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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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15. Enthüllungen

Nicht so leichten Herzens, wie Mariechen heute, war Hildegard einige Wochen vorher dieselbe Strecke mit der Bahn gefahren. Traurig, sehr traurig war sie gewesen, und da sie meistens allein war, konnte sie sich ihrem Schmerz frei überlassen; die Zeit wurde ihr namenlos lang, eh' sie ans Ziel ihrer Reise kam. Endlich gegen Mittag des folgenden Tages war die ferne Residenz erreicht. Es wäre ihr wohl lieber gewesen, wenn sie abends ungesehen und unerkannt hätte ankommen können. Sie zog den Schleier vors Gesicht, damit niemand die verweinten Augen sehen sollte, bestieg schnell eine Droschke und fuhr in den entlegenen Stadtteil, wo die geliebte Mutter bei ihrer verheirateten Tochter Minchen wohnte. Endlich war das Haus erreicht, leise wurde auf ihr Klopfen geöffnet.

»Hildegard, du bist's? Wie gut, daß du kommst. Die Mutter hatte lange nach dir ausgeschaut!«

»Lebt sie noch?«

»Ja, sie lebt, aber augenblicklich ist das Bewußtsein geschwunden, sie wird dich nicht erkennen.«

Minchen oder Frau Reimann, die Tischlersfrau, nahm Hildegard die Sachen ab und führte sie in die Stube. Ein ziemlich geräumiges, einfach möbliertes Zimmer nahm sie auf. Zwei kleine Kinder spielten an der Erde mit Bauhölzern, die sie durcheinanderwarfen oder einander wegnahmen und dann vor Unart weinten.

»Stört das die Mutter nicht?« fragte Hildegard leise.

»Sie liegt im andern Zimmer,« sagte Minchen, »und hört nicht viel davon. Ich bin froh, daß du da bist; es ist mir jetzt fast zuviel geworden mit der Pflege, dabei die kleinen Kinder und der Hausstand!«

»Hast du keine Hilfe?«

»Ein kleines vierzehnjähriges Mädchen, die aber selbst noch beaufsichtigt sein will.«

»Geht es dir denn sonst gut?«

»Man muß zufrieden sein,« sagte Minchen. «Du wirst es freilich besser haben!«

»Am besten ist's bei der Mutter,« antwortete Hildegard ausweichend. »Darf ich zu ihr?«

»Ja, geh' nur leise hinein, sie liegt immer im Halbschlummer und das Bewußtsein schwindet oft.«

Hildegard betrat das anstoßende schmale Zimmerchen, wo außer einem Bett nur eine Kommode, ein Pult, ein Tisch und einige Stühle Platz hatten. Sie ging auf das Bett zu und der Schmerz überwältigte sie von neuem, als sie das bleiche, eingefallene Gesicht sah und die abgemagerten Hände, die ineinander gefaltet auf dem Deckbett lagen. »Du gute, liebe Mutter,« schluchzte sie leise, »o, wär' ich doch bei dir geblieben!«

Jetzt war's, als ob die Hände der Mutter sich ein klein wenig rührten, sie schlug langsam die Augen auf und stieß in Absätzen heraus: »Bist du – endlich da – – mein Kind – – meine Hildegard?« – Dann schloß sie wieder die Augen und war lange still. Jetzt bewegte sie die Lippen von neuem: »Ich habe dir – viel zu sagen – – – und das Sprechen wird mir so schwer!« –

»Bitte, liebste Mutter, sprich jetzt nicht. Ich bleibe bei dir!«

Die Mutter schwieg, es schien eine plötzliche Schwäche über sie zu kommen, die Augen waren wieder geschlossen, die Lippen fest aufeinander gepreßt, die Gesichtsfarbe noch fahler als zuvor. Hildegard rief ängstlich nach Minchen. »Minchen, ich glaube, die Mutter stirbt!« Minchen kam herbei und schüttelte leise das Haupt. »Nein, jetzt noch nicht,« flüsterte sie. »Die Zufälle hat sie jetzt oft gehabt, sich aber immer wieder erholt. Dein Kommen hat sie so aufgeregt, sie verlangte dringend nach dir und war in der vorletzten Nacht so unruhig, daß wir früh telegraphiert haben.« –

»Hättet ihr mich nur eher rufen lassen,« sagte Hildegard.

»Wir glaubten, du würdest schwer abkommen können, dazu die weite Reise; auch hielten wir den Zustand nicht für so gefährlich. Sie ist erst seit vierzehn Tagen krank, der Arzt sagt, es sei eine Lungenentzündung, und fürchtet keinen guten Ausgang, da die Kräfte gesunken und der Husten gefährlich.«

»Arme, arme Mutter,« seufzte Hildegard. »Und arme Schwester, du hast es recht schwer gehabt!«

»Mein Mann und ich haben nachts abgewechselt. Wir tun es ja so gern für die Mutter.«

»Nun bin ich da, und diese Nacht wache ich bei Mütterchen,« sagte Hildegard, und damit begann die Zeit der Krankenpflege. Der Arzt schien sehr erfreut, daß jemand da war, der sich unausgesetzt der Pflege widmen konnte. Auf Hildegards Befragen jedoch, ob Hoffnung auf Genesung vorhanden, zuckte er bedauernd mit den Achseln und sah sie zweifelnd an. »Halten Sie jede Aufregung von ihr fern,« sagte er beim Fortgehen, »die geringste Erregung kann tödlich wirken.«

So pflegte nun Hildegard ihre Mutter mit sanftem, stillem Wesen, mit einer Ruhe und Geschicklichkeit, als sei sie eine geübte Diakonissin. Auch der Schwester suchte sie manches abzunehmen. Sie nahm sich der Kinder an, wenn sie zeitweise die Mutter verlassen konnte, und war so für Minchen eine wesentliche Hilfe.

»Ja, wenn ich dich immer hier haben könnte,« sagte diese eines Tages, fügte aber gleich hinzu: »Du würdest dich doch nicht wohl fühlen, wenn du immer bei uns wärest.«

»Warum denn nicht,« hatte Hildegard geantwortet, und doch fühlte sie innerlich, daß Minchen recht hatte. Es war ein so ganz anderer Ton im Hause der Schwester, als wie er ihr zugesagt hätte. Sie konnte sich so schwer an die zwar gutmütige, aber derbe, alltägliche Art des Schwagers gewöhnen. Wie kam es nur, daß sie so ganz anders angelegt war als die Schwester? sie hatten doch dieselben Eltern gehabt. »Ich passe nirgends hin,« sagte sie dann traurig zu sich selbst, »weder in das Schloß der Vornehmen, noch in das Haus der Geringen! O, mein Gott, gib mir ein demütiges und gehorsames Herz, zu wandeln deine Wege!«

Drei Wochen waren vergangen, ohne daß sich etwas Wesentliches im Befinden der Kranken geändert hätte. Gesprochen hatte sie fast gar nicht, aber ihre Augen suchten immer Hildegard und ihre schwachen Hände streckten sich oft aus, Hildegards Hände zu fassen. Jetzt schlief die Mutter ein wenig, Minchen, die in der Stadt Besorgungen hatte, hatte Hildegard gebeten, auf die Kleinen acht zu haben. Da kommt der Postbote und bringt einen Brief, er ist für Hildegard und wie sie bald sieht, sind es die Schriftzüge der geliebten Gräfin. Sie öffnet und stehe da, es fällt noch ein Brief heraus. Sie nimmt ihn und erbleicht – es sind die Schriftzüge – Waldemars! Also er lebt! Und schreibt an sie! Sie ist nicht imstande, den Brief zu öffnen, sondern greift erst nach dem der Gräfin. Doch nein, sie kann ihn nicht lesen, sie muß den andern erbrechen. Es ist ein langer Brief, was enthält er?

Waldemar schreibt:

»Was Sie mir nicht vergönnt haben, Ihnen mündlich zu sagen, darf ich Ihnen wohl schriftlich anvertrauen. Es scheint mir der sicherste Weg, um endlich zum Ziel zu kommen.« Und nun sagte er ihr, wie er nie aufgehört habe, sie zu lieben, wie ihr Bild ihn stets begleitet habe auf seinen Reisen und Wanderungen, und wie traurig ihn der Gedanke macht, sie vielleicht nie im Leben wiederzusehen. Dann erzählte er vom Tode seines Onkels und wie dadurch das Leben für ihn so ganz anders geworden. Wie er durch die Erbschaft so vieler Güter so viele Verpflichtungen und Verantwortungen übernommen, wie er aber auch da ihrer nie vergessen, sondern dankbar des Tages gedacht, wo er durch sie andern Sinnes geworden.

Darauf offenbarte er ihr, daß das Wiedersehen am See zu Horst der glücklichste Tag seines Lebens gewesen, daß er sich aber nicht eher wieder habe nähern wollen, als mit dem Segen der Eltern. »Ich hoffte,« schrieb er, »zu Weihnachten denselben zu erlangen, war auch so glücklich, von meiner Mutter das Jawort zu bekommen, nebst der Versicherung, mich beim Vater zu vertreten. Da erfolgte meine plötzliche Abreise nach Warsow und einige Wochen darauf meine Erkrankung am Typhus. Meine Eltern verlebten traurige Wochen an meinem Krankenlager, von denen ich nichts weiß. Als ich zum Bewußtsein erwachte, saßen beide an meinem Bett mit heißen Danksagungen gegen Gott auf ihren Lippen. Ich habe erfahren, was treue Elternliebe wert ist. Ja noch mehr. Diese treue Liebe, die Tag und Nacht an meinem Bett gewacht – sie tut mehr als das, sie hat sich selbst verleugnet, sie sucht nicht das ihre – will nur das Glück ihres geliebten Sohnes. Die Eltern wissen von unserer abermaligen Begegnung und geben ihren Segen zu unserer Verbindung. In der Hoffnung, daß Sie noch in Klosterberg weilen, sende ich den Brief dahin. In einigen Wochen gedenke ich nach Horst zurückzukehren. Wollen Sie mir, meine teure Hildegard, eine kurze Antwort zukommen lassen, ob ich endlich hoffen darf, ob Sie mir gestatten nach Klosterberg zu kommen, um mir von Ihnen das langersehnte Jawort zu holen?«

Hildegard war ganz überwältigt. Wie froh war sie, daß das Mütterlein schlief, die Kinder ruhig spielten und die Schwester fortgegangen war, so brauchte sie die Aufregung, die der Brief hervorgebracht, nicht gewaltsam zu unterdrücken. »Er liebt mich! hat mich immer geliebt! ist mir treu geblieben all die langen Jahre hindurch,» tönte es fort und fort in ihr, sie hätte in lauten Jubel ausbrechen mögen. »Er kommt mit dem elterlichen Segen, ich soll die Seine werden, o mein Gott, wie danke ich dir!«

Nun las sie auch den Brief der Gräfin. Er lautete: »Meine liebe Hildegard. Sie fehlen uns überall. Mein Mann sowohl als ich sehnen den Zeitpunkt herbei, wo Sie wieder die unsere sein werden. Aber beschleunigen Sie Ihre Abreise deshalb nicht. Pflegen Sie Ihr teures Mütterlein, bis es dem Herrn gefällt, sie genesen zu lassen. Einliegender Brief kam gestern. Der Poststempel läßt mich ahnen, von wem er ist. Er wird jedenfalls wichtiges für Sie enthalten. Meine liebe Hildegard, Sie verargen es Ihrer mütterlichen Freundin nicht, wenn sie Sie bittet, nicht vorschnell zu handeln. Ich habe in meinem langen Leben viel trübe Erfahrungen gemacht, nicht nur an Fremden, nein, in der eigenen Familie. Heiraten unter und über dem Stande bringen kein Glück, keinen Segen. Die Stände sind auch von Gott geordnet, wir sollen diese Ordnung nicht zerstören, ein jeder soll in der ihm von Gott angewiesenen Sphäre bleiben. Seien Sie mir nicht böse, liebes Kind, die Liebe zu Ihnen gibt mir das Gesagte ein. Gott behüte Sie und leite Sie auf rechter Bahn. In herzlicher Zuneigung Ihre

H. von Hoheneck.«

Es war Hildegard, als hätte sie jemand mit kaltem Wasser übergossen, als sei sie auf einmal in das nüchterne Alltagsleben zurückversetzt. Sie sah um sich und lächelte bitter. Ihre Umgebung war die Wohnung eines Handwerkers; es war natürlich, daß die Erinnerung an alles Erlebte nur zu bald zurückkehrte. Und wenn sie dann ihres todkranken Mütterleins gedachte, so nahm dieselbe jetzt den ersten Platz in ihrem Herzen ein, sie konnte und mochte an nichts weiter denken. Aber antworten mußte sie Waldemar. Ohne weitere Überlegung, denn sie mußte die kurze freie Zeit benutzen, wo sie unbeachtet schreiben konnte, nahm sie die Feder und schrieb wie folgt:

»Verehrter Herr Graf!

Sie können begreifen, welche Gefühle Ihr eben empfangener Brief in mir erregt. Überraschung, Staunen und tiefe Rührung darüber, daß Sie mir armem Wesen durch so viel Jahre hindurch Liebe und Treue bewahrt, wechselten miteinander ab. Ich bin jedoch außerstande, Ihnen auf Ihre Frage schon heute die Antwort, die Sie wünschen, zu geben. Sie werden es begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß ich am Krankenbett einer sterbenden Mutter sitze. Ich halte mich augenblicklich im Hause meiner Schwester auf. Dieselbe hat vor einigen Jahren einen Tischler geheiratet, der fleißig mit seinen Gesellen in der Werkstätte arbeitet und nur zu den Mahlzeiten in blauer Leinwandschürze erscheint, gefolgt von seinen Leuten, die mit uns zu Tisch sitzen. Meine Schwester ist eine einfache tüchtige Handwerkersfrau, deren Bildung kaum über die ihres Mannes hinausgeht. Ihre Kinder werden dementsprechend erzogen. Das sind meine einzigen Verwandten, die ich auf der Welt habe, wenn meine geliebte Mutter von mir genommen wird. Überlegen Sie sich noch einmal, ob Sie Hildegard Schmidt für nicht zu gering halten, Ihre Gattin zu werden, ob die Liebe und Nachsicht Ihrer Eltern groß genug sein wird, ein Mädchen, das so wenig ebenbürtig ist, nicht nur als Schwiegertochter zu begrüßen, sondern fortdauernd mit Liebe und Vertrauen zu behandeln. Ich muß schließen, die Mutter verlangt nach mir. Sobald ich zur Ruhe und Klarheit gekommen, lasse ich Ihnen endgültige, bestimmte Antwort zugehen. Ob ich nach Klosterberg zurückkehre, weiß ich noch nicht; ich kann und mag jetzt nichts weiter denken, als wie ich meiner teuren Mutter durch liebevolle, hingebende Pflege alles vergelte, was sie an mir getan. In vollkommenster Hochachtung

Hildegard Schmidt.«

Sie adressierte den Brief und ließ ihn sofort von dem kleinen Dienstmädchen in den Briefkasten stecken.

Vierzehn Tage später finden wir Hildegard in tiefer Trauer am Fenster sitzen. Es war alles vorüber! Die teure Mutter war nach langen Leiden heimgegangen und Hildegard fühlte sich vereinsamter denn je. Wie war doch alles nun so plötzlich anders geworden! Sie selbst heimatlos und ohne Stütze. Ja, wenn sie in Klosterberg hätte bleiben können! Aber auch dort war ihres Bleibens nicht länger, sie wollte der Gräfin schreiben, daß sie ihre mütterlichen Winke nicht unbeachtet lassen würde – daß sie ihrem Glück, so lieblich und schön es sich böte, entsagen wolle. Bis jetzt hatte sie weder Mut noch Freudigkeit zum Schreiben gehabt. Der Tod ihrer Mutter, sowie die Leidenstage vorher hatten einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen und besonders die letzte Nacht war ihr unvergeßlich. Es hatte sich der Mutter schon am Tage vorher eine solche Unruhe bemächtigt, die sie weder schlafen noch ruhen ließ.

»Hildegard, mein Kind,« hatte sie einmal mit auffallend lauter Stimme gesagt, »bist du noch nicht bei Graf Hohenecks? Kehre zu ihnen zurück, versprich es mir!« Hildegard, die der todkranken Mutter natürlich nichts von Waldemar gesagt, auch nichts von ihren Absichten, Klosterberg seinetwegen zu verlassen, nickte leise mit dem Kopf, um die Mutter nicht zu beunruhigen. Dann hatte diese eine Weile still gelegen; auf einmal war sie aufgefahren und hatte mit ängstlichem Blick gerufen: »Hat Hildegard das Kästchen? Sie muß es haben, sie soll es mitnehmen. Es ist im Pult – – gewiß – es muß dort sein!«

Hildegard streichelte sanft die verstörte Mutter, deren Aussehen ihr heute gar nicht gefiel. Auch der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf und warnte noch einmal die Töchter, jede geringste Aufregung fernzuhalten, da die kleinste Unruhe einen Blutsturz zur Folge haben könnte. Aber obgleich die Töchter alles taten, die geliebte Mutter ruhig zu halten, so trat das längst gefürchtete ein. Ein Blutsturz machte dem teuren Leben ein Ende!

In den ersten Tagen des Leides hatte Hildegard an nichts weiter denken können; nun mußte sie zu einem Entschluß kommen und wollte heute ihrer lieben Gräfin schreiben. Ihre Antwort sollte bestimmend für sie sein. Als sie an das alte Pult ging, sich Schreibmaterial zu holen, fielen ihr plötzlich die Worte der Mutter wieder ein: »Hat Hildegard das Kästchen? Im Pult ist es; sie muß es haben.« – Sie hatte erst weniger Gewicht darauf gelegt, da sie die Worte der Mutter zum Teil für Fieberphantasten gehalten. Doch plötzlich kam ihr der Gedanke: »Wie, wenn die Mutter ein Vermächtnis für mich hätte?« Sie durchsuchte das Pult von oben bis unten, fand aber nichts und wollte sich eben an die Klappe zum Schreiben niedersetzen. Da bemerkte sie, daß das Brett an der hintern Wand locker zu sein schien. Sie versuchte daran zu schieben und siehe da, nach einigen vergeblichen Versuchen gab es nach und ließ sich in die Höhe schieben. Ein geheimes Schubfach öffnete sich, das nichts enthielt, als ein versiegeltes Päckchen mit der Aufschrift: »Für Hildegard. Nach meinem Tode zu öffnen.« Hastig löste Hildegard die Siegel und nahm das Papier weg, ein braunes, unscheinbares Kästchen kam zum Vorschein. Hildegard öffnete es und fand einen Brief für sich, geschrieben von der Hand ihres Mütterleins. Außer dem Brief schienen noch einige wertvolle Schmucksachen im Kästchen zu sein. Doch das war Hildegard Nebensache. Sie entfaltete den Brief und las:

»Meine teure, innig geliebte Tochter!

Wenn dieser Brief in deine Hände gelangt, weile ich nicht mehr unter den Lebenden. Ich schreibe ihn jetzt, wo ich mich noch wohl und kräftig fühle, denn wenn der Tod nahe rückt, kann man oft das nicht mehr sagen oder klar ausdrücken, was wichtig für die Hinterlassenen ist. Und dir, meinem teuren Kinde, habe ich viel wichtiges mitzuteilen. Du bist nicht, wie du bisher geglaubt, meine Tochter. Du bist die rechtmäßige Tochter des Grafen Kuno von Hoheneck und seiner Gemahlin Hedwig von Allner. Es ist eine traurige, herzbewegliche Geschichte, die ich als Dienerin deiner Mutter von Anfang bis Ende durchgemacht. Deine Mutter war die Tochter eines armen pensionierten Offiziers. Seine Frau war längst gestorben und so lebte er mit seiner Tochter und mir, die ich als junges Ding in ihren Dienst gekommen, einfach und bescheiden. Fräulein Hedwig hatte eine wunderbar schöne Stimme und man hatte ihr schon oft geraten, dieselbe fürs Theater ausbilden zu lassen, sie würde großes Aufsehen machen, ja, viel Ruhm ernten. War es nur dies, sich durch ihre Stimme Ruf zu verschaffen, oder sich mit derselben Geld zu verdienen, um ihrem Vater dadurch ein bequemeres, seinem Stande angemesseneres Leben zu schaffen – kurz, ihre Beweggründe kannte ich nicht! Ich weiß nur, daß sie eines Tages zu mir kam und sagte: »Wilhelmine, nun wird es nicht lange währen, so bin ich eine berühmte Sängerin und das Darben hört auf.« Und sie hatte recht! Als sie einige Jahre später Opernsängerin in der Residenz geworden, da begann ein anderes Leben. Der alte Vater schmunzelte oft und ließ sich das gute Leben, das er davon hatte, wohlgefallen. Doch konnte er es nicht lange genießen. Ein Schlagfluß machte seinem Leben ein Ende und ich war mit meinem Fräulein allein. Fräulein Hedwig war so lieb und gut, so sanft und engelrein, sie hat das harte Los, das sie traf, nicht verdient. Was konnte sie dafür, daß sie so schön war, daß sie nicht allein durch ihre Stimme, sondern auch durch ihre Schönheit alle Welt entzückte. Viel Huldigungen wurden ihr zuteil, aber nie hat sie sich eine Ungehörigkeit erlaubt, nie Besuche von Herren empfangen, wie es oft unter den Schauspielerinnen Sitte ist. Ich war ihre stete Begleiterin. Nur einen Verehrer wies sie nicht zurück, das war der junge Graf Kuno von Hoheneck. Wo sie sich zuerst getroffen, ich weiß es nicht. Tatsache aber ist, daß er überall zu treffen war, wohin wir unsere Schritte lenkten. Fräulein Hedwig verhielt sich anfangs kühl und zurückhaltend, aber sie konnte auch ihrer Gefühle nicht mehr Herr werden. Sie gestanden sich ihre gegenseitige Liebe, und er versprach, die Erlaubnis seiner Eltern zu ihrer Verbindung einzuholen. Ich sehe ihn noch, wie er eines Abends bleich und aufgeregt bei uns eintrat. Er hatte die gewünschte Einwilligung seiner Eltern nicht ausgewirkt. Im Gegenteil, der Vater hatte seinem ungeratenen Sohn, der sich mit einer Schauspielerin eingelassen, geflucht, ihm mit Enterbung gedroht usw., auch die Mutter war ungehalten und es wurde verlangt, er solle das Verhältnis lösen. Daran war nicht mehr zu denken. Die gegenseitige Liebe war zu groß, als daß sie je voneinander hätten lassen wollen. Richtiger wäre es gewesen, sie hätten gewartet auf den Segen der Eltern, aber der junge Graf war leichtsinnig, wenn auch gutherzig, und mein liebes Fräulein Hedwig fügte sich unbedingt in seine Anordnungen, weil sie nur ihn liebte und niemand hatte, der ihr hätte raten und helfen können. Unter viel Tränen vertraute sie mir denn an, daß sie sich heimlich wollten trauen lassen und ins Ausland gehen, bis sie die Verzeihung der Eltern erlangt. Sie beschwor mich, sie nicht zu verlassen, und wie hätte ich je von meiner geliebten Herrin lassen können. Der Aufbruch aus der Residenz ging also vor sich. An einem Abend reisten wir ab, zunächst in ein entfernt liegendes Dörfchen, wo die Trauung von dem Pfarrer des Ortes in aller Stille vollzogen ward. Trauzeugen waren außer mir einige Freunde des Grafen. Der Pfarrer hatte erst die Trauung verweigert, doch da des Grafen Papiere in Ordnung waren, konnte er keine weiteren Einwendungen machen. Wir reisten nun viel und waren fröhlich und guter Dinge. Meine Herrin hatte sich durch ihr Talent viel Geld erworben, auch der Graf schien anfangs gut ausgestattet zu sein; so war vorderhand keine Not und uns gefiel das Leben prächtig. Später, als die jungen Leute des Reisens müde wurden, zogen sie sich ins südliche Frankreich zurück. Der Graf mietete in herrlichster Gegend eine reizende kleine Villa und dort lebten sie ihrer Liebe. Doch merkte ich oft, wie des Grafen Stirn eine Wolke beschattete, er gedachte der fernen Eltern und sehnte sich nach ihrer Verzeihung. Er konnte es nicht länger ertragen, er schrieb einen langen Brief, darin er sich als reuiger Sohn aller Sünde schuldig gab und um Verzeihung bat. Sie fügte auch einige Worte hinzu und der Brief ging ab. Aber nach vielen Wochen kommt der Brief als unbestellbar zurück. Die gräflichen Herrschaften hatten ihr Gut verkauft und waren auf Reisen gegangen; niemand wußte wohin.

»Dann kam der traurige Tag, der mir zeitlebens im Gedächtnis bleibt, der Tag, wo der junge Graf am Morgen fröhlich ausritt und nach einigen Stunden, durch einen unglücklichen Sturz vom Pferde, tot nach Hause gebracht wurde. Meine liebe junge Gräfin war starr vor Schrecken. Sie konnte die ersten Tage nicht weinen, sondern ging bleich wie ein Marmorbild umher, ordnete alles mit Ruhe und Klarheit an, daß es mir angst und bange wurde und ich für ihren Verstand fürchtete. Endlich nach acht Tagen löste sich der Bann, und sie konnte weinen. Da hat sie sich an meiner Brust ausgeweint und hat ihrem Schmerz und Kummer freien Lauf gelassen. »Wir wollen in die Heimat,« hat sie dann gesagt – doch war vorderhand an keine Reise zu denken, da sie sich schonen mußte. Nach einem Monat genas sie eines Töchterleins. Wir fürchteten für ihr Leben, sie war schon vorher mit Todesahnung erfüllt und hatte mir das Versprechen abgenommen, mich ihres Kindleins anzunehmen, es ganz als das meinige zu erziehen und es nur dann den Großeltern zu übergeben, wenn ich fest überzeugt sei, daß sie den Eltern nicht mehr zürnten, daß sie das Enkelkind nicht entgelten ließen, was die Eltern gesündigt. »O, wenn meine Eltern noch lebten,« hatte sie oft ausgerufen, »sie würden das Kind an ihr Herz und in ihr Haus nehmen!« Sie erfuhr noch, daß es ein Töchterlein sei und hauchte leise: »Sie soll Hildegard heißen, mein Mann – hat seine Mutter – so lieb gehabt.« Dann stellte sich ein heftiges Fieber ein. Das Bewußtsein schwand und acht Tage später begruben wir sie an der Seite ihres Gatten. Da ruhen sie nun beide, deine Eltern, im südlichen Frankreich. Ich nahm dich armes Kindlein mit in die Heimat, wo ich bald einem jungen Mann, der schon früher um mich geworben, die Hand reichte. Er wußte alles, und gelobte natürlich tiefes Schweigen. Daß wir das Geheimnis treu bewahrt, weißt du; jetzt begreifst du, warum ich dir eine bessere Erziehung geben ließ als Minchen. Deine Großeltern brauchen sich deiner nicht zu schämen. Sie sind gefunden! – und wenn ich auch erst schwankte, als du die Stelle bei Hohenecks annahmst, so haben es mir deine Briefe mehr und mehr bestätigt, vorzüglich der eine, wo du von dem einzigen Sohn Kuno schriebst, der verschollen sei. Du bedarfst zu deiner Legitimierung nur dieses Kästchens. Es enthält außer einem Brief nichts als den Trauschein deiner Eltern, ein Medaillon, welches das Bild einer Schwester des Grafen enthält, ein Bild deiner Mutter und einige andere Kostbarkeiten. Alles andere sollte ich zu Geld machen, um davon deine Erziehung zu bestreiten. Ich habe nach bestem Wissen und Überlegen gehandelt! Wie gern hätte ich, als Herr von Buchwald um dich warb, schon damals deine Herkunft geoffenbart, doch die Großeltern waren verschollen, andere Verwandte hattest du keine, und so hätten meine Enthüllungen zu nichts geführt. Gott bringt alles zurecht nach seinem Rat und Willen, er wird auch deine fernere Zukunft versehen, ich lege alles getrost in seine Hände. Ist es sein Wille, so kann er dir deines Herzens Wunsch gewähren, und du kannst nun als Gräfin Hildegard von Hoheneck getrost dein Haupt erheben zum Herrn Waldemar von Buchwald.

Gott behüte dich, mein teures Kind, und führe dich sanftere Wege als deine arme Mutter. Sie war nicht leichtsinnig, aber der Welt unkundig und unerfahren. Im übrigen hatte sie einen edlen frommen Sinn, war reinen und keuschen Herzens und wäre ihren Schwiegereltern, wenn sie sie gekannt hätte, eine liebe, gute Tochter geworden. Sage deinen Großeltern, daß nicht ein hartes Wort gegen sie über ihre Lippen gekommen ist, daß sie immer nur Gott gebeten hat um Vergebung ihrer und ihres Mannes Schuld. Ich zweifle nicht, daß die Großeltern an dir, der Enkelin, gut machen werden, was sie an den Kindern versehen.

»Der Brief ist mir sauer geworden, geliebte Tochter, es ist das letzte, was ich für dich tun kann. Ich fühle es, meine Tage sind gezählt und meine Aufgabe an dir ist erfüllt.

»Dich dem allmächtigen Schutz Gottes befehlend bin und bleibe ich

Deine treue Pflegemutter
Wilhelmine Schmidt.«

Der Brief war zu Ende und Hildegard tief erschüttert! Mehrere Male während des Lesens hatte sie ihn hingelegt, hatte ihre Hände vor das Gesicht gelegt und ausgerufen: »Ist das möglich? Mein Gott, es kann ja nicht sein!!« Dann aber las sie in fieberhafter Spannung weiter, immer weiter bis zu Ende, und nun waren auch ihre Kräfte zu Ende. Es wurde dunkel vor ihren Augen, Totenblässe bedeckte ihr Antlitz, die Sinne schwanden und sie sank zurück in den Stuhl gerade in dem Augenblick, wo Minchen in das Zimmer trat, um zu sehen, was Hildegard habe, da sie sich den ganzen Morgen noch nicht hatte sehen lassen. Mit einem Schrei sprang Minchen zu und rief ihr Mädchen zu Hilfe. »So, nun stirbt Hildegard auch,« klagte sie, »ich dachte es wohl! Das viele Nachtwachen und die angestrengte Pflege – es ist zuviel gewesen!« Sie rieb ihr die Schläfen mit Essig und brachte sie mit Hilfe Katharinens zu Bett. Sie beobachtete sie lange ängstlich, es schien wieder Leben zu kommen, Hildegard atmete und schlug langsam die Augen auf. »Wo bin ich?« sagte sie matt. »Hildegard, liebste Hildegard, werde nur nicht auch krank,« rief Minchen liebevoll, »soll ich zum Arzt schicken?« »Nein,« sagte Hildegard, »ich bin nur müde, sehr müde.« Und kaum hatte sie das gesagt, sank sie in einen tiefen Schlaf. Kummer, Aufregung, Nachtwachen, alles hatte eine solche Abspannung hervorgerufen, daß sie nicht mehr standhalten konnte. Sie hatte aber eine kräftige Natur, die sich durch Schlaf immer wieder erholte, derselbe war auch jetzt ihre Hilfe und unterdrückte eine Krankheit, die bei einer zarteren Konstitution unausbleiblich gewesen wäre.

Hildegard schlief den ganzen Tag, schlief die ganze Nacht bis zum folgenden Tage. Als sie dann die Augen aufschlug, fühlte sie sich wie neugeboren. Minchen streckte ihr die Hand entgegen und sagte lächelnd: »Nun, haben Komtesse wohl geruht?« – »Minchen, du weißt –« »Seit gestern. Du warst ja vor dem Pult umgesunken und wirst es verzeihlich finden, daß ich den offenen Brief unserer teuren, seligen Mutter an dich las. Ich freue mich so für dich, habe immer gefühlt, daß etwas Besonderes mit dir sein müsse, die Mutter hat mir nie das Geringste verraten.«

»Die gute, liebe Mutter,« rief Hildegard bewegt, »wie treu und aufopfernd hat sie für mich gesorgt, o könnte ich ihr noch einmal für alles danken, was sie an mir getan.«

Hildegard erhob sich. Nun galt es zu handeln. Kaum war sie fertig, so las sie noch einmal den wichtigen Brief, sah die verschiedenen Papiere durch, betrachtete aufmerksam und mit tiefer Rührung das Bild ihrer verstorbenen Mutter, auch fesselte sie ein Bild in einem Medaillon, das sie sofort für das der Komtesse Adelheid von Hoheneck erkannte. Sie hatte ganz dasselbe in einem Medaillon bei der Gräfin gesehen! Es unterlag keinem Zweifel, sie war Gräfin Hildegard von Hoheneck, Enkelin ihrer Klosterberger Herrschaften! Sie packte das Kästchen sorgfältig ein und schrieb dazu ein Briefchen folgenden Inhalts:

»Hochverehrteste, teure Gräfin!

Anbei sende ich Ihnen das Vermächtnis meiner Mutter. Es soll mein Vorbote sein. Übermorgen gegen Abend komme ich selbst. Daß ich wiederkommen darf, weiß ich nun. In vollkommenster Hochachtung und treuer Liebe Ihre

Hildegard.«

Sie siegelte den Brief und das Kästchen vorsichtig zu, adressierte es und trug das teure Vermächtnis, das für sie der größte Reichtum auf Erden war, eigenhändig auf die Post. Am andern Tag packte sie und am dritten früh um fünf Uhr fuhr sie ab.

»Lebe wohl, Minchen,« sagte sie noch einmal, nachdem sie sie herzlich umarmt. »Adieu, Franz, behalte auch du mich in gutem Andenken.«

Hildegard schüttelte noch einmal den Geschwistern herzlich die Hand, die Lokomotive pfiff, und fort brauste der Zug in die weite Ferne.

Hildegard war froh, daß sie einen Tag vor sich hatte, wo sie ihre Gedanken sammeln konnte, bevor sie in das teure gräfliche Haus zurückkehrte. Ihr Herz war voller Lob und Dank gegen den Herrn, der alles so herrlich regiert. Nun war ihre Zukunft auf einmal geklärt! In wie rosigem Licht stand dieselbe nun vor ihr, nach allen Jahren des Leides und der stillen Ergebung. Es war zuviel des Guten, das über sie kommen sollte. Was würde Waldemar sagen, wenn er es erführe! Sie wollte es aber nicht gleich verraten, er sollte sie noch als Hildegard Schmidt sein eigen nennen. Und die Überraschung dann! Wie langsam ging heute der Zug. Es war ihr, als möchte sie Flügel haben, um schneller ans Ziel zu kommen! Nun war sie im Lande M.; nur wenige Stationen und die Bahnfahrt war am Ende. Als die vorletzte Station passiert war, befiel sie auf einmal eine eigentümliche Bangigkeit. Wie würden Hohenecks sie aufnehmen? Wie, wenn sie ihren Eltern noch nicht vergeben hätten? Doch nein, das konnte nicht sein. Die Gräfin hatte sich so oft versöhnlich ausgesprochen! Nun gedachte sie der im fernen Frankreich ruhenden Eltern, sie gedachte ihrer armen Mutter, die das Opfer einer von den Eltern nicht gebilligten Heirat geworden, und verstand nun um so besser die Warnung der teuren Gräfin.

Der Zug hielt. Sie waren in G. Sie stieg aus und erblickte den alten gräflichen Diener, der nach ihr ausschaute. Er kam eilig auf sie zu, nahm ihr Reisetasche und Plaid ab und sagte: »Fräulein, es ist gut, daß Sie wieder da sind. Herr Graf sagte zu mir: ›Nun, Christian, heute mußt du mit und das Fräulein abholen!‹ Und Frau Gräfin schickt Ihnen noch eine Reisedecke, da der Abend kühl ist.«

»Danke, danke, Christian. Ist alles wohl?« fragte Hildegard mit leisem Zittern der Stimme.

»Ich denke,« sagte Christian nachdenklich. »Frau Gräfin habe ich den ganzen Tag noch nicht gesehen, es kann sein, Frau Gräfin haben Kopfschmerzen.«

Hildegard war eingestiegen, die Sachen waren untergebracht. Die Pferde zogen an und in raschem Trabe ging es die bekannte Chaussee dahin, bis der Wagen links in die große Buchenallee abbog, die gerade auf den Schloßhof führte. Es war Hildegard, als stockte alles in ihr, die Aufregung hatte mit jeder Minute zugenommen. Der Wagen hielt, die alte Müller erschien. Sie war sichtlich bewegt, sagte aber nur, indem sie ihr Hut und Mantel abnahm: »Kommen Sie, Fräulein Hildegard, ins rote Eckzimmer. Herr Graf und Frau Gräfin sind allein!«

Sie öffnete die Tür. Da stand ihre alte Gräfin mit ausgebreiteten Armen. Hildegard flog hinein und hatte eine Mutter wiedergefunden! Nun kam auch der Graf und sagte mit tiefbewegter Stimme: »Meine teure Enkelin, einzige Tochter meines vielgeliebten und vielbeweinten Kuno, laß dich umarmen von deinem Großvater.« Er nahm sie in seine Arme und drückte einen Kuß auf ihre Stirn.

»Ich wußte es immer,« sagte die Gräfin, nachdem sie ihrer Bewegung einigermaßen Herr geworden, »daß du, meine teure Hildegard, mich näher angingst als jedes andere Mädchen; ich fühlte von Anfang an einen mächtigen Zug zu dir.«

Nun erzählten die alten Leute, wie gestern abend um diese Zeit Hildegards Brief mit dem wichtigen Kästchen eingetroffen und wie tief erschüttert sie beide gewesen beim Öffnen desselben, sowie beim Lesen des alles enthüllenden Briefes. »Es ist gut, daß du es so machtest, meine teure Hildegard, daß du das Kästchen nicht selbst mitbrachtest, so hatten wir Zeit, uns zu sammeln, uns auf deinen Empfang vorzubereiten. Heute ist uns der Tag sehr lang geworden, wir konnten deine Ankunft kaum erwarten.«

»Nun haben wir wieder ein Kind,« sagte der alte Graf tiefbewegt, »mir ist, als ginge ein neues Leben an. Hildegard, sieht sie nicht unserer seligen Adelheid ähnlich?«

»Das sagte ich gleich,« erwiderte die alte Gräfin; »das Bild von Adelheid im Medaillon, das sie ihrem Bruder Kuno schenkte, könnte man mit Hildegard verwechseln! Auch das Ölgemälde im Speisesaal. Und wenn alle diese äußeren Zeichen täuschten, der mächtige Zug des Herzens zueinander ist ein untrügliches Zeichen, daß wir einander angehören.« Mit diesen Worten umschlang sie wieder die liebe Enkelin und küßte sie zärtlich.

Die drei verlebten einen seligen, köstlichen Abend. Es waren ernste Stunden, als der Graf und die Gräfin von ihrem Sohn sprachen und von allem Kummer und Leid, das sie seinetwegen gehabt. Sie erkannten aber auch ihr eigenes Unrecht, daß sie nicht erst geprüft, welche Wahl Kuno getroffen, sondern ihn ohne weiteres verstoßen hatten, als sie gehört, er habe sich eine Schauspielerin erwählt. »Und nun,« jammerte die Gräfin, »sehen wir aus dem Brief, was es für ein edles, gutes Wesen gewesen sein muß, um wieviel Glück und Freude haben wir uns selbst gebracht!« Mit diesen Worten legte sie die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.

»Meine liebe Großmutter,« sagte Hildegard zärtlich und schlang ihren Arm um die Gräfin, »du hast lange genug dafür gebüßt, nun wollen wir uns freuen, daß Gott uns so wunderbar zusammengeführt hat.«

»Ja, das wollen wir,« sagte die Gräfin, ihre Tränen trocknend. »An ihrem Kinde wollen wir gut machen, was wir an den armen Eltern versehen.«

Noch an demselben Abend, als sich die Dienerschaft zur Abendandacht versammelte, verkündete der alte Graf mit lauter Stimme, daß durch eine gnädige Fügung Gottes ihre einzige Enkelin, die Tochter seines verstorbenen Sohnes, aufgefunden sei und daß sie vor ihnen stehe. Fräulein Hildegard Schmidt sei von Gottes und Rechts wegen Komtesse Hildegard von Hoheneck und sei fortan von der Dienerschaft als solche zu ehren und zu achten, wie es ihrem Stande gebühre. Hildegard senkte das Haupt und sagte leise: »Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an mir getan!« –

Als Hildegard am andern Morgen mit ihren Großeltern beim Kaffee saß, meinte die alte Gräfin, die ihre Enkelin immer wieder mit mütterlicher Zärtlichkeit ansah, sie hätte sich schon die ganze Nacht nach ihr gesehnt, und habe es kaum erwarten können, sie wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

»Wir sind auch lange getrennt gewesen,« sagte Hildegard, »beinahe zwei Monate. Mitte März reiste ich, nun ist schon Mitte Mai – «

»Und morgen Pfingsten,« sagte die alte Gräfin. »Wie schön, daß du gerade zum Pfingstfest wiedergekommen bist!«

Warum zuckte Hildegard plötzlich zusammen? Gedachte sie jenes Pfingstmorgens, da sie Waldemar zuerst gesehen?

»Großmütterchen,« sagte sie später leise, als der Graf auf die Terrasse getreten, »hast du etwas von Graf Waldemar gehört?«

»Er ist einmal hier gewesen – vorige Woche. Er sieht wohl und kräftig aus!«

»Fragte er nach mir?«

»Ja, er fragte (es sollte gleichgültig scheinen) nach Fräulein Schmidt. Ich erzählte ihm, daß die Mutter gestorben und daß es noch unbestimmt sei, wann du zurückkehren würdest. Er runzelte die Stirn und empfahl sich bald.«

»Großmama,« sagte Hildegard und sah sie bittend an, »nun darf ich doch?«

»Uns wieder verlassen, du böses Kind,« sagte die Gräfin schmollend.

»Aber, Großmütterchen, Horst ist ja gar nicht weit,« sagte Hildegard wieder mit bittender Stimme.

»Ja, so ist es,« seufzte die Gräfin. »Kaum hat man die Kinder, so fliegen sie wieder aus. Doch,« setzte sie mit ernster, feierlicher Stimme hinzu, »unsern vollen Segen hast du, hast lange genug darauf warten müssen, armes Kind!«

Hildegard umschlang die Großmutter und ihr Herz war voll Dank, Jubel und Freude!

Am andern Morgen war sie zeitig auf. Es war je und je ihre Gewohnheit gewesen, am Pfingstmorgen einen längeren Spaziergang zu machen. Auch heute, an dem lieblichen Maienmorgen, lockte es sie hinaus. Sie ging durch den schönen Park und kam wieder zum Schloß zurück. Alles war noch still, die Großeltern schliefen. So wanderte sie abermals fort und schlüpfte durch das Pförtchen ins Freie, freute sich an den grünenden Feldern und Wäldern und bedauerte nur, daß es in diesem Jahr, wo Pfingsten so zeitig fiel, noch keine Kornblumen gab. Sie wanderte immer weiter und war so in Sinnen verloren, daß sie auf einmal aufschreckte, als sie am Anfang des Waldes den Horster Grenzstein erblickte. »O weh, schon das Gebiet Horst,« dachte sie und wollte eben umkehren. Da ruft eine Stimme: »Es ist Horster Grund und Boden, Sie können ihn getrost betreten!« Vor ihr steht Waldemar, ihr beide Hände entgegenstreckend. »Und soll denn,« fährt er fort, »der Herr von Horst endlich heute die langersehnte bestimmte Antwort auf seine Frage haben?«

Hildegard sah ihn mit leuchtenden Blicken an, legte ihre Hände in die seinen und sagte leise und vernehmlich: »Ja!«

Und so waren nach acht Jahren des Kampfes und der Zucht die beiden vereinigt. Sie hatten ausgeharrt in der Schule der Geduld, hatten sich Liebe und Treue bewahrt, hatten sich den elterlichen Wünschen gehorsam gefügt, darum ernteten sie nun die köstliche Verheißung.

Und als sie sich Liebe und Treue gelobt bis zum Grabe, als sie Gott gedankt, der sie so wunderbarlich aber herrlich geführt, da gedachten sie des Pfingstmorgens vor acht Jahren, wo sie sich zuerst gesehen, und nun beteten sie zusammen, die Hände ineinander gelegt:

O Heilger Geist, kehr bei uns ein
Und laß uns deine Wohnung sein.
O komm, du Herzenssonne!
Du Himmelslicht, laß deinen Schein
Bei uns und in uns kräftig sein
Zu steter Freud und Wonne.
Sonne, Wonne, himmlisch Leben
Willst du geben, wenn wir beten.
Zu dir kommen wir getreten.

Eine feierliche Sabbatruhe lag über Wald und Flur! Auch ihre Herzen feierten Pfingsten und waren in heiliger, erhobener Stimmung. Sie gingen den einsamen Feldweg, der in den Klosterberger Park führte.

»Es ist köstlich, Hildegard, daß wir uns heute am Pfingstmorgen verlobt haben,« sagte Waldemar, als sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen. »Wie gnädig ist Gott uns gewesen, daß er alles geebnet und gelichtet, daß er die Herzen meiner Eltern so bereit gemacht hat. Sie heißen dich durch mich als Schwiegertochter herzlich willkommen. Nun, bist du zufrieden, meine liebe, kleine, stolze Braut?«

»Ja, ich bin zufrieden und sehr glücklich,« sagte Hildegard, ihn unter Tränen anlächelnd.

Das junge Paar schritt in tiefer Bewegung und Freude dem gräflichen Park zu. Wie viel hatten sie einander zu erzählen. Hildegard ließ vorderhand Waldemar berichten. Das große, freudenreiche Ereignis, das ihrem Leben eine ganz andere Wendung gegeben, sollte er erst angesichts der Großeltern erfahren. Er erzählte ihr von den letzten Wochen der Krankheit, wie er durch seine Mutter gehört, daß ihr Name in den Fieberphantasten eine Hauptrolle gespielt, und wie die Eltern an seinem Krankenbett sich gelobt, allen Stolz fahren zu lassen und das Mädchen, das Waldemar so treu liebte, als Schwiegertochter willkommen zu heißen.

»Und sieh,« fuhr er fort, »als sie es mir sagten, war ich bereit, mein ganzes Erbe und meinen Titel an Kurt abzutreten, ich wollte mich mit einem geringen Gut bescheiden, nun, da ich dich hatte – aber nein, ich sollte alles behalten. In dem Testament war keine Bedingung gestellt, die mich zu ebenbürtiger Heirat verpflichtete, und so wirst du nun unbestrittene Herrin von Horst, meine Gräfin.«

Hildegard konnte sich eines schalkhaften Lächelns nicht erwehren, und Waldemar, der nach dem letzten Brief fürchtete, noch einen Kampf mit Hildegards Stolz haben zu müssen, wunderte sich, sie so willig und bereit zu finden.

Sie standen am Park. Waldemar machte Miene umzukehren, doch hatte Hildegard schon das Pförtchen geöffnet und sagte: »Waldemar, sieh die wunderschönen alten Bäume, wie sie sich im lichtgrünen Frühlingsschmuck prächtig ausnehmen, und die herrlichen Blumen. Du mußt dir wirklich unseren schönen Park einmal näher ansehen.«

»Später lieber,« sagte Waldemar unruhig. »Es ist Morgenstunde, es möchte den Herrschaften nicht recht sein, wenn ihre Gesellschafterin –« er stockte.

Jetzt kam eben Christian in Livree die Allee hinauf. »Christian, sind Herr Graf und Frau Gräfin auf?«

»Ja wohl, gnädige Gräfin,« sagte Christian, verwundert auf die beiden schauend.

Waldemar traute seinen Ohren nicht. »Er nennt dich wohl jetzt schon Gräfin?«

»Der Alte ist manchmal in Gedanken,« versetzte sie munter lachend. »Doch nun komm, daß ich dich meinen Herrschaften vorstelle.«

Waldemar suchte von neuem, sie zurückzuhalten, aber in demselben Augenblick machen sie eine Biegung des Weges und stehen dem Schloß gegenüber. Die Flügeltüren, die auf die Terrasse gehen, sind weit geöffnet und eben tritt die alte Gräfin heraus und schaut sich suchend um. Hildegard eilt Waldemar voran, fliegt die Schloßtreppe hinauf, wirst sich in der Großmutter Arme und ruft aus: »Großmama, Waldemar ist da, wir sind verlobt!« Jetzt steht auch der Graf in der Tür. Auch ihn umschlingt sie mit beiden Armen und ruft aus: »Lieber Großvater, gib uns deinen Segen an des Vaters Statt!«

Waldemar steht wie versteinert. Was bedeutet das alles? Träumt er oder wacht er? Ist es Phantasie oder Wirklichkeit? Doch er hat nicht Zeit zum Nachdenken, Hildegard ist schon wieder bei ihm, faßt ihn bei der Hand und mit ihm die Schloßtreppe hinaufsteigend, sagte sie: »Waldemar, du hast um Hildegard Schmidt geworben, um die Einsame, Verlassene. Sie ist nicht mehr verlassen, vor dir stehen ihre rechtmäßigen Großeltern, Graf und Gräfin von Hoheneck.«

»Und wir geben Ihnen von ganzem Herzen unser teures Kind, unsere innig geliebte Enkelin Hildegard,« sagte der Graf, Waldemar bewegt die Hand reichend.

Waldemar strich sich mit der Hand über die Stirne; er glaubte nicht recht gehört zu haben.

Hildegard aber schlingt ihren Arm um ihn, zieht ihn auf einen Sitz und erzählt ihm in Kürze das Wissenswerteste. Nun muß er es glauben und wie gern glaubt er es! Die Großeltern aber legen segnend die Hände auf das junge Paar, tiefbewegt, daß ihnen der Herr solche Gnade gewährt.

Dann zieht Hildegard ihren Verlobten in den Speisesaal vor das Bild, das Gräfin Adelheid als Kind vorstellt, einen Kornblumenkranz windend, und den schönen Knaben, mit dem Ziegenbock spielend. »Das ist mein Vater,« sagte Hildegard ernst, »und das ist meine Tante.«

»Das bist du selbst, meine einzig geliebte Hildegard, und hier bist du noch einmal im dunkelblauen Kleid. Ich habe die Bilder schon einmal gesehen und sofort Ähnlichkeit mit dir entdeckt! O, mein Gott, welche Überraschung, was werden die Eltern sagen!«

Und nun stehen sie Hand in Hand vor dem Kinderbilde und betrachten mit Ernst und Rührung den schönen Knaben, der erst die Freude seiner Eltern gewesen und dann so viel Herzeleid über sie gebracht.

Hildegard drückte innig Waldemars Hand, sieht ihn bedeutungsvoll an und sagt:

»Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden!«

»Amen,« sagt Waldemar leise und schließt Hildegard in seine Arme.

 

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