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Es muß doch Frühling werden

Helene Hübener: Es muß doch Frühling werden - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorHelene Hübener
titleEs muß doch Frühling werden
publisherD. Gundert Verlag
printrun66.-75. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectide1053066
wgs9110
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13. Frühlingsahnung

Emma hatte ihrem Bruder Kätzchens Entschluß übermittelt. Acht Tage später, wieder an einem Leseabend, kam Käthe freudestrahlend auf Emma zu und flüsterte: »Ein Brief von deinem Bruder.«

»Wirklich,« rief Emma, mit Freuden in Käthes fröhliches Gesicht schauend, »was schreibt er?«

»Du mußt alles lesen! Doch wie? Und wo?«

»Warte!« sagte Emma, ein Weilchen nachdenkend. »Mariechen ist bei der Tante, die übrigen Damen werden gleich kommen. Wo gehen wir nur hin, daß es niemand merkt? Jetzt weiß ich's, komm!« Sie zog Käthe am Kleide in die Schlafstube der Pensionäre, von da durch eine Tür in die Vorratskammer. »Hier sind wir sicher, Käthe,« sagte sie befriedigt, »komm!«

Da standen nun die beiden Freundinnen, Käthchen mit dem wichtigen Brief in der Hand, Emma mit der Hauslampe ihr leuchtend. Im Eifer hatten sie sich beide an den großen Mehlsack gelehnt und während nun Käthe las, stand Emma andächtig dabei und lauschte. Wohl noch nie in ihrem Leben hatte sie so wenig Interesse für ihre Vorräte beim Betreten der geheimnisvollen Kammer an den Tag gelegt, wie heute. Da standen die Pflaumenmustöpfe in Reih und Glied, die Büchsen mit dem Eingemachten, die Zuckervorräte, die trockenen Gemüse – für Emma waren sie heute nicht vorhanden, sie hatte nur Augen und Sinn für Hermanns Brief. Jetzt war er zu Ende. »Schreibt er nicht wunderschön?« sagte Käthe strahlend und sah Emma forschend an.

»Ja, wirklich sehr nett! So könnte er an jedes Mädchen schreiben, ohne daß man sich das geringste dabei zu denken brauchte. Ich freue mich, daß Hermann den rechten Ton getroffen –«

»Ich will ihm morgen wieder schreiben und denke, es wird mir nicht schwer fallen, ihm seinen Brief zu beantworten.«

»Emma, Emma, wo steckst du nur in aller Welt?« ertönte Mariechens Stimme.

»Hier, hier, Kind! Was gibt's?« rief Emma, gewandt aus der Vorratskammer schlüpfend, Käthe winkend, dasselbe zu tun. Als Mariechen den Kopf in die Schlafstube der Pensionäre steckte, drehte Emma gerade den Schlüssel der Kammertür herum.

»Da bist du? Und Käthchen auch! Nun, Käthe, Emma hat dir wohl die Taschen mit gebackenem Obst gefüllt, damit du während des Leseabends etwas zu knappern hast.«

»Nein, hab' etwas anderes zu knappern bekommen,« bemerkte Käthe trocken und begab sich ins Wohnzimmer zur Begrüßung der Damen.

»Kinder,« sagte nach einem Weilchen die Professorin, »wo habt ihr denn gesteckt, Emma und auch Sie, Fräulein Walter? Sie haben ja ganz weiße Rücken.« Die beiden sahen sich bedeutungsvoll an, eine drehte die andere herum, und wirklich, sie sahen aus wie die Müller. Es erfolgte allgemeine Heiterkeit und Mutmaßungen, wo sie sich die Weisheit geholt!

»Ich entschieden auf dem Seminar,« erklärte Käthchen, nahm Emma unter den Arm und verließ mit ihr das Zimmer, um sich abzubürsten. –

Käthchen wollte Professors ganz Elternstelle an sich vertreten lassen; sie hatte beschlossen, alle Briefe, die der junge Pfarrer an sie schrieb, ihnen mitzuteilen. Ihrer Verschwiegenheit war sie gewiß; es lag für sie ein großer Trost darin, alles mit ihnen zu teilen. Es waren noch keine Briefe eines Bräutigams an seine Braut, sondern die eines jungen Unbekannten an ein ihm fremdes Mädchen. Aber hier bewahrheitete sich wieder einmal das alte Wort: »Als die Unbekannten und doch bekannt.« – Was war's, das Käthchen gleich so heimatlich berührte? Was war's, was es ihr so leicht machte, auf seinen ersten Brief zu antworten, auf die folgenden mit Spannung zu warten und dann schnell und immer schneller ihre Antworten ihm zu senden? Es waren geistig verwandte Seelen, die sich gefunden. Sie verstanden sich in ihren religiösen Anschauungen, harmonierten in der Treue, mit der jedes an seinem ihm von Gott gegebenen Beruf hing, sprachen sich über denselben gegenseitig sehr hübsch aus, auch über Freundschaft, welches Thema Käthchen angeregt, indem sie von dem ihr befreundeten Rotheschen Hause in sehr beredter Weise sprach und rühmte, was sie diesem Umgange zu danken habe. Kurz, es waren gehaltvolle, interessante Briefe, die die beiden miteinander wechselten, und beide fühlten wohl, daß sie sich durch dieselben innerlich näher rückten. Doch von Liebe war noch kein Wort gesprochen. In einem Briefe hatte Hermann wohl schwermütige Äußerungen getan in bezug auf sein einsames Leben in der Pfarre und hatte die Worte angeführt: »Grau ist mir der Himmel mit Wolken verhangen,« worauf das Käthchen flugs und fröhlich geantwortet: »Nur unverzagt und Gott vertraut es muß doch Frühling werden.« Das Wort hatte den jungen Mann seltsam bewegt. »Sollte noch einmal ein Frühling für mich kommen?« hatte er leise gesagt. Dann war er in den Garten geeilt, hatte unter dem Schnee gesucht und gefunden das erste Schneeglöckchen. »Zieh hinaus, du Blümlein, in die Ferne, läute dort den Frühling ein im unbekannten Stübchen meiner unbekannten Freundin.« Und das Blümlein im Briefkouvert fand den Weg zu unserem Käthchen, trotz Wintersturm und Schneegestöber. Die Engel Gottes waren die Boten, welche über die Briefe wachten, daß derselben keiner verloren ging, wiewohl man viel von Störungen im Post- und Eisenbahnverkehr las zu derselbigen Zeit. –

»O sehen Sie, was ich heute bekommen,« jubelte die Kleine in der Residenz, als sie einmal gegen Abend zu Professors kam mit einem Brief von Hermann und dem lieblichen Frühlingsblümchen. »Hören Sie, was er zum Schluß darüber schreibt!«

»Sie haben mich durch Ihre letzten Worte mehr erfreut, als Sie ahnen! Seien Sie herzlich gegrüßt von jemand, der noch auf einen Frühling hofft.« Das war der erste leise Liebesklang, und in Käthchens Herz tönte es wieder: »Und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach!«

Seitdem war sie sehr fröhlich und getrost. Kamen bange Stunden und Augenblicke, dann dachte sie an des Professors Wort, das er den ersten Tag zu ihr gesagt: »Des Herrn Rat ist wunderbar, aber Er führet es herrlich hinaus,« und gläubig sprach sie: »Herr, wie du willst, so schick's mit mir.«

Mariechen, das unschuldige Mädchen, ging unbeirrt ihren Weg. Sie ahnte nichts von alledem, was die Herzen der Eltern und der Freundin bewegte. Es fiel ihr wohl auf, daß sie oft unter einem Vorwand hinausgeschickt wurde, wenn Käthchen kam; aber als gehorsames Kind war sie von früh an gewöhnt, nie zu fragen, warum? So dachte sie nicht viel über die Sache nach, sondern war fröhlich und guter Dinge und freute sich von einem Tag auf den andern. Nicht so Emma. Es war ihr oft, als ob eine Bergeslast auf ihr ruhte. Bedenken, die sie früher nie gekannt, stiegen jetzt in ihr auf. Wie sollte es werden, wenn Hermann nun wirklich käme, und er und Käthe fühlten sich durch ihr Äußeres nicht angezogen? Das mußte doch eine bittere Verlegenheit geben. Hu! sie mochte gar nicht daran denken. Es hatte mit Hildegard und Herrn von Buchwald einen so traurigen Ausgang genommen, darum hatte sie gar keinen Mut, an ein Gelingen der Sache zu glauben. Und wie schwer für den armen Hermann, wenn er enttäuscht würde! Sie sprach oft in stillen Stunden mit der Tante darüber; diese hatte auch ihre Bedenken, je näher die Zeit der persönlichen Begegnung rückte, sie wünschte ebenso dringend wie Emma, daß dieselbe bald stattfinden möchte.

Briefe waren genug gewechselt, das gegenseitige Kennenlernen genügend angebahnt, es war nun Hauptsache, daß Hermann sein stilles Pfarrhaus verließ, um zu sehen, bei wem sein Schneeglöckchen Frühling geläutet. Die Reise hatte ihre Schwierigkeiten. Führte sie nicht zum gewünschten Resultat, so mußte sie in ein tiefes Dunkel gehüllt bleiben, und wie das bewerkstelligen? Jetzt ging ihm ein Licht auf. Er mußte in die Residenz und dem Landesherrn seinen untertänigen Dank für die verliehene Pfarre abstatten. Was lag daran, wenn er auf dieser Reise einen kleinen Umweg machte. Kein Mensch würde es merken, daß er zwei bis drei Tage länger blieb, als absolut notwendig war. Also ein Reisetag nach D. wurde angesetzt; einen Tag wollte er dort bleiben und dann über S. zurück. Es war schwierig, bei seinem großen Amt und der vielen Arbeit sich loszureißen, jedoch es mußte sein, und der Tag ward bestimmt. Wohl war es auch ihm zaghaft zu Mute, nun da er so nahe am Ziel war und doch vielleicht weiter ab, als er wünschte. Wie würde die erste, vielbedeutende Begegnung ausfallen? Wie, wenn sie sich persönlich nicht gefielen? Er mochte es gar nicht ausdenken, wie bitter das sein würde, wenn er unverrichteter Sache wieder abreisen, mit ödem, traurigem Herzen wieder in sein einsames Pfarrhaus einziehen müßte. Die beiden jungen Leute waren ja im Glauben bewährt, waren starke, feste Naturen, aber das menschliche Herz ist ein trotzig und verzagt Ding! Wer wüßte nicht von der Schwachheit seines Herzens zu reden, wer hätte nicht Stunden in seinem Leben zu verzeichnen, wo es mit uns aus schien, wo das Angesicht Gottes sich vor uns verbarg?

Käthchen ward es auch immer beklommener ums Herz, je näher der Tag der Entscheidung rückte. Nur gut, daß ihre täglichen vielseitigen Pflichten sie am besten von ihren Gedanken abzogen. –

»Tante,« sagte Emma eines Tages, als sie ein Stündchen zusammen bei ihrer Arbeit saßen, »ich war endlich heute einmal drüben bei Schmidts.«

»Nun,« fragte die Tante gespannt, »wie hast du es dort gefunden?«

»Traurig genug,« meinte Emma. »Ich schämte mich, daß ich so lange Zeit hatte vergehen lassen, aber gleich nach Hildegards Abreise kam der verhängnisvolle Brief von Hermann, er hat mir alle Gedanken so eingenommen, daß ich ganz vergaß, mich nach der Frau Schmidt umzusehen. Sie ist sehr krank gewesen und auch jetzt noch bettlägerig, wenn auch außer Gefahr. Hildegard haben sie alles verschwiegen, denn kommen konnte sie doch nicht unter den jetzt obwaltenden Verhältnissen. Zu Ostern ziehen sie fort in einen entlegenen Stadtteil. Dann wird Hildegard wohl wiederkommen.«

»Ich kann's nicht aussprechen, wie tief mich diese Sache bewegt,« sagte die Professorin – »und doch – muß ich sagen, ist dies die beste Lösung. Hildegard bleibt viele Bitterkeit und Weh erspart, das früher oder später, wenn sie Herrn von Buchwald geheiratet, über sie hereingebrochen wäre. Sie wird die Neigung bekämpfen und später einsehen, wie gut Gott es mit ihr gemeint, daß er sie in der Sphäre ließ, wohin sie von Jugend auf gehört. Wie fandest du die Mutter?«

»Recht schwach. Sie sprach wenig, doch sagte Minchen mir, daß es bedeutend besser sei und sie hoffe, die Mutter zur Zeit des Umzugs wieder wohl zu sehen. Ich glaube, die Frau treibt es nicht mehr lange. Sie ist schwach auf der Brust, – noch einmal eine Lungenentzündung – und es ist um sie geschehen!«

»Sprachen sie von Hildegards Erlebnis?«

»Nein, sie umgingen es sehr geschickt. Sie ahnen gewiß gar nicht, daß wir es wissen, so habe ich mir natürlich auch nicht das geringste anmerken lassen. Es ist auch besser, wir mischen uns nicht in diese Familienangelegenheit, die Familie ist uns ja eigentlich ganz fremd.«

»Daß wir Fräulein Hildegard freundlich begegneten, ist mir nicht leid, obwohl ich sie nie aufgefordert haben würde, uns zu besuchen, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, was dieser Besuch nach sich ziehen würde,« sagte die Professorin.

»Und ich würde nie an Hermann den bewußten Brief geschrieben haben, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, was derselbe nach sich ziehen würde.«

»Kleine Ursachen, große Wirkungen,« sagte die Professorin. »Doch in allem waltet eine höhere Hand, die nicht nur die Geschicke der Völker, sondern die Wege des Einzelnen lenkt. Er wird's wohl machen.«

»Amen,« sagte Emma leise und blickte ernsten Auges gen Himmel.

 

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