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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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14. In den Maiblumen

Ein lieblicher Maitag war's. Anhaltende Wärme hatte alle Blüten und Knospen schneller entfaltet, als man nach dem langen Winter gehofft; es war eine Freude, die Herrlichkeiten der Natur zu schauen und Gottes Güte zu preisen. Mariechen feierte heute ihren vierundzwanzigsten Geburtstag; sie war lange im Garten umhergewandelt, hatte sich an den blühenden Bäumen und duftenden Blumen erquickt. Jetzt stand sie sinnend am Pförtchen. »Im Wald ist's noch schöner,« dachte sie, öffnete schnell die bekannte Tür und schlug den Weg nach ihrem geliebten Walde ein. Sie war in fröhlicher, dankbarer Stimmung, wieviel Liebe und Freude hatte sie heute von allen Seiten erfahren. Schon früh hatten die Kinder geheimnisvoll geflüstert und sie durch den Gesang und reiche Gaben erfreut. Auch Herr und Frau von Ulbersdorff waren sehr freundlich und gütig gewesen, hatten ihr soviel Beweise ihrer Anerkennung gezollt, daß sie gerührt und beschämt war. »Heute Mittag,« hatte Frau von Ulbersdorff lächelnd gesagt, »wird Geburtstagsdiner sein, da spendiere ich die Torte und Papa den Wein, und wir lassen unser liebes Fräulein leben. Wie wird's aber heute nachmittag? Die Tante hat wieder eingeladen, da das Töchterchen auch Geburtstag hat. Wollen Sie uns begleiten oder ziehen Sie es vor, zu Hause zu bleiben?«

Mariechen hatte ihren Koffer zu packen und noch verschiedenes zu ordnen, dazu sollte die Reise morgen in aller Frühe angetreten werden, so lehnte sie dankend ab.

»Aber wir kommen zeitig wieder, damit wir abends noch mit Fräulein Rothe zusammen sind,« sagte Gretchen, sich anschmiegend.

»Spätestens um acht Uhr gedenken wir zurück zu sein! Und nun schnell, Kinder, damit wir bis um zwei mit allem fertig sind.«

So kam es, daß Mariechen in den Nachmittagsstunden wieder, wie im vorigen Jahr, allein war. Es war ihr auch ganz lieb so. Sie wurde beim Packen nicht gestört und hatte dann noch ein stilles Stündchen für sich. Da der Tag so wunderschön war, so lockte es sie mit Macht ins Freie. Heute war an kein Gewitter zu denken, es war warm, aber nicht schwül, und der tiefblaue Himmel ließ keinen Gedanken an Regen aufkommen. Wie war Mariechens Herz so tiefbewegt! Morgen ging es der geliebten Heimat zu, wie würde es nur sein, wenn sie die teuren Eltern von Angesicht zu Angesicht schaute, wenn sie ihnen mündlich berichtete von allem Erlebten. Und was würde Emma sagen! Die gute alte Emma!

Unter diesen und ähnlichen Gedanken gelangte unser Mariechen wieder in den Wald, und als sie ihn durchstreifte, kam sie von ungefähr an eine Stelle, wo unzählige Maiblumen dufteten. Weiß wie frisch gefallener Schnee guckten sie unter den saftigen, grünen Blättern hervor; es war ein Wunder, daß sie noch nicht abgepflückt waren, da sie hart am Hauptwege standen, wo oft Leute passierten. »Das hat der liebe Gott mir beschert,« rief Mariechen glückselig aus, und eifrig begann sie ein Blümlein nach dem andern zu pflücken, um sich einen recht großen Strauß mit nach Hause zu nehmen. »Ihr lieben, lieben Geburtstagsblumen,« rief sie fröhlich aus, nicht hörend, wie ein männlicher Tritt den Hauptweg entlang kam.

Der sich nähernde Herr, der den letzten Ausruf gehört, bleibt stehen und seine Augen ruhen entzückt auf dem lieblichen Bild vor ihm. Da steht das blonde Mariechen, den Strohhut am Arm, im hellen Geburtstagskleid, die Wangen glühen, die Augen leuchten, er kann den Blick nicht von ihr wenden. »Meine Maiblume!« ringt es sich leise von seinen Lippen. »Einst hoffte ich, sie pflücken zu dürfen, da kam ein böser Frost und zerstörte sie mir!«

»Herr Werner!« rief es plötzlich im alten, bekannten freundschaftlichen Ton, »sehen Sie nur, Herr Werner, die wunderschönen, vielen Maiblumen, gerade zu meinem Geburtstag. Ich kann sie gar nicht alle pflücken, so viele sind es!«

»Darf ich Ihnen helfen?«

»O ja, wenn Sie wollen! Bitte nehmen Sie die Seite, ich nehme diese, so werden wir am besten fertig.«

Und dann bückte sie sich wieder und pflückte, sich um nichts weiter kümmernd, und er pflückte an der andern Seite, sich auch um nichts kümmernd, und als er fertig war, stellte er sich mit dem großen Strauß vor Mariechen hin und sagte in demselben Ton, den sie angeschlagen:

»So, Fräulein Mariechen, ich bin fertig.«

Sie stand auf, ebenfalls mit einem mächtigen Maiblumenstrauß in der Hand, und so standen sie sich denn einander gegenüber zwischen den grünen Bäumen, über sich den blauen Himmel, und nun – erschrak Mariechen. Ihr wurde auf einmal die ganze Situation klar. Sie war mit ihren Gedanken so viele Jahre zurückgewesen, hatte eben an die schön verlebte Zeit in Wiesendorf gedacht, an alle lieben Menschen dort. Und als nun plötzlich Werner vor ihr stand, war es nicht der gefürchtete Pastor von jetzt, sondern der frühere Kandidat vom Schloß, mit dem sie auf so vertraulichem Fuß gestanden. Nun hatte sie die Schranke, die noch immer zwischen ihnen aufgerichtet war, gewaltsam durchbrochen. Ja, was nun?

»Verzeihen Sie, Herr Pastor,« stammelte sie glühend rot.

»Ich wollte – ich dachte – –«

»Darf ich Ihnen die für Sie gepflückten Maiblumen geben?«

»Mir? Ach – ich danke – – ich habe ja schon genug. Bitte, wenn Sie sie Fräulein Therese mitnehmen möchten!«

»Die hat heute nicht Geburtstag!« sagte er ernst. »Ich möchte sie gern einem Geburtstagskind schenken –«

»Ja, dann müssen Sie sie mir geben,« stotterte Mariechen verlegen. »Aber Sie sind doch nicht böse?«

»Ich bin gar nicht böse, wenn Sie mich nicht böse machen.«

»Ich? Ach, ich möchte ja gern alles tun, um mein schreckliches Unrecht von früher wieder gut zu machen, aber Sie geben mir ja keine Gelegenheit dazu. Ach, Herr Pastor, es tut mir wirklich so leid, daß ich schuld bin, daß Sie – so düster und ernst geworden, – – schuld bin, – – daß – – Sie nicht geheiratet!«

»Ja, daran sind Sie allerdings schuld,« sagte der Pastor, sie ernst ansehend.

»Aber können Sie denn nicht das alles vergessen und sich doch noch glücklich verheiraten?«

»Das kann ich nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Weil die, welche ich heiraten möchte, mich nicht will, weil ich aus ihrem eigenen Munde gehört, daß sie mich nicht einmal, sondern zehnmal zurückweisen will, und der Gefahr, zehnmal einen Korb zu bekommen, will ich mich doch nicht aussetzen!«

»Aber, Herr Pastor, das war doch alles gar nicht so ernstlich gemeint. Damals vielleicht, ja! Aber es war alles jugendlicher Übermut den Freundinnen gegenüber, die mich neckten. Ich dachte gar nicht ans Heiraten, alle Herren waren mir gleichgültig.«

»So denken Sie jetzt anders?«

»Jetzt weiß ich, daß ich großes Unrecht getan, ich weiß, daß ich Sie hochschätze; ich weiß aber auch, daß Sie mich verachten, mich noch immer für das übermütige, naseweise Mädchen halten, das nicht wert ist, einer freundlichen Begegnung gewürdigt zu werden, – aber ich weiß auch, daß ich es verdient –«

Werner, der nun wußte, woran er war, reichte Mariechen die Hand und sagte: »Nun, Fräulein Mariechen, ich will Ihnen etwas sagen – wir wollen es heute machen, wie damals in Wiesendorf, wir wollen die Vergangenheit vergessen und noch einmal gute Freundschaft schließen. Gute Freunde waren wir doch früher, nicht wahr?«

Mariechen nickte stumm und sah erlöst zu ihm auf. Er hielt noch immer ihre Hand, die sie ihm nicht entzog.

»Mariechen,« sagte er plötzlich, einen gewaltsamen Anlauf nehmend, »wenn derselbe Mann, der heute vor sieben Jahren um Ihre Hand warb, nun heute noch einmal kommt, es trotz alledem zum zweitenmal wagt, Sie zu fragen, ob Sie sein treues Weib werden wollen, ob Sie dem düstern, ernsten Mann das Glück und die Freude wiederschenken wollen, was haben Sie für eine Antwort?«

Mariechen, die bei diesen Worten bleich geworden war und heftig zitterte, sah ihn mit ihren treuen, blauen Augen an und sagte: »Ich will!«

»So ist endlich der Bann gelöst und du bist mein,« rief Werner und nahm sie in seine Arme und an sein Herz. Nun ward der Bund besiegelt, und unter den grünen Bäumen im Walde, unter den Maiblumen gelobten sie sich, zum blauen Himmel aufschauend, ewige Liebe und Treue. Die Vöglein sangen dazu und in Worte übersetzt mußte es wohl heißen: »Nur unverzagt und Gott vertraut, es muß doch Frühling werden.« Der Frühling war angebrochen in den beiden lieben Menschenherzen. Das Glück strahlte aus beider Augen und der Mund strömte über von Lob und Dank. Lange hatten sie dagestanden, alles um sich vergessend, als Mariechen plötzlich sagte: »Ich muß zurück, Frau von Ulbersdorff wollte um acht Uhr mit den Kindern zu Hause sein.«

Er sah nach der Uhr. »Es ist jetzt sechs Uhr, da haben wir noch Zeit, zu Therese zu gehen, sie muß es von uns beiden erfahren. Mir allein würde sie es gar nicht glauben. In einer Viertelstunde sind wir bei ihr und nachher begleite ich dich durch den Wald zurück!«

Mariechen willigte mit Freuden ein. »Das erste Mal,« sagte sie, »daß ich gern in die Pfarre gehe, sonst hatte ich immer so große Angst.«

»Armes, liebes Mariechen,« sagte er, sie an sich drückend, »ich habe dich gewiß recht gequält, aber es war alles nur Schein; geliebt habe ich dich von dem ersten Augenblick an, wo du im Gewitter mein Haus betratst, aber ich konnte nicht anders handeln, als ich getan. Gott weiß es!«

»Der Gewittertag, an dem ich so unvermutet in Ihr Haus kam, war der schrecklichste Tag meines Lebens,« sagte Mariechen treuherzig. »Ich wünschte immer, die Erde möchte mich verschlingen!« Da sie sah, wie ihn die Erinnerung daran traurig machte, fügte sie hinzu: »Dafür ist heute der glücklichste Tag meines Lebens!«

»Wollen wir,« sagte Werner, mit seinem Mariechen aus dem Walde tretend, »den Wiesenweg einschlagen, denselben Weg, den du mit Therese heute vor einem Jahr in strömendem Regen passiert und der uns von hinten in die Pfarre führt?«

»Ganz, wie Sie wollen, Herr Pastor –«

»Das ›Sie‹ nennen hört jetzt auf, auch der Titel,« sagte Werner. »Du weißt recht gut, wie ich heiße, hast mich schon bei meinem Vornamen genannt, als ich dich das erste Mal von der Bahn holte –«

»Herr Werner,« sagte Mariechen vorwurfsvoll.

»Wie heißt es also?« sagte Werner schelmisch lächelnd, aber doch mit glückstrahlenden Augen.

»Robert!« sagte Mariechen mit leiser, verlegener Stimme.

»So ist's recht, meine Maiblume. Und nun vorwärts zu Therese.«

Therese hatte emsig im Garten gearbeitet. Sie war bei den Gemüsebeeten beschäftigt und dachte eben: »Nun könnte der Bruder kommen, er wollte schon um fünf hier sein und es ist bereits ein viertel sieben.« Sie ging ans Pförtchen und sah den Wiesenweg entlang. »Was ist denn das?« sagte sie, ihren Augen kaum trauend. »Das ist ja Robert, aber am Arm hängt ihm ein weibliches Wesen, das ganz vertraulich mit ihm plaudert. Es ist doch nicht menschenmöglich. O, mein Gott, was ist denn hier passiert!« Sie war so starr vor Verwunderung, daß sie, anstatt dem Paar entgegenzufliegen, mit ineinander verschlungenen Händen am Tor stehen blieb und sich nicht rührte. Umsomehr rührte sich das jugendliche Paar. Sie waren bald bei ihr und unter Lachen und Jubeln stellte Werner ihr seine eben errungene Braut vor. »Sieh nur, was ich mir im Walde für ein Maiblümchen gepflückt,« sagte er, und Therese breitete ihre Arme aus und umschlang beide mit den Worten: »So und nicht anders mußte es kommen, ich habe es gar nicht anders erwartet.«

»Und mir ist es so unerwartet gekommen, das große Glück, daß ich es gar nicht zu fassen vermag,« sagte Mariechen mit Tränen in den Augen. »Ich dachte nie daran, daß Herr Pastor mich noch einmal erwählen könnte, sonst hätte ich ihn gewiß nicht im Walde gebeten, sich zu verheiraten.«

»Aber nun hast du hoffentlich nichts gegen meine Heirat einzuwenden,« sagte Werner triumphierend.

»Nichts weiter, als daß ich deiner nicht wert bin.«

Werner legte seine Hand auf ihren Mund. »Davon schweigen wir für immer. Wir haben beide gefehlt und haben es beide lang genug gebüßt. Nun wollen wir vergessen, was dahinten ist, und uns Liebes und kein Leides tun.«

»Ja, nur Liebes,« sagte Mariechen, unter Tränen lächelnd und sich an seine Schulter schmiegend. Sie waren unter diesen Worten der vorauseilenden Therese ins Haus gefolgt. Diese hatte bereits das Klavier geöffnet und mit den Worten: »Ich muß meinem Herzen Luft machen,« hatte sie das Lied: »Lobe den Herren, den mächtigen König den Ehren,« angestimmt, in das Werner und Mariechen, mit tiefbewegtem Herzen, Hand in Hand dastehend einstimmten. Als es beendet war, sagte er: »Nun will ich dich nicht mehr zurückhalten, es ist besser, Ulbersdorffs erfahren heute noch nichts von unserem Glück. Es würde zu vielen Erörterungen führen, die heute nicht am Platze sind. Du fährst morgen zu den Deinen; am Dienstag, sobald die Festarbeiten beendet, folgt ich dir und dann wird sich das Weitere finden.«

Mariechen wollte sich von Therese verabschieden. Doch diese meinte lächelnd: »Heute verschmäht wohl das Schwesterchen meine Begleitung. Ich habe aber trotzdem große Lust mitzugehen, mag mich noch nicht gleich von dem glücklichen Paar trennen.«

So wanderten die drei Glücklichen dem Walde zu. Als sie das Ende erreicht, nahmen sie Abschied. »Auf fröhliches Wiedersehen bei den Eltern,« war Werners letztes Wort. Er schwenkte noch einmal fröhlich den Hut und war dann mit seiner Schwester im Walde verschwunden. Mariechen eilte Birkenfelde zu, das sie gerade erreichte, als der Wagen durchs Tor fuhr.

Das Erlebte blieb vorderhand ein Geheimnis, doch Mariechens Augen strahlten und leuchteten den Abend so, daß Herr von Ulbersdorff zu seiner Gattin sagte: »Was ist nur über unsere kleine Gouvernante gekommen: sie sieht so verklärt aus!«

Frau von Ulbersdorff sagte ruhig: »Das ist die Freude auf zu Hause, Fräulein Rothe hängt sehr an den Eltern.«

Am folgenden Morgen hielt um vier Uhr der Wagen vor der Tür, der unser glückliches Mariechen an die Bahn bringen sollte.

 

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