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Essays

Robert Musil: Essays - Kapitel 7
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authorRobert Musil
titleEssays
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Buridans Österreicher

[1919]

Der gute Österreicher steht zwischen den zwei Heubündeln Buridans, Donauföderation und Großdeutschland. Da er ein alter Logiker ist, der in jeder Geschichte dieser Wissenschaft ehrenvoll erwähnt wird, begnügt er sich nicht mit dem Vergleich des kalorischen Wertes der beiden Heuarten: die einfache Feststellung, daß das Reichsbündel krafthaltiger sei, wenngleich es anfangs einem schwachen Magen beschwerlich sein sollte, ist ihm zu wenig. Sondern er untersucht das Dilemma auch mit der Nase auf den geistigen Geruch.

Da entdeckt der gute Österreicher die österreichische Kultur. Österreich hat Grillparzer und Karl Kraus. Es hat Bahr und Hugo v. Hofmannsthal. Für alle Fälle auch die Neue Freie Presse und den esprit de finesse. Kralik und Kernstock. Einige seiner bedeutenderen Söhne hat es allerdings nicht, die sich rechtzeitig geistig ins Ausland geflüchtet haben. Immerhin; immerhin bleibt – nein, es bleibt nicht eine österreichische Kultur, sondern ein begabtes Land, das einen Überschuß an Denkern, Dichtern, Schauspielern, Kellnern und Friseuren erzeugt. Ein Land des geistigen und persönlichen Geschmacks; wer würde das bestreiten?!

Der Fehler entsteht erst bei der patriotischen Erklärung dieser Gegebenheit. Sie lautet immer: Wir sind so begabt, Orient und Okzident vermählen sich in uns, Süden und Norden; eine zauberhafte Vielfalt, eine wunderbare Kreuzung von Rassen und Nationen, ein märchenschönes Mit- und Ineinander aller Kulturen, das sind wir. Und alt sind wir! (»Wir« schreiben uns nämlich bis aufs Barock zurück, welch ein Emporkömmling ist daneben das Berliner Reich! Daß Cranach und Grünewald etwas älter sind, daß sie und Leibniz und Goethe und ein gutes Hundert Großer dort das Fundament bilden, wird vergessen.) Warum es uns trotzdem immer eigentlich ein wenig schlecht ging, kommt, abgesehen von unserer zu großen Bescheidenheit, nur vom Pech. Wir hätten theoretisch mit unserer Völkerdurchdringung der vorbildliche Staat der Welt sein müssen; mit solcher Sicherheit, daß sich eigentlich gar nicht sagen läßt, warum wir praktisch nicht darüber hinausgekommen sind, ein europäisches Ärgernis zu sein, gleich hinter der Türkei. Wir hatten deshalb auch darauf verzichtet, es ernstlich herauszubekommen, und warteten auf den Tag, der uns Gerechtigkeit bringen müsse. Denn wir wußten uns begabt. Hjalmar Ekdal [in Ibsens: Wildente] als Staat. Der Vorstand des österreichischen Kulturinstituts schrieb anno 1916: Österreich hat die größte Zukunft, weil – es in der Vergangenheit noch so wenig zu leisten vermocht hat.

Der Fehler läßt sich entweder so ausdrücken: ein Staat hat nicht Pech. Oder auch so: er ist nicht Begabung. Er hat Kraft und Gesundheit oder nicht; das ist das einzige, was er haben und nicht haben kann. Weil Österreich sie nicht hatte, darum gab es den begabten und kultivierten Österreicher (verhältnismäßig in einer Anzahl, die uns einen guten Platz in Deutschland sichern wird), und es gab nicht die österreichische Kultur. Die Kultur eines Staates besteht in der Energie, mit der er Bücher und Bilder sammelt und zugänglich macht, mit der er Schulen und Forschungsstätten aufstellt, begabten Menschen eine materielle Basis bietet und ihnen durch die Stromstärke seines Blutkreislaufes den Auftrieb sichert; die Kultur beruht nicht in der Begabung, welche international so ziemlich gleich verteilt ist, sondern in der darunter liegenden Schicht des gesellschaftlichen Gewebes. Diese Schicht in Österreich kann es aber an Funktionstüchtigkeit nicht im geringsten aufnehmen mit der in Deutschland. Aus 1000 gescheiten Leuten und 50 Millionen verläßlicher Kaufleute läßt sich eine Kultur machen; aus 50 Millionen begabter und graziöser Leute und bloß 1000 praktisch verläßlichen Menschen entsteht nur ein Land, in dem man gescheit ist und sich gut kleidet, das aber nicht einmal imstande ist, eine Kleidermode hervorzubringen. Wer auf den Österreicher rekurriert, um Österreich mit ihm zu beweisen, glaubt, daß öffentlicher Geist die Summe des privaten sei, statt einer wesentlich schwerer zu berechnenden Funktion.

Also warnen klassenbewußte Österreicher lieber gleich vor Deutschlands öffentlichem Geist, der angeblich viel zu robust ist. Sie erzählen Schreckliches von dem betäubenden Arbeitsgeklapper und der überstarken sozialen Bindung, welche den einzelnen einschnürt. Auf der leichten österreichischen Verwesung hatte es sich natürlich entzückend gelebt, so daß es begreiflich ist, wenn ein oder der andere künstlerische Leuchtbazillenträger sich dem Geiste verpflichtet glaubt, im Falle des Anschlusses nach Rumänien auszuwandern. Die Idee ist jedenfalls besser als der Einfall, Österreich unter dem Namen Donauföderation als europäischen Naturschutzpark für vornehmen Verfall weiterzuhegen. Aber ist es denn überhaupt wahr, daß Deutschland nur das Land des Arbeitsterrors ist? Es ist zumindest auch das Land einer viel stärkeren Reaktion gegen ihn, als Österreich je einer fähig wäre. Die Nationalversammlungen hüben und drüben gleichen einander bis aufs Haar in der Suppe, der Widerstand des jungen Deutschland gegen ihren Geist ist aber viel leidenschaftlicher als der in Österreich wahrnehmbare. Und schließlich, sei es wie immer – auch mir behagen die handfesten deutschen Sozialpatrioten nicht, auch mir beliebt nicht die Art, wie jetzt deutsche Dichter die Federn geschüttelt haben, als es, in einer Enquete zur moralischen Wiederaufrichtung Deutschlands, galt das Kapitol zu retten –: Geist kann Geist lenken und ändern, Kraft erzeugen kann er jedoch nicht oder nur in langen Zeiten.

Diesen einfachen Sachverhalt, diese natürliche Reihenfolge der Entwicklung sollte man nicht verwirren. Auch Buridans Österreicher, trotzdem er auf Gespaltenheit vom Kopfe bis zum Hufe eingerichtet ist und auf noble Subtilität, sollte ein einzigesmal einen Burgfrieden schließen zwischen der Spiritualität und der gemeinen Wahrheit und das Einfache einfach tun, trotzdem er es kompliziert unterlassen könnte.

Stilgeneration und Generationsstil

[1922]

Wenn ein junger Mensch zum erstenmal in berühmte Städte kommt und Gotik sieht und Barock und was dergleichen es gibt, das zu bewundern man anscheinend ins Leben gesetzt worden ist, so hat er das sehr deutliche Gefühl, daß ihn das alles im Grunde nichts angeht. Beileibe nicht, daß es nicht schön wäre; aber Schönheit ist offenbar etwas sehr Umständliches und mit sehr viel Überflüssigem, Zufälligem, ja Groteskem verbunden. Er mißtraut den Entzückungen der Erwachsenen daran nicht minder, als ob man ihm einreden wollte, Mumienschnitzel seien die ideale und gehaltvollste Kost; er wittert irgendeine Verlogenheit, Verlegenheit und Rederei. In der Tat ist es durchaus nicht die ursprüngliche Reaktion, eine alte Schönheit schön zu finden, sondern das eingeborene Verhalten ist, sie alt zu finden. Ich halte es durchaus nicht für paradox, die Liebe zum Vergleich heranzuziehen: ein gerader junger Mensch wird von einer schönen fünfzigjährigen Frau niemals sagen, die breiten, ruhigen Formen und das Filigran des Faltenwerkes dieser ehrwürdigen Kathedrale seien schön, sondern er wird flüchtig feststellen, sie sei alt, und wahrscheinlich wird er überhaupt nichts sagen, denn was nicht zu ihnen gehört, kommt für Menschen nicht in Betracht. Wenn man sich mit einem talentierten jungen Römer über Städte unterhält, so kann man sicher sein, daß er für Amerika oder Berlin schwärmen wird, während ihm das antike und barocke Rom als eine Unaufgeräumtheit erscheint, eine skandalöse Rückständigkeit der Straßenreinigung, welche palastgroße Trümmer zurückgelassen hat. Um zur Kunst zu finden, ich möchte fast sagen, um zu ihr einzulenken, muß man sich erst mehrfach die Seele gebrochen haben. Die Städte, die sich die Jugend bauen möchte, solange sie ganz auf sich vertraut, müßten ganz anders sein als alle Städte, die es gibt, um dem Weltgefühl zu entsprechen, das sie als Urwiderstand in sich empfindet.

Aber natürlich liegt es ihr schwer auf der Zunge und den Händen. Jeder Künstler weiß, wie selten es gelingt, einen Einfall wirklich so auszudrücken, wie man ihn meint, und wieviel schwerer ist es, die Grundgefühle des Ich aus ihrer Inwendigkeit zu befreien. Ist man auf der Höhe des Lebens nicht entfernter von ihnen als beim Beginn, darf man sich beglückwünschen. Und anständige Jugend ist hilflos; vor ihr liegt das ungeheure Gebiet der Gedanken, sie weiß nicht einmal, von welcher Seite sie es betreten soll, um am raschesten tief hineinzukommen; die Hilfen, welche ihr Erziehung und Schule bieten, berühren kaum das Innere. Es ist also sehr verständlich, daß der junge Mensch jedem nachläuft, der den Anschein hat, ihm die Zunge lösen zu können, ihm zu seinem Ausdruck zu verhelfen. Das ergibt die Stile der Generationen, welche wie Moden einander ablösen.

Aber es ist richtiger, statt von Generationsstil von Stilgenerationen zu sprechen. Wir haben die Sache ja mehrmals mitgemacht; jedesmal war eine neue Generation da, behauptete, eine neue Seele zu haben, und erklärte, für diese neue Seele nun auch den gehörigen Stil zu finden. Sie hatte aber gar keine neue Seele, sondern nur so etwas wie ein ewiges Weichtier in sich, dem keine Schale ganz paßt; auch die zuletzt ausgebildete niemals. Das zeigt sich immer zehn Jahre später. Um 1900 glaubte man, daß Naturalismus, Impressionismus, Dekadenz und heroischer Immoralismus verschiedene Seiten einer neuen Seele seien; um 1910 glaubte man bereits (was nur einige Beteiligte, so Alfred Kerr, schon vorher gewußt hatten), daß diese Seele ein Loch war, von dem eben nichts als die Seiten wirklich sind; und heute sind von der ganzen Generationsseele nichts als ein paar Einzelseelen übriggeblieben, welche die alphabetische Ordnung im Kürschner und im Katalog der Glaspaläste ganz gut vertragen. Es gibt Gründe dafür, daß es mit dem Expressionismus nicht anders gehen wird.

Kant sagt vom Genie – worunter man damals noch den Künstler verstand –, daß es »exemplarische« Werke schaffe, die zur »Nachfolge«, nicht zur Nachahmung reizen. Die Stilgeneration ist immer eine solche seelische Nachfolge; allerdings nicht das plötzliche Dasein einer neuen Seele, wohl aber das Hinzufliegen und Von-allen-Dächern-Stürzen der Tauben, wenn am leeren Platz einer steht und Futter streut. Irgendein Gestus, ein äußerer oder innerer, ist gefunden worden, irgendeine Technik, mit deren Hilfe man sich ein Scheinich einschiebt, das zwischen dem nebelhaften eigenen und den unbefriedigenden der früheren Generationen liegt. Man ist zum Beispiel dekadent, und alles geht von diesem Augenblick an herrlich und wird einem leicht: die größten Kraftmeier vermögen innerlich mehr zu stemmen, wenn sie es nun mit müdem Lächeln tun; umgekehrt ist heute, in einer lyrischen Oh-Ruck!-Periode, selbst der Schwächling nur seiner gummösen Seele froh, wenn sie im Jargon eines Weltenstemmklubs spricht. Warum das so ist, vermag man nicht zu sagen, es ist ein Geheimnis; die Menschen finden ihre persönliche Einzelseele nicht und adoptieren die nächste ihnen einigermaßen passende Gruppenseele, das wird wohl das Geheimnis sein. Natürlich kann man sagen, das ist eine Mode; aber es ist eine Mode aus innerster Menschennot. Es wird viel geschwindelt dabei, aber immerhin ist auch ein kleiner Abgrund in der Nähe.

In einen Satz gebracht, man wird »stylish«, aber man gebiert nicht auf geheimnisvolle Weise einen neuen Stil: Stil wird immer von den Nachläufern gemacht; wenn sie ganz weit hinterdreinlaufen, so daß sie die Spitze nicht mehr sehen, werden sie Vorläufer. Übrigens hat in dieser Frage gerade die Kunstgeschichte kein kleines Unheil angerichtet, indem sie die Hochstile viel mehr dem Bewußtsein präsentierte als die Übergänge, und dadurch zu dem Glauben verführte, Stile seien Symbole und Kollektivseelen, die mit einemmal auf geheimnisvolle Weise da sind. Seither sucht jede Stilgeneration ihren Generationsstil. Eigentlich sucht sie sich selbst. Aber so wie ein Münchhausen, der sich am Zopf aus dem Wasser ziehen will und gleichzeitig am Ufer oben warten möchte, bis er zum Vorschein kommt.

Wie hilft man Dichtern?

[1923]

1.

Vor allen Dingen mache man sich eines klar: das Elend, das die deutschen Dichter leiden, ist keine wohlwollende Übertreibung vorsorglicher Freunde. Ich habe in der letzten Zeit mit vielen der ersten Schriftsteller persönlich über ihre Verhältnisse gesprochen und kenne sie aus eigener Anschauung. Keiner der bekanntesten und gefeiertsten deutschen Dichter lebt – nicht nur heute, sondern schon seit Jahr und Tag – von seinen regulären Einnahmen. Sie leben von Auslandstantiemen, Übersetzungen ihrer Werke, Verfilmung, Mitarbeit an ausländischen Zeitschriften, Luxusausgaben, kurz von unberechenbaren, wechselnden und unverläßlichen Nebeneinkünften. Es ergibt sich selbst in Fällen ganz prominenter Persönlichkeiten alles in allem nicht mehr als ein Sich-gerade-noch-über-Wasser-Halten; eben hinreichend, um nicht den Haushalt auflösen und die Möbel verkaufen zu müssen, also fast im besten Fall jenes Existenzminimum, das unsere Beamtenfamilien zur Verzweiflung getrieben hat, bevor es aufgebessert wurde. Und mitunter ist selbst dieses Minimum nicht da; ich weiß, daß ein in ganz Europa bekannter Mann Bittbriefe schrieb, um Unterkommen bei einer Zeitung zu finden. Blickt man vollends in die nächste Schicht – zu jenen Dichtern, die jünger sind, aber immerhin auch schon meist um Vierzig, deren Werke nicht geringer an Wert sind, aber weniger Zeit und eine ungünstigere Zeit gefunden haben, um sich auszuwirken –, so kann man überhaupt keinen nennen, der mit Anspannung aller schriftstellerischen Mittel auch nur das Existenzminimum fände. Ich schätze, daß keiner mehr als die Hälfte dessen verdient, was eine Familie zum nackten Leben braucht. Einer der Besten und Bekanntesten verliert seine Zeit mit ärztlicher Praxis, ein anderer, dessen Name überall mit Achtung genannt wird, mußte sich von seinen Kindern trennen, weil er sie nicht mehr erhalten konnte, ein dritter und vierter leben von Zuwendungen ihrer Gönner, die jeden Augenblick ausbleiben können. Wohlgemerkt, hinter all dem stehen Namen, die jedem bekannt wären, wenn ich sie nennen würde, und es handelt sich nicht um Leute, die als Schriftsteller ihr Auskommen nicht finden können, sondern um solche, die früher von ihren literarischen Einnahmen lebten, ihr Leben auf diesen Beruf eingestellt haben und jetzt weggespült werden.

Man wird vielleicht sagen: immerhin leben sie noch. Aber am Rand, am äußersten Rand leben sie! In einer Lage von so unerträglicher Ungewißheit und Unwürdigkeit, daß kaum einer noch schaffen kann. Angeklammert an eine Existenz, die niemals einem anderen begabten Mann genügen würde. Bettelnd bei deutsch-böhmischen, Schweizer, amerikanischen Redaktionen. Und ich kann ohne Übertreibung und auf Grund genauer Kenntnis versichern: in jeder Sekunde kann es sich ereignen, daß einer hinabgerissen wird. Es braucht bloß eine seiner kleinen Nothilfen auszulassen und nicht gleich ersetzt werden zu können. Will man auf die Sensation des ersten Selbstmords warten?

2.

Aber was eben beschrieben wurde, läßt Ausnahmen zu. Das wirtschaftliche Bild ist keineswegs übersichtlich. Man braucht bloß das literarische Café irgend einer Großstadt zu betreten, und staunt: wer alles Geld für Müßiggang, Getränk, Zigaretten und Neugründungen hat. Die Wahrheit ist: praktisch begabten Literaten geht es heute ebensowenig schlecht wie anderen praktischen Menschen. Der Handel mit Bildern, Büchern, Möbeln, Genußmitteln, Filmideen und Schwindel jeder Art scheint sie ausreichend zu versorgen. Und von dieser Schicht Menschen führen Abstufungen des Geschicks und der Geschicklichkeit zu solchen, welche sich rechtzeitig als Korrespondenten ausländischer Zeitungen installiert und Anschluß an die Journalistik gefunden haben, oder an den Film, das Theater, Kabarett, den Buchhandel usw. Unter ihnen sind manche wertvolle Menschen, aber auch viele Nutznießer und Anpassungsfähige. Gekrönt wird diese Kategorie von der geradezu hochbürgerlichen Existenz einiger bekannter Schriftsteller, deren Fähigkeit, Geld zu verdienen, selbst heute noch ihre anderen, durchaus nicht geringen Fähigkeiten überragt.

Man sieht, nicht alle leben im Schatten. Aber man darf sich von dieser Anpassungsfähigkeit ebensowenig beirren lassen wie von jener anderen, die es einzelnen erlaubt (und anderen eben nicht) ihre schriftstellerische Tätigkeit in den Mußestunden eines bürgerlichen Berufes auszuüben. Man kann mit wenig Ausnahmen behaupten, daß es den Besten am schlechtesten geht. Ein berühmter Kritiker, als diese Zustände erst heraufzudämmern begannen, hat die Meinung ausgesprochen, es würde der deutschen Literatur nicht schaden, wenn ein großer Teil ihrer Träger zugrunde ginge oder in andere Berufe abwanderte. Das hatte manches willige Ohr für sich; aber es zeigt sich jetzt, daß die zuerst untergehen, welche übrigbleiben sollten.

3.

Es ist schön, daß ein österreichischer Minister den deutschen Dichtern helfen will. Man kann es generell oder individuell tun. Generelle Hilfe dem ganzen Stand, individuelle den wertvollsten Opfern.

Ich glaube eben gezeigt zu haben, daß das zweite ziemliche Sach- und Personenkenntnis erfordert, und außerdem hat man hier unter den Unsicherheiten künstlerischer Wertung zu leiden. Aber wenn die Spende einfach dem Reich übermittelt wird, so gelangt sie voraussichtlich durch den Reichskunstwart zur Verteilung, jene amtliche Stelle, die auch sonst Zuwendungen an die Künstler verwaltet, und ihre Zusammensetzung bürgt dafür, daß nur Bedürftige und zum Teil wenigstens auch die Würdigsten beteilt werden. Trotzdem wird es gut sein, die Absicht oder welche sonst man statt ihrer hat, rechtzeitig öffentlich zu machen, damit die, welche es angeht, die Möglichkeit haben sich zu äußern.

4.

Solche Hilfe kann aber ihrer ganzen Natur nach nicht viel mehr sein als ein kleiner, an einem Sterbenden verübter Samariterdienst, wenn nicht gleichzeitig vorgegangen wird, um die Lebensbedingungen des ganzen Standes wiederherzustellen. Ich sage Stand, denn wenn man die Dichter retten will, das heilige Dutzend oder Hundert wertvoller freier Geister, so geht dies nicht, indem man ihnen etwas zusteckt, sondern man muß das Schrifttum überhaupt wieder zur Lebensmöglichkeit machen. Nur keine Illusionen über diesen Punkt! Ich wünsche jedem schlechten Schriftsteller die Pest an den Hals, aber ich muß sorgfältig sein Leben schützen, weil ich wirtschaftlich sein siamesischer Zwilling bin. Durch Jahrzehnte hat man die Dichtung als einen Luxus behandelt, der dem kaufmännischen Betrieb überantwortet blieb, den Gesetzen der Sensation und der Nachfrage, und da viele davon leben konnten, haben die Wertvolleren und weniger Marktgängigen gerade auch noch ihr Auskommen gefunden; das war das Verhältnis in der blühenden Wirtschaftslage vor dem Krieg und was sich heute abspielt, ist nichts als die Fortsetzung in einer Zeit der allgemeinen Krisis. Ich glaube, daß da nicht plötzlich mit Idealen, sondern nur mit Wirtschaftspolitik geholfen werden kann, genau so wie man sonst irgendein bedrohtes Gewerbe unter den Schutz besonderer Aufmerksamkeit stellt. Ich will keine Ratschläge erteilen, die Fragen sind nicht einfach und nur durch Zusammenarbeit von Wirtschaftspolitikern mit einer berufenen Vertretung des Schrifttums vorwärtszubringen, aber jedes Kind weiß, daß am Buch heute viel zuviel Zwischenprofit hängt, daß alle an der Herstellung Beteiligten zu einer Zeit noch auskömmlich daran verdienten, wo der Urproduzent, der Schriftsteller, schon so gut wie nichts erhielt; wir wissen von den Zeitungen, daß viele der größten nicht eingegangen sind, und wenn sie auch Grund zur Klage haben, sich doch sozusagen blühend durchhungern, aber ihren externen Mitarbeitern Schandhonorare bieten, auch wenn es Weltblätter sind; wir wissen schließlich auch, daß die Theater die Interessen ihrer Aktionäre bei weitem nicht so im Stich gelassen haben wie die der Dichtung. Tausende von Existenzen bauen sich heute auf dem Dichter auf oder entwickeln sich in Symbiose mit ihm, der als einziger seine Existenz dabei nicht findet; sollte ein solches Wirtschaftsbild nicht durch einigen zielbewußten Druck zum Besseren verändert werden können, auch ohne daß man in einer krisenhaften Situation das Oberste gleich zuunterst kehren muß?

5.

Ich möchte mir erlauben, dem Herrn Minister, der für die deutschen Dichter so dankenswert eintrat, eine weitere Anregung zu geben. Wir in Österreich lebenden Dichter werden unser möglichstes tun, um der seinen zu folgen, und es gibt einiges, was uns diesmal noch ermöglicht, zu einem Notfonds beizutragen. Aber was viel wichtiger ist: wir sind in Österreich lebende deutsche Dichter. Das heißt für jeden, der die Verhältnisse kennt, unsere Wirkungs- und Lebensquellen liegen und versiegen größtenteils in Deutschland, die Gefahr des Untergangs ist für uns die gleiche, als ob wir im Reich lebten. Wenn nun in der österreichischen Regierung Gefühl dafür vorhanden ist, daß der deutschen Dichtung geholfen werden muß, so hat sie Anlaß und Legitimation genug, um damit in jedem Augenblick vor ihrer eigenen Tür zu beginnen. Die österreichische Ecke ist klein, aber sie ist heute wichtig. Die Erscheinungen in Deutschland wiederholen sich hier, spielen herein und lassen sich auch von hier beeinflussen. Eine repräsentative Vertretung der Schriftsteller (es gibt heute keine in Österreich), mit der man die Materie behandeln könnte, wäre rasch aufgestellt, und gelänge es, im eigenen Bereich einiges an der Lage des Standes zu verbessern, so würde das Beispiel, bei den engen Beziehungen, die bestehen, im gleichen Augenblick auf Deutschland überspringen und die größte Wirkung haben ...

An der Spitze der Zivilisation

[Etwa 1923]

Einem französischen Senator, welcher im Finanzausschuß der Pariser Kammer die Berichterstattung über die Rüstungsauslagen verwaltet, ist unlängst nachgewiesen worden, daß er von Polen und Rumänien »Perzente« genommen hat. Von der »schimmernden Wehr« sind einige Schuppen in seine Taschen gefallen, und während er »Schulter an Schulter« mit den zukünftigen Kriegsgenossen Frankreichs stand, wusch eine Hand die andre.

Es gibt Menschen, welche sich darüber aufregen; ich begreife sie nicht; ich finde es ein schönes Beispiel der europäischen Zivilisation. Ich freue mich auch über Poincaré, der nicht nur die von diesem Mann vorgeschlagenen Kredite für Polen und Rumänien durchsetzte, sondern auch noch einen für Jugoslawien eigens dazu. Denn eine solche Schamlosigkeit grenzt schon wieder an Geradheit und Offenheit. Jedes Kind weiß, daß Gott heute nicht mehr bei den stärksten Bataillonen ist, wie dies noch Friedrich von Preußen glauben durfte, sondern bei den Großbanken; die Bataillone sind nur eine Anlage der Rüstungsindustrie, und es ist eine gesunde Neuerung, die sonst im Geschäftsleben üblichen Gebräuche auch auf sie anzuwenden.

Was dem bisher entgegenstand, war nur ein Rest unzeitgemäßer europäischer Romantik. Ihrethalben traten die großen Nationen lieber als Räuber auf, denn als Diebe, und wenn die Faust geballt wurde, um die Diebsfinger zu verbergen, mußten schöne Redensarten von Ehre und Recht das begleiten. Man dankt daher viel diesem Senator, der auf den Räuberpflanz in so vorbildlicher Weise verzichtete und als ehrlicher Dieb sich sozusagen enthüllen ließ wie ein Denkmal, ohne von seinem Platz zu weichen. Ein solches Beispiel muß sich durchsetzen. In Paris kann man z. B. heute schon Theaterkritiker kaufen, bei uns muß man noch mit ihnen befreundet sein, was oft viel unangenehmer ist. Ärzte, Rechtsbeistände, Geistliche, Schriftsteller gewähren Hilfe nur dem, der sie bezahlt; wenn man aber bei uns einen Senator für eine Sache gewinnen wollte, so müßte man zwanzig Leuten Vorteile erweisen und sie mit oder ohne Geld bestechen, bis der letzte sie diesem für seine Person uneigennützigen Abgeordneten empfiehlt; ich weiß nicht, ob ehrlich am längsten währt, aber es währt lange und ist eine umständliche Währung. Während bei uns in vielen Dingen noch dieser rückständige Tauschhandel herrscht, scheint sich in Paris schon der völlige moralische Geldverkehr anzubahnen.

Um aber auf den Senator und die Rüstung zurückzukommen: man darf sich nicht täuschen, solange dieser neue Verkehr im Privatleben nicht völlig durchgeführt ist, besteht gar keine Hoffnung, daß die Kriege unnötig werden. Alle Tage ist Krieg und alle Tage wird bestochen, sobald einer den Hut vor dem zieht, von dem er etwas möchte, und sich vor dem aufbläht, der etwas braucht; das sind ganz unnötige Kriegslisten. Ich denke mir das reine Geldzeitalter so: man könnte leicht die Menschen mit Apparaten ausrüsten, welche anzeigen, wieviel man in ihre Träger hineinwerfen muß, damit das herauskommt, was man wünscht. Ebenso könnten sie zeigen, welche Vorteile jemand vergeben kann und welche Gefälligkeiten er sucht. Das ließe sich mit farbigen Tafeln oder Aufschriften, bei Nacht mit Laternen kenntlich machen, und die Menschen würden zueinander finden oder einander ausweichen, pfeifen oder Fahnen schwenken wie auf dem schönsten Rangierbahnhof. Es würde sich in ihren wahren Beziehungen vielleicht gar nicht viel ändern, aber eine einwandfreie Ordnung käme hinein. Diese Möglichkeit ist bisher von den Romanschreibern, welche den technischen Menschen der Zukunft beschrieben, übersehen worden.

Monolog eines Geistesaristokraten

Es gibt kaum eine Behauptung, die verständiger klingt als die, daß die geistig Besten uns – die übrigen, das Volk – regieren sollten; das ist so einleuchtend wie, daß die dicksten Menschen die größten Portionen essen müssen. Der geistige Adel hat vor dem alten Adel überdies das voraus, daß man ihn sich selbst zusprechen kann. Es ist also nicht zu verwundern, daß so viele Menschen heute gegen die zersetzenden, gleichmachenden Wirkungen des Sozialismus sind und sich eine geistige Aristokratie an der Herrschaft wünschen, denn das ist das Wort, das man dafür in Redegebrauch genommen hat. Am besten spricht für die Sache, daß selbst dicke Bürger, welche immer die Erde für einen runden Stammtisch angesehn haben, sich heute durch die Verhältnisse dazu gezwungen fühlen.

Ich bin auch darunter.

Böse Gegner behaupten freilich, daß die wirklich großen Geister, wenn sie uns folgen und die Leitung des »Volkes« übernehmen müßten, so wenig wüßten, wie sie herrschen, als wie sie einen Besen oder einen Seilknoten machen sollten, weil sie ganz andere Interessen haben als politische.

Aber dem liegt ein großes Mißverständnis zugrunde. Man muß sich die Sache nur einmal richtig vorstellen. Wie würden z. B. die geistig Besten erkannt werden? Nun, man würde natürlich Prüfungen veranstalten. Matura, Doktorat, Lehramtsprüfung und dergleichen. Wer diese Prüfungen abgelegt hat, braucht nicht in die Fabrik zu gehn, sondern käme in eine entsprechende angenehme Stellung, von wo es dann mit den Jahren automatisch ein gutes Stück weitergeht. Ein Maturand bringt es bis zum Kanzleidirektor, ein Doktorand bis zum Ministerialrat, wenn nicht etwas dazwischenkommt. Und nun denke man nach: Würde sich da soviel ändern? Man müßte allerdings für die höchsten und leitenden Stellen oder für raschere Vorrückung besondere Vorkehrungen treffen. Aber auch das ist nicht schwer. Man muß sich nur fragen: wie wird man denn heute Universitätsprofessor? Man muß etwas können und geleistet haben, doch das ist lange nicht das Schwerste, denn für jeden freien Platz werden immer drei Gelehrte vorgeschlagen, woraus man sehen kann, daß die Eignung für die Professur dreimal so billig ist wie die Professur für die Eignung. Die entscheidende Eigenschaft ist daher erst, daß man die besseren Verbindungen hat. Dann wird man geistiger Hocharistokrat. Und auch in der Bürokratie kommt man vorwärts, indem es heißt, daß man ein gescheiter Mann sei, was sich an der bürokratischen Tätigkeit schwer kontrollieren läßt. Weshalb sollte man nicht auch in der Zukunftsgesellschaft diese Art Auslese beibehalten? Nicht anders steht es heute mit den großen Geistern der Dichtung. Wer einen Kohl schreibt, den jeder schluckt, findet viele Leser, und wer viele Leser hat, ist ein großer Mann; denn wer viel verdient, bringt andre ins Verdienen, die ihn loben und achten. Wir haben also schon heute auf diesem Gebiet ein sozusagen allgemeines Wahlrecht der Autoritäten und eine nahezu ungarische Wahlkorruption.

Vielleicht wird man in der Zukunft in Sachen des gesellschaftlich bestätigten geistigen Adels, so wie es mit dem kaiserlichen war, etwas mehr mit Geld richten können, aber im allgemeinen ist dieses Zukunftsbild gar nichts anderes als der Zustand, in den man den Geist heute schon versetzt hat. Der Vorwurf der Utopie ist, wie ich gezeigt habe, also völlig unberechtigt. Das einzige, was ich daran augenblicklich selbst nicht verstehe, ist bloß, was mir dann eigentlich an dem jetzigen Zustand nicht recht ist. Vielleicht habe ich mich da zu einer Ungerechtigkeit hinreißen lassen, die einem geistigen Aristokraten nicht wohl ansteht.

Blech reden

»Blech reden« ist ein mit Genie erfundenes Wort. Es enthält: das Glänzende, das nicht Gold ist; den durchdringend unangenehmen Klang; das Lebhafte, das Auswalzbare. Würde man »Blech schreiben« sagen, wie viele wichtige zeitgenössische Erscheinungen ließen sich damit erklären! Aber der Gebrauch dieses Worts ist in Abnahme begriffen. Irgendwann wird es wie »Aar« und »hehr« sein. Spätere Schriftstellergenerationen werden dann in Festreden sagen: »Die Väter haben Blech geschrieben«, und ein ungläubiger Schauer wird die Zuhörer ergreifen.

Warum kann die Sprache solche vollendeten Bildungen nicht festhalten? Wie man für alles Häßliche ein schmeichelhaftes Wort hat, nennt man dieses Sterben das Leben der Sprache. Also warum lebt die Sprache? Sie ist dabei doppelt so umständlich und lang geworden, als sie es vor einigen Jahrhunderten war, ohne dementsprechend an Ausdrucksfähigkeit zu gewinnen. Wir lassen die Artikel weg, wir lassen Zeitworte weg, wir lassen die Bedeutung weg; wir treten ihr vorne auf den Kopf und hinten auf den Schwanz, aber es nutzt nichts mehr, sie wird immer länger. Wir fühlen deutlich, daß sie immer häßlicher wird, ohne es ändern zu können. Es gibt da etwas, das wir beklagen, aber offenbar trotzdem unausgesetzt tun. Wenn irgend etwas ein Hundeleben heißen darf, so ist es das der Sprache!

Ich habe unlängst eine Hundeausstellung besucht, und dabei sind mir einige ihrer Teilnehmer aufgefallen, die verblüffend genau der Vorstellung entsprachen, die ich mir zeitlebens von dem Begriff »Köter« gemacht habe. Man nennt wohl so etwas, das vorn wie ein Windhund aussieht und hinten wie ein Dackel, rechts wie ein Bulldogg und links wie ein Terrier, eine »Promenadenmischung«.

Von solcher Rasse ist entwicklungsgesetzlich auch die menschliche und namentlich die deutsche Sprache. Die Sprachen der Kanzleien, der Zeitungen, der Studenten, der Gauner, der benachbarten Völker, der katholischen Kirche und des Römischen Imperiums haben im Guten wie im Schlechten ihre Spuren darin hinterlassen, und wenn man schon gegen das Gute nichts einwenden darf, warum tut man es dann nicht wenigstens gegen das Böse? Die berühmten Entwicklungsgesetze sagen uns leider, daß man es gegen das Böse am wenigsten tut. Aber auch die Sprachgewohnheiten sind Gewohnheiten; und warum nimmt man also mit besonderer Vorliebe schlechte Gewohnheiten an? Da mündet die Sprache, die dem Menschen aus dem Mund kommt, wieder in ihn und fährt von ihrer Ausgangsstellung einwärts bis an Herz und Nieren.

Denn die Vorliebe für schlechte Gewohnheiten ist ein bestimmter Grad des Vertrauens in die Aufgaben der Menschheit. Man nimmt sie an, weil der, der sie hat, das große Wort führt. Weil er imponiert. Weil sie Mode sind. Weil man sie täglich sieht und hört. Weil sie bequem sind und man selbst nicht gern nachdenkt. Aber in erster Linie nimmt man sie wohl doch nur deshalb an, weil sie eben keine guten sind. Wir fühlen uns erst, wenn wir uns recht schlecht aufführen, einigermaßen sicher, daß wir uns nicht geziert betragen.

Jedenfalls ist es beim Sprechen und Schreiben so, daß wir eine starke Abneigung gegen seine Tugendlehre, die Grammatik, fühlen. Dabei ist aber noch besonders zu erwähnen, daß wir gar nicht wissen, wie wir den rechten Widerstand gegen diesen Fehler leisten könnten, noch, warum wir ihn leisten sollen. Wir gebrauchen unsere Sprache so wie der Tausendfuß seine Füße, über die er nicht einen Augenblick nachdenken darf, wenn ihn nicht auf der Stelle der Schlag rühren soll. Der Sinn der Worte bleibt uns glücklicherweise verschlossen. Wir sprechen alle so wie der Versammlungsredner, der sagt: »Aber wenn wir diese Basis betrachten«, oder: »Wir lassen uns den Horizont, auf dem wir stehen, nicht zerreißen!« Man versteht ihn recht gut, auch wenn er nicht weiß, was er redet. Wie er das macht, das ist seine Sache, und davon haben wahrscheinlich wieder die Grammatiker keine Ahnung. Offenbar besteht das Grundphänomen der Sprache darin, daß einer eilig auf etwas aufmerksam machen will, das er weiß oder fühlt, wofür ihm nun das komplizierteste System von Tasten und Hebeln zur Verfügung steht, das je einen Menschen unsicher gemacht hat; es ist ähnlich rätselhaft wie ein Klavier, aber wenn einer mit der Faust in ein Klavier haut, so wissen wir sofort ungefähr, was er meint, auch ohne nachsehen zu müssen, wohin er gezielt hat.

Man darf also nicht glauben, daß etwas richtig gesagt werden müsse, damit es richtig verstanden werden könne; und darauf beruht das Geheimnis der lebendigen Sprache. Fürchterlich ist es, wenn man zum Gegenteil gezwungen wird, und nur schlechte Schriftsteller nötigen den Leser, auf jedes ihrer Worte zu achten. Er bemerkt dann sofort, daß er in achtzig von hundert Fällen nicht die geringste Ahnung hat, warum gerade diese Worte dastehen, und findet eine solche Ausdrucksweise mit Recht unklar. Besonders lästig sind dabei die kleinen Worte und die Wahl ihres Platzes. Ein guter Schriftsteller aber wird es immer verstehen, so zu schreiben, daß man alle seine Worte verstellen könnte, und auch durch ähnliche ersetzen, ohne daß sich der Sinn ändert: das erleichtert die Aufmerksamkeit und entspricht dem modernen Prinzip, Ersatzteile herzustellen, die überall erhältlich sein müssen.

Über Fürsten- und Straßennamen

Gewiß ist es jedem schon aufgefallen, daß die Fürsten, indem sich die Weltgeschichte an die Gegenwart annäherte, nur noch Nummern bekommen haben. Der Erste, der Zweite waren sie bei ihren Lebzeiten, und nach ihrem Tode blieben sie es auch oder erhielten ohne Abwechslung das Beiwort der Große, das ja ebenfalls metrisch ist. Allerdings hatten sie römische Zahlzeichen, die immer etwas geheimnisvoll aussehen. Trotzdem würde sich das heute nicht einmal ein junger Mann gefallen lassen, und sein Mißtrauen würde sofort erwachen, wenn ihm sein Mädchen, sei es in römischen, sei es in arabischen Ziffern, zuflüsterte: »Du bist der vierte Erich!« In der Liebe des Volks zu seinen Fürsten ging das aber bis gegen den Vierzigsten.

Es spricht eben viel dafür, daß sich in einer solchen Aufzählung Dinge ausdrücken, die nicht sein sollen. Und als das Königtum noch eine lebendige, den Menschen am Herzen liegende Einrichtung war, wurden die Könige, wie man sich wohl aus der Schule noch dunkel erinnern wird, auch wirklich anders genannt; sie hießen damals der Kahle und der Lahme, der Kurze und der Dicke, und wenn sie einmal der Große hießen, so war das ebenso aufrichtig gemeint wie kurzhalsig oder rothaarig: Das erinnerte im besten Sinn an die Bezeichnungen in Verbrecherkreisen, an den krummen Max und den schiefen Heinrich, oder an spannende Indianergeschichten, was ganz untendenziös so zu verstehen ist, daß Männer, die das Gemüt ihrer Lebensgenossen wirklich beschäftigen, von diesen saftige Namen erhalten, denen man es anmerkt, daß sie nicht von Professoren erfunden sind.

Etwas Ähnliches hat sich bekanntlich auch mit den Namen der Gassen ereignet. Da hält man allerdings noch daran fest, sie entweder nach irgendeinem durchaus unvergeßlichen Stadtverordneten zu benennen oder nach all den Fürstlichkeiten, Heiligen, Gefechten und Philosophen, deren Nebeneinander in der Geschichte so gut zu einem Durcheinander paßt, wie es die Gassen bilden; aber doch sind die Schwierigkeiten für das Gedächtnis heute schon so groß geworden, daß man in vielen Städten dazu übergegangen ist, die Straßen eines Viertels schön nebeneinander mit Dichterfürsten zu belegen und die der benachbarten Viertel kompanieweise mit Musikgenies oder Pflanzennamen. Die Zoologie wird vorderhand merkwürdigerweise dabei vernachlässigt und bildet darum mit ihren innigen Beziehungen zum Menschenleben noch eine natürliche Reserve für die Zukunft, aber im ganzen ist es klar, daß die amerikanische Sitte, eine Straße um die andere einfach mit Nummern zu bezeichnen, nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Für einige Zeit könnte man sich vor ihr höchstens dadurch retten, daß man sich an die Chemie anlehnt, denn in dem Sprachsystem dieser schönen Wissenschaft schließt jeder Name gleich auch einen Hinweis auf die Gegend und Nachbarschaft ein, in der das von ihm bezeichnete Ding zu suchen ist. Ohne daß für die chemische Richtigkeit des Beispiels Bürgschaft geleistet werden soll, könnte man dann also in der Ferrocyanürtheobrominesther-Gasse wohnen, und jeder Chauffeur wüßte sofort, wo man zu finden sei.

Aber ganz befriedigend ist auch das nicht, obgleich es sich bestimmt leichter merken läßt, als eine Adolf-Fritsche-Gasse, die sich einsam durch das menschliche Gedächtnis zieht.

Nun aber kann man ebensogut mit Vorteil fragen: Warum haben alle Könige Franz und Ludwig, Friedrich, Wilhelm, Josef, Karl, Georg, Heinrich, Leopold und Humbert geheißen und warum nicht Emil, Anton, Hans, Paul, Bernhard, Eugen, Wolfgang, Adalbert und so weiter? Es hat da scheinbar eine willkürliche Zurücksetzung gewisser Namen stattgefunden, und viele von Emil bis Adalbert werden sagen, daß es den Fürsten nur recht geschehen sei, wenn sie mit ihren Namen kein Auslangen fanden und Ziffern dazusetzen mußten. Die Wahrheit ist aber die, daß die königliche Gepflogenheit, nur bestimmte Namen zu benutzen, durchaus nicht auf einer unbegreiflichen Abneigung gegen die übrigen beruhte, sondern auf der ganz begreiflichen Überzeugung, daß ein Herrscher, dem man den Namen eines geschätzten Vorfahren gibt, zu dessen Reinkarnation werde, also daß zum Beispiel Otto IV. nicht etwa nur der vierte, sondern wirklich der zum viertenmal sich wiederholende erste Otto sein sollte. Es war das eine magische Sitte, verwandt mit der der Wappentiere und ähnlichem, etwas, das wir heute Aberglauben nennen würden, wenn wir nicht ebenfalls überzeugt wären, daß es vorteilhaft sei, unsere Söhne und Töchter nach Großvater oder Großmutter zu benennen; aber natürlich haben wir nicht die geringste Ahnung mehr, und so etwas kann man darum nicht gut einen Aberglauben heißen, denn nur einen Aberglauben wie zum Beispiel das Zündholzausblasen in der dritten Hand, das Ausspucken oder das Auf-Holz-Klopfen. Etwas völlig Entseel- [Manuskript bricht hier ab.]

Einige Schwierigkeiten der schönen Künste

[1928]

Da wäre von allen Schwierigkeiten doch gleich die zu nennen, daß auf eine Umdrehung des Lebens mindestens fünf Umdrehungen der Kunst kommen. Betrachtet man als nächstliegendes Beispiel die letzten hundert Jahre, so sieht man die gesamte Gegenwart in einer glatten ununterbrochenen Bewegung aus der Vergangenheit heraussteigen, während zum Beispiel die Dichtung in der gleichen Zeit klassisch, romantisch, epigonisch, impressionistisch und expressionistisch war. (Kleinigkeiten wie Büchner, Grillparzer, Hebbel nicht zu rechnen.) Es ist leichter vorauszusagen, wie die Welt in hundert Jahren aussehen wird, als wie sie in hundert Jahren schreiben wird. Nicht einmal hinterdrein kann man das prophezeien. Denn wenn man etwa, wie das zuweilen vorkommt, ein Theaterstück oder einen Roman wiedersieht, die vor zwanzig Jahren die Seelen mitgerissen haben, so erlebt man etwas, das eigentlich noch kein Mensch erklärt hat, weil es scheinbar jeder für natürlich hält: der Glanz ist weg, die Wichtigkeit ist weg, Staub und Motten fliegen bei der Berührung auf. Aber warum das so sein muß, und was sich da eigentlich geändert hat, weiß niemand. Die Komik aller Kunstjubiläen besteht darin, daß die alten Bewunderer so feierlich beunruhigte Gesichter machen, als ob ihnen der Kragenknopf hinter die Hemdbrust gerutscht wäre.

Es ist nicht das gleiche, wie wenn man einer alten Jugendgeliebten begegnet, die mit den Jahren nicht schöner geworden ist. Denn dann begreift man zwar auch nicht mehr, was man einstens gestammelt hat, aber das hängt wenigstens mit der rührenden Vergänglichkeit alles Irdischen und dem bekannt unanständigen Charakter der Liebe zusammen. Aber eine Dichtung, die man wiedersieht, ist wie eine Jugendgeliebte, die zwanzig Jahre in Spiritus gelegen ist, so daß sich an ihr nicht ein Haar und nicht eine Schuppe der rosigen Epidermis geändert hat. Ein Schauer faßt dich an! Denn, da sie sich in nichts geändert hat, erscheint dir alles, wie wenn du dich bloß zweimal rasch umgedreht hättest, ohne auch nur das Gespräch zu unterbrechen, und dennoch kannst du im selben Augenblick weder dich, noch sie wiedererkennen! Das ist doch wohl um einen Grad unheimlicher.

Es ist auch nicht so, wie man sonst den Gespenstern alter Erregungen und Begeisterungen begegnet; Feinden, Freunden, durchlärmten Nächten, überstandenen Leidenschaften. Dies alles ist samt seinen Bedingungen versunken, wenn es vorbei ist; es hat irgendeinen Zweck erfüllt und ist von der Erfüllung aufgesogen worden; es war eine Strecke des Lebens oder eine Stufe der Person. Aber die gewesene Kunst diente zu nichts, ihr Einst hat sich unmerklich verloren und verlaufen, sie ist niemandes Stufe. Denn fühlt man sich wirklich höher stehen, wenn man auf das einst Bewunderte herabsieht? Man steht nicht höher, sondern bloß anderswo! Ja, ehrlich gesagt, wenn man auch vor einem älteren Bild mit befriedigtem Gähnen feststellt, daß man nicht mehr begeistert zu sein braucht, so ist man noch lange nicht begeistert davon, daß man nun die neuen bewundern muß. Man fühlt sich bloß von einem neurotischen Zwang in den nächsten geraten, was keineswegs ausschließt, daß man sich höchst freiwillig und aktiv gebart; Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit sind ja nicht durchaus Gegensätze, man kann etwas halb unfreiwillig tun und dafür die freiwillige Hälfte sozusagen verdoppeln, so daß man schließlich das Freiwillige unfreiwillig übertreibt oder das Unfreiwillige freiwillig, was fast schon das gleiche ist.

Dennoch steckt ein merkwürdiges Darüberhinaussein in diesem Anderswo. Es ist heimlich mit der Mode verwandt. Die Mode hat ja nicht nur die Eigenschaft, daß man sie lächerlich findet, sondern auch die andere, daß man sich schwer vorstellen kann, ein Mann, der nicht Zug um Zug ebenso lächerlich gekleidet sei wie man selbst, sei geistig ohne Vorbehalt ernst zu nehmen. Ich wüßte nicht, was bei unserer Bewunderung für die Antike einen angehenden Philosophen vor dem Selbstmord schützen könnte, wenn nicht der Umstand, daß Platon und Aristoteles keine Hosen trugen; die Hosen haben, mehr als man denkt, zum geistigen Aufbau Europas beigetragen, das ohne sie seinen klassisch-humanistischen Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Antike wahrscheinlich niemals losgeworden wäre. So ist es unser tiefstes Zeitgefühl, daß wir mit niemand tauschen möchten, der in unmodernen Kleidern lebt. Auch in der Kunst haben wir wohl deshalb mit jedem neuen Jahr das Gefühl des Fortschritts, wenn es vielleicht auch nur Zufall ist, daß die Bilderausstellungen zur gleichen Zeit kommen wie die neuen Moden, im Frühjahr und im Herbst. Aber dieses Gefühl ist nicht angenehm. Es ist wie im Traum, wo man auf einem Pferd sitzt und nicht herunter kann, weil es keinen Augenblick stillsteht.

Man würde sich gern über den Fortschritt freuen, wenn er bloß ein Ende hätte. Man würde gern einen Augenblick anhalten und vom hohen Roß zur Vergangenheit sprechen: Sieh, wo ich bin! Aber schon geht die unheimliche Entwicklung weiter, und wenn man das einigemal mitgemacht hat, so beginnt man sich jämmerlich zu fühlen, mit vier fremden Beinen unter dem Bauch, die unentwegt fortschreiten.

Und so sind zum Schluß doch die Mode und die Kunst, und die Liebe und die Begeisterung und die schönen Einfälle alle miteinander verwandt. Schrecklich, wenn man sich an alles erinnert, das man wichtig genommen hat. Die meisten Menschen, wenn man ihnen im vorgerückten Alter – phono- und kinematographisch festgehalten – noch einmal die heftigen Gebärden und großen Worte vorführen könnte, die sie gebraucht haben, würden sich wie irrsinnig vorkommen. Es liegt im Wesen des Irdischen eine Übertreibung, ein Superplus und Überschwang. Selbst zu einer Ohrfeige braucht man mehr als man verantworten kann. Aber schließlich verbrennt der Enthusiasmus, und man hat etwas in der Hand. Kinder bleiben davon übrig. Lebensstellungen, Prozesse, getane Reisen, Erfolge, und vor allem entsteht der in seinem soundsovielten Jahr befriedigt auf sein Leben zurückblickende Mann daraus, eine Person, um derentwillen wir alles in der Welt gerechtfertigt finden würden. Nur von der Kunst geht nichts aus, was ohne Enthusiasmus bestehen bleiben könnte. Sie ist sozusagen nur Enthusiasmus ohne Knochen und Asche, reiner Enthusiasmus, der zu nichts verbrennt. Sie ist nicht unsere Vergangenheit, sondern unser Vergangenes. Begreiflicherweise blicken wir es nicht wenig beklommen an, denn man bekommt es nicht oft zu sehen und hat keine Ahnung, aus wieviel Dampf man besteht.

Ich sage übrigens nicht, so muß es sein. Ich sage nur, so ist es meistens. Und selbst das wissen die meisten Menschen nicht.

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