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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 26
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXV.

Die mitternächtige Spielbank

Franz, der im Herzen Elses Bild mit sich herumtrug, heimlich es hütend, als wäre es ein vom Altar genommenes kleines Heiligtum, war in wunderlicher Stimmung seit jenem Morgen, an welchem ihn Else aus seinem Traum am Strande geweckt hatte. War das Krankheit, war es Knabenwachstum? Dies Ziehen in allen Gliedern und am Herzen, dies Armebreiten in die Ferne, über die See, und dies Gefühl, mit tiefsten Wurzeln einer heiligen Heimat anzugehören! Dies Emporstarren in die Nacht und in die fernen Lichter, die in die Ewigkeit lockten, und dies Einbohren der Blicke in die Blumenkelche des Gärtchens, als gäbe es dort etwas zu entziffern wie von einer frohen Botschaft!

Er wußte es nicht und ließ sich treiben von diesem warmen Strom der Seele, der über Nacht die Deiche seines Herzens überschwemmt hatte.

In solcher sonderbaren Stimmung, die man nur einmal im Leben hat, wo man nicht weiß, ob man Heldentaten tun oder sich vor Sehnsucht still ins Grab legen soll, ging unser Fischerfranz oft bis spät in die Nacht durch Flur und Wald und Feld. Die Eltern fingen an, sich zu sorgen, und meinten, daß er wohl irgend etwas Krankes ausbrüte! Ließen ihn aber ruhig gehen, denn es war etwas in den beiden Alten beinahe von heiligem Respekt vor den Gaben ihres Kindes – der Elternliebe höchster Tribut an die Natur: zu bewundern, was sie selbst erschaffen, sich nur wie ein Trittbrett zu fühlen für ihrer Kinder Heldensprung in ein besseres Leben, als sie es selbst gehabt. – Franz ging eigene Wege. Aber es kam ihnen nicht zu, meinten sie, den jungen Menschen mit Sorgen zu beunruhigen.

So schlich er eines Abends spät um die Gärten, die sein Heimatsdorf rückwärts umsäumten und dicht an das eben aufgewühlte und neu besäte Ackerland stießen. Still hütete eine Vogelscheuche die stille Arbeit der Keime. Die Nacht war schwül und fahl, und der Mond stieg über die schwarzen Tannenspitzen, kletterte empor am bogendurchbrochenen Kirchtürmchen und schaute neugierig in den Glockenturm.

Da schlug es Zwölf vom Turm. Ein Geisterwind strich kühl durch die Hecken, die Blätter klirrten hier und da wie Geldstückchen aneinander. Ein Eulenschrei. Franz, der im Gebüsch nahe bei der Vogelscheuche lag, durchschauerte ein leises, mitternächtiges Grauen. Weit riß er aber die Augen auf, als er deutlich die Vogelscheuche sich bewegen sah. Mit einem Ruck gleichsam hopste sie von ihrer Stange, zog und striegelte an ihrem zerfransten Frack, bürstete mit dem Ärmel den Zylinder, strich über das papierenbleiche Gesicht, wie ein Roué, der Toilette macht, und tänzelte, ein leichtes Stöckchen lustig schwingend, den Zylinder schief gerückt, im Dandyschritt über das Ackerland, daß nur die Frackschöße so flogen. Franz, anfänglich starr wie ein Stock, blickte ein über das andere Mal das leere Holzkreuz an, das überm Acker stand und das der seltsame Kavalier verlassen hatte. Er faßte sich bald einen Mut, dessen Quelle ein unbestimmtes Vorgefühl und Neugier war, und huschte schnell an den Hecken vorbei, um dem Gespenst, das über den Acker ging, als sei er Parkettboden, den Weg abzuschneiden. Er sah es ziemlich nah von vorne, sah mit Entsetzen eine ganz lustige Knochenfratze, zwischen deren Kiefern eine brennende Zigarette hin- und herrollte. Hu! Wie schauerlich zuckte das kleine Glühlicht wie ein Irrflämmchen um das Geistergesicht und ließ eine Strohhalsbinde um den dürren Knochenhals erkennen.

Jetzt bog der unheimliche Wanderer in den Wald. Franz sprang von Baum zu Baum immer hinter ihm her. Einmal blieb das Gespenst stehen, blickte sich um, währenddem Franz hinter einer alten Eiche den Atem anhielt. Dann wirbelte es das Kavalierstöckchen sorglos zwischen den Knochenfingern und schritt weiter. Der helle Mondschein zeigte deutlich den Weg. Zwei Raben folgten ihm und zweie flogen ihm voran. Ein paar Wildkatzen aus dem Gebüsch zogen einen devoten Buckel, wilde Kaninchen machten Männchen; Ratten säumten, neugierig aus den Gebüschen lugend, den Weg; Eichkätzchen sprangen lustig hin und her, als spotteten sie des Dahintänzelnden. Ein leises Gelenkknacken und hölzern Klappern bei jedem Schritt.

Sie kamen beide an ein großes Schloß mitten im Walde, das Franz nie gesehen hatte. Da war ein großes Fest. Der Kavalier von der verlassenen Vogelscheuche wurde durch gallonierte Diener begrüßt; die nahmen ihm Zylinder und Stock ab, und jetzt erst sah Franz, daß der alte Saatenhüter einen großen Ordensstern auf der linken Brust und eine weiße Blume im Knopfloch trug. Er mußte inzwischen vom Mondeslicht so verzaubert worden sein, denn seine Kleidung war, wie die aller hier anwesenden Gäste, tadellos und neu. Nur durch Beinkleider und Weste glaubte Franz, der durch die Scheiben in einen hellerleuchteten Saal schaute, sich Rippen und Gebein abzeichnen zu sehen. Da musizierten Zigeuner mit Geigen, Hackebrett und Harfe, und hoch ging's her um die sich im Kreise drehenden Paare. Ein zartes junges Edelfräulein war unseres Ackerkavaliers Partnerin. Er sprach lebhaft auf die ein züchtiges Köpfchen neigende Dame ein und zog sie leis mit sich unter die Linden. Franz sah noch, wie er sie in die Arme nahm; da schrie ein Kuckuck auf. Schloß, Garten, Gesellschaft waren verschwunden, durch den Wald tänzelte wieder einsam der Kavalier, nur eiliger, davon. Weiter folgte ihm Franz.

Jetzt erreichte der rüstig Schreitende eine große Lichtung. Da saßen im Geisterlicht wohl an die sieben Vogelscheuchen, Genossen des unsrigen von den Äckern ringsumher, alle in Frack und Zylinder mitten auf einem Acker um einen großen, runden Granitblock herum und spielten mit Karten, daß hoch die Trümpfe in dem Mondlicht blitzten und klatschend die Blätter auf den glatten Stein schlugen. Wenn eine Runde um war, faßte dieser und jener in die Brusttasche und langte Schein um Schein hervor, holte Geldstücke aus den Hosentaschen, und Franz hörte deutlich das Metall klappern und sah Gold in Massen im Mondlicht aufblitzen. Dann begann das Spiel von neuem. Wenn einer oder der andere vergeblich alle Taschen umkehrte und mit Bedauern den Hut zog, dann machten die anderen ein groß Geklapper mit ihren Knochenhänden auf dem Stein, bogen sich weit vor zu ihm und gestikulierten drohend und eindringlich, bis der Schuldner schließlich gegen den Waldrand winkte und ein ganz kleines Männchen mit rundem Hut und langem Rock heranhumpelte und rasselnde Säckchen über die Ackerkrumen schleppte. Dem flüsterte der betreffende Kavalier heimlich was ins Ohr. Dann langte das Männchen aus der Tasche einen Schein, den unterschrieb jener, worauf dann eine schwere Menge Goldstücke in die Hand und auf den Tisch gezählt wurden. Dann ging das Spiel von neuem los. Und immer wieder verlor der Kavalier und immer wieder ließ er den knöchernen Geldausleiher herzulaufen. – Da kam eine weiße Gestalt aus dem Gebüsch, die schlich sich langsam hinter den Spieler, zupfte ihn am Frackende und am Ärmel. Der sah sich einen Augenblick um, schüttelte unwillig die Achseln, drehte sich und spielte weiter. Die schlich, das Haupt verbergend, in den Wald zurück und holte Gespensterchen in langen Hemdchen. Sie trippelten, die Augen reibend, an den Unglücksspieler heran und halfen der Mutter ihn an Frackschößen und Ärmeln zu zupfen. Der Spieler ließ sich nicht stören. Darauf schlüpften die Kindlein mit den Händen winkend in den Schattenabgrund der Nacht zurück. Jetzt trat ein roter Ritter mit Federhut und Degen hinter den Spieler und steckte ihm heimlich Karten zu. Nun mußten sie ihm alle ihr Geld hinüberwerfen; das legte er in Haufen mit unzähligen Scheinen hinter sich, und jetzt mußten andere unaufhörlich das Wechslermännchen kommen lassen. Eben aber zog einer der Mitspieler eine Karte aus dem Spiel, hielt sie gegen das Mondlicht und rief die andern auf das Feld. Auch sie lugten mit dem Kartenblatt gegen die Mondscheibe. Allein stand unser Spieler am Granitblock und zählte gierig seine Schätze; da stürzten sie alle auf ihn los und bearbeiteten ihn mit ihren Stöcken, schlugen ihm den Zylinder vom Kopf, rissen ihm Scheine und Geld aus der Hand und hätten ihm die Knochen auseinander geschmettert – wenn es nicht plötzlich »Eins« vom Kirchturm geschlagen hätte. Die Kavaliere stülpten ihre Hüte auf und stoben eilig mit fliegenden Frackschößen und in Heuschreckensprüngen davon. Nur den Geschlagenen hielt der rote Ritter am Kragen und fuhr blitzschnell mit ihm durch die Luft.

Als am andern Morgen Franz die Stelle aufsuchte, wo er die Vogelscheuche aufwachen und sich zum Ball und Spiel rüsten sah, da stand wie immer das von Kleiderfetzen und Papierlappen umwimpelte Holzkreuz mit dem alten zerknüllten Zylinder auf der Stange. Franz konnte es sich aber nicht versagen, den Acker mit dem großen Granitblock noch einmal anzusehen. Sein Staunen aber war grenzenlos, als er unter dem Stein in der aufgewühlten Erde wohl an die hundert nagelneue Goldstücke fand, aber nur einen einzigen Schein; der trug gegen die Sonne gehalten lauter Sterne als Wasserzeichen, und mit unverlöschlicher Tinte stand darauf geschrieben:

»Es gibt nur ein Spiel, bei dem man viel gewinnen kann:

Das Spiel heißt: ›Arbeit!‹
Aldebaran.«

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