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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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11. Adventszeit

Nun war der Winter eingekehrt. Erst gab es heftige Stürme und anhaltenden Regen, dann Frost und Kälte, Schnee und Eis. Der Kinder Spielen im Freien hatte aufgehört, auch Mariechen war mit ihren Zöglingen ganz aufs Zimmer angewiesen bis auf die täglichen regelmäßigen Spaziergänge in der Mittagsstunde.

Im Hause aber hatte sich ein geschäftiges Leben und Treiben entwickelt. Die Weihnachtsarbeiten waren angefangen und ein Gedanke, den Mariechen angeregt, belebte die Kinder besonders. Sie wollten für die armen Kinder im Dorf eine Bescherung veranstalten und zwar in dem Zimmer, das ihnen für die Strickstunden im Wirtschaftsgebäude eingeräumt war. Nun mußten die kleinen Wilden still sitzen und die Fingerlein tüchtig rühren; sie setzten eine Ehre darein, alles allein zu machen. Es wurden Strümpfe gestrickt, Schürzen und Tücher genäht und die gütigen Eltern gaben gern das dazu Erforderliche. Freuten sie sich doch, daß es Fräulein Rothe gelungen war, die kleine Gesellschaft gebändigt, ihnen Lust und Freude an der Handarbeit beigebracht zu haben!

»Lauter neue Moden!« hatte Theodora geäußert und sich mit einem fesselnden Roman in ihr Zimmer begeben.

Arme Theodora! Hätte sie in ihrer Kindheit auch jemand gehabt, der sich ihrer so treu und liebevoll angenommen, sie wäre vielleicht anders geworden! Mariechen ignorierte ihre lieblosen Äußerungen so viel wie möglich, und wenn sie auch manche bittere Pille hinunterschlucken mußte, so wurde ihr doch von seiten der Eltern so viel Freundlichkeit und Anerkennung zu teil, daß sie im Vergleich zu der ersten Zeit ihres Hierseins sehr zufrieden sein mußte.

Es war am Freitag vor dem ersten Advent. Die Kinder saßen mit Mariechen fröhlich bei ihrer Arbeit und letztere meinte, heute könne schon im Hinblick auf den ersten Advent ein Adventslied gesungen werden. Und so stimmte sie mit heller Stimme an: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir« – und die Kleinen fielen fröhlich ein: »O aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier!«

Als sie den zweiten Vers zu Ende gesungen, öffnete Frau von Ulbersdorff die Tür. »Das klingt ja schon ganz weihnachtlich,« sagte sie mit freundlichem Lächeln und strich ihrem Gretchen, die zu ihr geeilt, liebkosend die Wangen.

»Mama, setze dich auch zu uns; es ist so schön unter all den Weihnachtsarbeiten!«

»Hab' keine Zeit, Kinder, ein andermal!« Sich dann zu Mariechen wendend:

»Ich habe es Ihnen schon die ganze Woche sagen wollen, Fräulein Rothe. Wir pflegen immer am ersten Advent zu kommunizieren und haben uns und Sie auch diesmal angemeldet.«

»Mich auch, gnädige Frau?« und ein jähes Rot schoß in Mariechens Wangen.

»Ja, ich habe gar nicht daran gezweifelt, daß Sie uns begleiten. Es ist immer Sitte in unserem Haus gewesen, daß die Erzieherinnen unserer Töchter sich uns anschlossen. Es ist Ihnen wohl nicht recht?«

»O ja! – Ich dachte – – ich glaubte – – ich könnte lieber zu Hause mit meinen Eltern –«

»Sie sagten mir, Sie dächten erst nächsten Sommer zu reisen. Aber da Sie an Weihnachten Ihre Verwandten in Nienhagen besuchen wollen, ist es Ihnen vielleicht lieber, dort zu kommunizieren. Machen Sie es ganz, wie Sie wünschen!«

»Nein,« sagte Mariechen jetzt fest und entschieden. »Ich werde Sie Sonntag begleiten.«

Es dunkelte schon, so daß Frau von Ulbersdorff nicht sah, wie Röte und Blässe bei Mariechen miteinander wechselten; auch war sie zu unbefangen, um etwas zu merken. –

Den andern Tag finden wir Mariechen auf dem Wege nach Arnsgrün. Es ist ein saurer Gang, den sie vorhat. Und doch muß es sein, Aufschub gibt es nicht. Nun ist es ihr klar gezeigt von Gott, daß die Stunde gekommen ist, wo sie Pastor Werner um Verzeihung bitten muß. So hat sie sich denn, da die Kinder einer Erkältung wegen nicht hinausdürfen, eine Stunde am Nachmittag frei gemacht, um, wie sie sagt, einen tüchtigen Spaziergang zu machen. Sie durchschreitet hastig den kahlen, blätterlosen Wald, der aber in seinem Winterschmuck nicht minder schön ist als im Sommer. Sie, die sonst für Naturschönheiten viel Sinn hat, bemerkt heute nichts von der Außenwelt. Ihre Gedanken sind ganz nach innen gekehrt, oft entringt sich ein leiser Seufzer ihrer Brust und sie sagt: »Herr, hilf mir!« Nun hat sie den Pfarrhof erreicht. Einen Augenblick steht sie still, die Hand auf das klopfende Herz gelegt, dann mit einem mutigen »Es muß sein« betritt sie die Schwelle des Hauses. Es liegt nichts Ausfallendes darin, daß sie sich selbst zur Kommunion anmeldet, im Gegenteil, schon auf der Diele begegnen ihr Leute, die vom Pastor kommen in dieser Angelegenheit. Links ist das Wohnzimmer, rechts das Studierzimmer Werners. Rasch entschlossen klopft sie und öffnet, als ihr ein kräftiges »Herein« entgegentönt, die Tür. Der Pastor sitzt über seiner Sonntagspredigt, die Bibel liegt aufgeschlagen vor ihm und ein Konzept daneben. Er schreibt eifrig und sieht nicht eher auf, als bis Mariechen vor ihm steht.

»Herr Pastor,« beginnt sie mit leiser, zitternder Stimme, »ich möchte mich zur Kommunion anmelden für morgen.«

Beim Klang der wohlbekannten Stimme fährt Werner auf und erhebt sich. Mariechen reicht ihm mit niedergesenktem demütigen Blick die Hand und sagt:

»Ich bitte Sie, mir alles zu verzeihen.«

»Von ganzem Herzen,« erwidert Pastor Werner und fügt hinzu: »Gott segne Ihnen den morgenden Tag,« darauf macht er eine Handbewegung als: »Es ist gut nun, Sie können gehen, es bedarf keiner weiteren Aussprache zwischen uns.«

Und Mariechen, erfüllt von der Würde des Seelsorgers, kehrt um, um andern Gemeindegliedern, die eben eintreten, Platz zu machen. Sie weiß nicht, was sie tut, aber ohne sich selbst Rechenschaft abzulegen, hat sie die gegenüberliegende Tür geöffnet und betritt das Wohnzimmer.

Fräulein Therese sitzt am Fenster, mit einer Strickerei beschäftigt. Mariechen fliegt auf sie zu, umschlingt sie mit den Armen und schluchzt bitterlich. Therese, die gar nicht weiß, wie ihr geschieht, legte ihre Hand an Mariechens heiße Stirn, führt sie zum Sofa und sagt: »Mein liebes Fräulein, beruhigen Sie sich, was führt Sie hierher?«

Mariechen weint heftiger und sagt unter Schluchzen: »Ich habe mich zur Kommunion angemeldet.«

Jetzt weiß Therese alles, sie begreift die heftige Gemütsbewegung des Mädchens und streichelt ihr leise die Wangen.

Allmählich beruhigt sich Mariechen und springt auf. »Ich muß gehen,« sagt sie hastig. »Ulbersdorffs wissen nicht, daß ich hier bin.« Plötzlich einen Anlauf nehmend ruft sie: »Liebes Fräulein Therese, Sie wissen doch alles. O verachten Sie mich nicht zu sehr. Und – – wenn es möglich wäre – daß Herr Pastor – ich meine, wenn Ihr Herr Bruder – –« sie stockt wieder, »wenn Pastor Werner ein klein wenig bekannter gegen mich tun wollte! Ich bin ja schon in der Fremde unter lauter Fremden!«

»Sie liebes, liebes Kind, haben Sie nur Vertrauen zu mir. Es muß und wird noch alles gut werden.« Mit diesen Worten umschlingt sie sie und gibt ihr einen herzhaften Kuß. »So, und nun verachten Sie das alte Fräulein auch nicht, sondern besuchen Sie sie hübsch, damit wir endlich einmal warm miteinander werden. Doch ich sehe, Sie sind unruhig fortzukommen. Wie gern begleitete ich Sie durch den Wald, doch kann ich augenblicklich nicht gut fort.«

»Nein, ich gehe allein,« ruft Mariechen, fährt sich noch einmal tüchtig mit dem Taschentuch über das Gesicht und verabschiedet sich von Therese.

Sie tritt wieder in den stillen Wald. Wie wohl tut ihr die winterliche Frische! wie kühlt es ihre heißen Wangen, wie wohltuend wirkt das Atmen in der reinen Luft auf ihr aufgeregtes Gemüt. »Nun ist groß Fried' ohn Unterlaß, all Fehd hat nun ein Ende,« tönt es in ihrem Herzen, das endlich in der Bitte um Verzeihung Frieden gefunden. »Nun ist die Hauptsache geschehen,« seufzt sie innerlich froh, »ich habe den, welchen ich so schwer gekränkt, um Verzeihung gebeten und er hat mir vergeben!«

Und auf einmal wird es ihr leicht und fröhlich ums Herz, es ist, als hätte sich eine schwere Last gelöst. Sie sieht um sich, ringsum Friede und Stille in der Natur! Die Bäume stehen festlich geschmückt in ihren mit Schnee beladenen Zweigen, leise fällt jetzt der Schnee in einzelnen Flocken vom Himmel und leise ertönt auf einmal das Festgeläute der Glocken vom Dorfkirchlein her durch den stillen Wald. Sie läuten den Advent ein. Da leuchtet auch in Mariechens Herzen die Adventsfreude hell auf und sie ruft dem Herrn ihr Hosianna mit Freuden entgegen.

Und als am andern Morgen dieselben Glocken ins Gotteshaus rufen, da sind zwei Menschen aufs tiefste bewegt. Eine, die Vergebung sucht, und der andere, der sie kraft seines Amtes verkündet. Wohl noch nie hat Pastor Werner sein Amt mit größerer Freudigkeit verwaltet als heute; wie fröhlich und siegesgewiß tönt es von seinen Lippen: »Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber Meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund Meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.« – Und: »Mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden und Mühe in deinen Missetaten. Ich, ich tilge alle deine Übertretungen um meinetwillen.« An diese Worte der Verheißung hält sich Mariechen und so erfährt sie Gnade und Frieden die Fülle!

Am Abend desselben Tages schrieb Mariechen an ihre Mutter: »Heute ist der gesegnetste Tag meines Lebens! Wenn man jahrelang ein Schuldbewußtsein mit sich herumgetragen und fühlt sich auf einmal frei, so ist das ein beseligendes Gefühl, das sich nicht beschreiben läßt. Pastor Werner weiß nun, daß es mir leid tut, und wird mir gegenüber nun hoffentlich diese peinliche Zurückhaltung fallen lassen. Wenn ich auch nun noch einige Jahre in seiner Gemeinde zubringen muß, so ist das Schwerste überstanden, und ich denke, wir werden fortan leidlich miteinander auskommen. Das wird ja dadurch erleichtert, daß wir uns sehr wenig sehen. Er kommt vielleicht viermal im Jahr aufs Schloß zum Besuch, und ich gehe in die Pfarre selbstverständlich nie, so sehr mich Pastor Werners Schwester, Fräulein Therese, anzieht. Wie sehr wünschte ich, daß Pastor Werner heiraten möge, es ist so bitter, zu denken, daß ich ihn daran verhindert habe. Er verdient es wohl, eine gute Frau zu haben, denn er ist ein reichbegabter Mann, der durch seine Predigten Glauben weckt und durch seine Seelsorge viel Gutes wirkt. Welch eine köstliche Adventspredigt habe ich heute von ihm vernommen, ich nehme mir jeden Sonntag aus der Kirche viel Segen mit nach Haus.«

»Mit meinem Plan, das Weihnachtsfest in Nienhagen zu verleben, sind Ulbersdorffs einverstanden. Ich habe an Hermann und Käthe geschrieben und erwarte ihre Antwort in den nächsten Tagen. Gott behüte dich, mein teures Mütterlein. Sorge dich nun gar nicht mehr um mich. Der Herr hat Großes an mir getan, des bin ich fröhlich! In treuer Liebe deine gehorsame Tochter Marie.«

Am nächsten Sonntag war Pastor Werner mit seiner Schwester zum Abend nach Birkenfelde eingeladen. Mariechen bangte vor der ersten Begegnung. Ob dieselbe wohl etwas weniger steif ausfallen würde als sonst? Gottlob ja! Nachdem der Pastor die Herrschaften begrüßt, reichte er auch Mariechen die Hand, zum erstenmal, seit sie in Birkenfelde war, und sagte, sie freundlich ansehend: »Guten Abend, Fräulein Rothe.« Therese gab ihr wirklich wieder einen Kuß, das war doch freundlich und vertrauenerweckend. So konnte auch Mariechen das erstemal in Werners Gegenwart wieder fröhlich und harmlos plaudern, ohne seinen strengrichtenden Blick zu fürchten. Ja, es geschah, daß er sie ein paarmal mit dem freundlich schalkhaften Blick ansah, der ihr aus der Pensionszeit her noch so bekannt war. Froh war sie jedoch, daß er nicht in Gegenwart Ulbersdorffs auf ihre frühere Bekanntschaft anspielte; das hätte doch zu peinlichen Erörterungen geführt. Als nach Tische mit den Kindern einige Lieder gesungen worden waren, bat Frau von Ulbersdorff Pastor Werner etwas vorzutragen. Er wandte sich schnell zu Mariechen mit der Frage: »Wollen wir einmal vierhändig zusammenspielen?«

Mariechen errötete, als aber Frau von Ulbersdorff sagte: »Fräulein Rothe, Sie spielen ja so gut, Sie können es schon einmal mit Pastor Werner versuchen!« ging sie ohne Zögern ans Klavier, wo Werner schon in den Noten blätterte und eben die wohlbekannte Beethovenschen Symphonie hervorhob.

»Wie wär's,« sagte er lächelnd, »sollten wir sie wohl noch können?«

Mariechen war ganz verwirrt und errötete wieder. Die erste Anspielung auf das frühere Verhältnis!

Werner ließ nicht lange Zeit zum Sinnen. Das Notenheft stand schon auf dem Pult. Er setzte sich und spielte leise die ersten Takte. Schnell setzte sich nun auch Mariechen und das Spiel begann. Bald hatte sie die Beklommenheit überwunden. Sie hielt tapfer stand. Ein paarmal flüsterte Werner leise wie in früheren Zeiten: »Ein bißchen schneller!« – oder: »Jetzt andante, Fräulein Mariechen!« Ja, sie hatte es deutlich gehört, er hatte sie einmal während des Spieles »Fräulein Mariechen« genannt. Das war denn doch endlich der Anfang zu einem bessern Leben!

»Vortrefflich, ausgezeichnet!« rief Frau von Ulbersdorff, als die Spielenden geendet. »Man sollte meinen, Sie hätten die Symphonie wochenlang zusammen eingeübt, während Sie doch heute das erstemal zusammenspielen.« Werner sah Mariechen lächelnd an, sagte aber nichts. Er trat dann zurück, setzte sich in den Kreis und unterhielt sich mit den Herrschaften, Mariechen wieder, wie gewöhnlich, ignorierend. Nur beim Abschiednehmen traf es sich, daß sie etwas abseits stand. Da sagte er so leise, daß es niemand hören konnte: »Wenn Sie nach Hause schreiben, Fräulein Mariechen, senden Sie einen Gruß von mir an Ihre Eltern!«

Wie glücklich war Mariechen, daß endlich der Bann gelöst, endlich der schwere Druck von ihr genommen war! Nun wollte sie all das Schwere, das ihre Stellung mit sich brachte, noch einmal so gern tragen! Wie fröhlichen Herzens konnte sie nun die Advents- und Weihnachtszeit genießen. Heute war ein Brief von Hermann und Käthe eingetroffen, der sie tausendmal willkommen hieß. Wie freute sie sich, Käthe das erstemal als Hausfrau sehen, in einem Pfarrhause Weihnachten feiern zu dürfen. Ja, das erstemal seit vielen Jahren lag unserem Mariechen die Zukunft wieder licht und rosig vor Augen. –

Über ihren Aufenthalt in Nienhagen erfahren wir am besten aus einem an Emma gerichteten Brief vom 31. Dezember. Sie schreibt, nachdem sie ausführlich von ihrer Reise und ihrem Ankommen dort berichtet, folgendes:

»Käthe ist eine prächtige Hausfrau geworden: Alles geht am Schnürchen bei ihr, von früh an ist sie auf den Beinen und weiß ihre Leute anzustellen, daß es eine Lust ist. Wenn sie in die Hände klopft und ruft: ›Vorwärts!‹ da rennt alles. So hat sie Kinder, Knechte und Mägde in Zucht, kurz, weiß ihrem Hause wohl vorzustehen. Emma, du hast es gut, sehr gut gemacht, daß du sie dem Vetter rekommandiert. Und auf den Vetter zu kommen! Ja, wollte ich dem ein Loblied singen, so müßte ich noch viele Seiten vollschreiben. Wie Käthe eine treffliche Hausfrau, so ist er ein unvergleichlicher Hausherr, beide sind einander wert und stehen in rechter Liebe und Treue zusammen. Trotzdem der ländliche Haushalt viel Prosa mit sich bringt, lassen die Ehegatten die Poesie nicht untergehen, sie behandeln einander mit einer Zartheit, die rührend ist. Käthe erzählte mir, daß Hermann schon im Februar unter dem Schnee zu suchen beginnt, um ja der erste zu sein, der seiner Käthe das erste Schneeglöckchen, diese für sie so vielbedeutende Blume, bringt. Doch, Emma, du kennst ja die beiden selbst am besten, bist auch schon in Nienhagen gewesen, aber ich, die ich zum erstenmal in diesem gesegneten Pfarrhaus weile, mußte meine Gefühle gegen dich aussprechen.

»Es geht hier immer fröhlich und gemütlich zu, nur gestern bereitete mir der gute Vetter, ohne daß er es wollte, eine Verlegenheit. Er fragte: »Hast du in Birkenfelde einen guten Pastor?« »O ja,« antwortete ich, »einen ganz guten.« »Magst du ihn gern, ich meine, verkehrst du freundschaftlich mit ihm?« »Das kann ich gerade nicht sagen!« Dabei fühlte ich, wie eine brennende Röte mir ins Gesicht stieg. »Also auf vertrautem Fuß stehst du nicht mit ihm; ist denn seine Frau liebenswürdig.« Jetzt wurde ich immer verlegener. »Er hat gar keine,« stotterte ich. »O, das ist ja schlimm, da muß er's machen wie ich und sich eine nehmen.« Bei diesen Worten trat gerade Käthe ins Zimmer. Da breitete er seine Arme aus und rief: »Ein getreues Herze wissen ist des höchsten Schatzes Preis.« »Was verschafft mir denn die Ehre dieser außergewöhnlichen Umarmung?« sagte Käthe, ihn schelmisch und doch mit leuchtenden Blicken anschauend. »Mariechens Pastor in Birkenfelde, der noch keine Frau hat, wie ich eben erforscht.« »Du böser Mann,« sagte Käthe, ihre Hand auf seinen Mund legend, »was examinierst du das arme Mariechen um Dinge, die dich gar nichts angehen!« »Nur noch eine Frage,« sagte Hermann. »Wie heißt er? kenn' ich ihn vielleicht.« »Werner ist sein Name!« »Werner, nein, den kenne ich nicht,« sagte Hermann unbefangen, während Käthe bei Nennung dieses Namens unruhig wurde und mich forschend ansah. Als wir später allein waren, legte sie die Hand auf meine Schulter und sagte: »Es ist doch unmöglich der Werner, Mariechen?« »Ja, der ist es,« sagte ich, ihr um den Hals fallend. »Es ist nicht leicht für mich, immer wieder mit ihm zusammenzutreffen, aber im ganzen sehen wir uns selten und ich habe die Sache soweit durchgekämpft, daß ich nun ruhig und höflich mit ihm verkehren kann.« Und nun da das Herz einmal aufgegangen, berichtete ich Käthe von Anfang bis ans Ende; Käthe war so liebevoll und teilnehmend und mir tat es so wohl, mich einmal gegen eine Verwandte aussprechen zu können. Wie froh bin ich, Emma, daß alles nun so gekommen, daß ich die alte Schuld nicht mit ins neue Jahr hinein zu nehmen brauche. Ich kehre nach dieser Zeit der Erquickung und Freude um so lieber zurück zu meinem Beruf, und hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.«

 

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