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Essays

Robert Musil: Essays - Kapitel 6
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authorRobert Musil
titleEssays
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Über Sport

Als Papa Tennis lernte

[1931]

Als Papa Tennis lernte, reichte das Kleid Mamas bis zu den Fußknöcheln. Es bestand aus einem Glockenrock, einem Gürtel und einer Bluse, die einen hohen, engen Umlegekragen hatte als Zeichen einer Gesinnung, die bereits anfing, sich von den Fesseln zu befreien, die dem Weibe auferlegt sind. Denn auch Papa trug an seinem Tennishemd einen solchen Kragen, der ihn am Atmen hinderte. An den Füßen schleppten beide nicht selten hohe braune Lederschuhe mit zolldicken Gummisohlen, und ob Mama außerdem noch ein Korsett zu tragen hätte, das bis an die Achselhöhlen reichte, oder sich mit einem kürzeren begnügen dürfte, war damals eine umstrittene Frage. Damals war Tennis noch ein Abenteuer, von dem sich die verzärtelte heutige Generation keine Vorstellung mehr machen kann. O, rührende Frühzeit, als man noch nicht wußte, daß auf kontinentalen Tennisplätzen kein Gras gedeiht! Man behandelte es vergeblich mit der Sorgfalt eines Friseurs, der an einem an Haarausfall leidenden Kunden all seine Mittel versucht. Aber man konnte auf solchen Grasplätzen bei Turnieren unerwartete Erfolge erzielen, wenn der Ball zufällig auf einen Maulwurfshügel fiel oder der Gegner über ein Grasbüschel.

Leider hat man diese romantischen Tenniswiesen bald aufgegeben und den modernen Hartplatz geschaffen, wodurch ein ernster Zug in den Sport kam. Die Figuren verschwanden, die man anfangs hatte sehen können, wie sie, scharf visierend, mit turnerischer Geschicklichkeit das Racket einem Flugball entgegenstießen, und es bildeten sich überraschend schnell die Schläge aus, die heute noch gebraucht werden, mit ganz wenigen Ausnahmen, die erst später dazugekommen sind. Auch die Listen des Spiels waren bald beisammen und fertig; nur nannte man sie damals noch nicht Taktik und Strategie, wahrscheinlich, weil man vor Leutnants und geistigen Leistungen zu großen Respekt hatte. Das war aber viel zu bescheiden: Man wundert sich zuweilen über das Genie der Urmenschen, wenn man bedenkt, daß sie gleichsam aus dem Nichts heraus das Feuer, das Rad, den Keil, den Einbaum erfunden haben, und solche Urgenies der Tennisschläge sind wir gewesen, eure Eltern, liebe Kinder, wenn ich auch offen zugeben muß, daß man selbst nichts davon hat und es erst im Spiel der Geschichte bemerkt. Der Zeitgeist schafft sich eben seine Werkzeuge. Was nach uns gekommen ist, war ebensowohl ein großes Wachsen des Durchschnittskönnens wie der Spitzenleistungen, aber wir sind es gewesen, welche die Gnade dieses Jahrhunderts empfangen haben, und daraus leite ich auch die Berechtigung ab, einiges von solchen Angelegenheiten zu erzählen.

Um noch einen Augenblick beim Tennis zu bleiben: man konnte noch vor zehn oder weniger Jahren in diesem Sport gewisse Spuren der ursprünglichen Moral beobachten. Wenn man von einer anderen Sportstätte auf einen Tennisgrund kam, so war das, sofern man einen empfänglichen Blick für Kleidung hatte, nicht anders, als ob man von einem hellen, offenen Platz in einen hochstämmigen Wald träte. Hier reichten die Röcke noch bis zur halben Wade und die Taille bis zu den Handgelenken, als sich der Dreß anderswo längst schon auf die Größe eines Bogens Briefpapier, wenn nicht gar einer Eintrittskarte zusammengezogen hatte; ja, was die Herren angeht, so stecken sie bekanntlich heute noch in weißen Futteralen, und nur die Damen verlieren von den Armen und Beinen aus zusehends ihre Kleidung. Dieser konservative Grundzug des Tennis hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß es lange Zeit ein Sport der »Gesellschaft« gewesen ist, die es zum Vergnügen spielte und die Nacktheit nicht für einen neuen Geist hielt, sondern für ein Geheimnis des Garderobeschranks, das man nur selten tragen darf, weil es immer das gleiche bleibt. In ähnlicher Weise ist ja auch ein anderer Sport der Gesellschaft konservativ geblieben, das Fechten, diese schwarzseidene Kavalierskunst, deren Anblick, wenn sie öffentlich auftritt, mehr vom achtzehnten Jahrhundert an sich hat als von den Formen der Gegenwart, und an sportlicher Geltung denn auch weit zurücksteht. Das Fechten war ein ritterlicher Sport und also eigentlich überhaupt keiner, oder ist nur noch ein halb lebendiger, der trotz seiner hohen körperlichen Vollendung zusehen muß, wie ihn die Seele seiner Seele mit Boxern und Jiu-Jitsu-Kämpfern verlassen hat.

Seit Papa Tennis lernte, hat sich also immerhin einiges geändert, aber es betrifft mehr die Bewertung der Leibesübungen als diese selbst. Wohl gab es noch nicht die Verbindungen von Motortechnik mit menschlicher Kaltblütigkeit, aber von den eigentlichen »Körper-Sporten« standen die Wesenszüge schon fest, mit wenigen Ausnahmen wie Golf und Hockey, die man noch nicht kannte, und abgesehen von der technischen Durchbildung, die aber ziemlich stetig erfolgte; denn von »revolutionierenden« Stiländerungen fielen die der Reit-, Lauf- und Sprungtechnik schon in jene Zeit und sogar die Crawlmethode des Schwimmens, die erst später importiert worden ist, unterschied sich in der Arm- und Atemtechnik weniger von dem damals geübten Schnellschwimmen als dieses vom gemächlichen Mißbrauch des Wassers zur Großvaterzeit.

Was den Sport zum Sport gemacht hat, ist also nicht so sehr der Körper als der Geist. Ehe ich aber von diesem berühmten Geist beginne, muß ich eine Geschichte erzählen, die weitab davon anfängt, jedoch bald dahinführt. Man weiß, daß Wien die zweitgrößte deutsche Stadt ist; aber da ein großer Teil der Einwohnerschaft Wiens in Berlin wohnt, wo er sich als Schriftsteller, Ingenieur, Schauspieler und Kellner große Verdienste um die norddeutsche Sonderart erwirbt, bleibt zu Hause nicht immer genug übrig, was man außerhalb natürlich nicht so genau weiß. Aber so ist man auf einen Einfall gekommen, der sowohl für die Geschichte der Kultur wie für die des Sports sehr bezeichnend ist: Man baut nicht nur seit einem Jahr an einem großen olympischen Stadion, sondern opfert diesem auch die letzten Reste des Praters. Was das heißt, muß erklärt werden. Der Prater gehört zu den sieben Weltwundern, die ein im Ausland lebender Wiener aufzuzählen beginnt, wenn er Heimweh hat; sie heißen: Wiener Hochquellenwasser, Mehlspeisen, Backhendeln, die blaue Donau, der Heurige, die Wiener Musik und der Prater. Nun ist es freilich so, daß, wenn man Schönberg sagt, dieser Wiener die Assoziation Postamt W 30 oder Autobus 8 hat, dagegen bei Musik sicher nur an Johann Strauß oder Lehár denkt, auch ist die Donau nicht blau, sondern lehmbraun, und das Wiener Trinkwasser überaus kalkhaltig, aber beim Prater waren ausnahmsweise Ideal und Wirklichkeit im Einklang. Denn das war, eng an ja in die Großstadt geschlossen, ein stundenweiter Naturpark mit herrlichen alten Wiesen, Büschen und Bäumen; eine Landschaft, in der man sich als Mensch nur zu Gast fühlte; eine Überraschung, denn diese Natur war gut um hundert Jahre älter, als es die Natur ist, in deren Gesicht wir sonst blicken; kurz, es war eine jener Stellen, die man heute, überall, wo man sie noch besitzt, für unberührbar erklärt, aus irgendeinem Empfinden heraus, daß es doch noch etwas anderes als Kugelstoßen oder Autofahren bedeute, wenn sich der Mensch langsam, ja sogar oftmals stehenbleibend oder sich setzend, in einer Umgebung bewegt, die ihm Empfindungen und Gedanken eingibt, für die sich nicht leicht ein Ausdruck finden läßt. In der Zeit der Allonge-Perücken scheint man das gewußt zu haben, denn obwohl der Prater damals ein kaiserlicher Jagdpark war, worin man zur Hatz ritt, gibt es allerhand Zeugnisse dafür, daß dies nicht ganz ohne ein Empfinden für die Natur vor sich ging; in der langen Besitzerzeit Franz Josephs, wo sich unsere heutige Art zu leben und auszusehen herausbildete, hatte man wenigstens Scheu vor Änderungen und gab nur die Ränder frei, selbst der aristokratische Jockeiklub und der Trabrennverein mußten sich damit begnügen: erst seit wir uns selbst übergeben sind, und das ist eben das Bedeutsame daran, ist der Prater fast restlos zugrunde gegangen, was natürlich nicht hindern wird, daß wir weiter von ihm reden und nicht bemerken werden, daß er nicht mehr da ist. An seine Stelle sind Sportplätze verschiedenster Art getreten, die von Zäunen und Eintrittsschranken umgeben sind, und es ist das gerade so, wie es sein mußte, denn man hätte dafür weit geeignetere Gegenden finden können, aber keine so vornehmen, keine solchen Siegesplätze über die Natur, nichts, wo sich der lächerliche Anspruch der Leibesübungen, eine Erneuerung des Menschen zu sein, so naiv, so protzig, so instinktsicher ausdrücken könnte wie in diesem Zusammenhang.

Gegen die Tatsache, daß wir heute eine Körper-»Kultur« besitzen, ist also nichts zu machen. Aber wessen Geisteskind ist sie eigentlich? An dieser Stelle muß ich zugeben, daß ich selbst sehr viel Sport getrieben habe. Schon ich bin in meiner Jugend, wenn ich vom Kolleg kam, täglich auf den Tennisplatz gefahren, um mich einem scharfen Trainingsspiel zu unterziehen, oder ich wurde eine halbe Stunde lang von meinem Maestro di scherma hart hergenommen und abends dann noch einmal eine Viertelstunde, und schließlich kamen noch die Assauts mit den Klubgrößen, unter denen sich vielgenannte Fechter befanden. Ich habe an Fecht- und Tennisturnieren teilgenommen, konnte auf den Händen stehen, Salto zu Wasser und zu Lande machen und bin etliche Male auf Schwimm-, Ruder- und Segelunternehmungen beinahe ertrunken; ich glaube, genügende Beweise dafür zu besitzen, daß der Geist des Jahrhunderts rechtzeitig in mich gefahren ist. Aber wenn ich mich frage, was mir damit eigentlich geschah, so muß ich mir die Antwort sorgfältig überlegen: In der Hauptsache war es wohl wirklich eine blinde Kraft, die mich trieb, irgendein Nichtwiderstehenkönnen, sobald man die Sache kennengelernt hatte; aber sichtlich war sie auch vermischt mit jener lebensunkundigen Eitelkeit der Jugend, die an ihrem gesunden Körper nicht nur Freude, sondern ein Wundergefühl empfindet, weil in diesem Zaubersack noch alle Erfolge der Welt stecken, ohne daß eine Enttäuschung davorgekommen wäre. Auch die Suggestion, die im Erlernen jeder Sache liegt, wenn man sich ihm erst einmal hingegeben hat, darf nicht vergessen werden; hat man etwa hundert Stunden und Anstrengungen zum Opfer gebracht, so opfert man ihm auch die hundertunderste und beginnt damit eine neue Reihe: man wird in dieser Art beim Training von seinem Körper gleichsam an der Nase weitergeführt.

Neben diesen Illusionen gibt es in der Sportübung aber auch eine Fülle wirklicher kleiner geistiger Anregungen, die sie vor der Gefahr bewahren, bloß eine seelische Erkrankung zu werden. Ich will das kurz fassen, da es ohnehin oft genug hervorgekehrt wird: da sind Mut, Ausdauer, Ruhe, Sicherheit, die man auf dem Sportplatz zwar nicht für alle Fälle des Lebens, aber immerhin so erwirbt wie ein Seiltänzer das Gleichgewicht auf einem Seil, das in der Höhe von einem Meter gespannt ist. Man lernt, die Aufmerksamkeit zu sammeln und zu verteilen wie ein Mann, der mehrere Spinnstühle beaufsichtigt. Man wird angelernt, die Vorgänge im eigenen Körper zu beobachten, die Reaktionszeiten, die Innervationen, das Wachstum und die Störungen in der Koordination der Bewegungen, man erlernt die Beobachtung und Auswertung von Nebenvorgängen, die rasche intellektuelle Kombination; alles das ähnlich, wenn auch nicht in dem Maße wie ein Jongleur. Man erwirbt Bekanntschaft mit den Fehlleistungen, welche der wahrnehmbaren Müdigkeit voranschleichen; man lernt das eigentümliche Schweben zwischen zuviel und zuwenig Fleiß kennen, die beide schädlich sind, den gewöhnlich ungünstigen Einfluß der Affekte auf die Leistung und andererseits die beinahe mirakulöse Natur des besonders guten Gelingens, wo der Erfolg sozusagen schon vor der Anstrengung da ist. Und obwohl man alles das auch bei anderen Gelegenheiten, etwa beim Kartoffelgraben, kennenlernen kann, so faßt es der Sport doch in einer überaus zugänglichen und reizvollen Weise zusammen, wozu noch die Anregungen kommen, die das Kampfspiel gewährt, das Überlisten, die Schwankungen zwischen den Gegnern, die Einschüchterung und die Siegesgewißheit, und so vieles andere, was man etwas geschwollen als Taktik und Strategie des Sports bezeichnet.

Wie weitläufig wäre allein schon (obwohl sie gegeben werden kann) die Erklärung des Wunders, daß man auf die Entfernung des Anlaufs vorausbestimmen kann, mit welchem Fuß man abspringen wird! Das Wesen des Ich leuchtet in den Erlebnissen des Sports aus dem Dunkel des Körpers empor, und auch sonst leuchtet dabei allerhand Dunkles, aber dazu möchte ich nun auch gerne wissen, wie viele Sportsleute sich heute überhaupt herbeilassen würden, nach solchen Dingen zu fragen oder auf solche Fragen zu hören?! Sie haben es gar nicht nötig! Ich habe mir schon erlaubt, vom Triumph des Sports über die Natur zu erzählen, und entnehme nun noch seinen Triumph über die Kunst dem gleichen Vorfall, indem ich berichte, was weiter geschehen wird, wenn der letzte Baum des Wiener Praters Mitglied eines Sportvereins sein wird. Denn hier liegt bereits ein bemerkenswerter Vorschlag der Künstlerverbände vor, diese bloß vegetierenden Mitglieder zu Boden zu schlagen und, einstweilen wenigstens im Stadion, durch einen »Denkmalshain« zu ersetzen. »Künstlerische Durchorganisierung« nennt man das und begründet es mit den Worten: »Die Kunst soll diesmal nicht Ausstellungskunst sein, sondern im Dienste einer überwältigenden Idee stehn, nämlich der der Wiedergeburt des Leibes.« Nun, darüber ließe sich allerlei sagen. Die Not der bildenden Kunst ist groß, und das mag im Augenblick vieles rechtfertigen. Aber auch das Unvermögen, einen Akt zu bilden, den wir als unseren Ausdruck ansehen könnten, ist groß, und seit einem Menschenalter hat man darum die menschliche Plastik bald durch Walzen gezogen, bald unter Dampfhämmer gesetzt, aber ohne Erfolg, und wenn nun die Kunst, die uns einen Körper geben soll, nicht Schöneres und Tieferes findet als die Körper von athletischen Spezialisten oder überhaupt die von Athleten, so ist das zweifellos ein großer Triumph des Sports über den Geist.

Auf solche Ideen wäre ich bei meinen naiven körperlichen Anstrengungen seinerzeit gewiß niemals verfallen. Ich war fast ganz und gar ungeistig, nur um am nächsten Tag geistig frisch zu sein. Es kam mir beim Ringen wenig Seelisches in den Sinn, und wenn ich mich wie ein Tier betrug, so war mir eben gerade das erwünscht. Ich bin heute noch der Meinung, daß Geistesabwesenheit außerordentlich gesund ist, wenn man Geist besitzt, unter anderen Voraussetzungen jedoch auf die Dauer recht gefährlich! Aber wozu noch länger vom Geist des Sportsmanns reden, besteht doch das ganze Geheimnis darin, daß der Geist des Sports nicht aus der Ausübung, sondern aus dem Zusehen entstanden ist! Jahrelang haben sich in England Männer vor einem kleinen Kreis von Liebhabern mit der nackten Faust Knochen gebrochen, aber das war so lange kein Sport, bis der Boxhandschuh erfunden worden ist, der es gestattete, dieses Schauspiel bis auf fünfzehn Runden zu verlängern und dadurch marktfähig zu gestalten. Jahrhundertelang haben sich Leute als Schnell- und Dauerläufer, Springer und Reiter sehen lassen, aber sie sind »Gaukler« geblieben, weil ihre Zuschauerschaft nicht sportlich »durchorganisiert« gewesen ist. Zweiundzwanzig Männer kämpfen mit der Mäßigung von Berufsmenschen um einen Fußball und einige Tausende, von denen die meisten einen solchen Ball niemals berührt haben, geraten in die Leidenschaft, die sich die Ausübenden ersparen. So entsteht der Geist des Sports. Er entsteht aus einer umfangreichen Sportjournalistik, aus Sportbehörden, Sportschulen, Sporthochschulen, Sportgelehrsamkeit, aus der Tatsache, daß es Sportminister gibt, daß Sportsleute geadelt werden, daß sie die Ehrenlegion bekommen, daß sie immerzu in den Zeitungen genannt werden, und aus der Grundtatsache, daß alle am Sport Beteiligten, mit Ausnahme von ganz wenigen, für ihre Person keinen Sport ausüben, ja ihn möglicherweise sogar verabscheuen. Sofern man nicht an der Sache verdient, gibt man ihr eben nach. Man fühlt ein Vakuum, in das sich der Sport stürzt. Man weiß eigentlich nicht recht, was sich da stürzt, aber alle reden davon, und so wird es wohl etwas sein: so ist immer das zur Macht gekommen, was man ein hohes Gut nennt.

Wie ungerecht nur, daß man in diese Kultur noch nicht die Jongleure, überhaupt die Varieté- und Zirkuskünstler einbezogen hat, und vor allem: welches moralische Problem des kommenden Sportzeitalters liegt in der Vermählung von Erwerbssinn und körperlicher Geschicklichkeit bei den Taschendieben!

Kunst und Moral des Crawlens

[1932]

Lieber Ferdi, Sie scheinen trotz Ihrer neunzehn Jahre noch ein Anfänger zu sein, weil Sie mich fragen, ob Crawlen eine Kunst oder eine Wissenschaft sei. Ich habe schon von vierzehnjährigen Knaben die entschiedene Erklärung empfangen, daß es eine Wissenschaft ist, und Siebzehnjährige zeigten sich fest überzeugt, eine Kunst auszuüben. Zweifeln ist nicht zeitgemäß. Aber ich will Ihre Frage, so gut ich es vermag, beantworten und so gescheit, daß Sie es mit den berühmtesten Hydrozephalen sollen aufnehmen können:

Das Paradoxon des Crawlens heißt: a < c und b < d, und trotzdem a + b > c + d. (Falls Sie sich gegen das Erlernen der Mathematik ablehnend verhalten haben sollten: < bedeutet kleiner als, > größer als.) In Worten: Du schwimmst mit den Beinen allein oder mit den Armen allein in der Art der Crawlbewegung schlechter als in der gewöhnlichen, trotzdem mit Armen und Beinen zusammen viel schneller.

Woher kommt das? Welche physikalischen oder physiologischen Vorgänge erzeugen diesen Bewegungswiderspruch? Ich gestehe Ihnen meine ursprüngliche Hoffnung, in der Beantwortung dieser Zwischenfrage die Grundlage für unser Streben nach der Entscheidung Kunst oder Wissenschaft zu finden. Man kann ja in der »Geschichte« des Schwimmens auf den ersten Blick eine steigende Stufenleiter der Schwierigkeit wahrnehmen, und zwar so, daß in den aufeinander folgenden Schwimmarten nicht etwa das Erlernen, wohl aber merkwürdigerweise das Begreifen des Erlernten schwerer wird. Das gewöhnliche Brustschwimmen ist in seinem Grundtypus ein ganz verständiges Sich-einen-Weg-durchs-Wasser-Bahnen, nicht viel anders, als man es durch jede andre Menge täte. Das Spanische Schwimmen, das darauf folgte, war ihm in der Beinarbeit ähnlich, und auch der raumgreifende, schnellere, trotzdem die Atmung schonendere, Durchzug der Arme kam dem Verständnis entgegen. (Sie wissen? Diese Armbewegung war der des Crawlens ähnlich, nur griff sie weiter vor, kam flacher ans Wasser und wurde nicht nur gegen den Körper, sondern auch noch an ihm vorbei durchgezogen.) Aber schon der gerissene Beinschluß bei beiden Arten, gar die Schere, die man manchmal sah (Beinschluß mit leichter Kreuzung), das Walzen vieler guter »Spanier«, das Strecken oder weiche Durchhängen des Körpers waren in ihrer Wirkung hydrodynamische Geheimnisse. Vollends nun beim Crawlen kommt man mit der einfachen Mechanik der schiefen Ebene nicht mehr aus. Da müßte man wohl Stromlinien, Wirbel, Druckgefälle, Gleitwiderstände und andre Plagen der Theorie der Bewegung eines festen Körpers in Flüssigkeiten aus dem Schiffs-, Turbinen- und Flugzeugbau heranziehn, um erst am Ende auf den naheliegenden Gedanken zu kommen, daß der Körper, mit dem man es zu tun habe, gar kein fester, sondern ein elastischer und in sich veränderlich bewegter sei. Immerhin sollte es auf diese Weise möglich sein, wenigstens im Rohen ein Bild der physikalischen Verhältnisse zu gewinnen, die den Auf- und Vortrieb bei den verschiedenen Techniken des Schwimmens zustande bringen, und schon das würde genügen, um der Ausbildung dieses Sports gewisse Richtungen zu weisen, abgesehen davon, daß eine solche Untersuchung an sich nicht ganz ohne Reiz wäre.

Nicht weniger wäre auch von einer biomechanischen, auf die Möglichkeiten des Körperbaus gegründeten, Betrachtungsweise zu erwarten, die das Schwimmen des Menschen mit dem der Tiere vergleicht. Wir sind im Wasser Vierfüßler. Die natürlichen Versuche eines »Nichtschwimmers«, sich über Wasser zu halten, haben bekanntlich große Ähnlichkeit mit dem Schwimmen des Hundes, noch größere mit dem des Affen, soweit ich mich nach ein paar Beobachtungen an dieses erinnern kann. Geht man davon aus, so erscheint das Crawlen als eine Rückkehr zur Natur ein abgefeimtes Nichtschwimmen, das allerdings auch mit allerhand Bewegungselementen versetzt ist, die dem Körper von Robben, Seehunden und südlicheren Meisterschwimmern abgeguckt sind; und dazwischen, aber abseits von dieser geraden Entwicklungslinie, wäre dann wohl erst das Brustschwimmen einzuordnen, als der ursprüngliche Versuch, besser zu schwimmen, als es einem von Natur gegeben ist, der sich scheinbar nach irgendwelchen rudernden Wassertieren, Käfern, Kröten oder ähnlichen, gerichtet hat.

Ich glaube, daß solche Untersuchungen recht fesselnd sein könnten, und auch in dem Wunsch, Ihnen einen Gefallen zu erweisen, da Sie doch nun einmal Ihren Sport »ernst« nehmen wollen, habe ich mich bemüht, physikalische und biologische Literatur darüber aufzutreiben. Ich will nicht behaupten, daß es keine solche gibt, da ich nicht genug Zeit hatte, alle Möglichkeiten zu erschöpfen, aber das eine kann ich Ihnen melden, daß in der größten technischen Bibliothek Deutschlands bei Benutzung der Kataloge und aller üblichen bibliographischen Hilfsmittel keine einzige solche Behandlung unseres Gegenstands nachzuweisen war.

Demnach scheint Crawlen also doch noch keine Wissenschaft zu sein.

Das ist sehr bitter, denn dadurch rückt es in den Bereich der Kunst und der Persönlichkeit. Wahrhaftig haben Sie mich ja auch gleich gefragt, was es bedeute, daß das Crawlen nach einem Stil geübt werde, genau so wie die Kunst, und worauf ein solches Phänomen wie Stil überhaupt hinauskomme. Sie werden natürlich selbst beobachtet haben, daß alle Arten des Crawlens, wie es nicht anders sein kann, gewisse Eigentümlichkeiten gemeinsam haben, so die im allgemeinen flache Lage des Körpers, die weiche Streckung des Beins, die gestielt-blattartige und fliegenklappenähnliche Mitbewegung des Fußes; auseinander gehen dagegen die Meinungen zum Beispiel über die Zahl und Skandierung der Fußschläge im Verhältnis zum Armtempo, über den Weg des Arms, über den Grad der Körperstreckung und vor allem über das Zusammenwirken dieser Einzelheiten. Muß man durch irgendwelche Umstände mehrmals den Lehrer wechseln, so gerät man unweigerlich in die Gefahr des Ertrinkens. So zeigt sich der Stil. Ungefähr ebenso klar wird er sich Ihnen zeigen, wenn Sie Gelegenheit haben, ihn an berühmten Schwimmern zu beobachten: Jeder macht jedes in seiner Weise. Betrachten Sie die Figuren, so finden Sie alle Arten von ihnen auch innerhalb der gleichen »Strecke«, obwohl sich doch Körperbau und Leistung gegenseitig beeinflussen. Mann und Frau, ohne Zweifel ungleiche Verhältnisse dem Wasser darbietend, schwimmen trotzdem in keinem auffällig verschiedenen Stil. Ja sogar der Anteil der Beinarbeit, der am geheimnisvollsten aussieht, versetzt uns nach langer Enträtselung erneut in Bestürzung, da es sich herausgestellt hat, daß auch ein Mann, dem ein Fuß fehlt, einer der besten Schwimmer werden kann.

Ihre Frage, was Stil sei und bedeute, möchte ich also doch lieber nicht auf einem Gebiet beantworten, das so anstrengende Ansprüche an den Geist stellt wie der Sport, ja ich möchte sie überhaupt nicht beantworten. Nur soviel davon: Von Stil spricht man immer dort, wo eine Leistung nicht eindeutig abgefordert ist, wo ein gewisses arbiträres Verhältnis zwischen Aufgabe und Lösung herrscht. Er ist ein Ersatz der Normierung, aber keineswegs ein willkürlicher. Denn dem Stil liegt immer eine mit oder ohne Bedacht ausgefeilte Methode zugrunde, die sich in ihrer Art vervollkommnen läßt, bis ein Punkt erreicht wird, wo es so nicht weitergeht. In diesem Sinn hat die Schönheit Stile, und nahe verwandt damit sind die Moden, aber das Wesentliche daran ist nicht etwa, daß der Geschmack ein anderer wird, sondern daß er der gleiche bleibt, nämlich ein Etwas, dem es im Grunde nie klar ist, was es will. Wir scheinen die merkwürdige Eigenschaft zu haben, daß wir, wenn wir einmal etwas wollen, es so lange weiter wollen können, bis nichts mehr zu wünschen übrigbleibt, daß wir aber im ganzen nicht wissen, was wir wollen sollen. So verhält es sich ja meistenteils auch in der Kunst, wo die Stile aufblühn, in sich dicht werden und vermorschen wie die Bäume. Und so kann man sogar von Stilen der Moral reden, was verrät, daß diese nicht so sicher ist, wie sie selbstsicher tut.

Wenn Sie das nun auf das Crawlen anwenden wollen, so werden Sie erkennen, daß wirklich auch da der Stil die Kunst ist, eine Unwissenheit auszugleichen, in diesem Fall die um die rationellen Bedingungen des Schwimmens, die herauszubekommen bei einer verhältnismäßig so einfachen Zweckhandlung mit der Zeit sicher gelingen wird. Dann wird es nur noch soweit Stil geben, als die verschiedenen Arten der körperlichen Anlage verschiedene Ausnutzung verlangen, und etwa noch soviel wie bei einem Rennboot, das doch immer eine Individualität ist, wenn es auch nach noch so genauen Formeln gebaut wird. Höhere geistige Vorgänge, wie etwa bei den eigentlichen Kampfsporten oder beim Reiten, wo das Verhalten zu einem zweiten Wesen mit ins Spiel kommt, werden vom Schwimmen wenig in Anspruch genommen. Aber indem ich das Wort höhere geistige Vorgänge niederschreibe, brennt mir auch schon die Warnung auf der Zunge, die ich bisher zurückgedrängt habe: Suchen Sie auf keinen Fall im Sport das Hohe, sondern nimmer nur das Niedere! Das wird heute im Wert verwechselt und auf eine Weise, die so eigentümlich ist, daß ein paar Worte darüber schon wirklich lohnen.

Wir hören es nie anders, als daß der Sport menschlich erziehe, worunter ungefähr verstanden wird, daß er seinen Jüngern allerhand hohe Tugenden, wie Freimut, Verträglichkeit, Redlichkeit, Geistesgegenwart, klares und schnelles Denken verleihe. Nun, Sie wissen es: der große Sportsmann ist nicht nur ein Genie, sondern – solange er keine Prozente nimmt – auch ein Heiliger. In Wahrheit würde aber, ebenso ernst genommen, auch jede andere Beschäftigung die gleichen Tugenden verleihn, und was der Sport moralisch noch anderes bewirkt, ist höchstens eine Verfassung gelassener Nettigkeit und Aufmerksamkeit auf sich und andere, wie man sie auch aus den erschlossenen ersten Tagen eines Sommeraufenthalts kennt, und jenes sichere Verhältnis zur Natur, das sich in dem Gefühl äußert, man könnte Bäume ausreißen. Im Sport die Ausbildung höherer moralischer und intellektueller Fähigkeiten zu suchen, kommt von jener veralteten Psychologie, die geglaubt hat, das Tier sei entweder eine Maschine, oder es müsse, wenn es eine Wurst sehe, einen Syllogismus von der Art bauen: das ist eine Wurst, alle Würste sind wohlschmeckend, also werde ich jetzt diese Wurst essen. Nun ist das Tier aber weder eine Maschine, noch baut es Syllogismen, noch schließt und urteilt der Mensch in reizvollen Lagen so. Sondern was bei Tier und Mensch stattfindet, ist bei schnellen Handlungen ein geschichtetes Ineinandergreifen von artmäßig und persönlich festgelegten Verhaltensweisen, die beide fast mechanisch auf äußere Reize »ansprechen«, dazu eine vorausgestreckte Aufmerksamkeit, die auf ähnliche Weise das schon bereitstellt, was in der nächsten Phase in Anspruch genommen werden wird, und schließlich ein dauerndes, völlig unbewußtes Anpassen der vorgebildeten Reaktionsformen an das augenblicklich Erforderliche: auch ein Mensch vollführt die verwickeltsten Handlungen ohne Bewußtsein, ohne Geist, woraus man ja vielleicht auch schließen darf, daß die Rolle des Geistes nicht die ist, eine im Sport zu spielen.

Es ist kein unwitziger Widerspruch, daß es heute über solche Fragen sehr eingehende Untersuchungen von Philosophen und Biologen gibt, die den Begriff der menschlichen Genialität gerade dadurch neu aufbaun, daß sie ihn über einer tieferen Erforschung der tierischen Natur errichten, während unsere Sportschriftsteller noch immer dabei sind, den Besitz der sittlichen plus der theoretischen Vernunft für eine selbstverständliche Voraussetzung des Crawlens und des Sports zu halten.

Durch die Brille des Sports

[Studie]

Der Sport ist bei uns ungefähr zur gleichen Zeit Mode geworden wie die große Hornbrille. Ich will nichts gegen die Hornbrille sagen, sie ist kleidsam, hat dadurch Unzähligen den Mut zu ihrer Kurz- oder Weitsichtigkeit gegeben und verleiht ihren Trägern eine gewisse Liebe zur Intelligenz, was nach Platon der erste Schritt zu deren Erwerb ist. Ich will ja aber auch gar nichts gegen den Sport sagen; die folgenden Bemerkungen sollen im Gegenteil einem gewissen Zusammenhang zwischen Sport und Brille dienen und verstehen lassen, daß sich der Sport heute bei uns schon der Würde der Brille nähert. (Während er sich auf der anderen Seite fest im Ernst des Geschäftes verankert.)

(Der aktive Sportsmann: Stoppuhr, Metermaß. – Allerdings sonderbares Wohnen in einem solchen Körper. Aber welche Stupidität im Training. Welche Wiederholung, Schulzwang und -öde. Aber wozu vom aktiven reden, die Nation besteht aus den passiven! – Bei uns besonders: Ersatz für den Reserve-Leutnant. Aber auch Frankreich.)

 

Ich will darum gleich strenge, erkenntnistheoretische Forderungen an den Anhänger des Sports stellen. Er denke daran, daß sich ein Geigenspieler mit einem Klavierspieler vergleichen läßt, denn es läßt sich sagen, wer von beiden der größere Musiker ist. Man kann sogar von einem Musiker und einem Maler sagen, wer von beiden der größere Künstler sei. Man kann einen Künstler etwa an einem Politiker messen und herausfinden, welcher der größere Reklamefachmann sei. Aber kann man einen Hoch- mit einem Weitspringer vergleichen? Das bereitet mir ernste Sorgen um die Zukunft und die seelische Vertiefung des Sports!

Auf allen anderen Gebieten gibt es nämlich schon von altersher ein dichtes Netz von Kreuz- und Querbeziehungen (weiß Gott warum!), einen Hoch- mit einem Weitspringer kann man aber höchstens in ihrem »Stil«, gewöhnlich aber nur durch ihr Verhältnis zum Rekord ihrer Disziplin, also mit Hilfe der Zentimeter vergleichen, um die sie von der Zwei- und Achtmetergrenze abweichen. Man müßte der Idealfigur des Sportsmanns auf den Statuen, die ihr errichtet werden, also eigentlich ein Metermaß in die Hand geben, wie es die Schneider um den Hals tragen, und nicht nur das Lorbeerreis. Denn die Wahrhaftigkeit ist doch eine der obersten Eigenschaften, zu denen uns der Sport erziehen soll? Und es bleibt auch nichts übrig als sich einzugestehn, daß die »Befreiung der Seele vom nüchternen Messen und Wägen des Alltags«, die uns einige mit Federn ausgestattete Begleitpersonen des Sports verkünden, ihre Schwierigkeiten in sich hat.

 

Ich möchte da zu Hilfe kommen, und weil ich selbst ein alter Sportsmann bin, einige Beobachtungen und Fragen mitteilen.

Warum bringt man den Sport nicht in Zusammenhang mit den mystischen Bedürfnissen des modernen Menschen, die andere sind als zur Zeit der Scholastik? Ich habe gelesen, daß das in Amerika schon mit Erfolg geschieht, und da der Mensch in seinen Zeitungen viel mehr vom Sport liest als von der Theologie, ist das sehr begreiflich. Wenn der Mensch am Steuer eines sehr schnell fahrenden Kraftwagens sitzt, wenn er scharfe Flugbälle placiert oder ein Florett führt, hat er in einem kleinsten Zeitraum und mit einer Schnelligkeit, wie sie im bürgerlichen Leben sonst nirgends vorkommt, so viele genau auf einander abgestimmte Akte der Bewegung und Aufmerksamkeit auszuführen, daß es ganz unmöglich wird, sie mit dem Bewußtsein zu beaufsichtigen. (Das berühmte Unterbewußte benimmt sich gesund.) Im Gegenteil, man muß einige Tage vor dem Wettkampf sogar das Training einstellen, und das geschieht aus keinem anderen Grund, als um den Muskeln und Nerven die letzte Verabredung untereinander zu ermöglichen, ohne daß sie von Wille, Absicht und Bewußtsein dabei gestört werden. Das ist einer der größten Reize des Sports. Im Augenblick der Ausführung springen und fechten dann die Muskeln und Nerven mit dem Ich, nicht dieses mit ihnen, und sowie nur ein etwas größerer Lichtstrahl von Überlegung in dieses Dunkel gerät, fällt man schon aus dem Rennen. Das ist aber nichts anderes als ein Durchbruch durch die bewußte Person, eine Entrückung.

Noch erheben unsere Sportsleute nicht den Anspruch, heilig gesprochen zu werden. Wenn sie es aber einmal tun sollten, wären ihren Wortführern diese Beobachtungen sehr zu empfehlen.

Das Wohlgefühl, für Genies zu gelten, haben sie beinahe schon hinter sich.

Es ist schon recht lange her, daß man zum ersten Mal in einer Zeitung das Wort »das geniale Rennpferd« hat lesen können, und ich glaube, es ist auf Grund einer Verwahrung geschehen, die ein Rennverein bei dem Sportredakteur damit begründete, daß von manchen Fußballspielern oft gesagt werde, sie seien Genies des »Grünen Rasens«, was den Pferden etwas vorenthalte, das auch ihnen zukäme.

Und dieser Reiterverein hatte recht. Vordem hatte man nur von genialen Entdeckern, Tenören oder Schriftstellern gesprochen; das war in der Zeit, wo [man] sich noch an einem vagen Idealismus beduselte, ehe man sachlich wurde. Es hat sich dann herausgestellt, daß man gar nicht wußte, ob diese Genies wirklich genial gewesen seien. Wie will man das auch zum Beispiel bei einem Schriftsteller entscheiden?! Alle Schriftsteller haben Rezensionen, worin es ihnen versichert wird. Manche haben mehr davon, aber das beweist, sagen ihre Gegner, geradezu schon ihre Trivialität. Will man also genau sein, so wird wohl nichts übrigbleiben als den Begriff des Genies psychotechnisch zu normen. Sein Hauptbestandteil ist das Unvergleichliche und dieses läßt sich natürlich auf Geschwindigkeiten, Muskeln, körperliche Treffsicherheit udgl. eindeutiger anwenden als auf geistige Leistungen. Andere Bestandteile, wie Kampfmut, Genauigkeit der Arbeit, Ehrgeiz, Konzentration, Wendigkeit, wichtige Kombinationsgabe vor auftauchenden Hindernissen, das heißt Urteilsfähigkeit und Assoziationsgeschwindigkeit finden sich in Brust und Gehirn eines genialen Rennpferdes genau so entwickelt wie in denen eines Dichters. Die eindringende Psychotechnik wird nur einen einzigen Unterschied bestehen lassen: den der Zusammenfassung dieser Fähigkeiten zu der Art der Leistung und der Person. Aber unter den Leistungen sind es heute schon die körperlichen, die fast allen Menschen Vergnügen machen, was man von den geistigen nicht sagen kann, und was die Personen angeht, so hat man sich eben von den menschlichen zu den pferdlichen gewandt, weil man über die ersteren nicht einig werden konnte. Ich glaube, die Pferde werden es bald satt haben, Semiramis und Charlemagne zu heißen, oder höchstens es beibehalten, um einen Pferdekalender zu stiften, nach dem man unsere Enkel benennen kann.

(Es ist das Wunderbare, daß man wie ein Pferd ist; aber man soll nicht glauben, das sei der Übermensch.)

 

Ich darf das Verlangen nach einer philosophischen Begründung der Jetztzeit, wenn es auch wahrscheinlich überall vorhanden ist, doch nicht zu sehr ermüden. Darum zum Schluß nur noch einige kurze Bemerkungen:

Es ist einseitig, wenn man immer nur schreibt, daß der Sport zu Kameraden mache, verbinde, einen edlen Wetteifer wecke; denn ebenso sicher kann man auch behaupten, daß er einem weit verbreiteten Bedürfnis, dem Nebenmenschen eine aufs Dach zu geben, oder ihn umzulegen; entgegenkommt, dem Ehrgeiz, der Überlegene zu sein (überhaupt sollte man nicht zu sehr dem Sport das Feigen-Familienblatt vorhängen. Es ist eine schöne Sache, aber kein rauschendes Bächlein), und überhaupt eine grandiose Arbeitsteilung zwischen Gut und Bös der Menschenbrust bedeute. Es mag schon so sein, daß zwei Boxer, die sich gegenseitig wund schlagen, dabei füreinander Kameradschaft empfinden, aber das sind zwei, und Zwanzigtausend schauen zu und empfinden ganz etwas anderes dabei. Wahrscheinlich ist aber gerade das Zuschauen von einem Sitzplatz aus, während andere sich plagen, die wichtigste Definition der heutigen Sportliebe, und diese wird immer vernachlässigt. Das gleiche ist im verkleinerten Maßstab auf den Sportplätzen der Fall.

Man nennt, die sich plagen, die Heroen. Und das hat man immer getan. So ist man vom Geist (der Moral) auf den Sport gekommen, und wenn er es nicht anders macht, werden die Sportsleute bald wieder nur für Narren gelten wie die Dichter.

Randglossen zu Tennisplätzen

[Studie]

1.

Wie lange mag es her sein, daß dieser Sport sich einzubürgern begann? Vielleicht 25 Jahre. Damals galt es für etwas sehr Gewagtes, daß die jungen Mädchen stundenlang allein mit den jungen Männern spielten. Die jungen Männer waren in Hemdsärmeln, manche trugen sogar keine Krawatte und erlaubten sich den obersten Hemdknopf zu öffnen, so daß man nicht sicher war auf den Anblick von Brusthaaren zu stoßen. Die jungen Mädchen behaupteten, daß man im Mieder schlecht spiele, weigerten sich, mehr als einen Unterrock zu tragen, und behaupteten in ihrem Eifer, daß ihre Gegner auf den Ball achten würden, aber nicht auf ihre beim Lauf schwankenden Brüste.

Ich bin dieser Tage nach langer – freilich nicht so langer Zeit zum erstenmal wieder auf einen Tennisplatz gegangen. Irgend etwas beunruhigte mich; ich kam gar nicht gleich darauf; endlich begriff ich, daß ich lange keine so angezogenen Damen gesehen hatte. Als ob ich in die Zeitmaschine geraten und um Jahre zurückgedreht worden wäre. Das waren solide Leinen- oder Flanellröcke, die weit unter die Knie, bis unter die Hälfte der Wade reichten und durch viele Plisseefalten noch undurchsichtiger wurden, als es schon ihrem soliden Stoff entsprach, und die Ärmel waren zwar an den Schultern weggeschnitten, aber so dezent, daß man selbst beim Service nicht die Haare unter den Achseln sah. Eine bekannte deutsche Spielerin hatte herrlich gebräunte Arme und Beine von der gleichen Farbe, die in kurzen Söckchen staken; es war am ersten Tag des Turniers die große Sensation, nach der einer der Zuschauer den andern fragte, ob diese Beine nackt seien, aber gegen Abend war es entschieden, daß diese hübsche Dame raffinierte Strümpfe trug. Sie trug auch große Ohrringe, die bei jeder heftigen Bewegung neben ihrem Gesicht baumelten. Nicht groß und etwas breit gebaut, erinnerte sie in der diskretesten Weise an ein schönes Südseemädchen, hüpfte kannibalisch auf beiden Beinen von einer Seite zur andern und hob das Knie gegen die Nase bei jedem starken Schlag, den sie führen mußte. Überhaupt kommt der unsportliche Beobachter beim Spiel der Damen zu lohnenden Eindrücken. Diese heftigen Bewegungen, welche ein scharfer Schlag, gespannte Aufmerksamkeit und rascher Start der Beine hervorrufen, entkleiden den Körper sozusagen durch Betonung seiner Kinetik und Vorführung seiner anatomischen Funktion. Das ist so stark, daß es selbst durch Automobilpelze dringen würde. Dennoch ist die Dezenz der Kleidung fast ebenso stark, und das Kompromiß, welches entsteht, ist voll spannender Andeutung und das Herz quälender Verschleierung. Zu einer Zeit, wo jede bessere Berliner Familie einen nackten Gauguin oder Pechstein im Speisezimmer hängen hat, wo die jungen Mädchen in Hosen reiten, bergsteigen, radfahren oder gar in ärmel- und hosenlosen Badetrikots auf dem Pferderücken sitzen, berührt das wie ein Hauch entschwundener Entzückungen, fast wie ein Menuett auf einer alten kleinen Spieldose, und ist zumindest so, wie wenn alte Herren sich an die vielen Gasflammen erinnern, welche im Zirkus brannten, und an die dicken, aprikosenroten Trikots, welche erst über den Knien von den schwankenden Gazeröckchen verdeckt wurden.

2.

Ich habe [Otto] Froitzheim im Jahr 1914 spielen sehn. Ohne Absicht; ich kam zu einem kleinen Turnier, und da spielte gerade ein junger Mann, der mir im ersten Augenblick durch nichts Besonderes auffiel. Nachdem ich eine Weile zugesehn hatte, kam mir, ich möchte sagen: eine ungeheure Langweile dieses Spiels zu Bewußtsein, ohne daß ich mich selbst langweilte. Es fiel mir geradezu dadurch auf, daß es mich, den Zuschauer, lähmte ohne mich forts(g?)ehn zu machen, und nach abermals einer Weile hatte ich begriffen, daß dieser Spieler vor mir ein Genie der Langeweile war. Das war Froitzheim. Ich kenne nur ein einziges mit diesem Eindruck verwandtes Beispiel, einen seinerzeit sehr berühmten deutschen Roman. Der Ball Froitzheims ging mit der Regelmäßigkeit eines Pendels in einem so hohen Bogen über das Netz, wie man ihn an guten Spielern nicht gewohnt war, was dem Spiel etwas scheinbar Weiches und Unbedeutendes gab, aber er traf mit der gleichen Regelmäßigkeit immer die Grundlinie, keine Handbreite davor noch dahinter, traf sie immer (gewöhnlich) an einer Stelle, zu welcher der Gegner erst hinlaufen mußte, kehrte nach den gefährlichsten Schlägen des Angreifers immer wieder zurück, und wenn man genauer zusah, bemerkte man, daß der scheinbar in gemächlichem Bogen fliegende Ball einen enormen Druck hinter sich hatte und eine lebendige Kraft in sich barg, die ihn gefährlicher (unaufhaltsamer) vom Boden auf und davon schnellen machte als die eindrucksvollsten Bälle anderer. Damals war Froitzheim, wenn ich nicht irre, einer der Anwärter auf die Weltmeisterschaft [1914 Vierter der Tennis-Weltrangliste, 1907, 1909-11 Internationaler Deutscher Tennismeister, desgleichen 1921 und 1925].

Als ich ihn jetzt wiedersah, war er vielleicht nicht in Form, aber er glich nur dem Schatten seiner selbst. Sein Spiel war abwechslungsreicher geworden, aber es hatte die Unbestechlichkeit und geheime Härte verloren. Viele Bälle gingen daneben, und viele an ihm vorbei. Er gewann mühsam den ersten Satz gegen das junge tschechische Phänomen Kozeluh, verlor glatt den zweiten, knickte ein und gab auf. Ich hatte nicht den Eindruck, daß sein Gegner besser spielte als der Froitzheim von 1914, noch daß Froitzheim, wie die ihm freundlichen Berichterstatter schrieben, gegen die Jugend des Zwanzigjährigen unterlag, denn er hat sich einen prächtigen Körper bewahrt, und hier beginnen die Fragen.

3.

Weshalb (Wodurch) verliert man ein Spiel? Die Antwort lautet: durch die eigenen Bälle, die man »Aus« oder ins Netz schlägt, und nicht durch die Schärfe des Gegners. Ich kann das nur gefühlsmäßig behaupten, aber ich glaube, eine Statistik würde es bestätigen, daß selten ein Ball so scharf oder die Taktik des Gegners so überraschend ist, daß man nicht darauf erwidern kann, und daß in den meisten Fällen der Zuschauer an einer undefinierbaren Eigenheit der Bewegung vorausweiß, daß der Ball fehlgehen wird. Es stimmt damit überein, daß fast alle Spieler im »Einzel« unter ihrem Können auf sicher spielen und den Gegner (aber auch das Publikum) zu Tode langweilen.

Es stimmt ferner damit überein, daß sie im Doppelspiel weit amüsanter sind, weil sie die geteilte Verantwortung beruhigt und sie gewissermaßen von einer perpetuellen Ausrede auf ihren Mitspieler zehren.

Diese Frage scheint also eine psychologische zu sein.

Der Praterpreis

[Studie]

(Wenn der Titel einmal groß gedruckt dasteht, kann man ja zugeben, daß er falsch ist; der wahre müßte heißen: X. Internationales Lawn-Tennis-Turnier veranstaltet vom Wiener Athletiksport-Club, Herren-Einzelspiel um die Meisterschaft von Österreich usw. Aber die Plätze dieses Clubs liegen unter schönen alten Bäumen im Prater, eines der den Hauptkampf umrahmenden Wettspiele hieß der Praterpreis, und so kam es eben.)

Ich lese seit Jahren alle Sportberichte, deren ich habhaft werden kann. Man lernt sehr viel dabei. Vor allem verschiedene Sprachen. Das Landen eines Kinnhakens, das Eintreten eines Balls, das Bedecken einer Strecke in so und soviel Sekunden sind im Vergleich zu andren gutartige Neubildungen. Ich liebe diese Ausdrücke und sammle sie gelegentlich. Die einwandfreie Leiche (eines Gehenkten, gesunden Toten) ist ein schönes Beispiel aus der Ärztesprache, das bei Knochentransplantationen seine Rolle spielt. Es ist bekannt, daß das Welsch der Landstreicher, der Jäger, der Seeleute von sprachbelebendem Einfluß war; unsere Sportsprachen haben auch noch Schöpfungskraft, aber ihr Unglück ist, daß die Dichter nicht Sport treiben und die Zeitungsberichterstatter über ihn schreiben. Dadurch geht das aus der Physiognomie eines Sports und im Kreis von wenigen hundert Menschen geborene Wort, die ihn aktiv ausüben, nicht den Weg durch einen Menschen, der es mit allen Sinnen aufnimmt, sondern unmittelbar durch das Gedächtnis hinaus zu Millionen Zeitungslesern, die seit einigen Jahren in allen Zungen des babylonischen Sportturms reden lernen. Ich will den Sportjournalisten (Berichterstattern) nicht nahetreten, aber ich glaube nicht, daß viele unter ihnen von Sport etwas verstehn (wirklich Sportsleute sind). In der Mehrheit dürften viele von diesen Journalisten noch die heute glücklicherweise abnehmende Überzeugung haben, daß ein guter Journalist über alles schreiben können muß, so wie man in der alten österreichischen Armee dem k. u. k. Leutnant einprägte, daß er, so er den Befehl dazu bekomme die Peterskirche zu bauen, imstande sein müsse, sich zu orientieren und dann mit seinem Zug den Auftrag auszuführen. Das ist ein schöner esprit du corps, aber er führt nicht zu sachlichen Leistungen. Er führt nur dazu, daß sich der Berichter mit raschem Eifer die verschiedenen Stalljargons aneignet und sich dann bestrebt, in dieser Ausdrucksweise Weltgeschichte zu schreiben. In Deutschland ist man darin noch nicht so weit wie in Österreich, wo die Zeitungen glauben, durch tägliche seitenlange Fußballberichte Lesermassen zu gewinnen. Es ist ihnen nicht zu verdenken, daß der Berichterstatter, auf diesem Gebiet übrigens oft wirklich zu Hause und kritischer Würdigung fähig, hier in den Fehler verfällt, da ihm mehr Raum zur Verfügung steht als allen Künsten und Wissenschaften zusammen, vom genialen Ferdl Swatosch zu schreiben und (oder) die Heroen des Radrennens aufzuzählen. Irgendwo hat er natürlich heute noch das Gefühl, daß das nicht ganz wörtlich zu nehmen sei, aber wenn es so weitergeht, wird er ein Bahnbrecher neuen Geistes gewesen sein. Immerhin ist das kein Ernst. Und wenn ich meine Eindrücke zusammenfasse, der ich fast (?) jeden Sport ausgeübt habe und heute alle Sportberichte lese, deren ich habhaft werden kann, so muß ich sagen: Wenn ich die Sache nicht aus eigener Erfahrung kennen würde, würde ich sie (mir) nach den Berichten (vorstellen können) verstehn; so aber nicht. So kann man über Theater schreiben, aber bei einer so ernsten und reellen Sache, wie es der Sport ist, ist es schade.

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