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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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Zweiter Teil.

1. Mariechens Reise in die weite Welt

Schnell braust der Zug dahin auf der Strecke Dresden – Berlin. In einem Coupé zweiter Klasse sitzt ein Mädchen, das tief in die Ecke gedrückt, in ernste Betrachtungen versunken zu sein scheint. Sie ist fein aber einfach gekleidet, ihr ganzes Wesen und Benehmen zeugt von guter Bildung.

»Nun, Fräulein, sind wir gleich in Berlin,« sagte eine ältere, ihr gegenübersitzende Dame. »Werden Sie erwartet?«

»Nein,« erwiderte die junge Dame, »ich reise weiter und muß sehen, wie ich in Berlin allein durchkomme!«

»Nun, Kind, da passen Sie nur auf, daß Ihnen die Taschendiebe nichts anhaben.« Die junge Dame lächelte und meinte, sie werde sich schon in acht nehmen.

»Ist denn das Gut, wohin Sie als Gouvernante gehen, noch weit von Berlins«

»Ja noch sehr weit. Es liegt gar nicht in Preußen!«

»Ach du meine Zeit!« sagte die alte Dame wieder. »Nun, ich begreife nicht, wie in der jetzigen Zeit die jungen Mädchen so allein in die weite Welt gehen, das war in meiner Jugend nicht Mode!« – »Weil es noch keine Eisenbahnen gab,« warf das Mädchen lächelnd ein.

»Ja, die Eisenbahnen,« sagte die Alte ganz erregt, »die bringen die ganze Welt in Aufruhr. Kein Mensch bleibt jetzt zu Hause, sogar ich alte Frau habe mich noch aufgemacht, meine Kinder und Enkel zu besuchen – aber eine Strapaze ist es, den ganzen Tag zu fahren, es macht so müde, ach so müde!« Mit diesen Worten folgte sie dem Beispiel ihrer Nachbarin, die bereits neben ihr schnarchte; und ihr vis-à-vis sah zum Fenster hinaus, denkend und träumend. Die blauen Augen füllten sich, ohne daß sie es wollte, mit Tränen, aber es schadete ja auch nichts, die beiden Damen schliefen, so sah es niemand. Und ihr war das Herz so bang und schwer! Erkennen wir das feine Gesicht mit den blauen Kinderaugen wohl wieder? Sechs Jahre sind vergangen, seit wir es zuletzt gesehen. Damals war das Mägdlein siebzehn Jahre und jetzt ist das dreiundzwanzigste nahezu vollendet. Die Züge sind älter und gereifter geworden, der Ausdruck ernster, aber sonst macht die ganze Erscheinung noch einen sehr jugendlichen Eindruck, man ist leicht geneigt, Marie Rothe noch für jünger zu halten, als sie wirklich ist. Und doch kommt es ihr selbst vor, als sei sie schon sehr alt! Was hat sie in den sechs Jahren alles erlebt, äußerlich und innerlich. Sie fühlt es wohl, sie ist eine andere geworden. Die kindliche Harmlosigkeit, das übermütige Wesen ist dahin, und wenn sie uns auch in ihrem fröhlichen Übermut gefallen hat, sie wird uns jetzt, bei näherer Bekanntschaft, noch mehr anziehen. Hat sie auch im ganzen ein ernstes, gehaltenes Wesen angenommen, so leuchtet doch aus den schönen blauen Augen eine angeborene Fröhlichkeit, und dabei eine solche Unschuld und Reinheit des Herzens, daß man allen Eltern Glück wünschen kann, die ihre Kinder einem solchen Mädchen anvertrauen dürfen.

Solange die Eltern die Pension in der Stadt hatten, war Mariechen ihrer Mutter und Emma je mehr und mehr eine treue Stütze geworden. Sie unterzog sich willig jeder Arbeit und legte ihr Ungestüm sowie ihre Fahrlässigkeit ab. Dabei bildete sie sich im stillen immer fort, einen Plan und Gedanken, von dem sie noch niemand gesagt, konsequent verfolgend. Als die Eltern nun vor etwa drei Jahren das Bedürfnis nach Ruhe fühlten und die Pension aufzugeben beschlossen, hatte sie den Vater gebeten, sie Lehrerin werden zu lassen.

Die Eltern hatten nichts dagegen. »Laß sie, Mutter,« hatte der Professor gesagt, »es ist ihr gut, wenn sie sich eine Weile in der Welt unter fremden Leuten bewegt, was soll das junge Mädchen mit uns in das stille Dorf ziehen!«

So wurde sie im Seminar angemeldet, geprüft und unter die Zahl der Schülerinnen aufgenommen. Es waren keine leichten Jahre, diese Jahre der Zucht, des Lernens und Übens, aber Mariechen löste ihre Aufgabe. Am Ende des dreijährigen Kursus bestand sie die Prüfung »sehr gut« und war nun stolz darauf, »geprüfte Lehrerin« zu heißen. Der Direktor ließ sie noch auf sein Zimmer kommen.

»Marie Rothe,« sagte er, »Sie wollen zu Ostern eine Stelle annehmen?« – »Ja, Herr Direktor. Sie wollten so gütig sein, mir eine solche zuzuweisen!«

»Eine adelige Familie in Norddeutschland sucht eine Gouvernante für drei Mädchen von sieben, zehn und elf Jahren. Sie wünscht ein junges Mädchen, an der die Kinder außer den Lehrstunden freundlichen Anschluß finden, die auf die Interessen derselben eingeht, aber auch zugleich Ernst und Tüchtigkeit besitzt, die oft etwas unlenksamen, zügellosen Kleinen in Zucht zu halten. Trauen Sie es sich zu?«

»Ich weiß nicht, ob Sie es mir zutrauen, Herr Direktor!«

»Ist Ihnen M. nicht zu weit?« fragte der Direktor lächelnd, Mariechens Frage übergehend.

»Etwas weit ist es freilich,« hatte Mariechen seufzend geantwortet, »doch die Eisenbahn macht ja alles nahe. Zudem habe ich auch Verwandte dort, so daß ich nicht ganz vereinsamt wäre!«

»Nun, überlegen Sie die Sache mit Ihren Eltern und geben Sie mir baldmöglichst Bescheid. Ich werde Sie empfehlen!«

Ihre Eltern hatten nichts dagegen. »Wer A sagt, muß auch B sagen,« meinte der Professor. »Der Direktor wird ja am besten wissen, für welche Stelle du geeignet bist.«

So ward die Sache abgemacht. Und als der Tag der Abreise kam, da las der würdige Professor den 121. Psalm, der mit den Worten beginnt: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.« Dann befahl er sein Töchterlein in brünstigem Gebet dem Schutze des allmächtigen Gottes, und so begleitet von den Segenswünschen frommer Eltern war Mariechen in die weite Welt gegangen, festiglich der Hilfe ihres Gottes vertrauend.

» Berlin!« ertönte des Schaffners laute Stimme. Mariechen, die Reisetasche, Schirm, Regenmantel, alles zur Hand nehmend, stieg eilend aus, und bald befand sie sich in solchem Gewühl, daß sie ängstlich die Tasche an sich preßte, damit sie ja nicht Taschendieben in die Hände falle. Plötzlich hörte sie etwas klirren. Als sie niedersah, lag eine kleine, zierliche Ledertasche, an der der Stahlbügel gerissen war, zu ihren Füßen. Sie hob sie schnell auf, zum größten Verdruß eines schlecht gekleideten Individuums, das rasch herbeigesprungen war, um sich gleichfalls danach zu bücken. Die Tasche gehörte gewiß jener vornehm gekleideten alten Dame, die von einem aristokratisch aussehenden alten Herrn sorgsam durch das Gedränge geführt wurde; sie gingen immer dicht vor Mariechen her. Es war unmöglich in dem jetzigen Gedränge an die Dame heranzukommen, doch gleichzeitig auch schwierig im Besitz der Tasche zu bleiben, denn besagtes Individuum hatte seine lauernden Blicke auf dieselbe gerichtet, nur einen günstigen Moment abwartend, sie sich zuzueignen. Mariechens Scharfblick entging das nicht. Sie hütete das fremde Gut wie die eigene Tasche, bis endlich die Menschen durch die geöffneten Glastüren in die Vorhallen des Bahnhofs eintraten und sich mehr verteilten.

»Haben Sie vielleicht diese Tasche verloren?« sagte Mariechen, sich bescheiden der alten Dame nähernd.

Ganz erstaunt schaute die Dame auf. Dann an ihren Arm greifend, rief sie erschrocken aus: »Allerdings, meine Tasche ist fort und ich habe es bis jetzt nicht bemerkt. Danke tausendmal, mein liebes Kind. Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen, die Tasche enthält für mich sehr wertvolle Dinge.« – Sie nickte ihr freundlich zu und ging weiter. Mariechen, durch diese Begebenheit aufgehalten, beeilte sich nun, ihr Gepäck zu suchen, doch sie war ja so fremd und unbekannt, da beschlich sie ein trauriges, heimatloses Gefühl. Als sie still stand, nach dem Gepäckschalter suchend, gesellte sich das vorhin erwähnte unangenehme Individuum wieder zu ihr. »Nun, schönes Fräulein! Sind wohl fremd in Berlin? Kann ich mit etwas behilflich sein, etwa das Gepäck besorgen?« redete er sie an.

Sie war sehr erschrocken und ängstlich, glaubte sich schon ganz in den Händen eines Betrügers, als plötzlich eine Stimme gebietend sagte: »Sie haben mit dem Fräulein nichts zu tun, ihre Sachen besorge ich.« – Derselbe alte Herr, der die Dame geführt, stand hinter ihr, winkte einem Diener und befahl ihm, nachdem er gehört, daß Mariechen gleich wie sie nach dem Hamburger Bahnhof wollte, ihr Gepäck mit dem seinigen zusammen in eine Droschke zu besorgen, und forderte dann Mariechen auf, sich ihnen anzuschließen.

»Verzeihen Sie, liebes Fräulein, daß wir Sie so kurz abfertigten, wir wußten im ersten Augenblick nicht, daß Sie allein seien. Als wir uns noch einmal nach Ihnen umsahen, bemerkten wir, wie dieser mißtrauenerweckende Mensch sich an Sie heranmachte. Meine Frau ist im Wartesaal, folgen Sie mir, wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet.«

Die Dame saß im Wartesaal erster Klasse, und als sie Mariechen erblickte, reichte sie ihr freundlich die Hand und sagte: »Eine Liebe ist der andern wert. Sie haben sich meiner Tasche angenommen, nun müssen Sie uns erlauben, Ihre Beschützer zu sein.«

Die freundliche Art und Weise der Dame machte Mariechen bald ganz vertraut mit derselben, doch war die Zeit zu kurz, um eingehender sprechen zu können. Der Diener meldete, daß alles bereit sei, und Mariechen mußte mit den Herrschaften fahren bis zum Hamburger Bahnhof.

»O, wenn es meine Eltern wüßten,« rief sie erfreut aus. »Sie haben so gesorgt, wie ich mich in Berlin zurechtfinden würde, und nun geht es mir so über alle Maßen gut.« Dabei leuchteten die schönen, blauen Augen in kindlicher Fröhlichkeit, so daß das alte Ehepaar sein großes Wohlgefallen an ihr hatte. Als sie erfuhren, daß Mariechen auch nach M. wolle und zwar bis zur Station G., rief die alte Dame aus: »Gerade dort erwartet uns unser Wagen, so können wir zusammenfahren.«

Nachdem sie eine Erquickung eingenommen hatten, ging es weiter. Es war Mariechen ganz eigen, als der Diener sich auch ihres Regenmantels und ihrer Tasche bemächtigte und den Herrschaften alles ins Coupé brachte. Dachte sie an längst vergangene Zeiten, an ihre erste Reise nach Wiesendorf? Vielleicht, denn sie errötete flüchtig und sah nachdenklich und ernst aus.

»So, nun sind wir endlich in Ruhe,« sagte die alte Dame, nachdem der Schaffner das Coupé geschlossen hatte und Mariechen sich dem Ehepaar allein gegenüber sah. »Nun müssen Sie uns erzählen, woher Sie sind und wohin Sie wollen usw. Es ist nicht Neugierde, nur herzliches Interesse.«

»Ich weiß es, Frau Gräfin,« sagte Mariechen, die eben gehört, wie der Diener ehrfurchtsvoll: »zu Befehl, gnädige Gräfin« gesagt. Sie erzählte nun in der ihr eigenen, kindlichen Weise ihre ganzen Verhältnisse. Die Gräfin hörte mit warmer Teilnahme zu und fragte darauf, an welchen Ort sie als Gouvernante zu gehen beabsichtige.

»Nach Birkenfelde, zur Familie von Ulbersdorff,« antwortete Mariechen.

»So, so,« sagte die alte Gräfin. »Ich kenne die Familie, wir kommen mitunter zusammen. Nun, ich glaube, ganz leicht werden Sie es nicht haben. Ihre kleinen zukünftigen Schülerinnen sollen den Gouvernanten den Kopf recht warm machen, man hört von häufigem Wechsel. Sie sind noch sehr jung, stellen Sie sich nur gleich fest.«

»Ich will die Kinder recht von Herzen lieb haben und Gott wird mir ja helfen, daß ich sie richtig leite.«

Diese Antwort gefiel der Gräfin, auch der alte Graf lächelte befriedigt und sagte zu seiner Gemahlin: »Mamachen, es ist schade, daß wir keine Gouvernante mehr brauchen, so eine, wie Fräulein Rothe, möchte ich gleich engagieren.«

Mariechen errötete ob des gespendeten Lobes, die Gräfin aber seufzte und ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck so tiefen Schmerzes, daß Mariechen, dies wahrnehmend, daraus schloß, daß die Herrschaften gewiß den Verlust geliebter Kinder zu beklagen gehabt.

Die Gräfin schwieg lange Zeit; ernste Gedanken schienen sie zu bewegen. Endlich ergriff sie wieder das Wort und sagte: »Mein liebes Kind, verzeihen Sie, daß ich Sie so nenne, aber von mir alten Frau können Sie es sich schon gefallen lassen; warum sind Sie so, daß man nicht ›Fräulein‹ sagen mag? mein liebes Kind, wissen Sie wohl in Ihrem Bekanntenkreis ein junges, gebildetes Mädchen, die Lust hätte, als Gesellschafterin zu alten Leuten, wie wir es sind, zu gehen? Musikalisch müßte sie sein und ein angenehmes Organ zum Vorlesen haben.«

»Sie müßte gerade so wie Sie sein,« fiel der alte Graf ein.

Mariechen errötete wieder und sah nachdenklich vor sich hin. Auf einmal leuchtete aus ihren Augen eine helle Freude und sie sagte schnell: »Ich wüßte ein junges Mädchen, die sehr gut passen würde, die viel, viel liebenswürdiger und besser ist als ich. O, Frau Gräfin, die müssen Sie nehmen!«

Die Gräfin lächelte über Mariechens Eifer, erkundigte sich näher nach dem Mädchen und erfuhr, daß ihr Name Hildegard Schmidt sei, ihr Wohnort D. »Sie ist zwar nicht aus fein gebildeter Familie, aber die Eltern sind rechtschaffene Leute und Hildegard selbst hat ein so feines Benehmen, daß sie sich in der vornehmsten Familie sehen lassen kann. Auch hat sie eine tüchtige Ausbildung genossen, singt wunderschön und ist sehr hübsch. Sie wird Ihnen außerordentlich gefallen, Frau Gräfin!«

»Sie hat wenigstens eine gute Fürsprecherin,« sagte die alte Dame lächelnd. – »Nun, ich will mir die Sache überlegen. Wir werden, wenn wir entschlossen sind, selbst an die junge Dame schreiben.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Mariechen erfreut, hoffend, ihrer Freundin Hildegard einen Dienst erwiesen zu haben.

Sie hatte dieselbe zufällig bei ihrem letzten Besuch in D. getroffen, von ihr gehört, daß Minchen im Begriff stehe zu heiraten und willens sei, die Mutter zu sich nehmen.

»Minchen ist ja herzensgut,« hatte Hildegard gesagt, »aber wir stimmen so wenig zusammen im innersten Grund des Herzens. Ich sehe, daß die Mutter bei ihr wohl versorgt sein wird, – aber ich bin überflüssig. Mariechen, wenn du von einer Stelle hörst, – es sei, wo es wolle – schreibe es mir, ich nehme sie mit Freuden an.«

Aus diesem Grunde war Mariechen so glücklich, daß sie für Hildegard ein gutes Wort hatte einlegen können.

Die Reise ging in so angenehmer Begleitung schneller von statten, als Mariechen erst gedacht. Bald war die Grenze überschritten und nun währte es gar nicht lange, so waren sie in Station G. Die Herrschaften verabschiedeten sich sehr freundlich von Mariechen und bestiegen die bereit stehende Equipage. Die kleine Gouvernante fand einen offenen Wagen zu ihrer Abholung bereit. Bei dem rauhen Wetter und bei einbrechender Dunkelheit auf offenem Gefährt! Sie hüllte sich fest in ihr Plaid und bestieg den Wagen.

Nachdem der Kutscher mit gehöriger Langsamkeit das Gepäck herbeigeschafft und umständlich befestigt hatte, geruhte er endlich, die Zügel zu ergreifen und den Wagen in Bewegung zu setzen. –

Jetzt rollte er auf der Chaussee dahin. Links und rechts weite große Felder von so bedeutendem Flächeninhalt, wie Mariechen noch nicht gesehen. »Alles flache, ebene Gegend, höchst einförmig und langweilig,« dachte sie. »Da war's in der lieben Heimat auf den Bergen und in den Tälern schöner! Doch vielleicht,« tröstete sie sich, »macht sich's bei Sonnenschein angenehmer, jetzt hüllt die Dämmerung alles in ein nebelhaftes Grau! Alles sieht mich so traurig und melancholisch an!« Dabei fröstelte sie und fühlte sich einsam und verlassen im Herzen. »Wäre ich jetzt der Peter in der Fremde, ich glaube, ich kehrte wieder um!«

Doch daran war nicht zu denken. Der Kutscher trieb die Pferde bei einbrechender Dunkelheit etwas an, drehte sich um und sagte, mit dem Peitschenstiel auf ein entfernt liegendes Dorf zeigend, wo Lichter sichtbar wurden: »Das ist Birkenfelde.«

Mariechen richtete sich schnell auf. Mit dem Heimweh war's vorbei. Das Herz klopfte ihr hörbar, und kerzengerade blieb sie sitzen, bis der Wagen von der Chaussee abbiegend, auf dem Steinpflaster des Dorfes dahinrollte.

»So nimm denn meine Hände, und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich;« – tönte es leise von Mariechens Lippen. Und weiter: »Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt, wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es immer stille in Freud und Schmerz.« –

Jetzt fuhren sie durch ein großes, weites Hoftor. Ein herrschaftliches Haus wurde sichtbar und nun hielt der Wagen. Die Haustür wurde aufgerissen, ein Diener öffnete den Kutschenschlag. Mariechen stieg aus, trat auf den Hausflur und verneigte sich anmutig vor einer Dame, die ihr mit etwas stolzer Haltung entgegentrat.

»Seien Sie uns willkommen, liebes Fräulein! – Kinder, eure neue Gouvernante! – Friedrich, besorge das Gepäck in Fräuleins Zimmer!«

Drei kleine, schwarzäugige Mägdlein stürzten aus dem Wohnzimmer herbei und stellten sich alle drei vor Mariechen hin, sie mit neugierigen Blicken musternd. Endlich sagte die mittlere, nachdem Mariechen ihnen freundlich die Hand hingestreckt: »Sie scheinen netter zu sein, als die vorige Gouvernante. Sie sehen auch hübscher aus, die vorige war grundhäßlich.«

»Adele!« sagte die Mutter in verweisendem Ton.

»Du hast ja selbst gesagt, Mama, sie sähe aus wie eine alte Nachteule.«

»Adele, ich werde dich für dein naseweises Wesen strafen! Luise und Margarete, führt Fräulein Rothe auf ihr Zimmer, sie will gewiß Toilette machen!« Margarete, die jüngste, faßte Mariechen freundlich bei der Hand und sagte: »Kommen Sie, Fräulein, ich will Ihnen unser Zimmer zeigen.«

Sie gingen miteinander die Treppen hinauf. Im zweiten Stock, im Giebel, lag das sehr gemütliche Wohn- und Schlafzimmer der Gouvernante. Die Lampe brannte auf dem Sofatisch, am Fenster war ein Lehnstuhl mit einem Nähtisch, in der Mitte des Zimmers der große Schultisch: an den Wänden hingen Wandkarten, auch einige hübsche Bilder. Dem Sofa gegenüber befand sich ein altmodischer Sekretär, auf dem zwei Vasen mit Frühlingsblumen standen. Als Mariechen das Zimmer betrat, fiel ihr Blick gleich auf dieselben.

»Wer hat die schönen Himmelschlüssel und Veilchen hierhergesetzt?« rief sie fröhlich aus. Margarete lächelte errötend und sagte: »Ich habe sie heute früh auf der Wiese für Sie gepflückt.«

»Du liebes Gretchen,« rief Mariechen, die Kleine umschlingend und ihr einen herzlichen Kuß gebend. »Habe tausend Dank, du hast mir eine große Freude gemacht, ich habe die Blumen so gern!«

»O, dann müssen Sie auch ein Beet bekommen in unserm Kindergarten, oder ich teile das meinige mit Ihnen –«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Kleine. Eine schlanke, junge Dame, mit vornehmer Haltung und stolzem Ausdruck, trat ein. Sie sagte mit freundlicher Herablassung: »Guten Tag, Fräulein Rothe. Sie sind die neue Gouvernante meiner Schwestern. Nun, ich wünsche Ihnen Glück zu der Erziehung der jungen Mädchen. – Komm, Gretchen, laß das Fräulein jetzt allein, Sie folgen uns wohl, sobald Sie mit Ihrer Toilette fertig sind? Es soll gleich soupiert werden!«

Mariechen stand allein in ihrem Stübchen. Sie faltete die Hände und sagte leise: »Herr, hilf du mir und laß alles wohlgelingen!«

Sie fühlte sich durch den Empfang nicht eben angenehm berührt. Die Herrschaften waren ja gewissermaßen freundlich gewesen, aber doch fühlte sie an dem ganzen Ton die Herablassung vornehmer Leute zur Gouvernante ihrer Kinder! Da war's freilich in Wiesendorf anders gewesen. Doch das waren längst vergangene Zeiten. Sie waren, seit Kurt von Buchwald die Pension verlassen, immer seltener zusammengekommen, in den letzten Jahren, seit die Eltern auf dem Lande lebten, gar nicht. Röschen war in die große Welt eingeführt, und vielleicht würde sie nun gegen die kleine Gouvernante ebenso vornehm und herablassend sein!

Doch Mariechen riß sich aus ihren Träumereien. Sie wusch sich Gesicht und Hände, und wie erquicklich war das nach der langen Reise. Dann glättete sie das Haar, legte reinen Kragen und Manschetten an, und als sie eben im Begriff stand, hinunter zu gehen, meldete der Diener, daß aufgetragen sei.

Sie ging ihm nach ins Speisezimmer, wo außer den schon erwähnten Damen und Kindern zwei Herren eben eintraten.

Der eine, noch in mittleren Jahren stehend, sagte auf Mariechen zukommend und ihr die Hand reichend: »Das ist wohl Fräulein Rothe? Herzlich willkommen!« Sich dann an die Kinder wendend: »Nun, ihr Mädchen, folgt gut, damit Papa keine Klagen über euch vernimmt! Herr von Neiding, ich erlaube mir, Ihnen Fräulein Rothe, die Gouvernante meiner Töchter, vorzustellen!« Ein junger Herr mit spitzem Schnurrbart verbeugte sich leicht mit den Worten:

»Schon lange in dieser Gegend, mein Fräulein?«

»Nein, eben erst angekommen,« versetzte Mariechen schüchtern.

Man setzte sich zu Tische, man aß, man lachte und plauderte. Mariechen saß ziemlich abgespannt dabei. Sie hörte noch immer das Rollen des Zuges; die Reise, der Abschied von der Heimat, die vielen neuen, fremdartigen Eindrücke, alles stürmte auf sie ein. Wie froh und dankbar war sie also, als Frau von Ulbersdorff nach Tisch zu ihr sagte: »Fräulein Rothe, wir sehen es gern, wenn Sie uns den Abend schenken. Aber heute dispensiere ich Sie. Sie sehen müde und angegriffen aus. Gehen Sie zu Bett und schlafen Sie tüchtig aus.«

Mariechen ging erst ans Auspacken ihrer Sachen. Kaum hatte sie begonnen, so hörte sie auf der Treppe poltern. Ihre Tür wurde aufgerissen und die drei Mädchen mit den schwarzen Augen und den dicken, schwarzen Zöpfen stürmten herein. »Mama hat uns erlaubt, noch einmal zu Ihnen gehen zu dürfen. Aber lange sollen wir nicht bleiben, da Sie zu Bett gehen wollen.«

»Ihr könnt mir noch auspacken helfen, wenn ihr mögt,« sagte Mariechen.

»Ja, sehr gern,« meinte Luise, die älteste. »Das haben wir bei den andern Erzieherinnen auch getan. O wir haben schon viele gehabt!«

»Nun, da möchtest du mich wohl auch bald wieder fort haben?«

»Ich weiß ja noch nicht, wie Sie sind. Vielleicht sind Sie netter als die andern.«

Offen waren die Kinder jedenfalls, mochten sie sonst sein, wie sie wollten. Auch hilfreich erwiesen sie sich, und guten Rat zu geben vermochten sie auch. »Hängen Sie Ihre Winterkleider nur in diesen Schrank, die Sommerkleider wollen wir in die Garderobe hängen, damit sie nicht gedrückt werden. Die andern Erzieherinnen machten es auch so.«

»Ihre Kragen legen Sie wohl in die obere Kommode, Fräulein Meier tat es auch –«

»Nein, Fräulein Burchhard hatte sie oben. Fräulein Meier legte sie ins unterste Fach. O, was haben Sie denn für ein hübsches Bild! Das sind wohl Ihre Eltern!«

»Ach, die schöne Jacke! Die hübschen Schleifen!«

So plauderten die Kinder durcheinander. Aber jetzt kam die Jungfer, sie zu holen, und Mariechen sagte ihnen heute gern »Gute Nacht;« sie war zu müde und abgespannt! Sie hatte nur den einen Wunsch nach Ruhe. Als die Sachen leidlich geordnet waren, las sie einen Abschnitt aus dem Neuen Testament und kleidete sich dann aus. Fünf Minuten später sah und hörte sie nichts mehr. Ein fester, tiefer Schlaf, wie ihn nur die Jugend hat, ließ sie alles vergessen. Und wir gönnen ihr denselben gern nach den Anstrengungen des Tages.

 

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