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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 29
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXVIII.

Intermezzo

Fischerfranz hatte von dem ihm durch Aldebaran in die Hände gespielten Golde einen guten Gebrauch gemacht. Denn das auf seines Vaters Acker unter dem großen Granitblock gefundene Geld war ihm von Amts wegen durch den Landrat als Eigentum zugesprochen worden. Damals, ein siebzehnjähriger Bursch und aus Piepkorns Obhut entlassen, trat er mit seinem Schatze selbstsicher vor die Eltern und erklärte ihnen rundweg, daß er nach der großen Stadt wolle. Auf die erstaunte Frage der Alten, was er denn dort zu tun gedenke, hatte er die Achsel gezuckt und gemeint: »erst was lernen!«

Kopfschüttelnd, aber doch schließlich von der Hoffnungsfreude, die Franz in langen, ihnen etwas unverständlichen Reden bekundete, angesteckt, ließen sie ihn ziehen, nicht ohne daß Mutter sich weinend über die Postille warf und der Alte beim Fischnetzflicken sich eine Träne mit dem Handrücken über die wetterbraunen Wangen wischte.

Das Unglück war schließlich nicht so groß, denn Franz schrieb fleißig, und jeder Brief war eigentlich eine Art Weihnachtsfeier für die beiden Alten, die abends dicht aneinandergerückt mit dem großen Vergrößerungsglas über dem Bericht des Sohnes saßen. Das waren die ersten von ihnen ernstlich getriebenen Literaturstudien. Denn ihres Sohnes Geschicke waren für sie die einzig vorhandene Weltgeschichte. Mit welcher Freude vernahmen sie, daß Franz von guten Menschen und von solchen, die auf seine ungewöhnlichen Gaben aufmerksam geworden waren, unterstützt, im Laufe weniger Jahre von Schritt zu Schritt seinem Ziele näher gekommen war. Das aber hieß: ein Bergmann zu werden, einer, der kühn hineinsteigend in die Eingeweide der Erde die Wunder der Tiefe zutage bringen half. War doch sein Sinn immer auf das Verborgene, nicht am hellen Tage Auffindbare gerichtet gewesen, und hatten die gewaltigen Veränderungen, welche des Försters Kalkgrube der ganzen Heimatinsel an Aussehen, Erwerb und Charakter der Bewohner allmählich aufgedrückt hatte, ihn tief nachdenklich gemacht. Wenn er, seinen Grübeleien nachgehend, am steilen Hang der Grube lag und hinabschaute in den tiefen Schacht mit den weißen Tempelwänden, da kamen ihm alle die unlösbaren Fragen der Jugend, die unaussprechbaren Sehnsüchten des Kinderherzens, in denen der ganze Mann so oft, und oft erst so spät, die noch von weiter Ferne rauschenden Quellen aller seiner Taten und, wenn er Genie besaßt aller seiner Entdeckungen erkennt. Was mag wohl sonst die Erde bergen? Wie tief mag sie reichen? Woher kamen die Lager, die Adern, die Risse, die Berge? Warum war Kalk so weich und weiß und zwischen ihm der Feuerstein so hart, so schwarz? Wie kamen die Muscheln hierher, so hoch überm Meer? Was war Sand, Schiefer, Ton und Lehm? – und so fort. Genug, eine brennende Lust kam ihm, das alles zu erforschen und, wenn es noch nicht erforscht war, es selber zu entdecken. Seine ganze, unaufhörlich gleichsam bohrende Knabenphantasie galt ihr, der Erde. Hier mußte etwas sein, was ihn rief, ein Gewaltiges, das ihm unaufhörlich zuraunte: »Komm zu mir und sei mein Prophet, ich schlummere, du sollst mich wecken!«

Es war der Pastor von Seldin, dem er eines Tages sich offenbarte, der ihm die Wege mies, auf denen man einem geistigen Ziele näher kommt. Der hatte eigenhändig die Beziehungen angeknüpft, die Franz, nun im Besitz ganz ansehnlicher Studiengelder, hinübergezogen hatten in eine neue Welt. Entscheidend aber war für ihn gewesen, daß er einst von mächtiger Sehnsucht getrieben, Else den ganzen Plan unterbreitete und sie ihn mit großer Wärme angefeuert hatte, zu tun, was ihm das Herz gebiete. –

Wer so hätte hineinsehen können in die stille Weberarbeit, die Aldebaran spann in Sternennächten mit dem Goldgewirke des Geschickes, der hätte seine Freude gehabt, zu schauen, wie das Netz, das hier Geisterhände strickten, wuchs und wuchs, und Fernabliegendes behutsam aneinander kettete zu jenem Spinngewebe, von denen Menschen immer nur ein paar Flocken wie Sommerfäden von ungefähr auf sich heranschweben sehen: Schicksalsschiffchen aus der Luft, die sie »Zufälle« nennen. Er, der Gütige, alles für seinen Schützling Else Vorbereitende, er wußte wohl, daß das, was wir Zufälle heißen, nur Masten sind, mit denen das Schicksal in den Saal des Lebens tritt. Er war es ja, der Franz das Gold in die Hände spielte, er war es, der ihm seine Sehnsuchten schürte und ihm in seinen wachen Träumen zurief: »Steig' in den Grund der Erde!« Er führte Franz auch leise kurz vor der Entscheidung über seine Pläne an einem seinen Fädchen aus Gold, den Menschen Liebe nennen, zu Else. Und das war sonderbarerweise das Schwerste, das Aldebaran für Else leistete. Denn auch Lichtgeister haben ihre Geschicke. Sein Schicksal war, sein ganzes Steinenherz der aufblühenden Menschenblume immer mehr hingeben zu müssen. Die Wichtelkönige, als sie ihm geboten, Elses Führer auf ein Jahrzehnt zu sein, ihr Einblick zu geben in das Reich der Wunder, hatten nicht bedacht, daß aus diesem stillen Amte der Gestaltung einer Menschenseele auch Geistern holde, unentrinnbare Sehnsüchten erwachsen könnten, und daß Erinnerungen kommen würden, die mächtiger sind als Gegenwart und Zukunft. Elseleins von ihm selbst gepflegtes Herz, von Natur geweiht und Geisterseelen völlig ebenbürtig, war wie Wolkenrand, Brandungsschaum und Edelstein: es sog in sich die Gluten aller Sonnen, mit denen Aldebaran sie bestrahlte. Nicht Menschenaugen nur sahen mit Staunen, wie aus des anmutigen Kindes Veilcheninnigkeit langsam die Zauberfülle der Rose ward. Auch Aldebaran ward berückt von soviel stiller, holder Schönheit. Das hatten eben seine königlichen Ratgeber nicht bedacht, daß auch die Zeit kommen würde, wo er selbst der Jungfrau Rede stehen mußte über all die schweren Fragen, was Liebe sei von Wesen zu Wesen, von Tier zu Tier, von Mann zu Weib. Er selber mußte ihr alle die Truhen der Seele öffnen, aus denen des Menschenherzens schönste Edelsteine und Geschmeide hervorquellen. Er mußte an kristallene Felsen schlagen, aus denen die Fluten brechen, die so segnen wie verheeren können. Und für wen?

Da hatte es in feuriger Lohe in seiner Geisterseele emporgeschlagen. Der ungeheuerliche Gedanke überfiel ihn: daß, er Else niemand lassen könne und sie unentrinnbar liebe! Er, ein Fürst des unvergänglichen Lichtes – das schlichte, irdische Kind. Unmöglich. Sofort mußte er zu den Sternen zurück! Das ging nicht. Der hohe Auftrag band ihn unlösbar. » Bis sie ihr eigenes Glück findet!« hatte es getönt vom Munde des Erdkönigs. Er mußte bleiben. Was sollte geschehen? Er wußte, das es eine wachsende Qual werden müsse ohnegleichen, auch für sein geweihtes Herz, die der Sterne Würdige zu jeder Stunde zu geleiten, und daß es ihm, als Geist, für immer versagt sei, ihr zu nahen mit irdischem Verlangen. Da faßte er einen verzweifelten Entschluß. In der wilden Sturmesnacht eines Hochsommers ging er zum Strand und beschwor seinen himmlischen Vater des Lichtes, ihm zu erscheinen.

Im Zickzackwagen des Blitzes fuhr er herab und stand vor ihm. »Was rufst du mich?«

»Vater!« sprach Aldebaran. »Das Kind, dem ihr mich zuerteiltet, ist aufgeblüht. Schön ist sie wie der hellste Stern. Ich liebe sie. Was soll ich tun? Sie ist mein eigen seit Jahrtausenden!« Finster rollte der Lichtgott seine Wolkenbrauen.

»Du bist ein Narr! Laß mich, ich habe Besseres zu tun, als Knaben Lichtwege zu weisen!«

»Vater! Es ist sehr ernst. Auf meinen Knien siehe ich dich, zeig' einen Weg!«

»Du weißt, wie ich, es ist unmöglich! Tue deine Pflicht. Schau', wie die Tigerschlangen rasen! Laß mich hinauf!« Der Fürst der Flammen wandte sich.

»Erhabener! Gnadenvoller! So gib mir mein einstiges Erdenkleid zurück. Nimm meine Sternenkrone ab, gib sie den Brüdern. Laß Aldebaran verlöschen aus dem Buch der Ewigkeit. Ich will ein Mensch mit allen Schwächen und Fehlern sein um dieses Herz, um diese Mädchenseele. Führt eure ewigen Reigen, eure goldenen Zeiger, ihr seligen Hirten der Ewigkeit dahin, laßt mich allein zurück! Nur einmal laßt mich einzigen, dies Körnchen goldener Spreu aus euren Sternensaaten des Weges ziehen mit dem Strome des Feuerodems, den Menschen Liebe nennen und führte er in ewige Nacht – um dieses Erdenglückes kurze Flammengarbe gebe ich die Ewigkeit hin! Will Mensch mit Menschen sein, will leiden, lieben, umarmen und dann gerne ewig dulden!«

»Du rasest, Aldebaran!« sprach der Lichtgott. »Wann je ward dieses heilige Zeitenrad der Ewigkeit auch nur auf Sekunden zurückgestellt? Das Ganze geht nach vorn, nach oben! Kein Lämmchen bleibt zurück in unserer Sterne goldener Herde, wir sind die Edelhirten! Geh' des Weges!«

»Noch einmal, Vater! Flehe ich dich! Gib mir wieder einen sichtbaren Menschenleib, ein Herz, wie ihres, Fleisch und Gebein. Hör' mich!« rief er dem halb sich aufwärts Hebenden mit wilder Stimme zu. »Sonst muß mein Stern verlöschen und eine Welt in Trümmer gehen!«

»Mein letztes Wort ist, Aldebaran: Dem Sternenschicksal füge dich! Unser ist zu handeln – nicht zu lieben! Du warst einst Mensch – und Törichter! Du kannst wünschen, es noch einmal zu werden? Der Ewige hat vorgedacht. Nicht Aldebaran lischt im Buch der Ewigkeit – die Seele dort, dies Menschenflämmchen stickt, wenn du das Ewige verleugnest!«

Da schwebte er auf. Aldebaran aber warf sich in die Brandung. Hoch spritzten die Wogen um sein Kronenhaupt, furchtbares Beben rollte über den Strand, ein Bergabhang donnerte in die See, Orkane brüllten und knickten Eichen und Riesenkiefern wie Glas. – Da fuhr schwebend eine Blitzgarbe über dem Walde zischend hin und her – ein furchtbarer Schlag – und hell in gelbem Feuer leuchtete das Försterhaus auf. – Da erbebte Aldebaran. –

Er war bei Else. Sie hatte sich hilflos nach ihrem Beschützer umgeschaut. Zum ersten Male und gerade bei dieser Wut der Elemente war er nicht bei ihr. Schwarz war's da draußen wie tiefe Nacht, und nun dieser furchtbare Blitz, der dicht vor ihrem Hause niederfuhr! Sie fühlte alles wanken. – – Da stand Aldebaran über ihr und riß sie an sich.

»Geheiligte! Reine! Mein Kind! Ich bin bei dir! Es ist vorüber. Die Mächte mahnen mich. Es ist wohl gut!«

Else schlug die Augen auf zu ihm. Glühend sah er sie an.

Auf das höchste erstaunt über diesen Blick trat sie einen Schritt zurück. Da riß er sie an sich und küßte sie ein einziges Mal. Doch im Kusse wurden seine Lippen kalt. Sein eben noch so heißer Blick wurde leer. Eine zitternde Engelshand fuhr ihr durch die Haare, und es wurde so still und feierlich um sie wie vorm Altare.

Es klopfte an der Türe.

»Das ist Franz,« sagte leise Aldebaran, »du weißt doch, Franz, der Fischerknabe, Franz, der Bergmann!«

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