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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 23
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081108
projectidd5035b60
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XXII.

Eiserkrönchen und Lockenschönchen

»Sag' mir,« wandte sich eines Tages Elselein an Aldebaran, »warum war der gute Onkel Doktor, der heute mit seinem lahmen Schimmel nach Mutters Schulternreißen zu sehen kam, so kurz und schnippisch zu dem Dorfpastor aus Seldin, der mich eben in die Enge treiben wollte? Ich habe es wohl bemerkt, wie feindlich es bei beiden in den Augen leuchtete, als sie sich, fast widerwillig, vorm Garten begrüßten.« –

»Das ist ein alter Streit zwischen ihnen, und wenn sich nun noch der Lehrer Piepkorn zu ihnen gesellt, der ein trefflicher Musikus ist, so gibt das ein sonderlich Trio, und ich habe nicht ohne heimliche Freude ihrem neulichen gemeinsamen Gespräch beim Schützenfest zugehört, als sie sich in ergötzlicher Manier, jeder den Standpunkt seines Metiers vertretend, in die Haare gerieten. Fehlte bloß noch die alte Köhlerfrau mit ihrem Aberglauben, dann hätten wir ein schönes Kollegium menschlicher Wahrheitspriester zusammen gehabt. Sieh', Kind, ein jeder möchte die Wahrheit wissen, wenn möglich die letzte, und jeder glaubt, sie in der Hand zu haben oder wenigstens beim Niederbücken zu sein, um sie abzupflücken. Aber die Wahrheit ist eine Blume aus dem Wunderlande, die ist nicht mehr da, wenn man danach greift; sie gleicht jenen goldartig leuchtenden Massen, die manchmal vom Himmel fallen. Schon mancher wickelte sie in sein Tuch, um sie nach Hause zu tragen; wenn er sie aber auf dem Tisch ausbreiten wollte, so war das noch so fest verschnürte Tüchlein leer! Es roch nur noch ein bißchen nach Schwefeldampf und Pech.

Es ist ein großes Geheimnis um die Wahrheit. Alle kommen von verschiedenen Wegen an sie heran, und wenn sie dicht vor dem Tor des letzten angelangt sind, ja es frei geöffnet haben, so schauen sie in ein noch vielmal dichteres Labyrinth, als das war, das sie soeben mit vieler Mühe durchmessen haben. Die Welt ist grenzenlos ›nach oben‹ wie ›nach unten‹ in Maß und Zahl. Ein neugefundener Stern weist auf die Wahrscheinlichkeit Millionen noch neuerer hin; ein neu im Fernrohr gesichteter Sonnennebel verkündet das Dasein noch unendlicherer, neuer Planetenwelten! Und wenn ihr mit neuen Linsen und übermenschlichen Sehplatten, die schärfer Licht wittern als Menschenaugen und ihnen nur durch ein Silbernetz bemerkbar werden, einen neu aufleuchtenden Stern findet, so zeigt es sich: seine Größe muß so unermeßlich sein, daß die Sonne gegen ihn zum Sonnenstäubchen wird. Einst wird das mit Glaslinsen bewaffnete Menschenauge lebende Wesen schauen, die so klein sind, daß in einem Stecknadelköpfchen Millionen ihrer Arten, kuglige, stäbchenartige, korkzieherförmige und gegeneinander wohl bestimmbare, mit Tausenden von Wirkungsweisen im Haushalt der Natur begabte Wesenchen enthalten sind. Man wird diese so winzigen Bausteine alles Lebendigen aufdecken und glauben, der letzten Lebenseinheit Aug' in Auge zu sehen – und man wird eines Tages staunend erkennen, daß diese Kinder der Stäubchen in sich schon Riesenwelten tragen, gemessen an der Kette des Winzigsten, das noch unter ihnen liegt. Immer gleitet der Boden den Forschern unter den Füßen weg bei jeder neuen Entdeckung vom Bau der Welt nach dem Großen wie nach dem Kleinen, weil jede Erkenntnis das Gebiet des schon Erkannten nicht einengt, wie man glauben sollte, sondern ihn dem Ehrlichen und Kühnen ins Bodenlose erweitert. Ihr findet immer nur den Satz bestätigt, daß das, was ihr schon wißt, ständig weniger wird und schrumpft gegen das, was euch zu wissen übrig bleibt. Wie könnte das auch anders sein? Ja, es ist weise, daß dem so ist! Alles in der Welt marschiert, strömt, gleitet vorwärts. Es wandelt sich dabei alles zu immer höherer Bestimmung. Aus den kleinen Bausteinchen des feurigen Gottessohnes, den die Griechen Prometheus nannten, ward nach einem einheitlichen Plane, wie ich es dir noch deutlich erkennbar zeigen werde, durch Wandlung, Wachstum und Zusammenfassung aus den Steinchen ein Plättchen, aus dem Plättchen ein Gewölbe und eine Mauer, aus der Mauer ein Haus, aus dem Haus ein Dorf, aus Dörfern die Städte, aus Städten der Staat, aus Staaten Staatenbunde und so fort. Das ist ein Bild für den Aufbau des Geschaffenen. Aber nie ist das erste Körnchen eine feste Unterlage für die Erkenntnis des Beginns; rückwärts von ihm zerfällt ein allerkleinstes Lebewesen in ein Weltall von Bewegungen, die ihr Menschen recht grob unbelebt nennt. Da sind die winzigen Kristallteilchen, Stoffperlchen, Ätherwirbelchen, die selbst den Zwergenbau noch zu Milliarden durchschießen, durchkreisen, durchleuchten – in einer Zusammenwirkung, die eigentlich schon lebendig ist, weil sie sich stets nach einem innewohnenden Ziele bewegt. Sie erschaffen, sichern, erhalten und bilden das um, was ihr Leben nennt. Wenn ich dir einst ein winzig Stückchen leuchtenden Metalls zeigen werde, welches sich in sich unendlich lebhaft bewegt, Odem aussendet, Nahrung zu sich nimmt, Stoffe wechselt, Kinder bekommt, ermüdet, schläft und sich erholt, wenn es aber stirbt, sich wandelt in ein neues Metall wie eine Puppe in den Schmetterling – würdest du da nicht, du, ein Kind, erkennen müssen, daß dies Metallbröckelchen lebt und daß zu seinem Leben noch wieder unzählige Vorbedingungen nötig sind? Aldebaran deutet auf das Radium hin. Wo ist da die Grenze des Lebendigen und Toten? Der Mensch wird keine finden und so magst du ruhig annehmen, daß schlechterdings alles lebt, geistig ist und das Lebendige vorbereitet. Metalle und Kristalle haben eine bildende Substanz in sich, eine Seele, leitende Träger von Harmoniegedanken, sie hassen und lieben, sie leiden und handeln, Flamme und Farbe, Licht und Schatten leben, dulden, wirken! Alles ist ein Kreis des wandelbaren, des gewordenen und werdenden Lebens, alles trägt in sich Geist und entstammt einer Idee der Weltseele, die Ihr Gott nennt! Die Seele Eures Leibes ist unsichtbar, unbetastbar, wie Gott die Seele der Welt ist, ebenso unbeschreibbar für Euch!«

»Aber Peterchen,« fragte Else, »wenn doch alles so unerforschlich ist, warum bemühen sich die Menschen so redlich und unaufhörlich, um dennoch die Dinge bis ins kleinste zu ergründen?«

»Weil diese Unruhe, die das Wissen oder vielmehr das noch Nichtwissen bringt, eine Leiter ist, an der der Einzelne und die Gesamtheit in immer höhere Kreise steigt. Ja, dieser Anreiz ist die Ursache, warum überhaupt der Mensch steigt und die Menschheit aus dem Tiergeschlecht sich vergöttlichte. Das noch Unerforschte, das zu Ergründende ist ein Wetzstein ihrer Messerchen und Greifzangen des Geistes, die dadurch immer schärfer schneiden, immer höher reichen. Dabei werden sie königlich belohnt von der Natur, die sie in ihrer Art hinterlistig zerbröckeln, zerstückeln, zerreißen, ja sie treiben sie in gewissem Sinne geradezu wieder zurück in längst verödete eigene Urwerkstätten und Geburtsschlupfwinkel. Die unendlich Gütige stellt sich trotzdem auf ihre Seite und läßt sich zur Sklavin machen, sie mit ihren Urgewalten beschenkend. Nur manchmal rächt sie sich dann wohl einmal plötzlich durch einen furchtbaren Tatzenschlag. Wer hat das Feuer wieder emporgewühlt, gleichsam aus dem Grab der Erde, nachdem es längst in ihre Eingeweide bei ihrer Abkühlung sich zurückgezogen hatte? Bei der stillen Gestaltung ihrer Kruste zum Boden des Lebendigen wurde seine sengende freie Flammengewalt überflüssig. Wer rief die Feuermacht zurück? Der Mensch. Wer zwang das Wasser, abzubiegen aus seinen natürlichen Bahnen eines behaglichen Kreislaufes? Wer zerlegt die Luft aus ihrer schönsten Harmonie zur Wechselatmung von Tier und Pflanze? Der Mensch. Wer weckt versunkene Wälder zur Arbeit und Wärme und wer entreißt ihrem Gestein die Rohstoffe zu allen seinen Handwerkszeugen? Wer preßt aus der Kohle die elektrische Energie, die Sonnenglut, die dort schon schlief in halbem Todesschlaf? Der Mensch. Und er wird ihr noch unendlich viel mehr abringen an schon begrabenen und abgetanen Geheimnissen, die alle seiner Sehnsucht, seinem Vorwärtsbrausen Wind in die Segel geben! Er wird die immer bauende Natur wieder zerbröckeln und aus den Trümmern ihre Idee ablesend nicht ruhen, bis er die Luft und die Sterne erobert, wie er es mit Erde und Wasser gemacht hat! Das ist das Ziel und die Rechtfertigung auch der Wissenschaft, für die allerdings der gute Onkel Doktor eben kein allererster Fackelträger ist und darum doch etwas hochnäsig auf den kreuzbraven Pastor herabzublicken sich erlaubt, der seinerseits wohl auch den Wert von dem redlichen Wollen seines Gegners anerkennen könnte, ohne daß er den Pfad seines Wahrheitsweges zu verlassen brauchte. Denn, Kind, die Religion ist wohl ein untrügliches Urgefühl davon, daß ein Unerforschliches, aber auch unendlich Deutbares, Furchtbares und Mildestes zugleich hinter den Dingen steckt. Es ist nicht wahr, daß Furcht den Mensch Gott denken ließ! Wer fürchtet, ist eigentlich ohne Glauben, und wenn Menschen sich hinter den Winden und Donnern Götter dachten, so ist das eben der Anfang zum Unglauben, zum Anbeten von etwas eben ›Nichtgöttlichem‹ und hat in letzter Linie stets zu Gottlosigkeit geführt. Wenn sich herausgestellt hat, daß kein besonderer ›Gott der Stürme oder Erdbeben‹ zu entdecken war, so war das doch wahrhaft kein Beweis für sein Nichtsein überhaupt. Dieser falsche Schluß, den du, mein Kind, schon begreifen wirst, war manchmal schon eine gefährliche Waffe gegen alle Prediger der Gottheit. Denn der Ungläubige frohlockt, wenn ein Götze fällt: zu früh! Denn wenn auch alles sich auflöste in Erkennenkönnen von einfachen Ursachen und Wirkungen, so bliebe immer noch das Wunder, daß der Mensch die Welt eben erkennen kann. Weil es eine Lust ist, weltgemäß zu denken, müßte man darum erst recht sich selbst als ein Stückchen Offenbarung des Göttlichen in Demut empfinden. Daher die gefühlte Pflicht der ganz Großen unter euch, das Empfundene herauszuholen aus der tiefsten Brust, und sei es zu unendlichen Leiden. Denn selbst Perlen sterben in Menschenhand wie Edelsteine des Glaubens in der Zweifler Herzen. Ihnen scheint der Glauben nicht kostbar, weil er keine sichtbare Schutzstätte gewährt, denn sie sind immer besorgt für sich allein, höchstens noch für die ihren, also immer in Sorge und Furcht und darum gottlos. Darum glaube es nicht, Elselein, wenn man dir sagt, die rohe Menschenfurcht, die Unwissenheit habe die Götter geschaffen. Die Sehnsucht schuf sie und die Erkenntnis der unbegreiflichen Wunder ringsum! Jeder noch so versteckte Rest von Fürchtenmüssen führt stets zum Nichtglauben, Mut allein zu Gott!

Darin tut also wieder Onkel Doktor dem Pastor von Seldin Unrecht, daß er meint, ohne Glauben auskommen zu können. Er sollte wenigstens gelten lassen: ›Mir ist Gott wie eine wissenschaftliche Vermutung von allumfassender Gültigkeit!‹ Damit wären er und alle seine Zunftgenossen der Zukunft vor manch böser Niederlage bewahrt.

Zu alledem will ich dir jetzt noch ein kleines Märchen erzählen, in dem die vier Personen: Onkel Doktor, Piepkorn, der Pastor und die alte Möller, freilich in sehr veränderter Gestalt, vorkommen und gemäß ihrer Weisheit agieren. – –

Es waren einmal zwei Zwillingskönigskinder, die hießen Eiserkrönchen und Lockenschönchen. Sie wuchsen in einem großen Inselreiche auf, das ihre Eltern schon vor vielen Jahren verlassen hatten. Man sagte, sie seien zum Besuche verwandter Festlandfürsten gefahren, kehrten aber nie zurück. Die einen behaupteten, sie würden irgendwo verborgen gehalten, andere meinten, sie seien zurückgekommen, lebten aber verkleidet mitten unter ihren ärmlichen Untertanen, weil ihnen eine Fee geweissagt hatte, eines ihrer Kinder müsse sterben, wenn sie zurückkehrten. Das Volk, das seinem Königshause wegen seiner milden und segensvollen Regierung sehr dankbar war, nahm sich beider Prinzessinen bestens an und ließ sie in ihren verwaisten Schlössern sorgfältig großziehen und wohlgedeihen. Da man nicht wußte, welche der beiden die ältere war, die dunkle oder die blonde – nach ihrer Haarfarbe und deren natürlichem Gewelle nämlich hatten sie ihren Namen –, so war nicht zu entscheiden, ob Lockenschönchen oder Eiserkrönchen, oder ob beide gleichzeitig mit ihrem siebzehnten Jahre die Regierung des Landes übernehmen sollten. Das Volk hatte sich in zwei Parteien gespalten, von denen die eine meinte, Eiserkrönchen sei wegen seines ernsten Wesens die geeignetere Regentin, während die andere behauptete, ein so fröhliches Sonnenkind wie Lockenschönchen mit ihren Blauäugelein sei der strahlenden Krone würdig. So stritten die Parteien her und hin, beide geführt von einer kleinen Anzahl mächtiger und würdiger Kronberater, die sich gegenseitig spinnefeind waren. Die zu großer Schönheit heranwachsenden Kinder waren von Natur sehr verschieden, da Eiserkrönchen schlicht, wahrheitsliebend über alles, arbeitsam, aber ernst und ein bißchen bitter im Gemüt war, Lockenschönchen dagegen, ein Naturkind, heiter und spielerisch sich gebärdete, oft sogar ein bißchen Flunkerei trieb und nur ungern an die Arbeit ging. Trotzdem vertrugen sie sich in der Kinderzeit sehr gut miteinander, je mehr sie aber heranblühten, desto wirksamer wurden die beiderseitigen Einflüsterungen, so daß sie nur noch des Hoftones wegen äußerlich zueinander hielten, aber sich im Grunde zum mindesten sehr gleichgültig wurden. So standen die Dinge, als eines Tages mit großem Gefolge der ›Prinz Godefried vom heil'gen Land‹ mit vielen Schiffchen, die goldene Anker hatten und herzförmige Segel trugen, landete. Alles Volk war versammelt am Strande, als der strahlende Prinz mit einem großen Silberkreuz über der Stahlbrünne das Inselufer betrat. Er bot den Prinzessinnen den Königsgruß, ließ aber schon nach dem Austausch der ersten Begrüßungsworte mit Eiserkrönchen diese mit offen zur Schau getragener Nichtachtung beiseite stehen und wandte sich zu lebhaftem Gespräch an Lockenschönchen. Eiserkrönchen runzelte befremdet ihre schwarzen Brauen, die sich unter der hohen hellen Stirn gleichsam die Hände reichten, und faßte augenblicklich einen leidenschaftlichen Groll gegen den Prinzen, dessen Glanz sie sich nicht ganz hatte entziehen können. Godefried aber, wohl ein wenig geblendet von Eiserkrönchens Schönheit, fühlte doch etwas wie Furcht im tiefsten Herzen. Es war ihm nämlich geweissagt worden, daß ihn ein Weib, das eine eiserne Krone tragen werde und aus königlichem Geblüt sei, einst an den Rand des Verderbens bringen würde. Als er nun den Namen Eiserkrönchens hörte, hatte er sich im ersten Schrecken so auffällig von ihr gewandt. Alles Volk glaubte allgemein, daß Prinz Godefried Lockenschönchen seine Hand bieten und so die Herrscherfrage schnell und aufs glücklichste lösen würde, aber da hatte man nicht mit Eiserkrönchens fester Willensmacht gerechnet. Sie verstand es, schnell ein starkes Heer um sich zu sammeln, und da nun die andere Hälfte treu zu Lockenschönchen und Prinz Godefried hielt, brach der Bürgerkrieg aus mit wilder Heftigkeit. Nach vielen schweren unentschiedenen Schlachten bot Eiserkrönchen, die im Waffengebrauch wohl geübt war, dem Prinzen einen Zweikampf allein vor allem Volk an, den der ritterliche Prinz trotz geheimen Grauens natürlich annahm.

Da standen sich auf freiem Feld die beiden Kriegerreihen mit gesenkten Waffen gegenüber, und Prinz Godefried trat der in Eisen starrenden Königstochter entgegen. Es geschah ein Wunder. So oft der Prinz seine Lanze mit schwerem Schwunge gegen Eiserkrönchen schleuderte, so oft flog das gefährliche Geschoß ihm in die Hand zurück. So oft aber die schwarze Heerführerin ihr Schwert gegen Godefried niedersausen lassen wollte, blieb es wie von übernatürlichen Mächten gehalten in der Luft schweben. Da brachen die beiden Reihen Krieger ungestüm aufeinander los, und siehe, auch sie konnten sich gegenseitig nicht mehr verwunden.

Um aber dem Streit endlich ein Ende zu bereiten, nahm Eiserkrönchen ihre Truppen aus dem Gefecht, belohnte sie alle königlich und zog mit vielen Getreuen auf eine einsame Burg. Godefried zog in Lockenschönchens Schloß; aber mit ihm war nach allen diesen Kämpfen eine tiefe Veränderung vor sich gegangen: er fühlte, daß Eiserkrönchen ihn doch ohne Waffen ins Herz getroffen hatte, und nebelschwer lag es ihm in den Gedanken. Lockenschönchen mußte es endlich aufgeben, an ein Ehebündnis mit dem Prinzen zu denken, weinte eine Zeitlang bitterlich, tröstete sich aber bald. Ein Spielmann kam gezogen, der sang sich ganz in ihr Herz; sie hob ihn zum Thron und gebar ihm vier Söhne, die wegen ihrer Kunstfertigkeiten hochgeehrt waren. Prinz Godefried aber lebte ebenso einsam wie Eiserkrönchen in einem wundervollen Schloß, das ihm Lockenschönchen bauen ließ. Lockenschönchens Reich wandelte sich, fern von dem Einfluß Eiserkrönchens und Godefrieds, in ein ausgelassen fröhliches Land. Anfangs ging alles schön und gut, aber im Alter wurde Lockenschönchen geizig und raffte Geld und Gut mit Hilfe ihrer gleichfalls immer gewinnsüchtiger werdenden vier Söhne zusammen.

Da fing ein böses Weib aus dem Volke an, sich durch Geisterspuk und Lug und Trug viel Anhang zu sammeln; die wollte ihre Schwarzkünste benutzen, um alle Macht des Reiches an sich zu reißen, und trachtete allen dreien, Godefried, Lockenschönchen und Eiserkrönchen nach dem Leben.

Es war Eiserkrönchen, die nun schon hochbetagt, aber ungebrochenen Geistes die Verschwörung entdeckte und die beiden anderen davon benachrichtigte. Godefried fühlte sich im Herzen vor Zweifeln und heimlicher Liebe so todeswund und weltmüde, daß er erst gar nicht gewillt war, den neuen Kampf aufzunehmen.

Da erschien eines Tages eine gebückte Bettlerin vor seinem Schloß, gerade als er in härenem Büßerhemd die Blumen seines Gartens begoß, die sprach: ›Godefried, ich habe dich an den Rand des Unterganges gebracht! Mein ganzes Leben war ein einziger Irrtum; ich kann nicht ohne dich sein und du nicht ohne mich. Oft müssen sich die Alten gestehen, was sie, zur rechten Stunde gesagt, in der Jugend hochbeglückt hätte.«

›Wer bist du?‹ fragte Godefried und nahm ihr den Schleier von den Augen. Da erkannte er das alte Eiserkrönchen.

Gemeinsam mit Lockenschönchen stellten sie nun der alten Gauklerin eine Falle. Sie kam an einen finsteren Ort, wo sie den todesmatten Godefried allein zu finden hoffte. Schnell warf Eiserkrönchen Fesseln über sie, und alle drei banden sie und warfen sie in einen tiefen, tiefen Turm.

Als die Sonne am Morgen die drei mit ineinandergelegten Händen vor Godefrieds Schloß stehen sah, da freute sie sich so herzlich, daß sie allen dreien die Jugend wiedergab. Da gab es großen Jubel im Lande, und alle wurden sehr glücklich.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute«. – »Sag' einmal, Aldebaran,« fragte Else, »warum schließen alle Märchen in derselben Weise mit diesem: ›Und wenn sie nicht gestorben sind usw.?‹«

»Weil das heißen soll: Alles in guten Märchen hat einen unvergänglichen Sinn und eine Ahnung vom Weltgeschehen. Es passiert so etwas alle Tage. Weil Wahrheiten niemals sterben, so leben auch die Träger und Verkünder solcher Schicksale immer wieder von neuem auf.

Nie kann die echte reine Wissenschaft die Religion verwunden, nie wird der tiefste Glaube das Wissen blutig schlagen. Sie sind für einander unverletzlich wie Godefried und Eiserkrönchen. Beiden kann zwar der Aberglaube gefährlich werden, doch immer wieder wird ein Eiserkrönchen die alte Zauberin fesseln und in einen Turm sperren. Die Kunst, unser leichtfertiges Lockenschönchen, kann der Religion wohl dienen und ihre Altarkirchen schmücken, aber sie darf ihr nicht ganz gehören, sie bricht sonst immer die Treue und muß lieber dem Bruder Leichtsinn sich ergeben. Ihre Kinder sind die vier Kunstformen, Musik, Malerei, Bildnerkunst und Poesie. Sie können auf Nebenwege kommen und nach Gold und Ruhm streben, dann reinigt und verjüngt sie Godefried und Eiserkrönchen!

Darum schließen alle Märchen, die ja nur versüßte Weisheit für Kindermäulchen, Perlen als Zuckerplätzchen vermummt sind, mit dem unsterblichen: ›Und wenn sie nicht gestorben sind!‹«

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