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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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12. Waldemars Abreise

Wir müssen einige Wochen zurückgehen und unsere Blicke nach Horst wenden, wo wir den jungen Grafen am Abend seines Zusammentreffens mit Hildegard Schmidt in einem der prächtig ausgestatteten Zimmer seines Schlosses allein finden. Der Diener hatte eben den Tisch abgetragen und kopfschüttelnd draußen geäußert: Der Herr müsse krank sein, denn die Speisen seien kaum berührt, und er, der sonst immer ein freundliches Wort für seine Leute habe, sitze da, den Kopf in die Hand gestützt und schaue drein, als ob es ein Unglück gegeben!

Ja, Waldemar sah und hörte nicht, was um ihn her vorging; alle seine Gedanken gingen auf in dem einen: »Hildegard lebt, ich habe sie wiedergesehen!« Oder war es nur eine Vision aus einer andern Welt, ein trügliches Schattenbild? Nein, sie hatte mit ihm gesprochen, es war derselbe Klang ihrer lieben Stimme, sie hatte ihm gesagt, daß sie in Klosterberg bei Hohenecks in Stellung sei! Wie wunderbar. Nun war es doch klar, daß sie ihm von Gott bestimmt sei, da er sie aufs neue ihm so unerwarteterweise in den Weg geführt. Er stand auf und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Die sechs Jahre der Trennung hatten die Liebe nicht, wie die Eltern hofften und wünschten, aus dem Herzen gerissen, im Gegenteil, sie war nur fester gewurzelt. Hildegard war sein guter Engel gewesen, der ihn überall schützend geleitete. Ihre Worte und ihre Erscheinung an jenem Pfingstmorgen hatten zu gewaltig in sein Leben eingegriffen. Ihr verdankte er seine Sinnesänderung, sein neues Leben! Wie traurig, daß immer und immer wieder der Standesunterschied als tiefe Kluft sich zwischen beiden auftat!

Waldemar blieb stehen. Sein Gesicht hatte einen entschlossenen Ausdruck angenommen. »Ich bin ein freier, selbständiger Mann und als solcher will ich handeln. Hildegard soll und muß mein Weib werden, und sollte ich darüber Erbe, Titel und Reichtum einbüßen. Habe ich nicht Brüder, die an meiner Stelle hier herrschen können? Mein Glück ist nur an Hildegards Seite! Seit ich sie wiedergefunden, liegt mein Weg mir klar vor Augen.«

Er stand lange in tiefes Nachdenken versunken, er überlegte hin und her, was ihm zu tun oblag, endlich war er zu einem bestimmten Entschluß gekommen. Er war nicht mehr der schwankende Jüngling von damals, Festigkeit kennzeichnete sein Wesen, als ein Mann wollte er handeln. Und wenn er nun alles getan, wenn er sich seines Erbes entledigt, den elterlichen Segen erlangt, erst dann wollte er sich Hildegard wieder nahen, und das erste Wort, das er an sie richtete, sollte das entscheidende fürs Leben sein. Er wußte, daß er sie am folgenden Tage wieder sehen würde, da er sich der gesellschaftlichen Pflicht nicht entziehen konnte; der Gedanke, sie ignorieren zu müssen, war ihm schwer; er wollte jedoch nicht noch einmal eine stolze, abweisende Antwort aus ihrem Munde hören.

Wir kennen bereits den Verlauf des Abends. Während Hildegard im Herzen trauerte, so ganz von dem Geliebten unbeachtet geblieben zu sein, hatte Waldemar keine Gelegenheit vorübergehen lassen, Hildegard verstohlen zu betrachten. Dieselbe Anmut und Grazie, die ihn vor sechs Jahren angezogen, derselbe edle Ausdruck in dem seinen Gesicht, das ihn damals so gefesselt. Und war sie auch älter geworden, so beeinträchtigte das ihre Schönheit keineswegs, im Gegenteil, das stille Leid hatte die Wangen vielleicht schmäler gemacht, aber dem ganzen Gesicht einen Ausdruck frommer Ergebung und stillen Friedens verliehen, daß man sie nicht ansehen konnte, ohne sich angezogen zu fühlen.

Waldemar gedachte das nahe Weihnachtsfest zu Hause zu feiern. Da wollte er mündlich mit den Eltern die Sache erwägen, und dann – – dann! – – O welches Glück, wenn er dann nach Klosterberg eilen würde, um Hildegard zu fragen, ob sie endlich einwilligen wolle, die Seine zu werden!

Während Mariechen die schöne Weihnachtszeit in Nienhagen verlebte, finden wir Waldemar am zweiten Weihnachtsfeiertage im elterlichen Schloß zu Wiesendorf. Es war ein fröhliches Durcheinander im großen Saal, wo die Weihnachtsbescherung in glänzender Pracht aufgestellt war. Die Bewohner des Schlosses waren in Gruppen verteilt. In einer Fensternische stand ein schlanker, stattlicher Offizier, Baron von W., der seine holde Braut Rosa von Buchwald mit einem Arm umschlungen hatte und sich von ihr etwas vorlesen ließ aus einem Buch, das sie eben vom Weihnachtstisch genommen. Walter betrachtete wohlgefällig eine Schießwaffe, in der sich alles, was er bis jetzt wünschen konnte, vereinigte. – Am hellen Kaminfeuer saßen Herr und Frau von Buchwald, beide älter geworden, aber fröhlich dreinschauend, denn sie waren glückliche Eltern. Seit langer Zeit zum erstenmal waren alle Kinder zur Weihnachtszeit unter einem Dache vereinigt! Frau von Buchwald drückte Waldemar, der neben ihr saß, innig die Hand und sagte: »Waldemar, wie schön, daß du wieder da bist, es taugt nichts, wenn ein Sohn so fern vom Elternhause weilt, daß man nicht weiß, wo ihn mit seinen Gedanken aufsuchen!«

»Wer weiß, wie fern ich jetzt vom Elternhause, wie fern ich von Gott wäre, wenn mich der barmherzige Gott nicht zur Umkehr gerufen hätte an jenem Pfingstmorgen.«

Frau von Buchwald wurde bleich. War das nicht wieder ein Anklang an die alte Zeit? Dachte Waldemar nur an seine Sinnesänderung, oder war ein Gedanke an die, der er seine Umkehr zu verdanken meinte, damit verknüpft? Es konnte wohl nicht sein. Frau von Buchwald glaubte sicher annehmen zu können, daß Waldemar von dieser Neigung geheilt sei, hatte er doch mit keiner Miene, mit keinem Wort verraten, daß er noch an jenes Mädchen dachte, die viel Kummer und Betrübnis über die Familie gebracht. So antwortete sie nur, ihm aufs neue die Hand drückend: »Ja, Gott sei Dank, der dich so wunderbar geführt, mein Sohn. Er, der dir Weisheit und Verstand gegeben, die großen Güter, die dir anvertraut sind, zu regieren, wird auch ferner mit dir sein auf deinem Lebensweg.«

»Und wird dich,« setzte Herr von Buchwald hinzu, »eine treue Lebensgefährtin finden lassen –«

»Die ist gefunden,« unterbrach Waldemar seinen Vater, ihn fest ansehend. »Es liegt nur an dem elterlichen Segen, ohne welchen ich keine Verbindung eingehen werde.«

Mit diesen Worten stand er auf und verließ hastig das Zimmer, es war hier im Familienzimmer nicht der Ort zu Auseinandersetzungen.

Am Abend erschien er nicht. Er ließ durch den Diener sagen, er sei unwohl, Kopfschmerzen verhinderten ihn, am Souper teilzunehmen. –

Es war still im Boudoir der gnädigen Frau. Die elfte Stunde war vorüber, aber sie dachte nicht ans Schlafengehen. Als die Kinder ihr »gute Nacht« gewünscht und das fröhliche Treiben verstummt war, versuchte sie mit ihrem Gemahl von Waldemar zu sprechen. Derselbe verhielt sich aber so schweigsam und abweisend, daß sie sich zurückzog, hoffend, einen günstigeren Augenblick zur Aussprache zu finden. Sie ging ruhelos in ihrem Zimmer auf und ab.

Es ging ihr wie vielen Müttern. Obwohl sie damals zufrieden war mit der Handlungsweise ihres Gemahls, da Waldemars Wahl auch ihren Wünschen gar nicht entsprach, hatte sie alle die Jahre hindurch, wo der Sohn fern von der Heimat in fremden Ländern weilte, einen Stachel im Herzen gefühlt. Sie hätte ihrem Sohn und Liebling gern das Weh erspart, ihm gewährt, was seines Herzens Wunsch und Ziel war. Seit er jedoch zurückgekehrt und mit keiner Miene verraten hatte, daß er der alten Zeiten noch gedenke, hatte sie fest geglaubt, die mannigfachen Eindrücke haben diese törichte Jugendliebe aus seinem Herzen gerissen. Dann kam der Tod des Onkels, der für Waldemars Zukunft so entscheidend war. Die Güter, in deren Besitz er nun gekommen, lagen zerstreut und es erforderte alle Energie und Kraft eines Mannes, in die ziemlich ungeordneten Verhältnisse Klarheit zu bringen. Waldemar war in den sechs Jahren ein gereifter Mann geworden. Sein klarer Verstand, sein praktischer Sinn, sein festes Auftreten befähigten ihn zum Herrn und Gebieter. Er erfaßte seine neue Aufgabe mit ganzer Seele; seine Mutter freute sich seiner jugendlichen Frische und Fröhlichkeit umsomehr, als sie dies für den Ausdruck seines innerlich genesenen Zustandes ansah. Warum kam nun bei Waldemars kurzem aber inhaltsschwerem Ausspruch die alte Bangigkeit wieder über sie? War nicht durch dies eine Wort alles klar! Er hatte die alte Liebe nicht vergessen, und dies treue Festhalten mußte den Beweis liefern, sie mochte es sich zugestehen oder nicht, daß es keine vorübergehende Neigung, keine Liebelei, sondern echte, treue, starke Liebe seil Und sollte sie ihm nun aufs neue entgegentreten, den alten bitteren Kampf von neuem aufnehmen? Es war Weihnachten: sollten nicht die Herzen entzündet von der großen Liebe Gottes, in doppelter Liebe entbrennen gegen einander? Tönte nicht die Epistel des letzten Advents: »Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen« durch die ganze Weihnachtszeit? »Er nahm Knechtsgestalt an und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.«

»Das hat Gottes Sohn für uns getan. Er hat sich aller Seiner Herrlichkeit entäußert und sich selbst erniedrigt, und wir mögen uns nicht herablassen, ein Mädchen in unser Haus und an unser Herz zu nehmen, das uns nicht ebenbürtig scheint,« dachte Frau von Buchwald. Sie war überwältigt. Jetzt hätte sie ihrem Sohn alles geben können, was er begehrte; wäre er nun gekommen, sie hätte segnend ihre Hand auf sein Haupt gelegt, hätte ihr Ja und Amen gesprochen zu seiner Verbindung mit Hildegard! Sie hatte nicht bemerkt, daß die Portiken ihres Zimmers sich leise bewegt und eine Männergestalt schon eine geraume Zeit dastand, betrachtend. Als sie jedoch, sich selbst unbewußt, laut die Worte sprach: »Waldemar, meinen Segen hast du,« da stürzte Waldemar, denn er war es, strahlenden Antlitzes zu ihren Füßen, umschlang ihre Kniee und rief aus: »O Mutter, Mutter, dies Wort gibt mir meine Mutter wieder. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, Mutter, ich habe viel gelitten, nun erwächst mir aus allem Leid die schönste Frucht. Ich darf endlich kommen mit dem elterlichen Segen und um Hildegards Liebe werben.«

Und nun erzählte er der Mutter, wie er die Geliebte seines Herzens so wunderbarerweise wieder gefunden, wie sie denselben Eindruck auf ihn gemacht wie früher, wie er aufs neue empfunden, daß sie einander angehören müßten.

Nach längerem Hin- und Herreden sagte Frau von Buchwald ernst: »Nun gilt es vor allen Dingen, den Vater zu gewinnen, und das, fürchte ich, wird schwer sein. Ich will morgen mit ihm sprechen, will tun, was in meinen Kräften steht.«

»Tue das, Mutter, die Sache muß baldmöglichst zum Abschluß kommen. Ich mag nicht wieder nach Horst zurückkehren, ohne Hildegard die frohe Botschaft zu bringen. Und dann, Mutter, wirst du sehen, wie Hildegard befähigt ist, eine Schloßfrau zu werden in des Wortes edelster Bedeutung. Und wenn das nicht sein darf, wenn sie euch nicht berechtigt scheint, eine Gräfin zu werden, so gebe ich Schloß und Güter, Titel, Rang und Ehre auf und teile ihre Armut! Wenn ich sie nur habe. Und du selbst, teure Mutter, wirst keine bessere Schwiegertochter erlangen. Sie wird – – –« »Hoffentlich dankbar sein,« ergänzte Fran von Buchwald, die es natürlich von ihrer Seite als ein gewaltiges Opfer ansah, daß sie das arme, aus niedrigen Verhältnissen entstammende Mädchen in ihren Familienkreis aufnehmen wollten. »Doch nun laß uns zur Ruhe gehen, Waldemar,« mahnte Frau von Buchwald, »laß uns nicht weiter über die Angelegenheit sprechen, bis der Vater seine Einwilligung gegeben, bis er freudig seinen Segen erteilt.«

Es kam anders, als unsere Freunde dachten. Der folgende Morgen brachte eine Depesche vom Gut Warsow in Pommern. Dieselbe bedingte Waldemars sofortige Abreise. Der langjährige Inspektor dieses Gutes war plötzlich gestorben und der Herr desselben mußte dahineilen, um mannigfachen Unordnungen und Verwicklungen vorzubeugen. Alle bedauerten, daß die liebe Weihnachtszeit so jäh unterbrochen wurde, Waldemar am meisten. Als Walter ihm zurief: »Komm nur bald wieder,« zuckte er mit den Achseln und rief: »Pflicht geht vor Vergnügen!« Wieviel lieber er nach Horst anstatt nach Warsow gegangen wäre, brauchen wir nicht zu sagen. Er hoffte, die Geschäfte bald zu erledigen, fand jedoch soviel Unordnung in der Verwaltung, daß er bald einsah, daß seine Anwesenheit längere Zeit würde erforderlich sein, zumal in Horst ein tüchtiger Inspektor ihn vertrat. Die Hoffnung auf sein zukünftiges Glück belebte ihn, machte alles Schwere leicht.

»Wenn ich in Warsow Ordnung geschafft und das Gut treuen Händen übergeben habe, dann kehre ich nach Horst zurück und dann – – dann! – – –«

 

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