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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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16. Folgen des unvorsichtigen Plauderns

Am andern Morgen waren alle ziemlich schweigsam beim Kaffee und die gewohnte Heiterkeit fehlte.

Nachdem die Knaben zur Schule gewandert, zündete Herr Professor seine Morgenpfeife an, die Hausfrau griff, wie gewöhnlich, nach ihrem Strickzeug, die Töchter folgten ihrem Beispiel. Mariechen, die sonst eifrig plauderte und dabei den Strumpf oft müßig im Schoß ruhen ließ, strickte heute, als ob es ums Geld geschehe, einesteils um ihre Verlegenheit damit zu decken, andernteils um sich als ein tätiges Glied der menschlichen Gesellschaft zu zeigen. Jetzt öffnete Dore die Tür und brachte die eben angekommenen Briefe. Außer einigen an Herrn Professor adressierten war noch ein verspäteter Glückwunsch von Wilhelm an sein Schwesterchen dabei. Mariechen öffnete schnell und las. Es war ein herzlicher, lustiger Brief, wie Wilhelm sie gewöhnlich an Mariechen schrieb. Sie vergaß eine Weile alles Kummers und rief plötzlich mitten im Lesen aus: »O hört, was Wilhelm schreibt.« – Sie sah zu ihrem Vater hin, um sich aus seinen Augen Erlaubnis zum Vorlesen zu erbitten, doch was war das?

Der Vater stand am Fenster und las einen Brief. Seine Stirn umdüsterte sich, er nahm die Pfeife aus dem Mund und stampfte leise mit dem Fuß. Dann ging er einige Male mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab, ganz still, ohne ein Wort zu sagen. Das pflegte er nur zu tun, wenn er sehr erregt oder unwillig war.

Plötzlich blieb er vor Mariechen stehen, gab ihr den Brief und sagte ernst: »Was heißt dies? Gib mir darüber Auskunft!« Der Brief war von Werner und lautete folgendermaßen:

»Sehr geehrter Herr Professor!

Die erbetene Antwort auf meine gestrige Frage ist überflüssig geworden, da ich gestern aus dem Munde Ihrer Fräulein Tochter zufällig selbst gehört, wie dieselbe über mich, sowie über einen von mir gestellten Antrag an sie denkt. Bemühen Sie sich nicht, mir zu schreiben; ich reise morgen in aller Frühe ab und bin selbst in diesem Augenblick über das Ziel meiner Reise noch unschlüssig. Ihnen, sowie Ihrer Frau Gemahlin herzlich dankend für alle in Ihrem Hause genossene Gastfreundschaft, empfehle ich mich Ihnen beiden angelegentlichst. Gott sei mit Ihnen!

Ihr in vollkommenster Hochachtung ergebener
R. Werner.«

Mariechen erbleichte beim Lesen des Briefes und zitterte heftig, als der Vater, sie scharf ansehend, sagte: »Ich hoffe, du wirst mir die erwünschte Aufklärung geben!«

Die Professorin, die Mariechen mit Besorgnis ansah, sagte leise einige Worte zu ihrem Mann, worauf dieser Mariechen in ernstem, aber ruhigem Ton befahl, in einer Viertelstunde zu ihm in sein Zimmer zu kommen.

Als der Professor darauf das Wohnzimmer verlassen hatte, warf Mariechen sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter und erzählte ihr, wie alles gekommen, wie sie aber immer noch gehofft habe, Herr Werner habe es nicht gehört.

Die Mutter war tief bekümmert. »Da heißt es mit Recht,« sagte sie, »die Zunge ist ein unruhiges Übel voll tödlichen Giftes. Ich glaube dir schon, daß du es nicht böse gemeint hast, – aber den jungen Mann hast du tief verwundet, die Worte sind wie Gift in sein Herz gedrungen; er wird lange zu kämpfen haben, da er dich treu geliebt. Laß es dir eine ernste Warnung sein, mein Kind, für dein ganzes Leben, deine Zunge im Zaume zu halten, dich zu erinnern, daß wir Rechenschaft geben müssen von einem jeden unnützen Wort, das wir geredet. Und wieviel wird von jungen Mädchen darin gesündigt! Wenn ihr euch doch das zu Herzen nehmen wolltet und, wenn ihr zusammenkommt, reden, was lieblich ist, was wohllautet, was bessert. Statt dessen wird in den Tag hinein geredet und geschwatzt. – Doch komm zum Vater. Je eher, desto besser.« Und die gute Mutter faßte sie bei der Hand und ging mit ihr den schweren Gang.

Eine Stunde später kam Mariechen aus ihres Vaters Stube. Sie hatte rotgeweinte Augen und ein tiefer Ernst lag auf der jugendlichen Stirn. Was der Vater, der ernste würdige Mann, zu ihr gesagt, sie hat es nie in ihrem Leben vergessen, auch die Worte der sanften Mutter sind unauslöschlich in ihr Herz geprägt. Sie hatten ihr, nachdem sie heiß und innig um Vergebung gebeten, dieselbe gewährt; doch wußte sie, daß sie ihren Eltern gegenüber viel gut zu machen habe. Herrn Werner gegenüber war ihr ja leider jede Gelegenheit abgeschnitten.

Der eine Tag hatte sie um einige Jahre älter gemacht, aus dem Kinde war eine Jungfrau geworden!

Der Professor ließ sich den ganzen Morgen nicht sehen. Zum Arbeiten war er nicht aufgelegt, ihn beschäftigte nur die eine Frage, wie er durch einen freundlichen Brief den Schaden, den Mariechens leichtsinnige Worte angerichtet, wieder heilen könne. Doch wohin adressieren? Diese wichtige Frage wird gewöhnlich beim Abschied erörtert, nun war Werner ohne Abschied fort, niemand wußte wohin?

»Kurt,« sagte der Professor bei Tische, »hat denn dein früherer Hauslehrer, Herr Werner, Abschied von dir genommen?«

»Ja! Er wartete gestern nachmittag vor dem Gymnasium auf mich. Aber er war sehr in Eile. Er sagte nur, er würde vielleicht in der Nacht schon abreisen, und als ich ihn um seine Adresse bat, meinte er, er würde höchst wahrscheinlich noch eine Reise nach Italien machen, ehe er ins Amt gehe; er würde den Eltern später seine Adresse angeben.« – »Gut, ich danke dir,« sagte der Professor und brach die Unterhaltung ab. –

Am folgenden Tage kamen Briefe aus Wiesendorf. Frau von Buchwald lud die ganze Familie Rothe herzlich ein, die Pfingstzeit mit ihnen zu verleben, und Röschen fügte an Mariechen ein Briefchen bei mit der Bitte, diese Einladung bei den Eltern kräftig zu unterstützen.

Mariechen tat es nicht, im Gegenteil wäre es ihr am liebsten gewesen, diesmal daheim zu bleiben. Die Eltern beschlossen, Buchwalds Güte nur für einen Tag in Anspruch zu nehmen, und so meldeten sie sich für Mittwoch nach Pfingsten in Wiesendorf an.

Niemand war glücklicher als Kurt, seine lieben Pflegeeltern endlich einmal in Wiesendorf zu sehen, ihnen alle seine Schätze und Herrlichkeiten zu zeigen. Emma interessierte sich speziell für die Wirtschaft und wußte es der gnädigen Frau großen Dank, daß dieselbe sie durch sämtliche Wirtschaftsräume führte. Wie freute sie sich aller Vorräte! Können wir es ihr verargen, daß in einem geheimen Winkel des Herzens der Wunsch aufstieg, solche Vorräte plötzlich in ihre Kammern versetzt zu sehen, sollte es doch nur zum Besten der allezeit eßlustigen Jugend sein!

Mariechen war mit Röschen in den Garten gegangen. Sie mußten sich viel zu erzählen haben, denn sie waren lange für alle unsichtbar. Als sie später aus der süßduftenden Jasminlaube traten, drückte Röschen Mariechens Hand und sagte leise: »Ich werde alles, was du mir anvertraust, als tiefstes Geheimnis bewahren.«

»Sieh, Röschen, ich beklage das ja nicht, daß ich Herrn Werner nicht lieben kann, nur, daß ich ihn durch mein leichtsinniges Reden so gekränkt und meine Eltern betrübt habe. Ich wollte Herrn Werner gern um Verzeihung bitten, wenn ich wüßte, wo er wäre!«

»Wir wissen es auch nicht! Wir waren ganz bestürzt über seine schnelle Abreise. Doch sagte er, der Brief eines Freundes, der ihn aufgefordert, mit ihm nach Italien zu reisen, veranlasse ihn, gleich aufzubrechen. Unglücklicherweise hatten wir Besuch den Abend, so daß die Eltern nur flüchtig mit ihm reden konnten. Hoffentlich schreibt er uns aber und gibt uns seine Adresse an.«

Die Brüder kamen jetzt gesprungen, auch näherten sich die jungen Mädchen der Veranda, wo die Damen saßen, und so hatte das vertrauliche Gespräch ein Ende.

Frau von Buchwald und Frau Professor mußten auch eine ernste Unterredung gehabt haben. Mariechen hörte noch, wie ihre Mama, der gnädigen Frau die Hand drückend, mit einer Träne im Auge sagte: »Durch Kreuz zur Krone, durch Nacht zum Licht.«

Frau von Buchwald sah Mariechen mit ernst prüfendem Blick an, so daß selbige tief errötete. Der Blick sagte ihr, daß ihre Mutter Frau von Buchwald alles mitgeteilt, und wie demütigte sie das Gefühl, daß die Dame, die sie so hoch verehrte, nun erfahren mußte, wie unwürdig sie sich benommen.

Als Professors abends in ihr Heim zurückgekehrt waren, sprachen sie gegenseitig ihre vollste Befriedigung aus über den verlebten Tag. Nur Mariechen stand sinnend am Fenster. Sie gedachte ihrer Rückkehr im vorigen Jahr. Wie glückselig war sie damals gewesen! Wiesendorf und seine Bewohner waren für sie der Inbegriff alles Guten, aller Freude. Diesmal war es ihr weh ums Herz. Alles erinnerte sie an Werner und an ihre Torheit. Wie lieb hatten sie alle gehabt! Diese Liebe hatte sie gewiß nun verscherzt, aber sie mußte es tragen, es war die Strafe für ihren Übermut. »Ob es wohl im Leben noch einmal so schön wird, als es vor meinem siebzehnten Geburtstag war?« sagte sie leise, »ob ich wohl je wieder fröhlich und lustig sein kann? Ja, jetzt begreife ich es, wenn die Eltern sagen, mit dem Alter wachsen die Sorgen, wird das Leben schwerer!« Und das siebzehnjährige Mädchen machte dazu ein so kummervolles Gesicht, und Tränen perlten in den blauen Augen, daß die gute Mutter sie umschlang und sagte: »Ich errate deine Gedanken, mein liebes Kind. Das Leben ist nicht mehr so harmlos und leicht, als es vorher war; es kommt für dich der Kampf. Aber denke: Und ob jemand kämpfet, er wird doch nicht gekrönet, er kämpfe denn recht.«

»Ein Brief von Käthe,« rief Emma, ins Zimmer tretend und einen dicken Brief triumphierend in die Höhe haltend.

»Kinder, es ist Zeit zum Zubettgehen,« rief der Professor schalkhaft, »hebt den Brief bis morgen auf!«

»Nachdem er schon den ganzen Tag hier gelegen und auf uns gewartet? Onkel, das ist nicht dein Ernst! Möchtest doch gewiß gern wissen, was die neue Nichte in der Fremde macht!«

»Nun, dann mach nur schnell auf und gib's zum besten!«

Emma las Käthchens ausführliche Berichte über Hermanns Heimat, sein treffliches Mütterchen und wie lieb sie dieselbe in kurzer Zeit gewonnen. Eine Stelle ihres Briefes lautete:

»Wir haben drei herrliche Tage in G. verlebt. Wie reich und schön kommt mir das Leben vor an der Seite eines geliebten Mannes, mit dem ich mich so ganz verstehe. Wir sagen es uns oft: es ist, als kennten wir uns statt eines halben Jahres schon zehn Jahre, so innig vertraut sind wir miteinander. Wir haben weite Spaziergänge unternommen, ich habe das Meer gesehen, an seinen Ufern gesessen und geträumt. Die Wellen rauschten und erzählten mir von zukünftigen rosigen Tagen.

»Jetzt aber habe ich die Poesie mit der Prosa vertauscht. Mein Hermann hat mich aufs Land gebracht zu einer wirtschaftlichen Pastorenfrau, die mich unterweist, wie ich auch eine solche werden kann. Bücher und Gelehrsamkeit sind einstweilen an den Nagel gehängt und du siehst mich in großer Arbeitsschürze, im Stall bei den Kühen das Melken zu lernen, in der Küche am Kochherd mit Quirl und Löffel hantieren, am Backtrog den Brotteig knetend mit Todesverachtung und am Butterfaß für die Stadtleute Butter präparierend. Emma, dein Orakelspruch an jenem Kränzchenabend ist haarklein in Erfüllung gegangen! Doch was hilft's, jetzt heißt's: tapfer durch! Und die Liebe zu meinem Hermann macht alles leicht. Nun, wenn ich erst im eigenen Heim wirtschafte, sollst du sehen und staunen, was ich gelernt, du wirst es der geprüften Lehrerin gar nicht zutrauen. Die Sprachstudien werden nicht vernachlässigt, d. h. einstweilen bin ich daran, die plattdeutsche Sprache praktisch zu lernen; ich kann bereits, ohne die Zunge zu verdrehen, geläufig wie ein Papagei »baben up den bäbelsten Bähn« (oben auf dem obersten Boden) sagen. So kannst du hoffen, daß ich deine Landessprache in kurzer Zeit inne haben werde.«

So plauderte Käthe fort in ihrem Brief an Emma und nachdem wir das Wesentliche daraus erfahren, so mag Emma die nun folgenden Herzensergüsse für sich behalten, auch die Bemerkung, die Käthe über Werners Werbung um Mariechen gemacht.

Wir aber nehmen nun Abschied von der uns lieb gewordenen Familie, Abschied von ihren Leiden und Freuden, von den Pensionären und der traulichen Häuslichkeit.

Nur das wollen wir noch in Kürze hinzufügen, daß der Sommer in gewohnter Weise verging, der Herbst Käthe einige Wochen in ihre Heimat brachte, wo im Oktober im Kreise lieber Freunde und Verwandten fröhliche Hochzeit gefeiert wurde. Als das junge Paar in den Pfarrhof zu Nienhagen einfuhr, stand wieder die geputzte Dorfjugend bereit, ihren Pastor zu empfangen, der nun eine Frau mitbrachte, die der Gemeinde eine treue Mutter sein sollte. Das ganze Haus war von oben bis unten mit Kränzen und Guirlanden geschmückt. Vor der Haustür standen die Lehrer des Kirchspiels, die, als der Wagen hielt, mit den Schülern in vollem Chor anstimmten: »O daß ich tausend Zungen hätte.«

Hermann drückte leise Käthchens Hand, sie erwiderte den Druck und sah ihn leuchtend an. Und in beider Herzen tönte es laut:

»Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist Seinen heiligen Namen, lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was Er dir Gutes getan.«

*

 

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