begriffe wie Enge, Weite, Beweglichkeit, Schlichtheit, Treue auf das Denken wie auf das Fühlen anwenden; und mag der daraus entstehende Zusammenhang selbst noch nicht ganz klar sein, so genügt es doch, um sagen zu können, daß zum Gemüt auch Verstand gehört und daß unsere Gefühle nicht außer Verbindung mit Klugheit und Dummheit sind. Gegen diese Dummheit ist durch Vorbild und Kritik zu wirken.

Die damit vorgetragene Auffassung weicht von der üblichen Meinung ab, die durchaus nicht falsch, wohl aber äußerst einseitig ist und nach der ein tiefes, echtes Gemüt des Verstandes nicht brauchte, ja durch ihn bloß verunreinigt würde. Die Wahrheit ist, daß an schlichten Menschen gewisse wertvolle Eigenschaften, wie Treue, Beständigkeit, Reinheit des Fühlens und ähnliche ungemischt hervortreten, aber das doch eigentlich nur tun, weil der Wettbewerb der anderen schwach ist; und ein Grenzfall davon ist uns vorhin im Bilde des freundlich zusagenden Schwachsinns zu Gesicht gekommen. Nichts liegt mir ferner, als das gute, rechtschaffene Gemüt mit diesen Ausführungen erniedrigen zu wollen – sein Fehlen hat sogar geziemlichen Anteil an der höheren Dummheit! – aber noch wichtiger ist es heute, ihm den Begriff des Bedeutenden voranzusetzen, was ich freilich nur noch gänzlich utopischerweise erwähne.

Das Bedeutende vereint die Wahrheit, die wir an ihm wahrnehmen können, mit den Eigenschaften des Gefühls, die unser Vertrauen haben, zu etwas Neuem, zu einer Einsicht, aber auch zu einem Entschluß, zu einem erfrischten Beharren, zu irgend etwas, das geistigen und seelischen Gehalt hat und uns oder anderen ein Verhalten »zumutet«; so ließe sich sagen, und was im Zusammenhang mit der Dummheit das wichtigste ist, das Bedeutende ist an der Verstandes- wie an der Gefühlsseite der Kritik zugänglich. Das Bedeutende ist auch der gemeinsame Gegensatz von Dummheit und Roheit, und das allgemeine Mißverhältnis, worin heute die Affekte die Vernunft zerdrücken, statt sie zu beflügeln, schmilzt im Begriff der Bedeutung zu. Genug von ihm, ja vielleicht schon mehr, als zu verantworten sein möchte! Denn sollte noch etwas hinzugefügt werden müssen, so könnte es nur das eine sein, daß mit allem Gesagten durchaus noch kein sicheres Erkennungs- und Unterscheidungszeichen des Bedeutenden gegeben ist und daß wohl auch nicht leicht ein ganz genügendes gegeben werden könnte. Gerade das führt uns aber auf das letzte und wichtigste Mittel gegen die Dummheit: auf die Bescheidung.

Gelegentlich sind wir alle dumm; wir müssen gelegentlich auch blind oder halbblind handeln, oder die Welt stünde still; und wollte einer aus den Gefahren der Dummheit die Regel ableiten: »Enthalte dich in allem des Urteils und des Entschlusses, wovon du nicht genug verstehst!«, wir erstarrten! Aber diese Lage, von der heute recht viel Aufhebens gemacht wird, ist ähnlich einer, die uns auf dem Gebiet des Verstandes längst vertraut ist. Denn weil unser Wissen und Können unvollendet ist, müssen wir in allen Wissenschaften im Grunde voreilig urteilen, aber wir bemühen uns und haben es erlernt, diesen Fehler in bekannten Grenzen zu halten und bei Gelegenheit zu verbessern, wodurch doch wieder Richtigkeit in unser Tun kommt. Nichts spricht eigentlich dagegen, dieses exakte und stolz-demütige Urteilen und Tun auch auf andere Gebiete zu übertragen; und ich glaube, der Vorsatz: Handle, so gut du kannst und so schlecht du mußt, und bleibe dir dabei der Fehlergrenzen deines Handelns bewußt! wäre schon der halbe Weg zu einer aussichtsvollen Lebensgestaltung.

Aber ich bin mit diesen Andeutungen schon eine Weile am Ende meiner Ausführungen, die, wie ich schützend vorgekehrt habe, nur eine Vorstudie bedeuten sollen. Und ich erkläre mich, den Fuß auf der Grenze, außerstande, weiterzugehen; denn einen Schritt über den Punkt, wo wir halten, hinaus, und wir kämen aus dem Bereich der Dummheit, der selbst theoretisch noch abwechslungsreich ist, in das Reich der Weisheit, eine öde und im allgemeinen gemiedene Gegend.

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