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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII.

Elselein wird kein Wunderkind

Viele Monate, fast zwei Jahre weilte Aldebaran nun schon bei Else. Im Hause des Försters waren große Veränderungen vorgegangen. Der Wohlstand wuchs nicht nur, weil Aldebaran des Öfteren große Bernsteinstücke den Suchenden in die Hand spielte, er hatte ihnen auch sonst wachsende Quellen einer reichlichen Einnahme erschlossen. So zeigte er Else eines Tages auf freiem Felde ein Stück schön weißen Kalkes und sagte:

»Auf diesem Boden, über den wir wandern, ruhte einst das Meer, und in ihm schwebten Milliarden ganz kleiner Muscheln- und Schalentiere, so viele, daß Jahrtausende hindurch die Meere davon erfüllt waren wie mit Kalkschlamm, und im Sonnenuntergang, im Widerschein aller der kleinen Kalkspiegelchen ihre Wellen wie wallende Rosenblätter hoch in die Luft schlugen. Dieses ganze, in seiner unendlichen Masse geradezu unausdenklich weit und tief das Meer beherrschende Volk wurde einer der größten Baumeister des Lebens. Sie bauten auf steinigen Grund sich selbst ein feierlich heiliges, ungeheures Grabmal in den Grund der See. Jedes Tierchen ein Steinchen, jedes Steinchen ein Bröckelchen, eins zum andern bis zu unaussprechlichen Zahlen geschichtet, entstanden hier unterirdische, weiße, erstarrte Meere an Stelle der abgeflossenen, teils verdunsteten, teils verschobenen und durch Bodenhebung verlegten See. Oft so mächtig, daß man hineingrabend in diese weißen Truhen der Erde meilentiefe Höhlen bauen könnte, in denen die schneeigen Wände emporragten wie weiße Riesenblätter eines Buches, in das die Natur wundersame Geheimnisse, manch Wiegenlied ihrer Geschöpfe, aber auch die traurigen Sagen vom Untergang und Tod gewaltiger Vorwelten geschrieben hat.

Wollen wir solch eine unterirdische Wunderwelt herausschaffen, Elselein? – Bring' dies Stück Kalk vom Acker deinem Vater! Er ist ein erdkundiger Mann, er wird schon wissen, was damit anzufangen ist.«

Und so geschah es. Eines Tages fuhr der Förster in die Stadt und kaufte ein großes Stück Ackerland, nachdem er mit vieler Mühe in diesem Teil des Feldes durch Bohren in erhebliche Tiefen das Kalklager abzugrenzen suchte. Dann kam eine staatliche Kommission, die gab ihm die Bohrgerechtigkeit und die Erlaubnis zur Anlage einer Kalkgrube, die sich im Laufe der Jahre zu einem gewaltigen Bergwerk ausbildete, in der Hunderte von Arbeitern mit der Hacke aus der weißen Erde ihr Brot gruben. Viele Reihen von Wagen förderten den weißen Bausand zu einem großen Feuerofen, in welchem der Kalk gebrannt wurde und so sein Baumeistergewerbe aus uralten Zeiten wieder aufnahm an der Hand der Menschen.

Denn also gebrannt, kam er in Tonnen auf einer Flottille kleiner Jachten verladen weit ins Land. Hochberühmt wurde der Inselkalk, der mit Wasser und Steinsand gemischt den erstarrten, felsigen Kitt der Bauziegel und Mauersteine bildet.

»So lernen die Menschen überall«, sagte Aldebaran, »die naturgegebenen Fähigkeiten der Erde zu ihrem Vorteil und Glücke auszunutzen. Sie heben all die kleinen Zwergbaumeisterchen, die sich scheinbar längst zum ewigen Todesschlaf in den Leib der Erde niedergelegt und ihre Kampfschildchen aus Kalk zu Gebirgen übereinander gehäuft hatten, zu neuem Leben, ja zur Vollendung ihres unsterblichen Willens und erwecken sie aufs neue zur Erfüllung ihres Geistes zur Arbeit. So ist der Mensch in allen Schichten der Luft, des Meeres, des Wassers, selbst des Feuers herumspähend, ein Weckeprinz der Fähigkeiten und Vollstrecker geheimster Gedanken und schlummernder Möglichkeiten der Natur geworden.«

Es sprach sich natürlich herum im Lande, daß Else das Kalkstück gefunden und Anregung zum Bau der reichen Grube gegeben hatte, und die Bewohner der umliegenden Dorfschaften wollten sie alle gesehen haben, um sie auf ihre Gehöfte zu führen und sie suchen zu lassen, ob nicht auch ihnen das Schicksal irgend so eine Glücksquelle im Geheimen unter den Füßen sprudeln ließe. Sie besuchte mit Aldebaran viele Bauern der Insel und, wenn sie auch nicht überall Bergwerke entdeckte, so wußte sie mit Aldebarans Hilfe doch für beinahe jeden einen guten Rat, sei es für Wasserversorgung, Quellenentdeckung, Viehkrankheit und Tragfähigkeit der Felder, sei es für Hof- und Gartenverbesserungen.

So ward sie bald berühmt.

Die schlichten Leute des Landes sahen in ihr einen Segen für ihr Land und liebten und verehrten das immer schöner und stattlicher heranwachsende Elselein von ganzem Herzen. Namentlich seitdem der Pastor aus Seldin, der anfangs etwas mißtrauisch den außergewöhnlichen Kenntnissen Elses gegenüberstand – Pastoren wittern leicht eine von ihnen arg überschätzte Macht des Teufels – nach einer langen Unterredung sie als eine »herrliche kleine Menschenblüte und von rechtem Glauben« befunden hatte. Aldebaran, der ihr Herzchen und Seelchen wie zwei willige Schwäne an goldenen Zügeln lenkte, wußte es schon so einzurichten, daß, wer mit ihr in Berührung kam, das Gefühl einer stillen Weihe, ja der wundersamen Andacht und mancher Herzerquickung empfand.

Aldebaran selbst aber war überrascht, als er eines Tages ihr die ersten Lektionen über das Wesen der Musik an Piepkorns großer Kirchenorgel gab.

Sie hatten sich in Abwesenheit des Dorfkantors einmal auf die Orgel geschlichen, und Else hatte mit Staunen die dreiteilige Klaviatur, die blinkenden Säulen der gereihten Orgelpfeifen erblickt und die Pedale, diese tiefen Trittbretter der Tonriesen zum Aufschwung in das himmlische Reich bewundert. Aldebaran machte ihr alles verständlich und ließ sie niedersitzen auf dem Querbock, von wo aus Else den alten Piepkorn so oft bei der Lithurgie beobachtet und dabei stets gemeint hatte, Piepkorn schwämme seligfroh auf einem verlorenen Brett im Meer der Töne und rudere, mit Armen und Beinen unaufhörlich schaufelnd, irgend einer Insel der Seligen zu. Nun saß sie selbst auf der kleinen Kommandobrücke – aber die See vor ihr lag still und ernst und zeigte ihr den tiefen Grund, aus dem die Tasten wie weiße und schwarze Steinchen und die Pfeifen wie ein Röhrenwald von silbernen Schachtelhalmen emporblinkten.

Indem Aldebaran hier und da ein paar Tasten niederdrückte, um ihr schnell kraft seiner Geistereinsicht das im Grunde einfache Gesetz der Tonverbindungen klarzumachen, war es, als wenn ein leise einsetzender Wind über das Meer fege; bald sprangen viele der aus allen Ecken gescheuchten Windgeister mit hinein und plötzlich, als Aldebaran mit überirdischen Fingern den Grund dieses Meeres durchwühlte – wie eine liebende Hand das Lockenhaar – war es, als brause ein Orkan über die Tonflut und mache den heiligen Wald der Säulen in der alten lieben Dorfkirche erbeben. Else konnte der Lust nicht widerstehen und machte es Aldebaran mutig nach. Da aber erstaunte dieser eben auch bis in sein Herz: denn Else, die einen tief eingewurzelten Sinn für Musik hatte – was man so Talent nennt, ist ja der Ausdruck dafür, daß manche Leute von selbst können, was andere nie so recht lernen – spielte frei und ganz richtig mit den schwarzweißen, singenden Fähnchen der schwebenden Luft, daß es ordentlich lieblich klang, wie sie die kleinen Geister der Töne zum Reigentanz antrieb. Nur ihre noch zu kurzen Beinchen und die gestreckten Füßchen erreichten nicht die Leitern der Tiefe. Da mußte Aldebaran mithelfen und den richtigen Baß finden. Das ist auch beinahe das Schwerste in der ganzen Musik; auch der Geist der Musiker gebraucht dazu lange und wohl zu setzende Beine, um bis zur Fundgrube des besten Geschmacks vorzudringen.

Als Else nun grade in vollem Spiel war, ging die Kirchentür auf und Piepkorn starrte zur Orgel. Vom hohen Chor konnte er zunächst niemand erblicken; als er aber die mit Sammetdecken belegte Kanzeltreppe atemlos hinaufgelaufen war und Else erkannte und mit mächtigem Staunen ihren schönen Kinderliedern lauschte – wobei er besonders die herrliche Führung des Basses wohl bemerkte – da brach dem kinderlieben Mann beinahe das Herz vor großer Rührung. Er betete. Dann kam auch der Pastor gelaufen und die beiden Frauen und schließlich schob sich vieles Dorfvolk in die Kirche; selbst der alte Karrengaul des Handelsmannes Aßmann, der die Dörfer bereiste, steckte schnuppernd die Nüstern in die offene Kirchentür; es war ihm zu verwunderlich, daß der alte Knabe endlich einmal in die Kirche ging und ihn hier, ohne die Stränge zu lösen, allein stehen ließ. Das war beides noch nicht vorgekommen die zwanzig Jahr, die er bei seinem feilschenden Herrn im Geschirr ging. Der verwunderte Gaul sah durch die Spalte alles, tief ergriffen von dem schönen, schlichten Spiel Elses. Der Pastor kam, als sie schließlich aufhörte, dem Wunder noch am nächsten, indem er Piepkorn zuflüsterte:

»Nicht wieder find' ich hier die Erdenspur –
Hier führt ein Höherer die Hand, sie folgt ihm nur!« –

Das war nun ein Ereignis, welches Elses Ruhm noch mehr zu steigern wohl geeignet war, und der Schulmeister riet dem Förster ernstlich, das Kind in die Stadt zu geben, es ausbilden zu lassen, auf daß sie eine Meisterin in der großen Welt werde. Eben jetzt durchziehe alle Lande ein Geigenkönig, Piepkorn meint Paganini. dem Gold und Ehren nur so in Strömen zufließe, ein Mann, der den Hexensabbat und das Hohe Lied der Engel zugleich auf der Violine spielen könne. Seiner Meinung nach würde Else die höchsten Höhen der Kunst ersteigen können, denn solch eine natürliche Begabung sei ihm noch niemals vorgekommen. Sie sei ein Wunderkind.

Da spannte Aldebaran einen von ihm oft gebrauchten kleinen Mechanismus in seiner Seele an, welchen Menschen manchmal, aber selten, höhere Wesen jedoch immer bei sich haben, der wie eine strahlende Platte Funken sendend auf Antrieb der kleinen Ingenieurgeisterchen hinter dem Vorhang seiner lichten Gedanken schnurrte und kurbelte. Dann wirken Gedanken wie Brieftauben in die Ferne und vom Taubenschlag der einen Seele zu dem einer anderen. Eben schlugen die kleinen Gespensterflügel an des Pastors Schaufensterchen des Verstandes – da sprach er auch schon ihre Geheimschrift nach:

»Lieber Förster! Folgen Sie nicht dem gutgemeinten Rat Piepkorns! Wunderkinder sind kein Segen – für niemand! Sie gehen fast immer zugrunde. Solche Dinge sind zu selten einer Steigerung fähig, sie zeugen von zu früh erklommenen Höhen. Die Wunderkinder sind alle – frühe Greise. Sie erreichen das Höchstmaß ihrer Fähigkeiten – übrigens auf dem Wege von Bildungsfehlern im Mechanismus ihres Seelenschalters – allzu frühzeitig, man kann sie ebensowohl ›frühe Alte, Wundergreise in Jugendgestalt‹ nennen. Habt acht, Förster! Folgt dem braven Piepkorn diesmal nicht, es gibt sonst eine Enttäuschung! Else ist euch hier mehr zunutze, – denkt nur an das Kalklager! – als in der großen Welt auf dem hohen Seil und dem Parademarkt.«

Das war so überzeugend gesprochen, daß der Förster dem Pastor dankte für den guten Rat und Piepkorn kopfschüttelnd davonging.

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