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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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6. Pastor Werner

Kinder, ihr seid heute so unaufmerksam!«

»Ja, Fräulein, es ist aber auch furchtbar heiß!« Mit diesen Worten ließ Adele ihre Handarbeit in den Schoß fallen und fächelte sich mit ihrem Taschentuch Kühlung zu.

»Liebes Kind,« sagte Mariechen, »im August ist es überall heiß, denke nur an die armen Schnitter auf den Feldern!«

»O,« rief Gretchen fröhlich dazwischen, »fahren Sie nach der Stunde wieder mit uns aufs Feld?«

»Gerne,« sagte Mariechen freundlich, »vorausgesetzt, daß ihr bis um vier fleißig arbeitet und aufmerksam hört auf das, was ich vorlese!«

Mit Seufzen gehorchten die Kinder, doch merkte Mariechen, wie sauer es ihnen heute ward. Sie legte bald das Buch fort, saß eine Weile nachdenklich da und sagte auf einmal:

»Kinder, ich habe eine wunderschöne Idee! Es wohnen hier im Dorf sehr viele kleine Mädchen, die noch nicht stricken können. Wie wär's, wenn wir vier eine kleine Strickschule einrichteten und lehrten die Kinder Handarbeit?«

»Wir, Fräulein?« riefen die drei Mägdlein wie aus einem Munde. »Sie sagen ja immer, wir stricken so schlecht.«

»Ich kann noch keine Ferse stricken,« rief Luise.

»Und ich kann weder anfangen noch zuspitzen, da können wir doch keine Lehrerinnen werden!« sagte Gretchen nachdenklich.

»Das ist freilich schlimm,« meinte Mariechen lächelnd, »aber dem ließe sich abhelfen. Wenn ihr gute Stricklehrerinnen werden möchtet, so müßt ihr euch freilich außerordentliche Mühe geben, und wenn ihr in vierzehn Tagen recht aufgepaßt und alles, was euch noch fehlt, gelernt habt, so machen wir, wenn die Eltern nichts dagegen haben, einen Versuch mit den Dorfkindern.«

Noch während Mariechen sprach, hatten die Kleinen mit doppeltem Eifer ihre Strickzeuge ergriffen. Sie strickten jetzt, als ob es um eine Wette ginge, und dazwischen beredeten sie mit Mariechen, wie sie es einrichten wollten, die Kinder anzulernen.

»O, eine Masche, Fräulein. Aber es kommt nun gewiß nicht wieder vor,« rief Gretchen, ängstlich ihr Strickzeug Mariechen zeigend.

»Nimm sie dir selbst auf, Gretchen, damit du dann, wenn du Lehrerin bist, weißt, wie du es bei deiner Schülerin zu machen hast!«

Gretchen gab sich unter Mariechens Anleitung alle mögliche Mühe, den Schaden zu heilen. Keins der Kinder klagte wieder über Hitze oder Länge der Arbeitsstunden, im Gegenteil, als Mariechen sagte: »Es ist vier, wir wollen aufhören,« folgte ein langgedehntes »Aah!« von den Lippen der Kinder. So wußte Mariechen stets anregend zu wirken; ihr Einfluß auf die Kinder war von großem Wert.

Als dieselben das Schulzimmer verlassen hatten, stieß Mariechen einen leichten Seufzer aus. Sie hatte selbst unter der Schwüle des Tages gelitten und die Zeit war ihr lang geworden. Hatte sie doch kurz vor Beginn der Stunden einen langen Brief von daheim erhalten und hatte ihn nur halb durchfliegen können! Nun war sie frei und hatte Zeit zum lesen, was die Lieben in der fernen Heimat ihr geschrieben! Wie prächtig und zu Herzen gehend waren die Briefe der Eltern. Wie frischer Tau auf eine welke Blume, so wohltuend wirkten die Worte der Lieben daheim auf Mariechens Seele. Und als sie die Briefe gelesen, kam ein langer, lustiger Brief von Emma. Sie schrieb von allerlei amüsanten Erlebnissen, von ihrem Verkehr mit den Dorfbewohnern, von ihren vielen Besuchen, von dem Einkehren zweier früherer Pensionäre, Ludwig und Kurt, die beide stattliche Studenten geworden; von Waldemars Rückkehr aus dem Orient, Röschens Verlobung usw.

Mariechen legte den Brief aus der Hand und weinte bitterlich. Auf einmal kam über sie Heimweh, Sehnsucht nach den Eltern, nach ihrer stillen, trauten Häuslichkeit. O, welch ein fröhliches, glückliches Kind war sie gewesen bei den Eltern daheim, als noch die munteren Jungen das Haus belebten! Wie mächtig wurde sie durch Emmas Brief an die schöne Vergangenheit erinnert. Sie ließ den Tränen einmal freien Lauf, es war ihr schon den ganzen Tag so wehmütig, so sehnsüchtig zumute gewesen. Außer Hildegard hatte sie gar keine Ansprache von außen. Frau von Ulbersdorff schätzte sie ja und versagte ihr die Anerkennung nicht, aber warm konnte sie nicht mit ihr werden. Theodora ärgerte und reizte sie fast immer, sie mußte Gott täglich um Kraft bitten, daß sie ihr gegenüber ihren Gleichmut bewahrte. Die Kinder hingen sehr an ihr und darüber war sie so glücklich, und doch fühlte sie eine große Leere im Herzen. Wie konnte sie sonst mit jedem Anliegen zu Mütterlein eilen, wie wußte dieselbe immer den rechten Rat, den rechten Trost, wie lehnte sie sich an Emma als an eine ältere Schwester! Freilich im Seminar hatte sie dieselben auch nicht zur Seite gehabt, dafür aber den ehrenwerten Herrn Direktor, die treuen Lehrerinnen, die sie leiteten und liebten, dazu das innige Leben mit den gleichaltrigen Mädchen. Jetzt fühlte sich Mariechen innerlich vereinsamt, und doch ließ sie sich in ihren Briefen an die Geliebten daheim nichts merken; sie wollte sie nicht betrüben. Aber immer wieder verfolgte sie der Gedanke, ob es nicht besser sei, den Eltern offen ihre Begegnung mit Werner zu erzählen, sie um ihren Rat zu bitten. Sie wollte es im nächsten Brief tun, es kam ihr doch unrecht vor, den Eltern gegenüber etwas zu verheimlichen, und nun, nachdem Emma direkt gefragt nach dem Pastor des Ortes, wollte sie auch nicht länger seinen Namen verschweigen.

Aber abscheulich war er, dieser Pastor Werner! Hatte sie ihn früher nicht lieben können, so konnte sie ihn jetzt geradezu nicht leiden. Mehrere Wochen waren vergangen seit jenem Gewitterabend; an Fräulein Therese hatte sie ein höfliches Briefchen geschrieben und die geborgten Sachen zurückgeschickt. Dann war dieselbe einmal ins Schloß gekommen, war aber gegen Mariechen bedeutend kühler und zurückhaltender gewesen als an jenem Abend, so daß die junge Gouvernante fühlte, wie Therese, vorher unbefangen, nun in die Sache eingeweiht war und sie auch verachtete, wie ihr Bruder es tat. Ich will mir aber auch gar nichts aus dem Menschen machen, hatte Mariechen im Unmut zu sich gesagt, und doch – wollte sie ehrlich sein, mußte sie sich gestehen, daß sie wohl gewünscht hätte, ein klein wenig mehr von dem allseitig hochgeschätzten Geistlichen sowie von seiner liebenswürdigen Schwester beachtet zu werden. Statt dessen hatte die erste Begegnung mit ihm eine neue bittere Kränkung für sie gebracht. Sie hatte einer kranken Frau im Dorf eine kleine Erquickung hingetragen und ihr aus der Bibel vorgelesen, wie sie schon oft getan. Als sie eben aus der niedrigen Tür der Hütte heraustrat, wollte Pastor Werner hineingehen. Er grüßte höflich und sah sie erstaunt an. Mariechen sagte schnell entschlossen: »Herr Pastor, Sie sehen es wohl nicht gern, wenn Ihre Kranken von andern besucht werden?«

»Es kommt darauf an, von wem sie besucht werden,« entgegnete er ernst. »Man muß seine Worte den Kranken gegenüber in besondere Acht nehmen.« Mit diesen Worten überschritt er schnell die Schwelle und verschwand hinter der Tür des ärmlichen Häuschens.

Seine Worte waren für Mariechen Dolchstiche. »Auch diese Freude nimmt er mir,« sagte sie. »Nun gut, ich werde seine Kranken nicht wieder besuchen! Er hält mich noch für das übermütige, unbedachte Mädchen, das ich früher war, er traut mir nicht zu, daß ich meine Worte vorher überlege.« Während Mariechen so dachte, rannen leise Tränen über ihre Wangen, langsam und traurig war sie ins Schloß zurückgekehrt.

An dies alles dachte sie, und dies, sowie Sehnsucht und Heimweh machten ihr das Herz so schwer. Doch sie hatte nicht Zeit, sich lange ihrem Kummer hinzugeben. »Fräulein Rothe,« riefen die Kinder, »die Erntewagen sind da, bitte, fahren Sie mit uns!«

Sie trocknete schnell ihre Tränen, setzte ihren Strohhut auf, nahm einen Strickstrumpf und begab sich in den Hof. Die Kinder standen schon auf dem Wagen, an die Leiter gelehnt, sehnsüchtig der Abfahrt harrend. Eben ertönte die Stimme der Mama: »Kinder, allein fahrt ihr nicht!« Da trat Mariechen hinzu und mit den Worten: »Gnädige Frau, ich begleite sie!« schwang sie sich kühn auf den Wagen. Die Kinder halfen ihr und nun ging's fort im Galopp über Stock und Stein. Gouvernante und Kinder ließen sich schütteln und rütteln; bald war Sehnsucht, Heimweh und Traurigkeit verflogen, wer konnte auch trauern auf einem so lustigen Erntewagen. Hei! wie die Pferde sprangen und Jochen ordentlich kleine Luftsätze machte, wenn er so von dem Sattel in die Höhe flog. Die Kinder jubelten und jauchzten, und nicht lange währte es, so stimmte auch Mariechen ein in das fröhliche Lachen.

»Sieh mal,« sagte ein Herr zu einer kleinen Dame neben sich, die eben den Waldweg daher kamen, »wer ist denn die Gesellschaft da auf dem großen Erntewagen?«

»Das ist die Gouvernante aus dem Schloß mit ihren Zöglingen!«

«Die scheint ebenso unbändig zu sein wie ihre kleinen Wilden. Wie ungesittet für Damen, auf einem solchen Leiterwagen in die Welt zu fahren!«

»Ich finde es höchst originell und natürlich,« erwiderte Therese, denn sie war es mit ihrem Bruder. »Erinnerst du dich nicht mehr an unsere Kinderjahre, wie es unser höchstes Entzücken war, mit dem leeren Erntewagen aufs Feld zu fahren?«

»Ja, aber die Kinderjahre hören doch endlich einmal auf!«

»Umsomehr ist es an Fräulein Rothe zu schätzen, daß sie um der Kinder willen wieder Kind wird, um ihnen diese Freude nicht zu stören.«

Im Grunde fand es Werner auch ganz allerliebst, daß Mariechen so frisch und fröhlich mit den Kindern auf dem Erntewagen stand, es regte sich nur immer eine Auflehnung gegen sie in seinem Herzen. Wollte er es sich selbst nicht gestehen, daß sie trotz alledem immer wieder aufs neue sein Wohlgefallen erregte? Er wußte selbst nicht, daß es so war, vielmehr redete er sich ein, daß sie ihm jetzt vollständig gleichgültig sei, und um auch seine Schwester davon zu überzeugen, suchte er alles mögliche Tadelnswerte an ihr auf.

»Laß uns nicht so schnell gehen, Therese,« begann er endlich stockend, – »wir kommen früh genug ins Schloß und der Abend ist lang.«

»Wie du willst,« sagte Therese ruhig. »Auf die Schwüle des Tages scheint ein köstlicher Abend zu folgen. Wir wollen uns doch ein Weilchen hier setzen, vielleicht kommen die kleinen Insassen des Erntewagens zurück, und wir können mit ihnen zusammen ins Schloß gehen.«

»Das lag nicht in meiner Absicht! Besser, jeder geht seinen Weg allein,« sagte Werner. Und doch setzte er sich, und seine Schwester nahm neben ihm Platz auf einer Bank, die um eine Eiche angebracht war für müde Wanderer. Werner würde wohl weiter geeilt sein, wenn er es nicht für seine Pflicht gehalten hätte, Mariechen in betreff der Kranken einige entschuldigende Worte zu sagen.

»Therese,« begann er, als sie saßen, »ich war wieder bei der alten Fischer, sie ist wie umgewandelt. Du weißt, daß kein Trost bei ihr haften wollte, daß all mein Reden vergeblich war. Jetzt hat sie auf einmal ihr Herz dem Worte Gottes geöffnet, sie lauscht mit Begier auf die Heilslehren und das alles verdanke ich« –

»Verdankst du deinem unermüdlichen Eifer, deiner treuen Seelsorge,« unterbrach ihn Therese.

»Diesmal nicht. Die Gouvernante vom Schloß ist der Engel gewesen, wie die Alte sagt, der ihr das Herz gerührt. ›Ach Herr Pastor, Sie glauben gar nicht, wie schön das Fräulein predigen kann. Ich war weit ab von Gott, sie hat mich wieder zu Ihm geführt, sie hat mir aus Gottes Wort vorgelesen und mir alles so schön erklärt,‹ meinte sie.«

»Da siehst du, daß das unbändige Kind, wie du sie vor einigen Minuten nanntest, doch eine fromme Jungfrau ist und Segen zu spenden vermag in ihrer Umgebung! Horch! Der größte Segen ist sie aber für die Kinder, wann hast du die kleinen Wilden je so gesehen?«

Liebliche Töne drangen an ihr Ohr. Die kleine Schar kehrte mit ihrer Lehrerin heim vom Felde, das Lied singend: »Harre, meine Seele, harre des Herrn.« Zwei hatten Mariechen umschlungen, die dritte ging sittsam daneben. Jetzt sangen sie: »Und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach.«

Sie sahen und merkten nichts von den auf der Bank Lauschenden. Unbeirrt sangen sie weiter. Endlich als sie beim zweiten Vers waren, bei den Worten: »Wenn alles bricht, Gott verläßt dich nicht, größer als der Helfer ist die Not ja nicht,« da rief plötzlich eines von den Mägdlein: »O da! Fräulein Therese und Herr Pastor!« Der Gesang verstummte. Eine glühende Röte ergoß sich über Mariechens Gesicht. Doch faßte sie sich schnell und nahm eine entschlossene, stolze Miene an. Sie begrüßte Therese freundlich, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, vor Werner machte sie eine kurze höfliche Verbeugung. Sie schien willens, mit den Kindern vorwärts zu eilen; doch Therese sagte herzlich: »Mein liebes Fräulein, heute müssen Sie uns mitnehmen; wir sind zum Abend aufs Schloß geladen, haben also denselben Weg!«

Die Kinder gingen mit dem Pastor voran, Therese folgte mit Mariechen. Als sie ans Dorf kamen, wandte sich Werner plötzlich um und sagte schnell:

»Fräulein, sind Sie einmal wieder bei der alten Fischer gewesen?«

In Mariechen regte sich bei dieser Frage gerechter Unwille. Sie antwortete kurz: »Nein, Sie nehmen an, daß ich auf Ihre Kranken nachteilig wirke, so werde ich mich künftig fernhalten von diesen Dingen.«

Werner ging jetzt an ihrer Seite. »Ich habe Ihnen neulich Unrecht getan und bitte Sie im Namen der alten Fischer um weitere Besuche!«

»Um der Kranken willen, die ich herzlich lieb habe, will ich es tun,« versetzte Mariechen kurz. Es lag in dem Ton eine solche Abweisung, daß Werner sich im Innern den Zusatz machte: »Um deinetwillen, weil du mich bittest, gewiß nicht, denn aus dir mache ich mir gar nichts!«

Therese mochte auch derartiges fühlen, denn sie sah scheu zu ihrem Bruder auf und in ihrer Unterhaltung, die vorher warm und herzlich war, herrschte ein kühlerer Ton.

Die Kleinen, die nichts von Verstimmung merkten, hingen sich wieder zutraulich an den Pastor, – er war ihnen nun doch interessanter als ihr Fräulein, das sie alle Tage hatten – und so gelangten sie bald ins Schloß.

Mariechen tat es fast leid, daß sie so schroff geantwortet; wenn sie sich hätte überwinden können, freundlich und demütig zu bleiben, so hätte vielleicht heute eine kleine Annäherung geschehen können. Werner bot ja selbst Gelegenheit durch seine ersten freundlichen Worte.

»Das mußte er aber,« tönte es in Mariechen. »Er hatte mir bitteres Unrecht getan, das mußte er wieder gut machen. Und ich kann mir auch nicht alles gefallen lassen, ich bin kein Kind mehr!«

Werner war den Abend sehr schweigsam.

Auf dem Heimweg äußerte Therese: »Lieber Bruder, ich glaube, für dich ist es besser, wir meiden den Umgang in Birkenfelde so viel als möglich, es regt dich auf.«

»Nein,« erwiderte Werner ruhig. »Es wird mir nur immer klarer, daß das Mädchen und ich weiter voneinander getrennt sind denn je.«

»Die Antwort, die sie dir gab auf deine freundliche Bitte, hat mir allerdings auch nicht gefallen, sie sprach ihre Abneigung gegen dich ziemlich unverhohlen darin aus.«

»Die Antwort mag ich verdient haben,« erwiderte er, nun der Wahrheit gemäß berichtend, was er ihr neulich gesagt hatte.

»Da sieht die Sache allerdings anders aus,« meinte Therese. »Da hast du das Mädchen zuerst gekränkt! Ich wollte lieber, deine Prophezeiung hinsichtlich ihrer wäre in Erfüllung gegangen und sie über alle Berge. Sie ist aber bald fünf Monate in Birkenfelde und scheint immer festeren Fuß dort zu fassen!«

»Der Kinder wegen ist es gut, sie bleibt,« versetzte Werner eifrig. »Du hast recht, sie scheint eine tüchtige Lehrerin geworden zu sein. Nun, im Herbst bin ich als Schulinspektor berufen, sie zu prüfen. Wollen sehen, was die Kleine gelernt hat in den sechs Jahren!« – – –

Als Mariechen am Abend ihre Briefe noch einmal durchlas, dachte sie: »Wie gern hätte ich Herrn Werner von seinem früheren Schüler Kurt erzählt! Wie er sich wohl gefreut haben würde, von ihm zu hören!« Doch wie hätte sie anknüpfen sollen. Es lag eine tiefe Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, nur er konnte die Brücke herstellen, wenn er mit einem Worte ihrer früheren Bekanntschaft Erwähnung tat. Solange er dieselbe als nicht vorhanden ansah, durfte auch Mariechen die von ihm angewiesene Schranke nicht übertreten.

»Ich werde doch nun den Eltern darüber schreiben; mögen mir dieselben raten, wie ich mich verhalten soll, ob mein Benehmen zu tadeln ist oder nicht. O, wie ist es so schwer, immer recht zu handeln, den Stolz zu überwinden und demütig zu sein!«

»Aber verdient hat er die Antwort doch!« sagte sie noch einmal, indem sie trotzig das Köpfchen hob und schmollend die Oberlippe aufwarf. Dann griff sie entschlossen zur Feder und erst als sie den treuen Eltern alles anvertraut, was sie drückte, legten sich die Wogen des stürmisch bewegten Herzens und Friede kehrte in ihr Gemüt.

 

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