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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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15. Mariechens Geburtstag

Zwei Monate sind vergangen seit dem frohen Ereignis im Rotheschen Hause. Und welches Aufsehen hatte sie gemacht, diese Verlobung! In den ersten acht Tagen blieb sie tiefstes Geheimnis, damit Käthchen ihr Examen ungehindert halten könne.

Von den Eltern war ein sehr lieber Brief eingelaufen, darin sie ihr »Ja und Amen« zu der Verlobung sprachen, die sich unter Professors Schutz vollzogen hatte. Nachdem nun das große Schulexamen zu Ende und das ganze Lehrerkollegium zum Schluß beisammen war, erhob sich unsere Kleine und teilte mit wichtiger Miene ihre Verlobungsanzeigen aus. Da gab es ein Erstaunen und ein Verwundern, ein Hin- und Herfragen – aber alle hatten die kleine Lehrerin lieb und alle freuten sich von Herzen ihres Glücks. Dann ward in der Stadt, besonders in den Kreisen, wo Käthe und Rothes bekannt waren, viel über die Verlobung gesprochen, wie es stets zu geschehen pflegt. Doch allmählich beruhigten sich die Gemüter, oder es kam ein anderes Ereignis an die Reihe, das besprochen werden mußte.

Heute waren, wie gesagt, zwei Monate vergangen, es war ein warmer, lieblicher Maientag und unser Maiblümchen, Mariechen Rothe, feierte ihren siebzehnten Geburtstag. Sie wachte früh auf, als die Sonne ihr hell und freundlich in die Augen schien. Draußen sangen die Vögel gar lieblich und schön, es war, als brächten sie dem Mägdlein ein Ständchen zum Morgengruß.

»Heute bin ich siebzehn Jahr,« dachte Mariechen, »da ist's nun mit dem Backfisch zu Ende, ich bin ein großes, erwachsenes Mädchen und will mir Mühe geben, recht verständig zu werden.« Die Zukunft lag so rosig vor ihr, was würde sie wohl alles erleben, dachte sie bei sich. Als ein glückliches und zufriedenes Kind bedurfte sie gar nicht viel, um fröhlich zu sein, war sie doch von früh an erzogen, sich an wenigem genügen zu lassen; so kam es, daß sie für die kleinsten Freuden dankbar war, ja in vielem, das andere für nichts achteten, Grund zur Freude fand, was sie bei allen, die sie kannten, angenehm und liebenswert machte. Dazu hatte sie prächtige Eltern, die sie mit Liebe umgaben, einen Bruder, an dem ihr ganzes Herz hing, und Emma, die als ältere Schwester alles Unangenehme auf sich nahm und sie stets sorgend und liebend umgab. Ja, sie hatte es gut, das Mariechen, das fühlte und erkannte sie auch an ihrem siebzehnten Geburtstagsmorgen. Auf einmal ertönte die Kaffeeglocke! Unser Geburtstagskind erschrak und sprang mit solcher Schnelligkeit aus dem Bett, daß der davorstehende Stuhl mit großem Gepolter umfiel. Gleichzeitig öffnete sich die Tür und Emma guckte hinein.

»Nun, was ist hier los?« fragte sie.

»Ich bin in mein achtzehntes Lebensjahr hineingesprungen,« rief Mariechen fröhlich.

»Nur nicht übermütig!« gab Emma zurück. »Aber Kind, spute dich, es soll Kaffee getrunken werden!«

»Emma, warum hast du mich nicht geweckt?«

»Geburtstagskinder dürfen ausschlafen, und dann glaubte ich, die Sonne würde dich heute wecken.«

»Das hat sie auch getan,« sagte Mariechen, sich schnell ankleidend. »Aber das Denken und Träumen war so süß. O Emma, es ist doch köstlich auf der Welt!«

»Freilich ist's schön,« versetzte Emma, sie freundlich ansehend. »Gott helfe, daß du immer so denken mögest. Gott segne dich reichlich im neuen Lebensjahr!«

In zehn Minuten war Mariechen fix und fertig, die blonden Zöpfchen glatt geflochten, und so ging sie frischen, fröhlichen Angesichts zu den lieben Eltern ins Wohnzimmer.

»Da kommt ja mein Sonnenschein,« sagte der Professor und umarmte sein Töchterchen glückwünschend. Auch die Professorin sprach ihre innigen, mütterlichen Wünsche aus, dann traten die Pensionäre ein, mit großen Sträußen von Frühlingsblumen, die sie den Tag vorher auf dem Spaziergang gepflückt hatten. Nachdem das Geburtstagslied gesungen und die Bescherung erfolgt war, wurde der gemeinsame Kaffee getrunken. Die Pensionäre gingen in die Schule und Professors saßen noch gemütlich plaudernd am Kaffeetisch.

»Es ist schade,« sagte Mariechen, »daß Käthe heute nachmittag den Geburtstag nicht mehr mitfeiern kann. Sie reist mit dem Nachtzug ab und hat noch viel zu tun. Sie wird aber jedenfalls heute morgen kommen und Abschied nehmen.«

»Es wird mir doch recht schwer,« meinte die Professorin, »unsere liebe Kleine in weite Ferne ziehen zu sehen –«

»Und ihr selbst wird's am schwersten, von ihren lieben Rothes scheiden zu müssen,« sagte plötzlich eine Stimme, und Käthe trat selbst ein mit einem prächtigen Strauß Maiglöckchen.

»Hier, Mariechen, hast du deine Geburtstagsblumen. Die Schneeglöckchen haben für mich wunderbare Bedeutung gewonnen, möchten dir die Maiblümchen ebensoviel Glück und Freude bringen!«

Mariechen sah sie freundlich und unschuldsvoll an, als fasse sie den Sinn der Worte nicht ganz, doch nahm sie den Strauß mit warmen Dankesworten aus ihren Händen, stellte ihn auf den Geburtstagstisch und rief: »Seht, welch eine Schar von Frühlingskindern, das ist doch prächtig anzusehen.«

Käthchen hatte sich zur Professorin gewandt. »Liebe Tante, das letzte Mal!« Ihre Stimme zitterte und Tränen glänzten in ihren Augen. »Wie soll ich euch danken für alles, was ihr an mir getan?«

»Wir haben selber den größten Segen davon gehabt,« sagte die Professorin. »Dein Kommen zu uns hat uns nur Freude und Gewinn gebracht. Und heute abend geht's fort?«

»Ja, alles ist gepackt, doch gibt es noch viele Abschiedsbesuche zu machen!«

Käthe hatte zum ersten Mai die Schult verlassen und heute stand sie im Begriff, auf einige Monate in ein norddeutsches Pfarrhaus zu gehen, um die Landwirtschaft zu erlernen. Im Herbst wollte sie zu ihren Eltern zurückkehren, und bei ihnen sollte dann die Hochzeit gefeiert werden.

Sie ging freudig und getrost ihren Weg, wie ihn der Herr ihr vorgezeichnet. War es ihr in den ersten Wochen nach der Verlobung noch beklommen zu Mute, so war dies Gefühl vollständig verschwunden, als sie nach Ostern acht Tage mit Hermann zusammen bei den Eltern gewesen war. Da tauten sie erst gegenseitig auf, da lernten sie sich persönlich kennen, was an jenem Verlobungstage ja nur spärlich geschehen konnte. Käthe war eine glückliche Braut und ihr Glück um so fester begründet, weil die Liebe eine erbetene war, eine Blüte des Glaubens.

Der Abschied war vorüber. Ohne Tränen war's zwar nicht abgegangen, doch die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Herbst stimmte alle fröhlich.

Emma fühlte wohl, was sie verloren. Aber die Liebe darf nicht selbstsüchtig sein. Eben weil sie Käthe lieb hatte, gönnte sie sie ihrem Bruder!

*

Während Käthe sich so zur Abreise rüstete, packte im Wiesendorfer Schloß auch jemand Koffer und Kisten. Walter war oben bei seinem Lehrer und half ihm. Nun waren sie fertig. »Herr Werner, wohin reisen Sie zuerst?«

»Ich weiß noch nicht! Vielleicht mache ich erst noch eine Reise in die weite Welt, dann geht's zu den Eltern und dann in die Pfarre!« Darauf summte er das Lied: »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus« –

»Herr Werner, Sie singen! Sind Sie nicht traurig, daß Sie uns verlassen müssen?«

»Das bin ich allerdings, mein guter Walter. Am liebsten nähme ich dich mit, so lieb habe ich dich. Aber sieh nur das schöne Frühlingswetter draußen, das stimmt zum Singen und macht das Herz fröhlich!«

»Und dann freuen Sie sich auch auf Ihre Eltern!«

»Freilich, freilich,« sagte Herr Werner, seinem Schüler die Wange streichelnd. »Wirst's auch einmal verstehen, wenn du fern vom Elternhause weilst und kommst nach langer Zeit nach Hause!«

Eine Stunde später finden wir Lehrer und Schüler auf der Terrasse mit der Familie zusammen. Frau von Buchwald hatte in den letzten Monaten bedeutend gealtert – ihr Gesicht trug Spuren inneren Leidens! Sie hatte ja viel durchgemacht, ist es doch das größte Weh für eine Mutter, eines ihrer Kinder leiden zu sehen. Noch dazu, wenn sie sich sagen muß, daß sie selbst dazu beigetragen – und doch, es hatte ja nicht anders sein können; sie glaubte recht getan zu haben, ihr Sohn würde es später selbst einsehen und es ihr noch danken. Freilich das junge Mädchen tat ihr leid. Sie hatte einen bleibenden Eindruck bei ihr zurückgelassen. »Weggeworfen hat Waldemar sich nicht,« dachte sie, »ein leichtsinniges Wesen scheint es nicht zu sein; im Gegenteil, die edle Haltung, die Sprache, ihr ganzes Benehmen zeugte von Reinheit der Gesinnung – jedoch das bleibt fest: sie ist arm und paßt nicht in die Verhältnisse.« – Hiermit beruhigte sie sich immer wieder aufs neue und doch schmerzte die ganze Sache sie mehr, als sie sich gestehen wollte. Herr von Buchwald war auch verstimmter denn je; er ließ sich zwar die Sache nicht so zu Herzen gehen wie seine Frau, aber es war doch eine fatale Geschichte; es berührte seinen Stolz, daß so etwas in der Familie der Buchwalds vorkommen konnte. Mit seines Sohnes Verhalten war er übrigens zufrieden. Waldemar hatte sich wieder zurecht gefunden, war nach langen bittern Kämpfen zum Frieden gekommen.

In den ersten Tagen nach Hildegards Abreise, da freilich kochte und gärte es in ihm. Er konnte keine Ruhe finden und ging in das Haus, wo, wie er wußte, die Mutter Hildegards wohnte. Er begehrte Einlaß, doch auf sein Klingeln erschien ein blondes Mädchen, die er für Hildegards Schwester hielt, und sagte ihm mit bestimmten Worten, daß ihre Mutter krank sei und niemand sprechen könne.

Als er sich erkühnte, nach Hildegards Adresse zu fragen, ward ihm als kurzer Bescheid ein Achselzucken und ein kühles: »Es tut mir leid,« worauf sich die Tür schloß und ihm nichts übrig blieb, als umzukehren.

Doch allmählich, wie gesagt, ward es stille in ihm. Er beugte sich unter die Zucht Gottes, wiewohl mit wehem Herzen. Er vermochte es über sich, den Eltern mit ruhigen Worten zu sagen, daß er vorderhand nicht weiter an die Sache denken wolle. Gleichzeitig teilte er ihnen mit, daß er Urlaub zu nehmen gedenke und etliche Jahre auf Reisen gehen wolle. Sein Vater genehmigte dies gern, hoffte er doch, daß Waldemar durch die neuen Eindrücke alles vergessen werde, was dahinten lag. So hatte dieser Abschied genommen vom Elternhause auf unbestimmte Zeit; das Mutterherz fühlte wohl, daß es nicht mit der früheren Herzlichkeit und Innigkeit geschehen war. Äußerlich gab sich Waldemar Mühe, ruhig und freundlich zu erscheinen, doch war etwas zwischen ihn und seine Eltern getreten, das die alte Vertraulichkeit nicht mehr aufkommen ließ.

Lange Zeit war verstrichen, ohne daß sie Kunde von Waldemar hatten. In Triest wollte er sich einschiffen und dann den Orient bereisen; sie wußten nicht, war er schon auf der See oder hatte er sich in verschiedenen Städten längere Zeit aufgehalten, um ihre Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. –

»Und nun wollen Sie uns auch verlassen, Herr Werner,« sagte Frau von Buchwald traurig. »Schreiben Sie uns nur öfter, machen Sie es nicht wie Waldemar! Sie gedenken also Ende dieser Woche abzureisen?«

»Vielleicht, wenn Sie mich noch so lange behalten wollen! Heute nachmittag will ich mich von Rothes verabschieden, es kann sein, ich bleibe auch den Abend.« – »Aber die andern Tage lassen Sie uns dann ungeschmälert!«

»Heute,« sagte Röschen, »wird wohl Damengesellschaft bei Rothes sein, es ist Mariechens Geburtstag!«

»So,« sagte Herr Werner, flüchtig errötend. »Nun, der Herr Professor ist jedenfalls zu sprechen!« – Als ob er nicht gewußt hätte, daß Maiblümchens Geburtstag sei! Deshalb wollte er ja gerade heute gehen, er hatte sich diesen Tag dazu ausersehen!

Er machte nachmittags sorgfältiger Toilette denn je. Was würde nur das blonde Mägdlein sagen, wenn sie hörte, warum er gekommen! Er wollte beim Vater um sie werben und sie mit sich nehmen in seine Heimat. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß sich seinen Wünschen etwas entgegenstellen könnte. Wie glatt und eben hatte sich alles mit Fräulein Walter und Pastor Rothe abgewickelt, und die hatten sich doch unter ungleich schwierigeren Verhältnissen kennen gelernt. Mit Waldemar, nun ja, das war freilich eine andere Sache! Arm und reich, vornehm und gering, das paßte nicht zusammen! – aber hier, wo die Verhältnisse so harmonierten! ja, er war sehr dankbar, daß er in die prächtige Familie eingeführt worden war.

Unterdes ging es im Rotheschen Hause sehr munter zu. Mariechen hatte mehrere ihrer Freundinnen auf nachmittag eingeladen, und während sie im Wohnzimmer plauderten, bereitete Emma draußen unter festlichen Gefühlen die Geburtstagsschokolade. Da klingelte es, und während Dore aufmacht, sieht Emma durch die halbgeöffnete Küchentür einen Herrn mit einem großen Maiblumenstrauß eintreten, und nachdem er schnell an Herrn Professors Tür geklopft, hinter derselben verschwinden.

»Das mußte doch Herr Werner sein, wenn ich mich nicht sehr irre,« sagte Emma.

»Freilich war's Herr Werner,« sagte Dore mit schalkhaftem Lächeln. »Der Strauß ist gewiß für Fräulein Mariechen!«

»Wer weiß,« sagte Emma äußerlich ruhig, konnte sich aber einer inneren Aufregung nicht erwehren. –

Ernst und ruhig bat der Kandidat den Professor um die Hand seiner Tochter.

Letzterer schaute ganz verwundert drein, als könne er der Rede Sinn nicht fassen, – als nun aber der junge Mann schwieg und ihn so bittend und vertrauensvoll ansah, da legte er beide Hände auf Werners Schultern, sah ihn treuherzig in die Augen und sprach: »Ihr Antrag kommt mir allerdings ganz unerwartet. Doch – ich habe Sie lieb wie einen Sohn, traue Ihnen zu, daß Sie meine Tochter glücklich machen werden. Darum nehmen Sie meinen väterlichen Segen. Was aber das Kind dazu sagen wird, das weiß ich allerdings nicht. Sie hat, glaube ich, bis jetzt noch nie an dergleichen Dinge gedacht!«

»Erlauben Sie, daß ich Fräulein Mariechen selbst frage, wie sie darüber denkt?«

»Natürlich, das müssen Sie. Augenblicklich ist es wohl nicht tunlich. Sie hat Kaffeegesellschaft. Nun, warten Sie, meine Frau und ich werden heute abend selbst mit der Kleinen reden und morgen sollen Sie Antwort haben.«

»Ganz, wie Sie es für angemessen finden, Herr Professor. Aber gratulieren darf ich Fräulein Mariechen zum heutigen Geburtstag?«

»Wenn Sie sich durch die Freundinnen nicht stören lassen, von Herzen gern! Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Ich will schnell einen angefangenen Brief, der mit der heutigen Post fort soll, schließen. Sie sind bei uns zu Hause, lieber Herr Werner, gehen Sie zu den Damen!«

Das ließ Werner sich nicht zweimal sagen. Er öffnete schnell die zum Salon führende Tür, durchschritt denselben fröhlichen Herzens und wollte eben durch die nach dem Wohnzimmer führende Portière eintreten, als die Nennung seines Namens ihn stutzig machte und er stehen blieb.

Unter fröhlichem Lachen und Geplauder, wie es bei jungen Mädchen üblich ist, rief auf einmal eine Stimme: »Nun, Mariechen, wer weiß, was dir in diesem Jahr begegnet! Es heißt ja allgemein, Herr Werner aus Wiesendorf habe Absichten auf dich.«

»Herr Werner?!« antwortete Mariechen höchst erstaunt. Dann brach sie in ein lustiges Lachen aus und rief übermütig: »Nein, da kannst du ruhig sein. Herrn Werner heirate ich nicht, und wenn er zehnmal um mich anhielte, bekäme er zehnmal einen Korb. Der ist mir viel zu mokant zum Heiraten!«

Das andere Mädchen antwortete etwas darauf, doch das hörte Werner nicht mehr. Er hatte genug vernommen.

Er eilte, ohne zu wissen, was er tat, auf die nach dem Korridor führende Tür zu, verbeugte sich schnell vor der Dame des Hauses, die gerade mit einem Teller Kuchen aus der Küche kam, und verließ die Rothesche Wohnung mit solcher Eile, als ob ihm Feuer unter den Füßen brenne.

Die Professorin ging kopfschüttelnd einige Schritte in die Küche zurück, wo ihr Emma entgegenkam und mit erstauntem Gesicht sagte: »Was bedeutet denn das? Herr Werner sah so bestürzt aus und rannte an dir vorüber, ohne ein Wort zu sprechen. O Tante, heute erleben wir wieder etwas!«

»Jetzt glaube ich auch, daß du recht hast. Wenn nur mein Mann käme, uns aus der Ungewißheit zu reißen!«

Eben jetzt öffnete sich des Professors Tür und er trat zu den Damen. »Nun,« sagte er lächelnd, »ist Herr Werner bei den jungen Mädchen?«

»Der ist eben an uns vorüber gerannt mit flüchtigem Gruß, ohne zu reden, und ist längst über alle Berge!«

»Ja, ja, die Liebe macht närrisch! Er wollte zu Mariechen gehen und ihr gratulieren, hat sich aber doch vielleicht anders besonnen. Mich wundert nur, daß er gar nicht mit dir gesprochen hat.«

»Kein Wort, das versichere ich dich!«

»Nun«, sagte der Professor wieder lächelnd, »das ist abermals ein Beweis, daß die Liebe den Menschen ganz aus der Ordnung bringt; es ist ja sonst Herrn Werners Wesen ganz entgegen, so flüchtig an dir vorüber zu gehen. Das nächste Mal wird er schon eingehender mit dir reden, Mamachen!«

»Hat er dir denn etwas gesagt, Papa, sprich doch nur!«

»Freilich hat er mir viel gesagt. Er will unser Kind, unsern Sonnenschein, uns entführen. Was sagst du nun?«

Mit diesen Worten zog der Professor die erstaunte Gattin mit sich in seine Stube und ließ die nicht minder überraschte Emma mit halbgeöffnetem Munde in der Küche zurück.

Da auf einmal entstand auf dem Herd ein gewaltiges Brodeln und Zischen. Die gute Schokolade, unbeaufsichtigt wie sie war, schlug über die Stränge und ging über verbotene Grenzen.

»Das kommt von der Liebe,« rief Emma entzürnt. »Wenn das so fortgeht, muß ich das Wirtschaften an den Nagel hängen! Es reibt ja ganz auf, diese fortwährenden Liebesgeschichten, und die Haushaltung geht dabei zu Grunde. Nun, ich bin gespannt, was unser Kind dazu sagen wird!«

Als sie später die Schokolade hereinbrachte, flüsterte ihr die Tante leise zu:

»Laß dir jetzt nichts anmerken, wir wollen abends, wenn die jungen Mädchen fort sind, mit Mariechen reden.«

Und als es Abend geworden und die Eltern mit ihrem Töchterlein allein waren, da sagte ihr der Vater, um was es sich handle, und wie er ihr weder zu- noch abraten wolle, ihr jedoch sagen müsse, daß er Herrn Werner sehr schätze und sie es sich zur großen Ehre rechnen müsse, von ihm bemerkt zu sein.

Mariechen hatte während der Rede ihres Vaters ganz verblüfft dagestanden, und als er nun schloß, machte sie ein so unglückliches trauriges Gesicht, daß die Professorin mit ihrem Scharfblick sofort erkannte, daß Herr Werner nicht auf Gegenliebe zu rechnen habe.

»Nun, Mariechen, du schweigst, was hast du für eine Antwort auf die ehrenvolle Werbung?«

»Die,« entgegnete Mariechen jetzt fest und entschieden, »daß ich Herrn Werner nicht liebe und ihn nie heiraten werde!«

Der Professor und seine Frau sahen sich erstaunt an. Diese klare, entschiedene Antwort aus dem Munde eines siebzehnjährigen Kindes, das bis jetzt stets die Eltern für sich entscheiden ließ, überhaupt nie selbständig über etwas verfügt oder bestimmt, dieses jetzt mit solcher Entschiedenheit ausgesprochene »Nein« überraschte die Eltern. Wie glücklich würden sie gewesen sein, wenn Mariechen ein ebenso bestimmtes »Ja« hätte sagen können, denn sie beide liebten und ehrten Werner, hätten niemand lieber zum Schwiegersohn gehabt, als gerade ihn. Doch drangen sie nicht allzusehr in ihre Tochter.

»Überlege dir die Sache mit Gott, mein Kind. Mit einem solchen Antrag ist nicht zu spaßen, es ist für dein ganzes Leben entscheidend. Hast du dir denn gar nichts dabei gedacht, wenn Herr Werner freundlich und zuvorkommend gegen dich war?« sagte der Professor, sie an sich ziehend.

»Nein, gar nichts. Ich habe es nicht einmal bemerkt, daß er besonders freundlich gegen mich gewesen. Und dann meinte ich immer, ich sei noch kein erwachsenes Mädchen und habe noch nie ans Heiraten gedacht!« Dies sagte sie mit einem so offenen, unschuldigen Ausdruck, daß man ihr Wohl oder übel glauben mußte. Doch plötzlich überschattete eine Wolke ihr Gesicht, es schien, als ob sie etwas bedrücke. »Nur heute nachmittag,« stotterte sie, »fingen die jungen Mädchen an zu necken – da – habe ich – –« Auf einmal schloß sie die Lippen und schwieg.

Emma sah sie forschend an, doch auch sie schwieg, während ihr die Ahnung aufstieg, daß die jungen übermütigen Mädchen gewiß etwas gesagt, was Herr Werner gehört und wahrscheinlich so zu Herzen genommen hatte, daß er das Haus im Nu verließ.

Die Zeit bis zum Schlafengehen verging ziemlich schweigsam. Der Professor sah etwas verstimmt aus, war aber wie immer liebreich und herzlich mit seinem Töchterchen. Beide Eltern umarmten ihr Kind beim Gutenachtsagen besonders innig und rieten ihm, in treuem Gebet die Sache vor dem Herrn noch einmal zu überlegen und dann morgen ihren Entschluß klar und bestimmt auszusprechen, daß Herr Werner so bald als möglich die gewünschte Antwort erhalte.

Ein Viertelstündchen später standen beide Mädchen am Fenster ihres Stübchens. Es hatte einige Male geblitzt und ferner Donner ließ sich hören.

»Wir wollen noch ein wenig aufbleiben,« sagte Emma. »Kommt das Gewitter näher, müssen wir die Jungen wecken. Vielleicht ziehen die dunklen Wolken vorüber.«

»Ja, am Himmel ziehen sie vorüber,« sagte Mariechen gedankenvoll. »Die Wolken, die sich in meinem Leben auftürmen, werden sich so bald nicht zerstreuen! Ach Emma! heute früh lag alles so sonnenklar vor mir, nun liegt es wie Bergeslast auf mir!«

»Kind, was hast du nur?« sagte Emma, sie sanft umschlingend. »Dich scheint noch etwas Besonderes zu drücken.«

»Ach ja, Emma, das ist auch der Fall! Die Freundinnen neckten mich heute nachmittag mit Herrn Werner. Da ward ich so böse, daß ich im Übermut Worte sprach, die mich jetzt reuen. Und ich fürchte, Herr Werner hat es gehört, denn kaum hatte ich es ausgesprochen, hörten wir Tritte im Salon, doch als wir nachsahen, war nichts mehr da, so daß wir uns weiter unterhielten und weiter lachten.«

Und nun beichtete Mariechen unter Tränen ihrer Kousine, was sie gesagt hatte und wie sie sich deshalb gräme.

Emma schüttelte bedenklich den Kopf. »Natürlich hat Herr Werner alles gehört, denn er sah blaß und verstört aus, als er an uns, ohne ein Wort zu reden, vorüberging. Da kann ich dir nun nicht helfen, Mariechen. Du hast unbedachte Worte gesagt, die du dein ganzes Leben lang wirst zu bereuen haben, – die Folgen mußt du demütig auf dich nehmen!«

»Sage nur den Eltern nichts, ich möchte ihnen gern den Schmerz über meine Ungezogenheit ersparen.«

»Ich will gern schweigen,« sagte Emma seufzend, »doch hätte ich gewünscht, Herr Werner hätte die abschlägige Antwort in etwas zarterer Weise erhalten.«

»Ja, das wollte ich auch, Emma,« sagte Mariechen von neuem schluchzend, und dabei hatte ihr Gesicht einen so kummervollen Ausdruck, daß die gutmütige Emma, die sich eigentlich vorgenommen, Mariechen heute scharf ins Gewissen zu reden, nur bemüht war, sie zu trösten. Sie half ihr beim Auskleiden, da das Gewitter nicht näher zu kommen schien, und sagte ihr beruhigende Worte, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Die Jugend ist immer hoffnungsreich, mehr zur Freude als zum Schmerz aufgelegt, ein Trosteswort vermag die stürmischen Wellen zu dämpfen, die Tränen zu trocknen. So währte es auch nicht zu lange, bis unser Mariechen unter Emmas beruhigenden Worten einschlief und wenigstens für einige Stunden ihres Leides vergaß.

Emma konnte nicht schlafen. Sie holte ihre Schreibmappe und schrieb ein Briefchen an Käthe, worin sie um Entschuldigung bat, daß sie nicht mehr, wie sie versprochen, am Bahnhof erschienen sei. »Es passiert zu viel bei uns, Käthe, man kommt gar nicht mehr zur Ruhe,« fuhr sie fort, nachdem sie derselben von dem ereignisreichen Nachmittag berichtet hatte. Sie schloß ihren Brief mit dem Wunsche, Käthe möge sich in den neuen Verhältnissen schnell einleben. Sie bat, baldigst zu schreiben und von allem Erlebten zu berichten. – Dann suchte auch sie ihr Lager auf, alles dem treuen Gott befehlend, der schon so oft geholfen und auch in der neuen Not Seine Hilfe nicht versagen werde.

 

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