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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Die Glockenläuter-Gesellen

Der Förster saß unwirsch am Tisch und starrte qualmend in den Lampenschein. Ihm war nicht behaglich zumute. Der neubereitete Punsch hatte die leise erwachte und beständig summende Stimme des Gewissens nicht zu betäuben vermocht. Immer von neuem kreisten die oft verscheuchten, aber wiederkehrenden unbestimmten Sorgen um einen Punkt seines Herzens wie ein Schwarm verflogener Tauben über dem vom Sturm jäh geschlossenen Schlag. »Laß sie ein, Förster, die lieblichen Boten einer zarteren Welt der Lüfte, die Sendlinge des Himmels, deren aller Brust zugleich aufleuchtet im Sonnenglanz, wenn sie wie auf Kommando schwenken gegen das Licht im seligen Fluge! Laß sie ein, Förster, in dein hartes Herz! Sie haben dir etwas zu gurren und zu surren!« – Immer lebhafter stürmten weichere Gedanken auf den harten Mann ein und umschwirrten ihn immer wieder auf's neue, wie er sich auch dagegen wehrte. Da war es ihm plötzlich, als riefe etwas ganz leise in seiner Brust den Namen seines verstoßenen Kindes. Er sprang auf. Der Taubenschwarm aller guten Geister stieg jubelnd auf und nieder. Er eilte zur Tür und schob eilig den Riegel zurück. Da kniete schon Elselein vor ihm und küßte ihm die Hand.

»Vater! vergib mir!« – Aldebaran aber, von ihm ungesehen, machte ein heiliges Zeichen über seinem Herzen und siehe! – dem Förster wurde absonderlich weich zumute. Er hob das Kind empor und drückte es an sich. »Es ist schon alles gut, Else,« sagte er mit einer von dem Kinde süß empfundenen Innigkeit seiner rauhen Stimme. Hinter der Türe aber stand die Mutter und wischte sich die Augen. Die beiden Eltern fühlten eine ihnen bis dahin ganz unbekannte Rührung. Sie haben es sich später oft gestanden, wie sonderbar sie der Augenblick durchschauerte, in dem zugleich mit Elselein das helle Mondlicht wie ein lebendiges Wesen voller Glanz in den Flur geflossen kam. Es sei gewesen, als hätten sie ganz deutlich in der Bahn des Strahles eine frohe Botschaft, eine Ankündigung von kommendem Glück und großer Freude gelesen. – Die Mutter küßte das Kind, streichelte es über Haar und Wangen und sah ihm immer wieder in die großen, blauen, verweinten Augen, aus denen es so sonderbar hell leuchtete, und wendete sein Köpfchen forschend hin und her, so lieblich umwehte ihr Kind der Glanz des Glückes, den Aldebarans Zauber spann. – »Nun geh, in dein Bettchen! Schlaf' dich aus, mein Kind!«

»Aber mit mir muß – –,« o weh! – fast hätte sie sich verraten und Aldebarans Name wäre ihr entschlüpft, wenn dieser nicht schnell ihr die Lippen geschlossen und ernst mit dem Finger gedroht hätte. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie die Treppe hinauf zu ihrem Bettchen. Seine Hand fest in die ihre schließend, lag sie still und nachsinnend. Aldebaran nickte dem Vorspiel ihrer Träume zu.

Seine neugierigen Sternenbrüder aber sahen schon die ganze Zeit über mit langgestielten Äuglein durch das kleine Fenster in die Bodenkammer hinein und wollten so gerne beobachten, was Aldebaran nun beginnen würde. Der zupfte auf ihren, wie silberne Saiten gesponnenen Strahlen ein leises Lied vom kommenden Glück. Dann machte er sich allerhand zu schaffen. Erst klopfte er auf das harte Stroh und den rauhen Bettsack aus Segeltuch. Da wurden sie weich und zart wie schaumige Wolkenballen, und Elselein war es im halben Traum, als trüge sie ein weißer Wanderwolkenkahn still über ein blaues Meer; dann schüttelte er leis ihr Kopfkissen und allsogleich flatterten unzählige weiße Schmetterlinge um ihr Köpfchen, die sagten mit Flüsterstimmchen alles, was sie wissen sollte, Zahlen, Namen, Religionsgeschichten und Gesangbuchverse, die sie niemals sonst behalten. Ihr war's, als flögen ihr die klugen Gedanken nur so zu wie kleine Falter und spielten in der blauen Luft Wechselspiel von Frage und Antwort. Da gab es nichts mehr, was sie nicht auch hätte beantworten und hersagen können. Nun machte sie plötzlich ein trauriges Gesicht. Gleich einem dunklen Vogel fiel in ihre lichten Reigen der schwere Gedanke, daß sie vergessen habe, wie allabendlich ihr bei Tag zerrissenes Gewand, ihre Strümpfe und die Schürze zu flicken. Fast wäre sie vor Schreck erwacht. Aldebaran aber, der in ihren Träumen las, drückte sie sanft in die Kissen zurück, nahm ihre zerfetzten Kleidchen und nähte alles langsam und bedächtig mit Sternenseide, setzte Flicken und Latzen aus blauem Himmelssammet und Rasengrün. Da lachte Elselein im Traum und schlief bis zum frühen Morgen.

Aldebaran weckte sie. Die Stunde war gekommen, der Mutter in der Wirtschaft zu helfen. Wie erstaunte sie, als sie ihre Sachen nahm. Kein Löchlein, kein loser Faden war daran. Und die Röckchen! wie sauber geflickt und fein gefaltet und alles so frisch und neu, wie eben aus der Stadt gekommen! »Das hast du gemacht, ich hab' es wohl gesehen, Alde – Alde – ja wie heißt du doch? Ach! ich habe deinen Namen vergessen!«

»Aldebaran« –

»Das ist furchtbar schwer zu behalten!«

»Nenne mich nach dem Liebsten, was du kennst!«

»Mein Liebstes heißt Peterchen!«

»Wer ist das?«

»Die schöne Katze!«

Aldebaran nickte –

»Darf ich dich mein Luftpeterchen nennen?«

»Mir ist es recht, Else. Ich bin und bleibe also dein Luftpeterchen. Sprich diesen Namen aber nie vor anderen aus! Kein Mensch darf ohne meinen Willen wissen, daß ich bei dir bin!«

»Luftpeterchen! Luftpeterchen! Liebes Luftpeterchen!« rief Else und klatschte in die Hände. »Ich muß jetzt hinab! O weh! wenn ich nur nichts zerbreche!« – »Laß mich nur machen, Else, ich gebe acht!« Da ging ihr alles von der Hand, und wenn sie ja einmal mit einer Tasse oder Kanne schwankte, oder ein Topf fast schon am Boden lag, griff ihr unsichtbarer Knappe schnell zu und rückte alles in die Reihe. So gewann sie schnell Zutrauen zu sich und ließ die Furcht vor ihrer Ungeschicklichkeit: das ist der halbe Weg zur Meisterschaft in allen Dingen. Wie sie die Mutter so hantieren sah, stieß sie den Förster heimlich an und sagte ein über das andere Mal: »Sieh nur die Else! Wie die schaltet und waltet! Das Kind ist ja wie ausgewechselt!« »Soll mir schon recht sein,« meinte der Förster. »Mir hat zudem geträumt, die Else bringt uns Ehr' und Gold ins Haus!«

Nun war es Zeit, zur Schule zu wandern. Eines schönen Herbsttages Sonnengold leuchtete durch den Wald; der Weg war gefleckt mit Lichtaugen und überstreut mit bronzenen Blätterscheiben. In den Gräsern und Halmen blitzten die Steinchen aus dem Diamantenschmuck der schönen, morgenjungen Erde auf, und die Blätterharfen sangen leise das Lied vom werdenden Tage. – Ihr Ränzlein auf dem Rücken, schritt Else dahin.

»Wie schön ist's heut!« sagte sie.

»Ja, Kind, des Tages Spinnstuben sind aufgemacht,« erwiderte Luftpeterchen. »Die Sonne hat viele goldene Schlüsselein! Sie schloß die Blütenkelche auf wie den Vöglein die Augen, sie rührte an schlafende Spinnen, Käfer und bunte Fliegen mit vielen, feinen, kleinen Fingern, nun summt es und surrt es in Luft und Boden. Jetzt pumpen die kleinen Pflanzengeisterchen die köstliche Feuchte in Gräser und Stämme empor, nun wandern Ameisen zur Arbeit, und die Vogelmütter fliegen auf Beute. Alles geht ans Werk. Nicht nur ihr Menschen, auch die Natur, auch alle Geister arbeiten! Die ganze Welt hat ein und dieselbe Morgenglocke: die Sonne!«

»Aber Peterchen! Die klingt doch nicht!«

»Du wirst sie schon noch einmal hören! Wart' nur!« –

Nun bogen sie aus dem Waldweg in die Chaussee ein, die sich weit vor ihnen ausdehnte wie ein weißes Band.

»Ich fürchte mich immer sehr vor der Schule, Luftpeterchen!« begann Else, in die Ferne blickend, wo sie weit, weit dahinten die Stätte ihrer größten Leiden gleichsam auf sich warten fühlte.

»Von nun an wirst du gerne zur Schule gehen!« erwiderte Aldebaran, »du wirst bald einsehen, welche Schätze das einfachste Wissen vor dir ausbreitet! Schau einmal her!«

Er setzte sich auf einen Chausseestein, nahm ein trockenes Reis und zeichnete etwas in den Sand. Das sah so aus:

»Sieh', Else! Mit diesen vier Linien ist es eine geheimnisvolle Sache. In ihnen ist jede Zahl und jedes Wort, jegliche Ordnung und jeglicher Sinn, jeder Name, jeder Satz, das Höchste und Herrlichste, das Schlimme wie das Gute enthalte«.«

Elselein machte ein verblüfftes Gesicht.

»Gleich wirst du es erkennen!« fuhr Luftpeterchen fort. Ich ziehe nur noch ein paar Querlinien in das Viereck, – schau her:

»Hier stehen alle Zahlen, die es gibt: von 1–9!«

»Wie das?« fragte Else.

Luftpeterchen zeichnete in den Sand:

»Sieh! Jede dieser Zahlen kannst du im Viereck finden und ihre Linien nachziehen, jede Zahl ist buchstäblich ein Teil des einfachen Vierecks.« Jetzt zog er jede Zahl in den gegebenen Strichen nach:

»Ach! Ist das nett! Aber wo ist die Null?« fragte schnell Else.

»Das ganze Viereck ist die Null. Das ist ja das Wunder, daß in der Null schon alles ist. Alle Geheimnisse stammen aus dem umgrenzten Nichts, wie hier die Zahlen aus der Null! Das wirst du aber erst später begreifen. Bleiben wir bei den Zahlen. Hier die Zehn:

Und so weiter!«

»Laß mich das auch mal schreiben!« rief Else. Sie tat's. – »Nun merke weiter auf, Elselein! Auch alle Namen sind in diesem Viereck!«

»Wie das? Auch ich und du?«

»Schau her! Was steht hier?« fragte er, indem er schrieb.

Else klatschte vor vergnügtem Erstaunen in die Hände.

»Laß mich nur noch einige Hilfslinien ziehen, so steht das ganze Alphabet in meinem Zauberkästchen. Schau einmal her! Du wirst jetzt jeden Buchstaben und folglich jeden Namen, Anfang, Ende, Welt, Gott, Tod und Leben in diesem Rahmen finden!«

Erst malte er sie nebeneinander in die weihe Chausseeerde, dann suchte er die Buchstaben einzeln im Quadrate auf.

Nun wollte Elselein alles in den Sand nachzeichnen. Luftpeterchen half ihr dabei und zeigte ihr, wie durch Abrundung und Verkürzung alle Zahlen und Buchstaben aus einfachsten Eckformen des Quadrates entstanden waren. Dabei gingen sie weiter. – »So, Elselein,« sagte er im Wandern, »jetzt haben wir ein kleines Guckloch aufgemacht, durch das du einen ersten Blick tun konntest in den Zusammenhang der Dinge. Wie dies kleine, anscheinend so leere Viereck, ist jedes Ding auf Erden ein kleines Schatzkästlein von Geheimnissen. Überall wirst du im letzten Grunde Sinn und Ordnung finden, Schönheit, Harmonie, Ideen und ihre Gestaltung. Wenn schon dies armselige Netz von vier Strichelein in sich Laute und Zahlen, alle Mittel des Ausdrucks und des Geistes enthält, was meinst du wohl, was alles in dieser kleinen Feldblume hier – er beugte sich zu einer Blume am Chausseerande – von Gedanken und Geheimnissen niedergelegt ist. O, glaube nur nicht, daß ihr Menschen allein das Schreiben und Rechnen gepachtet habt, auch die Natur selbst schreibt, zählt, dichtet, erfindet und träumt. Ach, sie hat eine viel erhabenere, herrlichere und wunderreichere Sprache als die Klügsten unter euch ahnen. Die Bäume, die Blumen, der Sternenhimmel, die Wellen, das Wolkenheer und die Welt der Geschöpfe sind ihre Schrift und tragen ihre unerschöpflichen Gedanken. All ihre Werke sind von einem Geist. Sieh seine wohlgeschwungenen Zeilen in Zweig um Zweig, im Kelch der Blumen, im Gefieder der Farne, im Wiesenrain, im Wolkenreigen, in den Schaumkronen am Strand, in den Windungen des silbernen Baches, im Sternenflimmern und Sonnenleuchten, ja in dir selbst und deinem Wunderbau! Du wirst durch mich schon lesen lernen in dieser stummen Welt wie in einem ungeheuren Buche, das die Natur schreibt und nimmer endet! Drum gib nur ruhig acht auch in der Schule! Ein ernster Sinn ist im Geringsten!

Und nun laß dir ein kleines Geschichtchen erzählen, während wir weiter wandern.

Es waren einmal drei Gesellen, der Buchstabe, der Laut und die Zahl. Die gingen zusammen auf die Weltwanderschaft. Lange konnten sie keinen Herren finden, der ihre Dienste hätte schätzen und nützen können. Da kamen sie eines Tags gesprungen und fanden einen Hirtenknaben, der an einer Weidenflöte mit seinem Steinmesserchen schnitzte. Sie boten ihm ihre Hilfe an, denn er mühte sich gerade vergeblich, für seine Freundin, das Gänsemädchen, Zeichen zu ersinnen, an welchem Ort, zu welcher Stunde sie ihn geheim vor anderen finden könnte. Flugs lehrten sie ihn in die Rinde eines Baumes, an dem sie des Abends ihre Herde vorübertrieb, ein Herz, den Mond und eine Flöte einzuschneiden. Das sollte heißen seine Liebe, die Stunde der Zusammenkunft und seinen Namen, denn er war berühmt wegen seines Flötenspiels. Nun wollte es aber das Unglück, daß sie von der bösen Zauberin des Dorfes belauscht wurden, und so erfuhr die Alte die Macht der Buchstaben und zwang die drei Gesellen durch geheime Sprüche in ihren Dienst. Da mußten sie Jahrhunderte lang Fronarbeit leisten für die vielen Zauberinnen in allen Völkern, die auf geheimen Wegen sich gegenseitig Kunde zutrugen von dem, was die Volksmannen und Krieger sich zuraunten, ohne daß die wissenden Frauen ein Wort miteinander zu sprechen brauchten. Eines Tages aber verriet solch eine weise Frau das Geheimnis einem mächtigen König. Der ließ seine Ratgeber kommen und diese nahmen von nun an die drei Gesellen in Fürsten- und in Priesterdienste. Da mußten sie allen Menschen fronen und sind allmählich zu immer größerer Macht gekommen und haben stets neue Wege gefunden, über Meer und Land zu fahren; sie haben die Menschen gelehrt, sie auf Steinen, Wachstafeln, Leder, Bast und Papyrosstreifen weithin zu verschicken; bald werden sie lernen, auf Drähten zu fliegen über den Erdball, durch das Meer, und es wird eine Zeit kommen, in der sie ohne alle Fäden und Drähte frei durch die Luft über Tausende von Meilen springen und mit unsichtbaren Wellen die ganze Erde überfluten. Es wird durch Arbeit und Gedanken dazu kommen, daß jeder Mann seine kleine sprechende Zauberdose wie eine Taschenuhr bei sich trägt, aus der er auch in weiter Ferne den trauten Stimmen der Heimat lauschen kann. Dann wird es erst wirklich lebendig in der Luft: unsichtbare Schwalben werden sie durchschwirren zu Millionen und mit ihrem Zwitschern Herz und Ohr der Menschen finden!

Sänger, Dichter und Gelehrte sind ewig in dem Dienst der drei Gesellen. Sie tragen die herrlichsten Gedanken durch ihre Reigen und bewahren das Schöne, das Befreiende, das Lied, das Wunder in pergamentenen Truhen. Schöne Bücher mit prächtigen Einbänden sind ihre Hütten, in Palästen sind sie zu Hause, und hochgeehrt ist, wer ihnen Hilfe leistet.

So sind sie bald zu einer gewaltigen Macht der geistigen Waffen geworden, die drei Königspagen der Gedanken, Laut, Zahl und Buchstabe!«

»Ist denn die Bibel auch von ihnen geschrieben?« fragte Else verstohlen. »Das ist ein Buch,« sagte Luftpeterchen, »von ihnen gesetzt in des großen Meisters Namen. Das wird wohl am längsten leben von allen Büchern der Erde!«

»Ist alles schön und gut,« meinte Else, »aber sag' mir, liebes Luftpeterchen, wie kann so ein armes, unwissendes Menschenkind wie ich nur alle die schönen Dinge, die sich die drei Gesellen ausgedacht haben, begreifen oder gar behalten? Mir macht die Fibel doch schon Schwierigkeiten!«

»Nun, die Fibel, Else, ist auch ein heiliges Buch, bei dem die drei Gesellen sich große Mühe gegeben haben. In ihm erzählen sie ihre eigene Geschichte, aber es kommt, wenn die drei Gesellen wollen, auch alles andere Schöne in dein kleines Köpfchen! Du mußt nur wissen, daß ihr Menschen eigentlich gar nichts behaltet, sondern alles, was euch einmal bewegte, jedes Wort, jedes Erlebnis – immer wieder von neuem entstehen lassen könnt. Und das geht so zu:

In jedem Köpfchen ist ein wunderbares, feines Glockenspiel von tausend und abertausend kleinen Silberklingelein, die so sind, daß ein Stecknadelkopf gegen jedes gehalten so groß ist wie die mächtige Kirchenglocke zu Köln am Rhein. Die Glöckchen sind frei schwebend, alle dicht beieinander aufgehängt, wie die Krönchen der Glockenblume. Viele solcher kleinsten Klingeldolden reihen sich dicht beieinander in Millionenzahl in lauter kleine Sternenbündel. Die drei Gesellen haben nun unzählige Strickchen in ihren Zauberhänden; damit können sie alle Glocken leise in der Halle deiner Seele spielen, wie euer Lehrer die Orgel in der Kirche. Wenn da »Liebe Mutter« erklingen soll, so greifen sie nach einem Bündelchen von seinen Fäden, die laufen dir gerade übers Herz, und dann läutet es mit wundersüßen Glocken kaum hörbar in dir, wie von Heimat, Himmel und Erde zusammen, so daß dir wohl und warm wird von dem schönen inneren Gesinge. Wenn sie aber »böse Hexe« klirren, dann gibt es einen scharfen Klang, und dir wird eiskalt, denn diese Stricklein zerren zugleich am Klingelzug deiner Angst; dann schrillt es wie eine Feuerglocke durch dein Seelchen, und deine Beinchen spüren Lust, davonzulaufen. Greifen aber die drei Glockenläutergesellen die feinsten Seilchen an, die dein ganzes Wesen durchziehen wie köstliche goldene Drähtchen ein schönes Gewand, dann tönt es heilig, weihevoll und du denkst: »Gott!«

So wissen sie, die kleinen Spielleute deiner Seele, all und jedes Ding in dir zum Läuten zu bringen. Ist aber erst einmal ein kleines Lied aus vielen Klängen fertig gesungen, dann lernst du, es schließlich aus eigener Kraft tönen zu lassen, dann brauchst du keine Glockenschläger-Knaben mehr, dann tun es die Heinzelmännchen in dir ganz allein, immer fort und immer wieder von neuem. Das ist Erinnerung und Gedächtnis, Traum und die kleine Spielorgel des Wissens, das ist das Glockenspiel der Phantasie! Übung, Herzlein, ist alles! Die Sonne, die Steine, der Mond und alles, was du siehst, kann spielen auf der kleinen Silberharmonika in deiner Seele, jedes, auch das kleinste Ding findet sein Fädchen, mit dem es deine Herzensglöcklein zittern macht. Es weiß den Weg zu finden durch das Ohr, durch das Auge und durch alle Sinne. Aber, das ist das Wunderschöne daran, alles, was du einmal empfunden, gewußt, gedacht hast, das bleibt in dem Wunderkästchen deines Köpfchens aufbewahrt für immer und alle Zeiten: Du brauchst nur dieselben zitternden Glöckchen noch einmal tönen zu lassen, und es ist wieder da. Sie bringen ihn wieder zurück, den fernsten, flüchtigsten, versunkenen Augenblick, er taut von neuem auf wie ein gefrornes Lied! Nichts ist euch unvergessen. Da ist nichts zu behalten und zu verwahren, es kann zu jeder Zeit aufs neue in dir wach werden. Viel und oft werde ich dir noch erzählen von diesem Widerschein und Spiegelbild der Welt in deinem Seelchen, von deines Herzens Glockenspiel, mein Elselein!«

Aldebaran hatte sich bei diesem Aufrollen eines seiner Geheimnisse selbst in einige Erregung geredet und stand hoch aufgerichtet, hingerissen von den Wundern seines inneren Schauens, vollbeschienen von der leuchtenden Sonne vor der atemlos lauschenden Else.

In solche und ähnliche Gespräche vertieft, gelangten sie in die Nähe des Dorfes. Die kleine Kirche grüßte von Ferne mit ihrem grünen Kupferdach, das goldene Turmkreuz blitzte in der Sonne. Am Waldrand lugte ein Reh um die Ecke. Luftpeterchen winkte, und ohne Scheu kam es heran. Elselein bebte vor Freude, als sie das Tierchen so zutraulich herbeihüpfen sah, und legte die beiden Arme um den Nacken des furchtlosen Wildes. Das Reh schaute hellen Auges auf Aldebaran, schnupperte und bewegte unaufhörlich das Mäulchen hin und her! »Ach, Peterchen!« rief Else, »das sieht ganz so aus, als wollte es sprechen!«

»Es spricht auch,« sagte Luftpeterchen, »gib nur acht!« Er pflückte eine Lilie vom Wegrand und steckte sie Elslein heimlich ins Ohr. Sie wäre vor Staunen fast umgesunken: durch den kleinen Schalltrichter hörte sie das liebliche Tier mit feiner, meckernder Stimme folgendes sagen:

»Die Köhlerfrau, die Köhlerfrau
Braut Enzian und Bärenklau,
Mondstrahl und Irrlichtflammen
Die ganze Nacht zusammen!
Sinnt bis zum ersten Hahnenschrei
Auf Hinterlist und Teufelei!«

»Schon gut! Hab' Dank für deine Warnung! Ich gebe acht,« rief Luftpeterchen. Da trollte das Reh mit munteren Sätzen in den Wald zurück. »Es hat recht,« meinte Elses Begleiter, »uns droht Gefahr, wir müssen auf der Hut sein. Die Alte weiß vieles. Es soll ihr aber nichts gelingen!«

Sie gingen weiter und standen endlich vor der Tür des kleinen Dorfschulhauses.

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