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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 24
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXIII.

Die drei Tongeisterchen

Es waren einmal drei Geister der Luft, die beherrschten gemeinsam die Flur des Himmels, soweit sie nur immer reichte, vom Anfang bis zum Niedergang. Die ganze unendliche Fläche entlang des hellen Raumes, der zwischen dem schwarzen Meer der Finsternis und den heiligen Wiesen des Lichtes gelegen ist. Die hatten sich ein wunderbares Spiel ersonnen mit ihren Tauben, von denen jeder der Geister einen gewaltigen Schwarm fast immer um sich hatte, so daß es lieblich war zu schauen, wenn die drei Geisterchen in holder Eintracht himmlischer Brüder miteinander durch die Luft schwebten. Denn nicht nur, daß sie es gelernt hatten, ihre drei Taubenschwärme anzuweisen, auf ihren leisesten Wink zu schwenken und ihre kleinen Brüste der Sonne zu schnellem Kusse darzubieten, es war ihnen auch in den Sinn gekommen, die flatternden Flügelspitzen mit ganz kleinen freipendelnden Silber- und Goldflötchen und klingenden Flöckchen zu behängen, die wunderlieblich sangen, wenn sie damit die Luft peitschten. Auf dies Geheimnis waren die drei Geister gestoßen, als sie einst in der Sommernacht über einem Teich dahinschwebten und sich irgendwo im Schilf lagerten. Da plötzlich fing es wundersam an zu tönen wie von einem fernher geleiteten, langgezogenen und wehmütigen Glockenschwingen der Klage. Sie wußten nicht, was das bedeutete, eilten herzu und erkannten, daß es Myriaden von kleinen Insekten waren, die alle mit gleich langen und gleich zierlichen alabasternen Flügeln die ruhende Abendluft aufwirbelten, bis daß sie sang. Da erfuhren sie zum ersten Male, daß die Luft, diese schweigende Riesin, sehr wohl zum Reden und Raunen, Rauschen und Klingen zu bringen ist, wenn man nur in geschickter Weise die unzähligen kleinen Spitzen ihres wallenden Schleiers aneinanderwirbelt. Denn wie das Wasser von Windgeistern schnell geschlagen Schaum gibt, so spritzt das Zittern der Luft den Schaum, den sie auf ihre Art wirft, oft weit in die Ferne an lauschende Gestade, wenn die Glöcklein des Äthers zu ihrem tollen Reigentanz kunstvoll bewegt werden. Das hatten sich viele Wesen der Höhe und Tiefe wohl zunutze gemacht und schlugen die Luft mit allerhand kleinen Glockenschlägeln, wenn sie sich warnen wollten vor Gefahr, oder wenn diesem und jenem einmal ein Weibchen abhanden gekommen war. Unsere drei Geisterchen, die anfangs nur selten auf die Erde gewandert kamen, hörten dies Flügelspiel der Mücken mit ihren kleinen wirbelnden Schaufeln aus Silberglas zum ersten Male. Da beschlossen die drei, ihren geliebten Himmelstauben auch solche Schellen an die Schwingen zu hängen, und freuten sich schon im voraus auf den Genuß. Denn ihrer Tauben Reigen waren wohl geordnet nach Zahl und Form der Bewegungen, und sie hatten es durch unermüdlichen Fleiß fertiggebracht, daß die unzähligen Einzeltierchen stets auf strenges Gesetz und harmonische Bewegungen hielten. So flog der Schwarm des einen immer in genau vorgeschriebenem Abstand vom anderen, und einer der drei übernahm in bestimmten Zeiten wechselnd die Flugführung, nach der sich dann die anderen beiden zu richten hatten. Da waren schon wunderbare Formen von ihnen gleichsam eingeschrieben worden in das Buch der Luft, auf den langen Linien weit gestreckter Wolken sonderbare Bilder, die sich in den Wellen des Meeres widerspiegelten und in dem Flockenspiel der wandernden Wolken. Da hatten sie gelernt, allein aus der wechselnden Form des Lichtes und der Schatten gar wundersame Zeichen zu machen mit ihrem Flattertaubenheer, das immer in drei Armeen flog, neben- und durcheinander, über- und untereinander fort! So konnten sie alles, was Geister denken und träumen, schließlich durch Taubenreigen ausdrücken, und waren nicht müde, immer neue Wolkenbilder zu ersinnen, die, für sie wohl verständlich, des Lebens Schönheit priesen. Wie schön mußte das erst werden, wenn nun die Schwingen ihrer kleinen Tänzerinnen der Höhe mit jedem Flügelschlag ihr feines Klingen gaben!

Ihre schwere Mühe, allen Tauben die kleinen Pfeifchen, Glöckchen und klingenden Schüppchen an die Flügelenden zu hängen, wurde reichlich belohnt. Und als sie nun sahen, daß die innere Bewegung und die Gesetze der schönen Form und Linien, die sie den Tänzerinnen fest eingeprägt hatten, aufs wundersamste in drei vollen Klängen immer in gewissem Abstand und stets verändert durch eine plötzliche Seitenschwenkung der Chorführerin des einen Schwarms zum Ausdruck kam, da sahen sie, daß dieses Spiel der drei Schwärme sich immer auf eine Grundform der Bewegung zurückführen lieh, die nannten sie den heiligen Dreiklang.

Da gingen sie einst zum Geist der Welten und zeigten ihm, was sie ersonnen hatten, denn die allerkleinsten wie die mächtigsten Bewohner von Erde, Luft und Feuer sind Rechenschaft schuldig über ihre Taten, und ein Jüngstes Gericht tagt jeden Tag vor Gott.

Der also saß auf seinem hohen Wolkenthron, umgeben von Cherubim und Seraphim, mit Flammenschwertern der Gerechtigkeit und den goldenen Wagen, deren Schalen Schuld und Sühne hießen, in den Händen. Und unsere drei Tongeisterchen, die hier eine sehr ehrerbietige Haltung einnahmen, so ausgelassen sie sich sonst auch benahmen da draußen im Freien, trugen dem Herrn der Heerscharen die Bitte vor, der tönenden Tauben Reigentanz vorführen zu dürfen. Der nickte – da ließen sie das Glöckchenspiel der flatternden Tauben heraufbrausen in schönen weit geschwungenen Reigen wie ein Tanz der Ehrfurcht und der Anbetung, und alle Engel fühlten, daß diese Lieder ein Rühmen des Himmels und ein Heldenlied der Sonne zur Ehre des Ewigen bedeuten sollten. Dann ließen sie noch das Lied vom Lohn der Treue von ihrer schwärmenden Taubenorgel singen und schließlich einen so gewaltigen Hymnus von Lust und Dank, daß der Herr der Welten die drei Geister näher vor seinen Thron treten hieß und sie freundlich belobte.

»Nichts aber kann ich euch Besseres tun,« sprach er, »als daß ich euch zu einer Menschenseele schicke, die wie keine andere jubeln wird, wenn sie in euer luftiges Spiel schaut. Ich weiß auf Erden zu Bonn am Rhein einen Meister, der eurer Tauben Reigenspiel im Herzen trägt und viel getan hat, es ganz wie ihr ans Licht zu bringen. Zu dem geht und dienet ihm, bis ich euch rufe!«

Da zogen sie zur Erde nieder und fanden in einem ganz kleinen Stübchen einen Meister von nicht gerade schönem Körper, auf dem ein ungefüger großer Kopf saß. Schwer gefurcht waren die gepreßten Züge, denn dieses Mannes Antlitz hatten zwei grausame Bildnerhände, Sehnsucht und Qual, angepackt und waren nicht schön mit ihm verfahren. Darum leuchteten wohl auch die Augen mit so trotzig prometheischem Dunkelfeuer, weil hier unermessenes Verlangen zum Titanischen in eines Menschenleibes viel zu enge Fessel gelegt war. Als die drei Geister durch ein offenstehendes kleines Fenster im Dach in das Stübchen kamen, da sahen sie den Meister an einem Kästchen sitzend die Hände bewegen, das Löwenlockenhaupt wild zurückgeworfen, als ob es seine Wüstenheimat in der Ferne suchte. Aus dem Kasten aber kam es ganz deutlich wie ihrer Taubenschwingen Spiel. Sie eilten hinzu und schauten neugierig in den mit Saiten besponnenen Kasten und sahen zu ihrer Verwunderung weiße kleine Paukenschlägel wie Blütenhämmerchen an die Saiten schlagen, in ihrem Bewegen sehr ähnlich dem inneren Gesetz des Spieles, das sie den Tauben beigebracht. Da flüsterten sie ihm in die Ohren, er möge sich nicht stören lassen, Gott selber habe sie gesandt, ihm zu dienen. Der staunende Meister aber konnte ihnen von da ab nicht genug zuhören, wenn sie ihm auf Arm und Schulter hockten und von den Reigentänzen ihrer Himmelstauben erzählten. Das war ihm, dem einsamen Grübler, alles wohl geläufig, und manchmal sprang er, wenn sie so einen Reigen beschrieben, an sein Klavier, schlug ein paar Akkorde an und meinte: »Ah, das klingt dann so und so!« – Da freuten sich die Kleinen, wie gut er sie begriffen hatte, und fühlten ihn in immer tiefere Geheimnisse und Gesetze, die sich ihm noch verschleiert hatten, ein, und er ward selig und ging wie im Rausch einher. Da er auf nichts achtete als auf das Singen und Klingen in ihm, war er kurz und barsch zu seiner Umgebung, und die Leute nannten ihn den »Knurrigen« oder das »Poltermännchen«. Das war nicht zu verwundern. Auf wieviel unendlich Schöneres hatte er, in sich gekehrt, zu hören, als auf die kleinen Angelegenheiten und Mahnungen des Tages! Da summte es vom Hochzeitstanz der Bienen, vom Regenbogenlied der Käferlein und Sonnenlied der Libellen unaufhörlich, unaufhörlich; dann rauschte es wieder wie Lawinendonner, Felsensturz und Flutgewalt. Und wieviel hatte er zu tun, damit den ganzen Inhalt seiner Menschenbrust an Leid und Freud' zu verknüpfen und eines mit dem anderen in Tönen zu verschmelzen. Und obendrein mußte er immer noch auf der drei Tongeisterchen wispernden Rat und Deutung achten, wer wollte es ihm da verdenken, daß er barsch auffuhr, wenn die Tür seines Kämmerleins sich öffnete und jemand rief: »Die Miete ist fällig« oder: »Hier ist die Wäscherechnung.« Noch dazu, wenn er in seinen Geldbeutel griff und ihn leer fand wie die große Blumenvase mitten auf dem Tisch. Dann ward er zornig und warf alle hinaus, Freund, Geliebte und Gläubiger, so sehr es ihn auch schmerzte, daß es bei ihm knapp mit irdischen Gütern bestellt war. Ach, hätte dieser große Meister der Töne ahnen können, daß Millionen Menschen ein Jahrhundert später bereit wären, ihm ein Vermögen zu opfern, um ihn nur einmal noch Flügel und Orchester meistern zu hören! Tausende von zarten Frauenhänden hätten ihm gern die schönsten Spitzen gestickt, seine Wäsche bereitet und seine armen Vasen täglich mit Blumen gefüllt! Aber die Seelen der Zukunft schliefen damals noch und die der Lebenden wandten sich ihm nur zögernd zu. Er tröstete sich mit seiner schöpferischen Einsamkeit, die durch seine drei Gesellen reich belebt war. Manchmal, wenn er sehr gebrochen heim kam, gepeitscht von Zweifeln und Mißerfolgen, ward es ihnen sehr, sehr schwer, ihn wieder aufzurichten; nur wenn sie ihm dann schöne Einfälle vom Taubenchor zuraunten, heiterte sich der Blick, oder mild und zornig griff er in die Saiten, bis die Davidlein seiner Seele den irren König Saul in ihm besänftigt hatten. Als ihm ein Ruf nach Wien ward und es schien, als gehe seine Sonne auf über dem Meere des Erfolges, und er sehr glücklich war, da rief er sie, und sie fanden gemeinsam den Ausdruck für das erste der einst im Himmel vor dem Weltgeist geschwungenen Taubenlieder wieder, und der Meister schrieb es nieder:

»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!«

Dann, als der schwere Schmerz enttäuschter Liebe seine Brust zerriß, da sang er doch mit jener Hilfe sein Menschenlied der Treue, darinnen alle Qual der Gefangenschaft, alles Freiheitsehnen und alles Glück der Erlösung durch Treue wie nie zuvor gezeichnet war. Dem Titanen aber in ihm genügte es nicht, aller irdischen Dinge gewaltigsten Ausdruck zu finden, er spürte ein unwiderstehliches Gelüst, mit Hilfe der drei Geisterchen den Urheber aller der Leiden der Kreatur in die Schranken zu fordern. Da begann er in seinen schönsten Werken plötzlich mit unbegreifbar fremdartigen, aber hinreißenden Einfällen gegen das Schicksal zu hadern, es zu verhöhnen und sein Spiel mit ihm zu treiben. Und es war, als wenn man in solchem schweren Tongewölk den Blitz der Schicksalsantwort vorausfühlte. Er wühlte eine Schwüle auf, eine Spannung und atemversetzende Ungewißheit und Lebensangst, als sollte nun gleich hinter den rollenden Akkorden her das Schicksal aufspringen und die Löwenklaue heben zum Schlage der Vernichtung. Er selbst erschrak manchmal bei der Wirkung einzelner Partien, wenn er den Feldherrnstab eines Generalissimus der Musik schwang, und duckte sich unwillkürlich mit, wenn der Orkan seiner eigenen tollkühnen Gedanken über ihn dahinbrauste. Es war fast als hätte er gelernt, Taubenschwingen zu Krallen der Sphinx zu modeln.

Wie der Herr der Heerscharen vernahm, daß etwas wie Titanengebrüll, Prometheuspochen und Ikarusflügelhämmern an seinem Thron ein Echo gab, da sah er herab und befahl den drei Tongeistern, eiligst zu ihm zurückzukehren, und ließ sie hart an:

»Hab' ich euch erlaubt, euch von dem Undankbaren in meine Sphären erheben zu lassen? Seit wann darf Menschengeist mit dem Schicksal spielen? Ihr habt den Meister über das Irdische hinweggehoben, straft ihn und heißt ihn nur die Gottheit loben!«

Da rauschten sie schnell in sein Gemach zurück. Die letzte Abendsonne legte ihre goldene Harfe ins immer noch enge, den Nebel der Armut und den Reif der Sorgen ausatmende Zimmer.

An dem großen Schreibtisch saß der Feldherr der Töne; er war über der Arbeit eingeschlafen. Das schwere Haupt lag auf den Armen, die Stirn berührte fast den Notenbogen. Da dachten sie, noch in Furcht vorm Zorn des Höchsten, sich an ihm zu rächen, krochen schnell in seine beiden Ohren und durchrissen ihm im Grimm das Trommelfell mit ihren kleinen Geisterkrallen.

Als früh am Morgen der nun schon grau gewordene Alte erwachte und an die Arbeit ging, da merkte er, daß sein Gehör schwer gelitten habe. Er erschrak bis ins Mark, taumelte, rang die Hände – umsonst – die Harfe seines Ohres hing mit zerrissenen Saiten, die kein irdischer Geigenbauer wieder richten konnte.

Da brach er in sich zusammen: die letzten Sätze, die er niedergeschrieben hatte, starrten noch von Schicksalschaosweben, von Totentanz und überirdischen Gewalten, und jetzt warf er sich weinend über seine Blätter.

Da jammerte die drei Tongeisterchen der Arme, sie ließen ihre Tauben kommen und die schönsten Liederreigen weben – umsonst, der Meister hörte sie nicht mehr.

Er weinte – ins Leere horchend und seine Seele suchend – unaufhörlich. Und als ihm die heißen Tropfen über die Blätter rollten und die Tinte zu verwischen drohten, da sprang der heilige Dreiklang in der Gestalt der Tongeisterchen herzu; sie drückten ihm die Schwanenfeder in die Hand und formten aus seinen Tränen das hohe Lied von der Freude, das die Menschen Beethovens Neunte Symphonie nennen.

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