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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Der Theateracker

»Else,« sagte Aldebaran an einem unwirschen Herbstabend, »höre, was der Rabe aus der Kiefer krächzt!«

Er legte ihr die Hand vor die Stirn und da konnte sie es verstehen:

»Die Köhlerfrau, ich weiß es genau,
Ging heute nacht auf Geisterschau.
Sie sammelte Kräuter und fahles Laub,
Ging durch die Gräser auf Blütenraub.
Sie wird wohl brauen die ganze Nacht,
Bis Flamme schreit und Tiegel kracht!«

»Nun, so ist's recht!« meinte Aldebaran, »da können wir ihr vielleicht für immer das Handwerk legen. Schleich dich um halb zwölf, heute nacht, ganz leise in den Garten! Wir wollen der garstigen Alten einmal einen Besuch machen und ihren bösen Gedanken den Weg sperren. Das wird für dich ganz lehrreich sein.«

Und so geschah es. Punkt halb zwölf stand Else bei Aldebaran und sie machten sich auf den Weg. – Hu! Wie war der Wald so schwarz, in den sie einbogen. Er war wie ein einziges dunkel-grausiges Nichts.

»Es ist ein bißchen unheimlich, Aldebaran,« flüsterte Else, sich dicht neben ihm haltend – »diese Finsternis zu schauen, – hu, zu denken, daß sie voller Leben, voller Bäume, Sträucher und Lebendigem ist und doch leer liegt wie ein verschlossener Sarg! Wärest du nicht bei mir, ich würde mich tüchtig graulen.«

»Elselein,« sagte Aldebaran, »ihr Menschen grault euch immer, wenn ihr in das Leere schaut, ihr fühlt eben erschauernd, daß es keine Leere gibt, daß alles insgeheim erfüllt ist. Der leere Himmelsraum, in den ihr euren unsichtbaren Äther setzt, macht euch in seiner Unergründlichkeit nicht weniger gruseln, als dieser dunkle Vorhang der Nacht, eben weil sie den Inhalt verhüllen. Aber sonderbar, sobald ihr den Raum erfüllt seht mit seinen ungezählten Wundern, die ihr doch erst recht nicht zu deuten vermögt, werdet ihr still und ruhig! Nur die Griechen kannten auch das Grauen im Licht. Mittags, wenn die Sonne schwer wie eine glühende Platte über allem lag – dann sagten sie, indem sie leiser gingen: ›Weckt ihn nicht, der große Pan schläft!‹ Den meisten ist das Licht der Mut, die Nacht die Angst.«

Es knackte leise, bald rechts bald links im Geäst, ein Huschen ging in den Zweigen umher wie Flüsterrufen von Diebsgesellen und Weglaurern; in dem Gras raschelte es schnell und drohend wie anspringende oder sich duckende Hinterlist. Es blitzten Lichtpunkte auf – das konnten ebensogut ein paar harmlose Glühwürmchen gewesen sein, aber es waren gewiß die grünlichen Augenspalten wilder Katzen oder verzauberter Wölfe. Da brach ein Ast – schrill klang einer Wildtaube Schrei so weh und erstickte so herzzerreißend in der Ferne oder im gefallenen Laub, daß es nur Todesrufen sein konnte. Irgend eine im Schlaf erschrockene alte Krähe begann über die Störung grob zu schelten. Windstöße umwirbelten die Stämme, und manchmal klopften Äste an Äste wie die Rachegeister ans Tor oder wie die Wächter zu einem Kampf mit Waffen.

Für kurze Zeit, als sie die Chaussee passierten, wurde es ein bißchen heller über dem Weg, der den Wald durchschnitt; aber in dem tiefen Grau, das der dunkle Himmel niederwarf, erschienen die helleren Chausseesteine wie Totenköpfe, die die Straße säumten, und der alte Wegweiser war ein Galgen. Allen Mut mußte Else zusammennehmen, um nicht Aldebaran merken zu lassen, wie sehr sie im Bann der Geisterwogen stand.

Aldebaran, in dessen Plan es lag, ihr schaurige Höhen und Tiefen der Menschenbrust zu offenbaren, nahm anscheinend gar keine Rücksicht auf das Gruseln Elses, erzählte ihr erst ein paar graulige Geschichten vom Leiermann auf dem Meilenstein, der an seinem abgeschlagenen Kopf Drehorgel spielte, vom Bübchen mit dem Klippklapp-Schädel, der sich von selbst öffnete, wenn er etwas nicht begreifen konnte, und die Geschichte vom klappernden Skelett, das hinterm Mühlrad saß – und als Elselein so recht ins Schuddern kam, da nahm er sie fester an sich und sprach im Weitergehen:

»Das alles, diese Geschichten, die Märlein, dieses Fadendrehen am Unheimlichen, schleicht nur wie ein fast wesenloser Schatten, den die euch verborgene Welt der wirklichen Geschehnisse und das ferne Rollen des Zukünftigen sowie das Ausschwingen des Rades des Vergangenen in eure Menschenbrust wirft. Es ist wie ein Bemerken ohne Aufmerksamkeit, ein Echo ohne Laut, ein Schweben ohne Segel und Steuer, wenn ihr im Banne der Wirkung von Mächten seid, die ihr nicht kennt. Im Grunde dem Lichte sehr verwandt, spielen sie auf eurer Orgel im Gehirn wie Geister um Mitternacht in der verschlossenen Kirche. Verwandt dem Traum und seinen Schwanenschwingen, rennen solche Gedanken blitzschnell im Käfig eures Kopfes ängstlich hin und her wie tausend weiße Mäuse in der Falle. Es braucht nur die Sonnenzone eurer Seele, die das Gegenwärtige beleuchtet und euch erkennbar macht, abgedämpft oder geblendet zu sein, da huschen, wie ja auch im Traume, die unglaublichsten Gestalten und Begebnisse hinter der Gardine eures Bewußtseins hin und her! Kein Mensch hat seinen Traum, solange er träumte, schon einmal für unwirklich gehalten; im Gegenteil, er kann sogar wissen, daß er träumt und sieht doch die inneren Spiegelbilder seiner Phantasie für volle Wahrheit an. Jedes sogenannte Wunder verliert seinen verblüffenden Reiz, wenn es sich oft wiederholt; die Gewohnheit mordet das Wunder, die scheinbare Erklärbarkeit würgt die schönen Rätsel. Der Regenbogen dünkt euch deshalb nur so schön, weil er so selten und immer noch wieder verschwunden ist, und wenn ihr zu wissen glaubt, wie er zustande kommt, wie die Lichtreiterchen in ihm sich in bunte Schwadronen aufteilen – so hat er schon etwas eingebüßt von seiner zauberhaften Schöne. Die Menschen, welche gar nichts wissen wollen von all den dummen Berechnungen eurer Gelehrten, brauchen nicht alle Tölpel zu sein: es gibt viele feine Seelen unter ihnen, die das Schöne und Gute so herzlich lieb haben, daß sie gar nicht wissen mögen, wie das alles zusammenhängt. Es ist sehr sinnreich, daß der Schwanenritter Lohengrin davongehen muß, weil Elsa wissen will, woher er kam der Fahrt und wie sein Nam' und Art. Der Zauber stirbt am Fragen. – Immerhin, über die geheimnisvollen Dinge, die häßlich sind, schädigend, verwirrend wirken und im Dienst des Schlechten nach Erlösung schmachten, mußt du das Nötigste wissen. Wie im Traum der Schläfer alles für ganz wahrhaftig nimmt, so gibt es auch andere Zustände, Halbschlaf, Traumwachen, Schweben der Seele zwischen Aufmerken und Versunkensein, die die Menschen schon sehr in Verwunderung und Entsetzen gehetzt haben. Die armen Wesen, welche als erste Offenbarer solcher abweichender Seelenzustände von der immer aufs neue summenden alten Spinnerin Natur in die Welt gesetzt wurden, haben als Opfer fallen müssen: als Hexen, als Unholde, als Teufelsbündler. Dann kommt die Zeit, wo man sie wie Kranke behandeln wird, bis man erkennt, daß auch sie den Menschen neue Wunder bringen, und dann wird wieder, sobald man sich's klarmachen kann, das Wunder zur Alltäglichkeit entthront. Denn es wird eine Zeit kommen, wo Dinge, wie zweites Gesicht, Geistererscheinen, Voraussagen usw., gar nicht so ungeheuer selten sein werden wie heute, und trotz vieler Betrogenen und Betrüger wird sich zeigen, daß in ungeheuren Zeitläufen der Mensch sich zunächst an einer Stelle unaufhaltsam steigert: im Geistigen.«

Sie kamen an eine große Lücke im Wald. Brachland lag nach rechts ansteigend da, das im fahlen Licht der Nacht wie eine große Platte Blei erschien.

»Jetzt, Else, setz' dich, merke auf und fürchte dich nicht! Ich treibe dich jetzt in einen Zustand, daß du dich hier ganz körperlich am Waldrand sitzend fühlen wirst – und mich neben dir; du kannst mich und dich sprechen hören und fragen, und doch wirst du in Wirklichkeit schlafen. Das macht ein bißchen Saft von dieser Beere hier, die ich im Grase pflückte. Iß sie! Und schau vor dich: dort ist die Bühne deiner Träume! Hast du's verschluckt? – Ein Weilchen, ich spann' schon deiner Träume schöne Schmetterlinge und Sammetfalter an den Nebelwagen. Steig' ein!«

Das Gift fing an zu wirken. Das Licht überm Acker zog sich zu kleinerem Kreis zusammen, aber groß genug, um für eine Riesenbühne zu gelten.

Aldebaran gab nur ein Stichwort.

»Die Köhlerfrau!« – –

Da sah Else plötzlich im Bilde die Alte hocken über Dreifuß und Pfanne, die welken Lippen wisperten, die dürren Hände rührten Reisig und Löffel, die kleinen Mausäuglein stierten in den aufsteigenden Dampf.

»Geh' zu ihr!« flüsterte Aldebaran.

Wie erstaunte da aber Else und rief: »Aldebaran, ich stehe ja in ihrer Stube und bin doch dicht bei dir! Gibt es denn zwei Elsen?«

»Still, gib ihr das Gold!«

Else im feuchten Gras, Else, die Aldebaran neben sich sah, Else, die fortblickend vom Zauberrahmen des Ackerfeldes jeden Baumstamm unterschied, die nach ihrem Schürzchen, nach ihren Beinchen, nach Kopf und Nase faßte und alles an Ort und Stelle fand, dieselbe Else sah sich im Lichtfeld über den Bodenkrumen stehen, mitten in der alten Möller Braustube und sah sich ihr eine Handvoll Goldstücke in die Runzelhände legen.

Noch nicht genug des Wunderbaren! Else, die Aldebaran sagen hörte: »Sie spricht!« hörte auch schon die Alte rufen:

»Ei, du kleine Lichtbraut! Hab' ich dir's nicht vorausgesagt, mein Goldspindelchen, mein Lockenschwänzchen, – der Prinz wird kommen und die alte Möller muß katzbuckeln und demütig bitten um Gunst und Gnade! Ah! Du kommst mich zu besuchen? Schon recht, schon recht! Was willst du sehen?«

»Lohengrin,« – flüsterte Aldebaran, und sofort hörte Else sich mit eigener Stimme das Zauberwort der Alten wiederholen. Die Alte rührte in dem Tiegel, daß hoch der Dampf aufschoß, und als er sich legte, war's ein Fluß mit bergesgrünen Ufern, eine Halde, bedeckt mit einem Heer von gepanzerten Edlen, der König auf dem Throne und Elsa vor ihm betend. Nicht lange – ein Schwan und im Nachen aufrecht in silbernem Harnisch und Schild der Gralgesandte!«

»Schluß!« rief Aldebaran. – Das Bild war dahin.

Ohne Pause rief der zaubernde Freund:

»Paradies!« – –

Mit einem Schlage wuchsen Palmen aus dem dürren Plan, sanft schwellende Wiesen breiteten sich, schöne Agaven schatteten, hohe Blumenstauden standen um einen Bach. Tiger, Lämmer, Löwen und Rehe glitten durcheinander, die werdend, jene ihre Jungen fütternd. Ein nacktes Weib stand im Fluß und schöpfte Wasser hoch; aber ohne Eimer. Die Finger hielten schwebend die kristallene Kugel, am Bachesrand reckte ein Mann die Hände nach dem zauberhaft geformten Naß.« – –

»Christ stirbt,« flüsterte Aldebaran. – – Das schöne Bild war dahin. Drei Kreuze schwebten hoch überm Acker. Inmitten Jesus mit blutender Stirn. Aus seiner Seite troff sein Leben. Rechts und links die schrecklich leidenden Bereuer. Kriegsvolk. Die Frauen. Eine schöne Stimme, weich wie Abendglockensummen durch die Dämmerung, sprach: »Wahrlich, ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!«

Fort war das Bild.

»Siehst du, Else!« sagte, sie aufrichtend und mit ihr weiter wandelnd, Aldebaran, »so könnte ich dir die ganze Welt in Bildern zeigen. Durch dies Beerengift ist dein Köpfchen merkwürdig verändert, deine Phantasie rollt wie auf Zauberrädchen immer genau dahin, wohin ich sie mit meiner goldenen Peitsche treibe. Ich spiele auf deinem Gehirn; trotzdem du zu wachen glaubst, leite ich deinen Traum. Doch ich kann nur aus deinen eigenen, winzigen Bausteinen der Erinnerungen den kleinen Guckkasten da drinnen beleben; die Bilder bleiben aber nicht wie im Traum bei dir da drinnen, sondern sie fielen aus deinen Äuglein auf jenen Acker wie auf eine belichtete Wand. Dein eigenes Glockenspiel der Phantasie spielt, nicht das meine, und so kommt's, daß das, was du für Frau Möllers Zimmer hieltest, es gar nicht war! Wir werden ja heute noch schauen, wie anders es ist. Es erschien dir nur, wie du es dir denkst, nicht wie es ist. Aus Brocken spinnt die Phantasie, wie die Spinne ihr leuchtendes Netz. Ja, sie ist Netz und Spinne zugleich, und ganz andere Teile deiner Seele zeigen dir doch dabei noch die Außenwelt der Gegenwart. Das ist der Dämmerschlaf zwischen Gegenständlichem und Gedachtem, ein ewig Brückenschlagen und Berühren, ein Traum, den du für wahr nimmst und kannst doch dabei schwören, daß du wachst. Dann laufen eine Zeitlang Wirklichkeit und Phantasie nebeneinander: ein Karrengaul und ein Pegasus, die sonst immer umschichtig und wechselnd sich auf dem Weideland deiner Seele tummeln. Wer dies Geheimnis kennt und weiß, wie diese Gifte wirken, kann viele Menschen betrügen, nasführen, fanatisch und verwirrt machen. Denk' an die indischen Fakire, die geheime Dünste kennen, aber auch die mit Speise und Trank verschluckten Phantasiegifte, welche die Register deiner Seele (Real und Ideal werden sie genannt von gelehrten Orgelspielern) durcheinanderschieben. Da brauchen die Gaukler denn die also Vorbereiteten nur mit Vorstellungsrichtungen und -anfängen (der gelehrte Orgelspieler sagt mit Motiven) geistig anzurühren, und die armen dreimal Klugen sehen alles, was sie nach Maß ihrer Einbildungskraft sehen können. Noch andere vermögen vielleicht auf rein seelische Weise mit einer besonderen Stärke ihres Willens ohne Hilfe von Giften oder Dämpfen solche Brillenverschiebungen zu erzwingen: ich sage dir aber, selbst wir Wissenden sind nicht ganz sicher, ob nicht auch dabei ein bißchen versteckter Hokuspokus ist. So kann man viele Fakirkunststücke auflösen in Phantasiezwang beim vorbereiteten Verschieben von Wirklichkeit und Traum. So ging einmal ein spindeldürrer Fakir durch einen dicken englischen Major hindurch spazieren. Der hatte ebenso wie ein Dutzend den Fall beschwörender Zeugen von scheinbar harmlosem Abendbrot des Inders gekostet. So spielte ein Matrose einst mit einem Schiffsarzt, die beide vom indischen Haschischgift geschluckt hatten, mit Sonne und Mond und allen Sternen Gummiball überm Meer als wie über einen Parkettboden, und so wächst wohl ein Baum durch die Mauer eines Indiers, wenn er nämlich vorher den Zuschauern heimlich gelöste Säfte in ihre Gedankenschalen gab, aus der die bunten Blasen steigen.

Ja, die Phantasie, diese Regenbogenkönigin – man weiß nicht, ist sie mächtiger am hellen Tage oder im Schatten der Nacht! Sie ruht nimmer. Denn sie ist die Gespielin des Gedankens und die Weggenossin des Nichtdenkens. Sie springt, beide zu bedienen, diese Königstochter im Hofhalt der Seele; kann doch mit ihrer Hilfe das Geistige Gestalt annehmen! Man nennt sie krank, die armen Wesen, welche beim Gedanken an eine Biene schon ein geschwollenes Auge bekommen oder gelähmt werden in dem Augenblick, wo man ihnen sagt, ihre Freundin habe plötzlich eine Lähmung erlitten – aber hier ist doch nur die Phantasie eingebrochen in die Zäune ihrer Leibesgewebe und hat, schöpferisch, wie sie ist, das Körperliche gewandelt. So wird man einst noch zugeben müssen, daß das Geistige sich trotz aller Zweifel verkörperlichen kann, und ehe das nicht alle begriffen haben – Beweise dafür sind immer nur sehr spärlich und andeutungsweise vorhanden gewesen – wird man auch das Wunder der Welt nicht verstehen: es ruht in der Macht einer Gottesphantasie, die wesenlos das Wesenhafte gestalten konnte. – Ihr Menschen müßt erst durch und durch die Welt der Erscheinungen ausstudieren, ehe ihr an diese schwere, gefährliche Stromschnelle von Unsinn und Tiefsinn gelangt, aber auf dem Wege dahin wird schon genug geschehen zum Augenaufreißen und Mundaufsperren. Lernt ihr erst die unsichtbaren Lichtgeister kennen, so werdet ihr schon begreifen, daß auch von Gehirn zu Gehirn Wunsch und Wille, Gedanken und Empfinden reicht, wie ein luftig unsichtbares Fluidum; daß es geistige Schnürchen gibt, die Seele in Seele bannen und oft zusammen erzittern lassen, wie es goldene Nabel-Stricklein gibt, die Mutter und Kind für ewig zusammenhalten. So wirkt die Treue und alles Geistige über Tod und Grab.

»Halloh! Jetzt sind wir vor dem alten Köhlerhäuschen. Schau' einmal ins Fenster!«

Da sah Else die Alte wahrhaftig am Herde stehen; aber es sah alles ganz anders aus, als sie's sich gedacht und wie es ihre Phantasie ihr auf dem Theateracker gewirkt hatte.

Aldebaran sagte: »Bleib' hier stehen, Else! Ich gehe zu ihr. Du kannst durch die schlecht schließenden Fensterflügel alles hören, was ich ihr zu sagen habe. Ich muß mich verwandeln.« – Da sah Else einen alten Pilgersmann zu der Köhlerfrau ins rauchige Stübchen treten. Als die Frau ihn kommen sah, erschrak sie sehr und sank in die Knie.

»Ja, Marthe, ich bin's!« hörte Else den Greis sagen, »ich komme in meiner Todesstunde zu dir. Ich habe ausgebüßt. Es ist doch wahr. Ich habe den jungen Förster erschossen und auch den Juden im Tann erschlagen. Ein höherer Richter macht die Zuchthaustüren auf. Laß du all deine Gaukelei und mach' die Menschen nicht dumm! Brau' deine Kräuter und hilf den Kranken! Sprich Trost und lindere ihre Leiden! Ich flehe dich darum an um deiner Seele willen.«

Er küßte ihr die Stirn. Die Alte schluchzte am Boden. Aldebaran kam zurück und war wieder bei Else – ein Fürstensohn des Lichtes.

Seit jener Zeit ging eine große Veränderung mit der alten Möller vor.

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