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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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7. Die Aufführung

Es war Freitag in der Michaeliswoche. Auf den Straßen rasselten mit Koffern bepackte Droschken, verschiedenen Bahnhöfen zueilend. Vor Professors Hause bemerkte man keine. Die Abreise sämtlicher Pensionäre sollte erst Sonnabend stattfinden, da am Freitag Abend das vielbesprochene Märchen in Szene gesetzt werden sollte. Die Aufregung und Verwirrung in der zweiten Etage war groß.

»Liebe Tante,« bat Emma, »drücke heute nicht eins, sondern alle beide Augen zu, es wird wohl etwas drunter und drüber gehen.« Was half's! Die Tante mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, mußte es geduldig ertragen, daß schon tags zuvor der Salon vor ihrer Nase zugeschlossen ward, worauf Emma den Schlüssel einsteckte. Wilhelm war schon am Mittwoch eingetroffen und mit Jubel von den Knaben begrüßt worden. »Herr Rothe, können Sie Ihre Rolle? Sie machen den König! Helfen Sie uns beim Aufstellen der Kulissen?« So ging es bunt durcheinander. Alles was Wilhelm erfaßte, hatte Hand und Fuß. Die Knaben sahen ihm mit Staunen zu, in diesen Tagen wuchs ihre Anhänglichkeit und Verehrung für ihn bedeutend. Unter anderem stellte er eine Mechanik her, die eine Taube, sowie eine Weinflasche im geeigneten Moment von der Decke herabfliegen ließ, um ein »Tischlein deck dich« herzustellen. Das begründete seinen Ruhm für immer. Es ist so leicht, die Herzen der Jugend zu gewinnen, wenn man Herz und Verständnis für sie hat, sich in ihre Freuden und Vergnügungen hineindenkt!

Mariechen, die seit dem Pflaumenmusvesper bei den Pensionären doppelt hoch angeschrieben stand, machte sich noch beliebter dadurch, daß sie ihrem Vater die Erlaubnis abschmeichelte, am Abend der Aufführung sein Zimmer als Passage für die Spielenden benützen zu dürfen. Er wollte erst gar nicht dran und meinte, es sei nicht zu verlangen, daß dieser Greuel der Verwüstung sich bis aus seine Räume erstrecke, – erst Emmas und Mariechens Versicherung, daß sie für jedes Buch haften wollten, für jede Unordnung selber büßen, rang ihm die Einwilligung ab. Am Morgen der Aufführung, als Emma dem Onkel den Kaffee brachte, saß er, den Kopf auf beide Hände gestützt, und seufzte laut. Emma wußte, was es bedeutete. Es war die Stimmung, die sich seiner stets bemächtigte am Vorabend großer Ereignisse. Sie fühlte sich deshalb durchaus nicht bedrückt durch die kummervolle Miene des Onkels, sondern suchte ihn nach allen Seiten hin zu beruhigen.

Eine Stunde später hörte die Professorin in der Schlafstube an ihrem Kleiderschrank rascheln. Eine dunkle Vorahnung treibt sie hinaus. Sie sieht Wilhelm und Mariechen davor stehen. Wilhelm hebt soeben ihr buntseidenes Kleid, ihr schönstes und bestes, vom Haken und händigt es Mariechen ein. »Kinder,« ruft die Professorin erschrocken, »was macht ihr denn hier?« – »Mamachen, du wolltest ja beide Augen zudrücken, so darfst du auch heute nichts sehen, nichts hören. Da du nun aber doch gesehen, so will ich dir anvertrauen, daß ich das Kleid ganz notwendig gebrauche, da ich im zweiten Akt eine Prinzessin gebe und durchaus in Seide erscheinen muß.«

»Ich will dir mein altes, schwarzseidenes allenfalls zugestehen, dieses entschieden nicht,« sagte die Mama in so bestimmtem Ton, daß Wilhelm als gehorsamer Sohn das Kleid schon während der Rede wieder still an seinen Platz hängte. »Schwarz,« sagte Mariechen niedergeschlagen. »Nun, wenn es nicht anders geht« – sie seufzte, »müssen« –

»wir das Unvermeidliche mit Würde tragen,« ergänzte Wilhelm. »Und nun komm, Kleine, daß wir uns vor der mütterlichen Ungnade retten!«

Im Arbeitszimmer der Pensionäre sah es bunt aus. Ludwig saß auf dem Tisch und fabrizierte einen Mond, der abends scheinen sollte, während Kurt ein Diadem für Wilhelm, den König, aus Goldpapier und Pappe kleisterte. Ernst und Konrad hatten mit ihrer Toilette zu tun, dabei wiederholten sie ihre Rollen und liefen alle zehn Minuten zu Emma in die Küche, um dieses und jenes zu requirieren. Diese mußte sich gewaltsam zusammennehmen, um ihre Gedanken geordnet im Kopf zu behalten. Sie mußte Mittag besorgen, für die Abendbewirtung alles herrichten, hatte außerdem die oberste Leitung der Aufführung und sollte selbst im Stück »die Hexe« geben.

Auf Mariechen war heute nicht viel zu rechnen. Sie hatte das Köpfchen so voll, denn eben war ein Brief von Frau von Buchwald eingetroffen, der Rosa und Walter zum Nachmittag anmeldete. Sie ordnete deshalb ihre Anzüge, den Prinzessinstaat und das Feengewand, um Röschen ungestört genießen zu können. Die Professorin und Emma überzählten die zu erwartenden Gäste. Es war eine ziemliche Menge. Verschiedene Tanten, ein alter Onkel, Nichten und Neffen hatten zugesagt, ebenso wollten sich die Norweger, Herr Werner und andere Sonntagsgäste einstellen. »Hast du Fräulein Schmidt und ihre Schwester noch einmal aufgefordert?« fragte die Professorin.

»Eingeladen habe ich sie beide; Fräulein Hildegard hat für sich zugesagt, die Schwester dagegen schlug es ab.«

»Aber wir wollen nicht die Zeit verplaudern,« rief die Professorin. »Es gibt bis zum Abend noch viel Arbeit, und heute müssen wir alle unser möglichstes tun.«

Und Professors taten ihr möglichstes. Abends war alles hell erleuchtet und Dore stand mit weißer Schürze bereit, die Tür den Gästen zu öffnen. In dem geräumigen Wohnzimmer machten Professors die Honneurs. Emma war vom Schauplatz verschwunden, Wilhelm und Mariechen desgleichen. Auch die Pensionäre waren unsichtbar, desto mehr hörte man von ihnen. Flüstern, Plappern, Kichern und Lachen tönte hinter den Kulissen vor.

Ein scheußliches, altes Weib huschte über den Korridor in die Studierstube hinein, wo die Schauspieler alle in fertigen Kostümen bereit standen. Es war Emma, als Hexe. Ein donnerndes Jubelgeschrei empfing sie. »Wenn ihr nicht ruhig seid, zieh' ich mich augenblicklich wieder aus und der ganze Spaß ist vorbei.« Das wirkte. Die Ruhe war augenblicklich wieder hergestellt und die Jungen wagten nur noch ganz leise begeisterte Ausrufe als: »Fräulein Emma, Sie sehen ganz wie eine natürliche Hexe aus!« usw. Und so war es. Niemand hätte unter der struppigen Wergperücke das glattgescheitelte Köpfchen des kleinen Fräuleins vermutet. Das Gesicht war durch eine lange Pappnase, sowie durch große, hervorstehende Zähne arg verunstaltet, und der Anzug, welcher nicht passender erdacht sein konnte, tat auch sein möglichstes. Doch die Zeit des Anfangs nahte. Emma, die Hexe, begab sich mit einem brennenden Öllämpchen in die kleine, für sie bestimmte Hütte und lautes Klingeln verkündete den Beginn. Die Flügeltüren öffneten sich, und aus dem Munde der Zuschauer ließ sich ein einstimmiges Ah! vernehmen.

Der Salon war zu einem Walde umgeschaffen. Eine Tanne stand neben der andern, dazwischen andere grüne Gewächse, als Palmen, Kallas, Gummibäume, die, symmetrisch gruppiert, einen hübschen Eindruck machten. Es war Nacht. Oben, vom gestickten Eckbrett, ergoß der Mond sein mildes Licht und beleuchtete die Szene magisch. Im Hintergrunde, in der andern Ecke des Salons, stand eine kleine Hütte, worin ein trübes Licht zu brennen schien.

»Mutter,« sprach der Professor zu seiner Frau, »die Kinder haben es aber einzig nett gemacht!« – »Ganz allerliebst,« erwiderte die Professorin, »doch still, jetzt kommen sie!«

Die drei Rolandsknappen treten auf. Sie kommen aus dem Tal Ronceval, erzählen, wie ihr treuer Führer Roland von Mauren überfallen und samt seinen Begleitern nach tapferer Gegenwehr erlegen sei. Nur sie drei sind mit dem Leben davon gekommen und suchen für die Nacht ein Unterkommen. Nach langem Umherirren gewahren sie ein kleines Licht in der Ferne. Sie kommen näher, entdecken eine Hütte und versuchen dieselbe zu öffnen. Vergebens. Nach langem Klopfen beginnen sie mit Steinen zu werfen und nun endlich regt sich's drinnen. Besagte Hexe steckt den Kopf zum Fenster heraus und fragt in keifendem Ton, wer draußen sei und ihre Ruhe störe. Und endlich nach langem Hin- und Herreden kommt sie zum Vorschein mit ihrem Lämpchen und läßt die Knappen eintreten.

Beim Erscheinen der Hexe entstand allgemeiner Jubel unter den Zuschauern, es war schwer für die Spielenden, die Fassung zu behalten. Als der erste Akt schloß, war großer Beifallssturm. Der zweite Akt stellte das Innere des Hexenhauses vor. In der Mitte eines wunderlich ausgestatteten Raumes steht ein großer Kessel auf dem Feuer. Davor kniet die Hexe, mit einem großen Holzlöffel ihre Delikatessen rührend und sich gleichzeitig unterhaltend mit den drei abseits an einem Tisch sitzenden Knappen. Die Alte stellt ihnen Bedingungen, unter welchen sie gewillt ist, die drei zu behalten. Als die Knappen sich weigern, dieselben zu erfüllen, berührt sie sie mit dem Zauberstäbchen. Die Knappen sind versteinert! Wie Bildsäulen stehen sie da. Sie machen ihre Sache vortrefflich. Bei der zweiten Berührung bekommen sie wieder Leben, und nun einsehend, daß sie vollständig in der Gewalt der Hexe sind, willigen sie in alles, was von ihnen verlangt wird.

Im dritten Akt kommt die Belohnung. Die Bedingungen sind erfüllt, die Hexe wird dadurch erlöst und in eine liebliche Fee verwandelt, die den Knappen zum Abschied Gaben reicht, als Dank für ihre Hilfe. Sie erscheint unter den Bäumen des Waldes, als die Knappen sich davon machen wollen. Von weißem, duftigem Gewand umflossen, mit herabwallendem, goldigem Haar, auf dem Haupt einen Efeukranz, steht sie da, die liebliche Fee, mit ihrer Hand den erstaunten Knappen winkend. Eben als dieselbe den dreien ihre Gaben einhändigt, entstand ein kleines Geräusch an der Wohnstubentür. Die Flügeltüren, die in den Korridor führten, waren weit geöffnet. Dore stand in demselben, von ferne lauschend und schauend. Da trat ein junger Offizier herein, Dore mit der Hand Stillschweigen gebietend. Er näherte sich leise dem Zuschauerraum und stellte sich in die letzte Reihe, wo die Norweger, Herr Werner und einige andere Herren standen, ihnen ebenfalls mit der Hand winkend, seinetwegen keine Störung zu machen. In den vorderen Reihen hatte man sein Kommen nicht bemerkt. Alle waren zu sehr durch die wechselnden Szenen auf der Bühne eingenommen. Auch Waldemar war durch das liebliche Bild, das sich ihm bot, ganz gefesselt. Doch jetzt verschwindet die Fee. Die Knappen packen ihre Geschenke aus, entrüstet über die wertlosen Gaben. Der eine hat einen Däumling bekommen, der andere ein grobes Tuch, der dritte einen Pfennig. Wie sie allmählich aber dahinter kommen, daß unter diesen unscheinbaren Gaben wunderbare Kräfte verbunden sind, nämlich unter dem Däumling die Gabe, sich unsichtbar zu machen, unter dem Pfennig, durch Umdrehen desselben so viel Gold, als sie wollen, herbeizuzaubern, und das grobe Tuch sich als ein »Tischlein deck dich« erweist – da jubeln die Knappen und preisen sich als die glücklichsten Menschen der Erde. Während alle andern Zuschauer gespannt dieser Szene lauschten, ja die Tanten ganz überwältigt die Hände ineinander schlugen, als beim »Tischlein deck dich« im entscheidenden Moment eine Semmeltaube und eine Weinflasche von der Decke herunter schnellte, sah und hörte Waldemar nichts mehr. Ihn fesselte etwas noch Unerwarteteres.

Er hatte beiläufig seine Blicke prüfend über die Gesellschaft hingleiten lassen. Da saß in vorderster Reihe der Professor, seine Frau, ein alter Herr, eine ältere Dame und neben dieser das muntere Fräulein Walter. In der zweiten Reihe befanden sich zwei ihm unbekannte ältere Damen, dann ein Knabe – das war ja sein Walter! Neben ihm Rosa! »Das ist ja prächtig,« dachte er. Doch was war denn das? Täuschten ihn seine Augen? Es war ja nicht möglich! Und doch – er sah noch einmal hin. Neben Röschen eine schlanke, feine Gestalt! Dasselbe schöne Gesicht, das er schon zweimal zu bewundern Gelegenheit gehabt, lächelte anmutig und hold, aus den schönen Augen leuchtete eine so kindliche Fröhlichkeit und eine so herzliche Freude über alles, was sie sah und hörte. Das beste war, sie ahnte nichts von seiner Gegenwart, und er hatte reichlich Gelegenheit, sie zu beobachten, sich an dem gewünschten Anblick zu erfreuen. Die Vorstellung war für ihn verloren. Er sah und hörte nur Hildegard, fand das dunkelblaue Kleid, das ihre Gestalt umschloß, reizend, lauschte auf ihr silberhelles Lachen, auf die Bemerkungen, die sie vertraulich in das Ohr seiner Schwester flüsterte. Wie gern sah er die beiden beisammen! Würden sie sich einmal näher treten? Da auf einmal erinnert er sich des Standesunterschiedes, seine Stirn verdüstert sich, er sieht in ernsten Gedanken vor sich hin.

»Warum tun Sie nicht lachen, wie alle?« sagte einer der Norweger treuherzig zu ihm, »Sie sehen immer auf verkehrten Punkt und freuen sich nicht über famose Schauspieler.« »Freilich freue ich mich,« sagte Waldemar zerstreut. »Die Leute machen ja ihre Sache wunderschön.« Doch, o weh, jetzt schließen sie die Türen. Der Akt ist zu Ende, Es folgte eine längere Pause, die von den Zuschauern in lebhafter Unterhaltung zugebracht wurde.

»Nein, köstlich!« hörte man Käthchens Stimme. »Die Kinder übertreffen sich selbst,« rief der Professor und sah so behaglich lächelnd drein, daß die Professorin ihre Hand auf seine Schulter legte und freundlich sagte: »Nun, Papachen, es gefällt dir doch auch ganz gut?« »Freilich gefällt mir's. Und dir auch, Onkelchen?« sich an seinen alten Vetter wendend. »Nun, ich sage gar nichts mehr! Werde fortan, wenn ich Gelüste nach dem Theater spüre, zu Professors gehen. Das ist erstens billiger und zweitens hat man mehr Spaß davon. Doch halt! Jetzt geht's wieder los.«

Im vierten Akt tritt ein König auf mit seiner Tochter, einer boshaften Prinzeß. Wilhelm, im roten Königsmantel, der einem nüchternen Beobachter sehr nach einer roten Wattdecke aussieht, spielt seine Rolle meisterhaft, nicht minder Prinzeß Marie, die sich im schwarzen Seidenkleid der Mama sowie in einer weißen, von Käthe erborgten Kaschmirmantille sehr vornehm und würdevoll ausnimmt. Sie unterhalten sich von den drei Knappen, die sich für Grafen ausgeben und am Hof des Königs erschienen sind, um die Prinzessin zu werben. Diese jedoch weiß bald herauszufinden, daß es Emporkömmlinge sind, die durch irgend welche geheime Mittel sich immer neue Reichtümer zu verschaffen wissen. Bei einem Hoffest weiß sie einen Kammerdiener zu bestechen. Sie verabredet mit ihm, den Knappen einen Schlaftrunk beizubringen, wodurch sie Gelegenheit bekommt, ihnen die Zaubermittel, die sie, wie die Prinzeß in Erfahrung gebracht, an goldener Halskette tragen, zu rauben. Der Knappe, der sich vermöge seines Däumlings allezeit unsichtbar machen kann, hat die Bosheit der Prinzeß erkannt, er ist unsichtbar zugegen gewesen bei der Unterredung der Prinzeß mit dem Kammerdiener und vereitelt die bösen Pläne.

Alles wurde korrekt und graziös gespielt. Der Unsichtbare (Ludwig) führte seine Rolle meisterhaft zu Ende. Als alle nach wunderlichen Fahrten und Abenteuern glücklich gerettet ihre geraubten Zaubermittel wieder in Händen haben, verlassen sie den Königshof und leben fortan glücklich und zufrieden im Besitz ihrer Schätze. Alle Szenen dieses wundersamen Märchens waren glücklich vom Stapel gelaufen. Schlußtableau bildete ein Gefängnis, woraus Ludwig seine beiden Genossen durch große Kühnheit erlöst. Die Szene hatte für die Zuschauer etwas Beängstigendes, jedoch alles lief ohne Schaden ab, und für die Jungen war gerade dieser Schluß, wo es zu klettern gab und sie ihre Turnkünste anwenden konnten, das Schönste von allem. Nun war es zu Ende! Die Tanten ließen einen tiefen Seufzer hören, das letzte war ihnen doch zu toll gewesen! Die jungen Herren riefen aber: »Famos, ihr Jungen! Alle Knappen heraus! König und Prinzeß heraus, Fee heraus, Hexe heraus!« Und so erschienen sie denn: die Knappen siegesbewußt, König und Prinzeß sich an der Hand haltend, sich anmutig verneigend. Doch als noch einmal: Hexe heraus! gerufen ward, hieß es: »Hexe ist nicht mehr vorhanden und Fee ist auf den Wolken entschwebt!«

Nun folgte ein buntes Durcheinander. Die Knaben hatten versprechen müssen, den Salon möglichst wieder herzurichten, und suchten dies, unterstützt von Dore und Emma, in kürzester Frist auszuführen. Wilhelm und Marie wechselten ihre Kostüme und begaben sich zur Gesellschaft. Die Gäste waren aufgestanden, sie unterhielten sich miteinander in Gruppen, oder die sich noch nicht gesehen hatten, begrüßten sich. Rosa hatte sich eben mit den Worten erhoben: »Das war aber schön, Fräulein!« und Hildegard wollte eben zustimmend antworten – da versagte ihr die Stimme. Ein Offizier kam auf Rosa zugeeilt und diese, ihn kaum gewahrend, flog in seine Arme mit dem Ruf: »Waldemar, du auch hier, das ist ja köstlich!«

Hildegard prallte zurück. Sie zitterte so heftig, daß sie einen Stuhl ergriff, sich daran festzuhalten. Wie gut, daß niemand sie beachtete, ja, daß auch Rosa ihren Bruder vollständig in Beschlag nahm, so daß er ihre Erregung nicht bemerkte. Vielleicht hatte er sie gar nicht gesehen. Wie sollte er auch das Mädchen, das Wäsche bei ihm abgeliefert, in dieser Gesellschaft vermuten! Sie zog sich möglichst weit in den Hintergrund zurück. Mußte ihr der schöne Abend so verbittert werden! Jetzt kam ein Knabe auf den Leutnant zu, er ging mit beiden eifrig sprechend auf und ab, selbst damit, wie Hildegard nicht ahnte, die eigene Verlegenheit zu decken. Er konnte Hildegard nicht begrüßen, sondern mußte warten, bis er ihr vorgestellt war.

Nun kam der Professor auf Waldemar zu, begrüßte ihn und übernahm die Vorstellung der ihm unbekannten Gäste. »Herr Leutnant von Buchwald – Herr Dr. Rothe, ein Vetter von mir – Fräulein Lesenberg und Schwester – hier meine Schwester, Frau Gerichtsrat Schmalz.« Man verbeugte sich gegenseitig. »Die Herren werden Ihnen bekannt sein,« fuhr der Professor fort, sich im Kreise umsehend. Dann Hildegard gewahrend, winkte er sie herbei mit den Worten: »Und hier unsere Nachbarin, oder vielmehr unser vis-à-vis, Fräulein Schmidt.« Er verbeugte sich; Hildegard, die im Hintergrund stehen blieb, erwiderte die Verbeugung mit einem gnädigen Nicken. Man hätte eher glauben können, er würde einer Komtesse vorgestellt als einem armen Mädchen in abhängiger Lage. Hildegard hatte sich schnell gefaßt. Sie wußte, wie sie ihm begegnen wollte und mußte. Die Fröhlichkeit, die ihr so gut gestanden, hatte einem ernsten Selbstgefühl Platz gemacht. Sie war sich ihrer Stellung ihm gegenüber bewußt. Er war ein vornehmer Herr von Adel, sie ein armes Mädchen, eine tiefe Kluft lag zwischen ihnen, daran wollte sie stets denken. Er hatte kein Recht, sich ihr zu nähern, ihre Wege mußten getrennt bleiben. Aber ein klein wenig Befriedigung spürte sie in dem Gedanken, ihn merken zu lassen, daß »seine Waschfrau« sich zu benehmen wisse. Doch mied sie geflissentlich seine weitere Annäherung. Mit sicherem Takt schritt sie an ihm vorüber auf Käthchen zu, deren Bekanntschaft sie heute abend gemacht und deren Wesen sie anzog.

Waldemar, der so gern mit Hildegard gesprochen hätte, ärgerte sich, daß das Mädchen so unnahbar war. Er fragte Rosa unbefangen: »Wer ist das Fräulein?«

»Sie ist die Tochter einer armen Witwe, und ist das erste Mal hier. Professors wollen sich ihrer etwas annehmen. Sie ist hübsch, nicht wahr?«

»O ja, ganz leidlich« sagte Waldemar, nicht sonderlich erfreut über die Aufklärung. Er begab sich zu der Herrengruppe, um sich am Gespräch mit den treuherzigen Norwegern aufzufrischen.

Nun erschien Emma mit einer Punschbowle, Dore folgte mit Tellern und Weingläsern, Mariechen brachte Kuchen und belegte Butterbrote. Die Herren zogen sich in Herrn Professors Stube zurück, doch waren alle Türen geöffnet, es tat den Gästen wohl, sich nun in mehrere Zimmer verteilen zu können.

»Werden wir denn nicht auch einen musikalischen Genuß haben?« fragte Tante Minchen.

»Gewiß,« sagte Käthchen, »wenn es gewünscht wird.«

»Fräulein Hildegard, singen Sie?«

»Ein wenig,« war die Antwort.

»So geben Sie uns etwas zum besten!«

»Es sind so viele hier,« sagte Hildegard bescheiden, »die mir weit überlegen sind, daß ich bitten möchte, mich zu dispensieren.«

»O nein,« sagte Tante Jettchen, »von Ihnen möchten wir gerade ein Liedchen hören. Fangen Sie nur an, die andern folgen dann.«

Hildegard hätte sich heute am liebsten ganz still verhalten, doch zu gebildet, um sich lange zu zieren, setzte sie sich ans Klavier und sang ein einfaches kleines Abendlied. Lag es nun an der lieblichen Melodie, oder an dem eigentümlichen Schmelz der Stimme, kurz die ganze Gesellschaft verstummte und lauschte dem wunderbaren Gesang, der so einfach und doch so ergreifend war. Und in der offenen Tür des Studierzimmers lehnte Waldemar, die Augen festgebannt auf das am Klavier sitzende Mädchen. Bald standen auch die übrigen Herren lauschend an der Tür, und als die letzte Strophe verklungen war:

So in deinem Streben
Bist, mein Herz, auch du,
Gott allein kann geben
Frieden dir und Ruh!

da rief einer der Norweger ganz begeistert aus, indem er sich dem Klavier näherte: »Laß mir das noch einmal hören!«

Alle mußten lachen, und der junge Mensch sah etwas verblüfft drein, sagte aber trotzdem noch einmal, indem er sich zutraulich hinter Hildegards Stuhl gestellt: »Bitte noch einmal.« Bald war Hildegard von der jungen Welt umringt, alle baten sie um mehr. Sie erhob sich jedoch bescheiden und sagte, Käthchen anblickend: »Jetzt ist die Reihe an Fräulein Walter.«

Während Käthchen sich freundlich bereit zeigte und in ihren Noten suchte und die andern jungen Leute auch in den Noten blätterten oder ins andere Zimmer zurückgingen, hatte Hildegard sich still vom Klavier zurückgezogen und in die entfernte Fensternische gesetzt. Hier wollte sie ungestört dem Gesange lauschen, doch es sollte nicht sein. Waldemar war leise zu ihr getreten. »Fräulein Hild – Fräulein Schmidt, Sie haben Ihre Sache meisterhaft gemacht, ich bin ganz überrascht, solche Talente in Ihnen zu entdecken.«

»Die nur in die Gesellschaft gehören,« ergänzte Hildegard kühl, »und sich nicht, wie Sie vielleicht denken, für arme Wesen eignen, die zu niederer Arbeit geboren –«

»Sie mißverstehen mich, mein Fräulein,« versetzte Waldemar vorwurfsvoll, jedoch in gedämpftem Ton, um von der übrigen Gesellschaft nicht gehört zu werden, »so meinte ich es nicht –« Unbeirrt fuhr Hildegard fort: »Ich habe singen gelernt und fremde Sprachen, nicht um damit in Gesellschaften zu glänzen, denn in solche komme ich nicht, sondern um mir damit mein Brot zu verdienen und meine Mutter, die eine arme Witwe ist, zu unterstützen.«

»Es ist auch edler, nicht mit seinen Gaben zu glänzen, sondern sie zum Nutzen seines Nächsten zu gebrauchen, wie Sie schon oft getan,« sagte er mit bedeutungsvollem Blick. »Und,« fuhr er plötzlich abbrechend fort, »ist es nicht ein wunderbares Zusammentreffen heute abend?«

»Ich kann nichts Wunderbares darin finden. Wir kennen uns ja gar nicht und gehen uns nichts an!«

»Sie haben recht,« sagte er kurz, wandte sich schnell um und trat zu den andern Herren, während Hildegard durch die Tür schlüpfte und sich zu den älteren Damen begab.

Tante Minchen, die eben ausgerufen: »Sie ist entzückend!« deutete auf einen leeren Stuhl und sagte mit Wärme: »Das ist recht, Fräulein Hildegard, kommen Sie zu uns alten Leuten, wir erquicken uns gern an der Jugend. Die böse Emma, die eben bei uns saß, ist auf und davon, um sich unter die jungen Leute zu mischen!«

Hildegard setzte sich. Sie fühlte sich hier geborgen, hatte bald im Gespräch mit den liebenswürdigen Damen alles Beklemmende abgeschüttelt und gewann ihre alte Fröhlichkeit wieder.

Im Salon herrschte unterdes munteres Leben. Käthchen sang: »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen?« Mariechen und Röschen saßen Hand in Hand auf dem Sofa und lauschten, während einer der Norweger auf Emma zukam mit den Worten: »O, Fräulein Hex, Sie waren heute nicht ganz reizend!«

»Sind die Hexen bei Ihnen schöner?« fragte Emma lachend.

»Ich sah noch keine. Aber hören Sie, wie Fräulein Walter singt! O, Gesang ist so sehr etwas Schönes!«

Herr Werner näherte sich den Freundinnen. »Nun, Fräulein Mariechen, gibt's bald wieder ein Pflaumenmusvesper?«

»Nie, Herr Kandidat. Emma hat mir solche Vorwürfe gemacht, erstens weil ich mit dem Mus so gewüstet, und zweitens, daß ich Ihnen das Brot so dick geschnitten habe.«

»Wie einem Diener,« neckte Herr Werner.

»Aber Herr Werner,« sagte Mariechen vorwurfsvoll.

»Verzeihen Sie! Ich vergaß unsere Verabredung. Jetzt wird mir's schlecht gehen!« Und eiligst verschwand er hinter die Tür des Studierzimmers, wo der Professor und der Onkel in behaglicher Ruhe saßen, dem Gesang lauschend.

Waldemar machte mit Emma nähere Bekanntschaft, setzte sich jedoch so, daß er eine Aussicht auf die im Wohnzimmer versammelte Gesellschaft hatte. Emma, der die Aufführung natürlich als Hauptereignis des Abends galt, fand zu ihrer Verwunderung, daß Waldemar gar nicht sehr darin orientiert war, und dachte für sich: »Er hätte gar nicht zu kommen brauchen, für junge blasierte Leutnants ist das nichts.« – Zugestehen mußte sie aber später, als Waldemar mit Käthchen im Duett sang, daß der Herr Leutnant eine sehr schöne Stimme habe. Sie sangen: »O, säh ich auf der Heide dort im Sturme dich.«

Großes Lob wurde gespendet, auch Hildegard lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, während Tante Jettchen der Professorin bemerkte: »Ein netter, junger Mann! Es ist wahr, euer Haus ist ein Sammelpunkt für die Jugend, jedermann fühlt sich behaglich, sogar die Leutnants!«

»Sie müssen darnach sein,« erwiderte die Professorin. »Der junge Herr von Buchwald zeigt seit einiger Zeit ein so ernstes Streben, unterhält sich mit meinem Manne gern über theologische Sachen und ist auf der andern Seite ein so feiner liebenswürdiger Mann, daß wir ihn gern kommen sehen. Es ist ja auch so natürlich, daß er öfter kommt, da sein Bruder unser Pflegesohn ist, und ich bemuttere junge Leute gar so gern.«

Das war das erste Urteil, das Hildegard über den jungen Mann hörte, dem sie mit so unnahbarem Stolz begegnet. Es tat ihr fast leid, daß sie sich so abstoßend verhalten! Wie fröhlich und harmlos verkehrte Käthchen mit den jungen Leuten! Aber die war das gesellschaftliche Leben mehr gewohnt, sie dagegen fühlte sich noch schüchtern und fremd.

Der Gesang war beendet, und nun trat Werner zu Mariechen mit den Worten: »Fräulein Mariechen, wie wär's mit einer Sonate zur Versöhnung?« Mariechen hatte nichts dagegen, und bald saßen die beiden in schönster Harmonie am Klavier. Die Jungen liefen mit Schachbrettern umher, um unter den Herren gütige Herzen zu erwecken, die mitspielten. Wilhelm hatte sich bisher mit ihnen amüsiert, doch jetzt wollte er, wie er sagte, auch die übrige Gesellschaft genießen und trat zu seinen Freunden, den Norwegern.

Da meldete Dore den Diener der Frau von N., der gekommen, um Fräulein von Buchwald abzuholen. Waldemar, her eben eine Partie Schach mit Kurt beendet, sprang auf: »Ich werde dich begleiten, Rosa, ich wollte doch aufbrechen.« Sie verabschiedeten sich mit der Versicherung, daß sie sehr viel Vergnügen vom heutigen Abend gehabt. Waldemar reichte den älteren Damen freundschaftlich die Hand, verbeugte sich vor Fräulein Hildegard und verließ mit seiner Schwester die Gesellschaft. Ihm folgten bald die übrigen Gäste. Ein Stündchen später finden wir Emma und die Professorin allein. Sie waren noch zu aufgeregt, um schlafen zu können. Sie unterhielten sich von den Erlebnissen des Tages, von der wohlgelungenen Aufführung, von den verschiedenen Gästen, von Hildegards Anmut und taktvollem Benehmen usw. »Käthe,« fuhr die Professorin fort, »hat sich wie immer prächtig gemacht. Wie hat sie mir alles an den Augen abgesehen, wie die Gesellschaft unterhalten helfen! Sie war stets da, wo es fehlte.«

Hier trat der Professor ein. »Papachen, wir waren eben dabei, deine Goldtochter zu loben.«

»Kinder, wißt ihr, daß Mitternacht längst vorbei ist,« sagte der Professor, sich vergnügt die Hände reibend. »Ja, die Käthe ist gut,« stimmte er ein, »habe nur heute nicht viel von ihr gehabt! Mutter, es ist aber wahr, es sind alles prächtige, junge Leute, die zu uns kommen. Wie ich Werner schätze, weißt du; ich muß aber sagen, daß ich den jungen Buchwald auch immer lieber gewinne. Wir hatten heute sehr ernste Gespräche miteinander, er ist tiefer angelegt, als ich dachte.«

»Er gefällt mir auch recht gut, wie alle Buchwalds. Aber denke dir, Papachen, deine Damen hätten heute beinahe schon Ehen gestiftet, wir möchten Käthchen und Werner gern zusammenbringen.«

»Ei, ei, macht mir nicht so etwas!« drohte der Professor.

»Habe keine Sorge! Du weißt selbst am besten, daß ich nichts sehnlicher wünsche, als einen harmlosen, fröhlichen Verkehr der jungen Leute untereinander. Käthe selbst denkt natürlich nicht an so etwas!«

»Nun, so wollen wir uns auch nicht darum sorgen, sondern es machen wie unsere Kinder – uns zur Ruhe begeben. Emma, du kannst müde sein nach dem tatenreichen Abend!«

Professors zogen sich ins Schlafgemach zurück, während Emma in die Küche eilte, um Dore beim Abtrocknen und Wegräumen des Geschirrs zu helfen.

Waldemar war, nachdem er Röschen abgeliefert, rasch nach Hause geeilt. Dort angekommen, warf er sich auf ein Sofa und rief ärgerlich: »Ein stolzes, unnahbares Mädchen! und doch wieder so unbeschreiblich lieblich, wenn sie sich unbeachtet glaubt. Wie fröhlich plauderte sie mit Röschen während der Aufführung, wie liebenswürdig war sie gegen die alten Damen, wie freundlich hob sie der alten Tante die heruntergefallenen Maschen auf. Nur gegen mich ist sie von einem Stolz, einer Kälte! Was habe ich ihr zuleide getan? Ich will aber auch gar nicht mehr an sie denken,« rief er entschlossen. Je mehr er sich das aber vornahm, desto weniger konnte er seinen Gedanken gebieten. War es ein Wunder, daß er sie auch im Traume erblickte, und zwar so, wie er sie gern sehen wollte, holdselig und freundlich auf ihn zukommend. –

Und Hildegard?

Sie war nach Hause gekommen und hatte die fleißige Mutter im stillen Stübchen noch bei der Arbeit gefunden. »Mütterchen, du bist noch auf und nähst, und ich bin den ganzen Abend meinem Vergnügen nachgegangen!« Sie setzte sich zu ihr aufs Sofa und brach in bitterliches Weinen aus.

»Aber liebes Kind, was hast du? Es hat dir doch niemand etwas zu leide getan?« – »Nein, nein, es war wunderschön,« sagte Hildegard und trocknete ihre Tränen. »Aber weißt du, Mütterchen, von solchen Gesellschaften bleibe ich doch lieber fern. Ich passe nicht hinein, ich fühle mich fremd, verlegen.«

»O nicht doch,« entgegnete die Mutter. »Im Gegenteil, wenn du angestrengt gearbeitet hast, ist es dir eine notwendige Erholung, unter gebildete Menschen zu gehen. Bei uns hast du nicht viel, ich kann dir nichts bieten.«

»Du weißt, wie es mich betrübt, wenn du das sagst, Mutter. Wem verdanke ich denn alles, was ich habe und bin? Ich will, soviel in meinen Kräften steht, dir das zu vergelten suchen, was du an mir getan. Es war doch ein glücklicher Tag heute, daß die Frau Geheimrätin da unten mir die Arbeitsstunden für ihre kleinen Mädchen übertragen hat, da verdiene ich acht Mark die Woche, mehr als ich mit dem Nähen erzwingen kann. Vielleicht soll ich mit den Kindern täglich eine Stunde spazieren gehen, das wird auch noch etwas eintragen, und siehst du, Mütterchen, das kommt dir dann zu gut, daß du keine Opfer gescheut und mich so viel hast lernen lassen. Vielleicht bekomme ich auch noch einige Klavierschülerinnen.«

Die Mutter streichelte sanft Hildegards erhitzte Wangen. »Du gutes Kind, denkst nur an mich, Gott segne es dir! Doch nun lege dich schlafen, es ist schon so spät, ich folge dir gleich.«

Hildegard gehorchte gern, denn sie sehnte sich darnach, mit ihren Gedanken allein zu sein. Die stürmten nun mit aller Gewalt auf sie ein. Was hatte sie in wenigen Stunden alles erlebt. Ja, wirklich, ein wunderbares Zusammentreffen! Wie? Jetzt in der Einsamkeit gestand sie zu, was sie ihm gegenüber so stolz abgewehrt. Ihr Herz pochte, wenn sie an den eigenen Blick dachte, mit dem er sie angesehen, als er sagte: »Ist das nicht ein wunderbares Zusammentreffen?« Doch wie hatte sich seine Stirn umdüstert, als sie ihn so kühl abfertigte. Wie schnell hatte er sich gewendet und sie verlassen. Es tat ihr fast leid, und doch – mußte sie nicht zufrieden sein, so wie es nun gekommen? Wie konnte sie je daran denken, ihm etwas sein zu können! »O Gott,« betete sie, »reiß mein Herz aus meinem Herzen, soll's auch sein mit tausend Schmerzen.« Dann bat sie Gott, ihr alles zu vergeben, was sie Unrechtes getan, wo sie geirrt; und mit dem Psalmenwort auf ihren Lippen: »Schaff in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist,« schlief sie sanft und friedlich ein. Die treue Mutter seufzte tief, als Hildegard sie verlassen hatte, faltete ihre Hände ineinander und sagte: »Wird denn die Nacht sich nie in Licht verkehren? Wird Hildegards Zukunft sich klären, oder ist es Gottes Wille, daß sie in abhängigen, ärmlichen Verhältnissen bleibt, in die sie von Rechts wegen nicht hineingehört? Ich muß in Treue und Geduld ausharren und schweigen, wie ich es ihrer Mutter versprochen – – bis – – Nun, wenn dies nicht eintrifft, bis ans Ende meines Lebens. Und es ist auch besser, sie erfährt es nie, die Armut würde ihr drückender, die abhängige Lage unerträglicher sein.« Mit diesen Worten nahm sie ihr Licht und begab sich ins Schlafkämmerlein zu ihren Töchtern.

 

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