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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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6. Herr Werner

Mariechen war wieder zu Hause! Mit großem Jubel hatte sie die Eltern und Emma begrüßt, hatte von ihren Erlebnissen erzählt, ihr weißes Kleid triumphierend gebracht, zugleich aber auch Emmas wirtschaftlichen Sinn erfreut mit Schinken, Würsten, Butter und Backobst, das die gute gnädige Frau für sie eingepackt hatte.

»Unserm Kinde wird es nun gar nicht mehr gefallen bei ihren Eltern, fürchte ich,« sagte der Professor. – »O doch,« rief Mariechen und warf sich in seine Arme. »Daheim ist's am besten.«

Die Sommermonate gingen in der gewohnten Weise dahin. In den Ferien zerstreute sich die Familie, und als sie sich nach vier Wochen alle wieder zusammenfanden, hatte jedes viel zu berichten, es war ein fröhliches Durcheinander. Dann wurden die Tage kürzer und die hübschen Abende kehrten wieder, besonders die Sonntagabende gestalteten sich immer schöner und interessanter. Viele junge Leute kehrten ein, unter ihnen Herr Werner, der bald nach Pfingsten seinen ersten Besuch im Rotheschen Hause gemacht hatte und seitdem so oft wiedergekehrt war, daß er bereits zu den Hausfreunden und Sonntagsgästen zählte. Er spielte oft mit Käthchen oder Mariechen vierhändig, oder es wurde mehrstimmig gesungen, oder die Knaben führten Scharaden auf, oder die ganze Familie vereinigte sich, den Kindern zulieb, zu gesellschaftlichen Spielen. Zum Klavierspielen mit Herr Werner wollte sich Mariechen anfangs nicht verstehen. Als aber der erste Versuch überwunden war und Herr Werner sie lobte, wagte sie es öfter. Es konnte wohl geschehen, daß der Herr Kandidat, der ein sehr fermer Spieler war, oft ein »Schneller, Fräulein Mariechen!« oder »Adagio, Fräulein Rothe!« dazwischen warf und ihr hie und da kleine Bemerkungen machte. Mariechen spielte sich mit der Zeit aber ganz hübsch mit ihm ein, bis die beiden Beethovensche Sonaten und Symphonien zur allgemeinen Befriedigung vortrugen. Herr Werner neckte gern. Käthchen mit ihrem sprudelnden Geist blieb ihm nie eine Antwort schuldig, doch war Mariechen auch nicht auf den Mund gefallen. Einmal war zwischen Käthchen und Herrn Werner die Rede von Schulinspektoren, und letzterer sprach davon, wie ihm als künftigem Geistlichen dies Amt auch einmal obliegen werde. »Nun,« warf Mariechen keck ein, »von Ihnen möchte ich mich nicht inspizieren lassen.«

»Dazu ist wohl auch keine Aussicht vorhanden, Fräulein Mariechen,« entgegnete Werner ruhig. »Oder haben Sie die Absicht, Lehrerin zu werden?« fügte er mit einem Anflug leiser Ironie hinzu.

»Das kann man gar nicht wissen,« sagte Mariechen, »Lust hätte ich schon dazu, doch Sie würde ich glücklicherweise nie zum Schulinspektor haben, da Sie einem andern Lande angehören.

»Halten Sie mich denn für so barbarisch, Fräulein Mariechen?« fragte Werner sie neckisch anblickend. Sie errötete und meinte: .Nein, das nicht – aber schrecklich wäre mir der Gedanke, Schule halten zu müssen, wenn Sie mich dabei ansähen. Ich glaube, es ginge alles verkehrt!«

Alles lachte. Werner lächelte still für sich, im Innersten denkend: »Bis zum Schulehalten lassen wir es erst gar nicht kommen.« Sich schnell zu Käthchen wendend, sagte er: »Fräulein Walter, Sie hätten wohl weniger dagegen, mich einmal Ihre Schule inspizieren zu lassen?«

»Ich bin an dergleichen gewöhnt,« sagte Käthe lachend. »In unserem Schulleben verliert sich die Angst ja etwas vor diesen gestrengen Herren, doch angenehm ist es nicht, vor ihnen examinieren zu müssen.«

Eines Sonntags, als alle in heiterem Gespräch beisammen saßen, wurde Herr Leutnant von Buchwald gemeldet. Waldemar entschuldigte sein spätes Hereinbrechen in die Gesellschaft und bat um die Erlaubnis, ein Stündchen bleiben zu dürfen. Kurts Freude über sein Kommen, sowie Herrn Werners Anwesenheit berührte ihn angenehm. Die Bekanntschaft mit den andern jungen Leuten machte ihm Vergnügen; besonderes Wohlgefallen fand er an zwei jungen Norwegern, die im Rotheschen Hause aus- und eingingen, um sich der deutschen Sprache zu befleißigen, sowie deutsche Sitte und Gewohnheit kennen zu lernen. Ihr offenes, treuherziges Wesen zog ihn an, auch machte ihm die Art und Weise, wie sie ihr Deutsch radebrechten, großen Spaß. An der Musik fand er Freude, ja sang selbst einige Duette mit, und sagte sich beim Nachhausegehen, daß er lange keinen so genußreichen Abend gehabt habe. Frau Professors Bitte, seine Besuche zu wiederholen, fand diesmal williges Gehör.

Der Eindruck, den Waldemar am Pfingstmorgen gehabt, war kein flüchtig vorübergehender gewesen, die guten Vorsätze waren zur Tat und Wahrheit geworden. Er gedachte oft in Dankbarkeit des guten Engels, den Gott ausersehen, ihn zur Einkehr zu bringen. Nie hatte er sie wiedergesehen, obwohl er oft in das Feld hinausgewandert war, wo er sie damals an jenem denkwürdigen Morgen belauscht. Das Intermezzo mit der Wäsche war ihm unangenehm, es hatte ihn aus seinen idealen Träumen gerissen. Wie konnte er daran denken, ein Mädchen, das den untersten Ständen angehörte, sein eigen zu nennen! Seine Eltern würden es nie zulassen und bei nüchterner Überlegung mußte er sich selbst sagen, daß es unausführbar sei. Aber trotzdem tauchte ihr Bild, wie sie am Feldrand saß, geschmückt mit dem Kranz der Kornblumen, oft vor ihm auf. Es blieb der stille Wunsch seines Herzens, das holde Mädchen noch einmal wiederzusehen. –

Im Rotheschen Hause herrschte unter den Pensionären große Aufregung, da das von Emma dramatisierte Märchen vor Beginn der Herbstferien zur Aufführung gelangen sollte. Wilhelm, der den Knaben zu Gefallen eine Rolle übernommen hatte, wurde sehnlichst herbeigewünscht. Er sollte bei Aufstellung der Dekorationen, die grandios zu werden versprachen, Hilfe leisten. Niemand war geplagter als Emma. Die Jungen wollten Rollen überhört haben, sie sollte Kostüme erfinden und nähen, kurz, sie wurde in den Freistunden fortwährend in Anspruch genommen, und der Professor meinte kopfschüttelnd: »Es ist mir gar nicht recht, daß die Kinder dadurch von ihren Studien abgelenkt werden.«

»Lieber Onkel, es ist ja nur einmal im Jahr, verdirb uns den Spaß nicht,« bat Emma.

Es war an einem Mittwoch. Ludwig malte eifrig an den Kulissen, die andern halfen oder lernten ihre Rollen. Abends sollte die erste Probe sein. Der Professor war in seinem Studierzimmer. Frau Professor war einer Einladung zum Kaffee gefolgt. Emma und Mariechen nähten fleißig. Da sprang Emma plötzlich auf und rief: »Wie konnte ich das vergessen! Ich habe notwendige Einkäufe zu machen und muß Dore mitnehmen. Mariechen, es geht nicht anders, ich muß dich einmal allein mit den Pensionären lassen. Papa ist ja da, an ihm hast du eine Zuflucht. Du wirst ja auch alle Tage vernünftiger. Also halte um fünf Uhr die Vesper bereit; Butter bringe ich erst mit, du kannst heute Pflaumenmus zum Brot geben. Gib reichlich, aber nicht zu viel, und binde den Topf, wenn du fertig bist, wieder zu.«

Mariechen versprach alles treu auszuführen. Als Emma mit Dore zurückkehrte, begegnete ihnen auf der Treppe der alte Briefträger, der eben den letzten Rest eines Pflaumenmusbrotes verzehrte. »Das hätte Mariechen nicht nötig gehabt,« dachte Emma. Als sie den Vorsaal betraten, saß die alte Waschfrau am Fenster, die behaglich an einem Musbrote kaute. Die Alte erhob sich und knixte höflich, sagte, daß sie die Wäsche hätte holen wollen, aber das kleine Fräulein habe noch nicht Zeit gehabt, sie ihr einzuhändigen.

Nun öffnete Emma die Küchentür und wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Da stand Mariechen ganz erhitzt am Küchentisch und holte Pflaumenmus, immer frische Ladungen mit dem Löffel heraus, strich es in reicher Fülle auf das Brot und fütterte die Jungen, die in malerischer Stellung um sie gruppiert waren. Ludwig saß auf dem Küchentisch, in nächster Nähe des Mustopfes, Kurt ritt auf dem Kohlkasten, schleunigst essend, damit die andern ihm nicht vorauskämen. Konrad saß auf dem Fensterbrett und Ernst stand hinter Mariechen, um wieder eine frische Bemme in Empfang zu nehmen, während er triumphierend ausrief: »Fräulein Emma, die sechste!«

Emma schritt schnell auf den Küchentisch zu, warf einen Blick in den Mustopf, sah Mariechen mit einem unbeschreiblichen Blick an, und ging ohne ein Wort zu sagen hinaus. Mariechen folgte ihr auf dem Fuße in ihr Stübchen, sah sie verlegen an und sagte: »Emma, ich habe dir wohl zu viel Pflaumenmus vertan?« – »Unverantwortlich hast du gehaust; der große Topf ist ja drei Viertel leer und sollte auf viele Wochen reichen. Es war ein dummer Streich von mir, daß ich es dir überließ, aber ich konnte es nicht ahnen, daß du deine Sache nicht besser machen würdest!«

»Sei nur nicht böse,« bat Mariechen, »– aber – – in der Wohnstube sitzt noch einer und ißt Musbrot!«

Jetzt mußte Emma wirklich lachen. »Noch einer! Nein, es ist zu toll! Wer ist denn das?«

»Herr Werner aus Wiesendorf. Frau Meier hatte ihm wahrscheinlich aufgemacht, ohne daß ich etwas gemerkt. Plötzlich stand er hinter mir, als ich eben im Musstreichen war, und sagte bittend: »O, Fräulein Mariechen, das ist ja etwas Köstliches, bekomme ich denn auch etwas?« Künftig werde ich sagen: »Ich darf nicht, Emma erlaubt es nicht!«

»So ist es nicht gemeint! Aber wo ist Onkel?« – »Konrads Vater ist bei ihm und hatte allein mit ihm zu sprechen, deshalb konnte ich Herrn Werner nicht zu ihm lassen. Ich habe letzterem daher die Zeitung hingelegt und einen Teller mit Musbrot hingestellt, und mich entschuldigt, weil ich draußen Pflichten habe. War es nicht recht so?«

»Ganz gut,« sagte Emma lächelnd und ging, Herrn Werner zu begrüßen. Da saß der arme Mann und schaute etwas gelangweilt drein, einen großen Teller Musbrot hatte er vor sich. »Herr Werner, es tut mir leid,« begann Emma, »der Onkel wird hoffentlich gleich frei sein.«

»Ich kann warten, Fräulein Rothe, ich habe einen Auftrag des Herrn von Buchwald an Herrn Professor, sonst würde ich wieder gegangen sein.«

»Sie haben sich gewiß recht gelangweilt?«

»O nein, Fräulein Mariechen hat für meine leiblichen und geistigen Bedürfnisse hinreichend gesorgt, wie Sie sehen,« sagte er lächelnd, auf die umfangreichen Bemmen zeigend. »Die Zeitung war allerdings bald durchgelesen, es war ein Beiblatt, welches nur Offerten und Familiennachrichten enthielt, für die Damen allerdings das wichtigste, darum hat Fräulein Mariechen nach bestem Wissen gehandelt.«

Emma lachte und wollte etwas erwidern – da trat die ersehnte Tante ein, die Emma frei machte, so daß letztere die alte Meier befriedigen konnte. Es war einer jener Tage, wo keine Ruhe eintreten wollte, wo alles mögliche, erwartetes und unerwartetes, kam und ging, wo die Gedanken in fortwährender Spannung erhalten wurden. Endlich nach dem Abendbrot fand sich ein ruhiges Stündchen, wo Professors allein waren und sich gegenseitig von des Tages Ereignissen berichten konnten. So erzählte denn Emma, wie sie, vom Markte kommend, Äpfel aus ihrer allzuvollen Tasche verloren habe. »Ich bückte mich eben, um sie aufzuheben,« fuhr sie fort, »da springt ein junges Mädchen, das hinter mir gegangen, dienstfertig herzu und hilft mir auflesen mit den Worten: »Erlauben Sie, daß ich die Äpfel in mein Körbchen stecke, ich trage sie Ihnen, wir wohnen vis-à-vis.« Als ich sie näher ansehe, ist es unsere Schöne von drüben. Wir waren bald in anregender Unterhaltung, und ich muß sagen, es hat mir lange kein junges Mädchen so gefallen, wie sie!«

»Unsere Kleine ausgenommen,« schaltete der Professor ein.

»Natürlich,« lachte Emma. »Fräulein Schmidt ist aber ganz anders als Käthchen. Sie sind beide sehr liebenswürdig, doch wenn letztere außerordentlich lebhaft und übersprudelnd ist, so hat Fräulein Schmidt etwas Ruhiges, ich möchte fast sagen Hohes in ihrem Wesen. Sie scheint mir sehr gebildet, wenigstens drückt sie sich gut aus und ihr Benehmen läßt nichts zu wünschen übrig.«

»Du wirst sie schon zu uns herüberziehen,« meinte die Professorin lächelnd, »hast schon längst mit ihr geliebäugelt.«

Es klingelte. »Da ist sie,« sagte Emma ruhig. »Wir waren heute Nachmittag in so eifrigem Gespräch, daß wir beide nicht an die Äpfel dachten, die sie in ihr Körbchen steckte. Jetzt wird sie sie bringen.« Dore meldete Fräulein Schmidt, die nur Emma zu sprechen wünsche.

»Jetzt hast du uns neugierig gemacht, nun bringe sie auch,« flüsterte die Frau Professorin.

Nach einigen Minuten trat Hildegard, sich anmutig verbeugend, ein. Sie entschuldigte ihr spätes Kommen, sie war nicht gleich zum Auspacken des Korbes gekommen und hatte die Äpfel vergessen. Frau Professorin bat sie freundlich, sich zu setzen, und während sie mit dem jungen Mädchen eine Unterhaltung anzuknüpfen bemüht war, erschien Ludwig, um Emma zu der vielbesprochenen Probe zu holen.

»Meine Nichte hat eine Aufführung mit den Pensionären vor,« sagte die Professorin. »Wenn es zustande kommt, Fräulein Schmidt, und Sie finden Vergnügen daran, müssen Sie sich auch einfinden.« Hildegards Gesicht strahlte. »Wenn Sie mir erlauben wollen, hin und wieder einmal zu Ihnen kommen zu dürfen, werde ich Ihnen sehr dankbar sein. Ich habe wenig Umgang.«

»Kommen Sie, so oft Sie wollen und können, Sie sind immer willkommen,« sagte die Professorin, entzückt von dem liebenswürdigen Benehmen des Mädchens. Sie liebte alle jungen Mädchen, und es war eigen, wie schnell auch ihr alle Mädchenherzen zuflogen. Sie hatte ein tiefes Verständnis für sie, da sie sich bis in ihr Alter hinein einen kindlichen Sinn, ein reines und fröhliches Herz erhalten hatte.

Als Emma zurückkehrte, brach Hildegard auf, nachdem die Professorin ihr noch einmal versichert, wie sehr sie sich freuen würden, sie öfter bei sich zu sehen. Emma und Mariechen begleiteten sie hinaus und entließen sie mit freundlichen Worten. Eine neue Bekanntschaft war wieder gemacht!

»Ist sie nicht entzückend?« rief Mariechen, als sie zu den Eltern ins Zimmer trat.

»Habe ich zu viel gesagt?« warf Emma triumphierend dazwischen und sah die Tante forschend an.

»Nein,« erwiderte diese, »es ist ein ungewöhnlich hübsches Mädchen. – Und hat einen Takt, einen Anstand.«

»Wie man ihn nur bei Fräulein Walter findet,« fügte der Professor lächelnd hinzu. Jetzt erhob sich ein Sturm. »Deine Goldtochter ist natürlich unübertrefflich, Papa,« rief Mariechen, »aber du mußt doch zugeben, daß Fräulein Schmidt eine schönere Figur als Käthchen hat.«

»Das mag sein,« sagte der Professor. »Doch was gehen mich die Figuren an, wenn nur die Naturen gut sind. Die Käthe kennen wir durch und durch, sie ist in- und auswendig prächtig. Sagt mir nichts gegen Fräulein Walter!«

»Papachen,« sagte die Professorin, »du mußt nicht einseitig sein. So wie wir uns der verschiedenen Blumen freuen, deren jede ihre besondere Schönheit, ihren eigenen Reiz hat, so können wir uns auch an den verschiedenen jungen Mädchen, deren jede ihre besondern Talente und Vorzüge hat, erquicken!«

»Ja, ja, es ist schon gut, Mutter, laß nur. Mir gefällt das Fräulein Schmidt auch sehr gut, ich kann nur nicht gleich so außer mich geraten, wie ihr. – Doch Kinder, es ist spät geworden, ruft zum Abendsegen!« Die Kinder kamen. Als sie später »gute Nacht« sagten, flüsterten drei von ihnen Emma etwas ins Ohr. Sie schien nicht gerade angenehm davon berührt, sagte aber bereitwillig: »Ja, ja, hängt nur alles an meine Tür!«

Als sie dann selbst in ihr Kämmerlein ging, fand sie eine geplatzte Weste, einen Rock mit zerrissenem Ärmel, sowie eine Jacke, an der ein Knopf fehlte. Seufzend lud sie es sich auf den Arm, denn sie war heute sehr müde, und verschwand damit in ihrem Stübchen. Hier setzte sie sich an einen Tisch und begann die kleinen Ausbesserungen möglichst schnell zu vollenden. Die Gedanken gingen ihr dabei wie Mühlräder im Kopf herum. Was hatte sie heute wieder alles erlebt, wie viel neue Eindrücke gehabt usw.! Vor allem beschäftigte sie die Bekanntschaft mit Hildegard. Ob sie wohl Freundinnen würden? Doch nein, wie konnte sie so etwas denken. Hildegard schien kaum achtzehn Jahre zu sein, da war es ganz natürlich, daß sie sich mehr an Mariechen anschloß. Doch schien sie etwas viel Reiferes zu haben, als diese; sie war entschieden ihrem Alter voraus. Sie hatte etwas Sinnendes, Tiefes – kurz, sie zog Emma sehr an. »Ich werde sie recht lieb haben,« dachte sie, »und sie wird mit der Zeit Vertrauen zu mir fassen und mich vielleicht auch ein wenig lieb gewinnen. Warum soll alt und jung nicht gut Freund miteinander sein?« Unter diesen Gedanken waren die Sachen fertig geworden. Befriedigt schlich sie auf den Zehen hinaus, hängte die Kleidungsstücke an die Schlafstubentür der Knaben und begab sich nach dem vielbewegten Tage zur Ruhe.

 

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