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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 27
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXVI.

Das Geheimnis aller Blüten

Else und Aldebaran saßen auf einem großen Feldstein nahe einem Kornfeld, dessen Ähren voll aufgeschossen waren und wie ein Meer von kleinen wehenden Goldfähnchen auf und nieder wogten. Kornblumen steckten ihre Blauäugelein aus dem dichten Halmengitter, und leuchtende Mohnkronen erhoben sich mit königlichem Glanz aus dem goldenen Gewirr.

Aldebaran begann zu erzählen: »Im Meere lebten zwei Nixenkönigskinder, die hießen die rote und die grüne Melusine wegen ihrer sonderbar gefärbten Augen, mit denen sie zwischen Korallenästen nach sinkenden Schiffen, niederfallenden Schätzen und schönen Fischerknaben spähten. Die Schiffer und Fischer küßten sie zu Tode, und was sie sonst fanden, hingen sie in den vielgestaltigen Zacken ihres Königsschlosses auf, das viele Meilen weit im Meeresgrund ausgebreitet lag, an dem viele tausend Arbeiter ihres Vaters Tag und Nacht bauten und richteten, denn der König hatte befohlen, daß noch vor Ablauf dieses Jahres, von dem wir erzählen, der hohe Turmbau hinaufreichen sollte bis an die Oberwelt. Denn auch Meergeister sind neugierig und stecken ihre Nase gern über die Grenzen ihrer Heimat. Weil aber die Arbeiter unaufhörlich tätig sein mußten und fern von ihren Frauen waren, so ereignete es sich, daß die Kunstschleifer und Kieselschneider aus dem Nachbarreich mit den verlassenen Frauen schön zu tun anfingen und eines Tages sie alle entführten in das Gebiet des Seesternkönigs, an dessen Grenzen vor großen Steinmauern fürchterliche Rochen und Stachelfische Wache hielten. So waren die Korallenmänner ohne Weiber, und eine Empörung drohte auszubrechen, denn weil die Hausfrauen fehlten, verarmte das Volk bald; eine große Hungersnot entstand und die Maschinen, welche aus dem Wasser die Atemluft auspressen sollen, hörten auf zu pumpen, und es begann ein großes Sterben. Da kam der König, der etwas tun mußte, um sein Volk zu beschwichtigen, auf einen sonderbaren, aber klugen Gedanken. Er sandte seine beiden Töchter, die rote und die grüne Melusine, mit großem Gefolge zur uralten Königin Reb-El-Sad, die aller Wasserkönige Mutter war, und hieß sie also sprechen:

›Uns sendet Pylop, unser Vater, der Korallenkönig. Unser Reich ist in Gefahr, unsere Frauen sind entflohen bis auf uns, Prinzessin Rot und Prinzessin Grün. Was sollen wir tun?‹

›Laßt alle Pagen eures Vaters kommen und suchet aus, so rote Fischäuglein haben oder grüne. Und alle anderen laßt zu mir kommen, ich habe Dienst für sie. Ihr aber teilt den Adel der Korallen in solcher Weise und steigt beide, je mit ihrem Gefolge, auf an den Strand. Dort wählt den Würdigsten, werdet sein Weib und gründet Reiche von Korallensprossen, mächtiger und schöner als zuvor!‹

›Ei!‹ dachten die Prinzessinnen, als sie auf dem Wege nach Hause waren, ›das wäre ja schön: erst auswandern aus der Heimat und dann auch noch einen Vasallen ehelichen – das ist zu viel verlangt von der alten Reb-El-Sad.‹

Und weigerten sich vor dem König entschieden, also zu tun, wie sie geheißen. Unter dem Volke aber war es ruchbar geworden, was die alte Königin zum Heil des Staates befohlen hatte, und da der König zu schwach war, um den Widerstand der Melusinen zu brechen, rottete sich das Volk zusammen und tat seinerseits, was Reb-El-Sad geraten. Sie schieden sich nach ihrer Augenfarbe in eine rote und grüne Gruppe, befahlen ihnen, sich ihre Königin mit Gewalt zu holen und zu fliehen, und wenn sie neue Korallenpaläste auf dem Lande gegründet hätten, zurückzukehren in die Heimat.

Sie sind nie wiedergekommen, aber die Alte hatte recht geweissagt: Korallenstücke sind entstanden auf der Erde, aber ganz andere als sie dachten. Denn einzelne kleine Korallenzellen der Rotäugigen führten nach vielen Wandlungen zum rotblutigen Korallenstock ›Tier und Mensch‹, und die der anderen, Grünäugigen, zu ›Pflanze, Strauch und Baum!‹ – –

Ja, Else, auch diese Blume, die ich mit der Hand streichle, ist ein Korallenstock: unzählige einzelne Zellen, ganz ähnlich denen, wie du sie einst in Fischerfranzens Leib geschaut, haben sich zierlich gereiht zu Säulen, Röhren und Geweben und auch diesen Pflanzenleib gezimmert, dessen Ahnen einst die grünäugigen Algen im Meer waren. Ihr Vorbild war der Korallenstock, an dem auch viele gleichartige Polypenzellen, eine zur anderen gefügt, den Stock bilden und die Riffe bauen. Weißt du noch, als der Bach sein Heldenlied sang, welche unendlichen Tiefen Sandkörner auf Sandkörner rinnend meilenhoch erfüllen können? Denk' an den Schneefall der kleinen Ritter vom Kiesel- und Kalkpanzer, die deines Vaters Grube aufgebaut und nun ans ihren Leibern Häuser, Paläste, Dome auferstehen heißen in des Menschen Hand! Was erst konnten diese kleinen lebenden Algenenkel aufbauen in der Hand des ewigen Bildners? Stehen nicht korallengleich am Grund des Meeres Riesenwälder von Algen und Schachtelhalmen? Ist umgekehrt hier oben der wehende Wald dort auf der Bergeshöhe, wollhaarig wie ein Negerhaupt, etwas anderes als eine Insel von Korallenstöcken im Meer der Luft, wie dort des Wassers, und gleich ihm durchsegelt von den Fischen der Höhe, den Vögeln? Das Reich der Pflanzen führte nach dem Vorbild der Korallen auch zu dieser Feuerblume, wie das der Tiere zum Zellenstaat des Einzelwesens. Aus vielen einzelnen bildet sich stets eine höher geschlossene Einheit, in der der einzelne nicht viel zu sagen hat. So ist es im Volksgetümmel vor Schaubühnen, vor dem Thron der Herrschenden: der einzelne ist ein Wunderwerk der Kunst, lenkbar, behandelbar und wert der Liebe. Die Gesamtheit ist eine mächtige aber gefährliche neue Einheit, oft ein Korallenriff, an dem das Herrlichste zerschellen muß, oft eine niederbrausende Lichtwolke, die allen Segen bringt im Sturm. So sind Pflanze, Tier und Mensch Genossenschaftswesen, die sich aus Gruppen einzelner Wunderkästchen bilden, von denen wir schon so oft gesprochen, in denen ja Sonnenräder des Feurigen treiben. Diese Sonnenäuglein aber sind verschieden bei Tier und Pflanze. Die roten Melusinen gaben Tier und Mensch die Lichtäugelein der roten Blutkörperchen als Erbe mit, und die grünen Melusinen ihre verschwisterten grünen Lichtäuglein den Pflanzen. Vom Feuergas des Lebens treiben beide ihre kleinen Wunderspulen; aber die Tierzelle atmet frei den schwebenden Feuerodem der Luft, während die Pflanzenzelle es gelernt hat, mit ihrem Algengrün ihn erst aus seiner Fesselung mit dem Kohlengas zu befreien. Drum nahmst du einst, Else, als wir zur Bernsteinstadt fuhren, den grünen Tannenzweig mit hinab, der eben Feuergas abscheidet aus dem Kohlengas, das er der Luft und dem Boden entnommen und du, Else, und selbst jedes Tier, das Lungen hat oder Kiemen, ziehst Feuerodem ein und atmest Kohlenodem aus. So arbeiten sie fein schwesterlich im Haushalt der Natur, die Urenkel beider, der roten und der grünen Melusine.

Die rote Blume hier in meiner Hand, sie schaut mich lange fragend an: ›Was hältst du mich? Du willst mich doch nicht sterben machen?‹ ›Nein, Feuerköpfchen! Laß uns nur noch ein wenig dir ins Auge schauen. Du stirbst nicht davon, wenn wir von deinen Wundern raunen! Ach, dächten doch die Menschen ein wenig daran, daß auch Blumen leben und Seelen haben. Wie würden wir einen Mächtigen nennen, der die Menschen bräche, wie sie die Blumen?‹

Schau', Else, da steht des Klatschmohnes herrlicher Stock, ein Wurzelchen im Sande, ein schmaler Stiel, die Feuerkrone obenauf! Die ist aus drei Blättern aufgebaut, dem Wurzelblatt, dem Stielblatt und dem Blumenblatt. So hat es die Menschen der Alte von Weimar gelehrt: Daß jede Pflanze einen Grundgedanken von einer heiligen Dreieinigkeit der Blätter erfüllt, daß jede nach diesem Dreiblätterplan gebaut ist. Du weißt, daß dieser Dreiblattstil noch lange nicht das Bild der Urform, die ja Kugel ist, bedeutet. Es kann aber ebensogut, wie dieser große Sohn der Natur, auch einmal jemand kommen, der sagen wird: Das Tier beginnt bei der Einstülpung der Außenhaut zum Magen.

Er wird kommen und viele Anhänger finden. Ist inzwischen durch den hellsichtigen Propheten von den Kunstformen der Natur Haeckel geschehen. Den Namen konnte Aldebaran freilich nicht vorausbestimmen.

Goethes Urpflanze Urtier: Magenbildung

Astra hat uns belehrt: daß beider Urform, ihr Urahn, der Kreis ist.

Kreuzeinstülpung und Verdichtung

Einstülpung zum Magentier

Der Plan ist alles: die Zellkästchen bilden überall das gefügigste Bausteinchenmaterial, haben sie doch vor denen ihrer Brüder im Korallenstock der Tiere noch manche Besonderheit voraus. Um gleich bei unseren Bildchen, die ich dir hier in den Sand gezeichnet habe, zu beginnen, die Pflanzen haben scheinbar keinen Magen, denn die Ausstülpungen vom Kreise, die zu ihren Grundformen führten, bilden nicht oder doch nur ausnahmsweise ein Verdauungsorgan. Es gibt zwar Pflanzen, die einen Blättermagen haben, in dem sie wie Raubtiere Fleisch an sich reißen und fressen. Bei ihnen sind die Blätter umgewandelt zu Greifkrallen und ihrer kleinen Fäuste Spreithäute sind zugleich Magenwände, die mit Säuren verdauen gleich den Tiermägen. »Aber das ist nur Ausnahme« – lehrt die Wissenschaft, und Meister Piepkorn hat's euch ja mit dem Rohrstock eingebläut. Ich war dabei und habe hell in mich hineingelacht. Ich sage dir, Else, glaub's nicht, es ist nicht wahr! Alle Pflanzen fressen Lebendes, so wie Tier und Mensch. Es ist nicht wahr, daß sie allein von Stein und Luft, vom Stickstoff, ein bißchen Phosphor und Kohlensäure leben könnten! Sie brauchen die goldenen Schlüsselein des Lebens, die Säemannkörner, die den großen Kreislauf machen, um immer neue Tore aufzuschließen, genau wie Mensch und Tier. Kein Wesen kann Leben erzeugen aus Stein oder Gas. Des Feurigen Hand hat zwar Zwergmaschinen geschaffen, mit seines ewigen Vaters Willen kam aber erst das Leben in dieselben. Das Leben hat eine mechanische Seite, aber auch eine göttliche. Wehe, wer da glaubt mit Rechenexempel und Zirkel, mit Wagen und Retorten zum Sein des Lebens vorzudringen! Vergebliche Mühen: Sysiphuswerk falsch geführter, verbildeter Gehirne! Wie das Auge nur Sonne sieht, weil in ihm Sonnenhaftes ist, so sieht man Gott nur mit dem Göttlichen in sich: das heißt mit der Phantasie des reinen Herzens. Die hast du besessen, Elselein, und am Tor der Wunder sahen wir das Siegel! Wie dir kommen alle guten Geister denen zu Hilfe, die reinen Herzens sind. Das gute, große Menschenherz und seine Werke – das ist der Schöpfung höchste Tat! Die Träume eines guten Herzens sind heilig! Wer sie verkümmern läßt, mag hochgeschätzt sein unter seinen Brüdern, zur vollen Höhe sperrt er sich aber selbst den Weg und muß es einst mit einem Schlag erkennen, wenn seine himmlischen Augenlider niegedachte Wunder schauen, wieviel er nachzuholen hat, trotz aller kalten Wissensschätze! So einer ist unser Fischerfranz nicht, Else! Mag er lernen, was zu lernen ist, er wird doch immer fragen, wie steht's zum Ganzen, steht's zu Gott. Alles was er erkundet, wird zu Strophen ineinanderfließen, die Hymnen bilden zu des Unerforschlichen Herrlichkeit. Dessen höchstes Wunder ist, daß Leben nie aus etwas anderem als aus Leben werden kann. Wenn kein Menschenkeim aus kühlem Lehm ohne diesen Gotteshauch werden konnte, so kann auch keine Alge werden aus Sand oder Salzen ohne das Geheimnis der Lebensfunken. So könnte das gesetzte Leben sich nicht einmal erhalten, wenn nicht das, was ihr Nahrung nennt, Lebenskeime trüge, die jede der geschaffenen Zellen neu befruchten können, um jedes Zellchen nach Bedarf zu reparieren und neu aufzubauen! In sieben Jahren ist kein Steinchen mehr an dir, Else, dein ganzer kleiner Lebenspalast ist neu erzeugt. Woher die Saat der stillen, kleinen Uhrfedern, die alles wieder antreiben? Aus dem Wärmewert der Nahrung? Aus der Arbeit, die die verzehrten Teilchen leisten? Laß es dir nicht vorreden, Else! Unsere goldenen Schlüsselein sind nötig, das Ackerland zu besäen, das immer lebensdurstig sich nach Befruchtung sehnt, ob dieser Blume nun ein neuer Keim entsprießt, wenn der Pollenkörner goldene Saat in die geheimen Kelche sinkt, oder ob du als Mutter einst ein Kind gebierst vom Kelch deines Leibes, wenn dein Herz befruchtet wird. Das ist nicht weniger wahr und wahrhaftig, als wenn du erkennst, daß kein ausgerissenes Haar, kein Schüppchen Haut, kein Eidechsenschwanz und keine Krebsschere wieder wachsen kann, wenn nicht neue Befruchtungen mit goldenen Reserveschlüsselein ständig im Heiligtum des Leibes eingestreut würden vom großen Säemann der Zellkerne, und alle diese Flut von Saaten, die umherweht und sich im Netz des Lebens fängt, ob hier im Kelchblatt oder im Schoß der Mutter: es stammt vom großen Kartenmischen aller Kerne, aller Möglichkeiten zu Form und Taten – durch die große Mahlmühle der Nahrung erhält, ersetzt, verändert sich das Leben! Das ist unser Geisterwissen. Die Natur ist immer am Werke, Kerne der Sonnenstäubchen zu tauschen: darum hat sie sie so unzerstörbar gemacht, daß nur die Flamme sie vernichten kann; Verwesung, Vermoderung, Verdauung rührt sie nicht an. Ach, wenn die Weisen wüßten, wieviel solcher befreiten Kerne, belebter Triebräder durch diese Mohnpflanze sich emporgewunden haben durch die Wurzellücken, wie alle die in den Pflanzenkästchen schlummernden kleinen Elementarkörnchen Brennfackelchen für neue Zellgeburten werden können! Sie würden ganz anders denken und staunend den Kreislauf des Lebens neben den des Wassers, des Lichtes, der Stoffe der Gase, der Kräfte stellen – und bald den Glauben lassen, man könne Äcker düngen mit Stickstoff, der aus dem Laboratorium kommt und nicht des Lebens letzte, letzte Trümmer noch in sich enthielte. Toren, die da glauben können, man wird einst Nahrung machen können in der Fabrik künstlicher Nachbildungen vom Lebensstoff, die nie der heiligen Ewigkeit Hauch gestreift! Verhungern müßte jedes Wesen, das ohne Kernkeime sich ernährte, verhungern, und verschlänge es seine Kunstnahrung eimerweise, weil eben das große Treiben stille steht, wenn nicht ewig die kleinen Räder sich von selbst erzeugten aus den Befruchtungskeimen, die in der Nahrung aller Lebewesen kreisen, in stetem Wechsel, ständigem Schütteln der geweihten Körner durcheinander! So kann auch keine Pflanze nur von Luft oder Wasser oder Erde leben, wenn nicht die Sonnenstäubchen, die Tropfen, die Sandbröckelchen Keime vom großen Kirchhof des Lebens trügen, die durch die Poren in die Labyrinthe der Zellen dringen, um hier oft nach wechselvollster Passage oder nach stummem Ausruhen im Grab der Mumien und der Verwesten ihr Wunderwerk des Auferstehens und Entzündens neuen Lebens zu vollziehen! Das ist das Bild der ewigen und wahren Zeugung in der Natur – und wenn euch eure Mütter vom Klapperstorch erzählen, der ihnen den Keim aus Teich und Weiher in den Schoß gelegt, so ist das ein gar artig Märchen, das eine tiefe Wahrheit birgt, nämlich erstens: daß alles Leben aus den Wassern kam, und zweitens: daß jeder Neugeborene einem Tausch der feinsten Keime sein Dasein dankt! Du aber laß dich von dieser roten Kelchblume vieles lehren, die ihre Seidenkleider knitternd eben erst entfaltet hat und glühende Vorhänge breitet über das Mysterium der Befruchtung. Sie lockt mit ihren Flammengluten die Fackelträger Schmetterling und Käfer, die jene Saaten in den Fängen halten, die ihr ein Kindchen schenken. Da hast du ja bei Blüten ganz und gar den Storch, den eure Mütter lehren! Der Käfer kriecht über einer anderen Mohnrose Purpurbett und taucht in das goldne Mehl, das Fühler ihm und Füßchen bestäubt, und wenn er nun zum Purpurbett der anderen Rose fliegt, so nimmt die Braut die goldene Saat, und immer schuldlos rein ist und unbefleckt die heilige Jungfrau der Natur, wenn sie gebiert. Das war ein guter Blumenkenner, der fromme Mann, der das gelehrt, und vielen Blüten in die schuldlos reinen Nacktheiten muß der geschaut haben, der nachsinnend erkannte: Eins ist der Vorgang in Natur und Menschenwelt. Die liebende Seele, die gebiert, ist immer schuldlos und unbefleckt! Weit sah, der da versucht hat, die Lehre von der heiligen Mutter Maria mit dem Jesuskinde für die ganze Natur auszudeuten. Was alles könnten Menschen daraus lernen! Aber, Else, wenn diese Blume nun die Purpurschalen fallen läßt, in der die Liebe glühte wie in Herzen, und einem Kindchen Leben gibt, ob es auch ihren Tod bedeute – sieh'! dieses Lieben, das zum neuen Wesen führt, ist doch nur ein Einzelfall der großen Liebe, die das Leben überhaupt erhält. Ernährung sollte kosmisches Wechselzeugen, › Liebe des Alls zum All‹ heißen, denn sie diente dem Gedanken unendlicher neuer Wesensarten und hat zu allen vorhandenen Formen geführt – und Neigung vom Mann zum Weib sollte › Liebe zum Einzigen‹ heißen, denn sie dient nur dem Gedanken der Erhaltung des Bestandes. Jene Alliebe ist der Breschenleger in die Felsen des zukünftig Werdenden, diese Liebe zum einzelnen schuf die Armee der Kämpfer um die Burg der Lebensfreude, die sie erklimmen! Die Menschen würden hochmütig lächeln, daß ein so gewöhnlicher, ja mit seinem Raub und Mord ihnen erstaunlicher Akt der leiblichen Speisung aller Wesen solch heiliges Mysterium in sich schließen könnte, und spotten darüber, daß dem rohen Genuß solche Weihe innewohnen soll – aber sie mögen bedenken, daß auch der Genuß der irdischen Liebe entarten und das hohe Ziel entrückt werden kann, sie sollten sich darum ruhig bei ihren Mahlzeiten die Speisen durch ein paar Gedanken an die kosmische Liebe segnen lassen. Lehren nicht alle Religionen das Gebet vor Speis' und Trank?

Dir aber, Else, sage ich: Die Wahl, welche die Liebe zum All erfordert, hat euch Natur abgenommen, aber die zum irdischen Bräutigam in euer Herz gegeben. Des Weibes Seele hat Harfensaiten, die tönen nur bei reinstem Anhauch und verstummen, wenn eine Hand sie rührt, die nicht von reinem Wollen bebt – Hab' acht auf diese Glockentöne: sie leiten deinen Schicksalspfad. Wer mag der Glücksmann sein, der einst dein Falter wird?« –

Da sagte Else einfach: »Franz!«

Aldebaran aber nickte und sagte still zu sich: »Die Glocken haben schon getönt; meine Hand konnte viel, und doch kein noch so kleines Menschenherz mit meinem Glück erfüllen!«

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