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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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16. Freude und Friede zum Schluß

Mariechen war zu Hause! Als sie die teuren Eltern immer wieder umarmt, nahm Emma die Lampe, leuchtete ihr ins Gesicht und sagte: »Nun, Kind, laß dich ordentlich anschauen, wie siehst du denn aus?« »Hoffentlich wie eine glückliche Braut,« ruft Mariechen, die sich nun nicht mehr halten kann und den erstaunten Eltern das hochwichtige Ereignis mitteilt. »Euren Segen, liebe Eltern, hatten wir, also konnten und durften wir uns verloben und nicht wahr, ihr seid's zufrieden?«

»Wenn du glücklich bist, mein Kind,« sagte die Professorin, sie besorgt ansehend. »Und ob,« antwortete Mariechen. »Mein Glück ist so groß, daß ich es kaum zu fassen vermag. Je mehr ich Werner kennen lernte, desto höher schätzte ich ihn, und es kam mir mitunter der Gedanke: Wenn du ihn früher so gekannt hättest, da hättest du ihn wohl lieben können! Aber daß Werner noch an mich denken könne, daß er mich noch einmal begehren würde – das habe ich nie gedacht – sonst hätte ich ihn gewiß nicht gebeten, sich zu verheiraten.«

»Du hast ihn gebeten, sich zu verheiraten!« rief Emma erstaunt.

»Ja, das erste Mal, da wir seit langen Jahren allein und vertraulich beim Maiblumenpflücken miteinander redeten. Da war's mir auf einmal, als sei alles wie früher, und ich bat Werner noch einmal, mir meinen Unverstand zu verzeihen und sich, als Beweis, daß er dies getan, zu verheiraten.«

»Naiv bis zu Ende,« sagte Emma vor sich hin. »Und da?«

»Nun, da gab ein Wort das andere, und wie alles dann kam, habe ich euch erzählt. Zweimal erzählt man so was nicht.«

»Gott sei Lob und Dank,« sagte der Professor freudig erregt. »Wenn ich mir je hätte etwas wünschen können, so war es das.«

»Und nun tausend Grüße von meinem lieben Werner an euch alle, und Dienstag kommt er selbst.«

»Das ist ja prächtig! Auch Wilhelm will sich Dienstag nach getaner Festarbeit hier einstellen,« sagte die Professorin fröhlich. »Nun, Emma, da kannst du einmal wieder deine Kochkünste zeigen.«

»Und eine Verlobungsschokolade kochen, die ihresgleichen sucht,« rief Emma.

Und als nun der Dienstag die beiden jungen Pfarrer, Wilhelm und Werner, dazu Schwester Therese brachte, da war großer Jubel und Freude.

»Mieze, du verlobt? Es ist doch nicht möglich! Wie siehst du denn aus?« rief Wilhelm, sein fröhliches Schwesterchen ein über das andere Mal umarmend. Und Werner war, nachdem er seine liebe Braut begrüßt, zu seinen Schwiegereltern geeilt, von denen er sich nun noch einmal den freudig erteilten Segen holte. O, es war ein froher, glücklicher Tag in dem stillen Häuschen am Walde, das Professors jetzt bewohnten. Es war des Erzählens kein Ende. Mariechen saß an Werners Seite und sah ihn mit glücklich strahlenden Augen an, von Zeit zu Zeit ihr Köpfchen verlegen an seiner Schulter bergend, wenn er den Eltern erzählte, wie sie sich da draußen in der Welt so viel Achtung erworben, wie sie alle Schwierigkeiten in der nicht leichten Stellung überwunden, wie er sie oft im stillen bewundert ob ihrer vortrefflichen Erziehungsgabe und wie dies auch von den Eltern ihrer Zöglinge anerkannt worden sei.

Schwester Therese, im eifrigen Gespräch mit Emma begriffen, fiel plötzlich ein: »Kurz und gut, Mariechen hat sich in der Fremde exemplarisch benommen, das ganze Dorf liebt und verehrt sie.«

Jetzt bat Mariechen energisch, stille zu sein. »Ich werde ja ganz beschämt durch das unverdiente Lob. Es ist gar nicht so schlimm, meine lieben Eltern. Wenn wir dagegen halten das Unrecht, das ich getan, so ist des viel, viel mehr. Und ihr habt alle so große Nachsicht mit mir gehabt.«

»Nur ich ließ Strenge walten, und habe mein liebes Mariechen dieselbe nur zu sehr empfinden lassen,« sagte Werner, sie zärtlich anblickend.

»Es war ja nur zu meinem Besten,« erwiderte Mariechen, während Therese meinte, der Bruder sei mitunter zu schroff gewesen, und nun erzählte sie von dem Gewittertag usw. Dann sagte sie triumphierend und ging an ihre Ledertasche: »Hier ist der Maiblumenstrauß, den Mariechen bei uns vergessen und den der Herr Bruder mit Verachtung von sich wies; ich nahm ihn an mich, weil ich wußte, daß noch alles gut werden würde!«

»Mit so etwas kann ich auch dienen,« sagte Emma, ging hinaus und kam sehr bald wieder mit einem ebenso vertrockneten Maiblumenstrauß, hielt ihn hoch in die Höhe und rief: »Und dies sind die Maiblumen, die Herr Werner Mariechen an ihrem siebzehnten Geburtstag schenken wollte und die er dann voll Unmuts hier vergessen hat!«

»Geht mit euren vertrockneten Maiblumen,« rief Werner vergnügt. »Ich lasse mir an meiner frischen Blume genügen.«

So wurde gescherzt, gelacht und geplaudert, bis Werner plötzlich sagte: »Ich hätte bald vergessen, euch etwas sehr Interessantes mitzuteilen. Ich ging am zweiten Pfingstfeiertag nach Birkenfelde, um Ulbersdorffs persönlich von meiner Verlobung in Kenntnis zu setzen. Sie waren natürlich sehr erstaunt und meinten, es sei ihnen nicht der leiseste Gedanke gekommen, da wir beide jede persönliche Annäherung ganz gemieden. Sie schienen sich jedoch sehr zu freuen und senden dir durch mich innige Segenswünsche.«

»Ich werde morgen selbst schreiben!« sagte Mariechen. »Was werden sie aber sagen, wenn ich nicht zu ihnen zurückkehre?«

»Verlobung hebt alle anderen Verpflichtungen auf,« sagte Werner. »Ich habe versprochen, baldmöglichst für einen guten Ersatz zu sorgen. Du mußt nun die Wirtschaft lernen und im Herbst hole ich dich in mein Pfarrhaus!«

»Da mußt du zu Käthchen,« sagte die Professorin. »Die kennt jetzt die Landesart, und bei ihr wüßte ich dich am liebsten.«

»Und ich gehe am liebsten dorthin. Doch, Robert, du wolltest uns etwas Interessantes mitteilen, was du in Birkenfelde gehört!«

»Ihr laßt mich ja nicht zu Worte kommen. Hast du gewußt, Mariechen, daß Graf Horst in Horst der ehemalige Waldemar von Buchwald ist?«

»Freilich habe ich das gewußt!«

»Unsereiner kennt niemand, der nicht zur Gemeinde gehört. Hätte ich das geahnt, hätte ich ihn einmal aufgesucht. Also dieser Graf Horst oder vielmehr Waldemar von Buchwald soll verlobt sein, und zwar mit einer Gräfin Hoheneck!«

»Das ist nicht möglich!« rief Mariechen erregt, »gar nicht möglich!«

»Und doch scheint es eine ganz authentische Nachricht. Ulbersdorffs behaupteten, ein Diener von Horst, der mit dem ihrigen befreundet, habe es diesem anvertraut, näheres wußten sie selbst noch nicht. Theodora, die den Grafen wohl am liebsten selber genommen, schien sehr aufgeregt, meinte, sie habe gar nicht gehört, daß Hohenecks Verwandte haben –«

»Ich auch nicht,« fiel Mariechen ein.

»Das hätte Hildegard sicher gewußt. Arme Hildegard, während sie bei der kranken Mutter weilt, entscheidet sich nun ihr Schicksal auf immer. Aber wer mag diese Gräfin Hoheneck sein?«

Der folgende Tag brachte Aufklärung. Es kamen zwei Briefe an Mariechen. Der erste war von Frau von Buchwald und machte die Verwirrung noch größer. Werner hatte nämlich noch am Tage seiner Verlobung nach Wiesendorf geschrieben und es dorthin berichtet, auch gesagt, daß er sich Urlaub nehmen und am Dienstag nach Sachsen reisen würde, um seine liebe Braut und ihre Eltern zu besuchen. Sollte er Zeit haben, würde er bei dieser Gelegenheit endlich seinen längst versprochenen Besuch in Wiesendorf ausführen. Die gnädige Frau schrieb voll herzlicher Teilnahme und fügte dann hinzu: »Es scheint ein glückliches Jahr zu sein. Auch Waldemar hat sich, wie er uns gestern schreibt, am ersten Pfingstfeiertag verlobt und zwar mit der Ihnen bekannten Hildegard Schmidt!«

Mariechen jubelte! »Waldemar und Hildegard ein Brautpaar! Emma, was sagst du?«

»Das hätte ich allerdings nicht gedacht,« erwiderte diese ganz erstaunt. »Doch weiter, was schreibt Frau von Buchwald darüber?«

»Mein Mann und ich wissen nun, daß es Gottes Wille ist, und wir wollen sie mit elterlicher Liebe in unsern Familienkreis aufnehmen. Wir haben gebeten, daß das junge Mädchen, welches, da die Mutter kürzlich gestorben, allein in der Welt steht, zu uns komme, damit sie hier in allem unterwiesen werde, was zu ihrem künftigen Beruf gehört. Am Sonnabend will Waldemar uns seine Braut bringen, auf deren Bekanntschaft wir, wie Sie sich denken können, sehr begierig sind. Die alte Gräfin von Hoheneck, die Hildegard sehr zu lieben scheint, will das junge Paar begleiten und einige Tage bei uns verweilen. Nun komme ich heute mit der großen Bitte an die ganze Familie Rothe, uns die Freude zu machen, sich am Sonnabend in Wiesendorf einzufinden und es sich einige Tage bei uns wohl sein zu lassen. Da Pastor Werner von einem vierzehntägigen Urlaub sprach, so kann er uns schon ein paar Tage gönnen; wir möchten Sie, mein teures Mariechen, so gern an seiner Seite sehen!«

Frau Professorin hatte auch ein Briefchen von Frau Buchwald, worin selbige die Freundin bat, am Sonnabend zu kommen. »Hildegard,« so schrieb sie, »ist mit Ihrer lieben Familie befreundet gewesen, sie ist viel bei Ihnen aus- und eingegangen; es wäre mir lieb, wenn Sie, als vermittelndes Element, dazwischen stünden. Für Hildegard wird es jedenfalls eine Erleichterung sein, und uns persönlich wäre es ein großer Liebesdienst.«

Die Professorin sah ihren Mann an. »Was sagst du, wollen wir alten Leute uns noch auf die Reise begeben?«

»Warum nicht, Mutter? Ich denke, will's Gott, im nächsten Jahr mein Mariechen, sowie Käthe und Hermann in N. zu besuchen – da wird sich wohl eine kürzere Reise noch machen lassen –«

Und zum Brautpaar gewendet; »Was sagt Ihr dazu?«

»Wir sind dabei!« sagte Werner. »Nichtwahr, Mariechen, für uns ist es höchst interessant, den Grund und Boden, wo wir zuerst unsere Bekanntschaft machten, gemeinsam wieder zu betreten und alte Erinnerungen aufzufrischen.«

»Ja, es wäre reizend!« rief Mariechen.

»Und was wird denn aus uns alten Damen?« erlaubte sich Emma zu fragen.

»Ihr kommt natürlich auch mit. Für dich, liebe Emma, steht hier extra eine Einladung, auch für die Schwester von Pastor Werner, und für Wilhelm, wenn er abkommen kann,« rief die Professorin, den Brief durchsehend.

Während nun die Familie fröhlich erregt war durch die Aussicht auf die Reise und was sie in Wiesendorf alles erleben sollten, erbrach Mariechen den zweiten Brief, der von Hildegard war und zwei eng beschriebene Bogen enthielt. Mariechen las und las und je weiter sie las, desto erregter wurde sie, endlich rief sie laut:

»Es ist doch nicht möglich! Nein es kann nicht sein! Theodora hat Recht: Waldemar hat sich mit einer Gräfin verlobt, und Frau von Buchwald hat Recht: er hat sich mit Hildegard Schmidt verlobt, denn Hildegard ist – eine Gräfin!«

Maßloses Erstaunen malte sich auf allen Gesichtern, und nun las Mariechen aus Hildegards ausführlichen Brief laut vor, was wir bereits wissen.

»Wir sind namenlos glücklich,« schrieb Hildegard am Schluß, »keine Wolke trübt unser Glück, und nun freuen wir uns auf Sonnabend, wo es zu den Schwiegereltern geht. Sie ahnen noch nichts von meiner Herkunft, meine Großeltern wollen uns begleiten und mich ihnen selbst vorstellen.

Wenn du doch auch in Wiesendorf sein könntest, es wäre wunderschön!

Großmama grüßt dich herzlich! O Mariechen, wie ist alles jetzt so licht geworden, es ist des Segens fast zu viel. Grüße deine teuren Eltern und Emma, meine erste Vertraute, und freue dich mit deiner glücklichen

Hildegard.«

Alle waren tief ergriffen und zu gleicher Zeit hoch erfreut, daß auch diese jungen Leute, deren Liebe so hoffnungslos schien, ans Ziel ihrer Wünsche gekommen, und daß sich alle Mißverhältnisse und Knoten schöner gelöst, als sie gehofft.

Rothes versprachen sich gegenseitig Schweigen gegen Buchwalds, wenn sie vor Hohenecks dort eintreffen sollten. –

Am Sonnabend, und schon die Tage vorher, war viel Leben und Bewegung im Schloß Wiesendorf. Als die Ankunft der Gäste nahte, saß Frau von Buchwald in ihrem Boudoir und überdachte alles Erlebte. Wie ganz anders hatte sie sich einst die Auserwählte ihres Waldemar, ihres Erstgeborenen, gedacht! Sie bat Gott um die rechte Weisheit und Liebe, der Braut zu begegnen.

»Nun, Mamachen,« sagte Herr von Buchwald fröhlich eintretend, »bist du bereit?«

Sie nickte leise. Er zog sie an sich und sagte: »Wir haben ein großes Opfer gebracht, doch, wenn es etwas wert sein soll, müssen wir's mit Freuden bringen, dürfen niemand merken lassen, wie schwer es uns geworden! – Und nun wollen wir uns auf die jungen Brautpaare freuen!«

Er trat ans Fenster und rief: »Potz tausend, da sind Mariechen und Werner ja schon!« Und wirklich, da kamen sie, Arm in Arm, begleitet von zwei stattlichen jungen Herren, in denen wir kaum Kurt und Walter wiedererkennen. Der an die Bahn geschickte Wagen vermochte nur vier Personen zu fassen. Werner und Mariechen hatten gleich erklärt, sie würden diesen hochberühmten Weg zu Fuß gehen. Als Werner schelmisch neckend Mariechen fragte: »Darf Robert denn heute den Regenmantel tragen?« da hatte das Mariechen schmollend die Oberlippe aufgeworfen und ihn Kurt, ihrem alten Freund, der freundlich die Hand darnach ausstreckte, über den Arm geworfen und gesagt: »Nein, du Böser, heute zur Strafe nicht!«

Und nun gab es eine freudige Begrüßung, erst mit Röschen, die schon im Hof ihrem Mariechen entgegenlief, und dann mit Herrn und Frau von Buchwald, die das junge Paar von Herzen willkommen hießen, dann kam der Wagen mit den alten Herrschaften und es war eine Freude des Wiedersehens, wie sie nur unter denen sein kann, die von Herzen gleich gesinnt sind. Frau Professorin drückte Frau von Buchwald innig die Hand, sah sie bewegt an und sagte: »Heute kommen zwei glückliche Mütter zusammen.« Frau von Buchwald nickte freundlich mit den Worten: »Wenn die Kinder glücklich sind, müssen es die Eltern auch sein. Ich kenne ja meine zukünftige Schwiegertochter noch gar nicht, habe sie nur einmal flüchtig gesehen, hoffe aber, wenn sie bei uns bleibt, mich mit ihr einzuleben.«

Es war wohl niemand unter den Anwesenden, der nicht mit Herzklopfen der nun immer näher kommenden Begrüßung des Brautpaars entgegensah. Professors mußten an sich halten, um das Geheimnis, das sich nun bald enthüllen sollte, zu bewahren! Der Wagen war bereits an die Bahn gefahren, man erwartete ihn jeden Augenblick zurück. »Jetzt kommt er,« ruft Kurt, und in schnellem Lauf traben die Rappen durch das Hoftor. Buchwalds traten vor das Haus. Der Wagen hält, Waldemar springt heraus und reicht Hildegard die Hand. Die Gräfin winkt, sie sollen die Eltern begrüßen. »Wir folgen,« flüsterte sie. Die liebliche Hildegard verneigt sich anmutig und küßt Frau von Buchwald die Hand, doch diese schließt sie mütterlich in ihre Arme, auch Herr von Buchwald heißt sie herzlich willkommen und nun sehen beide zu ihrem Erstaunen, daß nicht nur eine alte Dame, sondern auch ein alter Herr dem Wagen entstiegen. »Graf und Gräfin Hoheneck, die beide meine Hildegard geleitet,« sagte Waldemar mit stolzem, glücklichem Lächeln. Herr von Buchwald reicht der alten Gräfin seinen Arm, der Graf der Dame des Hauses, die Diener öffnen die Türen des Empfangszimmers und nun folgt ein fröhliches Begrüßen und ein Jubel, als Mariechen auf Hildegard zueilt, Werner und Waldemar sich die Hände schütteln; auch Hohenecks schienen angenehm berührt, die Familie des Professors, von der sie durch Mariechen so viel gehört, hier zu treffen. Herr und Frau von Buchwald aber sehen staunend auf ihre Schwiegertochter aus den niedrigen Verhältnissen! Da steht sie, schlank aufgerichtet, mit vornehmer Haltung und feinem Anstand. Das schöne Mädchen mit den leuchtenden Augen und den feinen aristokratischen Gesichtszügen, ist das die Hildegard Schmidt, die sie sich so ganz anders gedacht? Hildegard hat die Trauer abgelegt, der Anzug, ein dunkelblaues Seidenkleid, hebt noch ihre Gestalt; wir haben Hildegard immer schön gesehen, aber so schön wie heute noch nie.

Eben drückt Herr von Buchwald seiner Gattin die Hand, ihr zuflüsternd: »Jetzt begreife ich Waldemars Liebe, der Junge hat keinen schlechten Geschmack –.« Da faßt der alte Graf die schöne Hildegard bei der Hand, geht mit ihr auf Buchwalds zu und sagt mit bewegter Stimme:

»Wenn Hildegard heute Eltern hätte, so würden dieselben sie in das Haus der Schwiegereltern begleitet haben. Hildegards Eltern sind tot, darum übernehmen es die Großeltern, ihre Enkelin Hildegard den Schwiegereltern zu bringen, mit der Bitte, sie an ihr Herz und in ihr Haus zu nehmen!«

Herr und Frau von Buchwald sahen den Grafen an, als hätten sie den Sinn seiner Rede nicht verstanden. Endlich sagte Herr von Buchwald fragend: »Herr Graf haben unsere Schwiegertochter adoptiert?«

»Keineswegs. Sie ist die rechtmäßige Tochter meines einziggeliebten, leider nur zu früh verstorbenen Sohnes Kuno und seiner Gemahlin Hedwig von Allner, die einige Tage nach der Geburt des Kindes starb. Eine treue Dienerin des Hauses, Frau Wilhelmine Schmidt, ward Pflegerin des Kindes und hat es in treue Hut genommen. Sie ist kürzlich gestorben; nach ihrem Tode wurde ein Brief aufgefunden nebst wichtigen Dokumenten, die Hildegards Geburt als Gräfin von Hoheneck bestätigten. Gestern sind es acht Tage, daß wir unser teures Kind zuerst als Enkelin umarmten. Und nun, Hildegard, geh! Erzähle deinen Schwiegereltern allein, was sie noch zu wissen begehren.«

Frau von Buchwald schlingt in tiefer Bewegung den Arm um Hildegard und führt sie ins Nebenzimmer; Herr von Buchwald und Waldemar folgen.

Und während die Gäste sich fröhlich unterhalten, haben Hildegard und die Eltern lange zusammen gesprochen. Und als sie wieder zur Gesellschaft zurückkehren, da sieht man es an den ernsten Gesichtern und den geröteten Augen, daß es nicht ohne tiefe, innere Bewegung abgegangen. Was Hildegard am meisten beglückt, ist die Versicherung der Eltern, daß sie sie auch ohne ihre Standeserhöhung an ihr Herz und in ihr Haus genommen haben würden. Als die Eltern ihre Kinder segneten, da flüstert Waldemar seiner Hildegard zu: »Das habe ich dir zu verdanken! Es gab eine Zeit, wo ich glaubte, des elterlichen Segens zu unserer Verbindung nicht zu bedürfen. Nun weiß ich, daß du recht hattest!«

Hildegard sah ihn strahlend an. »Der Herr hat alles wohl gemacht!« sagte sie einfach.

Und als es nun zu Tisch ging, da klangen die Gläser fröhlich, und die alten wie die jungen Herren wetteiferten in ernsten und munteren Toasten. Nachdem den Eltern, Großeltern, sowie den Brautpaaren verschiedene Hochs gebracht waren, erhob sich der alte Graf und bat die Gäste, mit ihm anzustoßen auf ein junges Mädchen, das am Bahnhof in Berlin einer alten Dame die verlorene Tasche aufgehoben und nachgetragen habe. Aller Augen richteten sich auf das hocherrötende Mariechen. Der Graf fuhr fort: »Hätte unser liebes Mariechen dort meiner Frau die Tasche nicht gebracht, so hätten wir die Reise nicht zusammen gemacht; hätte sie uns unsere Hildegard nicht empfohlen und sie uns ins Haus gebracht, so hätten wir jetzt keine Enkelin und Waldemar keine Braut. Also, es lebe Fräulein Marie Rothe, die kleine glück- und heilbringende Fee!« Alle Gläser klangen: Hoch!

Werner sah sie an. »Meine Waldfee,« sagte er, und Kurt, der ihr gegenübersaß, meinte lächelnd: »Fräulein Mariechen, Sie sind heute wieder die Fee aus ›Rolands Knappen‹!«

Nach Tisch sah man die Gesellschaft in fröhliche Gruppen verteilt im Park sich ergehen. Werner und Mariechen suchten alte Erinnerungspunkte auf und als sie auf die Veranda traten, zeigte Mariechen auf die Bank mit den Worten: »Hier weinte ich die ersten Tränen um dich!«

»Und nicht die letzten,« sagte Werner ernst.

»O, wenn ich damals gewußt hätte, wie viel bitterere ich noch weinen würde –«

»Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten!« sagte Werner leise.

Später sah man die drei Bräute zusammen wandern, sie hatten sich so viel zu erzählen von inneren und äußeren Erlebnissen! Waldemar und Werner schritten in ernstem Gespräch auf und ab, während die älteren Herrschaften auf der Terrasse dem fröhlichen Treiben ihrer Kinder zusahen und Emma und Therese sich bald zu den jungen, bald zu den alten Leuten gesellten. Erst der Abend vereinigte alle im Musikzimmer. Es herrschte allgemeine, lebhafte Unterhaltung, Pläne für die Zukunft wurden entworfen, dies und jenes beraten.

Hildegard sollte drei Wochen bei den Schwiegereltern bleiben, dann nach Klosterberg zu den Großeltern zurückkehren, und im Spätherbst sollte daselbst die Hochzeit gefeiert werden. Werner war ersehen, das junge Paar zu trauen. Mariechen will einige Monate nach Nienhagen, dann zu den Eltern zurückkehren und Hochzeit halten. Ihr geliebter Bruder Wilhelm soll ihr die Traurede halten, und sie freut sich, als junge Frau schon Hildegards Hochzeit mitfeiern zu dürfen.

Die Eltern schauen mit strahlenden Augen auf ihre glücklichen Kinder, die nach langer Prüfung, darin sie der Liebe Leid hatten kennen lernen, nun der Liebe Lust genießen.

Der würdige Professor ergreift, nachdem alle eine Weile geschwiegen, das Wort und sagt: »Es wurde bei uns oft das Wort eines Dichters erwähnt, ja vielfach von unseren jungen Leuten zitiert:

Nur unverzagt und Gott vertraut,
Es muß doch Frühling werden!

Und wenn wir jetzt hinaussehen, so steht der Frühling in voller Pracht. Und sehen wir unsere jungen Leute an, so ist auch bei ihnen der Frühling eingekehrt, alles atmet Lust und Freude. Und uns Alte bewegen Anklänge an die längst entschwundene Zeit, wo auch uns der Frühling blühte. Der Frühling des Lebens entschwindet, es kommt die Hitze des Sommers, die Stürme des Winters brausen daher. Freude und Leid wechseln miteinander wie Tag und Nacht, Frühling und Winter. Wir aber, die wir im Glauben stehen, wissen, daß für uns alle, wir seien alt oder jung, verheiratet oder ledig, ein ewiger Frühling anbrechen wird. So laßt uns denn, so viele Wechsel uns noch bevorstehen mögen, dennoch frisch und fruchtbar sein in unserem Tagewerk, damit wir einst würdig erfunden werden, einzugehen in das unbewegliche Reich der Herrlichkeit, wo der ewige Frühling blüht.

Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich! Darum ist es ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen seinem Namen. Es liegt gewiß in aller Sinn, wenn ich auffordere, mit mir gemeinsam dem Herrn zu danken in dem Liede: ›Lobe den Herren, o meine Seele‹.«

Werner war leise ans Klavier getreten und griff einige Akkorde. Dann begann das Lied, in das alle dankerfüllt einstimmten. Wir verlassen die uns liebgewordenen, glücklichen Menschen, noch in der Ferne ihr Loblied vernehmend, wie es durch die weitgeöffneten Bogenfenster in die milde Maiennacht hinaustönt:

Selig, ja selig ist der zu nennen,
Des Hilfe der Gott Jakobs ist,
Welcher vom Glauben sich nicht läßt trennen
Und hofft getrost auf Jesum Christ.
Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
Findet am besten Rat und Tat,
Halleluja, Halleluja!

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