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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 17
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVI.

Der Abendmahlsmaler

In einer großen und mächtigen Stadt des Südens, deren Markt eine Kirche trägt, die von unten gegen den blauen Himmel gesehen sich so ausnimmt, als hätten sich Engelein aus dem Luftzelt Guckfensterchen zur Erde gebaut, lebte einst ein großer Maler, der war herabgestiegen zu Tal aus den Bergen seiner Heimat als ein Prophet und Verkünder großer Dinge. Denn er war von Natur gesegnet mit einem Blick für den innersten Zusammenhang aller Erscheinungen und einer Hand, die seinen tiefsten Gedanken Ausdruck geben konnte, sei es nun, daß er meißelte, malte oder schrieb oder an eigenartigen Werkzeugen bastelte. Er war einsam und in sich verschlossen, wie alle Menschen, die immer daran sind, etwas Neues zu bauen und Gedanken zu gebären aus Nebeln dunkler Ahnungen, die in ihrer Seele sich langsam gestalten, wachsen und an ihrer Hülle picken wie Hühnchen im Ei, wenn sie ans Licht wollen. Schweigsam und schwer zum Reden zu bringen, genoß er doch großer, freilich wechselnder Liebe bei den Fürsten seiner Zeit und hatte immer Jünger um sich, die des für sie heiligen Augenblicks harrten, bis dann und wann die Starre seines Wesens schmolz und ein solcher Strom von unerhörtem inneren Leben aus ihm hervorbrach, daß sie nicht genug zu staunen und zu behalten hatten. Einige hielten ihn für einen halben Gott, andere freilich konnten sich sein sonderbares Wesen nicht anders erklären, als mit der Annahme, er sei insgeheim mit dem Teufel im Bunde. Arbeitete er doch meist hinter geschlossenen Türen mit sonderbarem Gerät und allerart Gestein und Pulvern, kleinen Kanonen und Geschossen, verfertigte große Flügel aus Seidenstoff, sonderbar geformte Holzspangen, lieh sich Bohrwerkzeuge und Hebel aus und brachte gar Tierkadaver in seine Hexenkammer, und man munkelte, er habe Leichen Gehenkter und an Seuchen Verstorbener zu sich geschleppt.

Wozu? – Das wußte niemand. Aber alles das trug dazu bei, ihn bei jedermann mit einem Schein der Unnahbarkeit zu umgeben, und wenn nicht hier und da aus seiner Werkstatt Werke der Malerei und Bildnerkunst ans Licht gekommen wären von wunderbarer Herrlichkeit und hinreißender Treue der Darstellung, so wäre es ihm in der dunklen Zeit der Teufelsfurcht schlecht ergangen. Allen Anklagen seitens der nie schlafenden Eiferer und Verleumder zum Trotz hielt doch sein gnädiger Fürst sein Wappenschild über ihm und, wenn er ihn auch nicht liebte, so konnte doch er und sein ganzer Hof sich gar nicht vorstellen, was werden sollte, wenn dieser Stern des Glanzes an seinem Himmel erlosch.

Man kann sich heute nicht ausmalen, wie hoch die damaligen Herren der Welt die Kunst hielten, sei es, daß es eine Frage der Eitelkeit und des Wetteifers war, welcher der vielen Staaten des Landes den größten Meister gleichsam sein eigen nannte, sei es, daß ein wildes, lasterhaftes Leben an den Höfen sie in Opfern für die Schönheit eine werktätige und nicht allzu schwere Buße für unerhörte Greuel des Genusses und der Grausamkeit suchen ließ. Alles in der Natur ringt nach Ausgleich, und je wilder die Sitten werden, je ruchloser die bestialische Natur des Menschen die Zügel schießen läßt, desto sicherer schwingt sich ihnen ein Engel auf den Wagen, die Zeit zu retten, daß sie nicht einst verlöscht werde im Buche der Wunder. Kunst war damals eine feine Mode, niemals waren die Trachten prächtiger, die Gerätschaften des täglichen Lebens geschmackvoller und die Werke der Meister schönheitgetränkter. Die Unsicherheit des Lebens war groß, und schöpferische Seelen sind um so fruchtbarer, je weniger ihnen Behaglichkeit und Ruhe gegönnt ist. Ihre Saat muß zur Erde, je schneller, je lebenserneuernder, um so besser. Sie sind wie die Eintagsfliegen gezwungen, die kurze Spanne von heut auf morgen eilig zu benutzen. Jeder Tag, jede Minute konnte damals die letzten ihres Wirkens sein.

So arbeitete auch unser Meister wie unter einem gewaltigen Druck der Unrast und der Zweifel, ob er je würde sein Lebenswerk zu einem Abschluß bringen können. Was wollte er alles bewältigen und aus dem Boden stampfen! Wasserkanäle bauen, die große Ströme aus ihrem naturgegebenen Bett lenken sollten, Städte, die nur ein einziges großes Haus bildeten, Wurfgeschosse, die auf halbe Meilen Länge wirksam werden und Festungen in Schutt und Asche legen sollten; die Schwerkraft überwinden, Maschinen, mit der Hand getrieben, gleich feurigen Wagen über die Straßen sausen lassen, Sprengstoffe und ein Gefährt für die Luft, das Menschen gleich Vögeln über die Höhen tragen sollte. Er wollte eine Heilkunst gründen, die Seuchen unmöglich machen müßte, und beweisen, daß der Mensch gebaut sei wie ein Tier, daß in seinem Gehirn alle die Apparate zu finden und zu sehen seien, die man haben müsse, um sein Leben paradiesisch zu gestalten. Daneben wollte er die Malerei und Bildnerkunst auf ganz neue Bahnen lenken und rechnete und konstruierte an einem geheimen, unoffenbarten Kunstgesetz herum. Neue Farben mit ungeheurer Lichtwirkung wollte er finden, verließ die Bahnen erprobter Überlieferungen überall und zähmte doch seine in ihm tobenden Schöpferrosse mit der harten Gewalt eines nie erlahmenden Willens.

So faßte er eines Tages den Entschluß, das größte Bildwerk aller Zeiten zu erschaffen und konnte keinen gewaltigeren Stoff finden als die Stunde des heiligen Abendmahls, da Jesus dem Ischariot es ins Gesicht sagte, daß er ein Verräter sei. –

In einer Stunde, da sich alle Schleusen seiner Beredsamkeit und die ganze Macht seiner Persönlichkeit denen, die ihm zugehörten, unvergeßlich in die Seele schrieb, trug er seinem Fürsten seinen Plan vor. Die Szene, die er malen wollte, sei das größte Drama, das sich je im Menschenherzen abgespielt, es sei der Anprall wilder Mächte, die alles Irdische und Himmlische umfaßten. Es sei ein ihm allein ausdrückbarer Ewigkeitsbeweis für die Überlegenheit und den endlichen Sieg des Guten über das Böse. Das Göttliche wie das Teuflische sollten mit nie geschauter Klarheit im Kampf geschildert werden und jeder, der es schaute, sollte vor die Frage der Entscheidung gestellt werden, welcher Macht er selber und sein Tun angehöre. Er werde Christus malen in hinreißender Schönheit und nie sollte eines Unholds Schreck verblüffender zum Ausdruck kommen. Was er je von Menschengüte, Milde, königlicher Gnade und was er je von Schlechtigkeit, Hinterlist und Verworfenheit in Menschenzügen gelesen und aufbewahrt habe, wollte er hineinlegen in die beiden Helden dieses gigantischen Seelenkampfes, des den Tod grüßenden Opfers und des die Verdammnis witternden Siegers. Die Jünger sollten geschart sein, atemlos und aufgewühlt wie die Brandungen empörter Völker, wie die bangenden Seelen, um deren Glück hier zwei Gewaltige die Schicksalswürfel warfen.

Der Fürst gewährte alle Mittel und der Meister ging ans Werk. Eine Kapelle mit breiter Altarswand wurde bestimmt, von welcher das Bild herniederleuchten sollte, das, wie der Herr dem großen Maler auf das Wort glaubte, ein Pilgerheiligtum der ganzen Christenheit werden müsse. Tag um Tag, Jahr um Jahr arbeitete der Meister mit eigenen Farben an diesem Werk, einsam und von niemand gesehen saß er auf seinem Gerüst, umhüllt von schweren, dichten Vorhängen, die dasselbe umkleideten, hinter die von oben das Licht aus einer Kuppel fiel. Die Mischungen vom Grundstoff seiner Farben war sein Geheimnis, triumphierend sprach er es aus, daß sie nicht eher weichen, erblassen oder lichtarm werden würden, als bis die Mauer in Staub zerfalle. Dafür, daß das nicht geschehe, würden Jahrhundert um Jahrhundert, ja Gott selber Wache stehen!

Endlich, nach sieben langen Jahren war das Gemälde fertig, nur eins noch fehlte, der Christuskopf. Siebenmal auf die Wand entworfen, siebenmal gelöscht und übermalt, weil immer noch nicht der Seelenkönig jenen Glanz zurückwarf, den er im Herzen trug, gelang es ihm endlich, ihn sich zur Genüge festzuhalten und nun in einem Zuge zu vollenden. Der Fürst, der schon lange böse Worte voller Ungeduld und Zweifel hatte fallen lassen, wurde eingeladen, das Bild zu sehen. Als er – nach Beding – allein und ohne jede Begleitung eintraf, war das Bild noch verhüllt. Der Meister bat ihn, ihm nicht zu zürnen, wenn er es ihm noch nicht in voller Ausdehnung zeige, es sei zwar fertig, aber noch mit einem Schutzstoff zu überziehen, der langsam trockene. Er wolle des Fürsten Gnade aber nicht länger auf die Probe stellen, und so habe er sich entschlossen, ihm allein den Christuskopf als Unterpfand für das Gelingen des ganzen Werkes zuerst vor allen Menschen zu enthüllen. Das sei eines armen Künstlers hohes Geschenk, wenn er, der Fürst, bedenke, daß Millionen Menschenaugen nach ihm auf dieses Gottesauge blicken würden.

Ein Zug an der Gardine – und aus einem Spalt von Purpursammet leuchtete die Gnade so überwältigend rein, daß der Fürst erblaßte, bis in das Mark erzitterte und das geblendete Auge mit dem Arm deckte. Dann starrte er wieder und wieder, trat näher heran und sprach das Vaterunser. Des Meisters Blicke sprühten Stolz.

Noch an demselben Tage überstrich er die ganze Fläche mit seinem nur für diesen Zweck ersonnenen Firnis, der anders wie sonst Firnisse tun, das Licht noch heller, die leuchtenden Stellen noch prächtiger und die Schatten noch tiefer wirken ließ. Der Meister atmete tief auf, als er alles noch einmal übersinnend davor stand. Dann zog er den Vorhang über das Bild. Bald sollte es der Welt gehören.

Wie eine frohe Botschaft ward es dem Volk verkündet, daß des einsamen Meisters Werk vollendet sei und morgen in der Frühe von jedermann bewundert werden könne. Der Fürst selbst war wie im Fieber und sprach von nichts anderem, als von dem Eindruck, den ihm der Christuskopf gemacht und schürte somit selbst das allgemeine Verlangen. Feste wurden gefeiert, Gelage, Orgien abgehalten, und viele wachten die ganze Nacht, um unter den ersten zu sein, die in die Kapelle dringen durften. Der Hof war versammelt; ein dumpfes, unruhvolles Brausen lag über den Tausenden, die des großen Ereignisses harrten. Da kam der Meister hoch aufgerichtet und hörte vor Lust tief aufatmend mit stolzem Staunen das tosende Vivatrufen der Menge gegen sich anprallen. Der Fürst selbst zog den Hut, nahm eine schwere goldene Kette von seiner Brust und legte sie ihm eigenhändig über seinen schlichten Malermantel.

Der Meister bat, sich noch einen Augenblick zu gedulden. Er wolle nur die Teppiche und das Gerüst beiseite stellen.

Nach einer geraumen Zeit stürzte er blaß, entstellt, ohne Kappe, mit zerrissener Goldkette und wirrem Haar heraus und rief, an allen Gliedern bebend: »Geht nach Haus! Ein Verbrechen! Das Bild ist vernichtet! Wer hat es getan? Wer hat es getan?«

Ohne ihn zu fragen ging der Fürst in die Kapelle, das Volk drängte nach. Der Meister warf sich ihnen entgegen wie ein Rasender: »Zurück, zurück! Ich beschwöre euch!«

Vor den entsetzlich entstellten Zügen ebbte der Strom der Drängenden nach rückwärts. Da kam der Fürst.

»Eine Schandtat! Geht nach Hause! Der Kopf des Herrn ist von Bubenhand zerkratzt!«

Da ging ein einziger Entrüstungsschrei durch die Menge. Als er verhallt war, wandte jeder schweigend den Rücken. Der Meister blieb allein vor seinem Bilde.

Er schluchzte laut. Endlich erhob er sich, warf alle Kränkung von sich, setzte ruhig Leiter und Gerüst vor die Wand, nahm Palette und Pinsel und begann mit einem milden Lächeln den Kopf noch einmal zu malen!

Als die letzten Sonnenstrahlen sanken, war er vollendet. Schöner noch, leuchtender als das erstemal. Ihm wollte es dünken, etwas wie milder Dank durchströme ihn, daß ein Bösewicht ihm diese Steigerung seiner Kunst erlaubte. Vorsichtig gemacht, ließ er das Bild innen von zuverlässigen, fürstlichen Waffenträgern beobachten und alle seine Jünger hielten die Kapelle umstellt wie eine Ehrenwache. Beide die ganze Nacht hindurch.

Des Morgens früh kam der Meister sie abzulösen. Wie erschrak er aber, als in gleicher Weise wie tags zuvor, das Haupt des Erlösers wiederum zerkratzt und vernichtet war.

Das war völlig unerklärlich. Mit einem gewaltigen Ruck seiner so leicht nicht beugbaren Seele ging er zum dritten Male an die Arbeit. Ehe der Tag sank, war der Heiland wieder im Bilde, gewiß nicht weniger herrlich, als beide Male zuvor.

Eine entsetzliche Furcht vor der Nacht überkam ihn. Er ließ sich ein Kruzifix, Waffen und eine Blendlaterne bringen, denn er war auf das äußerste nunmehr entschlossen, nicht nur eine neue Zerstörung zu verhüten, sondern mit eigener Hand den Schändlichen zu fassen, der es gewagt hatte, sein und der Menschen Heiligtum zu schänden.

Die Nacht sank herein. Unheimliche Stille schwebte durch den großen Raum. Der Meister stand und wartete. Jeder Schritt, jedes Rascheln seiner Kleidung schluckte begierig der leere, große Raum wie hungrig nach Geräusch und Ton.

Da – um Mitternacht – als eben die Donnerschläge des Turms ersterbend im Rachen der Finsternis verhallt waren – ein Knacken, hinter dem Vorhang, noch eins – ein Schlürfen, Schreiten, leises Ächzen des Gerüsts! Wie ein Tiger sprang der Meister, in der Linken das Kruzifix, rechts die aufgerührte Fackel in der Hand, zum Vorhang und schlug die beiden Flügel zurück.

Da stand, aus dem Bilde getreten, mit gräßlich verzerrtem Antlitz, Judas Ischariot mit schon zu Gott erhobenen Fängen. Leer war sein Sitz am Tische.

Hoch schwang gegen ihn der furchtlose Maler das Kreuz. Ischariot ließ einen Augenblick die Hände sinken. Dann erhob er den geduckten Kopf und mit furchtbarer Stimme dröhnte er dem Meister entgegen:

»O, du von mir Verfluchter, dreimal Verdammter und Verhaßter. Ja, ich bin's ich war's, ich werde es sein!

Du, dem Luzifer selbst den Gedanken eingegeben hat, diese furchtbarste Stunde eines Menschenlebens hier den Millionen der nichts verstehenden, nichts ausdenkenden Menschenaffen feilzuhalten – du, der du den dunkelsten Augenblick grausam gefangen hast aus dem Meer der Ewigkeit, an dem ich bluten muß, seit er erstand, – der du meine Qual, gleichwie meine Eingeweide, diese entsetzliche Tat, diese Erden erzittern machende Furcht den Blicken der Millionen herausgezerrt hast aus dem Grab der Geschehnisse – – du dreimal Grausamer, der du mich, wie ich jenen Schuldlosen dort, der brüllenden Menge zum Augenschmaus an die Wand gekreuzigt hast, so schicksalswahr, als hättest du dort unter dem Tisch gesessen, als es geschah, – du, der du meinen unseligen Schatten zurückbanntest in meine Erdenform, daß ich noch einmal in jene schauervolle Zeit zurückgestoßen bin – du Mann des Unheils! Sei verflucht! Von mir, auf dem alle Flüche der Welt ruhen, der alleinig weiß, was die furchtbare Verdammnis eines um seinen Sohn aufschreienden Gottes ist! Ja, ich wollte es zerstören, das Bild des Heiligen von Nazareth – ich kann es nicht ertragen, daß er mir von nun an Jahrhunderte lang in meine wieder leiblich schauenden Augen blickt mit der traurigen Wehmut des von mir unnütz, – mein Sott, wie unnütz! – hingeschlachteten Lammes – ich sprengte alle Fesseln, sprang vom Stuhl auf und ja! zerkratzte, zerriß und zerhieb mit beiden Fäusten dieses Haupt, das wie das ganze Weh der Erde auf meinem vielzuviel gepeinigten Herzen liegt. Nun ist es aus: Dein gesegnetes Kruzifix bindet meine Hände. Mit einer Tat ist's nicht zu tun.

Aber wehe, du grausamer als Schicksal, Gott und alle Welt. Mein Fluch wird auf dir ruhen! Und so sage ich dir: dein Bild, eine der größten Menschentaten – ha! Dem Untergang will ich es dennoch weihn! Deine Farben zerreißen, dein Lack zerfällt! Falsch gewählt, Fürwitziger, falsch gemischt! Ich mach' es schon zunicht. Aber weiter, du Unsterblicher! Alle deine Werke sollen fallen und verschwinden in Jahrtausenden, in denen ich höhnend mit dir die Welt umwandeln will, und nie geahntes Unheil wird durch dich in deinem Namen über die Menschen kommen!

Du hast Kanäle gebaut und Schürfgruben in die Tiefe – hundert und aberhundert Menschen werden umkommen in solchen Maulwurfshöhlen, in denen sie in deinem Namen den schwarzen Stein des Feuers zu Licht und Arbeit emporgraben!

Du hast Schwefel und Salpeter gemischt und suchtest ein Drittes zu einer Masse, die mit Feuerregen platzt, Steinkugeln weithin schleudert und Mauern umreißt. Du fandest das Dritte nicht – ein Mönch wird es in deinem Namen suchen und finden und Menschenleiber Unzähliger werden zerrissen werden wie Fetzen von Pergament in deinem Namen!

Maschinen wird man bauen, auf deinen klugen Plänen fußend, die werden Tausende von Menschenleben kosten in deinem Namen!

Du hast den Ikarus der Lüfte nachgeäfft und Flugwerkzeuge konstruiert, zu feige, sie selbst zu besteigen, es werden Abertausende von dir verführt, durch die Höhen schweben und auf der Erde zerschellen!

So wird Tod und Verderben sich einst an deine Spuren heften, rasender Grübler, und um deinen Sonnengang in Siegerschritten werden sich die Schatten ringeln wie Schlangen mit Gift im Rachen und die einstige Geschichte deines Namens wird eine Spur zeigen von unzähligen zum Martertod geschleppten Opfern! Fluch dir und deinem Namen, der einst, wenn ich alle deine Werke, dies voran, großer Meister, zerstört haben werde, im Nebel der Legende versinken soll wie der meine! Sei verflucht!« – –

Da hielt der Schäumende inne und schlich sich auf den Platz im Gemälde. Der angedonnerte Meister stand entsetzt und sah, mit beiden Händen das Kreuz umfassend, hilfeflehend zum Gottessohn in seinem Bild und rief betend: »Sohn der heiligen Mutter! Ist das wahr?« – –

Da leuchtete das Bild Jesu Christi. Die Augen bekamen eine noch schmerzlichere Beschattung und das Gotteshaupt neigte sich langsam einmal mit wehmütiger Bejahung. Dann war alle geisterhafte Bewegung im Bilde gestorben.

Der Meister von Mailand aber richtete sich hoch auf, lächelte bitter und ging mit zu Eis erstarrten Zügen aus der Kapelle.

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