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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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8. Die Gesellschaft

Pastor Werner hatte mit dem Gutsinspektor in Birkenfelde eine Angelegenheit zu besprechen und war bei ihm in seiner im Wirtschaftsgebäude gelegenen Wohnung, als er auf einmal Kindergesang hörte. Er fragte erstaunt den Inspektor, was das zu bedeuten habe, es sei doch keine Schule im Wirtschaftshaus.

»Doch wohl so etwas ähnliches,« versetzte der biedere Inspektor, gutmütig lächelnd. »Hätte oft selbst Lust, Mittwoch nachmittags bei den kleinen gnädigen Fräuleins stricken zu lernen. Wer hätte das gedacht, daß aus unsern kleinen Wilden noch ehrbare Stricklehrerinnen würden! Was so eine Gouvernante, wenn sie das Herz auf dem rechten Fleck hat, alles zuwege bringt. Sie hält mir das ganze Dorf in Ordnung. Ja, ja, seit Fräulein Rothe sich der Dorfkinder annimmt, sind sie und ihre Eltern viel höflicher und gesitteter, es kommen gar nicht so viel Roheiten und Unarten vor. Warten Sie noch ein Viertelstündchen, Herr Pastor, dann tun Sie mir den Gefallen und gucken zum Fenster hinaus; da sollen Sie mal sehen, wie die kleine Rothe die Kinder entläßt. Es ist ordentlich eine Freude, ihr zuzuhören. Wenn ich nicht schon ein alter Kerl wäre, und das Leben läge fast hinter mir, in die verliebte ich mich noch. Das wäre einmal eine Frau für Sie, mein lieber Herr Pastor, die würde eine Frau Pastorin abgeben, wie keine zweite.« Dabei blinzelte er mit den Augen und nickte dem Pastor zu. Dieser antwortete ruhig: »Ich denke eben so wenig wie Sie ans Heiraten,« und setzte das geschäftliche Gespräch, eine Wiesenverpachtung betreffend, fort.

Nicht lange währte es, so hörten die Herren den Schlußvers singen: »Unsern Ausgang segne Gott.« – Als das Lied verklungen, winkte der Inspektor den Pastor ans Fenster; bald trat Mariechen mit ihren Zöglingen, von einer Schar Dorfkinder begleitet, in den Hof. Die Kinder, alle mit glatten Zöpfen und in Sonntagskleidern, knixten vor den Fräuleins und gaben ihnen die Hand. Mariechen hatte für jede ein freundliches Wort. »Kleine Müller, wie geht es deiner Großmutter? nimm ihr dies mit!« Mit diesen Worten händigte sie dem Kind ein kleines Paket ein, das dieselbe dankend in Empfang nahm. Eine andere fragte sie nach ihrem Bruder, eine dritte ermahnte sie, nicht davon zu laufen, ohne Adieu gesagt zu haben.

Alle aber entließ sie mit einem herzlichen »Gott behüte euch,« schlang den Arm um ihre Zöglinge und ging mit ihnen dem Schlosse zu, fröhlich ausrufend: »Kinder, nun wollen wir unsern Hunger stillen, nach getaner Arbeit schmeckt das Vesper süß!«

»Ist sie nicht entzückend?« sagte der alte Inspektor, indem er triumphierend den Pastor ansah. Als ob er es nicht wüßte! Vor sechs Jahren hatte er auch so gedacht, jetzt wollte er es nicht zugestehen und düsteren Blickes entgegnete er: »Es ist ja ganz lobenswert, daß das Fräulein sich des Dorfes annimmt!« Dann entledigte er sich seiner Geschäfte und ging eiligen Schrittes seinem Pfarrdorfe zu. Er begegnete noch einigen Strickkindern mit ihren Müttern, die eifrig dem Geplauder lauschten. »Guten Abend, Schmidtsch,« sagte er im Vorübergehen. »Guten Abend, Herr Pastor!« – »Nun, Ihr Töchterchen ist ja recht sonntäglich geputzt?«

»Wissen denn der Herr Pastor nicht, was Mittwochs los ist? Das ist für das ganze Dorf ein Festtag.« Und nun sang auch Schmidtsch in beredten Worten Mariechens Lob. Dem Pastor war seltsam zu Mute. Er gedachte der alten Zeiten und seufzte. Warum mußte dieses Mädchen, daß alle andern Menschen bezauberte, allein gegen ihn abstoßend sein! »Und wenn er zehnmal um mich anhielte, er kriegte zehnmal einen Korb!« tönte es wieder in seiner Seele. Seine Züge nahmen den langgewohnten strengen Ausdruck an und mit raschen Schritten ging er seiner Wohnung zu.

»Ich wollte, der morgende Tag wäre vorüber,« sagte er später zu seiner Schwester.

»Warum?« versetzte diese, von der Arbeit aufblickend.

»Ich soll auf Wunsch der Birkenfelder Herrschaften einem Examen, das Fräulein Rothe mit den Kindern hält, anwohnen, hab' gar keine Lust!«

»Du dauerst mich weniger als sie,« sagte Therese ruhig.

»Ja, da hast du freilich recht. Ich ersparte es ihr gern,« versetzte er sinnend und ging in sein Studierzimmer.

Mariechen war ins Schloß zurückgekehrt, um mit ihren Kindern das Vesper einzunehmen. Als sie in den Speisesaal traten, stürzten die Kinder wie gewöhnlich in den Salon zu ihrer Mama, kamen aber gleich darauf verlegen zurück und flüsterten: »Es ist Besuch da, ein ganz feiner Herr, Papa nennt ihn Herr Graf.«

»Es ist der junge Graf Horst, der Erbe des alten Herrn,« versetzte der Diener.

Mariechen war es ziemlich gleichgültig. Sie hatte sich nicht sehr für den Verstorbenen interessiert, viel weniger nahm der Erbe ihr Interesse in Anspruch. Nicht so Theodora. Sie konnte, als der Besuch fort war, nichts weiter reden und denken, als Graf Horst.

»O Mama,« rief sie aus, »nun fängt es an, interessant in unserer Gegend zu werden. Graf Horst scheint ein sehr liebenswürdiger Herr zu sein!«

»Eine ganz annehmbare Partie,« schmunzelte Herr von Ulbersdorff, Theodora anblickend.

Theodora errötete leicht und erwiderte: »Wer denkt denn an so etwas? Ich bin froh, wenn sich unser gesellschaftlicher Kreis etwas erweitert. Ihr müßt doch selbst sagen, daß die Umgegend wenig Interessantes bietet.«

»Theodora hat recht,« versetzte Frau von Ulbersdorff, »wir wollen daher nicht säumen, den jungen Grafen Horst durch eine Soiree zu feiern.«

»Wie bereits in der Umgegend geschieht,« sagte Herr von Ulbersdorff. »Ich habe auf übermorgen eine Einladung für uns nach Klosterberg angenommen. Graf und Gräfin Hoheneck scheinen als nächste Nachbarn den Anfang zu machen.«

Über Theodoras Gesicht flog ein Zug vollster Befriedigung.

»Auch Sie, Fräulein Rothe,« fuhr Herr von Ulbersdorff fort, »haben eine Einladung erhalten, der Graf erwähnt Sie besonders!«

»Ich werde dankend ablehnen müssen,« erwiderte Mariechen bescheiden. »Ich passe nicht in dergleichen Gesellschaften!«

»Warum nicht?« entgegnete Herr von Ulbersdorff, dessen Liebling die kleine Gouvernante schon lange geworden war. »Kommen Sie nur mit!«

»Ich fürchte, ich kann der Kinder wegen nicht gut!«

»O Fräulein Rothe, wir wollen so artig sein; fahren Sie nur ruhig unsertwegen mit,« versicherte Gretchen, Mariechens Hand zärtlich streichelnd.

»Na, mit dem Artigsein wird es nicht weit her sein!« versetzte Theodora schnippisch. »Meinst du nicht, Mama, daß es besser ist, Fräulein Rothe bleibt diesmal zu Hause? Die Mädchen sind, wie du weißt, wenig zuverlässig.«

»Wir wollen später darüber sprechen,« sagte Frau von Ulbersdorff, das Gespräch abbrechend, und Mariechen bemerkte freundlich sich zu den Kindern wendend:

»Erst wollen wir sehen, ob wir morgen in unserm Examen bestehen, dann wollen wir ans Vergnügen denken.«

Sie empfahl sich unten, um sich auf den morgenden Tag vorzubereiten.

Wir können uns denken, wie schwer ihr der Gedanke daran war. Sie hatte treu mit den Kindern gearbeitet, sie gut unterrichtet, und hätte ein fremder Pastor den Stunden angewohnt, es würde ihr nur recht und lieb gewesen sein. Aber unter den obwaltenden Verhältnissen, o! – – – Mit welcher Klarheit trat jener Abend vor ihre Seele, an dem sie als kecker Backfisch gerufen: »Ich danke dafür, mich von Ihnen examinieren zu lassen!« – und nun fügte es das Geschick, daß gerade er und kein anderer als Pastor des Ortes dazu befugt war, ihr Schulinspektor zu sein. Es war eine große Demütigung! Natürlich würde er auch daran denken, und welch ein Triumph für ihn. So gingen die Gedanken in die Kreuz und Quer, sie hätte weinen mögen, um sich dadurch Erleichterung zu verschaffen. Endlich siegte ihre frische Natur. »Dummes Zeug,« rief sie, »warum quäle ich mich so nutzlos! Warum denke ich immer an den Schulinspektor und seinen Triumph, ich will die Sache umdrehen und zuerst an meine Kinder denken und an meinen Beruf. Ich will sie prüfen, ohne mich um die Leute zu kümmern, die zuhören, der liebe Gott wird ja helfen, daß ich nicht stecken bleibe.« Sie bereitete sich nun mit Ernst auf ihre morgenden Lektionen vor, bat Gott um gnädiges Gelingen und legte sich ruhig schlafen.

Am andern Morgen, als die junge Lehrerin mit den Kindern am Tisch saß, sich dann erst erhob und mit fester Stimme betete: »Herr, hilf und laß alles wohl gelingen,« ahnten ihre Zuhörer, welche im Hintergrunde saßen, nicht, welche innere Kämpfe das anscheinend so ruhige Mädchen zu bestehen gehabt hatte. Mit großer Sicherheit begann und leitete sie den Unterricht, die Kinder waren in guter Zucht und leisteten Vorzügliches. Sie waren in allen Fächern tüchtig beschlagen. Als in der Geschichtskunde die Antworten Schlag auf Schlag gingen, da schlug Herr von Ulbersdorff die Hände zusammen und rief: »Kinder, ihr wißt ja dreimal mehr als ich!« Auch der Pastor nickte beifällig und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu.

Als das Examen beendet, trat er auf Mariechen zu, verbeugte sich und sagte mit ernster Stimme: »Mein Fräulein, Ihr Schulinspektor ist mit dem Resultat der Leistungen vollkommen zufrieden!« Sie verbeugte sich kalt, ohne etwas darauf zu erwidern, und nachdem die Eltern der Kinder sie herzlich beglückwünscht ob des sehr wohl bestandenen Examens, empfahlen sich die Herrschaften mit dem Pastor, und von Mariechens Herzen wälzte es sich wie eine schwere Last. Was sie so lange gefürchtet, war nun vorüber, und wenn es zum zweitenmal wiederkehrte, hatte es schon viel von seiner Schwere verloren. So wurde mit Gottes Hilfe ein Kampf nach dem andern bestanden, obwohl es Mariechen oft weh im Herzen war, daß eine so tiefe Kluft sich aufgebaut zwischen dem Pastor des Ortes und ihr. Sie war beruhigt, daß die lieben Eltern daheim nun alles wußten. Wie lieb und gut hatten sie sich darüber geäußert. Der Vater schrieb unter anderem: »Meine Tochter, erinnere dich stets daran, wenn der Pastor dir kühl und zurückhaltend gegenübersteht, daß er nicht anders handeln kann. Du hast ihn tief gekränkt, tiefer vielleicht, als du ahnst, und es wäre an dir, ihn um Verzeihung zu bitten. Suche keine Gelegenheit dazu; wenn sie sich dir aber bietet, laß sie nicht unbenutzt vorübergehen.«

Und die treue Mutter fügte hinzu: »Laß dein Herz nicht von Bitterkeit erfüllt sein; denke daran, wie lieb deine Eltern den jungen Mann gehabt haben und daß es vielleicht deine Schuld ist, daß er seine Fröhlichkeit verloren hat.«

Mariechen stand nach dem Examen noch lange sinnend am Fenster. Sie ließ die ganze Vergangenheit an sich vorüberziehen. Sie gedachte des teuren Elternhauses, gedachte an Hildegard und ihre Erlebnisse – da auf einmal drängte sich das glückliche Bild von Hermann und Käthe vor ihre Seele. Sie sah Käthe mit leuchtenden Augen zu Hermann aufschauen und hörte die Worte flüstern:

»Nur unverzagt und Gott vertraut, es muß doch Frühling werden!«

Und plötzlich verklärte ein sonniges Lächeln ihre Züge, sie sah vertrauensvoll nach oben und wiederholte leise die Worte:

»Es muß doch Frühling werden!«

 

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