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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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3. Ende der Ferien

Am andern Morgen waren Emma und Dore früh auf. Sie überzogen Betten für die Knaben und brachten deren Stuben in Ordnung. Emma trat ans Fenster und sah auf die noch stille Straße. Dann fiel ihr Blick unwillkürlich auf das gegenüberliegende Haus, wo alles noch in tiefem Frieden zu schlafen schien. Die Rouleaus waren herunter, nur im Parterre wurde ein Laden geöffnet und ein gähnendes Dienstmädchen zeigte sich. Aber sieh da – in der zweiten Etage war auch schon Leben. Da saßen an dem mittleren Fenster, ihr gerade gegenüber, zwei Mädchen, eifrig mit Näharbeit beschäftigt. Die Köpfe waren gesenkt und die Nadeln flogen, als ob es ums Brot ginge. Emma konnte sie unbemerkt beobachten. Jetzt erhoben beide ihre Köpfe und schienen miteinander zu sprechen. Ob das Schwestern waren? Dem äußern Anschein nach wohl kaum. Während die eine, die Blonde, ein ziemlich derbes etwas plumpes Gesicht zeigte, war die andere mit dem seinen Profil, den regelmäßigen Zügen, dem prächtigen schwarzen Haar und den großen, tiefen Augen schön zu nennen. Emmas Interesse war lebhaft erweckt.

»Dore,« begann sie, »weißt du, wer da drüben wohnt?«

»Ja, Fräulein Emma, das ist eine Witwe mit ihren beiden Töchtern, eine Frau Schmidt. Sie soll nicht viel zu leben haben, ich glaube, die Mädchen nähen für Geld.«

»Also sind es Schwestern?« – »Ja, es sind Schwestern. Aber die eine ist viel hübscher als die andere. Sie sollten sie nur einmal sehen! Ein Mädchen, schlank wie eine junge Tanne! Alle Leute sagen's, daß sie schön ist.«

»Komm fort, Dore, sie sehen uns. Wir wollen nicht so neugierig sein! – Wer kommt denn aber da? Mariechen, Kind, was willst du schon, es ist kaum halb sechs!«

»Ich merkte, daß du schon aufgestanden warst, und wollte fragen, ob ich nicht auch etwas helfen könnte.«

»Gutes Kind,« sagte Emma und streichelte ihr die Wangen. »Nun, wenn du einmal da bist, sollst du auch Arbeit bekommen.« Sie stellte sie an und so war, als Professors aufstanden, schon ein gut Teil Arbeit von den fleißigen Mädchen vollbracht.

Im Laufe des Morgens reiste Wilhelm ab. Mariechen vergoß viele Tränen, und auch der Studio war in weicher Stimmung, als er seiner alten »Mieze«, wie er sie gern nannte, Adieu sagte. »Nun ist aller Spaß vorbei,« sagte Mariechen. »Vor den Pensionären muß man sich in Respekt setzen, darf keinen Unsinn machen –«

»Nun, Mieze, ganz so schlimm ist's wohl nicht,« rief Wilhelm. »Ihr seid, wie mir scheint, lustig genug; die sonntäglichen Aufführungen sind doch immer ein Hauptvergnügen. Und im ganzen, glaube ich, wird hier mehr gelacht als geweint.«

Mariechen mußte ihm recht geben und fing an, sich auf die lustigen Jungen zu freuen.

»Apropos, Mieze,« sagte Wilhelm, »gönnst du mir denn auch den neuen Rock? Vater sagt, du hättest lieber ein weißes Kleid haben wollen. Allein denke dir die Schwester in festlich weißem Gewande und den Bruder in fadenscheinigem Rock daneben! Aber warte! Wenn ich Kandidat bin, bekommst du von mir das schönste weiße Kleid, das je eine Jungfrau getragen.«

»Wilhelm!« rief Emma, »die Droschke wartet unten, es ist die höchste Zeit!«

»Nun dann behüte euch Gott alle miteinander.« Und nachdem Wilhelm die treuen Eltern umarmt und den andern kräftig die Hand geschüttelt hatte, eilte das junge Blut die Treppe hinunter, hinaus in die weite Welt, begleitet von den Gebeten seiner Eltern, von dem Segen eines christlichen Familienlebens. –

Dore hatte einen schweren Tag heute. Eine Droschke kam um die andere, ein Koffer nach dem andern wurde vor der Haustür abgesetzt: da mußte sie immer in Bewegung sein, um die Sachen der ankommenden Pensionäre hinaufzubefördern. Zuerst kam Ludwig, der sogenannte »Dicke«, wennmöglich noch dicker und rosiger, denn das gute Mütterlein hatte ihn daheim gut gepflegt und ihm einen großen Korb mit Eßwaren auf die ziemlich weite Reise mitgegeben, wovon er noch über die Hälfte mitbrachte. Konrad kam strahlenden Gesichts zur Frau Professorin und brachte ihr von der Mama eine große Honigbüchse. Ernst aber ließ sich gar nicht sehen! Er hatte wieder Pech gehabt – den Kofferschlüssel verloren, es passierte ihm oft derartiges. Dore hatte es gleich gemerkt, als der Koffer, mit dickem Strick umwunden, vom Wagen kam. »Ernst, wo haben Sie den Schlüssel?«

»Seien Sie nur still, Dore, daß der Herr Professor es nicht gleich merkt. Und ach! beste Dore, wenn Sie heute in die Stadt gehen, bringen Sie mir doch einen Kamm mit, ich habe den meinigen zu Hause gelassen!«

Dore lachte und versprach, ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Es konnte ihm niemand zürnen. Er war ein reichbegabter Knabe, und die Zerstreutheit deutete sicher auf den künftigen, gelehrten Professor.

Die Professorin wurde unruhig, daß Ernst sich gar nicht blicken ließ. Sie ging also hinüber und sagte, nachdem sie ihn begrüßt: »Warum kommst du gar nicht, Ernst? Hast du schon ausgepackt?«

»Ja, und alles aufgehoben –« antwortete Ernst mit liebenswürdigem aber etwas verlegenem Wesen, und die Professorin merkte, daß etwas nicht in Richtigkeit sei. Sie wollte heute nicht weiter forschen, wohl wissend, daß alles früh genug an den Tag kommen würde.

Nun hielt auch Kurt seinen Einzug. Mit den Worten: »Gott segne deinen Eingang« ging die Professorin ihm entgegen. Sich dann gegen die ihn begleitende Dame verneigend, fragte sie: »Frau von Buchwald?« – »Kurts Mutter,« sagte eine sanfte, freundliche Stimme. »Die Mütter lassen es sich nicht nehmen, ihre Kinder selbst zu bringen.«

»Er soll von einer Mutterhand in die andere gehen,« erwiderte die Professorin, »und kann ich ihm auch die Mutter nicht ganz ersetzen, so wollen wir ihm doch seinen Aufenthalt hier so viel wie möglich zur Heimat machen.«

Die Damen gingen ins Besuchszimmer, und Emma stellte Kurt seinen Mitpensionären vor. Sie wußte den fremden Knaben bald in die Interessen der schon Ansässigen hineinzuziehen, und hatte die Freude, in einigen Minuten ein Bekanntwerden erzielt zu haben, das sonst, durch gegenseitige Verlegenheit, nicht so bald erfolgt wäre.

Mariechen präsentierte der gnädigen Frau auf zierlichem Kaffeebrett eine Tasse Bouillon. Dieselbe nickte ihr freundlich und bekannt zu, und als sie das Zimmer verlassen hatte, vertraute Frau von Buchwald der Professorin, daß ihr Mann so sehr durch das frische, natürliche Wesen des Mädchens eingenommen sei, wie es ihm überhaupt so wohl in dem Familienkreise gewesen und wie er so glücklich nach Hause gekommen. »Nun,« fügte sie hinzu, »komme ich noch mit einer besondern Bitte zu Ihnen, liebe Frau Professorin. Mein Mann sagt mir, daß Ihr Haus Sonntags für liebe Gäste geöffnet sei. Sie gestatten gewiß meinem ältesten Sohn Waldemar, der als Offizier bei einem hiesigen Regiment steht, zuweilen bei Ihnen vorzusprechen oder den Abend bei Ihnen zuzubringen. Ich schätze es so sehr, wenn junge Leute dem Familienleben nicht entfremdet werden, und Waldemar geht mir zu viel mit seinen Altersgenossen um, unter denen leider recht leichtsinnige Bursche sind.«

Da meldete Dore den Herrn Leutnant von Buchwald, der gekommen sei, die gnädige Frau abzuholen. Der hübsche, junge Soldat trat ein. Frau von Buchwald stellte ihn vor und Frau Professorin forderte ihn, an die eben gehabte Unterhaltung anknüpfend, auf, sie öfter zu besuchen. Der junge Mann antwortete höflich aber ablehnend, daß seine Zeit sehr besetzt sei, daß er schon sehr viel Umgang habe usw., so daß es der Professorin fast leid tat, etwas gesagt zu haben.

Frau von Buchwald, die etwas mißvergnügt drein sah, meinte: »Nun, Waldemar, so viel Zeit, denke ich, ließe sich finden.« Doch brach sie ab und fügte nur noch im Hinausgehen eine herzliche Einladung an Mariechen bei.

»Schicken Sie uns Ihr Töchterchen,« bat sie. »Unser Röschen, auch sechzehnjährig, wird überglücklich sein, einmal eine Altersgenossin bei sich zu haben.« Die Professorin erwiderte, daß sie dem Mariechen gern diese Freude gönnen würde, daß aber ein solcher Besuch nur in den Ferien ausgeführt werden könne, da Mariechen sonst nicht gut zu entbehren sei.

Es wurde nun verabredet, daß es vielleicht in den Pfingstferien zu machen wäre, doch wollte Frau von Buchwald vorher schreiben. Nachdem sich dieselbe von Kurt verabschiedet, sagte sie der Professorin herzliche Worte; auch Emma und Mariechen mußte kommen und Frau von Buchwald bedauerte sehr, den Hausherrn, der einige wichtige Gänge in die Stadt hatte, nicht zu Hause getroffen zu haben. – So verging der Tag unter mancherlei Abwechselung. Als der Abend kam, waren alle müde und abgespannt und gaben sich der erquickenden Ruhe mit Behagen hin.

Nach einigen Tagen ging alles seinen regelmäßigen Gang. Den Knaben schmeckte die Schule wieder, und das fröhliche Leben bei Professors außer den Schulstunden heimelte die Kinder an. Kurt, welcher die ersten Tage mit Heimweh zu kämpfen hatte, gewöhnte sich bald an das Stadtleben und gewann seine Kameraden lieb. Für Ludwigs Malerei zeigte er hohes Interesse und war glücklich und stolz, als derselbe ihm einen Teil der Kulissen zu malen übertrug. Daß er auch eine Rolle in »Rolands Knappen« zugeteilt bekam, versteht sich von selbst.

Die Sonntage, die gerade oft in Pensionen das meiste Heimweh erwecken, waren im Rotheschen Hause Tage, die erfrischend auf Herz und Gemüt der Kinder wirkten. Und doch gab es gerade in diesen Tagen einen wunden Fleck, der nie ganz heilte. In der Woche wurde Punkt sechs aufgestanden; niemand sträubte sich dagegen; denn um sieben war Schulanfang. Sonntags schienen aber die Pensionäre das vollste Recht zu haben, sich so lange wie möglich in den Betten herumzudehnen. Für Dore und Emma eine peinliche Zeit: Dore wollte gerne die Betten machen, ehe sie in die Kirche ging, Emma wollte den Kaffee servieren und die Burschen kamen nicht. Alle klopften und mahnten abwechselnd, bis schließlich der Professor mit lauter Stimme dem Trödeln ein Ende machte und Leben in die Sache brachte. Man hätte denken sollen, die Jungen, sich dieser energischen Ausrüttlung schämend, hätten das Stück am nächsten Sonntag nicht wieder aufgeführt; – aber jeden Sonntag wiederholte sich dieselbe Szene –, so kam es, daß zum lieben Sonntag alle Gesichter früh einen etwas bedrückten Ausdruck hatten; des Herrn Professors, weil er schelten mußte, der Frau Professor, weil es ihr wehe tat, den Frieden des Sonntagmorgens gestört zu sehen, Emmas und Dores, weil sie ärgerlich waren über die Jungen, und letztere, weil sie unbarmherzig aus dem Bett getrieben wurden.

Am ersten Sonntag nach Schulansang waren die drei: Ludwig, Kurt und Konrad endlich im Sonntagsstaat, nur Ernst fehlte noch. Eben treten Herr und Frau Professor mit Mariechen aus der Wohnstube mit Gesangbüchern in der Hand, der Hausherr ruft: »Kommt Jungens, wir wollen gehen,« da öffnet sich leise die Schlafstubentür und beschämt tritt Ernst heraus in seinen Wochentagskleidern, die Jacke mit einem Tintenfleck versehen.

»Aber Ernst, warum gehst du denn nicht sonntäglich?« ruft die Professorin erschrocken aus. Und nun kommt's an den Tag, warum Ernst so verlegen gewesen bei seiner Ankunft.

»Das – – war's – – ja eben!« stotterte er. »Ach – das wissen Sie – – noch gar nicht!«

»Was denn, was denn?« fragt die Professorin erregt, während der Professor den Dreien winkt und mit ihnen, einen tiefen Seufzer ausstoßend, die Wohnung verläßt.

»Ja – – nun ja!« stotterte Ernst weiter. »Ich habe – – meine Sonntagssachen zu Hause gelassen.«

»Das hättest du aber gleich sagen sollen oder wenigstens sofort schreiben, daß sie dir nachgeschickt würden!«

»Ja – – das ist es eben – –, meine Eltern sind denselben Tag, an dem ich abfahren mußte, auf mehrere Wochen verreist, und das Haus ist zugeschlossen. Ich – – ich kann die Sachen nicht eher bekommen, als bis sie wieder da sind.«

Die Professorin schüttelte den Kopf und ermahnte Ernst, künftig weniger gedankenlos zu sein. Emma aber bat die Tante, zu gehen, sie wolle alles tun, was in ihren Kräften stehe, um der Jacke ein sonntägliches Ansehen zu geben.

Diese kleinen Intermezzos griffen wohl augenblicklich störend ein, beeinträchtigten aber die Harmonie im Rotheschen Hause im allgemeinen nicht. Der Nachmittag brachte ungetrübtes, geselliges Zusammenleben, der Abend Scharaden, gesellschaftliche Spiele, Musik und allerlei Kurzweil. In den Scharaden exzellierten Ernst und Ludwig, wie gewöhnlich. Es gab viel Vergnügen, wenn die Jungen bei dieser oder jener Aufführung als Damen ausstaffiert in alten Röcken und Taillen von Emma erschienen. Der Professor seufzte gewöhnlich vor der Aufführung; es erfaßte ihn ein unbestimmtes Grauen »vor all der Wirtschaft«, öffneten sich aber dann die Türen und ein lebendes Bild wurde sichtbar, lächelte er schließlich und ergötzte sich ebenso daran, wie alle andern.

Käthe war fast jeden Sonntag zugegen und belebte die Gesellschaft. Auch Kandidaten und andere junge Leute verkehrten gern im Rotheschen Hause. Die Unterhaltung war anregend und geistvoll, nur unterbrochen durch das Klingeln der Knaben, die eine neue Scharade vorführten und dabei den Wunsch hatten, daß alle Anwesenden sie gebührend bewundern möchten. Dies geschah auch. Es wurden den Knaben gerade Sonntags alle möglichen Freiheiten im Hause gestattet, damit keine Freiheitsgelüste nach außen erwachten. Die Knaben sollten ihr Vergnügen nicht außerhalb des Hauses suchen, sollten keine eigenen Wege gehen. –

Die Wochen zwischen Ostern und Pfingsten eilten schnell dahin. Mariechen hatte einen sehr liebenswürdigen Brief von Frau von Buchwald bekommen, mit einer dringenden Einladung, die Pfingstserien bei ihnen zu verleben. Frau von Buchwald schrieb: »Kurt wird mit seinem Papa die ersten Tage eine Reise zu Verwandten machen, so können Sie nicht mit ihm zusammen hierher reisen. Doch die Fahrt mit der Bahn ist ja kurz, hier am Bahnhof werden Sie abgeholt, ich schicke Ihnen Robert, unsern Diener, der Sie sicher zu uns geleiten wird« usw.

Wer war glücklicher als unser Mariechen! Von einem Diener sollte sie abgeholt werden, in einem wirklichen Schloß sollte sie wohnen! Es konnte ja gar nicht glanzvoller sein! »Wenn nur die Garderobe sich einigermaßen machen würde! Ja, das weiße Kleid! Wenn ich das jetzt hätte,« meinte sie seufzend zur Mama.

»Du wirst in deinem frischgewaschenen hellblauen Kleid der gnädigen Frau auch gefallen, mein liebes Kind,« sagte die Mutter sanft und streichelte ihre Wangen. »Wir sind keine reichen Leute und jeder muß sich nach seiner Decke strecken. Rosa von Buchwald wird alles viel schöner haben als du, aber beneide sie nicht deswegen, denke nur, daß die Hauptsache ist: der verborgene Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geist, das ist köstlich vor Gott!«

Mariechen sah ihre Mutter innig an mit den lieben blauen Augen und sagte: »Ja, mein Schmuck soll nicht auswendig sein, ich will mehr an den inneren Menschen denken.« Dann gab sie ihrem Mütterchen einen Kuß und hüpfte vergnügt in die Küche, um Emma bei ihrer Arbeit zu helfen.

 

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