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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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2. Unverhofftes Wiedersehen

Als sie am andern Morgen erwachte, schien die Sonne hell und warm ins Zimmer.

»Gewiß ist's schon spät,« dachte Mariechen und sprang schnell auf. Die Uhr zeigte auf acht! Heute ist ja Sonntag, da gibt's noch keinen Unterricht, aber Kirche! Ja, wo war die Kirche? Im Dorf, oder waren sie in einem andern Dorf eingepfarrt? Sie wußte von alledem nichts! Wie still war alles im Hause; man konnte doch nicht mehr schlafen? Sie beeilte sich mit ihrer Toilette, zog dann neugierig das Rouleau auf und war sichtlich überrascht von der hübschen Aussicht aus ihrem Fenster. Sie sah hübsche Rasenflächen vor sich, mit Kies bestreute Wege, stattliche Bäume und Sträucher. Und über den Garten hinweg sah sie Wald, auch einen kleinen See. Die Gegend war zwar flach, aber anmutig und hübsch. Wie machte alles bei Sonnenlicht einen bessern Eindruck als gestern in der grauen Dämmerung. Mariechen war innerlich auch fröhlicher. Sie hatte ausgeschlafen und hatte Mut und Freudigkeit, ihren Beruf mit Gottes Hilfe zu beginnen. Jetzt kam auf dem Kiesweg ein kleines Mädchen gehüpft. Sie machte das Fenster auf und gleichzeitig guckte das kleine, schwarzäugige Gretchen schon unter ihrem Hut hervor zu ihr hinauf.

»Ei, das ist gut, Fräulein Rothe! Darf ich zu Ihnen kommen?« Mariechen nickte freundlich, und im Nu war die Kleine oben.

»Wo sind die Schwestern?«

»Sie sind alle drei mit den Eltern in die Kirche gefahren, sind schon eine halbe Stunde fort!«

»O weh!« sagte Mariechen, »da kann ich nun heute nicht mehr mit! »Die Kirche liegt wohl weit?«

»Man fährt ein halbes Stündchen nach Arnsgrün. Mama sagte, wir sollten Sie schlafen lassen, Sie müßten von der weiten Reise ausruhen. Ich habe nun immer nach dem Fenster gesehen, bis das Rouleau aufgezogen wurde. Ich möchte Ihnen gern den Garten zeigen. Aber erst kommt Minna und bringt den Kaffee!«

Minna, die Jungfer, erschien mit dem Kaffeebrett; auf demselben stand noch ein Topf mit Milch und eine kleine Tasse. »Gretchen wollte gern mit Ihnen trinken,« sagte die Jungfer lächelnd, »sie hat so lange gewartet.«

»Du gutes Kind,« sagte Mariechen, sie freundlich streichelnd. Wie tat ihr die Liebe der kleinen Siebenjährigen so wohl; sie war die erste gewesen, die ihr Freude bereitete, und es schien, als ob zwischen beiden bereits große Sympathie herrschte.

»Ich habe Sie schon sehr lieb,« sagte Gretchen plötzlich und schmiegte sich an Mariechen. »Sie sehen viel freundlicher aus als die andern Gouvernanten. Nicht wahr? Sie werden nie böse?«

»Wenn ihr immer artig und folgsam seid, gewiß nicht. Es macht mich selbst traurig, wenn ich böse sein muß. Aber nun mußt du mir den schönen Garten zeigen, Gretchen!«

Letztere, beglückt, daß sie die erste war, die ihre Schätze präsentieren konnte, führte Mariechen überall zu den Beeten, wo Veilchen, Aurikel, Narzissen und andere Frühlingsblumen blühten. Auch die Lieblingsplätze in der Laube mußte das Fräulein sehen, und so waren beide schon sehr gute Freunde, als der Wagen mit den Herrschaften aus der Kirche kam.

Frau von Ulbersdorff war herzlich und nett, Theodora, die älteste Tochter, nickte gnädig von oben herab und warf dem Diener nachlässig ihren Mantel zu, als sie vom Wagen stieg. Luise und Adele begrüßten Fräulein Rothe mit einem Knix und sagten: »Margarete hat Ihnen wohl schon alles gezeigt?«

»Nein, die Puppen noch gar nicht,« rief Gretchen, »nur den Garten und die Blumen.«

»Fräulein Rothe, Sie machen vielleicht vor Tisch noch einen Spaziergang mit Ihren Schülerinnen, ich liebe die täglichen, regelmäßigen Spaziergänge, aber –«

»Wir nicht!« riefen die Kinder wieder ziemlich naseweis dazwischen, »das alte Spazierengehen! Es ist zu langweilig!«

»Aber denkt nur, ich kenne die Gegend noch gar nicht, bin ganz fremd. Wenn ich euch nun bitte, mich zu führen? Bei uns gibt es hohe Berge und Täler; weite, flache Ebenen sind mir etwas Neues! Kommt nur, ich will euch erzählen, wie es bei uns ist!«

Das lockte. Ohne Widerrede gingen die Mädchen und bald waren sie in so anregender Unterhaltung mit ihrer Gouvernante, daß sie alle einstimmig ausriefen, als Mariechen zur Umkehr mahnte: »O bitte, noch nicht, es ist so nett, mit Ihnen spazieren zu gehen.« Mariechen sagte jedoch freundlich aber bestimmt, daß es Zeit sei, den Rückweg anzutreten, und die Kinder fügten sich willig.

Wie leicht sind Kinderherzen zu lenken, und wie ist gerade eine Liebe, die nicht das Ihre sucht, die größte Macht, auf die Kinder einzuwirken, sie mit Lust zum Gehorchen zu bringen. Wenn alle jungen Lehrerinnen dies bedenken wollten! Erziehen ist noch etwas anderes als lehren. Da gilt es ganz in den anvertrauten Kindern aufgehen, sich in ihre Gedanken und Gefühle hineinleben, um Seelen dem Herrn zuzuführen. Wie der Apostel Paulus sagt: »Ich habe mich selbst jedermann zum Knechte gemacht, auf daß ich ihrer viele gewinne« – so soll auch eine Erzieherin nicht das Ihre suchen, sondern das, was der Kinder ist. Sie wird selbst den reichsten Segen davon spüren; denn Kinder sind gar feinfühlig und zart, sie merken gar bald, wer sie lieb hat und es gut mit ihnen meint. Ihre Gegenliebe wird nicht lange auf sich warten lassen!

Als Mariechen vom Spaziergang zurückkam, gingen Luise und Adele an ihrem Arm, und Gretchen bedauerte, daß nicht noch ein dritter für sie vorhanden war. Die andern hatten aber entschieden erklärt: »Jetzt gehört Fräulein Rothe uns, du hast sie schon den ganzen Morgen gehabt!« Die Eltern standen am Fenster und sahen die vier den Hof herunter kommen.

»Arthur, sieh doch,« sagte Frau von Ulbersdorff; »ich glaube, diesmal haben wir eine gute Wahl getroffen!«

»Sind denn das Luise und Adele, unsere wilden Zigeuner?«

»Ja freilich! Sieh nur, wie gespannt sie auf des Fräuleins Erzählungen lauschen!«

Und wie es die Eltern stets angenehm berührt, wenn sich jemand liebreich mit ihren Kindern beschäftigt, so lag auch in der gnädigen Frau Stimme und Ton schon eine viel größere Herzlichkeit, als sie sagte:

»Nun, mein liebes Fräulein, die Kinder hängen ja schon wie Kletten an Ihnen. Denken Sie aber auch an sich! Wenn Sie sich zurückziehen wollen, können die Kinder im Garten bleiben.«

Mariechen sagte, daß sie zunächst nach Hause schreiben wolle, und nachdem die gnädige Frau noch einige freundliche Worte mit ihr gewechselt, begab sie sich in das ihr schon lieb gewordene Stübchen. Bald flog die Feder über das Papier. Was hatte sie alles an die geliebten Eltern zu berichten, wie voll war ihr Herz von all dem Erlebten! Dann kleidete sie sich an. Heute, zum Sonntag, wurde das schöne neue Staatskleid angelegt, feiner, blauer Kaschmir, der dem blonden Mägdlein trefflich stand. Da noch nicht zu Tisch gerufen worden, setzte sie sich ans Fenster und las eine Predigt, hoffend, den nächsten Sonntag mit in die Kirche fahren zu können und dann nie wieder den Kirchenbesuch zu versäumen.

Nach Tisch wurde sie freundlich zur Familie gezogen, doch als dann ein Wagen mit Besuch kam, zog sie sich bescheiden in ihr Stübchen zurück.

Eine Stunde später kam Luise und sagte: »Mama läßt Sie bitten, herunter zu kommen, Frau von Erler möchte Sie gern kennen lernen.«

»Ist viel Besuch da?«

»Nein, nur Onkel und Tante Erler. Die Erzieherin mit den Kindern ist zu Hause geblieben, da es heute schon spät ist.«

Mariechen ging mit Luise in den Salon. Die Damen waren allein, während die Herren sich in Herrn von Ulbersdorffs Stube zurückgezogen hatten. Frau von Erler war eine freundliche, gesprächige Dame. Interessant war es Mariechen, als Frau von Erler sie fragte, ob sie mit Pastor Rothe in Nienhagen verwandt sei?

»Ja, es ist mein Vetter, gnädige Frau. Kennen Sie ihn oder seine Frau?«

»Ich nicht, aber meine Schwester wohnt in der Nähe. Sie ist ganz eingenommen von der kleinen, liebenswürdigen Pastorin, die, nachdem sie früher Lehrerin gewesen, jetzt eine ausgezeichnete Landwirtin und Hausfrau geworden ist.«

Als nun Mariechen erzählte, wie ihre Kousine Käthe als junges Mädchen viel bei ihnen aus und ein gegangen sei, wie ihr Vetter sie in ihrem Hause kennen gelernt, da hörte die gnädige Frau wieder mit Interesse zu und die Unterhaltung war eine sehr belebte. Theodora äußerte zwar gelangweilt zur Mutter: wenn nur die Herren kämen; sie wünsche sich etwas anregendere Konversation. – Doch vorderhand schienen die Herren lieber allein bleiben zu wollen und eben stürzte Gretchen mit der Nachricht ins Zimmer, der Herr Pastor sei auch noch gekommen und in Papas Zimmer gegangen.

»Sage Friedrich, daß er ein Kuvert mehr auflegt heut abend!« sagte die gnädige Frau.

Mariechen war freudig erregt durch diese Botschaft. Nun sollte sie ihren Geistlichen kennen lernen, eine für sie sehr wichtige Persönlichkeit. Wie hatte sie sich schon im voraus auf ein liebes Pfarrhaus gefreut, wo sie sich wohl und heimisch fühlen könnte! Sie wollte sich recht zu dem Pastor und seiner Frau halten, ersterer sollte ihr, so hoffte sie, Rat und Beistand in vielen Dingen sein!

Während diese Gedanken sie beschäftigten, öffnete sich die Tür und die Herren traten ein. Es folgte allgemeine Begrüßung.

Mariechen hatte sich bescheiden in den Hintergrund gestellt, geduldig die Vorstellung der ihr unbekannten Herren abwartend. Und wie gut, daß sie in der Ecke stand und die andern Herrschaften kein Augenmerk auf sie hatten, denn sie zitterte heftig und wurde so bleich, daß Gretchen ihre Hand faßte und leise fragte: »Fräulein Rothe, sind Sie krank? Sie sehen so blaß aus und Ihre Hände sind so kalt.«

Mariechen ergriff schnell ein Glas Wasser, das in ihrer Nähe stand, trank ein paar Schlucke und flüsterte leise: »Ich bin nur etwas angegriffen, wahrscheinlich noch von der Reise. Gretchen, sei stille!«

Während Mariechen sich noch zu Gretchen niederbeugte, ihren Schrecken und ihre Angst zu verstecken, rief plötzlich Herr von Ulbersdorff: »Herr von Erler, ich vergaß, Ihnen unsere gestern angekommene Gouvernante, Fräulein Rothe, vorzustellen.« Und während Mariechen, alle Kraft zusammennehmend, sich verbeugte, fuhr Herr von Ulbersdorff fort: »Herr Pastor Werner – Fräulein Rothe!«

Bei Nennung des letzten Namens zuckte der Pastor leicht zusammen, er verbeugte sich jedoch steif und förmlich, wie es nur ein Fremder einer Fremden gegenüber tut. Ein scharfer Blick aus seinen klugen, ernsten Augen traf Mariechen, dann wandte er sich schnell und gewandt an Frau von Erler und begann sich angelegentlich mit ihr zu unterhalten. Herr von Erler unterhielt sich lebhaft mit den Damen des Hauses, während Herr von Ulbersdorff mit seinen jüngeren Töchtern schäkerte, auch ab und zu ein Wort mit Mariechen wechselte.

»Fräulein, Sie sahen gestern wohler aus als heute! Ich glaube, die Anstrengung der Reise kommt nach.«

»Ich glaube es auch,« antwortete Mariechen matt. »Hoffentlich ist es morgen besser, daß wir frisch an die Arbeit gehen können.«

Der Diener meldete, daß aufgetragen sei. Herr von Ulbersdorff führte Frau von Erler zu Tisch, Herr von Erler die Dame des Hauses. Pastor Werner reichte Theodora seinen Arm und die Gouvernante machte mit den Kindern den Beschluß. Die Unterhaltung war lebhaft und anregend, Mariechen blieb stille Zuhörerin: es redete sie ja niemand an. Heute war es ihr ganz recht, daß sie unbeachtet blieb, sie hätte am liebsten bis ans Ende der Welt fliehen mögen, und doch mußte sie sich beherrschen, durfte mit keiner Miene verraten, was ihr Herz bedrückte. Dachte sie wohl an jenen Mittag in Wiesendorf, wo das Erscheinen des Kandidaten Werner ihr auch so großen Schrecken bereitete? Und doch, wie anders war es damals als heute! Werner saß ihr schräg gegenüber. Aber kein Blick aus seinen Augen traf sie. Er unterhielt sich sehr eifrig mit Theodora, auch mit der übrigen Gesellschaft; – die Gouvernante war für ihn nicht vorhanden!

Mariechen sah ihn einige Male verstohlen an. Täuschte sie sich auch wirklich nicht? Nein, es konnte keinem Zweifel unterliegen! Pastor Werner war derselbe, der als Kandidat in D. so viel bei ihnen aus und eingegangen. Derselbe, der – sie zum Weibe begehrt – und den sie so übermütig verschmäht! Er war älter geworden, aber das feine, scharf geschnittene Profil, die interessanten Augen, das dunkel gelockte Haar, genial von der Stirn zurückgestrichen, war unverkennbar. Ein tiefer Ernst lagerte auf dem Gesicht. Wenn er schwieg, zog sich die Stirn in düstere Falten, wie es Mariechen früher nicht an ihm gesehen. Was mochte er alles durchgemacht haben, innerlich und äußerlich?

Das Abendessen wurde aufgehoben; man kehrte in den Salon zurück. Heute durfte Mariechen sich nicht der Gesellschaft entziehen, ohne aufzufallen. Sie zog sich mit den Kindern bis in die äußerste Ecke zurück, möglichst weit von Werner, und begann eifrig an einer Stickerei zu arbeiten. Im Laufe des Abends wurde Werner zum Musizieren aufgefordert. Er setzte sich ans Klavier und spielte wundervoll. Es waren die altbekannten Lieder und Sonaten, die Werner oft bei Rothes vorgetragen. Und als er dann mit Theodora etwas Vierhändiges spielte, die bekannte Symphonie, die er oft mit Mariechen gespielt, da glaubte sie sich einen Augenblick in ihr teures, elterliches Haus versetzt, an einen jener Sonntagabende, wo sie ein glückliches, harmloses Kind war!

Als Werners Spiel beendet, bat Frau von Erler Mariechen, sich auch hören zu lassen.

Diese errötete tief und meinte, nach einem so meisterhaften Spiel dürfe sie nicht mit ihren schwachen Leistungen hintendrein kommen.

»O, eine geprüfte Gouvernante! Das sind Ausflüchte!« rief Frau von Erler.

Werner hatte Mariechen scharf angesehen. »Wenn sich das Fräulein vor mir fürchtet,« sagte er aufstehend und nach der Uhr sehend, »so ist es unnötig. Meine Zeit ist abgelaufen.«

»Auch ich habe das Anspannen bestellt und eben meldet der Diener, daß vorgefahren sei,« sagte Herr von Erler. »Wir müssen uns den Genuß, Fräulein Rothe zu hören, auf ein andermal versparen.«

Die Herrschaften hatten sich verabschiedet. Ulbersdorffs saßen noch zusammen.

»Heute war der Pastor merkwürdig gesprächig, fast liebenswürdig,« sagte Theodora.

»Sie müssen nämlich wissen, liebes Fräulein,« sagte Frau von Ulbersdorff, »daß Pastor Werner ein sehr ernster, fast schroffer Mann ist, besonders gegen das weibliche Geschlecht abstoßend und unliebenswürdig. Aber das ist auch die einzige tadelnswerte Seite. Sonst ist er ein ausgezeichneter Kanzelredner, ein treuer, unermüdlicher Seelsorger seiner Gemeinde, überhaupt ein vortrefflicher, bedeutender Mann, der von allen, die ihn kennen, hochgeschätzt wird. Ihm steht jedenfalls noch eine Zukunft bevor.«

»Ist er verheiratet?« hatte Mariechen immer auf der Zunge zu fragen, doch sie brachte es nicht über ihre Lippen. Die Frage war auch nicht nötig, denn Frau von Ulbersdorff fuhr fort:

»Es ist schade, daß der Mann nicht heiratet; wenn er eine Frau hätte, die seiner würdig wäre, so müßte das Pfarrhaus ein Ideal sein!«

»Nun,« setzte Theodora hinzu, »er hat jedenfalls einmal eine unglückliche Liebe gehabt, oder einen Korb bekommen –«

Mariechens Knäuel fiel hinunter. Sie verweilte beim Suchen etwas länger, als wohl nötig war, denn Frau von Ulbersdorff sagte: »Theodora, leuchte doch dem Fräulein!«

»Danke, ich habe den Knäuel,« sagte Mariechen leise. Die dunkle Röte, die Gesicht und Hals übergossen, mochte durch das Bücken gekommen sein, es fiel wenigstens niemand auf und zu Mariechens Erleichterung wurde aufgebrochen.

Endlich war sie allein in ihrem Stübchen und konnte ihrem bedrängtem Herzen Lust machen. Sie ging einige Male im Zimmer auf und ab und die Hände fest ineinander gepreßt, stöhnte sie leise: »O mein Gott, mußte es so kommen? Hierbleiben kann ich nicht, ich muß fort! Was werden die Eltern sagen!« Sie brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus.

»Wie verhalte ich mich Ulbersdorffs gegenüber? Soll ich der gnädigen Frau alles sagen?« Nein, davor schreckte sie zurück. Sie stand ihr doch so fremd und kalt gegenüber. »Das beste ist, ich schreibe an die Eltern, sie mögen entscheiden!« Aber auch das verwarf sie nach längerem Nachdenken. »Soll ich meinen lieben Eltern wieder Kummer und Sorgen machen? O mein Gott, rate du mir, was soll ich tun, hilf mir aus meiner Not, laß mir dein Angesicht leuchten und führe mich die Wege, die ich gehen soll.«

Sie nahm die Bibel zur Hand und aus den Psalmen tönten ihr die Worte entgegen:

»Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?«

Auf einmal überkam sie eine wunderbare Ruhe. Sie fühlte sich stark in dem Herrn und in der Macht Seiner Stärke. Sollte sie sein Werk lässig treiben? Hatte sie ihren Beruf nicht als aus Seiner Hand übernommen? Hatte sie nicht gelobt, treu und gewissenhast ihre gegen die Kinder übernommenen Pflichten zu erfüllen? Und nun wollte sie, ehe sie begonnen, davonlaufen? Wie töricht erschienen ihr, im Lichte des Wortes Gottes betrachtet, ihre Gedanken von vorhin. Nein, sie wollte bleiben und geduldig der Hilfe des Herrn warten. Sie wollte still und demütig ihren Weg gehen, nur das Wohl der ihr anvertrauten Kinder im Auge habend. Traf sie mit Pastor Werner zusammen, so würde ja Gott ihr helfen, ihm gegenüber den rechten Ton zu treffen. Ignorierte er sie, wie heute abend, fuhr er fort, ihre frühere Bekanntschaft als nicht vorhanden anzusehen – nun, so war es ja für sie so am leichtesten. Und wie oft würde er denn auch hierher zum Besuch kommen, das Dorf lag ziemlich entfernt vom Kirchdorf, – er war unverheiratet, also verstand es sich von selbst, daß sie das Pfarrhaus nie betreten werde – so tröstete sich Mariechen. Und doch überkam sie ein schmerzliches Gefühl, wenn sie dachte, daß er ihretwegen nicht geheiratet, daß sie schuld sei, daß er schroff und unzugänglich geworden. Denn diese Eigenschaften besaß er sonst nicht, im Gegenteil, er war fröhlich und harmlos, liebenswürdig und freundlich im Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht gewesen.

»Ich habe mich an ihm schwer vergangen, darum muß ich nun still die Strafe auf mich nehmen, mit willigem Herzen die mir bevorstehenden Demütigungen tragen.«

So gingen Mariechen die Gedanken und Schlüsse im Kopf herum. Einmal war sie getrost und still und dann wieder ergriff sie eine Zaghaftigkeit und Traurigkeit, daß sie ausrief: »So allein und verlassen in fremdem Lande und dabei so unglücklich.« Käthe und Hermann wohnten ja freilich auch im Lande, aber doch ziemlich weit entfernt, sie mußte sich längere Zeit gedulden, ehe sie dorthin reisen konnte. Einstweilen hatte sie niemand, der das Schwere mit ihr trug. Den Pastor, der ihr Rat und Stütze sein sollte in allem, den mußte sie nun meiden, mußte wünschen, gar nicht oder doch nur möglichst wenig mit ihm zusammenzutreffen.

»Der Herr will, daß ich Ihn für meine Stärke und Zuversicht halte,« sagte Mariechen leise, die Hände faltend.

*

Ein Klang aus Nachtwächters Horn ließ Mariechen aufschrecken. Schon einige Male war dasselbe ertönt, ohne daß sie darauf geachtet, nun aber sagte ihr ein Blick auf die Uhr, daß die halbe Nacht schon vergangen und es höchste Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben. Lange lag sie noch wach auf ihrem Lager, und erst, als der neu hereinbrechende Tag dämmerte, sank sie, von Müdigkeit überwältigt, in einen tiefen Schlaf.

 

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