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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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2. Käthe

Laßt uns in ein Mädchenstübchen blicken! Hell und sauber ist's darinnen und Frau Sonne scheint's auch zu gefallen, denn sie lächelt freundlich hinein; die Blumen am Fenster strecken sich ihr entgegen und lassen sich's in ihren erwärmenden Strahlen wohl sein. In dem hübsch eingerichteten Zimmer finden wir Käthchen Walter im Sonntagskleide, ihren Morgenkaffee trinkend. Wir wollen sie uns ein wenig näher betrachten, denn bei ihrem Besuch im Rotheschen Hause ist ihres äußern Aussehens keiner Erwähnung geschehen.

Käthchen ist von kleiner, zierlicher Gestalt. Was ihr nicht ganz regelmäßiges Gesicht anziehend macht, sind die wunderschönen, großen, dunklen Augen, voll Klarheit und geistigen Ausdrucks. Wer einmal in die Augen geschaut, vergißt sie so bald nicht wieder, wohl aber vergißt man darüber die etwas große Nase und den nicht ganz zarten Teint. Die Haare sind hinten in schönen Flechten aufgesteckt, der Anzug ist nett, sauber und geschmackvoll; kurz, das Käthchen muß auf den ersten Blick gefallen, und wem sie nicht gleich gefällt, der muß sie lieb gewinnen, wenn er länger mit ihr zusammen ist, um ihres frischen, offenen Wesens und ihrer geistigen Begabung willen.

Und wer und was ist sie? Wie kommt sie in dies einsame Stübchen mitten in die Residenz, drei Treppen hoch? Hat sie keine Eltern und Angehörige?

Ihr Vater war Gerichtsrat im Weimarschen. Als sie zwei Jahre alt war, verlor sie die Mutter, und da niemand sich des Kindes annehmen konnte, nahmen es die Großeltern zu sich. Später entschloß sich der Vater wieder zu heiraten, doch wenn die Wahl auch für ihn vortrefflich ausfiel, konnte Käthe sich schwer an eine zweite Mutter gewöhnen und ging ihren Weg ziemlich allein. In der Schule ward ihr das größte Lob gespendet, und als der Lehrer einmal äußerte: »Käthe, du solltest Lehrerin werden!« – da stand es fest bei ihr: »Ja, ich werde Lehrerin, dann gehe ich meinen Weg allein und habe einen Beruf, der mich befriedigt.« Der Vater liebte sein Kind über alles, doch war er durch die vielen Amtsgeschäfte so in Anspruch genommen, daß er sich nicht viel um die Kleine kümmern konnte. Die Mutter aber erzog Käthe tüchtig und praktisch und hielt sie zu allem Guten an, was dieselbe ihr in späteren Jahren, als sie mehr Verständnis dafür hatte, von Herzen dankte.

Als Käthchens Konfirmation bevorstand, faßte sie sich ein Herz zu ihrem Vater und offenbarte ihm den Wunsch ihres Herzens.

Der Vater war dagegen, aber Käthchen, die Charakter hatte und, was sie sich einmal vorgenommen, auch auszuführen gedachte, ließ nicht nach mit Bitten, sie doch den dreijährigen Kursus im Lehrerinnenseminar in St. durchmachen zu lassen, bis der Vater den Verwandten die Sache vorlegte.

»Was!« riefen Tante Riekchen und Tante Lottchen, zwei alte Freundinnen des Hauses, »Käthe nach St. schicken! In das fromme Pensionat! Daß sie eine Kopfhängerin wird! Nur das nicht!« »O,« sagte Käthchen ganz entschieden, »wenn ich dann auch fromm werde, das schadet nichts.«

Kurz und gut, sie setzte es durch, daß der Vater mit ihr nach St. reiste. Der Direktor der Anstalt erkannte sie nach stattgehabter Prüfung für ein äußerst begabtes, fähiges Mädchen und äußerte gegen den Vater: »Das wird, will's Gott, eine tüchtige Lehrerin, lassen Sie uns die Kleine da.« Und so mußte der Gerichtsrat die Sache gehen lassen, wie sie ging. Käthchen blieb im Seminar. Sie lernte brav, bekam ausgezeichnete Zensuren und nach drei Jahren wurde sie als »geprüfte Lehrerin« entlassen. Sie hatte der Anstalt viel zu verdanken, aber Eins, was sie mit auf den Weg bekommen, schätzte sie als das Beste und Teuerste. »Wenn ich dann auch fromm werde, so schadet es nichts,« hatte sie einst in kindlichem Unverstand gesprochen. Und nun sagte sie aus Herzensgrund: »Ich erachte es alles für Schaden gegen die überschwengliche Erkenntnis Jesu Christi, meines Herrn.« Sie war Gottes Eigentum geworden, sie hatte das Heil in Christo ergriffen, hatte den Geist Gottes in sich wirken lassen, und da sie ein Charakter war, hatte sie es ganz und voll erfaßt und ließ sich nicht hin und her wiegen. Es war ja auch Gnade, daß ihr der Herr einen festen Sinn gegeben, das wußte sie und war demütig. Der Direktor, der seine Leute kannte, wußte aber auch, daß er gerade sie in ein Haus senden konnte, wo andere Mädchen nicht hingepaßt hätten. Ein reiches Kaufmannshaus, in dem es nur ein Töchterchen zu erziehen gab, begehrte eine geprüfte Lehrerin. »Geh hin, meine Tochter,« hatte der würdige Direktor gesagt, »Gott sei mit dir. Halte was du hast, daß niemand deine Krone raube.«

Und sie hielt sich tapfer, das kleine achtzehnjährige Mädchen. Tapfer gegen alle Versuchungen von außen, tapfer in ihrem Bekenntnis, wo es galt. Nicht ist's zu verwundern, daß sie im Städtchen bald mit der christlich gesinnten Familie des Gymnasialprofessors Dr. Rothe bekannt wurde und sich in nicht zu langer Zeit ein Freundschaftsverhältnis entspann.

Groß war die Freude aller, als Käthchen nach der Konfirmation ihres Zöglings eine Stelle als Lehrerin bekam an dem berühmten Z.schen Institut in der Residenz. Nun konnte sie den Umgang mit ihren geliebten Freunden fortsetzen. Professors waren ihr behilflich, ein Logis zu finden, wo sie Kost, Bedienung und was sie sonst gebrauchte, bekam. Die Ferien verbrachte sie zu Hause in freundlichem Einvernehmen mit den Eltern. Die Tanten wunderten sich, daß Käthchen trotz der strengen Richtung so fröhlich geblieben, meinten aber, sie würde den Kopf schon noch hängen lassen.

Aber bis jetzt ließ sie ihn nicht hängen. Nein, hochaufgerichtet hatte sie ihn, als sie, nachdem sie den Kaffee getrunken, die Bibel zur Hand genommen und die Epistel des Sonntags Quasimodogeniti gelesen: »Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt, und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.«

»Die Welt überwunden hat,« wiederholte sie leise, »die Welt mit allem, was darinnen ist, auch das, was mir das Schwerste jetzt ist!« – Ist es überwunden, oder noch nicht? Wenn nicht, so soll's von heute an durch Gottes Kraft überwunden werden.« In den schönen Augen glänzte eine Träne. »Wenn's nur nicht so schwer wäre!« seufzte sie leise. »Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat – ja, es muß gehen, den alten Überwindern nach! Fröhlich und getrost weiter!« – Sie machte sich zur Kirche fertig, schloß die Tür und schlüpfte die Treppen hinunter.

Am Nachmittag klopfte sie bei Rothes an. Sie traf Emma allein, die sie nach herzlicher Umarmung ins Wohnzimmer zog. »Heute sind wir beide allein,« rief diese, »können also ein gemütliches Plauderstündchen halten. Setz dich an mein Fenster, Käthe, da hast du den schönen, knospentreibenden Kastanienbaum vor Augen, der an den kommenden Frühling erinnert.«

»Ja, es wird wieder Frühling,« sagte Käthe mit einem leisen Anflug von Traurigkeit, was Emma nicht entging. Sie sah sie treuherzig an, gab ihr die Hand und sagte: »Du hast doch fröhliche Ferien gehabt?« – »O ja,« erwiderte Käthchen. »Die Eltern waren beide so gut, ich habe nur zu danken.«

»Das ist ja schön,« sagte Emma. »Morgen,« fuhr sie fort, »reist unser Student wieder ab und die Pensionäre rücken ein. Das wird ein kunterbunter Tag, ich wollte, wir wären acht Tage weiter und alles im alten Geleise! In den ersten Tagen wollen die Jungen immer so viel, die guten Tage von zu Hause stecken allen in den Gliedern, die Schule und das Lernen will noch nicht schmecken, und man braucht selbst Zeit, sich in alles hineinzufinden. Darum laß uns den köstlichen, stillen Sonntagnachmittag mit Bewußtsein genießen und zu gemeinsamer Aussprache verwenden.«

Und nun kam es, wie es gewöhnlich geschieht, wenn zwei Mädchen, die sich lieb haben, allein sind. Kaum war eine Stunde vergangen, waren alle Geheimnisse vom Herzen weg. Emma hatte noch einmal vertraulich gefragt: »Käthe, was hast du nur heute, deine Augen schauen mir gar nicht so munter drein als sonst?« da war's in Käthes Augen feucht geworden, sie sah Emma eine Weile still an und sagte langsam:

»Pastors Rudolf hat sich verlobt.«

»Pastors Rudolf,« sagte Emma erschrocken. »O Käthe, ich dachte, es sollte anders kommen! Wann hast du es erfahren?«

»Herr Pastor kam den letzten Tag vor meiner Abreise und teilte es uns mit.«

»Arme Käthe,« sagte Emma mitleidig, wußte sie doch, wie sehr Käthe an dem Freund ihrer Kindheit gehangen und wie nun eine tiefere Neigung zu ihm im Herzen vorhanden gewesen.

»Warum hat er dich nur nicht genommen, der böse Mann?« fuhr sie nach einer Pause mit Tränen in den Augen fort.

»Weil er eine bessere gefunden, die ihm mehr sein kann, als ich es vielleicht gewesen,« erwiderte Käthe. »Ich bin überzeugt, er wird seiner Jugendfreundin stets ein freundliches Interesse bewahren; es war bei ihm weiter nichts als Freundschaft von Kindesbeinen an; daß es bei mir tiefer gegangen, daran bin ich selber schuld. Aber der Traum, einmal vereint mit dem Freunde meiner Jugend durchs Leben gehen zu dürfen, war zu schön; es war lauter Frühling, Lust und Leben, doch der Frühling ist dahin, es ist alles trüb und grau geworden –«

»Meine Käthe, das sage nicht. Weißt du nicht, daß uns aus den Gräbern vernichteter Hoffnungen die schönsten Blumen erblühen? Nimmt uns Gott ein irdisches Gut, so segnet Er uns dafür tausendfältig an himmlischen Gaben; je ärmer hier, desto reicher dort. Und müssen nicht denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen?«

»Du hast recht,« sagte Käthe, sich aufrichtend, »es soll anders werden! Ich will Gott bitten, daß Er mein Herz stille mache – daß ich treu werde in meinem Beruf und bei tüchtiger Arbeit aller unnützen Gedanken mich entschlage. Es ist sehr schwer, seiner Gedanken Herr zu werden.«

»Kämpfe und bete, dann wird Gott sie zerstreuen und alles ausscheiden aus deinem Herzen, was Ihm nicht gefällt. O, welch eine wunderliche Welt ist es, in der wir leben. Während du trauerst um einen Geliebten, der nicht der Deine geworden, trauert ein anderes junges Mädchen, daß ein Mann sie begehrt.«

»Wer wäre denn das?«

»Die, welche die Braut meines Bruders werden sollte. Sie behauptet, ihn nicht lieben zu können.«

Käthe schüttelte verwundert den Kopf. »Das begreife ich nicht,« meinte sie.

»Es muß durchaus persönliche Abneigung sein, und wenn das zu grunde liegt, ist es ja auch besser so,« erwiderte Emma.

»Hat seine äußere Erscheinung etwas Abstoßendes?« forschte Käthe weiter.

»Schön ist er nicht, aber ein lieber, guter Mensch,« antwortete Emma.

Käthe schüttelte wieder den Kopf und wollte eben etwas darauf erwidern, als Professors eintraten und dem Zwiegespräch ein Ende machten. Sie begrüßten ihren lieben Sonntagsgast mit Freuden, und Käthe war bald mit ihnen in eifrigem Gespräch, während Emma in die Küche ging, um für Wilhelm die Abschiedsschokolade zu kochen. Die Schokoladen waren im Rotheschen Hause von guter Bedeutung, es schwebte immer etwas Feierliches in der Lust, wenn die Schokolade im Kessel dampfte. Da gab es: Abschieds-, Ankunfts-, Geburtstags-, Examensschokoladen, kurz, jede hatte ihre Bedeutung, und wenn das braune Getränk aufgetragen war und die Familie um den Tisch saß, der guten Gabe harrend, dann war gewiß jeder in der Feststimmung.

Nach dem Abendessen bat der Professor Käthchen, ein Lied zu singen, und sie tat es gern, weil sie wußte, sie machte Professors eine Freude damit. Freilich war's ihr heute nicht ganz leicht, alle Liedchen, die Jugendlust und Frühlingswehen atmeten, vorzutragen; aber niemand merkte den Unterschied. Nur als zum Schluß der Professorin Lieblingslied ertönte: »Harre meine Seele, harre des Herrn« und die Worte kamen: »Sei unverzagt, bald der Morgen tagt und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach« – da zitterte Käthchens Stimme, sie sang leiser und die Augen wurden feucht. Emma, die neben ihr stand, war auch bewegt. Als das Lied zu Ende war, drückten sie sich stumm die Hände, dann gingen sie ins Wohnzimmer und blieben noch eine Weile in traulichem Gespräch beisammen, bis Käthe aufbrach und vom aufmerksamen Studenten nach Hause geleitet wurde.

»Kinder,« sagte der Professor vor dem Schlafengehen, »nun alle Köpfe in die Höh'. Morgen beginnt wieder das Leben für die Pflegesöhne und jeder trage an seinem Teil dazu bei, daß wir die übernommene Verantwortung treu durchführen.« Darauf nahm er die Bibel, las das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden, betete, daß der Herr alle treu im Kleinen machen und ihr Werk segnen wolle, und so schloß der Sonntag.

 

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