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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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Erster Teil.

1. Die Pension

Herr von Buchwald, ein reicher Landedelmann, suchte für seinen zwölfjährigen Sohn eine Pension in der Residenz. Er hatte sich das nicht so schwierig gedacht, um so weniger, als er, nach einer eingerückten Annonce in die Zeitung, Berge von Zuschriften bekam. »Siehst du, Mamachen,« hatte er die ängstlich sorgende Mutter getröstet, »so viele Häuser sind bereit, unsern Kurt aufzunehmen!«

»Laß uns erst prüfen und dann sehen, wie viele bleiben,« meinte diese. Dies geschah – und bald erwies sich ein Drittel der Zuschriften als völlig wertlos; doch blieben immer noch genug, um beim nächsten Besuch in der Stadt persönliche Erkundigungen einzuziehen. Herr von Buchwald hatte sich auf einige Tage im Hotel eingemietet, um dies mit Ruhe betreiben zu können; ihm lag das Wohl seines Knaben zu sehr am Herzen, als daß er nur oberflächlich und flüchtig geprüft hätte.

So war er durch viele Straßen gewandert, treppauf treppab gestiegen, doch ohne Erfolg. Er kehrte ermüdet und mißmutig ins Hotel zurück. Bei dem einen war die Wohnung eng und ungesund gelegen, beim andern neben äußerer Eleganz unverkennbare Unordnung und Unsauberkeit im Hause. Hier unchristlicher, oberflächlicher Sinn, der sich beim Gespräch gar bald zeigte, dort wieder zu hohe Forderungen, die ans Unverschämte grenzten und deutlich erkennen ließen, wie alles nur aufs Verdienen abgesehen war. Hier fehlte wieder die männliche Autorität, die den Knaben so durchaus notwendig ist, kurz, Herr von Buchwald hatte sich nicht entschließen können, sein Kind einem der besuchten Häuser anzuvertrauen.

»Beim Rektor des Gymnasiums bist du angemeldet, aber eine Pension finde ich nicht für dich, was nun?« sagte Herr von Buchwald zu seinem Sohn, als er im untern Saal des Hotels mit demselben gespeist hatte. Da hörte er die Stimme eines Herrn: »Nun behüt dich Gott, mein lieber Konrad, bleibe brav und grüße mir deine Pflegeeltern recht schön!«

Herr von Buchwald blickte auf. Es war ein Vater, der von seinem Sohne Abschied nahm. Er schien Eile zu haben, denn er griff schon nach seiner Reisetasche und seinem Hut und war im Begriff, das Zimmer zu verlassen. Herr von Buchwald war schnell aufgestanden und zu ihm getreten. »Um Verzeihung, mein Herr, haben Sie Ihren Sohn hier in Pension?«

Der Angeredete sah Herrn von Buchwald erstaunt an und erwiderte eilig: »Ja, seit einem Jahr!«

»Sind Sie zufrieden?« – »Durchaus!«

»Bitte, geben Sie mir schleunigst die Adresse und verzeihen Sie meine Zudringlichkeit.« Mit diesen Worten zog Herr von Buchwald sein Notizbuch aus der Tasche und schrieb die angegebene Adresse hinein, während der unbekannte Herr sich höflich verneigte und mit seinem Sohn, welcher Schulbücher unter dem Arm hatte, schnell das Zimmer verließ.

»Sollte das ein Wink von Gott sein?« dachte Herr von Buchwald. »Er kann auf mancherlei Art Seine Wege vorzeichnen, und ich habe Ihm die Sache befohlen.« Dann sich zu seinem Sohn wendend, sprach er: »Komm, Kurt, wollen sehen, ob wir dich in der Steinstraße 20 II unterbringen.«

An dem bezeichneten Hause angelangt, stieg Herr von Buchwald langsam die Treppen hinauf, während Kurt ihm vorangeeilt war und schon erwartungsvoll oben stand. Er las an der Vorsaaltür den Namen: »Professor A. Rothe.«

»Vater, hier ist es, soll ich klingeln?« flüsterte er, als Herr von Buchwald herantrat. Dieser nickte. Kurt zog an der Klingel und es erfolgte ein so grelles Läuten, daß die Türe eiligst aufgerissen wurde und ein unmutiges Gesicht sich zeigte. Dies gehörte aber nicht einer groben Köchin oder einer grämlichen Wirtschafterin an, sondern einem reizenden Backfisch von etwa sechzehn Jahren. Der Unwille legte sich sofort, als sie den fremden Herrn erblickte.

»Verzeihen Sie,« stotterte sie errötend, »ich dachte, es wäre einer von unsern Jungen; sie wissen, daß die Eltern um diese Zeit schlafen, vergessen es aber oft – und da wollte ich schelten!«

»Nun, da schelten Sie nur,« sagte Herr von Buchwald lächelnd. »Wir haben's verdient, wenn wir die Eltern gestört haben, und wollen deshalb gleich wieder gehen.«

Das junge Mädchen, welches mit klugen Augen die Sache durchschaut hatte, dachte sich wohl, daß der Knabe zu den Eltern in Pension gebracht werden sollte, und da letztere wünschten, zu drei Pflegesöhnen noch einen vierten bei sich aufzunehmen, sagte sie mit lieblich gewinnender Stimme:

»Nein, fortlassen darf ich Sie nicht, da würde der Papa ungehalten sein. Bitte, wollen Sie eintreten?«

Herr von Buchwald betrat einen geräumigen hellen Vorsaal, der, nach dem Büffet und dem großen Eßtisch zu urteilen, als Speisezimmer diente. Das junge Mädchen hatte augenscheinlich hier gesessen, mit Näharbeit beschäftigt. Dieselbe war noch in ihrer Hand, auch war es Herrn von Buchwalds durchdringenden Augen nicht entgangen, daß es eine geplatzte Weste war, die von der kunstfertigen Hand der kleinen Blondine restauriert wurde. »Ein gutes Zeichen,« dachte er, »hier flicken sie für die Pensionäre.« Was ihn weiter angenehm berührte, war die einfache, aber äußerst sauber gehaltene Wohnung. Das junge Mädchen öffnete die Tür des Besuchszimmers und ließ die Fremden hinein mit der Versicherung, der Papa würde gleich kommen. Während Herr von Buchwald wohlgefällig die schneeweißen Gardinen, die blanken Fenster, die blühenden, wohlgepflegten Blumen betrachtete und von da seine Blicke auf gute Kupferstiche und Photographien schweifen ließ, sagte er sich: »Hier weht gesunde Luft, innerlich und äußerlich, Gott gebe, daß ich mich nicht täusche.«

Die kleine Blondine war unterdes eiligst in die Küche gelaufen mit den Worten: »Emma, Emma, geschwind! Ein neuer Pensionär! – Ein ganz vornehmer Herr mit einem netten, frischen Jungen! O, wenn wir den kriegten!«

Diese Worte wurden an ein kleines, ältliches Mädchen gerichtet, schon den vierziger Jahren angehörig. Dieselbe war im einfachen Hauskleid und hatte eine große Weiße Schürze um; die riesige Schüssel vor ihr, in der sie eifrig den Teig rührte, bewies, daß sie beim wichtigen Geschäft des Kuchenbackens war. Ihr erhitztes Gesicht wandte sich Mariechen zu, als dieselbe ratlos und ängstlich bei ihr stand.

»Mariechen,« sagte sie, »du bist nun bald sechzehn Jahre, du solltest dir doch auch einmal zu helfen wissen. Ich setzte dich in den Vorsaal, um ungestört beim Kuchen bleiben zu können, und nun beunruhigst du mich doch. Komm, rühre mir den Teig immer nach einer Seite, bis ich wiederkomme, ich will es Onkel selbst sagen.« Damit schlüpfte sie geschwind aus der Küche, klinkte die Stubentüre leise auf, weckte Onkel und Tante und meldete den Besuch. Gleichzeitig überreichte sie die ihr von Mariechen eingehändigte Visitenkarte. Eilig kehrte sie dann in die Küche zurück und hieß Mariechen den Herrn unterhalten, bis der Papa bereit sei. Diese, gewohnt, der ältern Cousine zu gehorchen, ging, obwohl sie es höchst ungern tat. Hätte sie gewußt, welchen angenehmen Eindruck ihre liebliche Erscheinung auf Herrn von Buchwald gemacht, sie würde minder zaghaft gewesen sein. Sie stand noch einige Sekunden an der Tür, horchend, ob doch nicht vielleicht der Vater schon eingetreten sei – doch alles war still. Ein Griff nach dem Drücker und entschlossen trat sie ein.

»Es tut uns so leid, daß Sie warten müssen,« begann sie nun frisch und offen; »aber Papa macht es sich zur Mittagsruhe immer bequem und hat jedenfalls noch mit seiner Toilette zu tun.«

Herr von Buchwald lächelte über die naive Rede des jungen Mädchens, doch antwortete er höflich: »Ich habe Zeit, Fräulein Rothe, wir beide, Kurt und ich, haben heute Nachmittag nichts zu versäumen.«

»Aber, bitte, setzen Sie sich,« nahm nun Mariechen das Wort und sich dann an Kurt wendend: »Nimm du auch Platz. Wir nennen unsere Pensionäre alle »du« bis zur Konfirmation.«

Wieder trat ein Lächeln auf Herrn von Buchwalds Gesicht. Mariechen bemerkte es und errötete leicht. Woher wußte sie denn, daß Kurt ihr künftiger Pensionär werden sollte? Es hatte noch niemand davon geredet, sie hatte gewiß etwas recht Dummes gesagt. Sie wollte gern ein anderes Gespräch anknüpfen, konnte sich aber in ihrer Verwirrung auf nichts besinnen.

»Mein Fräulein,« sagte Herr von Buchwald plötzlich, »Sie sind gewiß immer sehr fleißig, haben viel zu tun.« Bei diesen Worten sah er lächelnd auf ihre Tasche, aus der, o Schreck! die zu flickende Weste zur Hälfte hervorguckte. War sie erst errötet, so deckte jetzt eine Purpurglut Gesicht und Nacken.

»Ach,« stotterte sie verlegen, »ich steckte die Weste schnell in die Tasche, als ich den Kuchenteig rühren mußte, und darüber habe ich sie vergessen.« Sie zog sie heraus und enthüllte sie vor den Augen des Herrn von Buchwald. »Sehen Sie nur, von unten bis oben geplatzt – so machen es unsere Jungen, wir haben oft gar viel zu tun!«

»Das würde ich einem Flickschneider übergeben,« meinte Herr von Buchwald. »Sie sind doch nicht verpflichtet, für die fremden Knaben zu flicken.«

»Verpflichtet nicht, aber Mama sagt, was sie für die eigenen Kinder tut, das tue sie auch für die Pflegesöhne gern, und Papa und Mama sind gegen dieselben wie rechte Eltern.«

Eben wollte Herr von Buchwald etwas darauf erwidern, als sich die Tür öffnete und ein älterer Herr mit straffer Haltung und würdigem Aussehen eintrat. Die Hauptzüge seines Gesichtes waren deutsche Biederkeit und Treue; ein großer, grauer Bart, sowie auffallend buschige, dunkle Augenbrauen vermochten wohl dem Gesicht auf den ersten Blick etwas Finsteres zu verleihen, doch sah man in die freundlichen, offenen Augen, so lag darin so viel Herzensgüte und Wohlwollen, daß jeder sich ihm mit Vertrauen nahen mußte.

Die Herren begrüßten sich. »Ich habe die Ehre, mit Herrn von Buchwald-Wiesendorf zu sprechen,« sagte Professor Rothe. »Ihr Name hat einen guten Klang hierzulande, und abgesehen davon, daß ich in Ihnen einen Gesinnungsgenossen begrüße, sind es noch besondere Bande, die mich an Ihre werte Familie fesseln. Der Bruder meiner Frau war lange in Wiesendorf Hauslehrer. Erinnern Sie sich Heinrich Langes?«

»Meines teuren, leider zu früh heimgegangenen Lehrers? Wie könnte ich ihn und alles, was er an mir getan, je vergessen! Er ein Bruder Ihrer Frau Gemahlin! Das ist ja eine köstliche Entdeckung! Herr Professor, Sie waren mir ein Fremder, ich betrat Ihr Haus mit Bangen. Jetzt sind Sie mir ein lieber Bekannter und als solchen lassen Sie mich zu Ihnen reden. Ich bringe Ihnen hier meinen Jungen, wollen Sie ihn mir erziehen? Wollen Sie einen braven, tüchtigen Menschen aus ihm machen?«

»Mit Gottes Hilfe,« sagte der Professor ernst. »Es ist eine schwere, aber beglückende Aufgabe, die wir uns gestellt. Es kommt sehr viel darauf an, unter welchem Einfluß die Knaben stehen. Unser Bemühen ist, alles übel Einwirkende fernzuhalten, dagegen die Kinder bekannt zu machen mit allem, was Herz und Geist ausbildet. Daß sie in frischer, gesunder Atmosphäre leben, dafür sorgt schon meine Frau, unsere Nichte und das Kind da! – Darf ich Ihnen erstere vorstellen? Es liegt Ihnen gewiß daran, die Hausfrau und Pflegemutter kennen zu lernen.«

Herr von Buchwald gab diesen Wunsch zu erkennen und der Professor sandte sein Töchterchen, welches Kurt an einem Nebentisch Bilder gezeigt hatte, die Mutter zu rufen.

»Ein prächtiges Mädchen das,« meinte Herr von Buchwald, als die schlanke, anmutige Gestalt elastischen Schrittes hinausgeeilt war.

»Ja, wir können wohl sagen, sie ist, als Einzige, der Sonnenschein unseres Hauses. Aber sie ist noch ein ganzes Kind, dem man manches nachsehen und verzeihen muß. Meine Frau und ich fürchten oft, daß sie durch ihr unbedachtes Tun und Reden sich das Mißfallen Fremder zuzieht. Aber, Gott weiß, wie es kommt, sie haben sie alle gern, und mit Gottes Hilfe wird sich ja auch das Ungeschickte an ihr immer mehr abschleifen. Der Grund ist gut, das ist die Hauptsache.«

Herr von Buchwald nickte zustimmend, und jetzt betrat eine Dame das Zimmer, anmutig und gewinnend, daß man sofort wußte: »Das ist Mariechens Mutter«. Freilich waren die Haare ergraut, doch die schönen Augen voller Güte und Milde, die freundlichen, regelmäßigen Gesichtszüge, das herzgewinnende Lächeln – kurz, wie jemand einmal über sie geäußert: »Das sonnige Antlitz« erquickte Herz und Gemüt. Sie sah leidend aus und manche Kummerfalte zeigte, daß sie schon viel erlebt hatte. Doch war über ihr, sowie über ihres Gatten Angesicht der Friede Gottes ausgegossen, welcher dem Fremden, der Verständnis dafür hatte, Bürgschaft leistete dafür, daß das Haus dieser prächtigen Leute eine Stätte des Friedens sein müsse.

Nachdem die Dame des Hauses Herrn von Buchwald begrüßt, erfolgte eine lange, lebhafte Unterhaltung, zuerst über den Bruder der Professorin, daran schloß sich ein Gespräch über Erziehung, darauf folgte die notwendige Besprechung der äußeren Angelegenheiten, und schließlich wandte sich die Professorin freundlich an Kurt. »Ich denke, es soll dir bei uns gefallen. Wir wollen uns recht lieb haben, nicht wahr?« Dabei reichte sie ihm die Hand hin und sah ihn so gütig und liebevoll an, daß Kurt vertrauensvoll seine Hand in die ihrige legte und zutraulich fragte: »Wo werde ich denn wohnen?«

»Das sollst du gleich sehen,« sagte die Professorin, öffnete die dem Sofa gegenüberliegende Tür, ging mit ihm durch ihres Mannes Studierzimmer und ließ Kurt in das daranstoßende Gemach sehen, ein großes, helles Arbeitszimmer, das mit seinen Schreibtischen, Bücherregalen und Landkarten ein ganz gelehrtes Aussehen hatte. »Nebenan werdet ihr schlafen,« fügte sie hinzu, wieder eine Tür öffnend, die in ein freundliches, geräumiges Schlafzimmer führte. Die Herren waren gefolgt, da Herr von Buchwald die Räumlichkeiten auch zu sehen wünschte.

»Schon recht, schon recht,« sagte er befriedigt. »So wäre die Hauptsache erledigt und die etwa noch zu erwähnenden Details können ja brieflich abgemacht werden. Oder ich schicke Ihnen meine Frau einmal; die Mamas wollen auch gerne sehen und prüfen,« fügte er lächelnd hinzu.

»Nun freilich,« sagte die Professorin, »ein Mutterauge sieht immer noch mehr!«

»Ich habe heute auch genug gesehen,« erwiderte Herr von Buchwald, schüttelte dann den beiden Professorsleuten kräftig die Hand und verabschiedete sich. –

Der Professor und seine Frau kehrten in die Wohnstube zurück. Er warf sich in seinen Lehnstuhl, sah seine Frau freundlich an und sagte: »Siehst du, Mutter, der liebe Gott verläßt uns nicht, wir sorgten noch gestern, ob wir das teure Logis mit nur drei Pflegesöhnen würden halten können, und nun ist alle Sorge gehoben!« – »Und mit so liebenswürdigen Leuten bekommen wir zu tun; wenn Frau von Buchwald ihrem Manne ähnlich ist, können wir uns Glück wünschen!«

Ein Kopf guckte zur Türe herein. »Darf der Kaffee kommen?«

»Freilich, Emma, es ist großer Durst vorhanden,« rief die Professorin fröhlich. Emma kam schon mit dem Kaffeebrett, setzte es nieder, sah Onkel und Tante bedeutungsvoll an und sagte neugierig: »Nun?«

In dem »Nun?« lag eine solche Berechtigung, alles wissen zu müssen, was im Hause vorging, daß man merken konnte, Emma war ganz Tochter des Hauses. Und wie konnte es anders sein! War sie doch schon seit ihrem sechzehnten Jahre der Verwandten treue Stütze, hatte Freud und Leid mit ihnen geteilt, sie in Krankheiten gepflegt, Umzüge mit durchgemacht und nun, als der Professor, der in einer kleineren Stadt Lehrer am Gymnasium gewesen, sich Kränklichkeit halber pensionieren ließ, hatte sie auch zu dem Entschluß, in die Residenz zu ziehen und Pensionäre zu nehmen, zugeredet. Da sie selbst Brüder hatte, wußte sie gut mit Knaben umzugehen, hatte sich auch bald, als die Pension eingerichtet war, der Pensionäre Vertrauen erworben durch das Interesse, das sie an ihren Arbeiten und Spielen zeigte. Ihr Vater, der Pastor gewesen, war früh gestorben; die Mutter lebte mit ihrer zweiten Tochter Klara in einer größeren Stadt Norddeutschlands. Sie hatte ihre Knaben mit viel Sorge und Mühe groß gezogen, genoß aber nun Freude und Ehre an den zu tüchtigen Männern gebildeten Söhnen. Sie hatte Emma gern den Verwandten abgetreten, da sie, wie gesagt, noch eine Tochter hatte, die für sie sorgte. Doch wurde inniger Verkehr durch wöchentliche Korrespondenz aufrecht erhalten und öftere Reisen in die Heimat leisteten Emma Ersatz für die Trennung von ihren Lieben.

Emma hatte Wilhelm und Marie, die einzigen Kinder ihrer Verwandten, mit erzogen und suchte noch jetzt, besonders auf Mariechen, erziehlich einzuwirken. »Wie kannst du das tun?« oder »Das schickt sich für dich nicht mehr!« tönte es oft verweisend aus ihrem Munde. Mariechen hing aber trotzdem sehr an Emma und wußte, daß die Cousine es gut mit ihr meinte, wenn sie auch mitunter zürnte.

Nachdem nun Onkel und Tante ausführlich über den neuen Pensionär und dessen Eltern berichtet hatten, kam auch Mariechen zum Kaffee und sagte mit lieblich einschmeichelnder Stimme: »Nicht wahr, Mamachen, wenn wir den neuen Pensionär haben, da wirft's wohl auch ein weißes Kleid für mich ab? Ich habe mir schon so lange ein solches gewünscht, und du sagtest, wenn bessere Zeiten kämen –«

»Wollen sehen, Kind,« sagte die Professorin. Emma dagegen warf ein: »Das sehe ich gar nicht ein. Siehst in deinem himmelblauen Kattunkleid reichlich so hübsch aus als in einem weißen. Erst muß die Küche ein neues Aufwaschfaß haben, auch verschiedenes Kochgeschirr ist nötig.«

»Und mir fällt ein,« sagte der Professor, »daß Wilhelm notwendig einen neuen Rock braucht, so wird in diesem Jahr wohl nichts mit dem weißen Kleid werden.«

»Wenn ich alt und grau bin, brauche ich keins mehr,« schmollte Mariechen. »Wilhelm muß ein recht wilder Student sein, weil er so oft neue Sachen braucht.«

»Nicht zu oft. Im Gegenteil, ich freue mich über Wilhelms Sparsamkeit. Doch ich denke, wir lassen dies Kapitell! Da klingelt's! Wer wird's sein?«

»Natürlich Käthchen,« sagte Emma hinauseilend. Es erfolgte eine laute, stürmische Begrüßung, wie es nur unter guten Freundinnen der Fall ist. Nach einigen Minuten betrat eine junge Dame das Zimmer, die, nachdem sie mit Professors kräftig die Hände geschüttelt, ausrief: »Ich kann mir nach dem arbeitsreichen Morgen das Vergnügen nicht versagen, ein Kaffeestündchen mit Ihnen zu verplaudern.«

»Das ist recht, Fräulein Käthchen. Sie wissen, Sie sind uns jederzeit willkommen, kommen Sie nur so oft Sie mögen,« sagte der Professor.

Während nun Käthchen alles vernehmen mußte, was Rothes erlebt, und das neueste Ereignis natürlich gründlich durchgesprochen wurde, war Emma hinausgegangen, um für die Knaben Vesperbrot zu schneiden. Es währte nicht lange, so ließen sie sich auf der Treppe hören. Sie kamen frisch und munter aus der Nachmittagsschule.

»Fräulein Emma,« sagte ein dicker, blonder Junge von etwa dreizehn Jahren, »ich habe heute kolossalen Hunger, haben Sie die Butterbrote recht dick geschnitten?«

»Jawohl, Ludwig, wirst zufrieden sein!«

»Fräulein Emma,« begann nun ein dünner, lang aufgeschossener Junge, »ist heute ein Herr hier gewesen mit einem Knaben von meiner Größe?«

»Ja, wo hast du den gesehen?«

»Ich war mit Papa im Hotel. Dort waren sie auch. Der Herr ließ sich Ihre Adresse geben.«

»So? Kennst du sie?«

»Nein! Kommt der Knabe zu uns?«

»Vielleicht! Doch jetzt kommt, sonst wird der Kaffee kalt. Ist Ernst noch nicht da?«

»Der kommt heute erst um fünf!«

»Gut, dann will ich ihm seinen Kaffee warm setzen.«

»Fräulein Emma,« fing der Dicke wieder an, »wie weit sind Sie mit dem Stück?«

»Es wird bald fertig sein.«

»Na, ich habe noch tüchtig an meinen Kulissen zu arbeiten. Es währt ja auch noch einige Zeit, bevor es aufgeführt wird. Aber nicht wahr, die Hexe machen Sie?«

»Natürlich mache ich die Hexe. Aber versäumt nur eure Schularbeiten nicht darüber, sonst wird Onkel böse!«

Mit diesen Worten verließ sie die wohlversorgten Jungen, besorgte in der Küche verschiedenes, räumte dann die Kaffeetassen und den leergewordenen Butterbrotteller aus dem Schulzimmer und sah, wie Ludwig sich an das Malen seiner Kulissen machte, Konrad dagegen, wie immer in den Freistunden, sich mit seiner Briefmarkensammlung beschäftigte. Emma ging ins Wohnzimmer zurück, wo unterdes die Unterhaltung mit dem redelustigen Käthchen flotten Fortgang genommen hatte.

»Nun, Emma,« sagte Käthchen, »hast du gute Nachrichten von den Deinigen? Was macht dein Bruder, der glückliche Bräutigam?«

»Hermann geht's gut,« sagte Emma mit flüchtigem Erröten, und die gute Tante, welche wußte, daß Emma über diese Sache nicht gern sprach, sagte: »Sind die Jungen alle versorgt?« – »Jawohl, der Kaffee ist schon eingenommen.«

»Was machen sie jetzt?«

»Ludwig liegt auf dem Boden und malt an seinen Kulissen.«

Alles lachte. »Der Ludwig ist ganz erpicht aufs Theaterspielen,« sagte die Professorin. »Denken Sie sich, Fräulein Käthchen, Emma dramatisiert das Märchen »Rolands Knappen«. Wollen Sie nicht auch eine Rolle übernehmen?«

»Ist gar nicht mehr anzukommen,« lachte Emma, »es sei denn, du wolltest meine Rolle spielen. Doch ist sie nicht beneidenswert.«

»Was gibst du, wenn ich fragen darf?«

»Die Hexe!« war Emmas Antwort. – »Und Mariechen?«

»Erst eine Fee, dann die Prinzeß!«

»Ei der Tausend! Kann man denn zusehen?«

»Natürlich bekommst du eine Einladung, doch wird es wahrscheinlich erst zum Herbst in Szene gesetzt.«

»Nun, da ist ja Zeit! Aber ich muß gehen, habe schon zu lange geplaudert,« rief Käthchen, aufspringend. – »Und ich muß meine Jungen an die Arbeit treiben,« meinte der Professor.

»Und ich einen Korb Strümpfe stopfen für meine Pflegesöhne, wobei Mariechen mir recht schön helfen wird,« sagte die Professorin. Mariechen seufzte.

»Willst du lieber,« sagte Käthchen heiter, »meine fünfunddreißig Hefte durchsehen, da bleibe ich hier und helfe stopfen.«

»Es ist wohl eins so schlimm als das andere,« meinte Mariechen. »Ich helfe ja auch gern und will mich geduldig in das Unvermeidliche fügen.«

Einige Stunden später, als Käthe längst fort war, saßen Rothes traulich um den Sofatisch, Mutter und Tochter mit Stopfen beschäftigt, während der Professor mit wohlklingender Stimme »Käthi, die Großmutter« von J. Gotthelf vorlas. Ab und an störten die Kinder, die zu jeder Zeit Zutritt ins Wohnzimmer hatten; Professors waren immer für sie da, jedes Anliegen fand Berücksichtigung. Waren die Schularbeiten gemacht, kamen die Knaben ganz ins Wohnzimmer; es wurde Schach gespielt, Dame oder Mühle gezogen, oder etwas Passendes gelesen. Wer unbemerkt hineingesehen, hätte kaum geglaubt, daß es nicht Professors eigene Kinder waren, die so vertraulich mit ihnen umgingen. Und wer dann abends dabei gewesen, wie sich die ganze Familie um das ehrwürdige Oberhaupt des Hauses scharte zur Abendandacht, wie der Professor mit eindringlicher Stimme einen Abschnitt aus der Bibel vorlas und darauf alle laut das Vaterunser beteten und der Hausherr laut den Segen sprach über alle seine Angehörigen, der hätte gemerkt, daß dies Haus ein gesegnetes war und daß der Friede Gottes ruhte über dieser Stätte.

 

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